Essay - Zum Thema Schurken von Wesley Chu

ESSAY

Warum die Schurken in meinen Romanen besser angezogen sind als die Helden


Wo Helden sind, da tummeln sich auch gern die Bösewichte, Schurken und Unheilstifter. Doch was macht einen guten Schurken aus? Welche Eigenschaften sollte er mitbringen, damit er ernst genommen wird? Ein Essay von Wesley Chu.

Lass mich am Anfang etwas klarstellen: Es geht hier nicht einfach um irgendwelche x-beliebigen alten Schufte, sondern um Weltklasse-Bösewichte, um niederträchtige Schurken der Güteklasse A. Und ich bilde mir ein, einiges davon zu verstehen.

Gegenwärtig gehört es zu den großen Trends in Science Fiction und Fantasy, hirnlose Schurken auftreten zu lassen, also Zombies, Trollocs, Goblins, Orks und fast jeden Bösewicht aus einem Film von Joss Whedon. Bevor sich die Nerds – zu denen ich gehöre! - nun angegriffen fühlen und den Schöpfer von Firefly und The Avengers empört in Schutz nehmen, darf ich euch vielleicht daran erinnern, dass Whedons böse Buben entweder Reavers, also geisteskranke Folterer, waren oder galaktische Eidechsen, die in Space Chariots angereist kamen und von fünf (wenn auch gewaltig aufgeputschten) Erdlingen und einem launischen Gott mit Hammer den Arsch versohlt bekommen haben. Oh ja, einer der Jungs hat einen Bogen benutzt, einen verdammten Bogen. Entweder handelte es sich schlicht um die mieseste Alien-Attacke in der Geschichte der Erdinvasionen, oder die Angreifer hatten auf ihrem Heimatplaneten echt wenig Konkurrenz.

Von Joss Whedon einmal abgesehen habe ich von hirnlosen Bösewichten die Nase gestrichen voll – oder von Pfeilfutter, wie mein alter Kung-Fu-Kumpel sie nennt. Schurken, die ich respektieren kann, sollten weniger sabbern als mein Hund. Warum sind das bloß alles so wüste Menschenfresser? Ich meine, von Hannibal Lecter mal abgesehen: Ist es wirklich nötig, dem am schwierigsten zu jagenden Lebewesen nachzustellen, um sich von ihm zu ernähren? Schmeckt der Mensch denn so viel besser als ein Steak oder ein Schweinekotelett?

Dann ist da die Frage der Absicht. Warum ist er der Schurke? Was bringt ihm das? Ich glaube nicht an das Böse um des Bösen willen, also nicht an Gestalten wie Sauron oder Bane, an den aggressiven Kampfsportlehrer in Karate Kid, an Freddy, Jason usw. - bestimmt verstehen Sie, was ich meine. Wenn das eigentliche Ziel des Bösen darin besteht, auf zweidimensionale Weise böse zu sein, fehlt da jemandem wahrscheinlich nur eine Umarmung oder ein Eis oder so.

Was mich angeht: Meine Bösewichte brauchen eine gewisse Seriosität. Es muss sich um Kerle handeln, die ihre Schurkereien mit Stolz begehen. Ich bin entschieden der Ansicht, in jeder Geschichte sollte der Böse stärker, klüger, besser angezogen und charmanter sein als der Held. Ja, besser angezogen! Man kann nicht einfach jemanden vermöbeln – es hat mit Stil zu geschehen, denn gutes Auftreten zählt. Andernfalls ist man nur zweitklassig. Darum hat mich Imperator Palpatine nie beeindruckt. Er ist Imperator der Galaxie und trägt einen Kartoffelsack. Also bitte!

Die Schurken, die mir gefallen, tragen Maßanzüge und schlagen bloß zu, wenn es sein muss. Versteh mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen einen gewissen Sadismus, aber nur aus Lust und Laune drauflos zu prügeln, heißt doch, sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Die Belohnungen müssen den Risiken entsprechen, die die Bösewichte eingehen. Immerhin müssen sie sich mit viel mehr Mist herumschlagen als die Guten. Wahrscheinlich ist die Polizei hinter ihnen her, und sich in der Illegalität durchzuschlagen, ist wirklich nervig. Natürlich ist der dunkle Weg eine Art Berufung, aber man beschreitet ihn auch, um Geld oder Macht zu erlangen, heiße Frauen oder scharfe Männer, aus religiöser Leidenschaft oder warum auch immer.

Meine Schurkenphilosophie wird mich vermutlich meine gesamte Schriftstellerlaufbahn über begleiten. Widersacher zu beschreiben macht Spaß, aber es kommt darauf an, um welche Art es sich handelt. Wie Katzen gibt es sie in allen möglichen Gestalten und Größen, und sie alle verdienen es, auf verschiedene Weise zur Strecke gebracht zu werden (ich bin eher der Hunde-Typ), doch meine Leser sollen den Schuften beinahe die Daumen drücken.

In meinem Debütroman Die Leben des Tao stelle ich dir Sean Diamont vor, einen dieser Bösewichte, den du verabscheuen und doch am liebsten zum Abendessen einladen würdest, um hinterher mit ihm Schach zu spielen und bei einem Scotch die höheren Weihen des chinesischen Schwertkampfs zu erörtern. Am Ende des Abends wünschst du dir dann, er sei der Freund deiner Schwester und kümmere sich um deinen Hund, wenn du in den Urlaub fährst. Und all das wird er auch brav tun und dabei weiter die Zerstörung der Welt planen. Eines guten Zwecks wegen natürlich. Ach, hatte ich erwähnt, dass er hervorragend gekleidet ist?

 

---
 

© Wesley Chu

Aus dem Amerikanischen von Andreas Heckmann

Share:   Facebook