Jo Walton: Drei Hainish-Kurzromane: Ursula K. Le Guins Rocannons Welt, Das zehnte Jahr und Stadt der Illusionen

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BUCH

Drei Romane aus dem Hainish-Zyklus: Ursula K. Le Guins Rocannons Welt, Das zehnte Jahr und Stadt der Illusionen



Rocannons Welt
und Das zehnte Jahr sind 1966 erschienen und Stadt der Illusionen 1967. Es gibt sie auch in einem Band, und ich wünschte, ich hätte ihn, weil ich mit meiner alten Ausgabe von Stadt der Illusionen mit dem komischen Cover in der U-Bahn immer so seltsam angeschaut werde.

     Bei allen drei Romanen handelt es sich um Frühwerke, die im selben Universum angesiedelt sind wie Freie Geister, Die linke Hand der Dunkelheit, Four Ways to Forgiveness und einige Erzählungen. Früher achtete ich beim wiederholten Lesen von Romanzyklen stets streng darauf, die richtige Reihenfolge einzuhalten, bei den Hainish-Büchern spielt das aber eigentlich keine Rolle. Bis auf ein paar historische Übereinstimmungen und Technologien, die immer wieder auftauchen, findet man hier keinen übergeordneten Handlungsbogen wie beispielsweise im Allianz-Union-Universum von C.J. Cherryh. Einiges an der Handlung ist sogar widersprüchlich – da arbeiten Menschen zusammen, deren Planeten eigentlich erst viel später in Kontakt treten, und so weiter. Die Chronologie der Bücher lassen wir also lieber außer Acht, thematisch passen sie aber sehr gut zusammen.

     In Rocannons Welt strandet ein Anthropologe auf einem primitiven Planeten. Das zehnte Jahr erzählt die Geschichte einer menschlichen Kolonie, die auf einer fremden Welt sich selbst überlassen wurde. Und in Stadt der Illusionen geht es um einen Außerirdischen, den es auf die Erde der fernen Zukunft verschlägt. All diese Geschichten handeln von kultureller Isolation und davon, wie Menschen reagieren, die von ihrer eigenen Kultur abgeschnitten und in eine neue hineingeworfen wurden. Es geht um Fragen der Identität und das Leben im Exil. Man könnte diese Texte deshalb auch als Probelauf für Die linke Hand der Dunkelheit betrachten.

     Das zehnte Jahr ist von diesen dreien mein Lieblingsbuch. Ich habe es schon oft gelesen und kenne es gut. Die anderen beiden hatte ich dagegen lange nicht mehr in der Hand. Als ich sie dann doch einmal hervorholte, waren sie mir aber gleich wieder unglaublich vertraut.

     Rocannons Welt beginnt mit der Erzählung „Semleys Halskette“, die sowohl Science Fiction als auch Fantasy ist. Semley ist eine schöne Prinzessin, die nach einem Halsband sucht, das ihr von Zwergen gestohlen wurde. Sie reist ins unterirdische Reich der Zwerge, wo diese sie an einen merkwürdigen Ort führen. Als sie mit der Halskette zurückkehrt, muss sie feststellen, dass in der Zwischenzeit viele Jahre vergangen sind. Der Säugling, den sie vor ihrer Reise zurückließ, ist inzwischen eine erwachsene Frau geworden und ihr einstiger Ehemann gestorben.

     Die Heldin der Geschichte ist zugleich auch eine Außerirdische, ebenso wie die Zwerge, und der merkwürdige Ort befindet sich auf einem anderen Planeten. Der Zeitverlust ist darauf zurückzuführen, dass sie mit Lichtgeschwindigkeit gereist ist. Ein großer Reiz der Geschichte ist, dass wir all das gleichzeitig als wahr erkennen.

     Leider schafft es der restliche Roman dann nicht mehr, dieses Niveau zu halten. Rocannon erscheint zugleich als Anthropologe und als Odin-Figur, aber das Ganze wirkt etwas gezwungen. Die Hauptfigur ist außerdem nicht sehr sympathisch – er ist der typische SF-Anthropologe, gut ausgerüstet und erfinderisch, zweifelt aber zu sehr an sich und der Welt, um wirklich glaubhaft zu sein. Die Story steuert auf ein gängiges Klischee zu: Rocannon muss sich moralisch über die Außerirdischen erheben, um deren Welt retten zu können – ein Dilemma, aus dem Le Guin in ihrem Frühwerk noch keinen Ausweg fand.

     Sehr gut funktioniert hingegen die Darstellung des Kolonialismus der menschlichen Siedler – sie nehmen den Ureinwohnern Steuern ab und heben den Stand ihrer technologischen Entwicklung an, ohne sich jedoch die Mühe zu machen, ihre Kultur zu verstehen. Der Weltenbund verhält sich später anders – dass Rocannon hier ein Problem sieht und dagegen vorgeht, ist schon ein Schritt in diese Richtung. Die Einwohner von Formalhaut II sind deutlich fremdartiger als die Außerirdischen in den anderen Hainish-Romanen. An irgendeiner Stelle heißt es, dass es sich bei den Aliens in Wahrheit um genetisch manipulierte Menschen handelt, was hier aber schwer zu glauben ist.

     An Das zehnte Jahr gefällt mir besonders, dass der Roman sowohl den Blickwinkel der Menschen als auch den der Aliens wiedergibt und beide gleichberechtigt sind. Wie in Rocannons Welt gibt es auch hier mythische Anklänge, die jedoch ihren eigenen Kontext besitzen und nicht auf unsere Welt verweisen. Außerdem handelt es sich um eine Art Grönland-Kolonie im Weltraum – etwas, das mir in der SF so noch nicht untergekommen ist. Weltraumkolonien in der SF orientieren sich meist am Beispiel der Besiedlung des amerikanischen Kontinents. In Das zehnte Jahr sind es dagegen die Wikinger in Grönland, die darauf warten, dass das nächste Schiff aus der Heimat eintrifft, und dabei langsam ihre Technologie verlieren. Genial ist an dem Roman auch das lange Jahr, das sechzig Erdjahre umfasst. Kinder kommen hier eigentlich nur im Frühling und im Herbst zur Welt. Die Gesellschaft der Nomaden, die die Winterstadt errichten, und die Alterraner, die sich an die Überreste ihrer Zivilisation klammern, sind ebenfalls sehr schön dargestellt. Und genauso die Liebesgeschichte. Das zehnte Jahr ist eine einfache, aber meisterhaft erzählte Novelle, die bei ihrem Erscheinen gerade so als Roman durchging und sich in wenigen Stunden lesen lässt. Ich wünschte mir, es wäre ein richtiger Roman von vierhundert Seiten, denn ich würde liebend gern noch mehr über diese Welt erfahren.

     Die Anpassung der Menschen an die außerirdische Norm, die es beiden erlaubt, sich untereinander fortzupflanzen, ist aus biologischer Sicht vielleicht nicht ganz realistisch, im Roman aber überzeugend. Eigentlich spielt es auch keine Rolle. Le Guin hat hier nicht das Problem der Mischehen wie Octavia Butler in Alanna, weil sich der ganze Prozess im Laufe vieler Jahrhunderte vollzieht. Außerdem glaubte man zur damaligen Zeit, dass genau diese Entwicklung auch in Grönland stattgefunden hatte. Der Roman nimmt zwar für die Hauptfigur Rolery ein gutes Ende, ist aber nicht uneingeschränkt optimistisch. Manchen Menschen behagt der Gedanke der Assimilation nicht – „Jakob Agats Enkel werden wohl auf Steine klopfen“.

     Bei neuerlichem Lesen von Stadt der Illusionen fiel mir auf, dass Falk, der einsame Außerirdische, der Generationen nach der Eroberung durch die Shing, auf der Erde unterwegs ist, von dem Planeten Exil stammt und damit ein Nachfahre Jakob und Rolerys ist. Ich hatte vergessen, dass der Planet eigentlich Werel heißt, weil dieser Name hier nicht benutzt wird. Zu meinem Erschrecken fiel mir dann auf, dass dies auch einer der Planeten in Four Ways to Forgiveness ist. Oh nein! Auf Steine klopfen wäre da noch die bessere Alternative. (Zum Glück gibt es Entwarnung: Le Guin selbst hat nämlich aus Versehen den Planetennamen ein zweites Mal verwendet. Auf ihrer Webseite steht, dass es sich nicht um denselben Planeten handelt. Puh, da bin ich aber erleichtert!)

     Stadt der Illusionen erzählt die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach sich selbst und seiner Geschichte. Falk wird ohne Erinnerungen allein in einem Wald zurückgelassen, weil die Shing nicht gerne töten. Er kommt zu einer friedlichen menschlichen Siedlung, wo man sich um ihn kümmert und ihm eine Persönlichkeit gibt. Er reist dann nach Westen weiter – wir erkennen das Land als ein Amerika der fernen Zukunft – und gelangt zu der Stadt Es Toch, die von den Außerirdischen errichtet wurde. Dort hofft er, seine Erinnerungen wiederzuerlangen, wodurch er allerdings seine Persönlichkeit verliert. Das Buch konzentriert sich vor allem auf seine Reise, die wie die in Rocannons Welt aus einer Abfolge von pikaresken Begegnungen besteht. Nachdem Falk seine Erinnerungen zurückerhält, wird die Geschichte interessanter, weil es nun eher um ein Dilemma als um eine Suche geht. Merkwürdig ist jedoch für den Leser, dass Falk als Romarran nicht mehr die Figur ist, der wir auf ihrer langen Reise über den Kontinent gefolgt sind. Er ist nun jemand anderes, der nur noch Falks Erinnerungen besitzt. Als Teenager mochte ich Stadt der Illusionen nicht besonders und habe es eigentlich nur der Vollständigkeit halber gelesen. Ich dachte, ich würde es vielleicht einfach nicht kapieren. Möglicherweise bin ich heute immer noch zu jung dafür – oder habe es zum falschen Zeitpunkt gelesen.

     Mit den Shing, ihren Gedankenlügen und ihrer scheinheiligen Verehrung der körperlichen Hülle, nimmt Le Guin erneut den Kolonialismus aufs Korn. In Rocannons Welt stößt ein Siedler auf Probleme im System. In Das zehnte Jahr geht es um das Paradigma der Grönland-Kolonie. Hier hingegen wurde die Erde von Außerirdischen kolonisiert und deren willkürlichen Moralvorstellungen unterworfen. Außerdem kann man den Roman auch so lesen, dass eine Kolonie in die Heimatwelt zurückkehrt, um diese zu befreien.

     Als übergeordnetes Motiv geht es in den drei Romanen um die Bedrohung durch einen mächtigen Feind. In Rocannons Welt bereitet sich der Weltenbund auf die Ankunft dieses Feindes vor, und Rocannon befürchtet, dass dies negative Auswirkungen auf den Bund haben könnte. Er fragt sich, ob die FTL-Bomber und Ansibles womöglich im Kampf gegen den Feind so nutzlos sein werden wie die Schwerter von Hallan. Er selbst kämpft gegen menschliche Rebellen. Doch der Weltenbund formiert sich als Verteidigungsinstrument gegen diesen namen- und gesichtslosen Feind, der unausweichlich näher rückt. In Das zehnte Jahr ist der Feind möglicherweise der Grund für den Abbruch der Kommunikation. Die wenigen verbliebenen Menschen haben keine Ahnung, was sich im restlichen Universum abspielt. In Stadt der Illusionen hat der Feind, die Shing, die Erde und vielleicht auch den Rest des Universums erobert. Romarran/Falk will in seine Heimat zurückkehren und dort eine Armee mobilisieren, um die Erde zu befreien.

     In den späteren Büchern, die im selben Universum spielen, ist von dem Feind kaum noch die Rede. Freie Geister ist zeitlich früher angesiedelt, in einer Phase, als der Ansible gerade erst erfunden wurde und die Welten im Begriff stehen, miteinander Kontakt aufzunehmen. (Eine nette Verbindung, die vermutlich erst im Nachhinein in die Bücher eingefügt wurde, ist die Erwähnung der cetischen Mathematik, die der irdischen weit überlegen sein soll.) Die linke Hand der Dunkelheit und die meisten Erzählungen spielen deutlich später, zu einem Zeitpunkt, als die Epoche des Feindes längst Geschichte ist und nur selten erwähnt wird. Vielleicht mochte Le Guin die Parallele zur Mentalität des Kalten Kriegs nicht, oder sie hatte einfach keine Lust, über einen Weltraumkrieg zu schreiben.

     Dies alles sind Frühwerke – lohnt es sich heute noch, sie zu lesen? Ich würde sie nicht unbedingt als Einstieg in Le Guins Werk empfehlen – Die linke Hand der Dunkelheit, Freie Geister und Der Magier der Erdsee sind nicht umsonst Klassiker und gehören zum Besten, was das Genre hervorgebracht hat. Aber wer Le Guin mag, wird daran sicher seine Freude haben. Das zehnte Jahr wird immer eines meiner Lieblingsbücher bleiben, und auch die beiden anderen haben unbestreitbar ihre brillanten Momente.

 



Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus. 

 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.
 

 

Originaltitel: »Why I Re-Read«

© 2008 Jo Walton

Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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