Ken Liu Die Schwerter von Dara Buch Fantasy Kaiser Prunk Götter

Ken Liu – Die Schwerter von Dara

BUCH

Leseprobe: Ken Liu - Die Schwerter von Dara


TOR Team
30.08.2016


Unverkäufliche Leseprobe aus: Ken Liu – Die Schwerter von Dara. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© Droemer Knaur GmbH und Co. KG, München

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Kapitel eins

EIN ATTENTÄTER

ZUDI: DER SIEBTE MONAT IM VIERZEHNTEN JAHR DER HERRSCHAFT DES STRAHLENDEN HIMMELS

 

Ein weißer Vogel schwebte ruhig am klaren Westhimmel und schlug von Zeit zu Zeit mit seinen Flügeln.

Vielleicht war es ein Raubvogel, der sein Nest auf einem der schroffen Gipfel der Er-Mé-Berge zurückgelassen hatte, um Jagd auf Beute zu machen. Aber heute war kein guter Tag für die Jagd – das Gebiet, in dem die Raubvögel sonst auf Nahrungssuche gingen, dieser sonnendurchglühte Bereich der Porin-Ebene, war voller Menschen.

Tausende Zuschauer säumten die breite Straße, die aus Zudi heraus führte. Sie achteten nicht auf den Vogel, sie waren hier, um sich die Kaiserliche Prozession anzuschauen.

Voller Ehrfurcht hatten sie aufgestöhnt, als die Flotte der riesigen Kaiserlichen Luftschiffe in eleganten Formationen über sie hinweg geflogen war. In respektvollem Schweigen hatten sie gegafft, als die schweren Schlachtwagen an ihnen vorbei gerollt waren, deren Steinwurfarme dick mit Ochsensehnen umwickelt waren. Sie hatten die Voraussicht des Kaisers und seine Großzügigkeit gepriesen, als seine Ingenieure die Menge mit parfümiertem Wasser von den Eiswagen besprengten, kühl und erfrischend in der heißen Sonne und der staubigen Luft von Nord-Cocru. Sie hatten applaudiert und den besten Tänzerinnen zugejubelt, die die sechs eroberten Rekrutenstaaten zu bieten hatten: fünfhundert Faça-Jungfrauen wanden sich verführerisch beim Schleiertanz, ein Anblick, der einst den Mitgliedern des königlichen Hofes in Boama vorbehalten gewesen war; vierhundert Cocru-Schwertkünstler verschmolzen kriegerischen Ruhm mit lyrischer Grazie, indem sie ihre Klingen so geschickt schwangen, dass sie wirkten wie leuchtende Chrysanthemen aus kaltem Licht; Dutzende eleganter, stattlicher Elefanten von der wilden, dünn besiedelten Insel Écofi zogen vorbei, angemalt in den Farben der Sieben Staaten – der größte Bulle war wie erwartet in die weiße Flagge Xanas gehüllt, während die anderen die Regenbogenfarben der eroberten Länder trugen.

Die Elefanten zogen eine Rampe hinter sich her, auf der zweihundert der besten Sänger aller Inseln Daras zusammen standen, ein Chor, der vor der Eroberung durch Xana niemals hätte zustande kommen können. Sie sangen ein neues Lied, eine Komposition des großen kaiserlichen Gelehrten Lügo Crupo, die die Kaiserliche Inselrundreise besang:

 

Gen Norden:  Das fruchtbare Faça, grün wie die Augen des freundlichen Rufizo,

Weiden, geküsst vom süßen Regen, zerklüftete Hochlande, nebelverhangen.

 

Soldaten, die neben der Rampe marschierten, warfen Kleinigkeiten in die Menge: Schmuckknoten im Xana-Stil, die aus Fäden in den Farben der Sieben Staaten geschlungen waren. Die Knoten hatten die Form der Wortzeichen für „Wohlstand“ und „Glück“. Die Zuschauer drängelten sich nach vorn und rauften miteinander, um eine solche Erinnerung an diesen aufregenden Tag zu erhaschen.

 

Gen Süden: Cocru, Land der Schlösser, der Felder von Hirse und Reis, blass und dunkel,

Rot wie der Ruhm des Kriegers, weiß wie die stolze Rapa, schwarz wie die trauernde Kana.

 

Die Menge jubelte nach diesem Vers über ihr Heimatland besonders laut.

 

Gen Westen: Wo Amu lockt, das Juwel von Tututika,

leuchtende Eleganz, filigrane Städte, umgeben von zwei blauen Seen.

 

Gen Osten: Glänzendes Gan, wo Tazus Händel und Spiele glitzern,

reich wie die Fülle des Meeres, edel wie die grauen Roben der Gelehrten.

 

Hinter den Sängern gingen Soldaten, die lange Seidenbanner hielten, auf die komplizierte Szenen der Schönheiten und Wunder der Sieben Staaten gestickt waren: Das Mondlicht, wie es auf der schneebedeckten Spitze des Mount Kiji glitzerte; Fischschwärme, die im Tututika-See beim Sonnenaufgang schimmerten; Cruben und Wale, die durch die Wellen brachen und vor den Ufern der Wolfspfote gesichtet wurden; die begeisterten Massen, die die breiten Straßen in der Hauptstadt Pan säumten; ernsthafte Gelehrte, die vor dem weisen, allwissenden Kaiser über Politik debattierten…

 

Gen Nordwesten: Das hochherzige Haan, Wiege der Philosophie,

Auf der Suche nach den gewundenen Pfaden der Götter auf Luthos gelber Muschel.

In der Mitte: Das bewaldete Rima, wo von alters her Sonne in dichte Wälder dringt, die die Erde bedecken, so spitz wie Fithowéos schwarzes Schwert

 

Zwischen den Versen grölte die Menge den Refrain mit den Sängern mit:

 

Wir beugen uns, beugen uns, beugen uns vor Xana, dem Höchsten, dem Herrscher der Lüfte,

Warum gegen den heiligen Kiji aufbegehren, ihm widerstehen in einem Kampf, den wir nicht gewinnen können?

 

Wenn die unterwürfigen Worte denjenigen in der Menge der Einwohner Cocrus widerstrebten, die vor etwas mehr als zwölf Jahren die Waffen gegen die Eindringlinge aus Xana erhoben hatten, dann wurde ihr Murren vom wilden, lauten Singen der Männer und Frauen um sie herum übertönt. Der hypnotische Gesang war von ganz eigener Kraft, als ob die Worte durch die reine Wiederholung an Gewicht gewannen, wahrer wurden.

Aber die Menge war noch lange nicht mit dem Schauspiel zufrieden. Sie hatten das Herz der Prozession noch nicht gesehen: den Kaiser.

Der weiße Vogel glitt näher heran. Seine Schwingen schienen so weit und lang wie die Flügel der Windmühlen in Zudi zu sein, die Wasser aus tiefen Brunnen schöpften und es in die Häuser der Reichen pumpten – viel zu groß für einen Adler oder Geier. Ein paar Zuschauer sahen hinauf und fragten sich kurz, ob es wohl ein riesiger Mingén-Falke war, der aus seiner Heimat auf der Insel Rui mehr als tausend Meilen entfernt hierher gebracht worden war, um die Menge zu beeindrucken.

Ein kaiserlicher Kundschafter, der sich inmitten der Menge versteckt hatte, sah ebenfalls hinauf und runzelte die Stirn. Dann wandte er sich um und drängte sich durch die Menge zur Aussichtsplattform, auf der sich Cocrus Würdenträger versammelt hatten.

Die Spannung unter den Zuschauern wuchs, als die Kaiserliche Garde vorbei marschierte: Den Blick geradeaus gerichtet, Arme und Beine in perfekt synchroner Bewegung, wie Marionetten, die von einem einzigen Puppenspieler bewegt wurden. Ihre Disziplin und Ordnung bildeten einen scharfen Kontrast zu den rasanten Bewegungen der Tänzerinnen, die vor ihnen vorbeigezogen waren.

Nach einer kurzen Pause brüllte die Menge vor Begeisterung, auch wenn eben diese Armee Cocrus Soldaten abgeschlachtet und den alten Adel gestürzt hatten. Die Zuschauer wollten einfach ein Schauspiel, und sie liebten die glänzenden Rüstungen und die kriegerische Pracht.

Der Vogel glitt noch näher heran.

 

„Lasst uns durch! Lasst uns durch!“

Zwei vierzehnjährige Jungen drängten sich durch die dichte Menge wie ungestüme Fohlen, die durch ein Zuckerrohrfeld galoppieren. Der erste, Kuni Garu, trug sein langes, glattes schwarzes Haar als Knoten auf dem Kopf, genau wie die Schüler an den Privatschulen. Er war stämmig – nicht dick, aber muskulös, mit starken Armen und Schenkeln. In seinen Augen, langgezogen und schmal wie die der meisten Männer aus Cocru, glomm eine Intelligenz, die fast schon Schlitzohrigkeit zu nennen war. Er gab sich gar nicht erst Mühe, höflich zu sein, sondern stieß Männer und Frauen mit den Ellenbogen rücksichtslos zur Seite, so dass er eine Spur blauer Flecken und wütender Flüche hinter sich ließ.

Der Junge hinter ihm, Rin Coda, war schlaksig und nervös. Er wirkte wie eine Möwe, die dem Kielwasser eines Schiffes folgt. Er murmelte den wütenden Männern und Frauen um sich herum Entschuldigungen zu.

„Kuni, ich glaube, es reicht, wenn wir hier hinten stehen bleiben“, sagte Rin. „Ich denke wirklich nicht, dass das hier eine gute Idee ist.“

„Dann denk einfach nicht“, entgegnete Kuni. „Dein Problem ist sowieso, dass du viel zu viel nachdenkst. Mach einfach.“

„Meister Loing sagt, dass die Götter wollen, dass wir nachdenken, bevor wir handeln.“ Rin zuckte zusammen und duckte sich, als ein Mann sie beschimpfte und sich auf sie zu stürzen drohte.

„Niemand weiß, was die Götter wollen.“ Kuni sah sich nicht einmal um. „Nicht einmal Meister Loing.“

Schließlich hatten sie es durch die dichte Menge geschafft und standen direkt neben der Straße, wo der Bereich für die Zuschauer mit weißen Kreidestrichen markiert war.

„Also das nenn ich mal eine gute Aussicht“, sagte Kuni, atmete tief durch und schaute sich um. Er pfiff anerkennend, als die letzten halbnackten Schleiertänzerinnen aus Faça an ihm vorbeikamen. „Jetzt begreife ich den Reiz des Kaiserseins.“

„Hör auf, so zu reden! Willst du ins Gefängnis?“ Rin schaute sich nervös um, um zu sehen, ob sie jemand gehört hatte – Kuni neigte dazu, unerhörte Dinge laut auszusprechen, die leicht als Verrat gedeutet werden konnten.

„Na, das ist doch aber mal viel besser, als in der Klasse zu sitzen, Schriftzeichen in Wachs zu ritzen und Kon Fjis Abhandlung moralischer Beziehungen auswendig zu lernen, oder?“ Kuni legte Rin seinen Arm um die Schulter. „Gib zu: Du bist froh, dass du mitgekommen bist.“

Meister Loing hatte erklärt, dass er seine Schule anlässlich der Prozession nicht schließen würde, weil er glaube, dass es sicher nicht des Kaisers Wille sei, die Kinder ihre Studien unterbrechen zu lassen – aber Rin vermutete, dass Meister Loing nicht viel vom Kaiser hielt. Viele Menschen in Zudi hatten zwiespältige Ansichten über den Kaiser.

„Meister Loing würde das hier sicher ganz und gar nicht richtig finden“, sagte Rin, aber er konnte den Blick ebenfalls nicht von den Schleiertänzerinnen lösen. 

Kuni lachte. „Wenn der Meister uns ohnehin mit seinem Lineal züchtigt, weil wir drei volle Tage schwänzen, dann soll es sich auch lohnen.“

„Leider fällt dir immer wieder eine gute Ausrede ein, und ich muss am Ende auch noch deine Hiebe einstecken!“

 

 

Der Jubel der Menge schwoll an.

Auf der Thronpagode saß der Kaiser mit ausgestreckten Beinen in der Thakrido-Haltung auf weichen Seidenkissen. Nur der Kaiser konnte in der Öffentlichkeit so da sitzen, weil ihm alle anderen untergeben waren.

Die Thronpagode war eine fünfstöckige Konstruktion aus Bambus und Seide, die auf einer Plattform aus zwanzig dicken Bambussäulen stand – zehn waagerecht, zehn senkrecht –, getragen von hundert Männern mit nackten, eingeölten Oberkörpern und Armen, die in der Sonne glänzten.

Die unteren vier Stockwerke der Thronpagode waren mit Uhrwerkmodellen gefüllt, fein ziseliert und kompliziert wie Kleinodien, deren Bewegungen die Vier Reiche des Universums darstellten: die Welt des Feuers ganz unten – voller Dämonen, die Diamanten und Gold schürften; dann die Welt des Wassers – voller Fische und Seeschlangen und pulsierender Quallen; darüber die Welt der Erde, in der die Menschen lebten – auf den Inseln, die in den vier Meeren schwammen; und schließlich die Welt der Luft, über allen anderen – das Reich der Vögel und Geister.

Kaiser Mapidéré war in ein Gewand aus schimmernder Seide gehüllt und trug eine herrliche Krone aus feinstem Gold und glitzernden Edelsteinen, auf der die Statuette eines Cruben thronte, des geschuppten Wals und Gebieters der Vier Stillen Meere. Dessen Horn war aus dem reinsten Elfenbein aus dem Stoßzahn eines jungen Elefantenbullen geschnitzt. Die Augen des Cruben bildeten zwei schwere schwarze Diamanten – die größten Diamanten, die Dara je gesehen hatte, und die aus dem Schatz von Cocru stammten, der bei der Eroberung von Xana vor fünfzehn Jahren an Dara gefallen war. Jetzt beschattete der Kaiser die Augen mit der Hand und blinzelte in den Himmel, um den sich nähernden Umriss des großen Vogels zu betrachten.

„Was ist das?“, dachte er laut nach.

Am Fuß der Thronpagode, die sich langsam vorwärts bewegte, informierte der Kaiserliche Kundschafter den Hauptmann der Kaiserlichen Garde, dass die Würdenträger in Zudi allesamt behaupteten, noch niemals so etwas wie diesen merkwürdigen Vogel gesehen zu haben. Der Hauptmann flüsterte ein paar Befehle, und die Kaiserliche Garde, die nur aus den besten der besten aller Soldaten von Dara bestand, zog den Ring um die Pagodenträger enger.

Der Kaiser starrte weiterhin in den Himmel und beobachtete den Vogel, der gleichmäßig immer näher glitt. Einmal schlug er mit den Schwingen, und dem Kaiser, der sich Mühe geben musste, das Geschrei der begeisterten Massen auszublenden, war es, als gäbe er einen erschreckend menschlichen Schrei von sich.

Die Kaiserliche Inselrundreise hatte schon vor mehr als acht Monaten begonnen. Kaiser Mapidéré verstand sehr wohl die Notwendigkeit, der unterworfenen Bevölkerung von Xana sichtbar die eigene Macht und Autorität in Erinnerung zu rufen, aber er war müde. Er sehnte sich zurück nach Pan, der Makellosen Stadt, seiner neuen Hauptstadt, wo er sich im Zoo und im Aquarium vergnügen konnte, in denen Tiere aus ganz Dara lebten – einschließlich ein paar exotischer Lebewesen, die Piraten von weit her als Tributzahlungen beigesteuert hatten. Er wünschte, endlich wieder die Mahlzeiten seines Lieblingskochs genießen zu können, statt die merkwürdigen Spezialitäten kosten zu müssen, die ihm die jeweilige Bevölkerung bei seinen Besuchen servierten  - sicherlich die wertvollsten Delikatessen, die die Oberschicht der jeweiligen Stadt aufbringen und kredenzen konnte, aber es war mühsam, jeden einzelnen Bissen von einem Vorkoster prüfen lassen zu müssen, und natürlich waren die Gerichte meist zu fett oder zu scharf und schlugen ihm auf den Magen.

Aber vor allem war er gelangweilt. Hunderte Abendempfänge bei den lokalen Beamten und Würdenträgern verschmolzen zu einem einzigen Sumpf. Egal, wohin er auch kam, die Lehenseide und Treueschwüre klangen überall gleich. Manchmal hatte er das Gefühl, ganz allein in einem Theaterstück zu sitzen, das jeden einzelnen Abend wiederholt wurde, mit unterschiedlicher Besetzung und Bühnenbild, aber mit stets demselben Text.

Der Kaiser beugte sich vor: Dieser merkwürdige Vogel war das Interessanteste, was er seit Tagen zu Gesicht bekommen hatte.

Jetzt, da er näher gekommen war, konnte er mehr Einzelheiten erkennen. Es war…überhaupt kein Vogel.

Es war ein riesiger Drachen aus Papier, Seide und Bambus, nur dass er von keiner Schnur am Boden gehalten wurde. Unter dem Drachen – war das möglich? – hing ein Mann.

„Interessant“, sagte der Kaiser.

Der Hauptmann der Kaiserlichen Garte eilte die zierliche spiralförmige Treppe in der Pagode hinauf und nahm dabei zwei oder drei Stufen auf einmal. „Rénga, wir sollten Vorsichtsmaßnahmen treffen.“

Der Kaiser nickte.

Die Träger senkten die Thronpagode vorsichtig auf den Boden. Die Kaiserliche Garde blieb stehen. Bogenschützen stellten sich um die Pagode herum auf, und Schildsoldaten versammelten sich am Fuß der Konstruktion, um aus ihren großen, ineinander greifenden Setzschilden einen Schutz zu bilden, genau wie einen Schildkrötenpanzer. Der Kaiser klopfte seine Beine ab, um seine steife Muskulatur wieder so weit zu lockern, dass er aufstehen konnte.

Die Menge spürte, dass das hier nicht zur Prozession gehörte. Sie reckten die Hälse und folgten der Richtung, in die die Pfeile der Bogenschützen zeigten.

Der merkwürdige schwebende Apparat war jetzt nur noch ein paar hundert Meter entfernt.

Der Mann, der an dem Drachen hing, zog an ein paar Schnüren, die neben ihm herunterhingen. Der Drachen-Vogel faltete seine Schwingen plötzlich zusammen und stürzte pfeilschnell auf die Thronpagode herunter. Der Mann gab ein Heulen von sich, einen langen, durchdringenden Schrei, der die Menge trotz der herrschenden Hitze erschauern ließ.

„Tod Xana und Mapidéré! Lang lebe der Große Haan!“

Bevor sich jemand rühren konnte, schoss der Drachenreiter einen Feuerball auf die Thronpagode. Der Kaiser starrte das Geschoss an, das auf ihn zukam, zu verblüfft, um sich zu rühren.

Rénga!“ Der Hauptmann der Kaiserlichen Garde war in Sekundenschnelle bei ihm. Er stieß den alten Mann vom Thron, hob ihn dann mit einem Grunzen an – eine schwere Sitzfläche aus Eisenholz, die mit Gold ummantelt war – so dass er wie ein riesiges Setzschild wirkte. Das Geschoss explodierte daran und fiel in einzelnen brennenden Stücken herunter, nicht ohne zischende, flammende Klumpen öligen Talgs in alle Richtungen zu versprengen, die alles, was sie berührten, in Brand setzten. Unglückliche Tänzerinnen und Soldaten schrien, als sie die klebrige, brennende Flüssigkeit traf, und waren sofort von Flammenzungen umgeben.

Obwohl der schwere Thron die größte Wucht der Explosion vom Hauptmann der Garde und dem Kaiser selbst abgehalten hatte, hatten ein paar Flammen das Haar des Hauptmanns versengt und die rechte Seite seines Gesichts sowie seinen rechten Arm schwer verbrannt. Der Kaiser dagegen war zwar geschockt, aber unverletzt.

Der Hauptmann ließ den Thron wieder fallen, wand sich vor Schmerzen, beugte sich über die Seite der Pagode herunter und rief zu den erschrockenen Bogenschützen herunter: „Feuer frei!“

Er verfluchte die absolute Disziplin, die er den Wachsoldaten eingeimpft hatte – jetzt führten sie nur noch Befehle aus, statt selbstständig zu handeln. Aber es war so lange her, dass es jemand gewagt hatte, einen Anschlag auf den Kaiser zu verüben, dass sich alle in Sicherheit gewiegt hatten. Er würde den Drill verbessern müssen – vorausgesetzt, er behielt seinen eigenen Kopf nach diesem Attentat.

Die Bogenschützen feuerten eine Salve ab. Der Attentäter zog an den Schnüren seines Drachen, faltete die Schwingen und drehte in einem engen Bogen bei, um auszuweichen. Wie schwarzer Regen fielen Pfeile vom Himmel. Die Menge schrie und drängte zurück, Zuschauer und Tänzerinnen waren nur noch ein panischer, chaotischer Haufen.

 

„Ich habe dir doch gesagt, dass das eine ganz schlechte Idee ist!“ Rin sah sich voller Angst nach einem Schlupfwinkel um. Er jaulte auf und sprang zur Seite, um einem fallenden Pfeil auszuweichen. Neben ihm lagen zwei tote Männer, aus deren Rücken Pfeile ragten. „Ich hätte dich nie vor deinen Eltern bei deiner Lüge decken dürfen, dass die Schule geschlossen ist. Deine Pläne enden immer so, dass ich den ganzen Ärger bekomme! Los, lass uns abhauen!“

„Wenn du jetzt losrennst und in der Menge stolperst, wirst du tot getrampelt“, versetzte Kuni. „Außerdem, wie kann man das hier bloß verpassen wollen?“

„Oh Götter, wir werden alle sterben!“ Noch ein Pfeil fiel und blieb weniger als dreißig Zentimeter von ihnen entfernt im Boden stecken. Noch mehr Menschen stürzten und schrien im Pfeilregen.

„Noch sind wir nicht tot.“ Kuni rannte auf die Straße und kehrte mit einem Schild zurück, den einer der Soldaten fallen gelassen hatte. „Duck dich!“, schrie er, zog Rin mit sich hinunter auf den Boden und hielt den Schild über ihre Köpfe. Ein Pfeil prallte mit einem dumpfen Geräusch dagegen.

„Rapa und Kana, be-be-beschützt mich!“, stotterte Rin mit fest zusammengekniffenen Augen. „Wenn ich das hier überlebe, will ich auch immer auf meine Mutter hören und nie mehr die Schule schwänzen, und ich will den uralten Weisen gehorchen und mich von den Freunden mit den Honigzungen fernhalten, die mich vom rechten Pfad abbringen…“

Aber Kuni spähte schon hinter dem Schild hervor.

Der Drachenreiter beugte seine Beine wie beim Schwimmen, daraufhin schlugen die Schwingen seines Drachen ein paar Mal schnell hintereinander. Der Drachen stieg nach oben und gewann an Höhe. Der Reiter zog an den Seilen, drehte in scharfem Bogen ab und flog erneut auf die Pagode zu.

Der Kaiser, der sich vom ersten Schreck erholt hatte, wurde die Spiraltreppe herunter geführt. Aber er befand sich erst in auf halbem Weg zum Boden, gefangen zwischen den Welten der Erde und des Feuers.

Rénga, bitte vergebt mir!“ Der Hauptmann der Kaiserlichen Garde bückte sich und hob den Körper des Kaisers hoch, schob ihn über die Seite der Pagode und ließ ihn fallen.

Die Soldaten am Boden hatten bereits ein großes, steifes Stück Stoff ausgebreitet. Der Kaiser landete darauf, hüpfte ein paar Mal auf und nieder, schien aber unverletzt.

Kuni erhaschte einen kurzen Blick auf den Kaiser in dem kurzen Moment, bevor er unter dem Schutz der Schilde verschwand. Die jahrelange Behandlung mit alchemistischer Medizin, die man ihm in der Hoffnung gab, sein Leben zu verlängern, hatte verheerende Schäden an seinem Körper angerichtet. Obwohl er erst fünfundfünfzig Jahre zählte, sah er dreißig Jahre älter aus. Aber Kuni beeindruckten am meisten die Augen des alten Mannes, die unter schweren Lidern aus seinem runzligen Gesicht schauten, Augen, in denen für einen winzigen Moment Überraschung und Angst aufgeglommen waren.

Als sich der Drachen Kuni von hinten näherte, klang es, wie wenn ein rauer Stoff zerriss. „Runter!“ Er stieß Rin auf den Boden und ließ sich auf seinen Körper fallen, dabei zog er den Schild über ihre Köpfe. „Tu so, als wärst du eine Schildkröte.“

Rin versuchte, sich unter Kuni so dicht wie möglich an die Erde zu schmiegen. „Ich wünschte, es täte sich ein Graben auf, in den ich kriechen könnte.“

Noch mehr brennender Talg explodierte um die Thronpagode herum. Einige Klumpen trafen die Fläche aus Schilden, unter denen die Soldaten kauerten, und als der glühende Talg durch die Ritzen zwischen ihnen tropfte, schrien die Männer vor Schmerzen, hielten aber ihre Position. Auf Befehl der Offiziere hoben sie gleichzeitig die Schilde und hielten sie schräg, um den brennenden Talg abgleiten zu lassen, wie ein Krokodil, das seine Schuppen sträubt, um überschüssiges Wasser loszuwerden.

„Ich glaube, jetzt ist es sicher“, sagte Kuni. Er zog das Schild von ihnen und ließ sich von Rin herunter gleiten.

Rin setzte sich langsam auf und sah seinem Freund verständnislos zu. Kuni rollte über den Boden, als ob er im Schnee herumtollte – wie konnte Kuni jetzt nur ans Spielen denken?

Dann sah er, dass Rauch von Kunis Kleidung aufstieg. Er jaulte auf und eilte zu ihm, um ihm dabei zu helfen, die Flammen zu löschen. Er schlug auf Kunis weites Gewand mit den langen Ärmeln ein.

„Danke, Rin“, sagte Kuni. Er setzte sich auf und versuchte zu lächeln, brachte aber nur ein Zucken der Mundwinkel zustande.

Rin besah sich Kuni: Ein paar Tropfen brennenden Fettes waren auf seinem Rücken gelandet. Durch die rauchenden Löcher im Stoff konnte Rin erkennen, dass das Fleisch roh und blutig war.

„Oh Götter! Tut es weh?“

„Nur ein bisschen“, erwiderte Kuni.

„Wenn du nicht auf mir gelegen hättest…“ Rin schluckte. „Kuni Garu, du bist ein echter Freund.“

„Eh, keine Ursache“, sagte Kuni. „Wie der Weise Kon Fiji sagt: Man sollte immer – autsch! – bereit sein, jemandem ein Messer zwischen die Rippen zu rammen, wenn man damit einem Freund hilft.“ Er versuchte, es ein wenig angeberisch klingen zu lassen, aber der Schmerz ließ seine Stimme zittern. „Siehst du, Meister Loing hat mir doch etwas beigebracht.“

„Daran erinnerst du dich? Aber das ist nicht von Kon Fiji. Du zitierst einen Banditen, der mit Kon Fiji streitet.“

„Wer sagt, dass Banditen nicht auch ihre Tugenden haben?“

Das Geräusch schlagender Flügel unterbrach sie. Die Jungen sahen auf. Langsam, elegant, wie ein Albatros, der über das Meer fliegt, schlug der Drachen mit den Schwingen, erhob sich, beschrieb einen weiten Kreis und startete einen dritten Angriff auf die Thronpagode. Der Reiter wirkte eindeutig erschöpft und flog nicht mehr so hoch. Der Drachen glitt sehr nah am Boden entlang.

Ein paar Schützen schafften es, Löcher in die Schwingen des Drachen zu reißen, und ein paar Pfeile trafen sogar den Reiter, obwohl sein dicker Lederpanzer irgendwie verstärkt zu sein schien, so dass die Pfeile nur kurz im Leder hängen blieben, bevor sie auf den Boden fielen, ohne Schaden angerichtet zu haben.

Erneut faltete er die Schwingen seines Fluggerätes, gewann an Höhe und beschleunigte, um wie ein Eisvogel auf Beutezug auf die Thronpagode niederzustürzen.

Die Bogenschützen schossen einen wahren Pfeilhagel auf den Attentäter ab, aber der achtete gar nicht darauf und hielt den Kurs. Flammende Geschosse explodierten an den Mauern der Thronpagode. In Sekunden verwandelte sich die Konstruktion aus Seide und Bambus in einen Feuerturm.

Aber der Kaiser war nun sicher unter den Schilden der Soldaten verborgen, und immer mehr Bogenschützen versammelten sich um seinen Schlupfwinkel. Der Reiter erkannte, dass seine Beute unerreichbar war.

Statt noch mehr Feuerbomben abzuwerfen, lenkte er seine Maschine gen Süden, fort von der Prozession, und stieß mit letzter Kraft mit den Beinen, um wieder an Höhe zu gewinnen.

„Er fliegt in Richtung Zudi“, sagte Rin. „Glaubst du, dass jemand zu Hause ihm geholfen hat?“

Kuni schüttelte den Kopf. Als der Drachen direkt über ihn und Rin hinweg geflogen war, hatte er für einen kurzen Moment mit seinen Schwingen die heiße Sonne verdeckt. Kuni hatte erkannt, dass der Reiter ein junger Mann war, der noch nicht einmal die Dreißig erreicht hatte. Er hatte die dunkle Haut und die langen Glieder der Männer von Haan aus dem Norden. Für den Bruchteil einer Sekunde hatten sich sein und Kunis Blick getroffen, und Kunis Herz war ganz aufgewühlt von der wilden Leidenschaft und zielgerichteten Intensität, die in jenen leuchtend grünen Augen gelegen hatte.

„Er hat dem Kaiser Angst eingejagt“, sagte Kuni wie zu sich selbst. „Der Kaiser ist auch nur ein Mensch.“ Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

Bevor Rin seinen Freund zum Schweigen bringen konnte, glitten riesige schwarze Schatten über sie. Die Jungen sahen zum Himmel hinauf und erkannten noch mehr Gründe für den Rückzug des Drachenreiters.

Sechs elegante Luftschiffe, jedes von ihnen etwa neunzig Meter lang, der ganze Stolz der Kaiserlichen Luftstreitkräfte, schwebten über ihnen. Die Luftschiffe hatten die Spitze der Kaiserlichen Prozession gebildet, um einen Überblick über die Umgebung zu gewinnen und gleichzeitig die Zuschauer zu beeindrucken. Es hatte eine Weile gedauert, bevor die Männer am Steuerruder die Schiffe wenden und dem Kaiser zur Hilfe kommen konnten.

Der Drache wurde immer kleiner. Die Luftschiffe flogen behäbig hinter dem fliehenden Attentäter her, ihre riesigen, gefiederten Ruder schlugen die Luft wie die Flügel fetter Gänse, die nur mit Mühe vom Boden abheben. Der Reiter war schon zu weit entfernt für die Bogenschützen des Luftschiffes und für die Kriegsdrachen, die vom Boden aus an Seilen geführt wurden. Sie würden die Stadt Zudi erst erreichen, wenn der wendige Mann längst gelandet und in den Gassen verschwunden war.

 

Der Kaiser, der im dämmrigen Schatten seines Schild-Unterschlupfs kauerte, war zornig, doch sein Gesichtsausdruck war ruhig. Das hier war nicht der erste Anschlag auf ihn, und es würde nicht der letzte sein; nur dass dieser beinahe Erfolg gehabt hätte.

Er gab seinen Befehl in vollkommen ausdruckslosem und unerbittlichem Ton.

„Findet diesen Mann. Selbst wenn ihr jedes einzelne Haus in Zudi filzen und die Anwesen aller Edlen in Haan niederbrennen müsst - führt ihn mir vor.“

 

KAPITEL ZWEI

MATA ZYNDU

FARUN, AUF DEN TUNOA INSELN: DER NEUNTE MONAT IM VIERZEHNTEN JAHR DER HERRSCHAFT DES STRAHLENDEN HIMMELS


Nur wenige hätten erraten, dass der Mann, der über der lärmenden Menge an der Ecke des Marktplatzes von Farun aufragte, nur ein Junge von vierzehn Jahren war.  

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