Guy Gavriel Kay - Am Fluss der Sterne

Guy Gavriel Kay - Am Fluss der Sterne

ESSAY

Über Mythen. Ein Essay von Guy Gavriel Kay


Mythen und Sagen überdauern Tausende von Jahren und sie werden wahrscheinlich auch das Kinderfernsehen überleben. Kanadas erfolgreichster Fantasy-Autor Guy Gavriel Kay ("Im Schatten des Himmels") über unser Verständnis und die Trivialisierung von Mythen.

***

„Mythologie ist das, was nie war, aber immer ist.“ Dieses Zitat stammt vermutlich von Sallust, dem Philosophen der Spätantike. Vielleicht auch von Stephanos von Byzanz. Oder jemand ganz anderem. Eines der ersten Dinge, die man herausfindet, wenn man sich mit Mythen beschäftigt, ist, dass die früheste Version einer Legende nicht immer die wichtigste ist. Alle Wiedergaben sind von Bedeutung, und die Veränderungen, die Verschiebungen, die sie erfahren, sagen uns etwas über die Entwicklung der Welt oder einer Gesellschaft.

In den frühen keltischen Erzählungen der Artussage ist Bedwyr Artus’ Freund und Begleiter, und die Geschichten von Guinevere, der untreuen Gattin des Königs, sind eng mit den „heidnischen“ Mythen von Sommer, Winter und Fruchtbarkeit verwoben. Später nimmt die zu Beginn so zentrale Figur des Bedwyr jedoch weniger Raum ein und verkommt zum Nebendarsteller Sir Bedivere, der von Lancelot ersetzt und in den Schatten gestellt wird. Den Hintergrund für die Geschichte von Artus, Guinevere und Lanzelot bildet der mächtige christliche Mythos’ von der Suche nach dem Heiligen Gral.

Welche Version ist die bessere? Das ist eine müßige Frage. Wir haben diese beiden Varianten und etliche andere: alte Darstellungen, neuere und aktuelle. Die Figuren aus den Sagen sind stark und gehaltvoll genug, um derlei Veränderungen und Verschiebungen zu überdauern.

Heißt das, dass Mythen alles sein können, was wir wollen? Wohl kaum. Es heißt, dass sich mit dem Kommen und Gehen von Generationen und dem Wandel von Kulturen manchmal der Widerhall einer Geschichte ändert. Das Wunderbare daran ist, dass der Widerhall dennoch bestehen bleibt. Die Sagen von der verheerenden Flut. Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt. Der nordische Gott Loki, der sich im Innern eines Berges vor Schmerzen aufbäumt, sodass die Erde bebt. Der Kojote als Trickster. Die schreckliche Rückreise des Odysseus aus Troja (in Unterwegs nach Cold Mountain von Charles Frazier als Heimreise aus dem amerikanischen Bürgerkrieg neu erzählt). Initiationsmythen. Reisen ins Erwachsensein und zur wahren Identität (die Reise, die jeder von uns bestreitet). Ist Luke Skywalkers Jagd auf den Mann, von dem er nicht weiß, dass er sein Vater ist, gerade deshalb so packend, weil sie sich aus der mythischen Kraft dieser Geschichte speist?

Wir sind von Mythen umgeben, manchmal in trivialisierter, völlig verzerrter Form, aber wenn sie schon viertausend Jahre überdauert haben, werden sie wahrscheinlich auch Xena, den jungen Herkules und ein paar mystische Ritter in den irischen Hügeln des modernen Kinderfernsehens überleben.

Interessanter ist da schon die Frage nach dem Wandel, den unser Verständnis von Mythen erfahren hat. Man muss sich nur das Wort ansehen. Anfangs waren Mythen ein Versuch, die Welt zu erklären, erfunden von Männern und Frauen, die unter der Last ihrer Sterblichkeit und Zerbrechlichkeit litten. Sie strebten danach – wie Sallust oder Stephanos oder wer auch immer gesagt hat – als Geschichten verpackte ewige Wahrheiten zu sein. Aber wie ist das heute? Wie verwenden wir das Wort? Stellen Sie sich einen Nachrichtensprecher vor. Die lebhafte Ankündigung: „Und nach der Werbung geht es weiter mit: Jean Chrétien, Wahrheit und Mythos.“

Bei uns bedeutet das Wort „Unwahrheiten“. Betrug. Eine Lüge, die die Wirklichkeit verschleiert. Diese Verlagerung ist wirklich erstaunlich. Ein „Mythos“ ist nicht mehr der Versuch, eine ewige Wahrheit zu erschaffen, sondern ein Spin Doctor, der aus dem Treppenraum des Unterhauses oder dem Besprechungszimmer des Pentagon sein Spiel mit uns treibt.

Wir müssen eine Kehrtwende machen. Eine Umdeutung vornehmen. Wir können so viel verlieren, wenn wir das Wort und die Geschichten auf diese Weise trivialisieren. Wir können tausende Jahre der Herrlichkeit und Ehrfurcht verlieren. Und die Geschichten, die immer sind.

 

Deutsch von Birgit Maria Pfaffinger

 

© Guy Gavriel Kay

Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Zuerst erschienen unter dem Titel „On Myth“ auf
http://brightweavings.com/ggk/mythessay/
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten

Share:   Facebook