Fantasy und das Neuschreiben von Geschichte von Jo Walton

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KOLUMNE

Fantasy und das Neuschreiben von Geschichte



In früheren Zeiten wurde Geschichte alle paar Generationen neu geschrieben. Heutzutage ist das nicht mehr so einfach möglich, weshalb Autoren angefangen haben, sich fiktive Ursprungsmythen auszudenken. J.R.R. Tolkien, H.P. Lovecraft, Mervyn Peake, E.R. Eddison, Lord Dunsany, Hope Mirrlees, Poul Anderson und viele mehr begründeten ein neues Genre – die Fantasy. Ihre Geschichten wurden seither von anderen Autoren des Genres vielfach nach- und neuerzählt, wie es nun mal in der Natur des Menschen liegt. Täten wir das nicht, hätten wir wahrscheinlich längst kollektiv den Verstand verloren. Diese Theorie habe ich gemeinsam mit Patrick Nielsen Hayden bei einem Abendessen in Boskone aufgestellt – und, ja, es war Alkohol im Spiel.

     In The Discovery of France: A Historical Geography from the Revolution to the First World War (2007) beschreibt Graham Robb die erstaunliche Vielfalt an Subkulturen, die im Frankreich der Vor-Moderne existierte – was ja noch gar nicht so lange her ist. Diese kleinen Kulturen schrieben alle paar Generationen ihre Geschichte um, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein:

 

     „Mit Geschichte im landläufigen Sinne hatte das wenig zu tun. Im Tarn setzte man ‚die Römer‘ häufig mit ‚den Engländern‘ gleich. Und in Teilen der Auvergne sprach man von ‚le bon Csar‘, ohne sich bewusst zu sein, dass der ‚gute alte Caesar‘ die eigenen gallischen Vorfahren gefoltert und abgeschlachtet hatte. Andere Gruppen – die Bürger von Sens, die Bewohner der Sümpfe von Poitou und das Fürstenhaus Savoyen – führten ihre Wurzeln auf gallische Stämme zurück, die sich den Römern nicht ergeben hatten.

     Doch auch wenn es sich um mündliche Überlieferungen handelte, waren diese vermutlich noch recht jung. Solche Geschichten reichen selten weiter als zwei oder drei Generationen zurück. Stadt- und Dorfhistorien waren häufig schlicht und hausbacken, ganz anders als die farbenprächtige Geschichte, die dem ländlichen Frankreich später von Gelehrten zugesprochen wurde. Zeitgenossen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts würden sich in den historischen Informationen, die heute von modernen Touristenbüros herausgegeben werden, vermutlich gar nicht wiedererkennen. Nach einer vierjährigen Expedition in die Bretagne kehrte ein Volkskundler 1881 nach Paris zurück, um – zweifellos zur Enttäuschung aller Romantiker, die für die sagenumwobene armorikanische Halbinsel schwärmten – zu berichten, dass kein bretonischer Bauer je von Barden oder Druiden gehört hätte.“

 

Im Jahre 1760 verfasste James McPherson ein langes episches Gedicht in einem pseudo-keltischen Stil. Ossian wurde äußerst beliebt. Seinen Zeitgenossen gefiel dieses Gedicht viel besser als echte keltische Poesie, weil es eher ihrem Geschmack entsprach. Aus demselben Grund sind wohl auch die Werke von Autoren, die aus der Mitte der Gesellschaft stammen und über eine Minderheit schreiben, erfolgreicher als jene von den Angehörigen der Minderheit selbst. Eine Prise Exotik kommt bei den Leuten gut an – authentische Schilderungen werden hingegen schnell zu exotisch. Ossian schlug für viele zeitgenössische Leser eine Brücke zu den keltischen Originalen – auch wenn das Werk aus heutiger Sicht so klar als Fälschung zu erkennen ist, dass man sich kaum vorstellen kann, wie jemand darauf hereinfallen konnte. Neben McPherson in Schottland gab es noch den walisischen Antiquar und Fälscher Iolo Morgannwg, der schon so manchem Forscher Kopfzerbrechen bereitete. Im neunzehnten Jahrhundert (und darüber hinaus) wurden in Wales nicht wenige historische Dokumente und sogar archäologische Fundstätten gefälscht.

     Geschah dies aus dem Wunsch heraus, die eigene Geschichte umzuschreiben? Eine Geschichte, die bereits geschehen und daher nicht mehr zu ändern war?

     Unsere Mythen und Legenden sind nicht immer wahr, aber immens wichtig. Wir brauchen sie, um die Welt und unseren Platz darin zu verstehen. Geschichten und Märchen lassen sich den Bedürfnissen entsprechend anpassen, solange sie umgeschrieben werden können.

     Vor einer Weile habe ich an einer Diskussion über die Nacherzählungen der Artussage teilgenommen. Damals wies ich im Scherz darauf hin, dass die Sage in der Regel nicht auf die Gegenwart übertragen wird. General Douglas MacArthur wird nicht zu Artus umgedeutet. Und es heißt auch nicht, Cromwell hätte bei seinem Abzug aus Irland sämtliche Bewohner getötet, bis auf sieben schwangere Frauen, die sich in einer Höhle versteckt hielten.

     Es gibt noch andere Ursprungsmythen, zum Beispiel über das Zusammenleben der Steinzeitmenschen. In den fünfziger Jahren hieß es, die Menschen der Steinzeit hätten in Kernfamilien gelebt. Der Vater ging auf die Jagd und brachte das Essen heim, während die Mutter kochte und sich um die Kinder kümmerte. In den Sechzigern war man der Meinung, die Steinzeitmenschen hätten sich zu größeren, kommunalen Gruppen zusammengeschlossen, wo häufig Feste gefeiert wurden, mit Kunst, Musik und Sex. In den Siebzigern rückte der Beitrag der Frauen stärker in den Vordergrund. In den Achtzigern sprach man über die Alphamänner, die einen Harem unterhielten und andere Männer aus der Gruppe vertrieben. In den Neunzigern erfuhren wir, dass die vertriebenen Männer, wenn die Alphamänner auf der Jagd waren, heimlich zurückkehrten und die Frauen schwängerten. In den letzten zehn Jahren wurde die Bedeutung der schwulen Onkel für die Höhlenmenschen hervorgehoben. Es geht weniger darum, ob diese Geschichten wahr sind oder nicht, sondern um die Art, wie sie erzählt werden. Dasselbe gilt sicher auch für die Geschichten über den Ursprung des Universums. Die Beweise selbst sind eher nebensächlich, entscheidend ist die Art, wie sie interpretiert und zu einer sinnvollen Geschichte zusammengefügt werden.

     Mit der Erfindung der Druckerpresse und der fortschreitenden Alphabetisierung wurde es zunehmend schwieriger, Geschichte umzuschreiben. Existierte erst einmal eine anerkannte Version, konnte diese nicht einfach über den Haufen geworfen werden. Es kam zu einer Reihe von Entwicklungen – unter anderem wurde die mimetische Literatur erfunden. Sie war im neunzehnten Jahrhundert sehr erfolgreich. Zum ersten Mal lasen die Menschen Geschichten über relativ realistische Figuren in der realen Welt, ohne jegliche fantastische Elemente. Eine weitere Entwicklung war die Geschichtsfälschung. Und schließlich das Erfinden neuer Mythologien.

     Tolkien schrieb einmal:

 

     „Mir ging es darum, ein Werk aus mehr oder minder stark miteinander verwobenen Legenden zu erschaffen. Einige große, kosmogonische und andere, die eher an romantische Märchen erinnerten. Wobei sich die großen auf die kleineren stützten, die ihnen Bodenhaftung verliehen, und die kleineren durch den großangelegten Hintergrund an Glanz gewannen. Dieses Werk wollte ich ganz einfach meiner Heimat widmen: England.“ (Brief an Milton Waldman, 1951, The Letters of J.R.R. Tolkien, Hg. von Carpenter, 1981)

 

Dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich zu einem Aufschwung in der Fantasy kam, hat mich immer schon verwundert. Mit fantastischen Kinderbüchern im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert fing es an. Dies waren keine Neuerzählungen alter Märchen, von denen es inzwischen aufgezeichnete Versionen gab, sondern neue Geschichten. Alice im Wunderland, Das Dschungelbuch, Fünf Kinder und zehn Wünsche, Peter Pan. Bis dahin hatte es keine eigenständige Kinder- und Jugendliteratur gegeben und wenn, dann nur in Form von belehrenden Geschichten. Eine Generation später traten die Fantasyautoren in Erscheinung, die für Erwachsene schrieben – Lovecraft, Tolkien und Peake haben an sich wenig gemein, sie lebten jedoch in derselben Ära und schufen als Reaktion darauf neue Mythologien. Dunsany ist ein wenig älter, doch viele seiner Werke, allen voran The Gods of Pegana, können ebenfalls als Mythologien gelesen werden. Ähnlich verhält es sich mit Eddison und Mirrlees. Diese Autoren kannten einander nicht (außer dass Tolkien Dunsany gelesen hatte), und ihre Werke sind sehr unterschiedlich, doch gewinnt man den Eindruck, dass sie alle dasselbe Ziel verfolgten: neue Ursprungsmythen zu erschaffen.

     Die Fantasyautoren, die nach Tolkien kamen, befassten sich größtenteils damit, seine Werke neu zu erzählen oder sich von diesen abzugrenzen. Das ist zwar nicht alles, was das Genre ausmacht, aber ein wesentlicher Teil davon. Tolkiens Popularität und die des Genres allgemein lässt sich meines Erachtens darauf zurückführen, dass hier neue Ursprungsmythen erzählt wurden, die bei den Lesern gut ankamen.

     Im Horrorgenre hat es dieses Problem nie gegeben. Horrorautoren gelingt es immer wieder aufs Neue, ihre Geschichten der Gegenwart anzupassen und sie damit aktuell zu halten. Ein Kanon, der ein Neuschreiben der Geschichten behindern würde, findet sich hier nicht. Die im Licht funkelnden Vampire sind also eher ein Zeichen der Vitalität des Genres als seines Niedergangs.  

 



Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus. 

 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.
 

 

Originaltitel: »Why I Re-Read«

© 2008 Jo Walton

Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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