Essay: Guy Gaviel Kay - Verbannung in Büchern

ESSAY

Warum geht es in meinen Büchern so oft um Verbannung?


Manchmal erwischt einen die Frage eines Lesers auf kaltem Fuß. Bringt einen dazu, das eigene Werk zu überdenken und mit anderen Augen zu sehen. Das kann durch eine wissenschaftliche Abhandlung oder eine kluge Kritik geschehen, aber wenn es sich um eine direkte Frage handelt, ist das Gefühl viel unmittelbarer.

 

»Warum geht es in Ihren Büchern so oft um Verbannung?«

 

Diese Frage stellte eine meiner Lektorinnen letzten Monat in einer E-Mail, in der es um alles Mögliche ging – von der Notwendigkeit, ein paar Essays für sie zu verfassen (voila!), über neue Autorenfotos (es war die Rede von die Wirklichkeit abbildender Werbung) und dem Erscheinungstermin der Leseexemplare von River of Stars für die Blogosphäre bis hin dazu, wie viele Wortspiele ich auf Twitter posten darf (in diesem Punkt ging ich als Sieger hervor).

Sie sagte nicht: »Erzählen Sie mir, was es mit ›Verbannung‹ in Am Fluss der Sterne auf sich hat«, was eine ziemlich berechtigte Frage gewesen wäre, schließlich ist das ein zentrales Thema des Buchs. (Später mehr dazu.) Nein, sie stellte es als wiederkehrendes Thema in meinen Büchern dar.

Also ging ich zurück an den Anfang. (Jetzt kommen ein paar kleine Spoiler.) In der Fionovar-Reihe wird Matt Sören in die Verbannung geschickt und Aileron ebenfalls. Und Torcs Vater. Drei hintereinander – und das gleich im ersten Band der Trilogie.

In Tigana geht es viel darum, wie Verbannung sich auswirkt, sowohl physisch als auch spirituell. Ein Zitat von Dante bringt es auf den Punkt.

 

Was dir am liebsten ist, das wirst du alles

Verlassen, und das ist der erste Pfeil,

Den der Verbannung Bogen auf dich schleudert.

Dann wirst du fühlen, wie das fremde Brot

So salzig schmeckt, und welch ein harter Pfad ist,

Die fremden Treppen auf- und abzusteigen.

 

(Dachten Sie etwa, ich würde mir die Gelegenheit entgehen lassen, diese großartigen Worte zu zitieren? Das ist übrigens Karl von Wittes Übersetzung von Dantes Paradies.)

In Ein Lied für Arbonne befindet sich der Protagonist im selbstgewählten (aber nichtsdestotrotz echten) Exil fern seiner Heimat, später flieht eine Frau aus demselben Land. Die beiden männlichen Hauptdarsteller von Die Löwen von Al-Rassan werden von ihren Herrschern in die Verbannung geschickt. Das Buch entstand, weil ich bei meinen Recherchen dank verschiedener Quellen herausfand, dass die historischen Personen, auf denen meine Figuren beruhen, zur selben Zeit von verschiedenen Königen in dieselbe Stadt verbannt wurden. Ich glaube nicht, dass das vor mir schon jemandem aufgefallen ist. Ein absoluter Glücksfund für mich als Geschichtenerzähler.

In den beiden Sarantium-Bänden gibt es etliche Figuren, die ihr Zuhause verlassen, um in die Ferne zu ziehen, manchmal schweren Herzens, manchmal auf Befehl; eine Figur wird verkauft, eine andere muss fliehen, weil ihr Leben in Gefahr ist. Sie alle sehen die Stadt, in die es sie verschlägt, durch die Augen des Fremden. Die Fürsten des Nordens spielt vor dem Hintergrund, dass eine Verbannung in den rauen Norden ein ausgesetztes, schutzloses Leben bedeutete. Um überleben zu können, war man auf eine Familie oder eine Gemeinschaft angewiesen. Der Haupterzähler von Ysabel befindet sich ebenfalls fern der Heimat, wenn auch nicht in Verbannung. Gleichzeitig werden im Rahmen der zweitausend Jahre alten Dreiecksgeschichte, die im Zentrum des Buches steht, drei Figuren in eine andere Zeit verbannt und finden sich verzweifelt und fern ihren Wurzeln und ihrer Welt wieder.

In Im Schatten des Himmels wird eine der Protagonistinnen »an einen fernen Horizont verheiratet« und als Braut zu einem Steppenstamm geschickt, der auf Wunsch des Hofes friedlich gestimmt werden soll, während eine andere Prinzessin, die selbst ins Exil verheiratet wurde, die Handlung des Buches ins Rollen bringt. Die Reaktion der Dichter auf das traurige Schicksal solcher Frauen ist ein wiederkehrendes Thema in der chinesischen Literatur, und das wollte ich wiedergeben.

Also, ja, ich befasse mich schon lange mit diesem Thema. Die Frage hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich schulde jemandem einen Martini.

Jeder von uns hat sein eigenes Verständnis von der menschlichen Natur und der Welt. Wenn ein Schriftsteller sich als Person und Künstler entwickelt, verlagern seine Themen sich (zumindest finde ich, dass sie das sollten). Manchmal kommt uns ein Motiv abhanden, taucht aber später wieder auf, um von einer anderen Seite beleuchtet zu werden – denn wir haben uns verändert und unser Blick auf die Welt ebenfalls.

Ich finde Verbannung eine der wirksamsten Methoden, um eine Figur unter Extrembedingungen darzustellen und zu ergründen. Die Intensität dieses Zustands. Das Sehnen nach der Heimat. Das Konzept der Verbannung ermöglicht es einem Autor, sofern er seine Hausaufgaben gemacht hat, bestimmte Elemente der dargestellten Gesellschaft hervorzuheben. Warum werden Menschen in die Verbannung geschickt? Was bedeutet es für sie? Und für die Zurückgebliebenen?

Aus einer technischen, »schriftstellerischen« Perspektive lässt sich so auch ein Blickwinkel für die Leser erschaffen: Wenn jemand einen neuen Ort erlebt (zynisch, ängstlich oder von oben herab?), können seine Beobachtungen und Reaktionen den Lesern, die sich ebenfalls »fern von zu Hause« befinden, als Einstieg dienen.

In meinem neuesten Buch Am Fluss der Sterne ist politisches Exil ein sehr dominantes Mittel der von mir entworfenen Kultur, die auf einem harten historischen Vorbild basiert. Während der Song-Dynastie, von der dieser Roman inspiriert ist, einer Zeit, in der Premierminister und ihre Anhänger von launenhaften Kaisern in den Kreis der Mächtigen aufgenommen und wieder ausgestoßen wurden, war, wer einmal draußen war, wirklich draußen.

Die Verbannung konnte harmlos ausfallen – dann wurde man auf sein Landgut oder in seine Heimatstadt geschickt. Sie konnte aber auch ein Weg sein – und immer öfter war sie das –, um einen Mann zu töten (und mit ihm seine Frau, seine Kinder und anderen Angehörigen), ohne dabei selbst Blut zu vergießen. Jemanden über die Berge und durch den Dschungel in den heißen, feuchten, malariaverseuchten Süden zu schicken, hatte ... absehbare Folgen. In dieser Dynastie (und in meinem Buch) gab es einen Kreislauf politischer Racheakte, bei denen Menschen an Orte geschickt wurden, wo sie dasselbe Schicksal erwartete, das Goldfinger einst 007 angedeihen lassen wollte, als er sagte: »Ich erwarte von Ihnen, dass Sie sterben, Mr. Bond.«

Ich schreibe keine von der Geschichte inspirierten Romane, um einfache Parallelen zur Gegenwart zu ziehen. Das könnte faul oder oberflächlich wirken, oder beides. Aber ich finde es wahnsinnig bereichernd zu sehen, wie verblüffend ähnlich und unglaublich anders die Vergangenheit doch ist, das regt mich (und die Leser) bei der Lektüre eines Buches, das sie hoffentlich nicht mehr aus der Hand legen wollen, zum Nachdenken an.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass ich Sie mit der Welt, die River of Stars erschafft, Ihrem eigenen Leben entreiße. Und dass Sie (um das Bild noch zu vertiefen), wenn Sie es ausgelesen haben, nach Hause zurückkehren und etwas dazugewonnen haben.

Alle Geschichten und Untersuchungen zur mythischen »Heldenreise« besagen, dass es nicht auf das Abenteuer selbst ankommt, sondern darauf zurückzukehren – mit einem Schatz im Gepäck (der alles Mögliche sein kann, auch Weisheit). Ich mag Bücher, die uns an einen anderen Ort entführen und uns mit etwas Neuem zurückbringen. So versuche ich auch zu schreiben.

 

Deutsch von Birgit Maria Pfaffinger

 

© Guy Gavriel Kay

Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Zuerst erschienen unter dem Titel „Exile“ auf
http://brightweavings.com/ggk/exile/
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten

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