Buchkolumne Jo Walton - Wie man mit Autoren redet

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KOLUMNE

Wie man mit Autoren redet


Autoren sind Menschen, und sie waren Menschen, bevor sie Autoren wurden. Sie wechseln Glühbirnen aus und kaufen ein, so wie jeder andere auch. Wirklich! Als Menschen sind sie sehr verschieden. Manche sind Idioten, aber mit den meisten kann man ganz interessante Gespräche führen.

Autoren unterhalten sich in der Regel gern über ihre Werke, wenn man sie darauf anspricht. Aber sie können auch über andere Dinge reden! Die meisten Autoren sind keine Stars. Sie genießen einen gewissen bescheidenen Ruhm innerhalb ihrer Szene, aber das war's auch schon. Für die wenigen Prominenten unter ihnen ist das anders, aber die meisten sind froh, wenn jemand überhaupt ihren Namen weiß.

Egal, wie gut man einen Autor oder eine Autorin zu kennen glaubt, weil man ihre Bücher oder ihr Blog gelesen hat, wirklich kennenlernen kann man sie erst, wenn man ihnen persönlich begegnet, und anders herum genauso. Vermutlich werden sie sich bei einer Autogrammstunde oder auf einer Convention gern mit einem Autor unterhalten, aber sie sind nicht automatisch unsere besten Freunde.

Wird man einem Autor vorgestellt, dessen Werk man nicht kennt, sollte man nicht sagen: »Tut mir leid, aber ich habe Ihre Bücher nicht gelesen.« Das sorgt nur für peinliche Momente. Die meisten gewöhnlichen Autoren betrachten es als normal, dass die Leute, denen sie begegnen, ihre Bücher nicht gelesen haben. Für Terry Pratchett oder J. K. Rowling mag das anders sein. Aber gewöhnliche Autoren werden nicht erwarten, dass man ihre Bücher gelesen hat. Das ist auch kein Problem, solange man nicht noch ausdrücklich darauf hinweist. Was sollen die Autoren darauf antworten? »Schon in Ordnung«? Oder: »Verschwinden Sie, Sie unbelesener Schwachkopf«? Es gibt darauf keine gute Antwort, und die meisten Autoren werden wohl in Verlegenheit geraten. (Wer möchte, darf meine Antwort übernehmen: »Schon gut. Sie können mir die fünf Dollar gerne auch gleich geben.«) Ich verstehe, woher der Drang kommt, das zu sagen. Man hat ein schlechtes Gewissen. Aber tun Sie es nicht. Wenn Sie ein schlechtes Gewissen haben, dann gehen Sie einfach später los und kaufen sich eines der Bücher des Autors. Für Schuldgefühle gibt es wirklich keinen Grund. Niemand erwartet von Ihnen, sämtliche Bücher der Welt gelesen zu haben, am allerwenigsten die Autoren. Die kennen nämlich ihre Verkaufszahlen und wissen, dass es rein statistisch gesehen unwahrscheinlich ist, dass Sie ihre Bücher gelesen haben.

Sagen Sie auch nicht: »Wo kann ich Ihre Bücher kaufen?« Die Antwort ist: »Im Buchladen!« (Oder »Hier auf dem Con!« oder »Bei Ihrem Online-Händler!«). Stellt man Autoren diese Frage, dann gibt man ihnen das Gefühl, sie für Self-Publisher zu halten, die ihre Bücher aus dem Kofferraum verkaufen. (Die Chefin meines Mannes fragt mich das jedes Mal, wenn wir uns begegnen.) Ellen Kushner regt sich darüber in ihrem Blog auf. Die Leute stellen diese Frage wohl, um ihre guten Absichten zu bekunden, aber eigentlich ist sie überflüssig. Wollen Sie ein Buch des Autors haben, dann  kaufen Sie sich einfach eines, und zwar dort, wo Sie normalerweise Bücher kaufen.

Hat man die Bücher eines Autors gelesen und findet sie gut, dann darf man ihm das gerne sagen. Mit »Ich bin ein großer Fan Ihrer Bücher!« oder »Ich finde [hier bitte einen Titel Ihrer Wahl einfügen] wirklich großartig!« kann man in der Regel nichts falsch machen. Schlimmstenfalls bedankt sich der Autor, und Sie wissen danach vor lauter Nervosität nicht mehr, was Sie noch sagen sollen. Mir passiert das manchmal, wenn ich Autoren treffe, die ich sehr bewundere. Als ich das letzte Mal Samuel Delany begegnet bin, habe ich es doch tatsächlich geschafft, einen ganzen verständlichen Satz von mir zu geben, anstatt nur ehrfürchtig zu stammeln. Aber die meisten Autoren kommen notfalls auch mit dem Stammeln klar.

Haben Sie die Bücher eines Autors gelesen und fanden sie sie schlecht, dann sagen Sie nicht: »Also, ich muss Ihnen sagen, ich finde Ihre Bücher wirklich furchtbar.« Das ist unnötig. Es lässt dem Autor keine Möglichkeit zu einer ehrlichen und höflichen Antwort. In einem Gespräch mit dem Autor ergibt sich vielleicht die Gelegenheit zu sagen, dass man keine Alternativweltgeschichten mag – auch nicht die von ihm verfasste – oder dass einem seine Darstellung von Drachen nicht gefällt. Aber zu einem Autor zu gehen und ihm einen solchen Satz an den Kopf zu werfen – irgendwie fühlen sich die Leute auch immer bemüßigt, ein »Also, ich muss Ihnen sagen« voranzustellen –, ist reine Zeitverschwendung.

Wollen Sie einen Autor ansprechen, dann wählen Sie einen passenden Zeitpunkt. Ist der Autor gerade beim Essen oder in ein Gespräch vertieft, dann unterbrechen Sie ihn nicht, nur um etwas an ihn hin zu stammeln. Es findet sich bestimmt noch ein besserer Moment.

Ach ja, eins noch: Sollten Sie einem Autor begegnen und er oder sie ist nur eins zwanzig groß oder unglaublich dick, furchtbar hässlich oder alt, dann sagen Sie nicht: »Also, ich habe Sie mir größer/schlanker/hübscher/jünger vorgestellt.« Wie gesagt, Autoren sind Menschen und haben Gefühle, die man verletzen kann, so wie jeder andere auch.

 



Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus. 

 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.
 

 

Originaltitel: »How to talk to writers«

© 2008 Jo Walton

Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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