Karlheinz Steinmüller: Von Babel zum Babelfisch. Notizen zu Sprachutopien

Ace Books F-388: Babel-17 by Samuel R. Delany, 1966. Cover art by Jerome Podwil.

ESSAY

Von Babel zum Babelfisch: Bibliographie & Fußnoten


Karlheinz Steinmüller
10.10.2016

Fußnoten

1 In der Zahlenmystik ist die 72 die Zahl der Größe und Vielfalt. Gott hat 72 Namen, entsprechend 72 Eigenschaften. Angeordnet in der Dreieckform des Tetragramms hat Gottes Namen JHWH den Zahlenwert 72. Nach der mittelalterlichen Tradition sandte Christus 72 Jünger in die Welt zu den 72 Völkern, die von Babel aus zerstreut wurden. 
2 Originaltitel: The History of the Sevarites or Sevarambi. Erst zwei Jahre später folgte eine französische, auf fünf Bände erweiterte Publikation. Eine deutsche Übersetzung erschien 1689 in Sultzbach unter dem Titel Eine Historie der Neu=gefundenen Völcker Sevarambes genannt Welche einen Theil des Dritten festen Landes, so man sonsten das Süd-Land nennet, bewohnen, eine weitere 1793 in Göttingen unter dem Titel Reise nach dem Lande der Sevaramben, oder Geschichte der Staatsverfassung, Sitten und Gebräuche der Severamben; letztere stammt aus der Feder des Aufklärers und Romanciers Johann Gottwerth Müller.
3 Pseudonym von Daniel Jost de Villeneuve, dessen Lebensdaten nicht genau bekannt sind. Seine Utopie erschien wie viele Schriften der Aufklärer außerhalb Frankreichs, in Amsterdam.
4 Utopische Zielstufe wäre es, dass sich das Denken ganz von der einengenden Form der Sprache löst. So praktizieren in Dietmar Daths Roman Feldeváye (2014) die im Hintergrund agierenden geheimnisvollen Mennesker ein hochentwickeltes nichtsprachliches Denken (das verständlicherweise nur abstrakt behauptet wird). Sie entziehen sich damit dem Zwang, Phänomene ihrer Vieldeutigkeit zu berauben und per Wort festzunageln.
5 LINCOS baut aus einfachen mathematischen und logischen Operationen immer komplexere Begriffe auf. Es wurde erstmals 1999 im Rahmen der Mission »Call Messenger I« verwendet.
6 Künstlername des französischen Mediums Catherine-Elise Müller (1861–1929). Die Surrealisten schätzen sie als die »Muse des automatischen Schreibens«. Ihre telepathische Kommunikation mit dem Marsianer Astané hat der Schweizer Mediziner und Psychologe Théodore Flournoy aufgezeichnet (Flournoy 1900).
7 Nichts gegen Fachbegriffe wie »Science Fiction«!
8 Manches Mal fühle ich mich heute an Orwells Sprachtotalitarismus – oder auch an gestelztes DDR-Parteichinesisch – erinnert, wenn etwa ein renommierter Wissenschaftsverlag auf einer politisch korrekten Ausdrucksweise beharrt: »Externe ExpertInnen, möglichst namhafte, als TeilnehmerInnen von Umfragen oder in Workshops, als InterviewpartnerInnen oder GutachterInnen sind … oft unverzichtbar.« Mir und meinen Mit-AutorInnen (beiderlei Geschlechts) sträubten sich die Haare. Diese Schreibweise sei schon heute veraltet, protestierten wir, und daher in einem Artikel über Zukunftsforschung nicht angebracht. Und wir fügten ironisch hinzu, dass es dann ja auch nicht Nutzerfreundlichkeit, sondern »NutzerInnenfreundlichkeit« heißen müsste. – Ein glattes Eigentor: So steht es jetzt im Buch.
9 Orwell arbeitete ab August 1941 als »English language producer« in der Redaktion der Indian Section des BBC Eastern Service. Ende November 1943 verließ er den gut bezahlten Job, weil er sich nicht mehr der Zensur unterwerfen wollte.
10 Bereits Ludwig Wittgenstein (1889–1951) hatte geschrieben: »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« (Tractatus logico-philosophicus, 1921; These 5.6)
11 Jean François Sudre (1787–1862) war ein französischer Musiklehrer. Ab 1817 entwickelte er Solresol, wobei er zuerst an einen Einsatz in Schulen und in der militärischen Kommunikation dachte. Erst postum, 1866, erschien ein Buch über die musikalische Plansprache. – Man mag hier auch Parallelen zu El Silbo, der Pfeifsprache der Guanchen auf der Kanaren-Insel La Gomera, sehen.
12 Der US-amerikanische Sprachwissenschaftler und politische Philosoph Noam Chomsky (geb. 1928) lehnt die Vorstellung ab, dass das Gehirn der Neugeborenen ein unbeschriebenes Blatt sei. Stattdessen setzt er einen angeborenen Spracherwerbsmechanismus voraus, mit dem zugleich universelle Tiefenstrukturen jeglicher Sprache vorgegeben sind. – Das steht im latenten Widerspruch zur Sapir-Whorf-These, die, wenn man sie extrem interpretiert, die Existenz von notwendigen Gemeinsamkeiten aller Sprachen verneint.
13 Interview von Jenna Glatzer mit S. Elgin, ca. 2001, http://web.archive.org/web/20070612005757/ http://www.absolutewrite.com/novels/suzette_haden_elgin.html

 

Literartur

Abret, Helga / Boia, Lucian: Das Jahrhundert der Marsianer. Der Planet Mars in der Science Fiction bis zur Landung der Viking-Sonden 1976 (München: Heyne, 1984)

Anton, Andreas / Setsche, Michael: »Anthropozentrische Transterrestrik. Zur Kritik naturwissenschaftlich orientierter SETI-Programme«, in: ZEITSCHRIFT FÜR ANOMALISTIK, Band 15 (2015), S. 21–46

Eco, Umberto: Die Suche nach der vollkommenen Sprache (München: C. H. Beck, 1994)

Flournoy, Théodore: Des Indes à la Planète Mars. Étude sur un cas de Somnambulisme avec Glossolalie (Paris / Genève: F. Alcan / Ch. Eggimann, 1900)

Krauss, Werner (Hrsg.): Reise nach Utopia. Französische Utopien aus drei Jahrhunderten (Berlin: Rütten und Loening, 1964)

Moody, Nickianne: »Aphasia and Mother Tongue: Themes of Language Creation and Silence in Women’s Science Fiction«, in: Andy Sawyer / David Seed (Hrsg.): Speaking Science Fiction. Dialogues and Interpretations (Liverpool: Liverpool University Press, 2000), S. 179–187

Morus, Thomas: Utopia (Leipzig: Reclam 1951)

Saint-Gelais, Richard: »Beyond Linear B. The Metasemiotic Challenge of Communication with Extraterrestrial Intelligence«, in: Douglas A. Vakoch (Hrsg.): Archaeology, anthropology, and interstellar communication (Washington: NASA, 2014)

Erwähnte Werke

Chiang, Ted: »Zweiundsiebzig Buchstaben«, in: Chiang, Ted: Das wahre Wesen der Dinge (Berlin: Golkonda, 2014), S. 71–124

Cyrano de Bergerac / Hector Savinien: Histoire comique des Etats et Empires de la Lune (1657) / Histoire comique des Etats et Empires du Soleil (1662), deutsch erstmals ungekürzt: Reise zum Mond und zur Sonne (Berlin: Eichborn, 2006); ältere Ausgabe: Mondstaaten und Sonnenreiche. Zwei klassische Science Fiction Romane (München: Heyne, 1986)

Dath, Dietmar: Feldeváye. Roman der Letzten Künste (Berlin: Suhrkamp, 2014)

de Foigny, Gabriel: Les Aventures de Jacques Sadeur dans la découverte de la terre australe (1676), deutsch: Sehr curiöse Reise-Beschreibung durch das neu-entdeckte Südland (Dresden, 1704)

Delany, Samuel R.: Babel-17 (1966), deutsch: Babel-17 (Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 1982)

de Listonai (Daniel Jost de Villeneuve): Le Voyageur philosophe dans un pais inconnu aux habitans de la Terre (1761), deutsch: Der reisende Philosoph, Auszug in Krauss (1964), S. 217–232

Elgin, Suzette Haden: Native Tounge (1984), deutsch: Amerika der Männer (München: Heyne, 1987)

Flammarion, Camille: La Fin du Monde (1894), deutsch: Das Ende der Welt (Lüneburg: D. von Reeken, 2006 [Nachdruck der Ausgabe von 1895])

Fontenelle (Bernard le Bovier de Fontenelle): La république des philosophes ou Histoire des Ajaoiens (1768), deutsch: Die Republik der Philosophen oder Die Geschichte der Ajaovianer (Fürth/Saar: Bleymehl, 1966)

Gernsback, Hugo: Ralph 124C41+ (1911), deutsch: Ralph 124C41+ (München: Heyne, 1973)

Hoyle, Fred: The Black Cloud (1957), deutsch: Die schwarze Wolke (Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1958)

Huxley, Aldous: Brave New World (1932), deutsch: Schöne neue Welt (Berlin: Das Neue Berlin, 1978)

Karinthy, Frigyes: Utazás Faremidóba. Gulliver ötödik útja (1916), deutsch: Die neuen Reisen des Lemuel Gulliver. Zwei phantastische Kurzromane im Stile J. Swifts (Berlin: Das Neue Berlin, 1983)

Le Rouge, Gustave: Le Prisonnier de Planète Mars (1908) [m. W. ohne deutsche Übersetzung]

Leinster, Murray: »First Contact« (1945), deutsch: »Erstkontakt«, in: Robert Silverberg, Science Fiction Hall of Fame 1 (Berlin: Golkonda, 2016)

Lem, Stanislaw: Solaris (1961), deutsch: Solaris (Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1979)

Miéville, China: Embassytown (2011), deutsch: Stadt der Fremden (Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2012)

Mirabeau (Honoré-Gabriel Riquetti Comte de Mirabeau): Erotika Biblion (1783), deutsch: Erotika Biblion (Wolfenbüttel: Melchior, 2008 [Nachdruck der Ausgabe von 1900])

Monke, Iris (d. i. Erik Simon): »Die BayernKrise«, in: Simon, Erik (Hrsg.): Alexanders langes Leben, Stalins früher Tod und andere abwegige Geschichten (München: Heyne, 1999), S. 381-384

Orwell, George: Nineteen Forty-Eight (1949), deutsch: 1984 (Frankfurt/M.: Ullstein, 1984)

Psalmanaazaar, Georges: An Historical and Geographical Description of Formosa, An Island Subject to the Emperor of Japan (1704), deutsch: Historische und Geographische Beschreibung der Insel Formosa (Augspurg, 1716)

Safronow, Ju. und S.: Vnuki našich vnukov (1958), deutsch: Der Südpol schmilzt (Berlin: Kultur und Fortschritt, 1960)

Samjatins, Jewgenij: My (1924), deutsch: Wir (München: Heyne, 1970)

Steinmüller, Angela und Karlheinz: Pulaster. Ein Planetenroman (Berlin: Neues Leben, 1986)

Tyssot de Patot, Simon: La Vie, les Aventures et le Voyage de Groenland du Révérend Père Cordelier Pierre de Mésange (1720), deutsch: Des Robinson Crusoe Dritter und Vierter Theil, Oder, Lustige und seltsame Lebens-Beschreibung Peter von Mesange (Leyden, 1721)

Tyssot de Patot, Simon: Voyages et avantures de Jacques Massé (1710), deutsch: Jakob Massens Reisen in unbekannte Länder und merkwürdige Begebenheiten auf denselben. Von ihm selbst beschrieben (Alexandrien, 1799)

Vairasse d’Allais, Denis: The History of the Sevarites or Sevarambi (1675); L’Histoire des Sevarambes, peuples qui habitent une partie du troisième continent, communément appellé la Terre australe, deutsch: Eine Historie der Neu=gefundenen Völcker Sevarambes genannt Welche einen Theil des Dritten festen Landes, so man sonsten das Süd-Land nennet, bewohnen (Sultzbach, 1689)

Watson, Ian: The Embedding (1973), deutsch: Das Babel-Syndrom (München: Heyne, 1983)

 

 

© 2016 by Karlheinz Steinmüller
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in: Hannes Riffel & Sascha Mamczak (Hrsg.), Das Science Fiction Jahr 2016 (Berlin: Golkonda, 2016)

Alle Rechte vorbehalten

 

Karlheinz Steinmüller, Jahrgang 1950, Diplomphysiker und promovierter Philosoph, ist Gründungsgesellschafter und Wissenschaftlicher Direktor der Z_punkt GmbH The Foresight Company Köln. Derzeit beschäftigt er sich, im Auftrag von namhaften deutschen und europäischen Unternehmen und von öffentlichen Auftraggebern, schwerpunktmäßig mit Zukunftsstudien. In der Regel stehen bei den Studien Zukunftstechnologien und sozio-kulturelle Umfeldtrends im Zentrum.

Seit 1979 hat sich K. Steinmüller teils haupt-, teils nebenberuflich der Science Fiction verschrieben und zumeist gemeinsam mit seiner Frau Angela zahlreiche SF-Bücher publiziert. Er hat sich daneben u. a. mit dem Nutzen der Science Fiction für die Zukunftsforschung, mit Grundlagen- und Methodenfragen der Zukunftsforschung – speziell »Wild Cards«, überraschenden Störereignissen – sowie mit der Geschichte des Zukunftsdenkens befasst. Außerdem hält er seit einigen Jahren an der Freien Universität Berlin im Rahmen des Masterkurses Zukunftsforschung Vorlesungen.

 

 

 

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