Buch Leseprobe: Drachenreiter - Die Feder eines Greifs von Cornelia Funke

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Exklusive Leseprobe: Drachenreiter - Die Feder eines Greifs (Cornelia Funke)


Fast 20 Jahre nach der Veröffentlichung ihres erfolgreichen "Drachenreiter"-Fantasyromans für Kinder hat Cornelia Funke jetzt mit "Die Feder eines Greifs" eine Fortsetzung geschrieben. Anfang November ist Cornelia Funke auf Lesereise in Deutschland (Termine hier), um ihren neuen Roman vorzustellen. TOR ONLINE veröffentlicht in Kooperation mit dem Dressler Verlag exklusiv eine Leseprobe aus "Die Feder eines Greifs".

 

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Cornelia Funke - Drachenreiter - Die Feder eines Greifs. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.  © Dressler Verlag, Hamburg 2016

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Auf gefährlicher Mission


»Wurde schon der Vorschlag geäußert, die Pegasuseier durch die Sonnenfeder eines Greifs zu retten? Schließlich enthalten ihre Kiele eine Substanz, die sogar Metall und Stein zum Wachsen bringt.«

Die Stille, die Buceros’ Worten folgte, war so vollkommen, dass Ben einen überraschten Blick mit Fliegenbein wechselte. Er entdeckte nicht nur Ablehnung auf den Gesichtern, die von den Bildschirmen blickten, sondern auch einen Schatten von Furcht. Das einzige Gesicht, das sich aufgehellt hatte, war das von Barnabas.

»Nein, den Vorschlag hatten wir noch nicht, Sutan«, sagte er. »Sehr interessant. Und sehr peinlich, dass ich nicht selbst darauf gekommen bin! Das könnte in der Tat die Lösung sein!«

»Aber Barnabas!«, rief Jane Gridall. »Greife sind wohl kaum für ihre Hilfsbereitschaft bekannt. Im Gegenteil. Sie verachten jede andere Kreatur! Ein Greif sieht alle Lebewesen nur als Beute an. Mit uns Menschen haben sie sich früher bloß eingelassen, weil wir ähnlich denken, aber das ist mehr als ein Jahrtausend her! Haben sie nicht nach irgendeiner Schlacht allen Menschen den Krieg erklärt und sind seither unauffindbar?«

»… eine, wie wir alle wissen, sehr begründete Reaktion auf die zwei großen G der menschlichen Spezies«, kommentierte Sutan Buceros.

Ben sah Barnabas fragend an.

»Gier und Größenwahn«, flüsterte er Ben zu.

»Ja, wir alle hier sind uns der zwei großen G schmerzlich bewusst, Sutan«, sagte Barnabas laut. »Ich glaube, sagen zu dürfen, dass wir das auch schon alle bewiesen haben. Aber hier geht es nicht um Menschen, sondern um das Überleben der letzten geflügelten Pferde!«

»Nun, ich fürchte, genau das verschärft das Problem, Barnabas.« Inua Ellams klang stets so, als sänge er die Worte mit seiner Stimme aus dunklem Samt. »Soweit mir bekannt ist, betrachten Greife Pferde als noch verachtenswerter und überflüssiger als jedes andere Lebewesen! Die Flügel machen da sicher keinen Unterschied.«

Die Köpfe auf den Bildschirmen nickten zustimmend und sichtlich erleichtert. Ben wusste nicht viel über Greife, aber vor ein paar Jahren hatte ihn ein Riesenvogel namens Rock fast an sein Küken verfüttert. Wenn Ben sich recht erinnerte, hatten Greife nicht nur einen ähnlich Furcht einflößenden Schnabel, sondern zusätzlich die Pranken eines Löwen und, als reichte das noch nicht, eine Giftschlange als Schwanz.

»Ich habe mehr als zwanzig Jahre lang nach einem Pegasus gesucht«, sagte Barnabas. »All die Jahre mit der Angst, dass es sie nicht mehr gibt, wie so viele andere wunderbare Geschöpfe. Und nun, wo es nach Jahrhunderten sogar Hoffnung auf Nachwuchs gibt, soll ich aufgeben? Unmöglich! Ich werde nicht untätig zusehen, wie diese Glück bringenden Geschöpfe aus meiner Welt und der meiner Kinder verschwinden! Selbst wenn das bedeutet, dass ich ein Fabelwesen um Hilfe bitten muss, das stolz auf seine Grausamkeit und sein Geschick beim Töten ist!«

2. Ein Anruf aus Griechenland


Mir erscheint die Natur als die größte Quelle menschlicher Begeisterung und sichtbarer Schönheit, als bedeutendster Ursprung intellektuellen Interesses. Sie ist die wichtigste Quelle von so vielem, was das Leben lebenswert macht.

Sir David Attenborough


Nicht viele Gebäude dieser Welt können sich unsichtbar machen. Aber das Haupthaus von MÍMAMEIÐR verschmilzt so vollkommen mit Wald, Erde und Himmel, dass die meisten Besucher es erst bemerken, wenn sie davorstehen. Ben kam es jedes Mal vor, als näherte er sich einem Lebewesen aus Holz, Stein und Glas, das großen Spaß daran hatte, sich vor ihm zu verstecken. Und wer weiß, vielleicht lebte das Haus tatsächlich. Schließlich hatte es ein Fjordtroll gebaut.

Sein Name war Hothbrodd und alle Gebäude MÍMAMEIÐRs wurden nach seinen Anweisungen gebaut. Meist schnitt Hothbrodd die Bretter und Balken sogar eigenhändig zu, und er verbrachte Wochen damit, die Fassaden seiner Bauwerke mit kunstvollen Schnitzereien zu verzieren. An diesem frühen Morgen säuberte er die Verzierungen über der Eingangstür, mit einem Messer, das ein noch furchterregenderer Anblick war als er selbst. Der geschnitzte Drache, der sich über einen der Balken wand, war ein sehr gelungenes Porträt von Lung, aber es fanden sich auch Große Kraken, Zentauren und fiedelnde Fossegrimme an der Fassade. Hothbrodd konnte jedes Geschöpf auf diesem Planeten schnitzen.

»Verdammte Nebelraben!«, schimpfte der Troll, als Ben mit Fliegenbein neben ihm stehen blieb. »Irgendwann drehe ich ihnen die grauen Hälse um, wenn sie nicht aufhören, meine Schnitzereien vollzuscheißen!«

Hothbrodd überragte selbst ausgewachsene Menschen um fast einen Meter, aber Ben hatte sich inzwischen an die Größe des Trolls gewöhnt. Schließlich war er mit einem Drachen befreundet. Hothbrodds Haut war graugrün und borkig wie die Rinde einer Eiche, und Ben hatte durch ihn gelernt, dass Trolle, im Gegensatz zu all den Geschichten, die man sich über sie erzählte, nicht nur sehr stark, sondern auch sehr klug waren. ›Fjordtrolle!‹, hätte Hothbrodd hinzugefügt. ›Bergtrolle sind genauso dämlich, wie man sagt.‹ Er hatte von Menschen keine bessere Meinung. Hothbrodd unterhielt sich lieber mit Kiefern, Buchen und Eichen (auch wenn er für die Wiesengrunds eine Ausnahme machte), und die Dinge, die er aus ihrem Holz fertigte, ließen einen an Zauberei glauben. Wie immer man seine Kunst erklärte: Es war Hothbrodd zu verdanken, dass MÍMAMEIÐRs Gebäude so außergewöhnlich wie ihre Bewohner waren, und für das Haupthaus galt das besonders. Die Außenmauern bestanden an vielen Stellen aus Glas, und Hothbrodds Messer hatte die Balken und Streben, die die großen Scheiben rahmten, mit so verschlungenen Mustern bedeckt, dass Ben ständig neue Geschöpfe darin entdeckte.

Ja, es gab sicher nirgendwo auf der Welt ein magischeres Haus als dieses.

An das Haus, in dem er geboren worden war, erinnerte Ben sich so vage wie an seine Eltern. Sie waren beide kurz nach seinem dritten Geburtstag bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und Ben hatte die folgenden sieben Jahre in einem Gebäude verbracht, das die Kinder, die darin wohnten, sicher niemals als Zuhause bezeichnet hätten. Das Wort nahm man unter seinem Dach ebenso wenig in den Mund wie die Wörter Vater oder Mutter. Warum von etwas reden, das man nicht hatte und sich doch so sehnsüchtig wünschte, dass einem bei dem bloßen Gedanken daran übel wurde? Väter und Mütter waren in Bens Kindheit so unwirkliche Geschöpfe gewesen wie der Drache, dem er mit elf Jahren begegnet war. Irgendwann hatten ihn Pflegeeltern zu sich genommen, aber sie waren noch schlimmer gewesen als das Heim, und Ben war ihnen davongelaufen – und hatte sich von da an nicht mehr erlaubt, von einer Familie zu träumen. Bis er die Wiesengrunds getroffen hatte. Vielleicht musste man Träume begraben, damit sie wahr wurden.

Bens adoptierte Eltern, wie Barnabas und Vita Wiesengrund sich gern nannten, hatten ihr Leben der Aufgabe gewidmet, die seltensten Geschöpfe dieser Welt vor menschlicher Gier und Neugier zu beschützen. Das machte nicht reich. Als Ben bei den Wiesengrunds eingezogen war, hatten sie in einem viel zu kleinen Haus im Nordwesten Englands gelebt, in dem Ben sich ein Zimmer mit seiner neuen Schwester Guinever, sechs schnarchenden Hobs (wie man Heinzelmänner in England nennt) und ein paar Grasfeen geteilt hatte, denen der Rasenmäher eines Nachbarn fast zum Verhängnis geworden war. Aber dann hatte eines Tages eine Zigarrenkiste mit zehn lupenreinen Edelsteinen auf der Türschwelle gestanden, Spende einiger dankbarer Steinzwerge, deren Dorf die Wiesengrunds evakuiert hatten, bevor es für eine neue Straße in die Luft gesprengt worden war. Und Bens adoptierte Eltern hatten endlich ihren Traum von einer Zuflucht für Fabelwesen in die Tat umsetzen können. Dass sie MÍMAMEIÐR nicht in England, sondern in Norwegen gebaut hatten, lag zum einen daran, dass ihre fabelhaften Gäste in dessen einsamen Wäldern leichter unbemerkt blieben – und dass Barnabas’ Vorfahren von dort stammten.

Ben sah, dass nicht nur Hothbrodd schon wach war, als er neben dem Troll stehen blieb. Ein Dutzend Nisserkinder saß andächtig zu seinen Füßen und bewunderte, wie geschickt Hothbrodd mit dem riesigen Messer umging. Er war ständig von Nisser- und Wichtelkindern umgeben – ein beunruhigender Anblick angesichts der riesigen Stiefel des Trolls –, aber noch war keiner der Winzlinge zu Schaden gekommen.

»Hey, Hothbrodd«, sagte Ben, während Fliegenbein auf seiner Schulter höflich ein Gähnen hinter der Hand verbarg. »Weißt du, was passiert ist? Der Nebelrabe, der uns gerufen hat, sah verdächtig glücklich aus.«

Hothbrodd runzelte die Stirn und schabte einem geschnitzten Wichtel den Rabenkot von der Nase. »Irgendeine Nachricht aus Griechenland«, brummte er. »Und ja, ich glaub, sie war ziemlich schlecht.«

Ben wechselte einen besorgten Blick mit Fliegenbein. Griechenland … Vita und Barnabas hatten dort vor knapp einem Jahr in einem Bergtal ein Pegasuspaar entdeckt. Vita war vor ein paar Tagen mit Guinever aufgebrochen, um nach ihnen zu sehen.

Ben überließ seine schlammigen Stiefel dem Leprechaun, der in dem Garderobenschrank hinter der Eingangstür wohnte, und betrat das Haus, das er mehr als jedes andere auf der Welt liebte.

Die Porträts und Fotos an den Wänden der Eingangshalle zeigten Freunde und Mitstreiter der Wiesengrunds. Einige hatten Fabelwesen unter ihren Vorfahren, auch wenn man ihnen das oft nicht ansah. Verdächtig spitze Ohren, ein Kuhschwanz, Froschhaut zwischen den Zehen … All das war leicht zu verbergen. Selbst eine Spur von Pelz im Gesicht ließ sich als lästig starker Bartwuchs ausgeben. Der Schnabel von Professor Buceros und die Kiemen von Doktor Eel waren da schon schwerer zu erklären – weshalb sich beide nur dem innersten Kreis von FREEFAB zeigten. (Den Namen hatten Ben und Guinever der Organisation ihrer Eltern gegeben. Vita und Barnabas sprachen lieber von den »Beschützern«.) Unter Doktor Eels Fotos schlief in einem Hundebett eine Familie fliegender Watobi-Schweine, die ein Freund der Wiesengrunds im Kongo vor Wilderern gerettet hatte. Unter der Garderobe ragte der schuppige Schwanz eines Fotomeleons hervor und von dem Leuchter unter der Decke blickten zwei gefiederte Frösche auf Ben herab. Wie konnte man MÍMAMEIÐR nicht lieben?

»Kommandozentrale«. Barnabas Wiesengrund war kein Freund des Namens, den die Nebelraben seiner Bibliothek gegeben hatten – auch wenn sie die Bezeichnung in vieler Hinsicht verdiente. Die Bibliothek war der größte Raum des Hauses, und zwei Wände waren, wie es sich für eine Bibliothek gehörte, bis unter die Decke mit Büchern gefüllt. Die Außenmauer aber war aus Glas, was einem das Gefühl gab, dass die Bücher zwischen Bäumen standen. Im Winter konnte man durch ihre kahlen Kronen den nahen Fjord sehen, doch an diesem regnerischen Maimorgen wimmelten die frühlingsgrünen Zweige von Krähenmännern und Tomtes, die ihre Behausungen zwischen die Nester von Ammern und Laubsängern bauten.

Das Lächeln, mit dem Barnabas Ben begrüßte, war warm wie immer, aber Ben sah ihm an, dass etwas wirklich Schlimmes passiert sein musste.

An der vierten Wand der Bibliothek hing ein Dutzend Bildschirme, über die Fabelwesen-Schützer aus aller Welt von Geschöpfen berichteten, die sich in die Obhut der Wiesengrunds begeben hatten. Sie waren dunkel bis auf einen, der Guinever in dem abgelegenen griechischen Bergtal zeigte, in dem ihre Eltern die zwei Pegasi entdeckt hatten. Bild und Ton waren so schlecht, dass Ben sich wieder einmal wünschte, Barnabas würde einen der Edelsteine, die von der Spende der Steinzwerge übrig waren, in neue Kameras und Computer investieren. Aber Barnabas wies immer wieder zu Recht darauf hin, dass sie angesichts der vielen Flüchtlinge, die nach MÍMAMEIÐR kamen, besser mit dem Geschenk der Zwerge haushalteten. Trotzdem – ›Froschschleim und Vogeldreck‹, wie Hothbrodd geflucht hätte –, das Bild war so schlecht, dass Guinever aussah, als stünde sie auf einem anderen Planeten! Was sie sagte, vertrieb allerdings alle Gedanken an bessere Kameras und erinnerte Ben daran, dass es sehr viel größere Sorgen gab.

»Wir nehmen an, dass es eine Hornotter war. Es ist furchtbar, Dad! Vielleicht ist Synnefo aus Versehen in das Nest der Schlange getreten. Das Gift hat schneller gewirkt als bei Menschen! Ànemos ist außer sich!«

Ben blickte bestürzt zu Barnabas hinüber. Synnefo war die Pegasusstute. Ànemos war der Hengst. Die zwei waren vermutlich die letzten Vertreter ihrer Art, und jeder in MÍMAMEIÐR erinnerte sich an die Aufregung, als Lola Grauschwanz, ihre beste Kundschafterin (und einzige fliegende Rättin dieser Welt), mit Fotos von einem Nest und drei frisch gelegten Pegasuseiern aus Griechenland zurückgekehrt war.

Hothbrodd schob sich durch die Tür und blickte mit besorgter Miene zu dem Bildschirm hinauf, auf dem nun auch Vita erschien. Ben nannte Vita Wiesengrund ebenso wenig Mutter, wie er Barnabas Vater nannte, auch wenn er sie sehr liebte. Die beiden schienen so viel mehr: Freunde, Lehrer, Beschützer.

Ben hatte Vita selten trauriger dreinblicken sehen. Ihre Augen waren verweint wie die von Guinever, und Vita kamen nicht leicht die Tränen.

»Wir können Ànemos kaum dazu bewegen, zu fressen, Barnabas!«, sagte sie. »Er ist halb wahnsinnig vor Verzweiflung! Und er weiß wie wir, dass er nun auch noch seine Kinder verlieren könnte. Es wird nicht leicht sein, die Eier im norwegischen Frühling warm zu halten, aber ich glaube, es gibt nur Hoffnung für die Fohlen, wenn wir das Nest und Ànemos nach MÍMAMEIÐR bringen. Guinever ist derselben Meinung.«

Guinever nickte bestärkend. Viele Leute reagierten sehr verwundert darauf, wie viel die Wiesengrunds auf die Meinung ihrer Kinder gaben. ›Erstaunlich, nicht wahr?‹, hatte Barnabas das einmal kommentiert. ›Als ob es nicht offensichtlich ist, dass Alter selten etwas über die Einsicht eines Menschen sagt. Ich möchte sogar behaupten, dass Dummheit und Engstirnigkeit sich in bedauerlich vielen Fällen mit jedem Geburtstag multiplizieren!‹

Die Wiesengrunds legten so viel Wert darauf, mit ihren Kindern zusammenzuarbeiten, dass Ben und Guinever zu Hause unterrichtet wurden. Und sie hatten wunderbare Lehrer: Fliegenbein brachte ihnen Geschichte und alte Sprachen bei (sehr wichtig, wenn man es mit Geschöpfen zu tun hatte, die leicht Tausende von Jahren alt waren), Dr. Phoebe Humboldt, ihre Lehrerin in Fabelwesen-Kunde, hatte vier Jahre in einem versunkenen Schiff nahe der ligurischen Küste verbracht, um Nymphen und Wassermänner zu studieren. In Geografie unterrichtete sie Gilbert Grauschwanz, ein weißer Rätterich, den Barnabas von der Hamburger Speicherstadt nach MÍMAMEIÐR gelockt hatte, um Landkarten anzufertigen, die die Wohnorte aller ihnen bekannten Fabelwesen festhielten. Einer von Bens wenigen menschlichen Lehrern, James Spotiswode, versuchte, ihnen Mathematik, Biologie und Physik beizubringen – eine ähnlich schwierige Aufgabe, wie Wölfe davon zu überzeugen, keine Wichtel zu fressen –, aber da Professor Spotiswode Ben und Guinever zur Belohnung für jedes gelöste naturwissenschaftliche Problem Lektionen in Roboterkunde und Telepathie gab, hatte er sehr eifrige Schüler. Kurz, die beiden lernten, was sie für die Aufgabe brauchten, der sie wie ihre Eltern ihr Leben widmen wollten: Beschützer all der Geschöpfe zu sein, die ohne ihre Hilfe vielleicht bald wirklich nur noch in Märchenbüchern zu finden sein würden.

»Den Stall warm zu halten, ist kein Problem.« Hothbrodd zog ein Stück Holz aus der Tasche und begann, daraus eine Eidechse zu schnitzen. »Die Wolleichler können das Nest und die Stallwände polstern.«

Barnabas nickte, auch wenn er nicht allzu überzeugt dreinblickte.

»Gut«, sagte er. »Hothbrodd wird den Stall vorbereiten, und ich werde Undset bitten, bei eurer Ankunft hier zu sein. Ich bezweifle, dass sie je einen Pegasus behandelt hat, aber vielleicht kann sie helfen, wenigstens Ànemos am Leben zu halten.«

Undset war eine junge Tierärztin aus Freyahammer, einem benachbarten Dorf, die schon zahllose Bewohner MÍMAMEIÐRs verarztet hatte. Es war nicht leicht gewesen, jemanden zu finden, auf dessen Verschwiegenheit sie sich verlassen konnten. Viele Jäger hätten ein Vermögen für die Information bezahlt, dass es in Norwegen einen verborgenen Ort gab, an dem man so rare Beute wie Wasserpferde und Drachen antreffen konnte. Aber Undset, Holly Undset mit vollem Namen, war eine so leidenschaftliche Gegnerin von Wolfs- und Bärenjagden, dass Barnabas sie eines Tages nach MÍMAMEIÐR eingeladen hatte.

Als der Bildschirm schwarz wurde, auf dem Vita und Guinever die schlechte Nachricht verkündet hatten, füllte bedrücktes Schweigen die Bibliothek. Selbst Hothbrodd hatte das Schnitzmesser sinken lassen. In einem der Regale lehnten Fotos des Pegasusnestes an den Buchrücken. Ben trat darauf zu und betrachtete die drei silbernen Eier. Sie waren kleiner als Hühnereier. Guinever hatte sich ausgemalt, wie winzig die geschlüpften Fohlen sein würden, bis Vita ihr erklärt hatte, dass Pegasuseier nicht so klein blieben, sondern nach zwei Monaten zu wachsen begannen.

»Wir könnten die Eier mit Heizdecken wärmen«, schlug Ben vor. »Oder in dem Brutkasten, den wir für das verlassene Wildgansgelege benutzt haben.«

Aber Barnabas schüttelte den Kopf. »Das könnte sich als riskant erweisen. Nicht nur, weil Technologie, wie du weißt, in der Gegenwart von Fabelwesen oft versagt. Die Eier einiger geflügelter Arten bersten, wenn sie mit Kunststoff oder Metall in Berührung kommen. Ein Risiko, das wir unmöglich eingehen können. Fliegenbein, du hast diese Bibliothek maßgeblich mitgestaltet und im Gegensatz zu uns allen jedes einzelne Buch gelesen. Kannst du uns weiterhelfen?«

Der Homunkulus war sichtlich geschmeichelt.

»Ich glaube mich zu erinnern, dass wir das Faksimile einer italienischen Handschrift besitzen, in der unter anderem auch von Pegasuseiern die Rede ist«, sagte er, während er an den Regalen entlangblickte. »Wo stand das noch gleich? Moment. Ah ja.«

Er kletterte behände an Bens Arm hinab und balancierte über Stuhllehnen und Tische, bis er vor seinem kaum streichholzschachtelgroßen Computer stand. Ben hatte ihn gemeinsam mit Professor Spotiswode für Fliegenbein gebaut. Der Homunkulus hatte das Tippen darauf so schnell gelernt wie alles, was man ihm beibrachte, und sogar seine eigene Software entwickelt, die niemand außer ihm selbst verstand.

»Ah ja. Da ist es: Pegasuseier, Besonderheiten: siehe italienische Alchemistenhandschrift, 17. Jahrhundert. Seite 27. Zeile 16.«

Fliegenbein klappte den Computer zu und kletterte so mühelos an einem der hohen Bücherregale hinauf, dass er seinem Namen alle Ehre machte. Der Homunkulus liebte seinen Streichholzschachtel-Computer. Er führte Tagebuch darauf, verzeichnete jeden fabelhaften Neuankömmling in MÍMAMEIÐR samt Beschreibung, Herkunft und Nahrungsvorlieben in endlosen Dateien und verbrachte Stunden damit, jede neue Information über Fabelwesen und andere seltene Geschöpfe darauf festzuhalten. Seine große Liebe aber waren immer noch Bücher. Fliegenbeins spitznasiges Gesicht verklärte sich mit kindlichem Entzücken, wenn er in bedruckten Seiten blätterte, und je älter sie waren, desto andächtiger wendete er Papier und Pergament. Ben hatte sich schon so manches Mal bei der Sorge ertappt, dass den Homunkulus eines Tages einer der schweren Wälzer erschlagen würde, die er aus den Regalen zog. Auch diesmal war das Buch, das er nach kurzer Suche zwischen den anderen hervorzerrte, sehr viel größer als er selbst.

»Darf ich dir helfen, lieber Fliegenbein?« Barnabas teilte Bens Sorge offenbar.

Er hob Buch und Homunkulus vom Regal und setzte sie auf einem Schreibpult ab, unter dem ein Hobgoblin hauste, der für Bens Geschmack allzu oft sehr misstönend auf seiner Mundharfe spielte.

»Einen Augenblick Geduld … Ich habe es gleich …« Fliegenbein blätterte die pergamentenen Seiten so behutsam um, als könnten sie ihm unter den winzigen Fingern zu Staub zerfallen. »25, 26 … Ja! Da ist es! Das Italienisch ist sehr altmodisch, ich gebe es in einer moderneren Übersetzung wieder …«

Er räusperte sich, wie immer, wenn er sich anschickte, etwas laut vorzutragen: »Das Ei des geflügelten Pferdes, Pegasus unicus, gehört zu den größten Wundern dieser Welt. Seine anfangs silberne Schale wird, während das Fohlen wächst, zunehmend transparent, bis sie kostbarstem Glas gleicht. Dennoch nimmt sie es an Festigkeit mit Diamanten auf. Die wundersamste Eigenschaft zeigt sich allerdings erst, wenn das Fohlen ein Alter von sechs Wochen erreicht und so groß ist, dass die Schale sein Wachstum beengt. Zu diesem Zeitpunkt beginnt die Stute, an der Schale zu lecken, worauf das Ei zu wachsen beginnt, ohne seine Festigkeit zu verlieren. Allerdings …« Fliegenbein hob den Kopf und wechselte einen alarmierten Blick mit Ben und Barnabas. »Allerdings«, las er weiter, »ruft nur der Speichel der Mutter diesen Effekt hervor. Kommt sie zu Schaden, wächst das Ei nicht, und das Fohlen erstickt in der unzerbrechlichen Schale.«

Hothbrodd stieß sein Schnitzmesser so tief in das Schreibpult, unter dem der Hobgoblin saß, dass dem die Mundharfe aus den pelzigen Fingern fiel. Es hatte zu regnen begonnen. Barnabas trat vor die Glaswand, von der ein Dutzend Kristallschnecken die rinnenden Tropfen leckte, und blickte nach draußen.

»Hothbrodd, kannst du einen Nebelraben zu Undset schicken, damit sie Bescheid weiß und sich darauf einrichtet, hier zu sein, wenn der Pegasus eintrifft?«

Der Troll nickte wortlos und verschwand mit schweren Schritten nach draußen.

Der letzte Pegasus in MÍMAMEIÐR … Ben war sehr froh, dass sie Undset trauen konnten. Er wagte nicht, sich auszumalen, was geschehen würde, wenn die Welt von der Existenz eines geflügelten Pferdes erfuhr. Barnabas hatte sich früher offen dazu bekannt, an die Existenz von Fabelwesen zu glauben. Doch inzwischen waren die Wiesengrunds der Überzeugung, dass die einzige Chance für das Überleben dieser Geschöpfe Geheimhaltung war – Geheimhaltung und ein Netzwerk von Eingeweihten, in das man nicht leicht aufgenommen wurde. Inzwischen gehörten zu FREEFAB nicht nur Schützer von Großen Kraken, Sphinxen und Steinzwergen, sondern auch viele Männer und Frauen, die sich zu Fürsprechern anderer bedrohter Geschöpfe machten – ob Gorillas, Kegelrobben, Luchse, Meeresschildkröten oder eins der zahllosen anderen wundersamen Tiere, die vom Aussterben bedroht waren.

Hothbrodd kam zurück. Der Troll musste sich tief bücken, um durch die Tür zu passen. Als Fliegenbein ihn einmal gefragt hatte, warum die Türrahmen trotz der sehr unterschiedlichen Bewohner nach Menschenmaß gebaut waren, hatte der Troll nur geknurrt: ›Nicht Menschenmaß, Homunkulus. Sie sind für Barnabas gebaut.‹ Guinever vermutete, dass Hothbrodd ihrem Vater sein Leben verdankte, aber sie ließen sich beide nicht entlocken, wie genau sie einander begegnet waren.

»Irgendeine Idee, wie wir die Eier ohne die Stute zum Wachsen bringen, Barnabas?« Der Troll sprach oft aus, was alle anderen nur dachten. Barnabas schätzte diese Eigenschaft sehr.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung, Hothbrodd«, murmelte er, während er hinaus in den Regen starrte. »Und wir können froh sein, wenn der Kummer den Hengst nicht auch noch umbringt. Ich gebe zu, ich bin etwas ratlos. Aber …«, er wandte sich zu den Bildschirmen um, die wie schlafende Augen von der Wand blickten, »… wozu hat man Freunde?«

 


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Aus »Drachenreiter – Die Feder eines Greifs« von Cornelia Funke
Originalausgabe, © Dressler Verlag, Hamburg 2016


Originalausgabe
1. Auflage
© 2016 Dressler Verlag GmbH, Poppenbütteler Chaussee 53, 22397 Hamburg
Alle Rechte vorbehalten 

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