Kolumne: Die Kunst der Kurzgeschichte (Sarah Monette)

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KOLUMNE

Die Kunst der Kurzgeschichte


Kurzgeschichten sind keine kurzen Romane! Autorin Sarah Monette (hat als Katherine Addison "Der Winterkaiser" veröffentlicht) über die Kunst, gute Kurzgeschichten zu schreiben.

 

Unter uns kursiert der Mythos, dass die Karriere eines aufstrebenden Schriftstellers in Stufen zu erfolgen habe: zuerst versucht man sich an Kurzgeschichten, dann wagt man sich an Romane.

Für diese Art des Denkens gibt es gute Gründe. Zum einen ist es vergleichsweise einfacher, die erste Kurzgeschichte zu publizieren als den ersten Roman. Zudem vollzieht sich der Prozess von Einreichen/Ablehnung bzw. Einreichen/Annahme/Veröffentlichung bei Kurzgeschichten bedeutend schneller; damit kommt es bedeutend rascher zur ersten Veröffentlichung und zur mündlichen Weiterempfehlung, wodurch es wiederum leichter sein kann, das Interesse eines Agenten oder Lektors auf sich zu ziehen. Natürlich würde ich niemals behaupten, dass es sich dabei um den einzig wahren Weg handelt; denn schließlich gelingt es auch vielen Autoren, die niemals eine Kurzgeschichte veröffentlicht oder geschrieben zu haben, einen Verlag für ihren ersten Roman zu finden. Doch was die schriftstellerische Karriere angeht, handelt es sich um einen recht guten Rat.

 

Hinsichtlich des Schreibens selbst ist dieses Vorgehen aber weniger empfehlenswert.

 

Kurzgeschichten sind keine kurzen Romane und Romane keine langen Kurzgeschichten. Von ein paar grundlegenden schriftstellerischen Fähigkeiten einmal abgesehen, lernt man durch das Schreiben einer Kurzgeschichte nichts darüber, wie man einen Roman anzugehen hat. Das ist so, als wollte man etwas über Nashörner erfahren, indem man sich dem Studium der Tapire widmet. Ab einem gewissen Punkt erweisen sich die unvermeidlichen Unterschiede zwischen den beiden Spezies größer als jedwede Ähnlichkeit.

(Auf genau diese Schwierigkeit bin ich bereits als Doktorandin gestoßen. Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass man sich durch das Schreiben von Seminararbeiten auf die Dissertation vorbereitet. Doch während Erstere zwischen zwanzig und vierzig Seiten umfassen, hat eine Doktorarbeit die Länge eines Buches. Man lernt durch das eine nichts darüber, wie man das andere anzugehen hat.)

Einen Roman zu schreiben ist meiner Ansicht relativ einfach. (Dabei ist „einfach“, wie einer meiner Freunde gern betont, nicht mit „leicht“ zu verwechseln.) Kurzgeschichten hingegen stellen mich vor immer neue Schwierigkeiten; und die Tatsache, dass ich es gelegentlich schaffe, eine gute Kurzgeschichte zu schreiben, ist mir ein noch größeres Rätsel. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum es mir manchmal glückt, und ebenso wenig weiß ich, warum ich bisweilen daran scheitere. (Damit meine ich nicht die Frage, ob die Geschichte selbst gelungen ist, denn das kann ich meistens nachvollziehen; sondern ich spreche von der Art und Weise ihrer Umsetzung.) Dies wurde mir vor kurzem wieder schmerzlich bewusst, weshalb ich hier versuchen möchte, in Worte zu fassen, was aus meiner Sicht eine gelungene Kurzgeschichte ausmacht.

 

  1. Zwischen Kurzgeschichten und Romanen gibt es nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Unterschiede. Nicht allein die Anzahl der Wörter macht sie zu dem, was sie sind, sondern sie fühlen sich anders an. (Zumindest empfinde ich das so – aber genau darum geht es mir hier: um meine rein subjektive Perspektive, den Blick ,aus meinem Kopf‘ heraus).  

  2. Kurzgeschichten verhalten sich zu Romanen wie Gedichte zu Kurzgeschichten. Lyrik weist eine hochgradig verdichtete Sprache auf; die Sprache von Romanen ist weitschweifig, entspannt, ja sogar ausufernd. Die Kurzgeschichte ist meiner Meinung nach genau zwischen diesen beiden Extremen anzusiedeln.

  3. Eine Kurzgeschichte ist ein Planetensystem, in dem die Satelliten – wenn es welche gibt – den Planeten ganz nah umkreisen. Alle Teile dieses Systems müssen miteinander verwoben sein, und zwar so eng, dass ein nahezu inzestuöses Verhältnis entsteht. Ein Roman hingegen kann Monde, Ringe, Kometen und sogar einen Zwillingsplaneten haben.

  4. Meine Kurzgeschichten sind für gewöhnlich gelungener, wenn sie ein zentrales Handlungselement oder Bild aufweisen, um das der Rest der Erzählung kreist. In „Letter from a Teddy Bear on Veterans‘ Day“ ist dies das Nebeneinander des Teddybären und des Vietnam Memorial; in „Draco campestris“ das merkwürdig gezwungene Gespräch zwischen der Dame und dem Taxonomen inmitten der gigantischen Drachenskelette.

    (Beim Schreiben von Horrorerzählungen ist das ein wenig anders - vermutlich, da ihnen dieses zentrale Bild bereits inhärent ist. Denn der charakteristische Gestus der Horrorgeschichte ist die Enthüllung, in deren Dienst alle anderen Elemente stehen. Daher fällt mir das Schreiben solcher Geschichten leichter, und sie haben für mich oft etwas von einem kurzen Roman an sich (s. z.B. „The Watcher in the Corners“ und „Wait for Me“.

  5. Kurzgeschichten sollten sich bei der Lektüre größer anfühlen. Beim Lesen eines guten Gedichtes – besser kann ich es nicht beschreiben – kommt es mir vor, als würde mir die Schädeldecke wegfliegen. Das kommt von der extremen Verdichtung und der daraus resultierenden Veränderung der Sprache. Damit dieser Effekt überhaupt entstehen kann, braucht es eine extrem kurze Form, wie z.B. das Drabble wie in Neil Gaiman’s „Nicholas Was“. Je kürzer die Erzählung, desto schwerer ist sie natürlich von einem Gedicht zu unterscheiden. Eine gewöhnliche Kurzgeschichte (mit einer Länge von 1000-7500 Wörtern) schafft es natürlich nicht, dass mir die Schädeldecke wegfliegt. Doch bei ihrer Lektüre sollten die Leser zumindest das Gefühl bekommen, dass sie sich, vielleicht sogar auf dem Bauch robbend, durch einen unterirdischen Gang gezwängt haben, um dann schließlich in einer atemberaubend schönen, riesigen Höhle zu stehen, an deren Wänden Kristalle glitzern und Wasserfälle plätschern. Ich merke, dass ich der romantischen Vorstellung vom Erhabenen gefährlich nahe komme; und darauf wollte ich irgendwie auch hinaus – nur, dass es mir hier um einen rein sprachlichen Effekt geht. Und dieser hat, um es zu wiederholen, nichts mit dem Inhalt der Erzählung zu tun, sondern einzig und allein mit der Art und Weise, wie die Wörter sich zusammenfügen, einen sprachlichen Reigen beginnen, der dem Leser gänzlich unerwartete Perspektiven eröffnet.

Das ist in meinen Augen die Kunst der Kurzgeschichte – die viel komplexer ist, als es zunächst scheinen mag.


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Autorin Sarah Monette, wie Katherine Addison ("Der Winterkaiser", FISCHER Tor, Oktober 2016) im echten Leben heißt, gibt Einblick in ihr Leben als Schriftstellerin und hat dabei wertvolle Tipps für alle, die auch gerade mitten im Schreibprozess feststecken.



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Deutsch von Petra Huber

 

© 2009 by Sarah Monette

Zuerst erschienen bei Storytellers Unplugged im Januar 2009, im Original nachzulesen auf www.truepenny.livejournal.com 

 

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