Wolf’s Hour Berserker Buch Rezenssion Robert McCammon Geheimdienst Werwolf

© Festa

BUCH

Robert McCammons Wolf’s Hour


Ein charismatischer Werwolf im Dienst des britischen Geheimdienstes mischt die Nazis auf – und das aus der Feder eines der ganz großen Horror-Autoren der 80er und 90er Jahre. What’s not to like?

An manche Leseerlebnisse erinnert man sich besonders gern und deshalb ganz genau. In einem drückend heißen Sommer vor mehr als zehn Jahren wurde „Unschuld und Unheil“ von Robert McCammon zu einem meiner Lieblingsbücher. Vor Hitze konnte man kaum atmen, und trotzdem saß ich stundenlang draußen im Schatten und verschlang Seite um Seite. Im US-Original bereits 1991 als Boy’s Life erschienen und völlig zurecht mit dem Bram Stoker und dem World Fantasy Award ausgezeichnet, vereint McCammons Schmöker zwischen Southern Gothic, Krimi, Fantasy und Horror eigentlich alles, was es an den Werken von Stephen King, Ray Bradbury und Joe R. Lansdale zu lieben gibt (wer wegen Netflix’ Stranger Things auf der 80er-Nostalgie-Welle reitet, kommt an Unschuld und Unheil unter keinen Umständen vorbei). 

Obwohl die billige Neuauflage aus dem kurzlebigen Area Verlag kein allzu prächtig gestaltetes Hardcover ist, hat das klotzige Büchlein einen Ehrenplatz in meiner Sammlung und steht zusammen mit McCammons anderem Southern-Gothic-Roman Durchgedreht stolz neben Der Teufelskeiler, Kahlschlag und Die Wälder am Fluss von Joe Lansdale, Jesus von Texas von DBC Pierre und Die Ballade von Trenchmouth Taggart von Glenn Taylor. Als 2004 die Area-Lizenzausgabe des ursprünglich bei Knaur herausgekommenen Unschuld und Unheil“ veröffentlicht wurde, war Mr. McCammon hierzulande weitgehend in Vergessenheit geraten. Doch vor fast genau einem Jahr kehrte er mit der ersten ungekürzten Ausgabe seines postapokalyptischen Romans Swans Song bei Festa auf den deutschen Markt zurück, und gleichzeitig hat man in Ausgabe 17/2015 des Literaturmagazins „Krachkultur“ McCammons preisgekrönte Freibad-Horror-Kurzgeschichte „Das Tiefe Ende“ von 1987 als deutsche Erstveröffentlichung abgedruckt, die ebenfalls wieder perfekte Sommerlektüre für alle verzückten Stranger Things-Fans darstellt. 

Gerade wiederentdeckt


Es ist sozusagen die zweite Renaissance von Robert R. McCammon. In der frühen Glanzzeit des amerikanischen Mainstream-Horrors, die Ende der 70er begann und sich bis in die 90er erstreckte, gehörte der 1952 geborene McCammon neben Autoren wie Dean Koontz und Stephen King zu den Wegbereitern, die das Genre in der Nähe zum handelsüblichen Thriller salonfähig machten. Bis 1992 veröffentlichte McCammon ein gutes Dutzend Spannungsromane und dehnte sein Schaffen in Richtung Fantasy und Science-Fiction aus, wobei es in den 80ern mehrere seiner Bücher auf die Bestsellerliste der New York Times schafften. 

Als McCammon 1993 auf der vermeintlichen Höhe seines Schaffens und Erfolgs war, zog er sich aus dem Geschäft zurück. Er hatte mit Depressionen zu kämpfen, wollte mehr Zeit mit seiner Familie verbringen und war frustriert, weil die Verlage ihn einzig und allein auf das Horror-Sujet festzulegen gedachten. Zwanzig Jahre blieb McCammon dem Business fern, bis er 2002 mit neuen Stoffen aus dem selbstgewählten Ruhestand und literarischen Exil zurückkehrte. Fünfzehn Jahre später haben nun auch deutschsprachige Leser die Chance, Robert McCammon zu entdecken oder wiederzuentdecken, da der Leipziger Festa Verlag den Amerikaner in sein breit aufgestelltes Programm aufgenommen hat. 

Vorsicht, bissiger Geheimagent


Gerade ist dort McCammons Wälzer Wolf’s Hour aufgeteilt als Die Verwandlung und Berserker im Paperback und E-Book erschienen. In diesem Roman von 1989, der für den Bram Stoker Award nominiert war, stellt McCammon seinen Lesern Michael Gallatin vor, der als Junge in Russland von einem Werwolf-Rudel adoptiert wird und im Zweiten Weltkrieg als Agent für den britischen Geheimdienst in Afrika gegen die deutsche Wehrmacht kämpft. Später muss Michael mit einem Fallschirm über Frankreich abspringen, sich mithilfe des lokalen Widerstands und seiner Wolfskräfte bis ins besetzte Paris durchschlagen und einen von der Gestapo beschatteten Informanten treffen. Danach führt seine Mission, die für ihn persönlich genauso wichtig ist wie für den geplanten Großangriff der Alliierten am D-Day, unter anderem nach Berlin, da Michael einer Wunderwaffe der Nazis auf der Spur ist ... 

Zum Heulen


Die vereinnahmende Idee eines Werwolf-Geheimagenten im Zweiten Weltkrieg lässt auf ein weiteres Lieblingsbuch aus McCammons Feder hoffen. Unglücklicherweise kommt Wolf’s Hour, das damals in den USA ein echter Bestseller war, stilistisch und inhaltlich manchmal kaum über Heftroman-Niveau hinaus. Immerhin, die guten Szenen mit dem charismatischen Werwolf-Spion, die in beiden von Manfred Sanders ins Deutsche übertragenen Büchern zu finden sind und einen einigermaßen bei der Stange halten, rechtfertigen die Lektüre der zudem viel zu langen Geschichte dennoch, da McCammon ja durchaus ein gutes Garn spinnen und ein ordentliches Abenteuer inszenieren kann. Aber dieses historische Kriegsabenteuer mit Horror-Einschlag hätte noch so viel mehr sein können. Vielleicht merkt das irgendwann Hollywood, ein Network oder ein Streaming-Dienstleister, und wir kriegen in einem anderen Medium noch eine bessere, trash-befreite Version der Story des haarigen Geheimagenten mit der Lizenz zum Beißen.

Allerdings können die Schwächen des trivialen Wolf’s Hour nicht über die coole Prämisse des Romans hinwegtäuschen, in dessen Welt McCammon 2015 übrigens mit einem neuen Kurzgeschichtenband zurückkehrte – oder darüber, wie schön es ganz allgemein ist, dass Robert McCammon jetzt auf beiden Seiten des Teiches wiederentdeckt werden kann. Auf seiner Backlist schlummern schließlich Perlen wie Unschuld und Unheil und Durchgedreht, denen eine Neuausgabe sicher gut zu Gesicht stünde.

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