Jo Walton - Wie wir Fantastik lesen - Ausschnitt aus Graphic Novel: Joe Haldeman - Der ewige Krieg

KOLUMNE

Wie wir Fantastik lesen



Genres werden in der Regel durch ihre Konventionen definiert – im Krimi geschehen Morde, die aufgeklärt werden müssen, im Liebesroman finden zwei Menschen zueinander, und so weiter. Bei der Science Fiction klappt es mit dieser Definition nicht so gut, weil es darin eben nicht nur um Roboter und Raumschiffe geht. Samuel Delany hat einmal gesagt, dass man die Science Fiction eher beschreiben sollte, anstatt sie zu definieren. Und es auch sinnvoller sei, einen großen Kreis um die Werke zu ziehen, bei denen sich alle Leute einig sind, dass es sich um Science Fiction handelt, anstatt die Grenzen des Genres genau bestimmen zu wollen. (Obwohl es zugegebenermaßen Spaß macht, sich über die Grenzen von Science Fiction und Fantasy zu streiten – ein Streit, der wohl nie beendet sein wird.) Delany schlug vor, sich vielmehr anzuschauen, wie Leser an die SF herangehen. Seiner Ansicht nach braucht es bestimmte Fähigkeiten, um SF verstehen zu können, ohne die man keinen Zugang dazu findet.

Wenn Sie das hier lesen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie über diese Fähigkeiten verfügen.

(Übrigens verwende ich den Begriff „Science Fiction“, wenn ich die „Science Fiction“ als Genre meine, und „SF“, wenn ich im weitesten Sinne von Fantastik rede.)

Vermutlich ist es uns allen schon einmal passiert, dass wir einen tollen SF-Roman gelesen haben und ihn einem Freund geben wollten – einem belesenen Freund, der A.S. Byatt und E.M. Forster schätzt. Manchmal rümpft dieser Freund schon beim Anblick des Covers die Nase, und wir müssen ihm versichern: Nein wirklich, das ist ein gutes Buch. Es wird dir gefallen. Und mitunter gefällt es unserem Freund auch sogar. Oft jedoch wird er uns das Buch mit verwirrter Miene und den Worten zurückgeben, dass er versucht hätte, es zu lesen, aber einfach nicht „in die Geschichte reingekommen“ sei. Unser Freund besaß nicht die nötigen Fähigkeiten, um Science Fiction zu lesen, und ist deshalb davor zurückgeschreckt. Es ist nicht so, dass diese Leute dumm wären. Oder nicht lesen könnten. Nur findet eben ein Teil des Spaßes beim Lesen von Science Fiction im eigenen Kopf statt. Und diese Leute empfinden das nicht als Spaß, sondern als Arbeit.

Es kann da unterschiedliche Ausprägungen geben. Mein Ex-Mann hat mal einem Freund Joe Haldemans Der ewige Krieg geliehen. Sein Freund schaffte es jedoch nicht einmal bis ins zweite Kapitel, weil in dem Buch ein Tachyonen-Antrieb vorkam und er sich nicht erklären konnte, wie so etwas funktioniert. Ihn interessierten lediglich die physikalischen Grundlagen eines solchen Antriebs, während wir doch alle wissen, was das Wesentliche an einem Tachyonen-Antrieb ist: Nämlich, dass man sich damit überlichtschnell fortbewegen kann, was für die Figuren in Der ewige Krieg in zeitlicher Hinsicht zu einer relativen Verschiebung zum Geschehen auf der Erde führt. Die physikalischen Grundlagen spielen dabei keine Rolle. Natürlich gibt es auch Bücher über physikalische Entdeckungen und Erfindungen, und manche davon sind Science Fiction (Freie Geister von Ursula K. Le Guin zum Beispiel). In Der ewige Krieg geht es jedoch darum, dass die Figuren losfliegen, um gegen Außerirdische zu kämpfen und bei ihrer Rückkehr eine ihnen vollkommen fremde Erde vorfinden. Der Tachyonen-Antrieb ist für die Geschichte natürlich entscheidend, aber seine Funktionsweise? Vergesst es! Das spielt keine Rolle.

Der Typ mit dem Tachyonen-Antrieb ist mir deshalb im Gedächtnis geblieben, weil er sich an so einem kleinen Detail festgebissen hat. Er war nicht in der Lage zu unterscheiden, was in der Geschichte wichtig ist und was nicht. Woher weiß ich, dass der Antrieb nicht weiter wichtig ist? Weil es in der Geschichte so angelegt ist. Und wie habe ich gelernt, das zu erkennen? Indem ich tonnenweise SF gelesen habe. Und wie habe ich tonnenweise SF gelesen, ohne zu wissen, wie man das macht? Ich war zwölf und daran gewöhnt, nicht immer alles gleich zu verstehen. Ich habe mir die nötigen Fähigkeiten beim Lesen angeeignet. So wie wir alle. Und warum konnte dieser Typ das nicht? Vermutlich hätte er es gekonnt, es wäre für ihn jedoch Arbeit und nicht Spaß gewesen.

Heutzutage werde ich eher aus anderer Richtung – der literarischen – mit dem Problem konfrontiert. Ich erinnere mich da an ein Beispiel auf dem Weblog „Making Light“. Dort gab es eine Rezension von Kelly Links Kurzgeschichte „Zombie Contingency Plans“ (erschienen in der Sammlung Magic for Beginners), deren Verfasser die Zombies als Metaphern deuten wollte. Nur sind sie das eben nicht. Es sind echte Zombies. Vielleicht kann man in ihnen auch Metaphern sehen – ihre metaphorische Funktion ist aber auf jeden Fall zweitrangig zu der Tatsache, dass es echte Zombies sind, die menschliche Gehirne fressen wollen. In der Science Fiction werden Metaphern häufig wörtlich genommen, und natürlich ist das Genre offen für metaphorische, symbolische und sogar allegorische Deutungen, aber was im Rahmen der Geschichte real ist, ist real, daran gibt es nichts zu rütteln. Ich hatte dieses Problem mit einem der Übersetzer meines Romans Der Clan der Klauen. Ständig schickte er mir E-Mails und fragte mich, wofür bestimmte Dinge stehen. Und ich antwortete immer wieder: Nein, die Figuren sind tatsächlich Drachen, und wenn sie noch für irgendetwas anderes stehen, dann ist das auf jeden Fall weniger wichtig als ihr Dasein als Drachen. So ging das ewig weiter, und ich blieb eine ganze Weile höflich, bis ich ihm am Ende doch noch den Kopf abriss – im metaphorischen Sinne natürlich.

Wenn ich Literatur lese, nehme ich die Geschichte zunächst als real hin und mache mir erst später Gedanken über Metaphern und Symbole, wenn überhaupt. Möglicherweise entgeht mir dabei etwas, genau wie den Leuten, die Zombies und Drachen als Metaphern lesen wollen. Interessanterweise finden gerade die SF-Bücher, die sich am ehesten metaphorisch deuten lassen, in der akademischen Welt die meiste Anerkennung. Philip K. Dick erhielt eine Ausgabe in der Library of America, nicht jedoch Theodore Sturgeon oder Robert A. Heinlein. Kelly Link wird von Mainstream-Rezensenten besprochen, Elizabeth Bear dagegen nicht.

Und dann gibt es Menschen wie meine Tante. Sie gehört zu den Leuten, denen ich SF-Romane leihe und dann zu hören bekomme, sie hätten nicht in die Geschichte hineingefunden. Als jedoch mein erster Roman, The King's Peace, erschien, ackerte sie ihn durch und war am Ende tatsächlich in der Lage, über die Ebene des Metaphorischen hinauszublicken. „Das ist wie mit den griechischen Sagen oder der Bibel!“, sagte sie freudig. Das war eben ihr Deutungshorizont. Ich hätte mich fast kaputt gelacht, aber für sie war es der erste Schritt in die richtige Richtung. Sie war dabei, sich die Lesefähigkeiten anzueignen, die wir SF-Leser als selbstverständlich hinnehmen.

Einmal bin ich auf einer Trollope-Mailingliste mit Leuten aneinandergeraten, die Fußnoten mögen. (Ich kann Fußnoten nicht ausstehen, es sei denn sie stammen vom Autor selber.) Die Leute, mit denen ich mich damals stritt, waren der Meinung, dass sie Fußnoten bräuchten, um die Geschichte zu verstehen. Trollope war ja davon ausgegangen, dass seine Leser wüssten, was ein Hansom sei, und seine Witze über die Dezimalisierung begriffen. Ich hingegen argumentierte, dass sich einem diese Dinge entweder aus dem Kontext erschlossen oder sie einfach nicht so wichtig seien. Nach einer Weile wurde mir klar – und das habe ich dann auch gesagt –, dass ich Trollope als SF las und davon ausging, dass der Text die Welt in meinem Kopf erschaffen würde. Meine Gesprächspartner hielten dann sehr richtig dagegen, dass dies in der SF mit Absicht geschehe. Ich glaube nicht, dass sich an ihrer oder meiner Begeisterung für Trollope dadurch etwas geändert hat – viktorianische Romane lese ich weiterhin lieber in Ausgaben ohne Fußnoten.

Dass im eigenen Kopf eine Welt entsteht, ist die fundamentale Erfahrung beim Lesen von SF. Für mich macht das einen Großteil des Lesevergnügens aus. Bei Delany gibt es einen ganzen Absatz darüber, wie ein Satz wie „Die rote Sonne stand hoch und die blaue tief“ das eigene Denken erweitern kann – wie man sich automatisch die violetten Doppelschatten auf einem Planeten mit zwei Sonnen vorstellt. Ich glaube, dass es über das rein Dingliche sogar noch hinausgeht. Es macht einfach Spaß, über Menschen zu lesen, die aus fremden Gesellschaften stammen und ganz andere Lebenseinstellungen haben.

In der SF ist die Welt nicht selbstverständlich. Es mussten Techniken entwickelt werden, um sie dem Leser nahezubringen. Da wäre zum Beispiel der schlichte Infodump, den Neal Stephenson zur Kunstform erhoben hat. Aber auch noch andere Techniken, die ich „Fährten legen“ nenne. Informationen werden in den Text eingebaut, die dann im Ganzen betrachtet, einen höheren Sinn ergeben. Der Leser muss sie im Gedächtnis behalten und das Gesamtbild selbst zusammensetzen. Das ist es, was vielen Leuten beim SF-Lesen zu viel Mühe macht, mir jedoch am meisten Spaß bereitet. SF ist wie ein Krimi, in dem die Welt und ihre Geschichte das Rätsel sind, das es aufzuklären gilt. Das alles im Geist zusammenzufügen ist genauso interessant wie die Figuren und die Handlung, wenn nicht gar noch interessanter. Eigentlich ist es zwar der Autor, der Worldbuilding betreibt, aber wir Leser sind daran genauso beteiligt – wir bauen aus Hinweisen eine Welt zusammen. Wenn man liest: „Die Uhren schlugen dreizehn“, hat man erst einmal den Eindruck, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Bis man begreift, dass der Roman in einer Welt angesiedelt ist, in der die Zeit in vierundzwanzig Stunden gemessen wird, was bedeutet, dass da tatsächlich etwas faul ist. Orwell sendet gleich ein doppeltes Signal.

In der SF muss der Text eine Menge Informationen transportieren, wodurch die Handlung schnell ins Hintertreffen geraten kann. Aus diesem Grund wurden die genannten Techniken entwickelt. Der Leser erhält Signale, damit er weiß, was vorausgesetzt wird und welche Informationen wichtig sind. Wir sind daran gewöhnt, Menschen, Orte oder Produkte anhand ihrer Namen und Bezeichnungen einzuordnen. Wir wissen, was erklärt werden muss und was nicht. Trollope musste nicht erklären, dass ein Hansom eine Pferdekutsche war, die man in London mieten konnte, um damit durch die Stadt zu fahren, aber nur bis zur Stadtgrenze. Und Byatt erklärt nicht, dass die Northern Line eine U-Bahn ist, deren Strecke von Norden nach Süden durch London verläuft und die im frühen zwanzigsten Jahrhundert gebaut wurde. Genauso lässig winken SF-Figuren Fahrradtaxis und Ornithopter herbei und geben dem Fahrer nach der Fahrt Trinkgeld.

Science Fiction wird schon seit über hundert Jahren geschrieben, und seit etwa achtzig Jahren gibt es Autoren, die sich des Genres bewusst bedienen. In dieser Zeit haben sich die Techniken des Schreibens und Lesens von SF stetig weiterentwickelt. Ältere Texte wirken häufig ungelenk, so als würden sie das Rad neu erfinden – was sie ja auch taten. In der modernen SF wird dagegen vieles nicht ausformuliert. Dort steht nicht: „Die rote Sonne stand hoch und die blaue niedrig, weil es sich um ein Doppelsternsystem handelt.“ Das kann auch zum Problem werden. SF-Leser schreiben mitunter SF, in der es nicht genug Oberfläche gibt, an der man sich festhalten kann. Leute, die nicht die Fähigkeit besitzen, SF zu lesen, können sie sich mit solchen Texten auch nicht aneignen. Und umgekehrt schreiben Leute, die keine SF-Leser sind, furchtbar ungelenke, altmodisch wirkende SF-Texte, in denen sie das Rad neu erfinden, weil sie nicht wissen, was sie erklären müssen und was nicht. Sie erklären häufig zu viel und gleichzeitig nicht genug, wovon SF-Leser schnell genervt sind.

Es gibt jedoch – damals wie heute – zahllose Bücher, die einen guten Einstieg in die SF bieten. Harry Potter ist so ein Beispiel. Diese Serie hat viele Menschen zu Genrelesern gemacht. 

 



Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus. 

 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.
 

 

Originaltitel: »Why I Re-Read«

© 2008 Jo Walton

Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

Share:   Facebook