Buchkolumne Jo Walton - Geschlecht und Gletscher: Ursula K. LeGuins Die linke Hand der Dunkelheit

KOLUMNE

Geschlecht und Gletscher: Ursula K. Le Guins ›Die linke Hand der Dunkelheit‹



Die linke Hand der Dunkelheit
ist eines der Bücher, die die Welt verändert haben. Es heute zu lesen, in der Welt, die es mit hervorgebracht hat, kann niemals dieselbe Erfahrung sein wie damals, in der Welt, für die es geschrieben wurde. Die linke Hand der Dunkelheit hat nicht nur die Science Fiction verändert, sondern auch den Feminismus. Es war am Wandel unserer Vorstellung von Mann und Frau beteiligt. Dieser Kampf ist sicherlich noch nicht vorbei. Heute stehen wir jedoch anders da als noch 1969, und das haben wir zum Teil diesem Buch zu verdanken.

Viele Romane, die einen solchen Wandel hervorrufen, sind später höchstens noch als historische Artefakte interessant, selten jedoch wegen ihrer Geschichte. In der Regel bleiben sie als antiquiertes Treibgut im Strom der Zeit zurück. Neunzig Prozent der Diskussionen über Die linke Hand der Dunkelheit drehen sich um das Geschlechter-Thema, um die Gethenianer und ihre interessanten Zustände – Kemmer (ein paar Tage im Monat können sie beide Geschlechter annehmen) und Somer (die meiste Zeit sind sie geschlechtslos). Allerdings ist dieses Buch mehr als nur eine historische Kuriosität. Was es so großartig und lesenswert macht, ist die fesselnde Geschichte und die faszinierende Kultur, die es beschreibt. Das Geschlechter-Thema ist nur ein Teil davon.

Der Roman erzählt die Geschichte des Terraners Genly Ai, der auf den Planeten Gethen kommt, um die Gethenianer davon zu überzeugen, in das Weltenkollektiv Ekumen einzutreten. Und außerdem die Geschichte des Gethenianers Therem Harth rem i'r Estraven, der mehr sieht als den Horizont, unter dem er aufgewachsen ist. Und es ist die Geschichte der Reise, die diese beiden miteinander unternehmen.

Das Buch wechselt zwischen Estravens Tagebuchaufzeichnungen und Genlys später verfasstem Bericht. Darüber hinaus werden an passenden Stellen Gedichte, Sagen und Geschichten der Gethenianer in den Text eingefügt. Die Welt ist im Roman also eine eigenständige Figur – vielleicht überhaupt die wichtigste. Ich liebe diese Welt, Karhide jedenfalls, das Land und die Menschen, die Konflikte mit der Regierung und die verschiedenen Religionen. Der Planet befindet sich in einer Eiszeit, und die Anpassung an das Klima hat die Kulturen dieser Welt mindestens genauso stark geprägt wie die Geschlechterfrage. Es sind echte Kulturen mit echten Besonderheiten, und die Erzählweise des Romans unterstreicht das noch. Wenn Sie den Roman noch nicht kennen und bisher nur gehört haben, dass es sich um einen feministischen Klassiker mit komischen geschlechtslosen Aliens handelt, dann wird Sie diese Geschichte über die Entdeckung eines Planeten und die Reise über das Eis wahrscheinlich überraschen. Es ist eine lebendige Geschichte, die zufälligerweise die Welt verändert hat, kein dröger Text mit einer Botschaft.

Das Buch spielt im selben Universum wie einige andere Romane von Le Guin, die teils früher geschrieben wurden. Das Inventar ist das gleiche – der Ansible, die Raumschiffe, die beinahe mit Lichtgeschwindigkeit fliegen, die hainischen Siedlungsexperimente (wollten sie vielleicht eigene Aliens erschaffen?). Der Hintergrund verursacht jedoch keine Probleme, sondern gibt dem Buch mehr Substanz.

Gethen, auch als »Winter« bekannt, ist der einzige Planet, den die Leser im Buch kennenlernen. Zwar gehört eine der Erzählstimmen einer Frau von Chiffewar, die zu einem früheren Zeitpunkt einen Bericht über Gethen geschrieben hat; der einzige Nicht-Gethenianer, mit dem wir uns identifizieren können, ist jedoch Genly Ai, ein Schwarzer von der Erde. Wir erfahren nicht, welchen kulturellen Hintergrund er hat, lediglich seine dunkle Hautfarbe – dunkler als die der meisten Gethenianer – wird erwähnt. »Genly« und »Ai« sind keine Namen, die mir geläufig sind. Bei einer Google-Suche bin ich auf eine Stadt in Belgien und eine Fabrik in China gestoßen, die Genly heißen. Außerdem scheint der Name auf den Philippinen, in China und Indien vorzukommen. »Ai« lässt sich leider nicht suchen. Rene Walling ist der Ansicht, es könnte sich um den französischen Namen »Jean-Louis« in Verbindung mit dem japanischen Nachnamen Ai handeln. Er vermutet, dass die Figur aus Montreal stammt. Aber egal, was für einen ethnischen Hintergrund Genly hat – er ist die »normale« Figur, unser Filter. Er besitzt ein Geschlecht, das wir kennen, und stammt von einem Planeten, der uns vertraut ist. Er ist unsere »unmarkierte« Figur, wenn man so will. »Terraner« ist dabei die einzige Ethnizität, die er im Roman besitzt – was ich ziemlich cool finde. Seine sexuelle Vorliebe – er ist heterosexuell – wird erwähnt, und sein Geschlechts-Essenzialismus entstammt der Welt, in der das Buch geschrieben wurde, nicht der Welt, in der es heute gelesen wird.

Meine Lieblingsfigur in diesem Buch ist Estraven. Ich liebe ihn schon seit meiner Jugend. Er ist weder Mann noch Frau und immer und überall im Exil. Er behält stets den Überblick und tut, was er kann. Er gibt sich die größte Mühe, auch unter schwierigsten Bedingungen ein guter Mensch zu sein. Und wenn jemand mich fragen sollte, welche Romanfigur ich gerne mal zum Abendessen einladen würde, fällt meine Wahl auf jeden Fall auf ihn, auch wenn ich damit jede Hoffnung auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis zum Fenster hinauswerfe. Bei seiner Sterbeszene muss ich jedes Mal weinen. Ich weiß nicht, ob ich von Estraven genauso angetan wäre, wenn ich das Buch heute zum ersten Mal lesen würde. Seine Hintergrundgeschichte, die im Buch wunderbar langsam enthüllt wird, ist eines der schönsten Dinge an diesem Roman. Allein schon sein Name spiegelt die vielschichtigen Kulturen Karhides – seine Freunde und Herd-Brüder nennen ihn Therem, von Bekannten wird er Harth genannt, und Estraven ist sein Rufname, vergleichbar mit einem Titel. Doch als er oben auf dem Gletscher die Gedankensprache lernt, nimmt er sie als Therem wahr, und er hört die Stimme seines toten Bruders, mit dem er zusammen ein Kind hatte. Armer Estraven, so tragisch, so scharfsichtig, so vollkommen Teil seiner Welt und Kultur!

In der Science Fiction haben Planeten oft nur ein Land und eine Kultur. Es soll deshalb lobend erwähnt werden, dass es auf Gethen vier oder fünf gibt, von denen uns Le Guin zwei vorstellt. Der Konflikt zwischen Karhide und Orgereyn wirkt stark vom Kalten Krieg beeinflusst. Orgereyn mit seinen Einheiten und Ziffern und Arbeitslagern ist ein totalitärer Staat. Ich hatte immer den Eindruck, dass Orgereyn nur existiert, um Genly und Estraven einen Grund zur Flucht zu geben. Diese Flucht ist jedoch so fesselnd erzählt, dass mir das egal ist. Genlys subjektive Erfahrungen mit Orgereyn sind sehr gut ausgearbeitet, finde ich, insgesamt bleibt das Land aber etwas blasser als Karhide.

Die »gezähmte Intuition« der Festen und die »Gedankensprache« des Ekumen sind eher auf Science-Fiction-Art dargestellt und nicht wie Fantasy. Solche »Psi-Kräfte« sind heute nicht mehr angesagt, Le Guin beschreibt sie jedoch glaubhaft und interessant, und ich finde, dass sie das Buch mit ihrer Seltsamkeit bereichern.

Im Herzen des Buches steht die Reise über den Gletscher – zwei Menschen von unterschiedlichen Welten ziehen zusammen einen Schlitten über das Eis. Anklänge an Scotts Antarktis-Expedition finden sich darin – für mich allerdings eher umgekehrt, weil ich Die linke Hand der Dunkelheit zuerst gelesen habe. Le Guin nimmt Anleihen bei diesen eigentlich sinnlosen, vorwiegend männlich geprägten Abenteuern und verleiht ihnen andere Vorzeichen. Von der Polarforschung war sie eindeutig fasziniert – in Die Kompassrose findet sich eine Kurzgeschichte über südamerikanische Frauen, die den Südpol entdecken, ihn aber nicht markieren oder irgendjemand davon berichten. Diese Winterreise hat einen ganz anderen Hintergrund, doch auch hier werden Geschlechtervorstellungen unterwandert.

Bei den Gethenianern gibt es ein Konzept, das die Bezeichnung »Shifgrethor« trägt und vergleichbar ist mit unserem »Stolz«. Die Leute auf Gethen reden erst einmal eine Weile um den heißen Brei herum, um den anderen nicht vor den Kopf zu stoßen. Möchte man, dass jemand direkt zur Sache kommt, kann man auf Shifgrethor verzichten. Die Gethenianer haben sehr genaue Vorstellungen davon, was gesagt werden darf und was nicht, allerdings ist es möglich, diese Konventionen außer Kraft zu setzen. Für mich ist das eines der interessantesten Konzepte des Romans – interessanter noch als die Tatsache, dass die Gethenianer keine Kriege führen –, das komplexe System aus Privilegien und verletzbarem Stolz, das das Leben prägt. Sie sind ziemlich empfindliche Aliens, und das macht den Roman für mich so reizvoll.

Le Guin hat seither einige Essays über den Roman verfasst und eine Kurzgeschichte mit dem Titel »The Winter King«. Darin benutzt sie für alle Gethenianer das Pronomen »sie« anstatt »er«. Später erschien außerdem die Geschichte »Coming of Age in Karhide«. In beiden Geschichten werden die Gethenianer ausdrücklich feminisiert. Storys und Essays sind zweifellos interessant, doch handelt es sich dabei um Nachsätze aus einer anderen Welt.

Das Licht ist die linke Hand der Dunkelheit, und die Dunkelheit die linke Hand des Lichts, wie beim Yin-Yang-Symbol werden Gegensätze vereint. In Die linke Hand der Dunkelheit geht es darum, zu einer Ganzheit zu finden. Und darum, was es heißt, ein guter Mensch zu sein und was das Geschlecht dabei für eine Rolle spielt. Im Wesentlichen aber geht es um das wunderbare Erlebnis, einen Schlitten über einen Gletscher zwischen zwei Welten zu ziehen.

Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus.

 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.


Originaltitel: »Gender and glaciers: Ursula Le Guin’s The Left Hand of Darkness«
© 2014 Jo Walton
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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