Buchkolumne - Jo Walton - Also, was für Serien mögen Sie?

KOLUMNE

Also, was für Serien mögen Sie?



Ich liebe Serien. Wenn mir etwas gefällt, dann will ich mehr davon. Natürlich würde ich von einem Autor, den ich mag, ein völlig neues Buch kaufen, aber mich interessiert auch, wie es mit den Figuren weitergeht, die ich schon kenne und liebe. Allerdings ist mir erst klar geworden, wie sehr Genre-Leser Serien mögen, seit ich selber Bücher veröffentliche. Ständig werde ich gefragt, ob ich zu Der Clan der Klauen eine Fortsetzung schreiben werde (nein!) und ob in der Inspector Carmichael-Serie weitere Bände geplant sind (nein!). Manche Leute können einfach nicht loslassen. Was mir natürlich nicht anders geht – als ich hörte, dass Bujold an einem weiteren Miles-Roman schreibt, bin ich stundenlang auf und ab gehüpft.

Also gut, jeder liebt Serien. Aber was für Serien mögen Sie? Der Herr der Ringe ist ja eigentlich keine Serie, es ist ein langes Buch, das aus technischen Gründen in drei Bände aufgeteilt wurde. Cherryhs Allianz-Union-Bücher sind dagegen eine Serie – in sich abgeschlossene Romane, mit eigener Handlung und eigenen Figuren, die im selben Universum spielen. Zwischen diesen beiden Extremen stehen Bujolds Vorkosigan-Saga und Brusts Vlad-Bücher, die von derselben Hauptfigur handeln, aber unabhängige Geschichten erzählen. In diese Serien kann man mit jedem beliebigen Buch einsteigen. Bei Sarah Monettes Doctrine of Labyrinths-Büchern und Daniel Abrahams Die magischen Städte dagegen hat jedes Buch einen eigenen Handlungsbogen, und man sollte sie möglichst in der richtigen Reihenfolge lesen, weil man spätere Bände sonst nicht versteht.

Es gibt also Typ eins: Der Herr der Ringe, ein Buch mit ein bisschen Pappe zwischen drin.

Typ zwei: Doctrine of Labyrinths, die Bände sind in sich abgeschlossen, man muss die Bücher aber in der richtigen Reihenfolge lesen.

Typ drei: Vlad und Vorkosigan, alle Bände zusammengenommen besitzen eine kumulative Wirkung, die einem die Figuren näher bringt. Es spielt jedoch keine Rolle, wo man einsteigt und in welcher Reihenfolge man sie liest.

Und Typ vier: Allianz-Union, die Bücher sind unabhängig voneinander zu lesen, auch wenn sich immer wieder interessante Anspielungen auf andere Bände darin finden.

Auf dieses Thema bin ich gekommen, nachdem ich einen Post von Sarah Monette in ihrem LiveJournal las. Es ging darum, dass ihre Bücher keinen Serientitel und keine Bandnummerierung besitzen. Zum vierten Buch, Corambis (2009), gab es schlechte Rezensionen, weil es Teil einer Serie ist und man die anderen Bände gelesen haben muss, um es zu verstehen. Monette wirft ein paar interessante Fragen zu den Marketing-Entscheidungen auf, die bei der Veröffentlichung ihrer Bücher getroffen wurden.

Ich persönlich mag alle vier Serienstile, wie Sie sicherlich daran gemerkt haben, dass mir für jeden sofort Beispiele aus meinem eigenen Bücherregal eingefallen sind. Eines kann ich allerdings nicht leiden: Man geht in einen Buchladen oder eine Bibliothek und nimmt ein Buch zur Hand, das eindeutig Teil einer Serie ist, was einem auf dem Cover aber nicht verraten wird. So habe ich schon öfter ein Buch angefangen, das Teil einer Serie des Typs eins oder zwei war, bald völlig verwirrt aufgegeben und den Autor nie wieder angeschaut. Furchtbar. Sarah beschreibt aber, dass das Marketing genau das von ihr verlangt hätte:

Meine Lektorin teilte mir mit, dass auf dem Cover oder dem Deckblatt nicht Buch 1 der Doctrine of Labyrinths-Serie stehen dürfe, weil das Marketing dies so wolle.

Sie hat mir erklärt, was dahinter steckt:

Kauft jemand ein Buch und stellt fest, dass es Teil einer Serie ist, so wird er höchstwahrscheinlich auch noch die anderen Bände kaufen. Nimmt jemand dagegen im Laden ein Buch zur Hand und liest auf dem Cover »Teil zwei«, wird er es nicht kaufen. (Meiner Meinung nach enthält diese Argumentation einen entscheidenden Fehler, weil sie davon ausgeht, dass Buch zwei nicht in der Nähe von Buch eins steht, aber das tut jetzt nichts zur Sache.) Egal, dass jemand, der ein Buch kauft und feststellt, dass es sich um den zweiten Band einer Serie handelt, wohl eher unglücklich sein wird, und egal, dass derjenige – weil das verdammte Ding nicht als Band zwei BESCHRIFTET ist – keine Ahnung hat und auch nicht ohne Weiteres herausfinden kann, zu welcher Serie es gehört und welche Bücher DAVOR kamen … das Marketing hat gesprochen: Du Sollst Die Bücher Deiner Serie Nicht Beschriften, und so geschah es.

Für eine Serie von Typ eins oder zwei vollkommen verrückt. Eher schon denkbar bei Typ drei oder vier.

Die Vorkosigan-Bücher (Typ drei) lösen dieses Problem sehr gut. Auf ihnen steht nicht »Band X von Y«, aber das ist auch nicht nötig. Stattdessen enthalten sie einen Zeitstrahl, an dem man die chronologische Reihenfolge der Bücher ablesen kann. Als ich vor vielen Jahren Waffenbrüder in der Bibliothek entdeckte, sah ich sofort, dass es Teil einer Serie war, las es aber trotzdem.

Ich frage mich, ob Verlage und Marketing-Leute manchmal eine Serie des Typs eins oder zwei mit einer des Typs drei oder vier verwechseln oder womöglich der Meinung sind, dass sich die Prinzipien der Typen drei und vier auf alle Serien übertragen lassen. Vielleicht wünschen sie sich ja überhaupt nur Serien des Typs drei – dann sollten sie das ihren Autoren gegenüber allerdings mal erwähnen. Mir hat das noch kein Verlag gesagt, und meine ersten beiden Bücher gehören zum Typ eins. Und Sarah hat davon offenbar auch noch nichts gehört. Sind denn Serien des Typs drei das, was die Leser wollen? Mir gefallen sie ja, aber, wie gesagt, ich mag alle Arten von Serien. 

 


Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus. 

 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.
 

 

Originaltitel: »So, What Sort of Series Do You Like?«
© 2014 Jo Walton
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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