Kolumne: Fünf Gedanken zur Weltenschöpfung - Sarah Monette

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KOLUMNE

Fünf Gedanken zur Weltenschöpfung


Autorin Sarah Monette, wie Katherine Addison ("Der Winterkaiser") im echten Leben heißt, gibt Einblick in ihr Leben als Schriftstellerin. Dieses Mal: Die Kunst der Weltenschöpfung in fünf Schritten.


1. Je mehr Spaß man selbst dabei hat, desto mehr Freude haben auch die Leser.

Weltenschöpfung sollte Spaß machen. Das ist ihr Sinn und Zweck! Daher sollte man es möglichst nicht wie bei einem Geschichtslehrbuch angehen und den Text mit möglichst vielen Jahreszahlen, Namen und langweiligen, trockenen Fakten vollstopfen. Als Autor hat man die Freiheit, auch nur über die Highlights zu schreiben – die man sich zudem selbst aussuchen kann. Und man sollte sich nicht scheuen, richtig auf den Putz hauen. Denn auch in der realen Welt geschah im Laufe der Geschichte allerhand Unerhörtes.

2. Versuche nie, eine Welt zu schaffen, indem du den Leser mit Informationen überhäufst


(Übrigens besteht ein entscheidender Unterschied zwischen der Informationsüberhäufung und einer Exposition. Robin McKinley schafft die Welt seines Romans Spindle’s End (einer Dornröschen-Adaption) mithilfe einer Exposition; ebenso wie Dianna Wynne Jones in ihrem Howl’s Moving Castle (dt. Sophie im Schloss des Zauberers). Ganz anders hingegen der Anfang des Buches, das ich gerade lese, James Whites Science-Fiction-Roman „Ambulance Ship“, in dem der Leser mit Informationen überhäuft wird.

Vermeide es, Informationen in Riesenportionen aufzutischen. Das verleitet nur zum Überblättern und Überlesen; dadurch stehen die Chancen gut, dass der Leser auch so manch Wichtiges übersieht, da er schon gar nicht mehr aufnahmefähig ist. Dadurch geht auch die Authentizität flöten - die Traumwelt wird durchbrochen und die Leser fliegen hochkant raus und landen unsanft auf dem Allerwertesten.

3. Es macht keinen Unterschied, ob der Autor sich die Welt vor dem Schreiben in allen Details ausmalt oder erst währenddessen. Das Ergebnis ist immer dasselbe.

Woher ich das weiß? Weil ich mir 80 Prozent meiner Welten erst während des Schreibens ausdenke. Ich mache mir ausgiebige Notizen, um Ungereimtheiten auszuschließen oder das Rad nicht zweimal zu erfinden, doch meine Welten entstehen immer ohne große Vorüberlegungen. Schreiben ist zum Glück keine darstellende Kunst. Das Endergebnis braucht den Entstehungsprozess nicht in allen Einzelheiten widerzuspiegeln. Daher ist der einzig falsche Weg, eine Welt zu schaffen – und das gilt übrigens für alle anderen Dinge auch – der Irrweg.

4. Erzähle dem Leser nie alles, was du weißt

Hier möchte ich auf 1. sowie 2. verweisen. Du schreibst, wie gesagt, kein Lehrbuch; und es gibt keine Prüfungen. Folglich musst du nicht alles erklären, und es empfiehlt sich sogar, das bleiben zu lassen.

Zudem solltest du auf den Unterschied achten zwischen dem, was du als Autor weißt und dem, was eine bestimmte Figur aus ihrer Perspektive wissen kann. Außer wenn du dich für einen allwissenden Erzähler entschieden hast (in welchem Fall ich dich allerdings für komplett verrückt erklären würde – was jedoch nicht heißt, dass du es nicht tun solltest.), musst du die Informationen durch die Wahrnehmung der betreffenden Figur filtern. Wenn diese etwas nicht weiß, dann kann sie den Lesern auch nichts darüber erzählen. Und wenn sie etwas für unwichtig hält, dann wird sie es dem Leser gegenüber auch nicht erwähnen. Und ist sie über eine Tatsache falsch informiert, dann ...


5. Lasse auch beiläufige Details einfließen

So erzeugst du in der von dir geschaffenen Welt eine Illusion von Tiefe. Nicht jedes Volkslied muss den Schlüssel zu einem Geheimnis enthalten; und falls du dazu neigst, popkulturelle oder geschichtliche Tatsachen nur zu erwähnen, um einen weiteren Baustein deines Plots zu setzen, wird der Leser dir irgendwann auf die Schliche kommen und deine Welt als zweidimensionale Kulisse entlarven. Baue also Details ein, die nichts mit der Geschichte, die du erzählen willst, zu tun haben. Lass deine Figuren gelegentlich Anspielungen auf Ereignisse, Balladen oder Romane machen, die keine wichtigen Hinweise darstellen, sondern nur etwas sind, das die Figuren gelesen, gehört oder gesehen haben. Wie wirkliche Menschen auch.

Das Lieblingsbeispiel aus meinen eigenen Werken (um ausnahmsweise einmal richtig anzugeben) findet sich im ersten Kapitel von Mélusine, wo einer meiner Protagonisten abschätzig von seinem Ehrgeiz als Messerkämpfer spricht, den er als Jugendlicher gehegt hat: „Damals dachte ich, ich wäre eine große Nummer wie Charlett Redding und man würde meine Hände nach meinem Tod vergolden“ (S. 22). Charlett Redding wird nie wieder erwähnt und der Leser erfährt nichts weiter über sie (ich selbst weiß natürlich mehr – wenn auch nicht viel mehr –; doch wie bereits gesagt: du solltest dem Leser nie alles verraten.) Diese beiläufige Bemerkung hat keinerlei Relevanz für die Erzählung selbst, aber sie verrät viel über die Figur und über ihre Welt – und zwar gerade aufgrund ihrer Beiläufigkeit. Es ist wichtig, weil es so unwichtig ist.  
(kurz auch „Infodump“ genannt ... Für eine Definition von „infodump” und zahlreichen anderen wichtigen Begrifflichkeiten vgl. das Turkey City Lexicon).

Und bevor ich damit anfange, andere als „Grünschnäbel“ zu bezeichnen, beende ich diesen Post lieber.


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Autorin Sarah Monette, wie Katherine Addison ("Der Winterkaiser", FISCHER Tor, Oktober 2016) im echten Leben heißt, gibt Einblick in ihr Leben als Schriftstellerin und hat dabei wertvolle Tipps für alle, die auch gerade mitten im Schreibprozess feststecken.



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Deutsch von Petra Huber

 

© 2007 by Sarah Monette

Zuerst erschienen bei Storytellers Unplugged im August 2007, im Original nachzulesen auf www.truepenny.livejournal.com 

 

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