Die zweite Hugo-Verleihung außerhalb der USA fand wie schon im Jahr 1957 in London auf dem Loncon II statt.

KOLUMNE

Die Hugo Awards 1965: Das waren die Gewinner



Die zweite Hugo-Verleihung außerhalb der USA fand wie schon im Jahr 1957 in London auf dem Loncon II statt.

Toastmaster: Tom Boardman 

Novel


Fritz Leiber: The Wanderer

(Buchausgabe bei Ballantine; dt. Wanderer im Universum, gekürzt als H 3096, ungekürzt als H 3628)

Hugo Award 1965 - Novel
Hugo Award 1965 - Novel
Hugo Award 1965 - Novel

Überraschend taucht in der Nähe der Erde ein fremder, von Außerirdischen wie ein Raumschiff gesteuerter Planet auf und verursacht allein durch seine Gravitationseinwirkung riesige Katastrophen; bald darauf wird der Mond zerstört. Millionen Menschen sterben, und die Überlebenden taufen den fremden Planeten Wanderer.

Leiber schildert jedoch nicht den Verlauf der Katastrophen, sondern konzentriert sich vielmehr auf die Schicksale Dutzender Protagonisten und ihre Reaktionen auf den Ausnahmezustand. Sehr kurze Kapitel wechseln ständig die Perspektive, und der Leser erfährt zum Beispiel von einer Gruppe UFO-Gläubiger und dem Schriftsteller Paul Hagbolt, der unfreiwillig an Bord eines Landungsschiffes der Außerirdischen gerät und die katzenähnliche Kommandantin kennenlernt.

Seine Auflösung findet der Roman schließlich, als ein zweiter Planet aus dem Hyperraum auftaucht und dessen »Besatzung« sich als eine Art kosmische Polizei entpuppt. Die Bewohner des Wanderers hatten sich geweigert, sich in die Völkergemeinschaft der Milchstraße eingliedern zu lassen. Daher hatten sie die Flucht ergriffen, wobei sie andere Planeten auf der Suche nach Treibstoff zerstörten. Die Leidtragenden sind die Unbeteiligten, deren Planeten sich dummerweise in der Flugbahn des Wanderers befanden.

Die innovativen literarischen Elemente, die Leiber in diesem Roman einsetzt – wie zum Beispiel zahlreiche Protagonisten und ineinander verflochtene Handlungsstränge – machen den Roman zu einem anspruchsvollen Lesestoff. Darüber hinaus streut Leiber zahlreiche Insiderwitze über SF-Autoren und -Fans ein, die Jahrzehnte nach dem ersten Erscheinen des Romans und aus der Perspektive des deutschen Lesers nur zu einem sehr geringen Teil verständlich und nachvollziehbar sind.

Fritz Leiber (1910–1992) hat den Hugo Award für diesen Roman durchaus verdient, allerdings wäre Davy von Edgar Pangborn auch eine gute Wahl gewesen.

Weitere Nominierungen:


John Brunner: The Whole Man

(Buchausgabe bei Ballantine, auch als Telepathist, basierend auf der gleichnamigen Erzählung 1959 in SCIENCE FANTASY #34; dt. Der ganze Mensch, H 3609)

Edgar Pangborn: Davy

(Buchausgabe bei St. Martin’s Press; dt. Davy, H 3593 und HSFB 42)

Cordwainer Smith: The Planet Buyer

(Buchausgabe bei Pyramid; dt. Der Planetenkäufer, Kn 5720) 

Short Story


Gordon R. Dickson: »Soldier, Ask Not«

(Oktober 1964 in GALAXY; dt. »Frage nicht, Soldat!« in Ernsting [Hrsg.]: Galaxy 13, H 3155)

Gordon Dicksons (1923–2001) umfangreiche Novelle war 1964 bereits der dritte zum DORSAI-Zyklus gehörende Text, der in SF-Magazinen erschien. Insgesamt gehören zu diesem Zyklus sechs Bände, die wiederum in einen unvollendet gebliebenen zwölfbändigen FUTURE HISTORY-Zyklus (CHILDE-Zyklus) eingebettet werden sollten. In den DORSAI-Büchern erzählt Dickson von einer ins All ausgewanderten Menschheit, die sich in äußerst unterschiedliche Kulturen aufgespaltet hat. Diese Kulturen verkörpern verschiedene Potenziale der Menschen: Es gibt Händler, Technokraten, religiöse Fanatiker, meditierende Philosophen und die im Mittelpunkt der Handlung stehenden Dorsai-Kämpfer. Im späten 23. Jahrhundert haben die Menschen fünfzehn Planeten in neun Sonnensystemen besiedelt, die Erde eingeschlossen.

»Soldier, Ask Not« erzählt einen kleinen Ausschnitt dieser Zukunftsgeschichte, in dem es um Auseinandersetzungen kriegerischer Art geht. Der Ich-Erzähler, Tam Olyn, ist ein Journalist von der Erde. Er lernt im Laufe der Handlung Kensie Graeme kennen, einen Kommandeur von Dorsai-Truppen. Obwohl die Protagonisten zwischen die Fronten geraten, versuchen sie, ihre Mission zu erfüllen.

In den letzten Jahrzehnten haben sich einige andere Autoren mit ähnlichen Themen beschäftigt und umfangreichere Future Historys geschaffen, wodurch Dicksons Werk nahezu in Vergessenheit geraten ist.

Weitere Nominierungen:


Rick Raphael: »Once A Cop«

(Mai 1964 in ANALOG; nicht auf Deutsch)

Robert F. Young: »Little Dog Gone«

(Februar 1964 in WORLDS OF TOMORROW; nicht auf Deutsch)

Special Drama


Dr. Strangelove

(Hawk Films/Columbia; Drehbuch Stanley Kubrick, Terry Southern & Peter George; Regie Stanley Kubrick; basiert auf dem Roman Red Alert von Peter Bryant; dt. Dr. Seltsam oder Wie ich lernte die Bombe zu lieben)

Der erste SF-Film, den Stanley Kubrick (1928–1999) drehte, heißt mit vollständigem Titel Dr. Strangelove: or How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb. Es handelt sich dabei um eine der schwärzesten und gelungensten Satiren auf den Kalten Krieg und das nukleare Zeitalter. Gekonnt nimmt sie den politischen und militärischen Wahnsinn der Großmächte aufs Korn.

Der US-General Jack D. Ripper, Kommandant eines US-Fluggeschwaders, fühlt sich durch die kommunistische Weltverschwörung bedroht und startet auf eigene Faust »Plan R«, einen atomaren Angriff auf die Sowjetunion. Nur General Ripper persönlich kann den Angriff durch einen speziellen Code stoppen. Dem Pentagon bleibt nichts weiter übrig, als die Russen zu informieren, die wiederum drohen, ihre »Weltvernichtungsmaschine« zu benutzen, deren Zeitzünder ebenfalls nicht zu stoppen ist. In der Zwischenzeit hat sich General Ripper erschossen und den Rückhol-Code für die amerikanischen Bomber mit ins Grab genommen. Der Präsident der USA scheint nur von Verrückten umgeben zu sein, und die Gespräche mit dem russischen Staatsoberhaupt sind keineswegs geeignet, die Situation zu entspannen.

Peter Sellers ist gleich in drei Rollen zu sehen und übertrifft sich selbst an finsterer Komik. Er spielt den wirren US-Präsidenten, einen britischen Militärattaché und den verrückten Bomberhersteller Dr. Strangelove.

Der Film taucht immer wieder auf diversen Listen der besten Filme aller Zeiten auf und wurde 1964 für zwei Oscars (Beste Regie und beste Drehbuch-Adaption) nominiert. Stanley Kubrick war Produzent und Regisseur.

Übrigens ist der der Handlung zugrunde liegende Roman Red Alert sogar unter dem Titel Bei Rot: Alarm! Der Roman des Drucktastenkriegs auf Deutsch als gekürzter Heftroman (Utopia-Heft 300) erschienen. Der Autor, der mit bürgerlichem Namen Peter Bryan George hieß, war Lieutenant der Royal Air Force und Kernwaffengegner. Er starb zwei Jahre nach Veröffentlichung des Films durch Suizid.

Weitere Nominierungen:


Seven Faces of Dr. Lao

(MGM; Regie George Pal; Drehbuch Charles Beaumont; basiert auf dem Roman The Circus of Dr. Lao von Charles G. Finney; dt. Der mysteriöse Dr. Lao)

Magazine

Hugo Award 1965 - Magazine
Hugo Award 1965 - Magazine
Hugo Award 1965 - Magazine


ANALOG (John W. Campbell, Jr.)

Wiederum konnte ANALOG den Hugo als bestes Magazin gewinnen, vielleicht weil die traditionelle Erzählweise der Autoren dieses Magazins die SF-Fans mehr überzeugte als die literarisch ambitioniertere Konkurrenz. Der wichtigste Text im betreffenden Zeitraum war zweifellos Frank Herberts The Prophet of Dune (5 Teile, Januar bis Mai 1965; dt. enthalten in Der Wüstenplanet). Weitere wichtige Erzählungen waren Randell Garretts Lord-Darcy-Geschichte »A Case of Identity« (September 1964), H. Beam Pipers »Gunpowder God« (November 1964; dt. »Der Schießpulver-Gott«) und Murray Leinsters »Plague on Kryder II« (Dezember 1964; dt. »Gefahr für Kryder II«). Darüber hinaus erschienen Storys u. a. von Gordon Dickson, Poul Anderson, Damon Knight und John Brunner.

Weitere Nominierungen:


GALAXY (Frederik Pohl)
F&SF (Joseph W. Ferman)
IF (Frederik Pohl)

Artist


John Schoenherr

Der Illustrator John Schoenherr (1935–2010) wurde von vielen Kritikern als der beste SF-Künstler seiner Generation bezeichnet. Seine ersten Bilder erschienen 1956 in AMAZING. Später arbeitete er hauptsächlich für ASTOUNDING/ANALOG (75 Titelbilder), für Magazine wie FANTASTIC und INFINITY (Innenillustrationen) sowie als Coverillustrator für Taschenbuchverlage wie ACE BOOKS und PYRAMID. Den Hugo Award für das Jahr 1965 erhielt er jedoch hauptsächlich für seine großartigen Illustrationen zu Frank Herberts DUNE-Serie in ANALOG.

Weitere Nominierungen:


Ed Emshwiller
Frank Frazetta
Jack Gaughan

Publisher

Hugo Award 1965 - Publisher
Hugo Award 1965 - Publisher
Hugo Award 1965 - Publisher


Ballantine

Ian Ballentine (1916–1995) gründete im Jahr 1952 den Verlag Ballentine, dessen Programm zu einem Großteil von SF bestimmt wurde, in der Hauptsache mit Erstveröffentlichungen. Der erste SF-Roman bei Ballantine Books war The Space Merchants (1953; dt. Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute) von Frederik Pohl und Cyril M. Kornbluth. Zahlreiche Bücher, die heute als Klassiker gelten, wurden dort in den 50er Jahren erstveröffentlicht: Ray Bradburys Fahrenheit 451 (dt. Fahrenheit 451), Arthur C. Clarkes Childhood’s End (dt. Die letzte Generation), Ward Moores Bring the Jubilee (dt. Der große Süden) oder Theodore Sturgeons More Than Human (dt. Die neue Macht der Welt, Baby ist drei bzw. Die ersten ihrer Art).

Ballentine Books gehörte sehr schnell zu den führenden SF-Verlagen der USA und brachte Werke der wichtigsten Autoren der damaligen Zeit, wie z. B. James Blish, Fritz Leiber oder Larry Niven. Gegenüber anderen Taschenbuchverlagen wie ACE BOOKS und den SF-Magazinen zeichneten sich die Bücher durch eine seriösere Covergestaltung mit zum Teil fast abstrakten Motiven aus und sprach damit auch ein Publikum an, das nicht zum festen Kreis der SF-Fans gehörte.

Im Jahr 1964 erschienen bei Ballantine 42 Genretitel, darunter allein 21 Nachdrucke der Tarzan- und Mars-Romane von Edgar Rice Burroughs, aber auch Fritz Leibers The Wanderer (dt. Wanderer im Universum), Edgar Pangborns Davy (dt. Davy), John Brunners The Whole Man (dt. Der ganze Mensch), Philip K. Dicks Martian Time-Slip (dt. Mozart für Marsianer bzw. Marsianischer Zeitsturz) und Ray Bradburys The October Country (dt. Familientreffen).

Weitere Nominierungen:


Ace
Gollancz
Pyramid

Fanzine


YANDRO (Robert & Juanita Coulson)

YANDRO erschien von 1953 bis 1986 mit insgesamt 259 Ausgaben und war damit eines der am längsten erscheinenden amerikanischen SF-Fanzines. Die Herausgeber beschränkten sich nicht auf SF, sondern bezogen auch andere Richtungen der phantastischen Literatur ein. YANDRO brachte vor allem Sachtexte wie regelmäßige Kolumnen, Artikel und Essays, Rezensionen sowie Leserbriefe.

Weitere Nominierungen:


DOUBLE: BILL (Bill Bowers & Bill Mallardi)
ZENITH (Peter R. Weston)

 

 

__

Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 1953-1984” (erschienen 2015 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

 

 

© 2015 by Hardy Kettlitz

Share:   Facebook