Metamorphosen - Der Als-ob-Job von Jakob Schmidt

ESSAY

Der Als-ob-Job: Über ein Genre, in dem ganz am Rande alles anders ist


Was sich gerade in der Wahl eines zutiefst reaktionären Rassisten zum Präsidenten der USA gezeigt hat, spiegelt sich auch in der Science Fiction wieder: Progressives wird zum Mainstream, und die alte Garde setzt sich zur Wehr. Jakob Schmidt, SF-Übersetzer und -Buchhändler, schaut etwas genauer hin, wogegen hier eigentlich gestänkert wird.

Von der Science Fiction wird erwartet, dass sie fremde Welten entwirft – und dabei gleichzeitig einen Bezug zur tatsächlichen Wirklichkeit wahrt. Der Literatur- und Science-Fiction-Wissenschaftler Darko Suvin schrieb in diesem Zusammenhang vom Novum, dem zentralen (seiner Definition nach wissenschaftlich glaubwürdigen, ich würde es da weniger genau nehmen) und nicht zwangsläufig technischen Element, das die Welt in einem Werk der Science Fiction von unserer Welt abhebt. Das ist tatsächlich ein recht griffiges Erkennungsmerkmal für die SF und erfasst Wells‘ Zeitmaschine ebenso gut wie die Matrix aus der gleichnamigen Filmreihe oder die Gezeitenbrücke, die sich in Monica Byrne‘s Roman Die Brücke (The Girl in the Road) zwischen Indien und Afrika spannt. In Richard Morgans Roman Das Unsterblichkeitsprogramm (Altered Carbon) ist z. B. die Technik, das Bewusstsein von Sterbenden zu speichern, um sie nach ihrem Tod in einem neuen Körper wieder zum Leben zu erwecken, der Dreh- und Angelpunkt einer Thrillerstory um illegale Persönlichkeitsvervielfältigung und die Macht der Superreichen und ewig Jungen. In Asimovs Foundation-Serie ist die Psychohistorik, die Fähigkeit, Aufstieg und Fall ganzer interstellarer Gesellschaften vorherzusagen, ein Novum, um das eine schier endlose Folge von Geschichten und Romanen kreist.

Natürlich müssen SF-Erzählungen sich nicht auf ein zentrales Novum beschränken, und es muss nicht mal ein Novum im Zentrum der Handlung stehen. Kim Stanley Robinsons Sonnensystem-Besiedlungs-Roman 2312 ist beispielsweise ein Buch mit fahrenden Städten auf dem Merkur und selbstwachsenden Muschelhäusern auf der Venus. Ich wage aber zu behaupten, dass keine einzige dieser großartigen Ideen das eigentliche Thema das Buchs ausmacht. Es kann sogar als Qualitätsmerkmal empfunden werden, wenn ein Novum ganz beiläufig auftaucht und das Werk zwar glaubwürdig seine Auswirkungen auf die fiktive Gesellschaft »mitthematisiert«, es aber nicht zum Dreh- und Angelpunkt seiner Geschichte macht. In dem erwähnten 2312 wird eine radikale Veränderung wie die Aufhebung des biologischen Geschlechts so unauffällig am Rande erwähnt, dass man dieses Novum leicht überlesen kann (und vielleicht auch überhaupt nicht merkt, dass es in dem Roman eine Figur gibt, deren Geschlechtsidentität nie eindeutig benannt wird).

Beides – das offene Thematisieren wie das subtile Mitführen von Nova – gehört anerkanntermaßen zum Job der Science Fiction. »Spekuliere über die Folgen einer radikalen Änderung und zeige mit dem Finger auf die deutlich sichtbaren Ergebnisse« ist ebenso sehr eine Forderung an das Genre wie: »Erzähle von einer radikal anderen Welt und versetze uns dabei in die Rolle von Lesern, die das alles stinknormal finden.« Gelingt Letzteres, dann vermittelt es den oft beschworenen Sense of Wonder durch die Hintertür: »Mensch, da lese ich die ganze Zeit von einer völlig irrsinnigen Welt und merke es erst so nach und nach …«

Letzterer Vorgang stößt an eine interessante Grenze in dem Moment, in dem die verwendete Sprache nicht mehr geeignet ist, eine postulierte Veränderung subtil in den Text einzubinden – wie bei Ann Leckies Roman Die Maschinen (Ancillary Justice) und den beiden Folgebänden. Im Radch, dem Sternenreich der fernen Zukunft, in dem die drei Bücher angesiedelt sind, ist die Kategorie des Geschlechts unbekannt (Leckie geht damit noch etwas weiter als Robinson in 2312 – dort sind lediglich biologisches und soziales Geschlecht fast völlig voneinander entkoppelt). Das ist in der Science Fiction nun auch keine ganz neue Idee – in seinem Roman Diaspora hat z. B. Greg Egan eigene Pronomina eingeführt, um geschlechtslose Informationswesen zu bezeichnen. Anstatt aber die Idee einer Gesellschaft ohne Geschlechterdifferenz mittels Wortschöpfungen in den Vordergrund zu rücken, hat Leckie sich dafür entschieden, schlicht konsequent die weibliche Form zu verwenden und dieses Vorgehen praktisch als eine willkürliche Entscheidung der »Übersetzerin ins englischsprachige Original« auszuweisen. Das Nichtvorhandensein der Geschlechterdifferenz ist nicht Thema des Romans – tatsächlich handelt es sich beim ersten Band um eine sehr klassische interstellare Rachegeschichte mit leichtem Military-Einschlag, die durchaus Gelüste nach rasanter, abenteuerlicher Kost mit Rückschlägen und Triumphen bedient, gepaart mit einigen wuchtigen SF-Bildern. Es ist nichts unglaublich Originelles an diesem Buch, abgesehen von dem Umstand, dass alle auftauchenden Figuren sprachlich als Frauen gekennzeichnet sind und der Text uns abverlangt, uns zu diesem Umstand zu positionieren und zu entscheiden, ob wir uns die Figuren als eher männlich, eher weiblich, eher androgyn oder eher flauschig-alpha-centaurisch vorstellen wollen. Ancillary Justice erzählt also ganz im Hintergrund von einem Element seines Universums – aber dieses Element lässt sich nicht im Hintergrund halten, es drängt immer wieder nach vorne, was nicht allein mit dem beschriebenen Universum des Radch und nicht allein mit unserem zu tun hat, sondern mit der – für ein Novum konstitutiven – Beziehung zwischen unserer Wirklichkeit und der geschilderten, fiktiven. Vielleicht ließe sich sagen: Das Buch ist der Sache nach penetrant. Noch zutreffender wäre vielleicht: Unsere Wirklichkeit ist im Gegensatz zu diesem Buch leider ziemlich penetrant.

Da Ancillary Justice so viele Qualitäten klassischer Science Fiction auf sich vereint, nimmt es nicht Wunder, dass es 2014 mit dem Hugo Award für den besten Roman ausgezeichnet wurde. (Der Hugo Award wird von den TeilnehmerInnen und Fördermitgliedern der jährlichen Science Fiction World Convention verliehen.) Es ist in vielerlei Hinsicht ein klassisches Werk, das schon von Altmeistern wie Asimov und Frederik Pohl verwendete Motive aufgreift und ihnen hier und da einen neuen Twist gibt. Und es schiebt penetrant unpenetrant ein Gender-Thema in den Vordergrund. Die beiden Folgebände verändern den Modus leicht: Der zweite Band, Ancillary Sword, wurde von der Bloggerin Abigail Nussbaum als SF-»Novel of Manners« charakterisiert, und der dritte, Ancillary Mercy, ist mit seiner Thematisierung von künstlicher und außerirdischer Intelligenz sogar am nächsten am Kernthemenbestand der Science Fiction. Die Geschlechterthematik rückt dabei eher in den Hintergrund.

Damit nimmt dieser Roman keinesfalls eine Sonderstellung ein, in den letzten Jahren sind eine Vielzahl von SF- und Fantasy-Werken erschienen, die in verschiedenster Weise die Auflösung herkömmlicher Kategorien von Geschlecht betreiben. Es verwundert von daher auch wenig, dass ein organisierter Backlash von SF-Fans und -Schaffenden zu beobachten ist, die möchten, dass die Science Fiction sich auf ihre »alten Werte« besinnt, soll heißen: wieder von mutig ins Ungewisse vordringenden weißen Männern handelt (darzulegen, warum die SF ohnehin nie derart verengt war, wäre einen anderen Artikel wert). Es lohnt sich hier nicht, die Namen der Kampagnen und Protagonisten zu benennen, die sich beklagen, die Science Fiction würde von PC-Terroristen gekapert, die sie lediglich missbrauchen wollten, um ihre Message unters Volk zu bringen. Sie sind Teil einer breiten reaktionären Bewegung, die sich im Zuge dessen, was man in den USA die Culture Wars nennt, mal wieder aufbäumt, um ihre Privilegien zu verteidigen.

Interessant ist aber, dass die Werke, die ihren Zorn entfachen, größtenteils gerade keine »Message Fiction« sind, die mit Verve eine politische Botschaft propagieren. Die Frechheit von Büchern wie denen von Leckie besteht nicht darin, dass sie feministische SF wären, die gibt es schließlich schon lange in den verschiedensten Spielarten, und AutorInnen wie Joanna Russ, Ursula K. Le Guin, Samuel R. Delany, Nicola Griffith und Vonda N. McIntyre haben Bücher geschrieben, in denen Geschlechterthemen deutlich stärker und teilweise deutlich kämpferischer in den Vordergrund gerückt wurden (nebenbei – wer Kämpferisches zum gegenwärtigen SF-Diskurs sucht, dem lege ich wärmstens Kameron Hurleys The Geek Feminist Revolution ans Herz). Es handelte sich aber in den meisten Fällen um Texte, die als »Special Interest«-Werke kenntlich gemacht waren. Wenn es in diesem Bereich also eine neue Entwicklung gibt, dann die, dass die feministische SF – ähnlich wie der Cyberpunk – als Themeninventar in die breitere SF eingezogen ist und sich dort ganz selbstverständlich einrichtet. Das dürfte es sein, was der derzeitigen Gegenbewegung solche Angst macht – die ganz einfache und immer wieder wichtige Botschaft: »We‘re here.«



---

© 2016 by Jakob Schmidt.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstdruck in: Metamorphosen 15 (Berlin: Verbrecher Verlag, 2016)
Mit freundlicher Genehmigung von Redaktion und Verlag

Share:   Facebook