Das Leben des Tao - Autor Wesley Chu über sein Buch

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ESSAY

Wie man einen Plot findet, der Leser und Helden bewegt


Schon mal von einem Alien besessen worden? In "Die Leben des Tao" passiert genau das. Ein altkluges Alien  namens Tao klinkt sich in den Verstand des Pizza mampfenden Gaming-Nerds Roen Tan ein. Sein Ziel: Roen fit für einen Alienkrieg auf Erden machen. In diesem Essay lässt Autor Wesley Chu die Leser daran teilhaben, wie er den Plot seines Romans entwickelt hat.


Anfangs war es gar nicht so einfach, das Grundmotiv von Die Leben des Tao zu fassen zu kriegen. Sollte ich mich an die Eingebung halten, die ganz am Anfang stand? Oder an die andere große Idee, auf die alles zusteuerte? Konzepte können sich schließlich wandeln.

Weil ich beim Ideen-Pitchen eine ähnlich gute Figur abgebe wie beim Speed-Dating, habe ich mir für Die Leben des Tao einen kurzen Dialog ausgedacht:

     Alien: Ich hab Besitz von dir ergriffen. Tu also, was ich dir befehle.

     Mensch: Hmm ... nö, keine Lust. Ich schau lieber fern.

     Alien: Aber ich bin weise und hochentwickelt und ... und all das.

     Mensch: Na dann motivier mich halt.

Als Autor stelle ich gern Mausefallen auf, fange die kleinen Nager darin und sehe ihnen beim Leiden zu. In Die Leben des Tao begann ich mit der Frage: „Was wäre, wenn viele geschichtlich bedeutsame Ereignisse seit frühester Zeit nur Teil eines Kampfs zwischen zwei Gruppen von Aliens wären, für die die Menschen bloß Bauern in einem riesigen Schachspiel sind?“

Menschen manipulierende Aliens sind ein altehrwürdiges Thema der Science Fiction. Vielleicht, weil es so leicht ist, uns zu manipulieren. Jedenfalls gibt es massenweise Aliens, die die Galaxie durchqueren, um uns zu essen, zu versklaven, uns unsere Reichtümer zu nehmen oder unsere Frauen zu stehlen. Und normalerweise macht ihnen das richtig Spaß – schließlich haben sie die Raumschiffe, die Technologie und im Fall von Joss Whedon sogar Space Chariots –, bis auf die letzte halbe Stunde des Films, in der die Menschen die Aliens dank ihrer guten, alten Findigkeit besiegen.

Zwei wichtige Entscheidungen

Das also war meine ursprüngliche Mausefalle. Ich war davon ausgegangen, wir Menschen seien die Mäuse und die Quasing seien ein Teil der Falle. Dann aber fällte ich zwei wichtige Entscheidungen, die das Konzept grundlegend veränderten. Um den Plot und das Verhältnis zwischen Menschen und Aliens komplizierter zu gestalten, beschloss ich, dass die Quasing keine Macht über ihre Wirte haben dürfen, sondern nur mit ihnen sprechen können. Außerdem dekretierte ich, dass ein Alien den Menschen, den er bewohnt, erst verlassen kann, wenn sein Wirt stirbt.

Plötzlich waren die Aliens nicht mehr Teil der Falle, sondern gemeinsam mit den Menschen gefangen. In diesem Moment veränderte sich auch das Grundmotiv der Story. Es ist nämlich eines, in einer Machtposition zu sein: Wer in einer Firma, beim Militär oder im Sport sagt, wo es langgeht, gibt Befehle, und andere gehorchen. Klar wie Kloßbrühe. Eine Befehlskette kennt keine Abweichungen.

Was aber passiert, wenn man nicht der Boss ist? Sondern ein uralter, unfassbar kluger Alien im Körper eines Menschen, und dieser Mensch weigert sich, zu tun, was sein Alien will? Gibt man einen Schuss Historiendrama hinzu und einen Bürgerkrieg, der darum geführt wird, wer über die Evolution des Menschen bestimmt, dann ist sogar noch eine größere und bessere Mausefalle aufgestellt. Höchste Zeit, die kleinen Mäuse hineinzusetzen und zu schauen, was geschieht.

Altkluges Alien trifft auf Tiefkühlpizza-Nerd

Am Anfang von Die Leben des Tao stirbt Taos Wirt auf einer Mission für die Prophus, eine der beiden Parteien im Bürgerkrieg der Aliens. Weil er in der Erdatmosphäre nicht lange überleben kann, flüchtet Tao sich in den ersten greifbaren Menschen, in Roen Tan, einen übergewichtigen Faulpelz, der sich mit Ach und Krach durchs Leben laviert.

Ich hatte für Tao und Roen komplette Biografien entwickelt und wollte sehen, wie ihre Charaktere aufeinanderprallen. Auf der einen Seite Tao, ein ungemein kluger Alien, der normalerweise Superagenten bewohnt und schon in Leuten wie Dschingis Khan, Lafayette und dem ersten Kaiser der Ming-Dynastie hauste; auf der anderen Seite Roen, ein pfundiger Versager Anfang dreißig, der sich zum Abendbrot Tiefkühlpizzen macht, in Frauennähe wortkarg wird und schon nach dem ersten Treppenabsatz anfängt zu schnaufen. Wie zu erwarten, gestaltet sich ihr Verhältnis am Anfang als eher schwierig, doch langsam entwickelt sich daraus eine Freundschaft, die weite Teile der Handlung trägt.

Eigentlich geht es in Die Leben des Tao also um diese Freundschaft, in der Roen Tao im Kampf gegen die die Menschheit manipulierenden Genjix hilft, während Tao dafür sorgt, dass Roen sich in einen fitten Superspion verwandelt und seine Traumfrau kennenlernt.

Es geht darum, dass Tao Roen motiviert.

 

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© Wesley Chu

Aus dem Amerikanischen von Andreas Heckmann

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