Nnedi Okofaror - Lagune

© Greg Ruth

BUCH

Tanzen, wenn niemand zuschaut: Lagune von Nnedi Okorafor


Greg Ruth
11.10.2016

Es gibt Titelbilder von Büchern, die sind so schön, dass man gar nicht aufhören kann, sie begeistert herumzuzeigen. Wenn sie dann noch die großartigen Romane von Nnedi Okorafor zieren, kommt jedenfalls das Team von Tor Online gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Weshalb wir hier den US-amerikanischen Künstler Greg Ruth erzählen lassen, wie es zu der Zusammenarbeit mit dem deutschen Verlag Cross Cult kam.

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Fast niemand hat mich je tanzen sehen (und die sechs oder sieben Ausnahmen? Haltet einfach die Klappe!). Als Kind habe ich mal aus Versehen eine riesige Kröte überfahren, die eigentlich nur die Straße überqueren wollte – viel zu langsam, wie sich herausstellte. Ich kam auf meinem indigoschwarzen Roller angerast und bemerkte die Kröte erst, während ich sie überrollte. Es war schrecklich. Ich muss wohl irgendeinen seltsamen Teil ihres Nervensystems erwischt haben, denn nachdem ich angehalten und mir meine Sünde angeschaut hatte, hüpfte die Kröte noch mit wedelnden Armen über den Bürgersteig und zuckte alle halbe Sekunde zusammen, als wäre sie vom Blitz getroffen worden. Und so sehe ich aus, wenn ich tanze. Wir, das Volk der Nichttänzer, haben gelernt, Experimente nur im Schutze völliger Ungestörtheit zu machen. So wird keiner verletzt, wenn etwas schiefgeht – was öfter passiert, als nicht.

Als ich also von Andreas von Cross Cult gefragt wurde, ob ich ein Cover für ihn zeichnen könnte, fühlte sich das für mich wie die perfekte Gelegenheit an, um heimlich eine Runde zu tanzen. Der Verlag hatte gerade die Übersetzungsrechte für Nnedi Okorafors Lagune gekauft und brauchte etwas Besonderes und Ungewöhnliches für das Cover. Es gab bereits eine Illustration dafür und auch ein Cover mit einem Stock-Photo-Motiv … aber sie wollten etwas, das besser zu dem Buch passte, das sie sich vorstellten. Ich kannte Nnedis Arbeit bis dahin nicht und verschlang den Roman wie ein Verrückter. Ich schuldete Andreas meine beste Arbeit (was ich immer jedem schulde. Egal für welchen Job. Ehrlich!), und er wollte auch, dass ich einfach drauflos stürze. Das, mein Freund, ist eine traumhafte Gelegenheit, die man nur alle paar Jahre hat. Und auch das nur mit viel Glück. Es handelte sich um ein seltsames Buch, mit  Aliens im Wasser, die in Haie schlüpfen konnten. Es war wirklich nervenaufreibend und großartig zu lesen. Diese reichhaltige Quelle, gepaart mit allen Freiheiten, die man mir ließ – und ehrlich gesagt auch der Tatsache, dass es weit weg in Deutschland veröffentlicht werden sollte und es so vielleicht nicht jeder mitbekommen würde, wenn ich es versaue –, führten dazu, dass ich mir die wildeste Idee aussuchte und einfach loslegte.

Lagune by Greg Ruth - Nebel

© Greg Ruth

Lagune by Greg Ruth (sw)

© Greg Ruth

Lagune by Greg Ruth (flat)

© Greg Ruth

Der Trick war, darüber nachzudenken, wie ich Aliens auf dem Cover zeigen konnte, ohne wirklich »Aliens« zu zeigen. Das bedeutete, ich musste mir beibringen, mit einem Bleistift fließende Tinte zu zeichnen. Als tropfe sie ins Wasser, denn das Auge musste überzeugt werden, dass hier Flüssigkeit in einem Bild eingefangen war. Ich brachte ein paar Gläser ins Studio, füllte sie mit Wasser, tropfte eine kleine Portion Schlagsahne hinein und schaute, was passierte. Das tat ich ein paar Mal, um ein Gespür dafür zu bekommen, wie die Physik dieses Moments funktionierte, und begann dann zu zeichnen. Es dauerte Tage. Dieses Bild war eines der zeitintensivsten Bilder, die ich je gezeichnet hatte … bis ich mit dem nächsten anfing.

Als ich das Gefühl hatte, dass jetzt alles richtig genug war, um mit der eigentlichen Zeichnung anzufangen, tat ich genau das. Und versaute es, indem ich Augen und ein Gesicht in die Tintenwolke zeichnete … es sah aus wie schlechte  Werbung für eine David-Copperfield-Zaubershow aus den 80er Jahren. Das Problem war, dass ich der Technik den Vorzug vor dem Charakter gab, und dabei stellt diese Frau im Roman die Achse der ganzen Geschichte dar. Also beschloss ich, mich auf eine Technik zu besinnen, die ich zuvor schon oft eingesetzt habe. Ich ließ das trübe Alien-Wasser in das Gesicht der starken Frau »ghosten«. Das hat ganz gut funktioniert. Sharyn November konnte das Bild in diesem Stadium Nnedi zeigen, und diese war, obwohl es nur ein obskures, unfertiges Instagrambild war, so begeistert, wie man es nur selten ist. Danach kommunizierten wir direkt und auf eine Art miteinander, die auch sehr selten und wunderbar ist. Ihr müsst verstehen, es ist in unserer Branche normal, Autor und Zeichner voneinander getrennt zu halten. Dafür gibt es viele Gründe, und die meisten sind gut. Schon ein oder zwei dieser Gründe würden das rechtfertigen. Dies war die Ausnahme, welche die Regel bestätigte. Ich beendete mein Werk, indem ich etwas Farbe und sternähnliche Punkte hinzufügte, um den SF-Look zu verstärken, entfernte das Halskettchen, entwarf die Schrift, und Andreas baute damit das finale Layout. Das war’s. Und wir waren vom Ergebnis absolut begeistert. Nnedi und ich teilten das Bild auf allen Social-Media-Kanälen, und die Reaktionen waren sehr erfreulich und enthusiastisch. Ein privates Experiment, in sicherer Entfernung durchgeführt, wurde plötzlich zu einer internationalen Unterhaltung über drei Kontinente hinweg. Ich hatte diese Kröte mit meinem Roller überfahren, und sie sprang auf und fing an zu breakdancen, als hätten Michael Jackson und Fred Astair ein Kind gezeugt – was für eine Überraschung.

Und dann durfte ich es wieder tun. Und wieder. Dieses Mal bekam ich den Auftrag, gleich zwei Cover für die Bücher Wer fürchtet den Tod und Das Buch des Phönix zu zeichnen. Deswegen, und weil die Arbeit an Lagune noch gar nicht so lange her war, war uns beiden klar, dass wir an einem gemeinsamen Thema festhalten wollten. Nnedi hatte ja bereits eines vorgegeben, indem sie ihre Romane fast ausschließlich auf den Schultern dieser mächtigen Frauen aufbaute, und so schien es uns eine ebenso gute Idee zu sein, die Magie von Lagune weiterzuführen. Nnedi zögerte zunächst, all diese Frauen unter einer Art Banner zu vereinigen – aus gutem Grund. Also suchten wir Wege, jede von ihnen zu individualisieren, sie aber trotzdem noch zu einem großen Ganzen gehören zu lassen. Selbst wenn diese beiden Romane ganz anders waren als Lagune. Zum Glück kann Design, wenn man ein Cover – und ganz besonders innerhalb einer Serie – gestaltet, ein mächtiges Werkzeug sein. Ich musste einfach alle unterschiedlich, aber miteinander verwandt, gestalten. Vor allem die letzten zwei. Zwillinge mit einer viel jüngeren Schwester.

Obwohl ich an beiden Covern gleichzeitig arbeitete, war das Erste, das ich fertigstellte, Das Buch des Phönix. Die Flammen funktionierten etwa so wie die Tinte im Wasser, sie mussten aber schärfer und lebendiger sein. Ich spielte ein bisschen an ihnen herum, um genau das zu gewährleisten, und dann ging alles ziemlich schnell.

Lagune by Greg Ruth - Final

© Greg Ruth

Cover The Book of Phoenix von Greg Ruth

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Cover Who Fears Death von Greg Ruth

© Greg Ruth

Voller Übermut stürzte ich mich auf das zweite Motiv. Im Glauben, dass ich es genauso würde machen können wie bei seiner Schwester. Und das hatte natürlich genau den gegenteiligen Effekt und verpasste mir eine ordentliche Lektion in Demut. Manchmal macht man etwas aber auch gleich beim ersten Mal richtig und merkt es nur nicht. Deswegen stehe ich gerne so früh auf und arbeite am liebsten ganz früh am Tag. Ich hebe mir die geistig weniger anstrengenden Tätigkeiten wie E-Mails, Papierkram, Vertragszeug, Webseitenwartung und meine Kinder umarmen/erschrecken für später auf. Das ist einfach nicht die Zeit, in der man sich für Gottes heiligen Zeigefinger unendlicher Macht hält. Also ging ich panisch ins Bett und glaubte, vom richtigen Weg abgekommen zu sein. Ich würde an dieser Stelle gerne Alan Moore (falsch) zitieren, indem ich dasselbe Mitgefühl für die Familien von Kreativen zum Ausdruck bringe: Wir sind in widerwärtigem Maße erregt und voll Freude, wenn unsere Arbeit gut läuft, und verachtenswerte, jammernde, schnappende Schildkröten, wenn sie nicht läuft. Wir sind wie Kinder, denen das Eis weggenommen, zurückgegeben und dann wieder weggenommen. Ich war auf der dunklen Seite dieses traurigen, narzisstischen Kreislaufs und lag grübelnd die ganze Nacht im Bett, bis ich mit einer neuen Idee aufschreckte, die sogar noch besser als die vorige war. Seht ihr? Ich war immer noch großartig in meinem Job und immer noch ein toller Typ in diesem unwürdigen Universum ...

Nicht wirklich! Es fing ja ganz gut an, aber während ich mich auf die Zeichnung konzentrierte … vergaß ich völlig, die Geschichte zu illustrieren. Es war ein gutes Bild, aber ich glaube, ihm fehlte die erzählerische Kraft, welche die anderen Bilder formte. Es war kraftlos und, ehrlich gesagt, es fehlte ein gewisser Stil. Das war nicht sie. Und es war nicht die richtige Symbolsprache, die man für die Geschichte brauchte … bis auf die Tatsache, dass es eine weitere afrikanische Frau war, die einen anstarrte. Es gab einfach keinen Platz für diesen Abstecher. Zum Glück teilte mir Nnedi ihre Meinung zu den beiden Bildern gerade da mit, als ich kurz davor war, in diese wahnsinnige Spirale des panischen Selbstzweifels zu stürzen. Sie mochte den ersten Entwurf trotz allem. Und das ist dann der Moment, an dem man aufhört, auf die Stimmen in seinem Kopf zu hören, die deinem schwächlichen Inneren zehn unterschiedliche und widersprüchliche Dinge gleichzeitig zurufen, und den Rettungsring ergreift, der einem vom Bademeister zugeworfen wird. Es funktionierte. Das Original war wieder auf dem richtigen Weg, und ich brachte dieses Portrait von Wer fürchtet den Tod  zu Ende. Manchmal muss man sich verirren, um sich selbst zu finden, aber ich denke es ist besser für alle, wenn man es vermeidet, sich überhaupt zu verirren.

Und dann auch noch für etwas, das niemals mehr sein sollte als dieser eine Job, den sowieso niemals jemand sehen würde. Manchmal glaubst du, du tanzt da draußen allein, aber noch viel öfter – vor allem in der heutigen Zeit – tanzt du stattdessen auf Wonder Womans unsichtbarem Jet. Und noch viel besser … Irene Gallo von Tor kontaktierte mich und wollte eine kurze Enthüllung meiner Bilder auf deren Webseite machen, und die sagenhafte Natalie Zutter schrieb etwas dazu.

Und ich war wieder sprachlos.

 

Erstmals erschienen am 9. September 2016 auf Muddy Colors
© 2016 by Greg Ruth
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Greg Ruth ist im Netz hier zu finden: http://www.gregthings.com/

Für den deutschen Text
© 2016 by Cross Cult//Amigo Grafik GbR

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

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