Karlheinz Steinmüller: Von Babel zum Babelfisch. Notizen zu Sprachutopien

Ace Books F-388: Babel-17 by Samuel R. Delany, 1966. Cover art by Jerome Podwil.

ESSAY

Von Babel zum Babelfisch. Notizen zu Sprachutopien


Karlheinz Steinmüller
10.10.2016

Literarische Fiktionen leben von der Sprache. Umso verwunderlicher ist es, dass Gedankenspiele um die Trias von Sprache, Denken und Gesellschaft in der Science Fiction nur selten eine Rolle spielen. Doch die wenigen Ausnahmen stehen in einer faszinierenden Traditionslinie, die bis ins Alte Testament zurückreicht. Ein Essay aus dem soeben erschienenen Band ›Das Science Fiction Jahr 2016‹.

Wer Außerirdische oder Menschen der Zukunft reden lässt, kann es sich leicht machen. Sie benutzen eben ihre Sprache, und diese wird übersetzt. Außerdem genügt es, wenn sich die Weganer auf Weganisch verständigen, die Aliens von der kleinen Magellanschen Wolke allesamt Magellanisch sprechen, und die Tau-Cetianer brabbeln eben auf Taucetisch vor sich hin. Verglichen mit dem Tohuwabohu auf der Erde herrscht im Universum der Science Fiction daher nicht gerade große linguistische Vielfalt. Und wie diese planetarischen – oder zukunftsirdischen – Einheitssprachen beschaffen sind, interessiert zumeist auch niemanden, sie sind doch fast nie für die Handlung relevant, und selbstverständlich kann selbst der begnadetste Autor dem Leser kein irgendwie realistisches kosmisches oder künftiges Fiktionesisch andienen. Selbst wenn ein Autor einmal mit einer Vielfalt von Außerirdischen-Sprachen jongliert, dann beschränkt er sich auf Andeutungen, ein paar Wendungen, eine charakteristische grammatische Besonderheit. Das genügt, und mehr wäre den Lesern nicht zuzumuten.

Die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel. Klingonisch ist dank Paramount einigermaßen ausgearbeitet worden und wird angeblich sogar von einer Handvoll Erdlingen fließend gesprochen. Aber schon beim Vulkanischen hat sich keiner der Versuche, die Sprache zu beschreiben, durchgesetzt, und selbst den besessensten Trekkies sind nur einige Ausdrücke – wie die berühmte Grußformel »Dif-tor heh smusma!« – geläufig. Das ist der traurige Normalzustand: Der Autor begnügt sich damit, durch einige Redewendungen in der fiktiven Sprache Personen zu charakterisieren oder kulturelle Gegebenheiten anzudeuten. Einen Tolkien, der als versierter Philologe Sprachen erfand und in ihnen dichtete, sucht man unter SF-Autoren vergebens.

Dennoch lohnt es sich, einen Blick auf Linguistisches in und um die Science Fiction und ihre Vorläufer zu werfen, denn gerade bei alten Utopien wird man fündig. Beginnen muss man dabei allerdings bereits mit der Bibel, denn sie ist historisch gesehen der Ausgangs- und Ankerpunkt für Diskussionen um Herkunft und Unterschied der Sprachen, um die Macht des Wortes und um gelingende oder misslingende Kommunikation.

Die Sprache Adams

Logos, das Wort, steht am Anfang. Im 1. Buch Moses, Kap. 1, 3ff, ruft Gott mit »Es werde« die Dinge in Existenz. Im zweiten Kapitel, Vers 19ff, gibt Adam auf Gottes Geheiß den Tieren auf dem Feld und den Vögeln unter dem Himmel Namen. Die Fische im Wasser allerdings lässt er aus, die werden nicht erwähnt. Ob mit Adams Wortschöpfungen nun naturgemäße, dem Wesen der Tiere entsprechende, also »wahre« Namen gemeint sind oder eine bloße Konvention – Adam lässt sich einfach hübsch klingende Lautkombinationen einfallen –, geht aus dem Text nicht hervor und gab über die Jahrhunderte hinweg Anlass zu konträren Deutungen.

Lediglich in einem waren sich die meisten Bibelexegeten einig: Bis nach der Sintflut haben die Menschen »einerlei Zunge und Sprache« (Kap. 11). Dann aber beginnen sie, einen gewaltigen Turm zu errichten, dessen Spitze bis an den Himmel reichen soll. Gott sieht das Gewusel auf der Baustelle, erkennt in dem Vorhaben eine frevlerische Anmaßung, fährt hernieder, verwirrt die Menschen, »sodass keiner des anderen Sprache verstehe«, und zerstreut sie in alle Länder. Die Stadt aber erhält den Namen Babel, was »Verwirrung« bedeutet. – Wie man sieht, kannten die Priester, die das Alte Testament zusammenbastelten, die Probleme mit dem Management von Großbaustellen, und sie hielten nicht viel von sprachlicher und kultureller Vielfalt …

Für die Griechen und die Römer war Sprache kein Problem. Die Barbaren – barbaros hießen sie wegen ihres unverständlichen Gebrabbels – hatten schlicht Koiné, die Gemeinsprache der Händler und Seefahrer, oder später die administrative Weltsprache Latein zu erlernen, und wahrscheinlich gab es auf dem Sklavenmarkt halbwegs brauchbare Dolmetscher billig zu kaufen. Von sprachlichen Missverständnissen mit den Barbaren berichten nicht einmal die Komödiendichter. Erst als das Römische Reich zerfiel und sich aus den Dialekten in den Provinzen die Vorläufer vieler der heutigen Nationalsprachen entwickelten, wurde die biblische Geschichte vom Turm zu Babel interessant; eine erste Welle von bildlichen Darstellungen datiert aus dem elften Jahrhundert. Und als mit der Frührenaissance der Handel über Meere und Gebirge hinweg wieder aufblühte, wurde die Vielfalt der Sprachen und Dialekte zu einem praktischen Problem.

Schon etwas früher hatten Theologen heftig darüber debattiert, welcher Sprache sich Adam bedient hatte – das Hebräische war über Jahrhunderte so gut wie vergessen und geriet daher in den Ruf einer uralten, mythischen Sprache. Womöglich war es sogar das göttliche Idiom, mit dem Jahwe zu Adam sprach und in dem ER Moses die Gesetze diktierte? Judenhasser, die es schon damals gab, hielten freilich das Hebräische für verderbt und lügnerisch.

Gelehrte, die die Kabbala, die alte jüdische Tradition spekulativer Frömmigkeit, aufgriffen, versuchten in die Geheimnisse des Hebräischen als göttlicher und heiliger Sprache einzudringen. Sie ordneten den Buchstaben Zahlen zu, bildeten die Summen für Wörter, suchten nach Übereinstimmungen und Rechenschemata, die es ihnen gestatten würden, das Heilige zu ergründen. Manche verfolgten dabei ein durchaus utopisches Ziel: Wenn adamitische Sprache und Struktur der Welt einander entsprechen, dann sollte es möglich sein, mit den hebräischen Wörtern auf die Dinge einzuwirken und den Lauf der Ereignisse zu beeinflussen … Der Golem steht für diese Traditionslinie. Die tote Lehmgestalt wird belebt, indem der Rabbi ihr einen Zettel mit dem Schem, dem Namen Gottes, unter die Zunge legt.

Ted Chiang hat kürzlich in seiner Erzählung »Zweiundsiebzig Buchstaben«1 (2000) diese Vorstellung aufgegriffen und ein Großbritannien ausgemalt, in dem die industrielle Revolution auf Golem-Technologie aufbaut: Man formt aus einem geeigneten Material Figuren und setzt sie durch eine dazu passende Zeichenkette in Bewegung – als Automat. Eine Gruppe von Spezialisten, die Nomenklatoren, erweitert Schritt um Schritt den Satz der verwertbaren Buchstabenkombinationen, damit neue Automatentypen weitere Aufgaben erledigen können – bis hin zur Bildhauerei, der Fertigung von Automaten. Wird dann noch der Bewegung stiftende Name von einem Automat zu dem von ihm erzeugten weitergegeben, haben wir Fortpflanzung. Die Analogie zur Erbinformation drängt sich hier auf: Der genetische Code, eine allerdings sehr lange Zeichenkette, figuriert als Lebensprinzip. – In der Mythisierung der DNS findet sich ein ferner Nachhall des kabbalistischen Denkens.

Eine ideale Sprache für klares Denken

Die Utopisten des 17. und 18. Jahrhunderts stehen in einer der Kabbala zumindest oberflächlich entgegengesetzten Traditionslinie: der des Humanismus, der Aufklärung und der Rationalität. Sie verabscheuen mystisches Dunkel und verborgene Geheimnisse, die nur einigen wenigen Eingeweihten zugänglich sind. Wenn sie eine Sprache entwerfen, dann nicht um Dinge magisch zu beeinflussen, sondern um die Klarheit des Denkens zu verbessern, Missverständnisse gar nicht erst entstehen zu lassen und die Menschen zu einen. Im Grunde hoffen auch sie auf ein Zurück: zu einem perfekten gegenseitigen Verstehen wie vor der babylonischen Sprachverwirrung! Denn wie sonst sollte Utopia klar und rational und auf gemeinschaftlicher Basis funktionieren können? Kurzum: Eine ideale Gesellschaft braucht auch eine ideale Sprache.

Wie in manch anderer Beziehung gibt Thomas Morus (1478–1535) mit seiner Utopia (1516) hier das Modell vor, wenn auch nur mit einer kurzen Andeutung: Die Sprache der Utopier verfügt »über einen reichen Wortschatz, zeichnet sich durch Wohllaut aus und ist wie keine andere zur Wiedergabe von Gedanken geeignet« (Morus 1951, S. 105): Sie soll zudem mit dem Griechischen, d. h. der Sprache der Bildung und der Philosophie, verwandt sein (S. 124). Einen Eindruck von ihr vermittelt der Anhang, mit dem der Erstdruck der Utopia versehen wurde: eine Buchseite mit einem erfundenen Alphabet und einem Vierzeiler in der Sprache der Utopier. 

Karlheinz Steinmüller: Von Babel zum Babelfisch. Notizen zu Sprachutopien

Vermutlich stammt das Blatt von dem Antwerpener Humanisten und Drucker Peter Giles, einem Freund von Morus. Es handelt sich um den ersten Versuch, eine Utopie durch eine fiktionale Sprache zu bereichern.

Lange vorher jedoch hatte schon der Theologe Raimundus Lullus (1232–1316) sich bemüht, eine perfekte, logische, universale Begriffssprache zu schaffen. Er erfasste philosophische und theologische Grundbegriffe in einem Schema von Kreisen und Quadraten. Angeordnet auf konzentrischen, drehbaren Ringen, sozusagen terminologischen Rechenscheiben, ließen sich Begriffe kombinieren. So wollte Lullus auf mechanischem Wege gültige Schlüsse ziehen. Gedacht war dieses Verfahren, um die Ungläubigen, also die Anhänger Mohammeds, von der Wahrheit des christlichen Glaubens zu überzeugen! Für viele von Lullus’ Glaubensbrüdern grenzte seine Ars Magna (ca. 1305) jedoch an Ketzerei.

Vier Jahrhunderte später griff der Mathematiker und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) die Grundidee von Lullus auf. Er wollte eine Universalsprache (Characteristica universalis) schaffen, in der sich alle Objekte und ihre Beziehungen untereinander in ein System von Zeichen abbilden lassen, das seinerseits ein arithmetisches Modell der Logik des Aristoteles darstellen würde. Hat man erst einmal eine solche Sprache als ein formales logisches Kalkül, aufgebaut aus Bedeutungs-Atomen und ihren Relationen, in der Hand, dann vermag man ohne Irrtum zur Wahrheit zu gelangen. Jeder Philosophenstreit wird damit überflüssig. Gibt es einen Dissens, dann setzen sich die beiden Kontrahenten zusammen und sagen »Calculemos!«, »Rechnen wir es durch!«

Essay - Karlheinz Steinmüller: Von Babel zum Babelfisch. Notizen zu Sprachutopien

Die Sprache im Land der Romane

Die korrekte und genaue Wiedergabe der Gedanken, für Morus das primäre Qualitätsmerkmal, ist ein zentrales Thema vieler Gelehrter seiner Epoche. Einige von ihnen wollten wie Lullus und Leibniz die Mehrdeutigkeiten der natürlichen Sprachen ausräumen und diese auch in Hinblick auf eine sprachlogisch zwingende Argumentationsführung verbessern. So hatte Francis Bacon (1561–1626) bereits vor Leibniz Überlegungen zu einer universellen Begriffszeichenschrift angestellt, allerdings ohne dies in seiner Utopie Neu-Atlantis (1624) zu erwähnen. Vor allem wollte Bacon schlecht definierte Bezeichnungen und konfuse Begriffe ausmerzen und die von den idola fori (den Trugbildern des Marktplatzes) verhunzte Sprache sozusagen heilen.

Fast zur gleichen Zeit hat sich auch der französische Philosoph René Descartes (1596–1650) mit dem Problem eines idealen Begriffszeichensystems – mit klar definierten Begriffen und bereinigter Grammatik – auseinandergesetzt. Er kam jedoch zu dem Schluss, dass ein solches System ein allgemein-verbindliches und perfektes philosophisches Kategoriensystem voraussetze und damit unerreichbar sei. Heute kann man die spekulativen Konstrukte dieser Epoche, die Begriffsbäume und Tabellen mit numerischen Zuordnungen, als Vorahnungen der Ontologien einordnen, die für Sprachtechnologien und Künstliche Intelligenz benötigt werden.

Eine vollkommene Sprache, das hatte Descartes skeptisch bemerkt, »setzt große Veränderungen in der Ordnung der Dinge voraus, und es müsste erst die ganze Welt ein irdisches Paradies werden, was man nur im Land der Romane erwarten kann« (zit. nach Eco 1994, S. 226).

Dort freilich hätte Descartes fündig werden können, wäre ihm ein längeres Leben beschieden gewesen. Anderthalb Jahrhunderte nach Morus griffen französische Utopisten die Idee einer idealen Sprache wieder auf. 1675 erschien in London ein Werk, das den Anschein eines historisch-geographischen Sachbuchs erweckte: Die Geschichte der Sevaramben.2 Sein Autor war der französische Protestant Denis Vairasse d’Allais (ca. 1630–1672), der im Zuge der Hugenottenverfolgung nach England geflohen war. In seiner teilweise romanhaft erzählten Utopie, deren Rahmen eine Reise zu einem sagenhaften, noch unentdeckten Südkontinent ist, erklärt Veirasse das Sevarambische fast schon auf der Detaillierungsebene einer Schulgrammatik. Für Verben wie »ermanay« für »lieben« erfindet er maskuline, feminine und neutrale Formen, Singular und Plural, Aktiv und Passiv, und er gibt Regeln für Ableitungen und Wortbildungen an.

Die von Veirasse erfundene Mustersprache zeichnet sich durch klangvolle Phoneme, eine vielfältige Morphologie und zugleich analytische Klarheit aus, und wie alle Plansprachler bis hin zu Johann Martin Schleyer (Volapük) und Ludwig Zamenhof (Esperanto) merzt Veirasse jegliche Unregelmäßigkeit aus. Deklination und Konjugation sind einheitlich konstruiert, die Konjugation ist stark vereinfacht, Verbalaspekte werden durch Adverbien wiedergegeben. Hier ist Veirasse ganz Rationalist: Die wild gewachsenen Muttersprachen sind für jeden, der das Systematische liebt, einfach ein Gräuel und müssen gründlich reformiert werden! Außerdem wird Sevarambisch auf chinesische Weise von oben nach unten geschrieben. Aber davon abgesehen bleibt es ganz den traditionellen griechischen bzw. lateinischen grammatischen Kategorien verhaftet.

Ein Jahr nach Veirasse veröffentlichte der aus seinem Orden ausgetretene Mönch Gabriel de Foigny (1630–1692) eine weitere utopische Reise zum sagenhaften Südkontinent: Die Abenteuer des Jacques Sadeur (1676). Seine extrem rationalen, hermaphroditischen Utopier, die Lust und Leid der Liebe nicht kennen, keinen Staat und keine Gesetze haben, sprechen eine Idealsprache ähnlich der der Sevaramben. Sie besteht allerdings nur aus einsilbigen Wörtern. Nicht wegen dieser Sprache, wohl aber für den skandalösen antiklerikalen und im Grunde anarchistischen Gehalt seines Romans wurde de Foigny fast sofort vor Gericht gestellt. Er redete sich heraus, es sei eine Übersetzung.

Ebenfalls der Fiktion eines Sachbuchs bediente sich ein Mr. Georges Psalmanaazaar, der 1704 die englische Öffentlichkeit durch eine Historische und Geographische Beschreibung der Insel Formosa in Asien, also des heutigen Taiwan, schockierte. Psalmanaazaars Werk enthält auch eine ausführliche Darstellung des auf Formosa gesprochenen Idioms – samt einer Wiedergabe des Vaterunsers in einer von rechts nach links zu lesenden, reichlich geometrisch wirkenden Schrift aus zwanzig Buchstaben. Die etwas pedantische Beschreibung, die sich wie andere geographische Werke hervorragend verkaufte, war von vorn bis hinten erfunden, insofern also auch eine Art Utopia.

Wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt, wurde nie aufgeklärt. Sicher ist nur, dass es sich um einen provençalischen Edelmann handelt, der ebenfalls als Hugenotte nach London geflohen war und sich als Mr. Psalmanaazaar von Formosa ausgab und gern von seiner angeblichen Heimat fabulierte. Die Einwohner Formosas sollten fast nackt durch die Öffentlichkeit spazieren, lediglich ihre Geschlechtsorgane durch Goldplatten bedecken. Sie sollten in unterirdischen Häusern leben, Vielehe betreiben, und wurde eine Frau untreu, so fraß man sie auf. Und schlimmer noch: Jedes Jahr wurden 18.000 Knaben den Göttern geopfert – und von Priestern verspeist! Kein Wunder, dass die schockierten Engländer begannen, sich bei dem merkwürdigen Fremden nach dem Geschmack von Menschenfleisch zu erkundigen – aber auch immer heftiger die Wahrheit seiner Geschichten anzweifelten. So sah sich Mr. Psalmanaazaar gezwungen, die Insel Formosa hübsch detailliert zu beschreiben. Später bekannte er sich in seinen Memoiren zu der Fälschung, doch ohne seinen wirklichen Namen und Geburtsort zu verraten.

Andere Autoren haben Veirasses linguistischen Rationalismus auf die Spitze getrieben. Simon Tyssot de Patot (1655–1738), ebenfalls ein Hugenotte, der allerdings nicht in England, sondern in den Niederlanden lebte und dort Mathematik lehrte, kommt in der Utopie Die Reisen und Abenteuer des Jacques Massé (1710) mit sieben Vokalen und dreizehn Konsonanten und einer auf das Notwendigste reduzierten Syntax aus. Er schildert das utopische Volk im Inneren Australiens so plausibel und realistisch, dass man sein Buch lange Zeit für einen realen Reisebericht hielt. Tyssot de Patot hat, das sei am Rande bemerkt, als Erster einen Hohlerde-Roman verfasst: Des Robinson Crusoe Dritter und Vierter Theil, Oder, Lustige und seltsame Lebens-Beschreibung Peter von Mesange Worinnen er seine Reise nach Grönland und andern Nordischen Ländern, nebst dem Ursprung, Historien, Sitten, und vornemlich das Paradies derer Einwohner des Poli critici, nebst vielen ungemeinen Curiositäten, artig und wohl beschreibet (1720).

Jahrzehnte später entführen uns die Sprachutopien bis auf den Mond. In Der reisende Philosoph (1761), einer utopische und satirische Züge kombinierenden Reise zur Mondstadt Selenopolis, ereifert sich De Listonai ausführlich gegen umgangssprachliche Wendungen. Zweideutigkeiten und Anspielungen, Metaphorik, Umschreibungen und Schnörkel, blumige Ausdrücke – das alles passt nicht in eine nach Vernunftprinzipien konstruierte Sprache. Wahrscheinlich ist es der spezifisch cartesischen Schule des Rationalismus geschuldet, dass gerade bei den französischen Utopisten die sprachliche clarté so hoch geschätzt und bis ins absurde Detail getrieben wird. Dass damit auch der Poesie und dem Sprachwitz der Boden entzogen würde, fällt den utopischen Idealsprachlern nicht auf. Aber bekanntlich hatte schon Platon alles unseriöse Volk, die Gaukler und Poeten, vor die Tore seiner idealen Republik verwiesen. In Die Republik der Philosophen oder Die Geschichte der Ajaovianer (1768), die dem Frühaufklärer Bernard le Bovier de Fontenelle (1657–1757) zugeschrieben wird, sind – weil das Privateigentum abgeschafft ist – sogar Possessivpronomen wie »mein« und »dein« unbekannt (was auf die anarchistische Welt Anarres in Ursula K. Le Guins The Dispossessed [1974] vorausweist) … Es ist einer der wenigen Fälle, wo – wie bei Bacon – die aufklärerische Sprachkritik über die Beseitigung von Unklarheiten und Schnörkeln hinausgeht und mit der Sprache die sich in ihr spiegelnden gesellschaftlichen Verhältnisse attackiert.

Aus heutiger Perspektive wirken die utopischen Sprachentwürfe in der Traditionslinie der Sevaramben einseitig und schematisch, und man mag mit dem italienischen Dichter und Philologen Giacomo Leopardi (1789-1837) resümieren: »Eine streng universale Sprache […] wäre sicherlich aus Notwendigkeit und aufgrund ihrer Natur die allersklavischste, ärmste, schüchternste, monotonste, einförmigste, trockenste und hässlichste Sprache, gänzlich unfähig zu irgendeiner Art von Schönheit, völlig unbrauchbar für die Einbildungskraft […] die blutleerste und lebloseste und toteste Sprache, die man sich vorstellen kann, ein Skelett, ein Schatten von Sprache …« (Notizbuch Zilbaldone, posthum erschienen, zit. nach Eco 1994, S. 308f).

Kommunikation mit Marsianern

Dass ein einigermaßen sinngemäßes Übersetzen, vielleicht noch unter Beibehaltung des Sprachduktus, der Satzrhythmik schwierig ist, häufig genug Assoziationen verloren gehen, steht außer Frage. Wenn also schon die Kommunikation unter Menschen unterschiedlicher Herkunft an Grenzen stößt – ist es dann überhaupt möglich, sich mit Wesen anderer Beschaffenheit zu verständigen?

Bisweilen wandten sich bereits die Utopisten der Aufklärung diesem Problem zu und schlugen mitunter ausgefallene Lösungen vor. Da die natürliche menschliche Sprache ein wenig verlässliches Kommunikationsmittel und trügerisches Manipulationsinstrument ist, sollten höhere Wesen – wie die biblischen Engel – ganz auf sie verzichten können. In dem utopisch-erotischen Roman Erotika Biblion (1783) von Mirabeau (1749–1791), der in Revolutionszeiten Präsident der Nationalversammlung wurde, verständigen sich die Bewohner des Saturnringes daher ganz ohne (Laut-) Sprache: »Das Gedächtnis der Saturnleute war unverlöschlich. Sie unterstützten sich ohne Worte und Zeichen. Wie viele Tiere waren sie wegen der fehlenden Sprache der Lüge und dem Irrtum verschlossen« (Krauss 1964, S. 35). Auch bei Cyrano de Bergerac (1619–1655) kommunizieren die Sonnen- und Mondbewohner nicht durch eine Lautsprache, sondern durch komplexe optische und akustische Zeichen (Mondstaaten [1657], Sonnenreiche [1662]). Die ideale Verständigung findet in der Sprachlosigkeit statt.4

Utopie-Autoren wie Cyrano de Bergerac und Mirabeau haben viele Anknüpfungspunkte für Sprachphantasien in der SF geliefert. Vor allem das Problem einer so vollkommenen, wie universellen Sprache – universell im astronomischen Sinne! – stellte sich neu und pointiert, wenn es darum ging, mit Bewohnern des Saturnringes oder anderer Himmelskörper Kontakt aufzunehmen. Die Kommunikationsgemeinschaft wird dabei über den engen Kreis der Erde, den der Menschheit ausgeweitet.

Da Briefverkehr für eine interplanetarische Verständigung ausschied, musste man notgedrungen die Spezifik außerirdischer Kommunikationskanäle berücksichtigen. Und welcher (Schrift-) Sprache, welcher Symbolik, welcher Codierung sollte man sich bedienen? Man konnte ja nicht einmal sicher sein, ob Saturnier, Marsianer, Jupiterbewohner etc. überhaupt über Münder und Ohren verfügten. Oder man musste hoffnungsfroh annehmen, dass die »Brüder und Schwestern im All« dank einer konvergenten Evolution nach demselben biologischen Musterbogen gestrickt waren.

Im Jahr 1877 entdeckte der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli tausende Kilometer lange, gerade Linien auf dem Mars, die bald als gewaltige Bewässerungskanäle interpretiert wurden. Im späten 19. Jahrhundert wollte man daher vor allem mit den offensichtlich weit fortgeschrittenen Kanalbauern in Kontakt treten. Oder man stellte sich vor, dass die überlegenen Marsbewohner selbst Botschaften an die Menschheit schicken. Camille Flammarion (1842–1925), ein französischer Astronom und Wissenschaftsautor, ist hier einer der Vorreiter. In seinem Buch Das Ende der Welt (1894), das halb Sachbuch, halb Roman ist, senden die Marsbewohner eine optische Warnung an die Erde: Pfeile, Blitze, und eine skizzenhafte Landkarte machen deutlich, dass ein Komet auf Rom stürzen wird. Für Flammarion ist noch ganz selbstverständlich, dass dergleichen Symbole eine interplanetarische Gültigkeit haben.

Allerdings verstanden einige Autoren von Marsromanen ebenso wie Astronomen, die sich für den Roten Planten interessierten, dass möglicherweise allein die Mathematik eine wirklich universelle Sprache für Intelligenzwesen bereitstellen konnte. Galten nicht die Gesetze der Mathematik auf allen Sternen? Hatte nicht Pi überall im Kosmos denselben Wert? Jegliche Vernunft außerhalb der Erde sollte diese Basis kennen. Und wenn man schon nicht gleich mit Zahlsymbolen operieren kann, dann sollten doch zumindest die Formen der Geometrie allen Wesen mit einem Wahrnehmungsorgan für Räumliches vertraut sein.

Daher schlägt einer der Pioniere der französischen SF, Gustave Le Rouge, in Der Gefangene des Mars (1908) vor, ein riesiges rechtwinkliges Dreieck mit Seitenquadraten in die Taiga zu schlagen. Es soll den Marsianern zeigen, dass die Erdbewohner den Satz des Pythagoras kennen. Auch die Sahara bot sich als überdimensionale Zeichentafel an: Wenn man hunderte Kilometer lange Gräben mit Petroleum füllte und sie des Nachts abfackelte, sollte das vom Mars aus so gut sichtbar sein wie die Kanäle von der Erde aus! Auch an eine Art Lichttelegraphie mit riesigen Scheinwerfern dachte man – ohne sich groß den Kopf darüber zu zerbrechen, dass man für die Marsianer wohl einen speziellen Morsecode entwickeln müsste (vgl. Abret/Boja 1984). Erst viel später, 1960, wurde von Hans Freudenthal (1905–1990) mit LINCOS eine Sprache für die interkosmische Kommunikation entworfen.5

Um 1900 hieß es, Marconi hätte mit seinen funkentelegraphischen Apparaten Signale der Marsbewohner aufgefangen. Aber wohl die Einzige, die tatsächlich Botschaften vom Mars erhielt, war eine Frau aus Genf, die als spiritistisches Medium unter dem Namen Hélène Smith firmierte.6 Im Trancezustand sah sie die filigranen Gebäude der Marsianer, kritzelte sie Seiten über Seiten voll mit Texten in der Marssprache, deren Buchstaben dem Sanskrit und deren Syntax dem Französischen ähnelten. Es ist bislang die einzige außerirdische Sprache, zu der gute Übersetzungen ins Französische existieren.

Sprache kontra Denken

Mit den Antiutopien kommen im 20. Jahrhundert auch die Sprach-Antiutopien auf, Schreckbilder davon, wie das Wort als Mittel der Manipulation und Unterdrückung genutzt wird oder wie die Fähigkeiten der Menschen, sich mündlich und schriftlich auszudrücken, Stück um Stück verfallen. Sollte bei den Verfassern von Utopien die ideale Sprache Denken und Verständigung erleichtern, so wendet sich nun das Werkzeug gegen seine Benutzer, verkleistert das Denken und unterminiert Verständigung.

Einige, wenn auch nicht allzu viele Autoren malen sich einen linguistischen Niedergang aus, in dem sich der kulturelle Verfall einer Gesellschaft spiegelt: Man mümmelt und stottert, der Wortschatz schrumpft, die Wörter selbst werden verkürzt und verstümmelt, die Grammatik wird abgeschliffen. Und Rechtschreibung? Wer braucht die noch … In der Regel werden reale Tendenzen satirisch überhöht und in eine maulfaule, ausdrucksschwache oder auch rhetorisch verquaste Zukunft projiziert. So liest sich der kurze Text »Die Bayern-Krise« (1999) von Iris Monke als eine Satire auf modische, ideologisch getriebene Sprachmarotten und die Aushöhlung von Schulstandards. Im Grunde ist es jedoch erstaunlich, dass sich so wenige deutsche SF-Autoren über die Sprachverhunzung durch die Medien, über dümmliches Denglisch7 oder die schleichende Abschaffung des Dativs auslassen – also Phänomene, mit denen sie als Schriftsteller praktisch täglich konfrontiert sind.

Essay Karlheinz Steinmüller: Von Babel zum Babelfisch. Notizen zu Sprachutopien

Der zweite Strang von dystopischen Sprachvisionen knüpft direkt bei den klassischen Utopien an. Denn der Regelungsfuror vieler Utopisten, die den Bewohnern ihrer Idealstaaten sehr genau – bisweilen regelrecht diktatorisch! – vorschrieben, wie sie zu leben und was sie zu treiben haben, sparte auch das Reden nicht aus. Wer die Sprache von allem Ballast, allen Schnörkeln und Unklarheiten befreien, vielleicht sogar das Fluchen und Schimpfen abschaffen will, setzt zum Schluss auch den Rotstift bei jedweden unerwünschten Ausdrücken und Begriffen an. Das ganze Grauen dieser Operationen am lebenden Leib der Sprache praktizierte erst George Orwell. Doch bereits Samjatin und Huxley warfen in ihren Dystopien einen Blick darauf, wie sich die Bewohner ihrer Zukunftsstaaten wohl ausdrücken würden.

In Jewgenij Samjatins Wir (geschrieben 1920, Erstpublikation in englischer Sprache 1924), der ersten bedeutenden Antiutopie des 20. Jahrhunderts, spiegelt sich die Zerrissenheit des Helden in seinen Aufzeichnungen, wo sich gelegentlicher expressionistischer Überschwang mit einer von mathematischen und technischen Ausdrücken durchsetzten Sprache verbindet. Letztere stehen für die durchrationalisierte, tayloristische Diktatur des Einzigen Staates, in der die Menschen Nummern tragen und der Eisenbahnfahrplan als klassisches Literaturerbe gilt.

Auch Aldous Huxley sieht in Brave New World (1932) noch davon ab, den Bewohnern seiner Welt Sprachuniformen zu verordnen – aber er nutzt das Instrumentarium der Werbung, um im Jahre 632 nach Ford den satten und soma-glücklichen Konsumenten peppige Slogans ein- und alles eigenständige Denken auszuhämmern. Manipulation durch sanfte mediale Gewalt!

Erst George Orwell treibt in 1984 (1949) die Sprachutopie zu ihrer totalitären Konsequenz. Big Brother wacht darüber, wie die Menschen sich ausdrücken. In Orwells Newspeak (Neusprech) können Gedanken, die nicht gedacht werden sollen, gar nicht erst formuliert werden, denn es fehlen dafür schlicht und einfach die Wörter. Nach Maßgaben der herrschenden Ideologie Ingsoc wird die Sprache tiefgreifend reformiert, alte, politisch unerwünschte Wörter werden abgeschafft, umgedeutet oder durch Neubildungen abgelöst, die Orwell so genial erfunden hat, dass manche von ihnen, z. B. »Unperson«, in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen wurden.

Typisch für Newspeak sind pseudodialektische Sprachverdrehungen und geradezu perverse Euphemismen: »Krieg ist Frieden; Freiheit ist Sklaverei; Unwissenheit ist Stärke« – das »Wahrheitsministerium« sorgt dafür, dass die jeweils aktuellen Lügen verbreitet werden, und selbstständiges Denken zählt zu den schlimmsten Delikten. Wer sich an Newspeak hält, ist zu »Gedankenverbrechen« gar nicht fähig. Denn politisch korrekte Sprache erzeugt politisch korrektes Denken.8

Orwell schöpft aus dem reichen Repertoire des »ideologischen Klassenkampfs« nach Stalins Manier, aus dem Vokabular der faschistischen Volksverhetzung und der Kriegspropaganda. Mit letzterer wurde er von 1941 bis 1943 als Mitarbeiter der BBC tagtäglich konfrontiert.9

Dass – und wie stark! – die Sprache auf das Denken wirkt, der Erkenntnis womöglich Grenzen setzt und zuallererst die Weltsicht beeinflusst, war um die Mitte des 20. Jahrhunderts nicht nur ein spannendes Thema für Schriftsteller, sondern auch für Linguisten und Philosophen.10 Die Sprachwissenschaftler Edward Sapir (1884–1939) und Benjamin Lee Whorf (1897–1941) stellten die Hypothese auf, dass die Muttersprache, die man sich als Kind aneignet, mit ihrer Grammatik und ihrem Wortschatz in hohem Maße bestimmt, in welchen Kategorien ein Mensch die Welt erfasst, auf welche Art und Weise und aus welchen Perspektiven heraus er denkt. So glaubte Whorf entdeckt zu haben, dass die Sprache der Hopi-Indianer keine Ausdrücke und keine grammatischen Formen enthielt, die sich auf Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft beziehen – und manche meinten, dass sie deshalb besser mit der einheitlichen Raumzeit der Relativitätstheorie zu Recht kommen sollten … Später stellte sich heraus, dass Whorf die Hopi-Sprache nur aus (schlechten) Sekundärquellen kannte und die Indianer sehr wohl fähig sind, Zeitliches auszudrücken.

Treibt man die Sapir-Whorf-These zur letzten, extremen Konsequenz, dann sollte es für jede Sprache Gedanken geben, die sich nur in ihr formulieren lassen und die von Vertretern anderer Muttersprachen nicht verstanden werden können. Die babylonische Sprachverwirrung setzt sich im Gedanklichen fort. Übersetzung ist unmöglich. 

Jenseits von Schrift und Rede

Dass irdische Sprachen, sei es als Rede oder als Schrift, nicht unbedingt das Modell für die Art und Weise abgeben müssten, wie sich Außerirdische untereinander und dann vielleicht auch mit uns verständigen würden, haben SF-Autoren früh eingesehen. Würden kraken- oder spinnenartige Wesen mit denselben Raumbegriffen operieren wie wir? Mit welcher Art von Signalen würden galaktische Magnetwolken (Fred Hoyle, Die schwarze Wolke [1957]) oder denkende Ozeane (Stanislaw Lem, Solaris [1961]) kommunizieren? Aber Sprachutopien, also Entwürfe von idealen, vollkommenen Sprachen knüpfen sich an die Vorstellung von Aliens, die sich per Farbmustern auf der Haut, durch Radiosignale oder durch objekthafte Manifestationen verständigen – oder eben nicht.

Musik, heißt es, sei eine Sprache, die alle Menschen verstehen. Für die antiken Griechen und besonders für die Pythagoreer wäre dies mehr als eine Metapher gewesen, denn für sie standen Musik und Mathematik auf einer Stufe, verbunden durch die Verhältnisse der Harmonien. – Eine Idee, die seit der musikalischen Moderne gewiss an Überzeugungskraft verloren hat …

Bisweilen haben auch SF-Autoren auf Musik als mehr oder weniger universelles Kommunikationsmittel zurückgegriffen. Der Ungar Frigyes Karinthy etwa, der sich in der Traditionslinie Swifts sah, veröffentliche 1916 Die Reise nach Faremido. Gullivers fünfte Reise. Der Held dieses kurzen Romans gerät in eine Welt, die von intelligenten Maschinen beherrscht wird. Diese halten alles Organische für minderwertig – und sie nutzen musikalische Töne, wie die französischen Ton-Namen im Titel andeuten, als Sprache. Möglicherweise war Karinthy von François Sudres musikalischer Plansprache Solresol, sozusagen einem Esperanto auf der Tonleiter, beeinflusst.11 Einen Nachhall findet die Idee von der universellen Kommunikationskraft der Musik in den Schlussszenen des Films Unheimliche Begegnungen der dritten Art (1977). Steven Spielberg griff dabei ebenfalls auf Solresol zurück.

Utopisch – aber eher im technischen Sinne – sind dagegen die diversen Dolmetschgeräte, die mit der beginnenden Kybernetik aufkommen und das fiktionale Problem fiktiv lösen. Dem Vernehmen nach wird der erste derartige »universal translator«, der eine sofortige Übersetzung beliebiger Alien-Sprachen gestattet, in Murray Leinsters Erzählung »First Contact« (1945) benutzt. Im schlimmsten Fall genügt diesen Geräten eine kurze Anlernphase, um eine unauffällige Simultanübersetzung Irdisch-Außerirdisch, also Englisch-Außerirdisch, zu ermöglichen. Allerdings gibt es auch hier Vorläufer. Zumindest eine Art Online-Telefonübersetzung findet sich bereits bei Hugo Gernsback (Ralph 124C41+ [1911]). Ein typisches späteres Beispiel für die Übersetzung menschlicher Rede durch ein Handgerät von der Größe eines Smartphones ist der »kybernetische Dolmetscher« aus J. und S. Safronows Roman Der Südpol schmilzt (1958).

Karlheinz Steinmüller: Von Babel zum Babelfisch. Notizen zu Sprachutopien

Heute wird in der Gemeinde der SETI-Forscher diskutiert, dass jeder Versuch der Kommunikation mit Außerirdischen auf zahlreichen, in der Regel unbewussten Vorannahmen über intelligente Lebewesen beruht. Wieso sollten Aliens überhaupt Kontakt anstreben? Wieso sich, selbst wenn sie die technischen Mittel dazu hätten, im Weltraum ausbreiten? Was gibt uns die Berechtigung, sie sich uns als Einzelwesen mit individuellem Bewusstsein vorzustellen? Und was meinen wir überhaupt mit Intelligenz? Wahrscheinlich würde selbst LINCOS ins Leere laufen. Im Grunde müsste die Botschaft sich quasi selbst interpretieren. Und zuerst einmal müssten die Aliens die von uns ausgesandten Radiowellen überhaupt als Signale erkennen … (vgl. Anton/Setsche 2015)

Um die gigantische semantische Kluft zwischen unterschiedlichen intelligenten Spezies wenigstens anzudeuten, haben wir in Pulaster (1986) unseren Helden gleich mit zwei Geräten ausgestattet: dem Kommunikator und dem Nitzeschen Translator. Oft genug produzieren beide völlig unterschiedliche Übersetzungen – was unseren Helden nach dem wahren Sinn der Äußerung suchen lässt, die doch nur ein Hreng voll und richtig versteht.

Die Sprachen der Außerirdischen, der Säuglinge und der Frauen

Etwa ab 1960 ließen sich einige SF-Autoren recht ernsthaft auf die linguistischen Theorien von Sapir und Whorf ein. So veröffentlichte Samuel R. Delany im Jahr 1966 den Roman Babel-17. Das Buch war damals eine kleine Sensation, denn es enthielt nicht nur eine experimentelle, farbenprächtige und abwechslungsreiche Space Opera, sondern thematisierte auch Fragen von Identität, Rasse, Hautfarbe und Sexualität. Außerdem stand Delany deutlich unter dem Einfluss der avantgardistischen Beat-Literatur.

Für Delany bestimmt frei nach der Sapir-Whorf-These die Sprache die Weltsicht, und dementsprechend zöge eine ideale Sprache eine vertiefte und präzisere Weltsicht nach sich. Die Heldin des Romans, eine versierte Dichterin und Dechiffrierexpertin, wird auf die Spur merkwürdiger, dem Augenschein nach unmöglicher Sabotageakte gesetzt, die offensichtlich unter dem Einfluss eines fremdartigen Geheimcodes, genannt Babel-17, verübt wurden. Nach vielen Abenteuern gelingt es ihr, in Babel-17 einzudringen. Dabei erkennt sie, dass es sich nicht um irgendeinen besonders verzwickten Code handelt, sondern um eine eigenartige analytische Sprache. Sie erlaubt es, Dinge und Vorgänge extrem präzise, sozusagen punktgenau zu beschreiben. Babel-17 verleiht denen, die in ihr zu denken vermögen, ungeahnte Fähigkeiten und macht für sie damit fast jede Situation technisch beherrschbar – daher kann Babel-17 auch als Waffe eingesetzt werden. Und die Heldin wird sozusagen von Babel-17 infiziert und damit selbst zur Saboteurin … Sehr viel erfährt man über die Strukturen von Babel-17 allerdings nicht, abgesehen davon, dass diese Sprache kein Wort für »ich« enthält.

Ebenfalls durch Sapir-Whorf inspiriert ist Ian Watsons The Embedding (1973). Der Roman verfügt über drei Handlungsstränge: Zum ersten experimentieren Wissenschaftler mit Säuglingen. Sie wollen verhindern, dass die Waisenkinder auf normale Weise eine Muttersprache erlernen. Zu diesem Zweck lassen sie sie unter dem Einfluss von Drogen in computersimulierten, möglichst verrückten Umwelten aufwachsen. Vielleicht entwickeln die Kleinen ja Sprachen, die sich grundsätzlich von einer natürlichen Sprache unterscheiden und einen anderen Zugang zur Realität bieten? Da ist zum zweiten ein Indiostamm im Amazonasgebiet, der an sich schon eine ausgefallene Sprache (wohl inspiriert durch die Hopi-Sprache) spricht, die mit keiner anderen Mundart verwandt zu sein scheint. Hinter ihr verbirgt sich jedoch noch ein eingebettetes Idiom, das Außenstehende prinzipiell nicht erfassen können, das aber dem Schamanen die Interaktion mit der tieferen mythischen Realität ermöglicht. Und drittens besuchen gerade außerirdische »Signalhändler« die Erde. Sie sammeln Sprachen und wollen diese »übereinander stapeln«, sodass die allen kosmischen Idiomen zugrunde liegende Supersprache offenbar wird und sie Zugang zur absoluten Wirklichkeit bekommen.

Eine babylonische Verwirrung, die der Titel der deutschen Übersetzung (Das Babel-Syndrom [1983]) andeutet, findet man im Roman allenfalls durch die vielen Handlungsstränge. Interessanterweise aber kombiniert Watson die Sapir-Whorfsche These mit Noam Chomskys Hypothese einer universellen Grammatik, die allen (irdischen) Sprachen zugrunde liegt.12 Alles in allem ist es etwas viel theoretische Linguistik für einen Roman – aber der Grundgedanke vieler Sprachutopien kommt klar zum Ausdruck: Ein vertieftes Verständnis von Sprache ermöglicht ein vertieftes, ja ein totales Verständnis der Realität und damit letztlich sogar Transzendenz.

Eine geradezu klassische Sprachutopie beinhaltet Suzette Haden Elgins Amerika der Männer (1984). Der Roman spielt in den USA in einer gar nicht so fernen künftigen Epoche, in der die Männer die Frauen all ihrer Rechte beraubt haben, sie bevormunden und verkuppeln, wie es ihnen beliebt. Mächtige Familien von Linguisten – und die zu den Familien gehörenden Linguistinnen – vermitteln den Kontakt zu einer Vielzahl von außerirdischen Rassen mit äußerst vertrackten Sprachen. Um diese zu erlernen, werden Kleinkinder mit Gast-Aliens in sogenannten »Interfaces« untergebracht, wo sie ihnen sozusagen im gemeinsamen Spiel ihre Rede- und Denkweise abschauen sollen. Denn sind erst einmal unsere irdischen Wirklichkeitskonzepte in die jungen Gehirne eingeprägt, ist es ihnen unmöglich, die fremden Denkwelten zu erfassen.

Karlheinz Steinmüller: Von Babel zum Babelfisch. Notizen zu Sprachutopien

Untereinander verständigen sich die Frauen in einer eigenen Sprache (Langlisch), die von den Männern zwar einigermaßen verstanden, doch als gefühlsduseliges Geplapper nicht beachtet wird. Insgeheim jedoch entwickeln die unterdrückten Linguistinnen quasi als zweite Schicht eine wirkliche Geheimsprache, die viel genauer ist als all das, was Männer je sprechen. Láadan enthält Wörter, die es gestatten, eindeutige Aussagen zu machen, aus denen jeweils auch die eigene Stellung zur Aussage deutlich wird. So wird vermieden, dass das eine gesagt, etwas anderes gemeint und womöglich etwas drittes verstanden wird. Eine der Heldinnen erfindet sogar neue »Obercodierungen« – Begriffe für Wahrnehmungen, die man vorher noch nicht benennen konnte. Damit wird der Bereich des Sag- und folglich auch des Denkbaren ausgeweitet. Mit der linguistischen Untergrundbewegung schaffen sich die Frauen ihren eigenen Freiraum. Es geht buchstäblich darum, den unterdrückten Frauen eine eigene Stimme zu verleihen (Moody 2000). Nirgendwo sonst wird in jüngerer Zeit der subversive und emanzipatorische Gehalt von Sprachutopien so deutlich.

Suzette Elgin lehrte selbst Englisch und Navajo an der University of California in San Diego. Als feministische Linguistin überlegte sie, ob es wohl grundlegende Unterschiede zwischen einer Männer- und einer Frauensprache gäbe. Unter allen realen und erfundenen Idiomen war für sie das Klingonische – mehr gerülpst als geredet – strukturell und vom Vokabular her die absolute Niederung des machomäßigen Herumgedonners. Sollte es nicht möglich sein, das Gegenteil, eine weibliche Kunst- und Zukunftssprache zu erfinden, Láadan zur Wirklichkeit werden zu lassen? Sollten dann nicht die Frauen sich begierig die neue Ausdrucksweise aneignen?

Tatsächlich entwarf Elgin so tapfer wie gründlich Láadan, die feministische Utopiesprache. Mit Sprechakt-Partikeln (báa, bée, bíi, bóo…) und Evidenz-Partikeln (wa, we, wi, wo…) wollte sie alle Unklarheiten beseitigen. Ein Beispiel: »bíi ril áya mahina wa« hat den Sprechakt-Partikel báa für eine Aussage, ril für die Gegenwart und den Evidenz-Partikel wa für eine vom Sprecher selbst beobachtete Tatsache. Übersetzung: »Die Blume ist schön.«

Elgin publizierte Grammatik und Wörterbuch von Láadan und produzierte sogar eine Sprachlern-Kassette. Aber die Jahre vergingen, und niemand, nicht einmal eine feministische Zeitschrift erwähnte ihr Láadan, und es meldete sich auch keine Frau zu Wort, um eine bessere Frauensprache vorzuschlagen. Für Klingonisch dagegen gab es eine Zeitschrift, ein Institut und jede Menge Aufmerksamkeit … In einem Interview13 bekannte Elgin, dass ihr Experiment ein negatives Ergebnis hatte. Völlig korrekt schlussfolgerte sie, dass Frauen die normalen menschlichen Sprachen nicht für ungeeignet zur Kommunikation halten.

Vielleicht war Elgin nur nicht radikal genug? Ihr Láadan folgt genau den Mustern der Sprachutopien aus der Zeit der Aufklärung: Alle Unklarheiten, Mehrdeutigkeiten etc. werden abgeschafft, die Sprache wird völlig rational durchkonstruiert. Aber ist (zumindest für Feministinnen und Feministen) dieser übertriebene Rationalismus nicht gerade ein Ausdruck männlichen Denkens?

Der Fisch im Ohr

Bei einer genaueren Betrachtung ist Sprachliches ein weites, fast unerschöpfliches Experimentierfeld für Science-Fiction-Autoren. Mit der Fokussierung auf utopische Aspekte haben wir manch andere hübsche Spekulation über Alien- oder Zukunftssprachen wie etwa in China Miévilles Stadt der Fremden (2011) am Rande liegen lassen. Im Grunde geht es den Utopie-Autoren immer wieder um die alten biblischen Themen. Sie träumen von der wahren, adamitischen Sprache, die es gestattet, alles, was existiert, eindeutig zu erfassen. (Aber die Realität ist nicht eindeutig, sie ist amorph, amöbenhaft veränderlich, geradezu schlüpfrig.) Und sie hoffen auf ein Zurück vor den Turmbau zu Babel, auf eine Idealsprache, die Verständigung erleichtert und Missverständnisse gar nicht erst aufkommen lässt. Die perfekte Lösung dafür hat bekanntlich Douglas Adams in Per Anhalter durch die Galaxis (Buchfassung 1979) vorgebracht: Der Babelfisch ist ein kleines symbiotisches Lebewesen, das man sich ins Ohr stecken kann und das dann dank direktem Zugriff auf Gehirnwellen jedwede außerirdische Äußerung sofort synchron übersetzt. – Was als Utopie begann, endet als Humoreske.

 

 

© 2016 by Karlheinz Steinmüller
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in: Hannes Riffel & Sascha Mamczak (Hrsg.), Das Science Fiction Jahr 2016 (Berlin: Golkonda, 2016)

Alle Rechte vorbehalten

 

Karlheinz Steinmüller, Jahrgang 1950, Diplomphysiker und promovierter Philosoph, ist Gründungsgesellschafter und Wissenschaftlicher Direktor der Z_punkt GmbH The Foresight Company Köln. Derzeit beschäftigt er sich, im Auftrag von namhaften deutschen und europäischen Unternehmen und von öffentlichen Auftraggebern, schwerpunktmäßig mit Zukunftsstudien. In der Regel stehen bei den Studien Zukunftstechnologien und sozio-kulturelle Umfeldtrends im Zentrum.

Seit 1979 hat sich K. Steinmüller teils haupt-, teils nebenberuflich der Science Fiction verschrieben und zumeist gemeinsam mit seiner Frau Angela zahlreiche SF-Bücher publiziert. Er hat sich daneben u. a. mit dem Nutzen der Science Fiction für die Zukunftsforschung, mit Grundlagen- und Methodenfragen der Zukunftsforschung – speziell »Wild Cards«, überraschenden Störereignissen – sowie mit der Geschichte des Zukunftsdenkens befasst. Außerdem hält er seit einigen Jahren an der Freien Universität Berlin im Rahmen des Masterkurses Zukunftsforschung Vorlesungen.

 

 

 

Share:   Facebook