Book-Talk: Wesley Chu über sein Buch "Das Leben des Tao"

INTERVIEW

Interview mit Autor Wesley Chu (Die Leben des Tao)


Stimmen im Kopf? Die sind nicht gerade das, wovon wir alle träumen. Erst recht nicht, wenn sie von neunmalklugen, jahrtausendealten Aliens kommen, wie in Wesley Chus Roman ›Die Leben des Tao‹, erster Band in einer Trilogie. Wir haben ihn befragt, wie er dazu gekommen ist, als Autor ins Tao-Universum abzutauchen.

TOR ONLINE: Wenn du in einem Satz für "Die Leben des Tao" werben müsstest, was würdest du sagen?

Wesley Chu: Übergewichtiger Verlierer trifft auf spitzzüngiges Alien, muss in Form kommen, einen Krieg um die Kontrolle der Menschheitsevolution führen und eine Freundin finden – die Reihenfolge entspricht nicht unbedingt der Wichtigkeit der Punkte.

Ich hab geschummelt, weil ich wirklich schlecht im Verkaufen bin. Einmal hat mich eine bekannte Lektorin gefragt, wovon Die Leben des Tao handelt. Ich hatte das Buch bereits verkauft, also war es egal, sie war nur neugierig. Ich faselte ungefähr zwei Minuten herum, und setzte den Pitch derart in den Sand, dass ihr die Gesichtszüge entglitten. Als ich endlich fertig war, sagte sie: “Naja, zumindest hat es einen schönen Titel.”

Also da habt ihr’s: Die Leben des Tao hat einen schönen Titel.

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, dass in den Köpfen der Menschen Außerirdische leben könnten?

Die Leben des Tao sollte anfangs eine Alternativweltgeschichte werden, ein Roman, der nicht versucht, Geschichte neu zu schreiben, sondern neue Erklärungen findet, warum Dinge so oder so passiert sind. Ich fand das Warum immer interessanter als die Frage, wie etwas geschehen ist. Mit einer außerirdischen Spezies, die die Menschen dazu benutzt, einen Stellvertreterkrieg zu führen, konnte ich eine komplett neue Geschichte erzählen.

Während ich mein Erzähluniversum erschuf, erfand ich ein paar interessante Regeln, die die Story veränderten: Erstens. Ich entschied, dass die Quasing die Menschen, in denen sie lebten, nicht kontrollieren konnten. Sie konnten nur mit ihnen sprechen. Zweitens. Die Quasing konnten ihre Wirte bis zu deren Tod nicht verlassen.

Plötzlich handelte der Roman weniger von den Außerirdischen, die die Welt verändern (obwohl das immer noch der spannende Hintergrund der Story war), sondern eher von zwei untrennbar miteinander verwachsenen Persönlichkeiten, die nun in einer Welt zurechtkommen müssen (ohne dabei getötet zu werden). Auf einmal war die Beziehung zwischen Roen und Tao der interessantere Teil der Geschichte, also verfolgte ich das weiter.

 

Im Verlauf des Buches erfahren wir, dass die Quasing Einfluss auf die gesamte Geschichte der Menschheit genommen haben. Wie hast du entschieden, wer auf Seiten der Prophus - den "Guten" - steht und wer auf Seite der "Bösen", den Genjix?

Eines der Dinge, die mir beim Schreiben von Die Leben des Tao am meisten Spaß gemacht haben, war, Geschichte neu zu interpretieren – und dabei berühmte Leute zu piesacken. Ich habe die Biographien mehrerer historischer Persönlichkeiten recherchiert und ihnen dann eins ausgewischt. Diese berühmten Leute haben sich gewunden und gewehrt, und ich bin ihnen auf der Nase rumgetanzt. Je nachdem, ob ihre Handlungen mehr oder weniger Konflikte in die Welt brachten, habe ich sie in Prophus oder Genjix eingeteilt. Danach hab ich ihnen noch mal einen mitgegeben, nur so zum Spaß.

 

Auf welcher Seite des Quasing-Kriegs würdest du kämpfen?

Ich würde wirklich gerne sagen, ich wäre lieber ein Prophus, aber das ist wahrscheinlich eine Lüge. Meine Schmerzgrenze ist schnell erreicht, und ich stehe lieber auf der Gewinnerseite. Zu den Verlierern zu gehören, nervt. Außerdem haben die Genjix mehr Geld, eine größere Armee, und die ganzen netten Spielzeuge und Villen. Und was man auch nicht vergessen sollte: Ich bin gar nicht sicher, ob die Prophus wirklich die Guten in diesem Krieg sind.

 

Und mit welchem Quasing würdest du gern deinen Körper teilen? Und warum?

Ich mag die Vorstellung, jemanden wie Tao in meinem Kopf zu haben, aber ich denke, dass ich mir nach ein paar Monaten frustriert selbst eine reinhauen würde. Obwohl Taos Denken meinem Unterbewusstsein wahrscheinlich sehr nahekommt. Ich sag euch was Witziges: Der Roen-Charakter, das bin im Grunde ich, und Tao ist mein Über-Ich. Wer Roen mag, wird mich wahrscheinlich auch mögen. Wer Roen hasst, naja, der wird wahrscheinlich denken: was für ein Blödmann.

 

Du bist ein echter Kung-Fu-Meister und der Protagonist Roen Tan ist offensichtlich auch ein Fan asiatischer Kampfkunst. Wie haben dich deine Erfahrungen beim Schreiben beeinflusst?

Im ersten Entwurf von Die Leben des Tao gab es ein paar verdammt gute Actionszenen. So gut, dass eigentlich jeder mit einem Mindestmaß an Trainingserfahrung die Szene verstehen und nachspielen könnte. Genau so was brauchst du, um Kampfszenen als Stunt zu koordinieren. Es ist wichtig, dass jeder genau weiß, welche Position er einnehmen, welches Timing er haben muss, und welchen Sinn jede einzelne Bewegung hat.

In einem Buch werden solche Szenen allerdings schnell langweilig. Sie müssen auf ihre wichtigsten Bestandteile runtergekürzt werden, sonst hast du am Ende einen Michael Bay-Film. Meine Kampfkunsterfahrung half aber dabei, die Action zum Leben zu erwecken. Wenn man weiß, was passiert und warum, kann man sich aufs Wesentliche beschränken, um die maximale emotionale Wirkung zu erzielen. Oh, und es ist nützlich zu wissen, wie es sich anfühlt, eine reingehauen zu bekommen.

 

Was ist dir beim Schreiben von "Die Leben des Tao" am schwersten gefallen?

Die Leben des Tao war mein Debütroman. Es ist wahrscheinlich das wichtigste Buch, das ich je geschrieben habe, weil ich mir damit meine ersten Sporen als Schriftsteller verdient habe. Ich habe dabei gelernt, was am Schreiben am schwierigsten ist: überarbeiten und kürzen.

Der erste Entwurf des Romans war 25% länger. Es hat eine Menge Arbeit und Disziplin gebraucht, bis ich verstanden habe, dass weniger mehr ist und ein Autor nicht zu sehr an einer Szene hängen sollte. Wenn sie nicht zur Geschichte passt, muss man sie streichen. Man muss sich ins Gedächtnis rufen, dass jeder erste Entwurf kompletter Mist ist. Nur durch Überarbeiten und noch mehr Überarbeiten wird ein großes Buch daraus.

 

Welches Kapitel, welche Szene oder welche Figur aus deinem Roman hat dir eigentlich am besten gefallen?

Meine Lieblingsszene ist der Raubüberfall. Das ist das Einzige aus meinen Büchern, was mir im echten Leben passiert ist. Ich war 22, jung und dumm wie Brot. Ein Typ versuchte, mich mit einem Messer auszurauben. Ich hatte ja über viele Jahre gelernt, wie man jemanden mit einem Schwert umbringt. Das war also die Gelegenheit, meine Fähigkeiten in einer Situation einzusetzen, bei der es um Leben und Tod ging. Ich hab’s natürlich verbockt und habe den Mann angegriffen, indem ich windmühlenartig mit den Armen herumwirbelte, wie ein Idiot.

 

Wenn du in die Vergangenheit reisen und vor der Veröffentlichung von "Die Leben des Tao" eine Sache am Manuskript ändern könntest, würdest du es tun? Und was würdest du ändern?

Nicht eine verdammte Sache. Der Roman ist genau so, wie er sein soll. Na gut, im Ernst, wenn ich in die Vergangenheit reisen könnte, würde ich das ganze Buch neu schreiben. Das geht mir aber mit allen meinen Büchern so. Ich schrieb den ersten Entwurf zu Die Leben des Tao vor fast zehn Jahren, als ich jung und dumm war. Jetzt bin ich alt und dumm, aber ein bisschen weiser und habe mehr Erfahrung beim Schreiben.

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