Die Gewinner des Hugo Awards 1962 wurden auf dem Chicon III in Chicago bekanntgegeben.

KOLUMNE

Die Hugo Awards 1962: Das waren die Gewinner



Der Hugo des Jahres 1962 wurde auf dem Chicon III in Chicago vergeben.

Toastmaster: Wilson Tucker 

Novel


Robert A. Heinlein: Stranger in a Strange Land

(Buchausgabe bei Putnam; dt. Ein Mann in einer fremden Welt, H 3170-72 und HSFB 75; Fremder in einer fremden Welt, B 24214 und H 52548)

Hugo Award 1962 - Novel
Hugo Award 1962 - Novel
Hugo Award 1962 - Novel

Eine Marsexpedition landet auf unserem Nachbarplaneten und kehrt nicht wieder zurück. Erst Jahre später findet eine nachfolgende Expedition einen einzigen Überlebenden: den Sohn zweier Wissenschaftler, der seine Familie überlebt hat und von Marsianern aufgezogen wurde. Der junge Valentin Michael Smith wird zur Erde zurückgebracht und von der Regierung in Gewahrsam genommen. Er ist über das Leben der Erdenmenschen sehr verwundert und versteht vieles nicht, was um ihn herum geschieht. Ein Reporter und eine Krankenschwester bringen in Erfahrung, dass der Öffentlichkeit nicht der echte »Mann vom Mars« präsentiert wird, sondern ein Double. Eine Krankenschwester namens Jill entführt Smith und bringt ihn zu einem mit dem Reporter befreundeten Schriftsteller, Rechtsanwalt und selbsternannten Philosophen namens Jubal Harshaw, der die beiden bei sich versteckt.

Valentin Michael Smith setzt seine mentalen Kräfte ein, die er von den Marsianern erhalten hat, um die Welt zu verändern. Für die einen wird er dadurch zu einer Messias-Gestalt, für andere jedoch auch zur Bedrohung bestehender Werte und Vorstellungen. Vordergründig prangert Heinlein damit Missstände auf der Erde an.

Der Roman ist für die Zeit, in der er entstanden ist, sehr umfangreich. Im Vergleich zu früheren Romanen Heinleins erweckt er den Eindruck, als wüsste der Autor selbst nicht so genau, was er mit seiner Hauptfigur eigentlich anstellen sollte. Und so schrieb er weiter und schrieb weiter und ließ seine Protagonisten seitenweise Polemiken und philosophische Ideen schwatzen. Hier ein Beispiel:

Regierungen! Zu drei Vierteln parasitär und der Rest dummes Herumfummeln – oh, Harshaw räumte ein, dass der Mensch als soziales Tier eine Regierung ebenso wenig vermeiden kann, wie ein Individuum fähig ist, der Abhängigkeit von seinen Eingeweiden zu entrinnen. … Aber nur, weil ein Übel unvermeidlich war, brauchte man es noch nicht ›gut‹ zu nennen. Von ihm aus konnte die Regierung auswandern und verloren gehen.

Die Verleger hatte Heinlein damals aufgefordert, seinen Roman zu kürzen. Zum einen war der Umfang zu groß, zum anderen störte man sich wohl an einigen »anstößigen« Szenen. Und so kürzte Heinlein sein Buch, was den Text zwar nicht verbesserte, zumindest aber straffte. Jahrzehnte später entschloss man sich, den Originaltext zu rekonstruieren, und fügte die in der Erstausgabe fehlende Passagen und Kapitel wieder ein.  

Weitere Nominierungen:


Daniel F. Galouye: Dark Universe

(Buchausgabe bei Bantam; dt. Dunkles Universum, GZ 37)

Harry Harrison: Sense of Obligation

(3 Teile, September bis November 1961 in ANALOG, späterer Titel: Planet of the Damned; dt. Retter einer Welt, H 3058)

Clifford D. Simak: The Fisherman

(4 Teile, April bis Juli 1961 in ANALOG, Buchausgabe als Time is the Simplest Thing; dt. Die unsichtbare Barriere, GZ 31)

James White: Second Ending

(2 Teile, Juni bis Juli 1961 in FANTASTIC; dt. Herr der Roboter, T 287)

Short Fiction


Brian W. Aldiss: The Hothouse Series

(5 Storys 1961 in F&SF, Buchausgabe als The Long Afternoon of Earth; dt. Am Vorabend der Ewigkeit, H 3030, ungekürzt als Der lange Nachmittag der Erde, HSFB 61)

Hugo Award 1962 - Short Fiction
Hugo Award 1962 - Short Fiction
Hugo Award 1962 - Short Fiction

Die HOTHOUSE-Serie besteht aus den fünf Erzählungen »Hothouse« (Februar 1961 in F&SF), »Nomansland« (April 1961 in F&SF), »Undergrowth« (Juli 1961 in F&SF), »Timberline« (September 1961 in F&SF) und »Evergreen« (Dezember 1961 in F&SF) und wurde 1962 zu einem Episodenroman zusammengefasst. Brian W. Aldiss (*1925) beschreibt die Erde in einer sehr fernen Zukunft, als ihre Rotation bereits ausgesetzt hat und die Sonne bald zu explodieren und zu einer Nova zu werden droht. Durch die intensive Sonneneinstrahlung hat sich die Erdoberfläche in ein gigantisches Treibhaus verwandelt, das von einem riesigen und gefährlichen Urwald überwuchert ist. Einige Pflanzen haben sich zu wahren Bestien entwickelt, und eine Art Pflanzenspinne hat sogar den Schritt in den Weltraum vollziehen können – ihre Netze spannen sich bis zum Mond. Aber es gibt auch eine intelligente Morchel, die gewillt ist, den bedrohten Menschen zu helfen. Nur wenige Tierarten, hauptsächlich Insekten, haben überlebt, und die Menschen sind schon lange nicht mehr die Herren des Planeten. Sie wohnen auf gigantischen Bäumen und müssen ständig mit den Pflanzen um ihr Überleben ringen. Inhalt der fünf Erzählungen sind die Abenteuer einer Gruppe von Kindern, die auf sich selbst gestellt sind, um zu überleben.

Ähnlich wie Jack Vance’ Erzählungen um die »Sterbenden Erde« sind die Geschichten eher der Fantasy als der Science Fiction zuzurechnen. Die außergewöhnliche Exotik der geschilderten Zukunft hat allerdings einen ganz besonderen Reiz. 

Weitere Nominierungen:


Lloyd Biggle: »Monument«

(Juni 1961 in ANALOG; nicht auf Deutsch)

Fritz Leiber: »Scylla’s Daughter«

(Mai 1961 in FANTASTIC; nicht auf Deutsch)

Mack Reynolds: »Status Quo«

(August 1961 in ANALOG; nicht auf Deutsch)

James H. Schmitz: »Lion Loose«

(Oktober 1961 in ANALOG; nicht auf Deutsch) 

Dramatic Presentation


THE TWILIGHT ZONE

(CBS; TV-Serie von Rod Serling; dt. Unglaubliche Geschichten, Unwahrscheinliche Geschichten bzw. Geschichten, die nicht zu erklären sind) 

Auch im dritten Jahr seiner Ausstrahlung konnte Rod Serling mit den Geschichten seiner Serie die SF-Fans überzeugen und erhielt bereits zum dritten Mal einen Hugo für TWILIGHT ZONE. Die Drehbücher der 33 Episoden der dritten Staffel stammen fast ausschließlich von Rod Serling, an einzelnen Episonden waren auch andere Autoren beteiligt: Richard Matheson, George Clayton Johnson, Charles Beaumont, Oceo Ritch, Bill Idelson und Montgomery Pittman. Als Schauspieler gab es unter anderem Lee Marvin, Peter Falk, Buster Keaton, Elizabeth Montgomery und Jack Klugman zu sehen.

Weitere Nominierungen:


Village of the Damned

(MGM; Drehbuch S. Silliphant, Wolf Rilla & Ronald Kinnoch, Regie Wolf Rilla; basiert auf dem Roman The Midwich Cuckoos von John Wyndham; dt. Das Dorf der Verdammten)

The Fabulous World of Jules Verne

(Originaltitel: Vynález zkázy; Drehbuch Frantisek Hrubin und Karel Zeman; Regie Karel Zeman; basiert auf dem Roman Face au Drapeau von Jules Verne; dt. Die Erfindung des Verderbens)

The Two Worlds of Charlie Gordon

(Folge der TV-Serie U. S. STEEL HOUR #8.13; CBS; Drehbuch Jame Yaffe; basiert auf der Erzählung »Flowers for Algernon« von Daniel Keyes; nicht auf Deutsch)

Thriller

(NBC; TV-Anthologieserie in drei Staffeln, moderiert von Boris Karloff; nicht auf Deutsch)

Professional Magazine

Hugo Award 1962 - Professional Magazine
Hugo Award 1962 - Professional Magazine
Hugo Award 1962 - Professional Magazine


ANALOG SCIENCE FACT—FICTION (John W. Campbell, Jr.)

In ANALOG erschienen Erzählungen von Harry Harrison, Randall Garrett, Avram Davidson, James H. Schmitz, Gordon Dickson, Hal Clement, Mack Reynolds, H. Beam Piper, E. C. Tubb, John Brunner, Poul Anderson, Ben Bova und anderen – darunter jedoch keine, die die SF nachhaltig geprägt hätte. Das neue Erscheinungsbild des ehemaligen ASTOUNDING überzeugte jedoch seine Leser und war ein großer Schritt zur Modernisierung des nunmehr seit über drei Jahrzehnten erscheinenden Magazins.

Weitere Nominierungen:


GALAXY (H. L. Gold)
AMAZING (Cele Goldsmith)
F&SF (Robert P. Mills und Avram Davidson)
SCIENCE FANTASY (John Carnell)

Professional Artist


Ed Emshwiller

Inzwischen hatte Emshwiller geradezu, und vollkommen zurecht, ein Abonnement auf den Hugo (siehe die Jahre 1953 und 1960 bis 1964). Emshwiller war weiterhin außerordentlich produktiv, und so erschienen 1961 seine Bilder auf den Covern von F&SF, FANTASTIC STORIES OF IMAGINATION und GALAXY sowie auf rund 30 Taschenbüchern, wieder hauptsächlich bei ACE BOOKS.

Weitere Nominierungen:


Virgil Finlay
Mel Hunter
John Schoenherr
Axel Schomburg

Fanzine


WARHOON (Richard Bergeron)

Das amerikanischen Fanzine erschien von 1952 bis 1985 und wurde in New York bzw. Puerto Rico herausgegeben. Aus dem zunächst recht einfachen Heft wurde im Laufe der Zeit ein umfangreiches, attraktives Magazin mit hervorragenden Artikeln über die SF und das Fandom. Zu den Kolumnisten gehörten u. a. John Baxter, James Blish, Robert A. W. Lowndes, Terry Carr und Bob Shaw. Unterstützt wurde WARHOON unter anderem von Robert Bloch und Harlan Ellison.

Weitere Nominierungen:


CRY (F. M. & Elinor Busby und Wally Weber)
YANDRO (Robert & Juanita Coulson)
AMRA (George Scithers)
AXE (Larry & Noreen Shaw)

Special Awards


Cele Goldsmith for editing AMAZING and FANTASTIC

Cele Goldsmith (1933–2002) war von September 1956 bis Februar 1957 Assistant Editor, von März 1957 bis November 1958 Managing Editor und schließlich von Dezember 1958 bis Juni 1965 Editor der Magazine AMAZING STORIES und FANTASTIC. Unter ihrer Regie verbesserte sich die Qualität dieser Publikationen deutlich, und sie war neuen Autoren und Ideen gegenüber sehr aufgeschlossen. Unter den Autoren, die während ihrer Zeit in den Magazinen veröffentlichten, befanden sich Thomas M. Disch, Roger Zelazny und Ursula K. Le Guin. Goldsmith beendete ihre Herausgebertätigkeit, als beide Magazine an einen anderen Verlag verkauft wurden.

Donald H. Tuck for The Handbook of Science Fiction and Fantasy

Donald H. Tuck (1922–2010) hat auf dem Gebiet der Science Fiction als Bibliograph seit den 40er Jahren Außerordentliches geleistet. Das Handbook of Science Fiction and Fantasy erschien bereits 1954, die überarbeitete und erweiterte Fassung in zwei Bänden dann 1959. Aufgrund dieser Arbeit sollte von 1974 bis 1983 seine dreibändige The Encyclopedia of Science Fiction and Fantasy through 1968 entstehen. Zusammen mit Everett F. Bleiler gehörte er zu den besten Kennern der frühen Magazin-Science-Fiction.

Fritz Leiber and the Hoffman Electronic Corp. for the use of science fiction in advertisements

Fritz Leiber war nicht nur ein exzellenter Autor, sondern auch stets darauf bedacht, das Ansehen der Science Fiction in der Öffentlichkeit hochzuhalten. So wundert es kaum, dass er als studierter Psychologe auf die Idee kam, Science-Fiction-Elemente in der Werbung einzusetzen. Heute ist dies wohl nichts Besonderes mehr, wenn selbst Überraschungseier in Fernsehspots mit Raumschiffen umherfliegen …

 

 

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Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 1953-1984” (erschienen 2015 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

 

 

© 2015 by Hardy Kettlitz

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