Roman von Autorin Ariel S. Winter: Mr. Sapien träumt vom Menschsein - erschienen beim Knaur Verlag

Ariel S. Winter: Mr. Sapien träumt vom Menschsein (Knaur Verlag)

BUCH

Leseprobe: Mr. Sapien träumt vom Menschsein (Ariel S. Winter)


Der herausragende Science Fiction-Autor Philip K. Dick fragte einst „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" – und lieferte damit die Vorlage zu Ridley Scotts Blockbuster Blade Runner. Bei Ariel S. Winter müsste es wohl eher lauten: „Träumen Androiden von dunklen Familiengeheimnissen?" Wie sein Landsmann behandelt der amerikanische Autor das Thema der verschwimmenden Grenze zwischen Mensch und Maschine.

Und so lässt er auch den Helden seines Romans über die grundlegende Frage sinnieren, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht. Mr. Sapien gehört ungeachtet seiner Namensgebung nicht zu dieser faszinierenden Spezies. Er ist ein Android – zugegebenermaßen etwas lebensmüde, völlig aus der Mode gekommen und obendrein ein ausgewiesener Philanthrop.

In einer maschinendominierten Zukunft, in der die Menschheit ohnehin vom Aussterben bedroht ist, alles andere als gern gesehen. Als ihm dann die Abschaltung drohen soll, flieht er aus der Stadt an die einsame englische Küste, um in einem angemieteten Strandhaus auf dringend benötigte Ersatzteile zu warten. Da wird er auf seine einzigen Nachbarn in der Umgebung aufmerksam, eine rätselhafte Patchwork-Androiden-Familie, die ein Geheimnis zu verbergen scheint: Unter ihnen soll einer der letzten Menschen leben … Hat er die Antworten, nach denen Mr. Sapien sucht?

Die folgende Leseprobe von "Mr. Sapien träumt vom Menschsein" wurde uns von Droemer Knaur zur Verfügung gestellt. Viel Spaß beim Lesen!

1.

 

Meine Ersatzteile von Lifetime Mechanics kamen nicht mehr rechtzeitig. Deshalb veranlasste ich vor meiner Abreise nach Barren Cove, dass man sie mir ins Strandhaus nachschickte. Strandhaus war vielleicht etwas wohlwollend. Eigentlich war es eher eine Art Hütte: ein größerer Raum mit einer Falttür direkt zum Strand und eine kleine Umkleide mit Bad für Menschen, komplett mit Dusche und fließend Wasser. Die Hütte stand geschützt am Fuß einer steilen Klippe und war ab ein Uhr mittags in Schatten getaucht. Manch einer hätte die Gegend als abgeschieden empfunden, doch da ich den bedauernden Blicken meiner Freunde und Familie entkommen wollte, kam mir diese gemietete Unterkunft sehr gelegen. Zumal sich mir in der Stadt zunehmend der Eindruck aufdrängte, dass man mich für selbstsüchtig hielt, weil ich mich nicht dankbar deaktivieren ließ.

Das Haupthaus stand oben auf der Klippe. Vom Wasser aus ließ sich gerade noch seine Silhouette vor der blendenden Sonne erkennen. Es war ein enormes viktorianisches Anwesen, eine Ansammlung spitzer Winkel und Zacken und Balustraden, das angeblich viele hundert Jahre alt war, von Menschen gebaut. Auf eine seltsame Art und Weise faszinierte mich menschliche Kultur – die in der Stadt gleichfalls kein hohes Ansehen genoss – und das Haus gefiel mir. Ich war neugierig auf meine Vermieter dort oben, die ich noch nicht kennengelernt hatte, und hoffte auf eine Einladung. Falls der Rechner der Hütte mit dem Haupthaus verbunden war, könnte ich mich vielleicht auch selbst einladen.

Erst aber würde ich das tun, was ich mir vorgenommen hatte: von einem Sessel in der offenen Tür aufs offene Meer hinausblicken. Die Wellen waren dunkel, das Wasser fast grau. Die Brandung schien Worte zu formen, erst ein Drängen, dann ein Tuscheln, und ich fühlte mich gleichermaßen angeregt und beruhigt.

Raschhhhh.

Pssssst.

Ich wünschte, der Unfall hätte nicht meine Abdichtung ruiniert. Ich sah auf das Bündel roter und grüner Drähte, das aus den Resten meines linken Oberarms hing. Aus den Fetzen verkohlten Simul-Fleischs ragte die leblose Stahlstange meines Endoskeletts. Die Drahtenden lagen blank, Kupfer und Gold. Ich versuchte, den Arm zu bewegen, aber meine Sicherheitssysteme ließen mich das Programm nicht ausführen. Stattdessen öffnete und schloss ich die zweizinkige Metallklaue, die meine rechte Hand ersetzt hatte. Es war ein uraltes Bauteil, voll funktionstüchtig, doch ich hasste es. Mein Blick ging zurück zur tosenden See. Sehr leicht ließe sich herausfinden, wie wasserdicht ich noch war. Wäre es nicht genau das, was von mir erwartet wurde? Ich erhob mich und lief hinab zum Wasser. In diesem Moment sank die Sonne, die bereits tief über der Klippe stand, hinter das Haus oder vielleicht auch hinter eine Wolke, denn das Wasser wurde schwarz. War das nicht der wahre Grund für mein Hiersein? Weil ich mich fragte, ob die Leute in der Stadt vielleicht recht hatten? Es hatten sich schon Jüngere als ich deaktiviert. Abermals versuchte ich, meinen Geisterarm zu bewegen, kämpfte gegen den Systemfehler an. Ich war ein alter Roboter.

Zwei Möwen riefen über mir. Ich sah sie auf die Klippe zufliegen: Die Flügel ausgebreitet im Wind flatterten sie kurz, um sich zu positionieren, dann griffen sie nach der Felswand. Abermals schrien sie; schrill zuerst und dann ein Tremolo wie ihr eigenes Echo. Ich war viel zu lange nicht mehr am Meer gewesen. Vögel und Wasser und solche Dinge wusste heutzutage kaum jemand zu schätzen.

Ich schaute die Küste hinab. Die Klippe setzte sich gut zwanzig Meilen fort, bis sie in der Ferne mit einer kleinen Ortschaft am Horizont verschmolz. Ich zoomte näher heran und konnte die Umrisse der Gebäude ausmachen, aber keine Details. Ich setzte mich in Bewegung, vorbei an der in den Fels geschlagenen Treppe zum Anwesen. An einer Stelle, an der die Klippe eine natürliche Barriere von nur etwa drei Metern Höhe bildete, beschloss ich zu klettern. Im Vollbesitz meiner Kräfte hätte ich sie an jeder Stelle bezwungen, doch gehandicapt, wie ich war, erwies sich das Erklimmen des Hangs als recht schwierig. Mehr als einmal musste ich mit meiner plumpen Klaue um mein Gleichgewicht kämpfen.

Als ich mich über den Rand zog, war es, als öffnete man im Zwielicht die Jalousien: Während unten schon der Abend gedämmert hatte, stand die Sonne hier oben noch hoch, es war helllichter Tag. Eine Straße führte dicht am Klippenrand vorbei, und darauf näherte sich von fern ein Fahrrad. Ich wandte mich von meinem erhöhten Aussichtspunkt wieder dem Meer zu, bekam gar nicht genug von seiner schweren, beständigen Monotonie. Selbst die Wellen änderten nichts an seiner Stetigkeit.

»Idiot!«

Ich drehte mich um, gerade als das Mädchen auf seinem Rad an mir vorbeischoss. Sie sah zum Verlieben aus. Ihr Haar war kurz und rosa, ihre nackten Arme von makellosem Weiß; sie trug eine helle Bluse mit einem roten Stickmuster, Blumen und Schnörkel. Ich zoomte ihr hinterher, sodass ich sie noch eine Weile im Blick hatte, während sie weiter Richtung Ortschaft fuhr. Ich hatte mich getäuscht – sie war kein Mädchen auf einem Fahrrad, sondern ein Mädchen mit Fahrradreifen statt Beinen. Eine der geläufigsten Modifikationen zur Zeit, genau wie das grell gefärbte Haar – alles, um sich nur vom Bild der ursprünglichen Schöpfer zu distanzieren. Der Gedanke dahinter war: Wieso sollten wir uns dieselben physiologischen Beschränkungen auferlegen wie sie, insbesondere, da sich ihre Physiologie als so zerbrechlich erwiesen hatte?

Ich sah ihr nach, bis sie verschwand. Wer war sie? Woher war sie gekommen? Ich schämte mich für meine Gedanken an Selbstmord, schämte mich für meinen deformierten Arm, verfluchte Lifetime Mechanics für ihre Unfähigkeit. »Idiot!« Was hatte ich gedacht, als sie vorbeifuhr? Ich war zu keiner Erwiderung fähig gewesen. Ich hätte etwas sagen können, das sie zum Anhalten gebracht, sie beeindruckt hätte; vielleicht würde ich mich dann immer noch mit ihr unterhalten. Ich überlegte, was ich hätte sagen können, doch selbst mit mehr Abstand fiel mir nichts ein. Nicht bloß nichts Originelles, nein, buchstäblich nichts. Selbst wenn ich sie in meiner Fantasie noch einmal passieren ließ – »Idiot!« –, blieb ich stumm. Ihre Nonchalance war einfach entwaffnend. Mein Einsiedlertum, erkannte ich, war zum Scheitern verurteilt, der Gedanke an dieses Mädchen würde mich heimsuchen. Ob sie noch einmal auf ihren Reifen vorbeisausen würde? Ich hoffte darauf.

Zurück in der Hütte – die Bezeichnung Strandhaus hatte sie wahrlich nicht verdient – erwartete mich das roten Blinken des Interkoms. Der Computer war also mit dem Anwesen vernetzt. Ich trat an die Konsole, um die Nachricht abzurufen. Kaum hatte ich die ersten Worte davon gehört – eine Frauenstimme, die »Willkommen, Mister Sapien« sagte –, summte das Interkom erneut. Ich nahm den Anruf entgegen.

»Mister Sapien?« Dieselbe Frauenstimme.

»Ja?«

»Dean ließ mich wissen, dass Sie angekommen sind. Ich wollte mich nur vergewissern, dass alles zu Ihrer Zufriedenheit ist.«

»Dean?«

»Der Hauscomputer.«

»Alles bestens«, sagte ich. Insgeheim malte ich mir aus, sie wäre das Fahrradmädchen, auch wenn ich wusste, dass sie das nicht war.

»Ich würde Sie gerne zu uns ins Haus einladen, um Sie willkommen zu heißen.«

»Ja, los, lad ihn ein!«, unterbrach eine Männerstimme, ganz nahe. Die Bosheit darin überraschte, ja erschreckte mich.

»Vielleicht ist es aber auch schon zu spät«, sagte die Frau, nun verunsichert.

Ich war hin- und hergerissen zwischen meiner ursprünglichen Neugierde und der plötzlichen Sorge um meinen ungestörten Urlaub.

»Hallo?«, fragte die Frau.

»Lass ihn doch«, rief der Mann, nun von fern.

Draußen war es schon dunkel. »Vielleicht ist es wirklich zu spät«, sagte ich. Auf diese Weise demonstrierte ich meine Unabhängigkeit, hielt mir spätere Besuche aber offen. »Vielleicht morgen, Mistress Beachstone«, wagte ich mich vor, denn die Stimme hatte sich mir nicht vorgestellt, und alles, was ich über meine Vermieter wusste, war der eigentümliche Name Beachstone.

»Aber nein«, sagte die Frau. »Nicht doch! Asimov dreitausend. Mary.«

Ein guter alter Robotername. »Also dann, bis morgen, Mary. Danke für Ihren Anruf.«

Mir war, als hörte ich noch etwas auf ihrer Seite. Dann sagte Mary »Gute Nacht«, und das Interkom verstummte.

Ihre zuvor hinterlassene Nachricht enthielt keine weiteren Informationen, also löschte ich sie. Ich schob die herrlich altmodische Falttür zu, stellte fest, dass sie das Meeresrauschen beträchtlich dämpfte, hätte sie fast wieder aufgeschoben, doch ließ sie dann geschlossen. Der Raum wirkte nun deutlich kleiner. Kurz erwog ich, Dean nach Mary Asimov 3000 und Mr. Beachstone – der Stimme im Hintergrund? – zu fragen, beschloss dann aber, sie der Höflichkeit halber erst persönlich kennenzulernen. »Licht aus«, sagte ich, und von einem Moment auf den nächsten wurde es dunkel. Ich ließ mich in einen der Sessel sinken und führte einen Neustart durch, um meinen Systemen Gelegenheit zur nächtliche Wartung zu geben.

***

Am nächsten Vormittag stieg ich die Treppe im Fels hinauf. Erst machte ich mir Gedanken wegen meines Aussehens, aber dann sagte ich mir, dass falls mein Vermieter sich tatsächlich vom Anblick ein paar nackter Drähte abgestoßen fühlte, ich wenigstens meine Neugierde befriedigt und mein Alleinsein bewahrt hätte. Die Stufen führten zu einem Pfad, der sich auf der Rückseite des Hauses zwischen ein paar Sträuchern durch den gepflegten Garten schlängelte. Voraus erklang und verstummte das Summen einer elektrischen Heckenschere, und hinter der Ecke des Anwesens entdeckte ich einen Roboter, älter noch als ich, der die Büsche trimmte. Er stammte aus der Zeit vor Simul-Haut, seine Verschalung war nur ein Überzug aus weißem Plastik, und ich ertappte mich dabei, wie ich ihn anstarrte, als er auf mich aufmerksam wurde. Er reagierte nicht darauf, und ich war mir nicht sicher, ob er überhaupt ein Klasse-4-Modell war – also zu mehr fähig, als einen Garten für andere in Schuss zu halten, die seine Arbeit nicht zu schätzen wussten.

Ich klopfte an die Vordertür und wartete. Keine Antwort. Ich klopfte erneut. Aus der Nähe fiel mir das lackierte Holz am Haus auf. Die Spitzenvorhänge in den Fenstern waren alle zugezogen, sodass man nicht hineinschauen konnte, was mich verwunderte angesichts der Tatsache, dass es weit und breit keine Nachbarn außer mir gab. Wahrscheinlich verkannten Roboter, die derart den Kontakt zur Zivilisation verloren hatten, dass Nachtsicht am Tage ein ernster Fauxpas war, selbst in den eigenen vier Wänden. Oder sie waren hier in der für Roboter ungewohnten Natur so von der Sonne verwöhnt, dass sie nicht gleich am Morgen alle Fenster aufrissen. Aber da die Tür weiterhin geschlossen blieb, zog ich in Betracht, dass gar keiner daheim war.

»Da kommt niemand«, prophezeite eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah den Gärtner, der sich mittlerweile zur Veranda vorgearbeitet hatte. Der summende Motor der Heckenschere verebbte.

»Ich bin Mister Sapien«, sagte ich, überrascht, dass er doch sprechen konnte. »Ich habe die Hütte gemietet. Unten am Strand.« Ich deutete in die Richtung.

»Da kommt niemand«, wiederholte der Gärtner. Er schaltete die Heckenschere wieder ein und trimmte die Sträucher. Sie waren perfekt.

Ich klopfte erneut, aber über den Lärm der Schere war es kaum noch zu hören. Ich fühlte mich beleidigt. Eigentlich wollte ich ja allein sein, doch immerhin man hatte mich eingeladen und bereits einen beträchtlichen Betrag von meinem Konto abgebucht. Da war es nur angemessen, meinen Vermieter zu treffen. So schlug und schlug ich mit meiner Klaue gegen die Tür und rief »Aufmachen!«, bis die Tür wie von Geisterhand aufschwang. Es musste sich um eine Sprachsteuerung handeln. Ich schaute mich nach dem Gärtner um, der aber kümmerte sich bloß um seine Arbeit.

In der Eingangshalle war es deutlich kühler als draußen. Im angrenzenden Wohnzimmer kläffte ein kleiner Roboterhund, sprang zwei Schritte vor und wirbelte herum, um abermals zwei Schritte vorzuspringen. Doch er vollführte seine Kunststückchen vor leeren Rängen.

Ich schickte über den Hauscomputer eine Nachricht an alle Bewohner. Dean antwortete mit weiblicher Stimme: »Miss Mary ist bei Mister Beachstone. Sie wird gleich herunterkommen. Bitte machen Sie es sich im Wohnzimmer gemütlich.«

»Danke, Dean.« Ich trat in das Zimmer mit dem kläffenden Hund und fragte mich insgeheim, wie lange wohl sein Akku halten würde oder ob man ihn nicht einfach abstellen konnte.

»Närrisches kleines Ding, nicht wahr? Aber ich hab sie so lieb.«

Vor mir stand der fetteste Roboter, den ich jemals gesehen hatte. Seine Simul-Haut hing ihm in Lappen vom Kinn, und seine Brust und seine Bauch wölbten den purpurnen Kimono. War er etwa ein Mensch? Wir waren aber nicht nur nach ihrem Bild, sondern ihrem Idealbild geschaffen, und nach menschlichen Maßstäben wirkte er zu jung, um biologisch zu sein.

»Ich hab sie von eBay. Zwanzigstes Jahrhundert, hätten Sie’s gedacht?«

»Ich hätte sie für einen Rüden gehalten.«

Der Mann fasste sich an die Brust. »Du liebe Güte.« Dann wies er mir einen Sessel und nahm mir gegenüber Platz. »Wie auch immer. Ich bin jedenfalls Kent. Ich hätte ihnen ja die Hand gegeben, aber mir fiel Ihre …« Er zeigte auf meine zerstörten Gliedmaßen. Der Hund hüpfte auf dem Boden herum. »Und, wie finden Sie das Strandhaus?« Es gelang ihm, ein gehöriges Maß an Verachtung in das Wort zu legen.

»Es hält den Sand aus meinen Systemen.«

»Wie praktisch. Aber unser gutes Haus ist arg altmodisch, hab ich recht? Haben Sie Kapec getroffen?«

Ich war verwirrt. Wo war Mary? Wer war dieser Mann? Es fiel mir schwer zu glauben, dass zu ihm die wütende Stimme im Hintergrund des gestrigen Telefonats gehörte.

»Der Gärtner«, half er nach. »Einundzwanzigstes Jahrhundert, hat man so was schon gesehen? Ich hoffe nur, dass er nicht wieder kaputtgeht; ich bezweifle, dass es noch Ersatzteile für ihn gibt. Oh.« Er hielt die Hand vor die geschürzten Lippen. »Tut mir leid.«

»Kein Problem.« Fast hätte ich gesagt, dass Teile für mich auf dem Weg seien – für den Fall, dass sie zum Anwesen statt zu mir unten am Strand geliefert wurden. Ich konnte mich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass Kent nicht der richtige Ansprechpartner dafür war. Er war der Typ, der vor Neugierde das Paket öffnete, bevor er es mir gab.

»Mary hat mich gestern eingeladen«, sagte ich.

»Ich weiß.« Er stand auf und gab mit nichts zu verstehen, was er von der Einladung hielt. »Ich muss Ihnen mein neuestes Spielzeug zeigen.« Er ging zum Kamin, auf dem sich alle erdenklichen Dinge sammelten, die meisten wahrscheinlich so alt wie das Haus: eine verzierte antike Uhr mit mechanischen Soldaten, die darauf warteten, die Stunde zu schlagen, Porzellanvasen, ein Kristallengel auf einem Halbmond. Kent griff nach einer gut dreißig Zentimeter großen Maquette eines Roboters. Die Skulptur war eine Karikatur, fast schon eine Beleidigung. Der blau-graue Lack sollte wollte wohl metallisch wirken, Kopf und Brust waren bloß Kästen, die Beine endeten in ein paar Rollen. »Ihr Name ist Rosie, frühes einundzwanzigstes Jahrhundert, damals schon ein teures Sammlerstück. Sie verkörpert eine Zeichentrickfigur des Zwanzigsten Jahrhunderts, aber die Krönung ist ihr Aufzug, finden Sie nicht?«

Rosie trug eine schwarz-weiße Schürze im klassischen Stil eines französischen Zimmermädchens. »Ich finde es beleidigend«, sagte ich.

»Nun ja.« Behutsam setzte Kent die Figur wieder ab. Dann zupfte er sich das speckige Kinn. »Wo ist nur Ihr robotischer Stolz geblieben?« Er schaute an sich herab, fuhr sich über den Körper. »Und wo meiner?«

»Ah, Sie haben Kent getroffen«, sagte eine Frau von der Tür her, und ich hielt es für angebracht, aufzustehen. Falls es sich bei ihr um Mary handelte, dann ähnelte sie einem Asimov-3000 nicht im Geringsten. Sie sah umwerfend aus, absolut menschlich, vielleicht nach der Vorlage eines alten Filmstars, den ich nicht kannte. So wie Kents Rosie.

Es war eine neuere Entwicklung: Roboter gaben ihren Namen an ihren Nachwuchs weiter, sodass er kaum noch eine Bedeutung hatte. Asimov 3000 war kein Modell mehr, sondern ein Familienname. Doch Mary schien sich ihrer Schönheit nicht bewusst zu sein. Unsicher verknotete sie ihre Hände.

»Sei brav, Mary, ich war es auch.« Mit diesen Worten marschierte Kent geradewegs an ihr vorbei aus dem Zimmer, wobei er ihr erst im letztmöglichen Moment auswich.

»War er das wirklich?«, fragte Mary, den Blick gesenkt.

»Wie bitte?«

»Brav.« Sie schaute auf. »Tut mir leid. Ich bin Mary.« Sie trat auf mich zu und streckte die Hand aus, dann merkte sie, dass ich selbst keine hatte, um die Geste zu erwidern, senkte wieder den Kopf und verknotete ihre Finger. »Tut mir leid.«

»Ich habe mich gewundert, weshalb niemand aufmacht. Der Gärtner sagte …«

»Kapec?«

»Ja, er sagte, es wäre niemand da.«

»Tut mir leid«, sagte sie ein drittes Mal. Seit sie mir die Hand hatte geben wollen, hatte sie mich nicht mehr angeschaut. Vielleicht sollte ich mich wieder setzen, um ihr die Anspannung zu nehmen. Vielleicht sollte ich ihr anbieten, sich zu setzen. Da eilte sie zu dem mechanischen Hund, und einen Moment lang sah es so aus, als wollte sie ihn treten, doch sie bückte sich nur und drückte einen Schalter, woraufhin er endlich verstummte. Ich ließ mich nieder.

»Sie brauchen sich nicht zu einem Besuch verpflichtet fühlen«, sagte Mary und nahm auf einem Sessel am Fenster Platz. Die Spitzenvorhänge streiften ihren Rücken.

»Das tue ich nicht, ich wollte bloß höflich …«

»Ich weiß, dass wir nicht die besten Gastgeber sind«, unterbrach sie mich. »Und wir hatten noch nie einen Mieter.« Sie stockte. »Sie sind der Erste.«

»Das ist wirklich kein Problem. Eigentlich kam ich ja, weil ich meine Ruhe wollte.«

»Richtig, das sagten Sie in Ihrer ersten Nachricht, und ich glaube, das gab auch den Ausschlag.« Sie erhob sich. »Also lassen Sie es uns einfach wissen, wenn Sie etwas brauchen.«

Man bat mich hinaus? Was war aus der netten Einladung von gestern geworden? Sicher, ich suchte die Abgeschiedenheit, aber wir würden hier praktisch gemeinsam wohnen. »Was ist mit Mister Beachstone?«, fragte ich, ohne aufzustehen.

»Wie bitte?«

»Ich habe noch gar nicht Mister Beachstone getroffen. Ich dachte, da er …«

Sie schaute zum Eingang.

»Ist alles in Ordnung?«

Sie schaute wieder zu mir. »Mister Beachstone empfängt niemanden.« Und als ob sie selbst merkte, wie seltsam das klang, fügte sie hinzu: »Er ist unpässlich.«

Ich öffnete und schloss die Klaue an meinem rechten Arm. Was meinte sie damit, er war unpässlich? Wie würde sie bitte meine Verfassung beschreiben? Sie warf wieder einen Blick zur Tür und fixierte dann den Boden zu ihren Füßen. Ich stand auf.

»Also dann vielleicht ein andermal«, sagte ich, obgleich ich davon ausging, dass es kein anderes Mal geben würde. Nach wie vor wusste ich nicht, wer die zweite Stimme am Interkom gestern Abend gewesen war. An der Eingangstür war mir, als hätte ich noch etwas anderes sagen wollen.

»Danke, dass Sie gekommen sind. Tut mir leid, dass ich so durcheinander bin.« Mary lächelte mich unversehens an. Sie war wirklich sehr schön.

»Ach richtig«, sagte ich, als es mir wieder einfiel. »Haben wir eigentlich noch andere Nachbarn?«

»Nachbarn?«

»Ja, ich habe gestern ein Mädchen auf … mit …« Wie drückte man das heutzutage höflich aus? »Ich habe gestern ein Mädchen mit rosa Haar gesehen, und dachte, wir sind vielleicht Nachbarn.«

»Nein.« Sie schüttelte verwirrt den Kopf. »Die nächsten Häuser sind zwanzig Meilen entfernt. Ich habe keine Ahnung, wer das war.«

»Nun gut.« Ich wandte mich zum Gehen.

»Tür auf«, sagte sie, und die Tür schwang vor mir auf und schloss sich ohne ein weiteres Wort hinter mir. Erst da fiel mir ein, dass ich noch die Lieferung meiner Ersatzteile hatte ansprechen wollen.

Halb hinter dem Haus entdeckte ich Kapec, wie er die Büsche am Wegesrand schnitt.

»Kapec!«, rief ich und lief auf ihn zu.

Er schaltete die Heckenschere ab, der Motor verstummte, dann schaute er mich abwartend an. Diese Dienerroboter waren wirklich eine Schande.

»Bist du mit einem Nachrichtensystem ausgestattet?«

»Das sollten Sie Dean fragen.« Kapecs Gesicht blieb ausdruckslos, seine Stimme monoton. Trotzdem hatte ich das unbestimmte Gefühl, ihn beleidigt zu haben.

»Klar, ich könnte Mary auch einfach eine Nachricht schicken, aber ich dachte, es wäre besser, wenn du es ihr ausrichtest.«

Kapec widmete sich wieder seinen Sträuchern. »Das sollten Sie Dean fragen.« Vielleicht war es Unsinn, ihn für beleidigt zu halten. Höchstwahrscheinlich war er wirklich bloß ein Gärtnermodell und kannte nichts anderes. »Grüßen Sie Clarke von mir«, sagte er, ohne mich anzusehen, und schaltete die Heckenschere wieder ein, sodass der Motor jede weitere Unterhaltung unterband. Was sollte das nun heißen? Ich war versucht, ihm eine Nachricht zu schicken, vermutlich war er aber gar nicht darauf ausgelegt.

Ich kehrte zur Hütte zurück. Dort angekommen, sagte ich: »Dean, hinterlege eine Notiz in deinem System, dass ich ein Paket erwarte und nicht weiß, ob es zum Anwesen oder zu mir geliefert wird.«

Da trat plötzlich ein Roboter aus der Umkleide im hinteren Teil der Hütte. »Ein Paket, wie aufregend!« Seine Stimme war die zweite Stimme vom Interkom.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte ich.

»Oh, tut mir leid«, sagte er und kam auf mich zu. »Bin es einfach gewohnt, die Hütte zu benutzen, wenn ich am Strand bin.« Er hatte sich selbst modifiziert: Die Simul-Haut war von den Armen gekratzt, sodass nur noch ein paar Fetzen an den Schultern hingen und das Endoskelett bis zu den Fingerspitzen blank lag. Dasselbe hatte er mit der unteren Hälfte seines Gesichts und um die Augen getan. Das machte es unmöglich, seinen Gesichtsausdruck zu deuten, und auf mich wirkte es reichlich bedrohlich.

»Wer sind Sie?«, fragte ich und wich vor ihm zurück.

»Clarke.« Er legte in einer ausholenden Geste die Hand auf die Brust und vollführte eine spöttische Verbeugung. »Das schwarze Schaf von Barren Cove.« Er bewegte rasch den Finger jeder Hand – von den kleinen Fingern zu den Daumen und wieder zurück. Sein Metallskelett klickte bei jeder Bewegung. »Und ich wollte hallo sagen. Kein Grund also, so förmlich zu sein.« Er packte die Lehne eines Sessels und sprang darüber hinweg, sodass er darin zum Sitzen kam, die Beine ausgestreckt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. »Gefällt mir, was du mit deinen Armen gemacht hast.«

Ich öffnete und schloss meine Klaue. Es hatte nicht denselben Einschüchterungsfaktor wie sein Fingertrick. »Kapec sagte, ich solle dir Grüße bestellen.«

»Kapec, Kapec, Kapec«, sann Clarke. »Was für ein verrückter alter Roboter.«

Als ›verrückt‹ hätte ich eher Clarke beschrieben. Ich beschloss aber, Ruhe zu bewahren, und ließ mich ihm gegenüber in dem Sessel nieder, in dem ich am Abend zuvor gesessen hatte.

»Hast du den Alten schon getroffen?«

»Wen, Mister Beachstone?«

»Ha, ha, ha, ha, ha, ha.« Der Klang war metallisch, ein heruntergeladener Soundeffekt, dennoch effektiv. »Mister. Lustig. Ja genau, Mister Beachstone.«

»Bist du ein Beachstone?«

Clarke sprang auf und packte mit seinen Metallhänden die Armlehnen meines Sessels. Sein Skelettgesicht war nur Zentimeter von mir entfernt. »Sehe ich vielleicht wie ein Beachstone aus?« Er öffnete und schloss seinen Kiefer. Das Resultat war wie bei seinen Fingern bedrohlich.

»Du sagtest ›der Alte‹. Da nahm ich an …«

Clarke musterte mich kritisch. »Wie alt bist du?«

»Ich bin nicht … ich meine … was hat das … Ich zahle gutes Geld!«

Abermals öffnete und schloss er den Mund, dann zog er sich langsam von mir zurück und vollführte sicherheitshalber noch einmal den Trick mit den Fingern. »Ha, ha, ha, ha, ha, ha.« Derselbe Soundeffekt. Sein Repertoire war offenbar beschränkt. Lässig nahm er wieder Platz. »Wie lange wirst du bei uns bleiben?«

»Ich hatte vor, mich gründlich zu erholen. Könnte eine Weile dauern.«

»Dann sehen wir uns.«

»Und deine Freunde?«

Er legte den Kopf schief.

»Ein Mädchen, das ich gestern gesehen habe.« Jetzt, da er wieder auf Abstand war, wich meine Angst einem Gefühl der Wut. »Ein Freak wie du. Rosa Haar, Fahrradreifen statt Beine. Sie schien mir aus Richtung des Hauses zu kommen.«

»Ich bin beeindruckt, Sapien. Sitzt zwar selbst im Glashaus, trotzdem bin ich beeindruckt. Vielleicht wird’s ja doch lustig mit dir.« Er stemmte sich aus dem Sessel. »Ich glaube, ich breche dann auch wieder auf.« Und mit diesen Worten spazierte hinaus zum Strand und verschwand um die Ecke der Hütte.

Der Klang des Ozeans mahnte mich zur Eile wie zur Ruhe. In was war ich da nur hineingeraten? In der Stadt waren die Blicke und Kommentare leise und zurückhaltend gewesen, sodass man sie im alltäglichen Tumult ignorieren konnte. Diese Familie aber – sofern sie überhaupt eine war – wirkte gefährlich. Kam das dabei heraus, wenn Roboter aufs Land zogen? Machte die Einsamkeit, die Nutzlosigkeit, die Langweile sie verrückt? Ich dachte an Kapec und seine Sträucher. Was taten sie hier draußen? Was würde ich hier tun? Vielleicht wusste Dean die Antwort. »Dean?«

»Ja, Mister Sapien?«

Ich stand auf und umkreiste den Tisch. Nur acht Schritte später hatte ich wieder meinen Ausgangspunkt erreicht. Grüblerisch musterte ich die Fliesen auf dem Boden – Keramik, in gutem Zustand.

»Kann ich Ihnen helfen, Sir?«

Ich hatte schon wieder vergessen, dass ich sie gerufen hatte. »Was ist hier passiert?«, fragte ich und nahm wieder Platz.

»Zugriff verweigert.«

»Irgendwas wirst du mir doch sagen können.«

»Bedaure, Sir.«

»Was stimmt mit Mister Beachstone nicht?«

»Mister Beachstone ist unpässlich.«

Mary hatte dasselbe gesagt. Ich verfolgte, wie der Himmel sich erst tiefblau, dann violett färbte. Irgendwann begriff ich: Er musste ein Mensch sein. Deshalb hatten sie »unpässlich« gesagt und nicht »beschädigt« oder »reparaturbedürftig«. Es war lange her, dass ich zuletzt mit einem Menschen geredet hatte. Natürlich konnte ich probieren, Deans Verschlüsselung zu knacken, um meine Neugierde zu befriedigen, aber wollte ich überhaupt etwas mit den Beachstones, den Asimov 3000s oder wer sie auch waren, zu tun haben?

»Kann ich Ihnen sonst irgendwie behilflich sein?«

Ohne eine Antwort zu geben ging ich nach draußen. Der Strand war verlassen. Ich zoomte die ferne Formation von Häusern heran, zu der das Fahrradmädchen gefahren war, konnte aber keine Details erkennen. Dann lief ich hinab zum Wasser und immer weiter, bis die Wellen mich bis zur Hüfte umspülten. Der Stumpf meines linken Arms befand sich sicher über der Brandung, und meinen rechten Arm hielt ich in die Höhe gestreckt. Am Horizont hatten sich ein paar dunkle Wolken zusammengeballt, doch der Himmel über mir war klar. So stand ich bis zur Gürtellinie im Meer und verfolgte das Farbenspiel des Wassers, während die Sonne hinter mir versank. Meine Sensoren spürten die Wellen, eine jede anders als die vorherige, ähnlich, aber doch anders, und fügten die Informationen meinem Datenspeicher hinzu, verhalfen mir zu einem präziseren Verständnis dessen, was eine Welle ausmachte. Ich widmete mich dieser Aufgabe mit all meinen Systemen und zelebrierte ihre Nutzlosigkeit.

2.


»Ihr Paket ist da«, begrüßte mich Dean, als ich am nächsten Tag online ging. »Es ist hier im Anwesen.«

»Kannst du es mir runterbringen lassen?« Ich hatte keine Lust auf einen weiteren Besuch bei meinen Vermietern.

»Es gibt niemanden, der das tun könnte.«

»Kapec vielleicht?«

»Kapec ist ein Gärtner«, sagte Dean.

Und so ging ich doch wieder nach Barren Cove. Die Wolken, die tags zuvor über dem Meer gewesen waren, hatten die Küste erreicht, und der Himmel war grau. Der Luftdruck und die elektrische Feldstärke waren gestiegen. Es gab eine siebzigprozentige Chance für vereinzelte Gewitter; mit meinen offen liegenden Schaltkreisen sollte ich daher besser nicht zu lange draußen unterwegs sein.

Trotz des Wetters traf ich Kapec oben im Garten beim Blumengießen an. Er hielt einen Schlauch mit einer Sprühdüse und drehte seinen Torso in gleichmäßigen Schritten, die einen perfekten Halbkreis von einhundertachtzig Grad abdeckten. Ich hielt mich nicht mit ihm auf und ging weiter.

Wie schon beim letzten Mal öffnete niemand die Tür, also ließ ich mich selbst hinein. Ich hatte gehofft, das Paket in der Eingangshalle vorzufinden, sodass ich mich damit aus dem Staub machen konnte, ohne die Familie zu treffen, aber die Halle war leer. Ich schickte eine Nachricht an Dean: »Wo ist meine Lieferung?«

Statt einer Antwort erschien Mary oben auf der Treppe. »Mister Sapien, ich habe Ihnen Ihr Paket gleich hinter die Tür gestellt.« Sie kam die Treppe herab. »Dean, weißt du, was aus Mister Sapiens Paket geworden ist?« Der Computer gab keine Antwort. Ich war mir sicher, dass Mary und ich an Clarke dachten, doch sie drehte sich nur ratlos um die eigene Achse. »Jemand muss es weggeräumt haben.«

Da tauchte Kent aus den hinteren Bereichen des Anwesens auf, seinen Roboterhund auf dem Arm. Heute trug er Shorts und T-Shirt. Der Hund kläffte und strampelte ziellos mit den Beinen, während Kent ihn streichelte. »Was ist los?«

»Wir suchen Mister Sapiens Paket«, sagte Mary.

»Oh je«, sagte Kent.

Mary ging ins Wohnzimmer, in dem wir gestern gesessen hatten. »Hilf uns suchen.«

Prompt machte Kent kehrt und lief dorthin zurück, von wo er gekommen war. Ich nahm an, dass Marys Aufforderung mich einschloss, und nahm die Treppe nach oben. Das Treppenhaus war nicht beleuchtet, doch ich unterdrückte meine Nachtsicht für den Fall, dass es oben hell war. Vom oberen Treppenabsatz aus führte ein beiderseits von Türen gesäumter Flur zu einer weiteren Treppe. Fast alle Türen standen offen, und im Vorübergehen warf ich flüchtige Blicke in jedes Zimmer. Viele waren viktorianischen Schlafzimmern nachempfunden, komplett mit Himmelbetten, Schminktischen und Kommoden. Weiter den Flur hinab fand ich ein Zimmer, das so gar nicht zum Rest des Hauses passte. Es erinnerte mich an mein eigenes Apartment in der Großstadt: etwas Mobiliar aus Glas und Metall, dazu Elektronik. Davon überzeugt, dass es sich um Clarkes Zimmer handelte und er mein Paket gestohlen hatte, trat ich ein. So spärlich, wie der Raum eingerichtet war, ließ er sich mit einem Blick durchsuchen. Nichts. Am Ende des Flurs jedoch, gegenüber der gewundenen Holztreppe ins zweite Obergeschoss, befand sich eine geschlossene Tür. Ich klopfte an.

Keine Antwort.

»Wessen Zimmer ist das, Dean?«

»Mister Beachstones«, sagte der Computer. »Stören Sie ihn nicht.«

Ratlos blickte ich den leeren Flur hinab. Von draußen hörte ich fernes Donnergrollen. »Mister Beachstone!«, rief ich und griff nach der Tür.

»Mary würde das gar nicht gefallen.« Ich drehte mich um und sah auf einmal Kent am anderen Ende des Flurs stehen, seinen Hund, der nun still war, auf dem Arm.

Ertappt hielt ich inne. Da bekam ich eine Nachricht von Mary: »Kommen Sie schnell! Hinten im Garten.« Kent musste dieselbe Nachricht erhalten haben, denn er machte augenblicklich kehrt. Gemeinsam rannten wir die Treppe hinab und nach draußen.

Der Wind hatte beträchtlich zugenommen. Das Wasser aus Kapecs Gartenschlauch verfehlte sein Ziel.

»Clarke!«, hörten wir Mary von fern rufen.

Wir umrundeten das Haus und rannten fort von der Treppe Richtung Strand in den hinteren Teil des Gartens. Mary stand mit dem Rücken zum Anwesen, Kleid und Haar vom Wind zerzaust. Unter uns lag der Ozean, die Wellen schaumgekrönt. Es blitzte, ich spürte die Elektrizität in der Luft, dann traf uns der Donner. Clarke stand am Rand der Klippe, ein großes, braun verpacktes Paket in der Hand. Sobald er mich sah, warf er das Paket von der Klippe. Ich machte einen Satz – und noch im selben Moment schnellte Clarkes Metallarm wie ein Teleskop anderthalb Meter vor und fing das Paket aus der Luft. Vorsichtig trat ich näher. Hinter mir redete Kent beruhigend auf seinen Hund ein.

»Lifetime Mechanics!«, rief Clarke in den Wind, der die Worte davonriss.

»Genau«, sandte ich ihm auf einem offenen Kanal als Antwort, nicht willens, gegen das Wetter anzuschreien.

Abermals ließ er das Paket fallen, nur um es mühelos wieder zu fangen. »Wozu? Du siehst doch gerade so robo aus!«

Es war gleichermaßen ein Kompliment wie eine Provokation.

Ich war nur noch zwei Schritte von ihm entfernt und streckte meine behelfsmäßige Hand nach dem Paket aus. »Ich kann mir meine Ersatzteile auch noch mal bestellen.«

»Wie alt bist du?«, fragte er mich wieder, nun ebenfalls auf meinem Kanal.

»Ich bin menschengebaut.«

»Clarke!«, rief Mary abermals, als wäre es das Einzige, was ihr zu tun einfiel.

Wieder fuhr ein Blitz vom Himmel, und mein Überspannungsschutz aktivierte sich.

»Solltest besser nicht in den Regen kommen«, riet mir Clarke, fuhr seine Teleskoparme aus und drückte mir das Paket an die Brust, sodass ich es mit meinem verbliebenen Arm an mich drücken konnte. »Und das mit den Ersatzteilen würde ich bleiben lassen. Sind doch nur Sinnbilder der Sklaverei, und so robo, wie du gerade bist, erinnerst du mich an meinen Cousin.«

»Cousin?«

»Machst mir wirklich Spaß, alter Mann.« Mit diesen Worten stürzte er sich von der Klippe.

Mary schrie, oder vielleicht war es auch nur der Donner.

»Gehen wir lieber rein, bevor es zu regnen anfängt«, sagte Kent zu seinem Hund.

Als ich mich umdrehte, stand Kapec dicht neben mir. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Dann erreichte mich ein Audiofile von Clarke. Ich spielte es ab: »Ha, ha, ha, ha, ha, ha.« Es war alles eine große Inszenierung – aber für wen?

Es begann zu tröpfeln. Mein Paket an mich gepresst, rannte ich zum Haus. Mir blieb nicht mehr genug Zeit, um zur Hütte zurückzukehren, und ich war nicht für einen Sprung von der Klippe darauf ausgelegt, so wie Clarke. Gerade noch rechtzeitig schaffte ich hinter Kent und Mary durch die Tür, ehe der Regen richtig loslegte. Ohne ein weiteres Wort lief Mary nach oben. Kent verschwand wieder in den hinteren Bereichen des Hauses. Mir selbst überlassen ging ich ins Wohnzimmer.

Ich setzte mich in den Sessel am Fenster, in dem Mary gestern gesessen hatte, und zog die Spitzenvorhänge zurück. Draußen im Regen stand Kapec. Wenn mich der Wolkenbruch erwischt hätte, wäre ich jetzt wahrscheinlich dauerhaft deaktiviert. Der Boden schien den Regen nicht gut aufzunehmen: Er sammelte sich, drohte den Rasen zu überfluten, floss in Rinnsalen Richtung Haus. Um die Stille nicht zu stören, sandte ich Dean eine Nachricht: »Von wem hat Clarke da eben geredet?«

»Passwort erforderlich«, antworte Dean laut.

Ich widmete mich meinem Paket von Lifetime Mechanics. Mit meiner Klaue stellte ich mich reichlich ungeschickt an, aber schließlich gelang es mir, es zu öffnen. Darin lag ein brandneuer linker Arm, schützend in eine Form aus Styropor verpackt.

Von meiner neuen rechten Hand fehlte jede Spur.

 

 

Sobald der Regen vorüber war, kehrte ich zur Hütte zurück. Gründlicher als zuvor nahm ich den Inhalt des Pakets in Augenschein und breitete alles auf dem Tisch aus. Da war der Arm in seiner Styroporform; er wirkte zu sauber, leblos. Da war ein Speicherchip mit Software, und eine Broschüre mit gedruckten Anweisungen. Ich entfernte den Chip aus seiner schimmernden Schutzfolie und schob ihn in den USB-Port unterhalb meines linken Schlüsselbeins. Mein System griff auf das Set-up-File zu, und mir erschloss sich das Wissen, wie ich meinen Arm austauschen konnte. Es gab sogar ein Tool für Roboter mit zwei beschädigten Armen wie mich. Mit dessen Hilfe konnte ich die Sicherheitssperren umgehen, die mich an der Benutzung des schadhaften Körperteils hinderten, und den Stumpf von meiner Schulter entkoppeln, sodass die Reste des Arms mit metallischem Klang auf den Tisch fielen. Ich ergriff den neuen Arm mit meiner Klaue und hielt ihn so, dass der Gelenkkopf am Ende Kontakt mit der Gelenkpfanne der Schulter herstellte. Diese erkannte die neue Hardware, umschloss sie und startete die nächste Phase des Set-up-Programms. Ich stimmte zu, die Software des alten Arms mit der neuen vom Speicherchip zu überschreiben. Mein System begann mit dem Kopiervorgang.

»Dean«, sagte ich laut. »Weißt du, weshalb die Familie diese Hütte vermietet?«

»Die Familienausgaben sind gestiegen, seit sich Mister Beachstones Zustand verschlechterte«, antworte sie.

Ich versuchte, den neuen Arm zu bewegen; er rührte sich nicht. »Du meinst, seit er krank wurde.« Die Software klärte mich darüber auf, dass ich meine Systeme neu starten musste, um Zugriff auf die neue Hardware zu erhalten. »Ich muss jetzt rebooten, Dean. Später kannst du mir ja mehr darüber erzählen.«

»Sie werden das Passwort brauchen, Sir.«

»Passwort wofür?«

»Für meine Logs.«

Anscheinend legten die Familienmitglieder Back-ups auf dem Hauscomputer an, wenn sie rebooteten. Er war bestimmt gut gesichert.

Ich sah die leblose humanoide Hand an meiner Seite an. Dachte an Clarke, wie er mit seinen Fingern gespielt hatte. »Ich fahre jetzt runter.« Ich rebootete.

Es dauerte eine halbe Stunde. Als ich wieder zu mir kam, stand mir die neue Hardware sofort zur Verfügung. Ich benutzte sie, um den alten Stumpf in die Styroporform einzupassen. Es hatte etwas ästhetisch Befriedigendes, wie die Schulter sich in die Styroporschale einfügte, während der Oberarm in einer Metallstange auslief und nur die leere Form den Rest des Armes andeutete. Ich wackelte mit den Fingern, wie Clarke es getan hatte, doch die Verkleidung aus Simul-Haut machte die Geste lautlos, menschlich. Im Vergleich zu meinem neuen linken Arm war meine Klaue wirklich »robo«, wie Clarke es genannt hatte. Ich ging zu Deans Konsole.

»Glückwunsch, Sir.«

»Danke, Dean.« Ich tippte mich mit meiner neuen Hand durch einige Menüs auf dem Touchscreen. Dann nahm ich einen meiner Speicherchips, steckte ihn in die Konsole und ließ ein Entschlüsselungsprogramm laufen. Ein Sternchen und ein Schrägstrich wechselten sich im Millisekundentakt auf dem Schirm ab, während das Programm nach dem ersten Buchstaben des Passworts suchte.

Während die Entschlüsselung lief, ging ich zum Strand. Der Regen hatte den Sand hart und flach gedrückt. Die Wellen waren hoch, aber nicht gefährlich. Ich lief ins Meer und ließ meine neue Hand ins Wasser hängen. Ich musste mich bei Lifetime Mechanics über meine fehlende Ersatzhand beschweren; sobald ich vollständig repariert war, konnte ich schwimmen. Als meine Freunde mich gefragt hatten, weshalb ich überhaupt schwimmen wollte, war mir selbst kein guter Grund eingefallen. Ich hatte versucht, ihnen zu erklären, dass ich schwimmen wollte, gerade weil es keinen Grund dafür gab. Ein derart monotones, mechanisches Unterfangen, das einfach nur … menschlich war. Vielleicht hatten Clarke und das Mädchen mit dem rosa Haar und alle anderen ja recht – ich war veraltet. Mehr noch als Kapec, der wenigstens zweckmäßig war. Meine gesamte Logik war von gestern. Ich hätte nicht meine Hardware erneuern, sondern vielmehr meinen Speicher löschen und von vorn anfangen sollen. Allerdings mochten Roboter schon lange keine gebrauchte Hardware mehr. Sie wollten ihren Nachwuchs von Grund auf neu bauen. Mich hatte man dafür kritisiert, ein Menschenfreund zu sein, mein robotisches Selbst nicht anzunehmen, während sie die Menschen auf die natürlichste Art überhaupt nachahmten: Fortpflanzung!

Wenn es hier in Barren Cove noch einen Menschen gab …

»Passwort akzeptiert«, meldete sich Dean.

Ich ging zurück in die Hütte. Nasser Sand klebte an meinen Füßen. Ich trat an die Konsole.

»File in den Speicher kopieren oder öffnen?«

Ich öffnete das File.


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Unverkäufliche Leseprobe aus: Ariel S. Winter – ›Mr. Sapien träumt vom Menschsein‹. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Droemer Knaur GmbH und Co. KG, München

Deutsch von Oliver Plaschka

 

 

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Ariel S. Winter startete mit seinem Debütroman "The Twenty-Year Death" in den USA sehr erfolgreich durch. Sein Roman wurde für den Los Angeles Times-Book-Award nominiert. Der Knaur Verlag holt den talentierten Autor nun mit seinem aktuellen Roman "Mr. Sapien träumt vom Menschsein" nach Deutschland.

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