Die geheimen Schätze der Phantastik: Die Musik der Stille von Patrick Rothfuss

KOLUMNE

Die geheimen Schätze der Phantastik: Die Musik der Stille


Andrea Bottlinger
10.11.2016

Patrick Rothfuss dürfte den meisten Fantasy-Lesern ein Begriff sein. Mit seinem Roman Der Name des Windes hat er sich in die Herzen vieler Fans geschrieben. Nicht, weil seine Geschichte eines Waisenjungen, der den Tod seiner Eltern rächen möchte, herausragend originell gewesen wäre, sondern weil er sie mit einem Charme erzählt, der seinesgleichen sucht.

Patrick Rothfuss gehört außerdem zusammen mit George R. R. Martin zu den Autoren, die eher langsam schreiben. Wobei »eher langsam« ein bisschen untertrieben ist. Seit fünf Jahren warten seine Leser nun schon, mal mehr und mal weniger geduldig, auf das Ende seiner Königsmörder-Trilogie, das sie, sobald es erscheint, wahrscheinlich innerhalb von fünf Tagen verschlingen werden. Die Hoffnungen waren also groß, als 2015 eine neues Werk von ihm angekündigt wurde: Die Musik der Stille. Die Enttäuschung bei einigen war um so größer, als klar wurde, dass es sich nicht um die langersehnte Fortsetzung, sondern um eine kleine Novelle handelte, die ... ja was eigentlich? Die einen kurzen Einblick in den Alltag einer Nebenfigur gibt. Falls man das Alltag nennen möchte. Es ist alles ein bisschen kompliziert.

 

»Du solltest dir dieses Buch vielleicht nicht kaufen«, schreibt Patrick Rothfuss in seinem Vorwort. In seinem Blog nennt er das Buch zudem »im besten Fall literarisch, im schlimmsten Fall unverständlich und bizarr«. Sowohl im Vorwort als auch im Blog erzählt er davon, wie unsicher er ist, ob seine Leser Die Musik der Stille mögen werden.

Das ist nicht das, was man von einem Autor über sein eigenes Werk zu hören gewohnt ist. Doch er ist sich der Tatsache bewusst, dass er etwas geschrieben hat, das nicht den üblichen Erwartungen entspricht.

Die Musik der Stille handelt von Auri, einem Mädchen, das allein tief unter der magischen Universität von Imre lebt. Aus Der Name des Windes und Die Furcht des Weisen kennt man sie als schüchterne Bekannte und Freundin des Protagonisten Kvothe, von der man sich nie ganz sicher sein kann, ob sie jetzt eigentlich verrückt ist oder einfach mehr weiß als alle anderen Leute um sie herum. Letztere Frage wird auch in Die Musik der Stille nicht tatsächlich beantwortet, auch wenn es einige sehr interessante, allerdings auch sehr dezente Hinweise auf ihre Hintergrundgeschichte gibt. Einer Aussage über den Inhalt des Buches sind wir damit aber immer noch nicht sonderlich näher gekommen.

Auris Welt gehorcht anderen Regeln als die normaler Menschen. Für sie hat jeder Gegenstand einen eigenen Willen, und Harmonie ist das oberste Gebot. Den Großteil ihrer Zeit verbring sie damit, den richtigen Platz für diverse Fundstücke aus den Tiefen der Universität zu finden, damit diese zufrieden sind und die Harmonie nicht stören. Ein altes zerbrochenes Zahnrad bereitet ihr dabei besondere Probleme. Es scheint nirgendwo wirklich sein zu wollen. Sie kann nicht einmal herausfinden, wie herum es stehen möchte. Mir dem abgebrochenen Zacken noch oben oder vielleicht doch eher nach unten? Und dann frisst auch noch ein Tier Auris Seife, so dass sie ihrer täglichen Arbeit ungewaschen nachgehen muss. Damit droht ihre Welt aus den Fugen zu geraten.

Klingt seltsam? Ich hab’s ja gesagt. Besonders seltsam ist allerdings, dass es funktioniert.

Als Leser findet man sich plötzlich in der Situation wieder, gemeinsam mit Auri sehr ernsthaft zu versuchen, sich in die Gefühlswelt aller möglicher unbelebter Gegenstände hineinzuversetzen. Man nimmt immer mehr von der Theorie Abstand, dass sie verrückt sein könnte, und fängt an, die Welt so zu akzeptieren, wie sie sie sieht. Denn das ist ja im Prinzip das, was Fantasy ausmacht, oder? Wenn der Autor einem erklärt, dass es in seiner Welt Elfen gibt, dann gibt es eben Elfen. Wenn der Autor einem erklärt, dass Seife für das Gleichgewicht seiner Welt wichtig ist, warum nicht? Wir lesen Fantasy, weil wir uns Dinge vorstellen wollen, die es in der Realität nicht gibt. Warum die Grenze also bei den Elfen ziehen, wenn man auch noch einen Schritt weitergehen kann? Wenn man bereit ist, sich auf Auris seltsame Welt einzulassen, dann wird ihre Geschichte genauso spannend wie jede epische Schlacht.

Aber ist der Roman jetzt eigentlich irgend so ein literarisch verschwurbeltes Zeugs? Auf keinen Fall! Zum einen ist Patrick Rothfuss’ Stil das genaue Gegenteil von verschwurbelt. Es gibt kaum einen Autor, der klarer schreiben kann, der immer genau die richtigen Worte findet. Und nur weil wir uns bisher nicht vorstellen konnten, dass man einen atemberaubenden Showdown schreiben kann, der sich darum dreht, dass die Protagonistin Seife herstellt, bedeutet das noch lange nicht, dass es Patrick Rothfuss nicht gelungen ist.

 

***

Es gibt Bücher, die lassen sich leicht in eine Schublade stecken. High Fantasy, Military Science Fiction, Steampunk. Jedem Werk sein Label, mit dem man es leicht erfassen und erklären kann. Und dann gibt es Bücher, die sind einfach irgendwie ... seltsam. Aber dafür mögen wir sie umso mehr. Es wird nur schwierig, wenn man versucht, sie anderen Leuten zu erklären. Andrea Bottlinger wagt in ihrer Kolumne "Schätze der Phantastik" den Versuch.

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