Autorin Jo Walton über George Eliots Middlemarch

KOLUMNE

Schade, dass sie nicht auch noch die Science Fiction erfinden konnte! George Eliots Middlemarch.



Natürlich ist das zu viel verlangt. Ein Vierteljahrhundert vor Krieg der Welten wäre niemand dazu in der Lage gewesen. Verne wurde damals gerade erst sporadisch ins Englische übersetzt. Trotzdem ist es schade, denn Eliot wäre eine fantastische Science-Fiction-Autorin gewesen.

Es ist noch nicht lange her, dass ich ihre Romane zum ersten Mal gelesen habe. In meiner Wahrnehmung litt sie immer unter der geographischen - oder vielmehr alphabetischen - Nähe zu Dickens und Hardy. (Ich frage mich, warum meine Großmutter eigentlich keine Bücher von Mrs. Gaskell besessen hat, obwohl diese sicher ganz nach ihrem Geschmack gewesen wären. Jedes Mal, wenn ich Cranford lese, stimmt es mich traurig, dass sie diesen Roman nie gekannt hat.) Jedenfalls ist George Eliot keineswegs langweilig, deprimierend oder flach.

Was mir an Dickens nicht gefällt, ist die Oberflächlichkeit seiner Karikaturen und wie er sie in seinen haarsträubenden Geschichten herumschubst. Man kann sie nicht einmal als Marionetten bezeichnen (gegen ein gut gemachtes Marionettentheater ist absolut nichts einzuwenden), sie sind eher Spielzeuge, die jeden Moment umfallen können – worauf der sentimentale und dilettantische Erzähler grinsend »Ach, was soll's!« ruft.

Hardy dagegen war ein guter Schriftsteller. Seine morbide Phantasie und die depressiven Geschichten habe ich dennoch nie gemocht. Selbst seine heiteren Bücher sind davon befallen, seine großen Werke dagegen kaum zu ertragen. Aber hätte mir Middlemarch mit zehn Jahren besser gefallen? Vielleicht ist es ein Buch, das man erst mit vierzig lesen sollte.

Auf jeden Fall hätte George Eliot Science Fiction schreiben sollen! Es wäre ihr nicht schwer gefallen, denn sie sah die Welt aus dem Blickwinkel der SF. Sie begriff, wie die Technologie die Gesellschaft verändert. Im Grunde wurde sie Zeugin einer Singularität – sie erlebte das Aufkommen der Eisenbahn und sah, wie diese die Welt ihrer Kindheit vollkommen umkrempelte, mit all den sekundären Auswirkungen, die niemand hätte vorhersagen können. In ihren Büchern kommt sie immer wieder auf Technologie zu sprechen und auf den Wandel, den diese mit sich bringt. Mit ihrer Weltsicht ist sie Wells viel näher als Dickens. Spekuliert hat sie nicht sehr oft, aber wenn doch, dann kommen dabei Sätze heraus wie: »Womöglich lassen sich unsere Nachfahren wie Kugeln in einer Röhre von Winchester nach Newcastle schießen: Wenn das nichts ist, worauf man hoffen kann!« (Aus: Felix Holt, der Radikale)

Und sie war sich im Klaren darüber, dass der Fortschritt der Wissenschaft nicht plötzlich und unerwartet eintritt: 

Sein Wunsch war es, eine Einheit im sich ausbreitenden Wandel zu sein, der irgendwann spürbare Auswirkungen auf die gängige Praxis haben mochte. Bis dahin wollte er Befriedigung darin finden, das körperliche Wohlbefinden seiner Patienten günstig zu beeinflussen. Es ging ihm aber nicht nur um eine ganzheitlichere Herangehensweise, als gemeinhin üblich. Sein Ehrgeiz lag vielmehr darin, eine noch größere Wirkung zu erzielen: Er brannte darauf, den Beweis einer anatomischen Konzeption zu erbringen und zur Kette der Entdeckungen ein Glied beizutragen.

Das Problem bei mimetischer Literatur ist nicht, dass man weiß, was passieren wird (ich möchte wetten, dass niemand die Handlung von Middlemarch vorhersagen könnte, selbst wenn man das Buch schon zur Hälfte gelesen hat), sondern dass man weiß, was nicht passieren wird. Es wird kein böser Zauberer auftauchen. Die Welt wird nicht von einer Katastrophe heimgesucht werden und der Held als einziger Überlebender zurückbleiben. Es wird keine Menschen geben, die fünf verschiedene Körper besitzen. Vermutlich werden auch keine Gestaltwandler darin vorkommen. In der Science Fiction können alle möglichen Geschichten erzählt werden – Liebesgeschichten, Krimis, Betrachtungen der menschlichen Natur und so weiter und so fort. Außerdem besitzt der Autor große Freiheiten. Er kann das Wesen des Menschen mit dem von Androiden oder Außerirdischen vergleichen. Er kann betrachten, wie Menschen sich verhalten, die zweihundert Jahre alt werden, vom Relativismus entzweit oder mit einem Fluch belegt sind. Die Palette des Autors besitzt mehr Farben und mehr Lichter, um eine Szene auszuleuchten.

Das Problem bei Genreliteratur ist allerdings oft, dass Autoren mit diesen vielen Lichtern und Farben um sich werfen, als sei es schon ausreichend, ein möglichst schillerndes Ergebnis zu erzielen. Das ist es aber leider nicht. Ein Großteil der Genreliteratur leidet unter flachen Geschichten mit schwachen Figuren, die nur dadurch aufgebessert werden, dass darin böse Zauberer oder komplexe Weltraumreiche vorkommen. Ich wünsche mir Geschichten, die so gut geschrieben sind wie Middlemarch, von der Handlung her aber mehr Optionen bieten. Darauf hoffe ich stets, und das ist es auch, was gute SF mir liefert.

Hätte Eliot mit ihrer SF-Sichtweise tatsächlich SF geschrieben, so wäre die Literaturgeschichte sicher in anderen Bahnen verlaufen. Vielleicht hätte sie sogar die ganze Welt verändert. All die großen Autoren, die in ihre Fußstapfen traten, hätten die Optionen der SF nutzen können, statt sich an die begrenzten Möglichkeiten der mimetischen Welt halten zu müssen. Bücher wie Piercys Er, Sie und Es, die zwar von den Figuren her gut geschrieben sind, sich aber mit der Integration der SF-Elemente schwer tun, hätte es dann vermutlich gar nicht gegeben.

Middlemarch ist auch heute noch ein großartiges Buch, und ich habe es beim zweiten Lesen ebenso genossen wie beim ersten. Die Grundgeschichte klingt zunächst so depressiv wie bei Hardy: Es geht um zwei Menschen, die erfolgreich sein wollen, am Ende aber scheitern. Dorothea möchte einem großen Gelehrten bei seinem großen Unterfangen helfen und findet sich in einer unglücklichen Ehe mit einem Mann wieder, der zutiefst eifersüchtig ist und sich darin verliert, Fußnoten zu Fußnoten zu schreiben. Lydgate wünscht sich, medizinische Entdeckungen zu machen, und geht eine ebenso unglückliche Ehe mit einer gesellschaftlichen Aufsteigerin ein, die ihn mit Schulden und alltäglichen Sorgen und Belanglosigkeiten belastet. Eliot zeigt genau auf, warum ihre Figuren diese Entscheidungen treffen, die ihnen zunächst richtig erscheinen, später aber unweigerlich zur Katastrophe führen.

Dennoch ist Middlemarch kein deprimierendes Buch. Es zieht einen nicht herunter. Streckenweise ist es sehr humorvoll geschrieben, und es kommen eine Vielzahl detailliert ausgearbeiteter Nebenfiguren darin vor (Eliot setzt den allwissenden Erzähler sehr geschickt ein). Zumindest Dorotheas Geschichte nimmt ein gutes, wenn auch unkonventionelles Ende. Unkonventionell für einen viktorianischen Roman, heißt das. Irdische Botschafterin auf dem Jupiter wird sie leider nicht. Sie ist ständig davon beseelt, Gutes zu tun. »Lasst uns die Wahrheit herausfinden, und seinen Namen reinwaschen!«, sagt sie, als sie von den üblen Gerüchten über Lydgate erfährt. Ich würde sie gern in einem Universum sehen, wo nicht alle beruhigend auf sie einreden und ihr sagen, sie solle vernünftig bleiben.

Middlemarch ist ein Panorama und eine hervorragende Beschreibung des Lebens im ländlichen England vor dem Reform Act. Über die Figuren des Buches möchte man am liebsten mit seinen Freunden tratschen und darüber spekulieren, wie es mit ihnen weitergeht. Ich liebe dieses Buch, und ich kann es jedem nur wärmstens empfehlen. Trotzdem wünschte ich mir, George Eliot hätte stattdessen die Science Fiction erfunden. Sie hätte es nämlich tun können, und das Resultat wäre atemberaubend gewesen.

 



Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus. 

 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.
 

 

Originaltitel: »What a pity she couldn’t have single-handedly invented science fiction! George Eliot’s Middlemarch«

© 2009 Jo Walton

Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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