Kurzroman The Dream-Quest of Vellitt Boe von Kij Johnson - Lovecraft ohne die Tentakel

BUCH

Lovecraft ohne die Tentakel: Vellitt Boes Reise durchs Traumland von Kij Johnson



In ihrem märchenhaften Kurzroman
The Dream-Quest of Vellitt Boe erobert die vielseitige Autorin Kij Johnson das Traumland von H. P. Lovecraft.

Kij Johnson ist eine wundervolle Autorin. Um zu erkennen, wie gut und vielseitig die Kurzgeschichten der Amerikanerin sind, genügt ein Blick in die englischsprachige Sammlung At The Mouth of the River of Bees oder den deutschsprachigen Auswahlband Pinselstriche auf glattem Reispapier, aus dem auch die Erzählung „Die Brücke über den Nebel“ stammt, für die Johnson mit dem Hugo und dem Nebula Award ausgezeichnet wurde und die es hier auf Tor-Online kostenlos zu lesen gibt. Johnsons Geschichten sind sprachlich perfekt, stimmungstechnisch punktgenau und inhaltlich enorm abwechslungsreich. Nicht umsonst schwärmt selbst Ursula K. LeGuin, die Grand Dame der Fantastik, von Johnson, der Alien-Pornografie, Tierfantasy und Horror ebenso leicht von der Hand gehen wie alles andere. In ihrem neuesten Werk, dem Kurzroman „The Dream-Quest of Vellitt Boe“, taucht Kij Johnson nun in den Kosmos von Weird-Fiction-Altmeister H. P. Lovecraft ein. Den allgegenwärtigen Tentakeln bleibt sie jedoch fern und begibt sich direkt ins Traumland, das seit jeher hauptsächlich schlafende Männer aus der Wachwelt erreichen.

Erfahrene Wanderin

Im Traumland mit seinem anderen Himmel, seinen wenigen Sternen und seinen eigentümlichen Geschöpfen und Göttern, in dem Zebras als Nutztiere so alltäglich sind wie Ghoule unter der Erde, ist Vellitt Boe eine in die Jahre gekommene Professorin des Frauencolleges in der Stadt Ulthar. Als eine ihrer Studentinnen mit einem Träumer durchbrennt und bei Durchquerung eines Tores in die Heimat ihres Galans den zerstörerischen Zorn eines Gottes auf Ulthar lenken könnte, macht sich Vellitt an die Verfolgung der Liebenden. In ihrer Jugend war die ergraute Professorin eine Abenteuerin und Wanderin, die durch das gesamte Traumland streifte und viel erlebte. Jetzt muss sie erneut ihren Rucksack und ihren Wanderstock hervorholen und mit all ihrer Erfahrung eine anstrengende Reise antreten, die das Schicksal Ulthars entscheiden wird. Vellitts einzige Begleiterin ist eine schwarze Katze, und ihr Weg führt sie in Tempel, über Ozeane mit geheimnisvollen Tiefen und in das unterirdische Reich gefährlicher Kreaturen ...

Das Dreamland, wie es im Original heißt, ist in H. P. Lovecrafts Open-Source-Universum des Kosmischen Schreckens und der Großen Alten eingebunden, das bis heute einen erheblichen Einfluss auf die Fantastik in allen Genres und Medien hat. Lovecrafts Traumland trat erstmals 1918 in der Story „Polaris“ in Erscheinung, doch auch bekanntere Texte wie „Die Katzen von Ulthar“ (worin erklärt wird, wieso in der Stadt keine Katzen getötet werden dürfen) oder die zusammenhängenden Geschichten um Randolph Carter (der das Traumland mithilfe eines Silbernen Schlüssels durch eines der Tore betritt, Zoogs, Ghoule und andere Wesen trifft und in einer seiner Inkarnationen sogar zum König wird) spielen im Traumland. Carter, von dessen längstem Abenteuer „The Dream-Quest of Unknown-Kadath (dt: „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“) Johnson den Titel und viele Elemente für die Queste ihrer rüstigen Professorin übernommen und neu arrangiert und weiterverarbeitet hat, tritt übrigens als Ex-Liebhaber und Ratgeber von Vellitt Boe in Erscheinung.

Düsteres Märchen

In ihrem Kurzroman macht die 1960 geborene Kij Johnson aus Lovecrafts Traumland-Dimension, über die sie erstmals in ihrer Kindheit las, allerdings ein wesentlich magischeres und fantastischeres Land, das voller Schrecken und Fremdartigkeit, aber auch voller Schönheit und Wunder steckt – ein regelrechtes Märchenland. Überhaupt ist es beeindruckend, dass Johnson keinen Lovecraft-Pastiche verfasst hat, wie es sie zuhauf gibt, sondern Mr. Lovecrafts Traumland in einer eigenständigen Interpretation zu ihrem persönlichen Handlungsschauplatz und zu ihrem Sprachrohr über z. B. das Älterwerden als lebenserfahrene Frau macht. Johnson bleibt ihrem Stil und ihrer Perspektive treu, merzt Lovecrafts Sexismus und Rassismus aus und präsentiert in ihrem schmalen Büchlein mit dem hübschen Cover von Victo Ngai ein düsteres, fantastisches Märchen und ein Traumland, das mehr an L. Frank Baums Oz erinnert. Das kann man selbst ohne Kenntnis von H. P. Lovecrafts Texten erkunden, lesen und mögen, und als Lovecraft-Anhänger muss man anerkennend zugeben, dass Johnsons und Boes Traumland um einiges greifbarer und verzaubernder erscheint.

Update und Erinnerung

All die guten, fantasievollen und prägnanten Szenen auf Vellitts Reise sowie ihre Verknüpfung mit unserer Jetztzeit – gleichermaßen Aktualisierung des Lovecraft’schen Traumland-Mythos wie eine Verdeutlichung seiner Zeitlosigkeit – trösten darüber hinweg, dass Kij Johnsons Kurzroman für seinen überschaubaren Umfang ein paar Längen hat. Und natürlich hat The Dream-Quest of Vellitt Boe noch einen begrüßenswerten Nebeneffekt: Nach der Lektüre kramt man wie fremdgesteuert seine Lovecraft-Bände hervor und blättert und liest sich noch mal durch HPLs Traumland-Geschichten, allen voran das ewig knackige „Die Katzen von Ulthar“ und die Carter-Storys, die auf Deutsch zuletzt allesamt in Festas „H. P. Lovecraft: Fantasygeschichten – Der silberne Schlüssel“ veröffentlicht wurden. 

 

 

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