Buchkolumne von Jo Walton - Ritter, die »Fuck« sagen: Über das Fluchen in der Genreliteratur

KOLUMNE

Ritter, die »Fuck« sagen: Über das Fluchen in der Genreliteratur



Vor einer Weile postete Mighty God King eine wunderbare Sammlung leicht bearbeiteter Buchcover der Lieblingsbücher seiner Kindheit, denen er passendere Titel gegeben hatte. Genialerweise benutzte er dabei die Schrifttype des Originals, so dass bei einem Titel wie Mercedes Lackeys My Little Pony Goes to War auf den ersten Blick gar kein Unterschied zu erkennen war. Besonders lachen musste ich über sein Cover für George R. R. Martins Das Lied von Eis und Feuer. (Ich liebe diese Bücher.) Sein neuer Titel lautete: Knights Who Say »Fuck« - Ritter, die »Scheiße« sagen. Mir gefiel daran nicht nur die clevere Monty-Python-Anspielung, sondern auch, dass er damit quasi den Nagel auf den Kopf trifft. In Martins Büchern kommt das Wort »fuck« tatsächlich häufig vor, und das unterscheidet ihn von der traditionellen High Fantasy. Natürlich ist er heute nicht mehr der einzige Autor, dessen Ritter »fuck« sagen – Sarah Monettes charmant-vulgärer Mildmay fällt mir da ein –, aber früher war das ziemlich unüblich. Es passte einfach nicht zur Sprachebene der Fantasy. Inzwischen scheint sich die Sprachebene erweitert zu haben, was interessant ist.

Ich lese gerade Cherryhs Pells Stern – ursprünglich 1981 erschienen. Unmittelbar davor habe ich Höllenfeuer gelesen, dessen Handlung vor Pells Stern angesiedelt ist, das aber im Jahr 1992 veröffentlicht wurde. Mir fiel dabei sofort auf, dass die Soldaten in Pells Stern »ein Schimpfwort ins Com flüstern«, »leise« oder »ausgiebig fluchen« oder »ein ordinäres Wort hinzufügen«. In Höllenfeuer sagen sie in vergleichbaren Situationen einfach: »Mist, Mist, Mist!« oder »Scheiße!«

Beide Bücher habe ich kurz nach ihrer Veröffentlichung das erste Mal gelesen, und damals ist mir, was das Fluchen angeht, nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Dennoch hat sich zwischen 1981 und 1992 eindeutig etwas verändert – und C. J. Cherryh war es nicht. So oft, wie in Pells Stern jemand ein Schimpfwort oder eine Obszönität flüstert oder ausgiebig flucht, kann man davon ausgehen, dass sie die Wörter, die die Soldaten benutzen, sehr genau kennt. Das erinnert mich an die keuschen Striche bei Trollope. Eines der wichtigsten Ereignisse in He Knew He Was Right ist, dass ein Mann seine Frau als »_____« bezeichnet, und nein, man erfährt nicht, was für ein Wort er benutzt. (In den Fußnoten heißt es, der Autor könnte »Dirne« gemeint haben. Da »Dirne« ein Wort ist, das mich nicht im Mindesten schockiert, bin ich dazu übergegangen, diese und alle anderen Lücken bei Trollope mit den schlimmsten Schimpfwörtern zu füllen, die ich kenne.)

Unterlag Cherryhs Roman also einer gewissen Sprachzensur?

Was mich daran überrascht, ist vor allem das Erscheinungsdatum. Ich dachte immer, es sei schon in den sechziger Jahren möglich gewesen, in Büchern Schimpfwörter zu verwenden. Hinkte die Genreliteratur da etwa hinterher? Mit dem Beginn der New Wave durfte man auf jeden Fall zum ersten Mal über Sex reden, aber wie freizügig waren die Formulierungen? Beim Lesen von W. E. B. Griffin merkte ich, dass die Figuren in seinen Büchern so viel »shit« sagen dürfen, wie sie wollen, solange sie damit nicht »menschliche Exkremente« meinen, und »fuck«, wenn es nichts mit »Geschlechtsverkehr« zu tun hat. Es gibt also einen Unterschied zwischen Obszönitäten und reinen Beschreibungen, und für beides werden verschiedene Begriffe verwendet. Schimpfwörter sind aufgeladen, sie gehören bestimmten Sprachebenen an und markieren einen Text.

In vielen Büchern kommen ausgedachte »futuristische« Flüche vor. (Wer erinnert sich nicht an Larry Nivens »tanj«?) Wann hat das aufgehört? In Trinkt den Saphirwein gibt es sie noch. Und das war 1976.

Also muss sich in den Achtzigern eine Veränderung vollzogen haben. Warum? Gab es ein bestimmtes Buch oder ein Datum, das ausschlaggebend war? Handelte es sich um einen allgemeinen kulturellen Wandel, der nach und nach auch im Genre Einzug hielt? Hat er seinen Weg zuerst in die SF gefunden und erst später in die Fantasy? Der erste Band von Das Lied von Eis und Feuer ist 1996 erschienen.

Ab wann galt es nicht mehr länger als gewagt, wenn jemand »wie ein Soldat flucht«? Ich erinnere mich, dass die Erwachsenen während meiner Kindheit in Süd-Wales auf Walisisch schimpften – Flüche, die übersetzt »Gott« oder »Teufel« bedeuteten. »Bloody« war damals im Englischen ein ziemlich übles Schimpfwort. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass während meiner Jugend in Großbritannien Anfang und Mitte der achtziger Jahre andere junge Frauen das Wort »fuck« so beiläufig verwendet hätten, wie sie es heute tun. Ich glaube, dass sich da tatsächlich etwas verändert hat. Nicht nur hat sich die Literatur früher mit Schimpfwörtern stärker zurückgehalten, die Sprache der Leute selbst hat sich gewandelt. Bestimmt gibt es auch zwischen Großbritannien und Nordamerika und vielleicht sogar zwischen verschiedenen Gegenden Unterschiede.

Und in Zukunft? Solche Dinge unterliegen der Mode. Möglicherweise werden unsere Texte mit ihrer großzügigen Verwendung des Wortes »fuck« also irgendwann genauso antiquiert wirken wie Trollopes Striche.



Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus. 

 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.


Originaltitel: »Knights Who Say ›Fuck‹: Swearing in Genre Fiction«
© 2014 Jo Walton
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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