Rezension: Schule der Übermenschen: Dietmar Daths meisterhafte Einführung ins Superhelden(un)wesen

Superhelden - Dietmar Dath

BUCH

Schule der Übermenschen: Dietmar Daths meisterhafte Einführung ins Superhelden(un)wesen


Felix Darwin
20.10.2016

Auf genau hundert Seiten erzählt Dietmar Dath, der »Chef-Nerd des deutschen Feuilletons« (Die Zeit), was ihn an Superheldencomics so begeistert, und entwirft ganz nebenbei noch eine Theorie der Phantastik. Unser Rezensent ist hingerissen.

 

Kaum eine Erzählform setzt so sehr voraus wie der Comic, die »graphische Erzählung« (die ja mitnichten nur komisch ist), dass man bereits mit ihr aufwächst, ihre Konventionen in einem frühen Alter lernt wie eine Sprache. Und kaum ein Genre bedarf so sehr des kindlichen und jugendlichen Erstkontakts wie die Superheldenerzählung, damit daraus (dauerhafte) Zuneigung, ja Liebe wird.

Diese beiden Voraussetzungen, die man eben hat oder nicht, sorgen wohl dafür, dass uneingeweihte »Erwachsene« auf das Produkt, bei dem beides zusammenkommt, nämlich dem Superheldencomic, oft so verständnislos oder abwehrend reagieren. Und was man nicht versteht, wird eben gerne abqualifiziert, obwohl dafür auch nur die grundlegendsten Voraussetzungen fehlen.

Wer sich, trotz Unwissenheit und Berührungsängsten, doch einmal näher mit dieser Spielart der Literatur beschäftigen möchte, vielleicht durch den derzeitigen Marvel-Boom in den Kinos angeregt oder schlicht durch intellektuelle Neugier, sollte unbedingt zu dem schmalen Bändchen Superhelden greifen, das Dietmar Dath für die neue Sachbuchreihe ›Reclam 100‹ verfasst hat. Dath ist mit der Materie aufs Innigste vertraut, und bei ihm verbinden sich Leidenschaft und anspruchsvollste Auseinandersetzung zu einem dichten Text, der weit mehr bietet, als er verspricht.

In einem Vorspann setzt er sich damit auseinander, was an den übergroßen Heldenfiguren eigentlich so faszinierend ist und liefert ein theoretisches Fundament für den geschichtlichen Abriss, der in Teil 1, »Wie sie wurden, was sie sind«, zu liefern unternimmt. Im zweiten Teil, »Wer sie sind und was sie können«, geht es dann ans eingemachte: An Iron Man und Wonder Woman zeigt Dath exemplarisch, wie unterschiedlich Heldentypen sein können – leidendes Individuum oder repräsentative Lichtgestalt, wobei es beides natürlich nicht in Reinkultur gibt.

Aber nicht nur die großen Namen werden analysiert – neben den Urvätern Superman und Batman vor allem Captain America und die verschiedenen Heldenteams –, sondern auch die menschlichen Freunde der Übermenschen werden ins Bild gerückt und die Schurken, gegen die sie antreten und die ihnen erst überhaupt eine Existenzberechtigung geben. Ein Schlusskapitel, »Was sie bedeuten und wohin sie streben«, zeigt auf, wie ausdifferenziert die Figuren, Themen und Hintergründe sind, die inzwischen unter dem Label Superhelden, sei es als Comic, Film oder Computerspiel, auf den Markt kommen.

Ohne Frage: Dieses kleine schwarze Taschenbuch werde ich noch ein weiteres Mal lesen. Daths dichter Stil verlangt einem nicht wenig ab, liefert dafür allerdings auf engstem Raum eine Maximum an Information und Stoff zum Nachdenken. Und das ist weit mehr, als ich von einer Einführung erwartet habe, die schließlich mehr oder minder Neuland betritt.

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