Buchkolumne - Jo Walton - Warum ich Bücher mehrmals lese

KOLUMNE

Warum ich Bücher mehrmals lese



Auf der Welt gibt es zwei Sorten von Menschen: diejenigen, die Bücher mehrfach lesen, und diejenigen, die das nicht tun. Aber halt, das ist natürlich Quatsch. Es gibt weit mehr als zwei Sorten Menschen auf der Welt. Es gibt sogar Leute, die überhaupt nicht lesen. (Worüber die wohl beim Busfahren so nachdenken?) Auf jeden Fall gibt es auf der Welt zwei Sorten von Lesern: welche, die Bücher mehrfach lesen, und andere, die es nicht tun. Von Letzteren werde ich manchmal komisch angeschaut, wenn ich erwähne, dass ich zur ersten Kategorie gehöre. »Es gibt so viele Bücher«, bekomme ich dann zu hören. »Und die Zeit ist knapp. Wenn ich auch nur das methusalemsche Alter von 800 Jahren erreichen und jede Woche ein Buch lesen würde, wären das gerade mal 40 000 Bücher. Auf meinem Lesestapel liegen aber jetzt schon 90 000, und er droht umzukippen! Würde ich Bücher auch noch mehrfach lesen, könnte ich die neuen niemals alle bewältigen.«

Da ist sicher etwas Wahres dran. Auch auf meinem Lesestapel befinden sich … also, sagen wir, eine ganze Menge Bücher. Und das sind nur die ungelesenen Bücher bei mir zu Hause, nicht die Liste von Büchern, die ich alle theoretisch gerne irgendwann lesen würde, darunter viele, die noch nicht einmal geschrieben wurden. Diese Liste umfasst ganz bestimmt 90 000 Titel, besonders wenn man noch die Bücher hinzuzählt, die in den nächsten 800 Jahren von Menschen geschrieben werden, die jetzt noch gar nicht auf der Welt sind, und Bücher von Außerirdischen, denen wir bisher noch nicht begegnet sind. Wow, dann sind es wahrscheinlich sogar weit mehr als 90 000! Wann soll ich all diese Bücher nur lesen?

Also, zum einen lese ich nicht bloß ein Buch pro Woche. Selbst wenn ich, wie gerade jetzt, unglaublich beschäftigt bin und viel herumfahre, um Freunde und Verwandte zu besuchen, schaffe ich es, alle paar Tage ein Buch auszulesen. Bin ich zu Hause und muss womöglich im Bett bleiben, was auch manchmal vorkommt, ist Lesen meine Hauptbeschäftigung. Dann lese ich mich durch vier bis sechs Bücher pro Tag. Es kann also gar nicht genug Bücher geben, um meinen unersättlichen Lesehunger zu stillen. Schreibt weiter! Ich brauche mehr Bücher! Würde ich Bücher nicht mehrfach lesen, würden sie mir irgendwann ausgehen, und das wäre schrecklich!

Ein Stück weit ist dieses Argument jedoch Augenwischerei, denn da ist ja noch der Stapel ungelesener Bücher, die sich in meinem Schlafzimmer auftürmen, und selbst hier im Haus meiner Tante stapeln sich ein paar. Ich lese Bücher nicht deshalb mehrfach, damit die neuen länger halten. So hat es vielleicht einmal angefangen … In Wahrheit gibt es immer viel mehr Bücher, auf die ich gerade keine Lust habe, als anders herum.

Im Moment habe ich zum Beispiel keine Lust auf Storming the Heavens: Soldiers, Emperors and Civilians in the Roman Empire von Antonio Santosuosso und/oder The Phoenicians and the West: Politics, Colonies and Trade von Maria Eugenia Aubet. Theoretisch möchte ich diese beiden Bücher schon gerne einmal lesen, sonst hätte ich sie sie mir nicht aus der Bibliothek ausgeliehen. In der Praxis sind sie jedoch in einem derart schwülstigen akademischen Stil verfasst, dass das Lesen Mühe macht. Ich werde versuchen, mich durch die Phönizier zu ackern, bevor ich wieder nach Montreal zurückkehre und das Buch in die Bibliothek in Cardiff zurückbringen muss, aber das andere wird wohl ungelesen bleiben. (Im Gegensatz zu den Römern wurde über die Phönizier noch nicht so viel geschrieben, dass ich ein Buch wegen seines schlechten Schreibstils weglegen würde.) Gestern, als ich nach Büchern für die Zugfahrt nach London suchte, sprach mich jedoch weder das eine noch das andere an. Ich las bereits ein (sehr gutes) Buch über Hannibals Armee, und ich hatte mehr Lust auf einen Roman. Und zwar nicht irgendeinen, sondern einen, der interessant und spannend genug ist, um mich ganz in seinen Bann zu ziehen und mich davor zu bewahren, die – jedenfalls für mich –  langweiligste Landschaft der Welt betrachten zu müssen – die auf der Strecke zwischen Cardiff und London, wo ich oft fahre. Ich wollte nicht aus dem Fenster schauen und mir Didcot Parkway ansehen müssen. Aus der Bibliothek hatte ich mir zwar auch ein paar neue Romane ausgeliehen, ich wollte jedoch etwas Packendes und Verlässliches – und für mich bedeutet das in der Regel etwas, das ich schon einmal gelesen habe.

Wenn ich Bücher ein weiteres Mal lese, dann weiß ich, was mich erwartet. Das ist so, als würde man einen alten Freund besuchen. Ein ungelesenes Buch bietet das wunderbare Versprechen des Unbekannten, birgt aber auch die Möglichkeit, eine Enttäuschung zu sein. Bei einem bereits bekannten Buch kann einem das nicht passieren. Ein neues Buch, das eine Weile bei mir im Regal stand und es in der Zeit nicht in meine Hand geschafft hat, kann oft nicht mit einem Buch konkurrieren, von dem ich weiß, dass es gut ist, und zu dem ich gerne noch einmal zurückkehren möchte. Manchmal ärgere ich mich selbst darüber. Widme ich mich dann irgendwann doch einem dieser ungelesenen Bücher, frage ich mich, wieso ich es eigentlich bisher wie kalten Reispudding verschmäht habe, während das Universum immer weiter abkühlt und ich zum neunzehnten Mal den Chanur-Zyklus lese.

Die ideale Beziehung zu einem Buch sieht für mich so aus: Beim ersten Mal lese ich es vollkommen unvoreingenommen. Ich habe nicht die geringste Ahnung, worum es in dem Buch geht, und es bietet mir ein wundervolles, aufregendes und vielschichtiges Leseerlebnis. Danach lese ich es für den Rest meines Lebens jedes Jahr wieder und entdecke dabei stets etwas Neues darin. Außerdem erinnere ich mich daran, unter welchen Umständen ich es ursprünglich gelesen habe. (Zum Beispiel habe ich vor Kurzem Doris Lessings Die gute Terroristin erneut zur Hand genommen. »Dieses Buch habe ich zum ersten Mal 1987 in einem Café in Lytham St. Annes gelesen«, sagte ich zu meinem Mann. »Wie kannst du dich daran nur erinnern?«, fragte er. »Keine Ahnung. Es hat geregnet, und ich habe ein pochiertes Ei auf Toast gegessen.« Andere Leute erinnern sich daran, wo sie waren, als sie von Prinzessin Dianas Tod erfuhren. Das könnte ich nicht sagen. Wo ich ein Buch das erste Mal gelesen habe, bleibt mir dagegen stets in Erinnerung.)

Diese ideale Beziehung funktioniert nicht immer. Selbst wenn mir ein Buch gefallen hat, enttäuscht es mich manchmal, wenn ich es ein zweites Mal lese. Für gewöhnlich ist das bei Büchern der Fall, deren Glanz nur oberflächlicher Natur ist und sich schnell abnutzt. Manche Bücher werden schal, wenn man ihre Handlung kennt oder einem die Figuren zu vertraut werden. Mitunter lese ich ein Buch und stelle fest, dass es nur ein flaches Abbild dessen ist, was ich früher einmal gemocht habe. (Besonders häufig passiert mir das bei Kinderbüchern, die ich das letzte Mal in der Kindheit gelesen habe. Aber auch bei Erwachsenenbüchern ist es schon vorgekommen. Das beunruhigt mich etwas. Werde ich womöglich irgendwann allem entwachsen sein und nur noch Proust lesen können? Doch zum Glück bleibt mir dann – sollte dieser Tag in etlichen hundert Jahren tatsächlich kommen – ja immer noch, Proust zu lesen. Und er wird so frisch und unverbraucht sein wie eh und je.)

Ein Buch noch einmal zu lesen, hat etwas Gemütliches. Schließlich kenne ich die Handlung. Ich weiß, was geschehen wird. Manchmal muss ich trotzdem weinen (was im Zug eher peinlich ist), Überraschungen gibt es aber keine mehr. Aber weil ich weiß, was mich erwartet, und weil ich die Figuren und die Hintergrundwelt kenne, kann ich mich viel besser darauf konzentrieren. Ich entdecke Einzelheiten und Verbindungen, über die ich beim ersten Mal hinweggelesen habe, und kann mich an ihrem Zusammenspiel erfreuen. Ich kann mich entspannen und dem Buch ganz anvertrauen. Das ist ein schönes Gefühl.

Hin und wieder, wenn ich ein sehr dichtes, komplexes Buch gelesen habe, fange ich es gleich noch mal von vorn an – nicht nur, weil ich die Welt des Buches nicht verlassen möchte, sondern auch weil ich weiß, dass ich es verschlungen und nicht richtig ausgekostet habe. Ich möchte mich entspannen und die Reise genießen, auf die das Buch mich mitnimmt. Der einzige Nachteil daran ist, dass man nicht überraschend auf ein unerwartetes Kleinod stoßen wird, was zu den größten Freuden beim Lesen gehört – aber das kommt ohnehin nur selten vor.

Liest man allerdings nur noch Bücher, die man schon mal gelesen hat, so ist das für mich ein schlechtes Zeichen. Am besten ist es, neue mit alten und vertrauten abzuwechseln. Sich bloß auf Altbewährtes zu verlassen und gar nichts Neues zu wagen, wäre schade. Schließlich will ich ja auch in Zukunft Bücher haben, die ich noch einmal lesen kann, und nicht die nächsten 800 Jahre mit denselben 365 Büchern verbringen. Einige meiner absoluten Lieblingsbücher habe ich jetzt schon so oft gelesen, dass ich sie in- und auswendig kenne.

Die Bücher, die ich jetzt mag, werde ich wohl lange vor meinem 800. Lebensjahr auswendig kennen und sie dann nicht noch einmal lesen können. Zum Glück werden jedoch Menschen und Außerirdische bis dahin viele weitere geschrieben haben, die ich immer wieder aufs Neue lesen kann

 



Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus. 

 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.
 

 

Originaltitel: »Why I Re-Read«

© 2008 Jo Walton

Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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