"What Makes this Book so Great"-Autorin Jo Walton in ihrer Kolumne über die Erzählungen von James Tiptree Jr.

KOLUMNE

Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: Die Erzählungen von James Tiptree Jr.


Mein Exemplar der zweiten Auflage von James Tiptree Jr.'s Kurzgeschichtensammlung Warme Welten und andere (1979) enthält eine äußerst aufschlussreiche Einführung von Robert Silverberg. Silverbergs Text ist brillant, allerdings irrt er sich in zweierlei Hinsicht. Berühmt geworden ist sein Irrtum, die Autorin müsse »eindeutig männlich« sein – wovon er sich in der zweiten Auflage elegant verabschiedet. Sollte jemand nach einem Vorbild suchen, wie man ohne Gesichtsverlust einen Fehler eingesteht – hier wird es uns geliefert. Der andere Irrtum ist seine Überzeugung, Tiptree werde eines Tages einen Roman schreiben, der die von ihm gelobten Kurzgeschichten noch um einiges übertrifft.

Zum Ende ihrer Karriere hin schusterte Tiptree zwar noch ein paar Romane zusammen, die mir auch ganz gut gefallen, obwohl ihnen die klassische Romanform fehlt. Manche Menschen sind jedoch geborene Kurzgeschichtenautoren – was Tiptree vermutlich besser charakterisiert als ihr Geschlecht. Tiptree schrieb einige der besten Erzählungen des Genres, unvergessliche Geschichten, die einem unter die Haut gehen und an die man gerne zurückdenkt. Im Allgemeinen herrscht die merkwürdige Ansicht, Kurzgeschichten seien Romanen irgendwie unterlegen und nur Anfänger würden sich damit befassen. In Wahrheit sind sie jedoch etwas ganz und gar Eigenständiges. Es gibt Autoren, die mit allen Textlängen klarkommen, andere wiederum bevorzugen einen bestimmten Umfang. Für Tiptree war die Kurzgeschichte die ideale Form. Selbst Novellen und Kurzromane hat sie nur selten geschrieben. Mit erstaunlich wenigen Worten gelang es ihr, ganze Universen zu erschaffen und sie mit einzigartigen Figuren zu bevölkern – eben darin bestand ihr besonderes Genie.

Warme Welten und andere ist inzwischen vergriffen, doch es gibt aktuell eine Werkausgabe der Autorin, die ich nur wärmstens empfehlen kann. Lese ich eine Kurzgeschichtensammlung ein zweites Mal, so halte ich dabei nach wiederkehrenden Themen und Motiven Ausschau. Tiptree schrieb viel über Besucher von weither und das Thema der Entfremdung. Eines der stärksten Motive in ihren Erzählungen ist jedoch die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Die Figuren in ihren Geschichten sehnen sich stets nach etwas, das ihnen verwehrt ist – Timor in »Paradiesmilch« zum Beispiel nach seinem verlorenen Paradiesplaneten, P. Burke in »Das eingeschaltete Mädchen« nach ihrem perfekten Roboterkörper oder die Menschen in »Und ich erwachte und fand mich hier am kalten Berghang« nach Sex mit Außerirdischen. Auch die grausamen biologischen Zwänge, denen die Aliens in der Erzählung »Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod« unterliegen, passen in dieses Schema. Gekonnt verknüpft Tiptree SF-Konzepte mit dem Thema der unerfüllten Sehnsucht.

Julie Phillips' Biografie der Autorin ist in weiten Teilen gelungen, unterschätzt aber meines Erachtens den Wert von Tiptrees Werken. Phillips beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie Alice Sheldon die Person James Tiptree Jr. erschuf – was an sich ein ganz interessantes Thema ist. Unter dem Namen Tiptree gelang Sheldon der Durchbruch, und sie benutzte dieses Pseudonym auch in Briefen an andere Autoren. Mich interessiert jedoch eher, was die Science Fiction zu Sheldons Werk beigetragen hat und wie sie dieses Genre nutzte, um über ihre Erfahrung der Entfremdung von der Welt zu schreiben – und damit eine Leserschaft zu finden. Delany sagte einmal, dass in der Science Fiction ein einfacher Satz wie »Sie wollte mal abschalten« eine ganze Reihe von Bedeutungen haben kann – will sich hier jemand entspannen, oder wird ein Cyborg deaktiviert? Auf ebendiese Weise spiegelt sich in den Werken Tiptrees Sheldons Sehnsucht nach etwas, das sich nicht artikulieren lässt.

Tiptrees Erzählungen sind einfach großartig – ich habe sie in meiner Jugend geliebt, und liebe sie noch heute. Sie wagte sich in gänzlich neue Gefilde und erweiterte damit den Horizont des Genres. Der Einfluss Tiptrees auf das Genre interessiert Phillips allerdings weniger. Zwar schreibt sie über den Tiptree Award und das Gender-Thema, bezieht sich aber mehr auf Sheldon als Person denn als Autorin. Trotz Erzählungen wie »Frauen, die man übersieht« und der Novelle »Von Fleisch und Moral« standen Geschlecht und »Frauenthemen« bei Weitem nicht im Mittelpunkt von Tiptrees Werk. Meines Erachtens befreite sich Sheldon durch die Erschaffung der Persona Tiptree ein Stück weit von dem Zwang, über solche Themen schreiben zu müssen. Das Pseudonym erlaubte ihr, »normal« zu schreiben (wir reden hier über die siebziger Jahre) und einfach sie selbst zu sein, ohne sich von ihrer weiblichen Identität einschränken lassen zu müssen. Mit der Anerkennung weiblicher Autoren findet gleichzeitig auch eine Absonderung statt – der sie sich auf diese Weise entzog.

Tiptree testete stets die Grenzen der Science Fiction aus. Mit »Das eingeschaltete Mädchen« (1973) nahm sie den Cyberpunk vorweg – die Erzählung gilt neben John M. Fords Web of Angels und John Brunners Der Schockwellenreiter als einer der frühen Vorläufer des Genres. »Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod« bereitete den Weg für Octavia Butlers Werke über Außerirdische, Sex und Identität. »Und ich erwachte und fand mich hier am kalten Berghang« inspirierte John Varley. Viele Autoren der späten Siebziger und frühen Achtziger maßen sich an Tiptree. Ohne sie hätte das Genre ganz anders ausgesehen. Die Science Fiction ist ein ständiger Dialog, und Tiptrees Stimme war eine der stärksten in den frühen Siebzigern, als die großen Veränderungen stattfanden. Sie war keine New-Wave-Autorin und in vieler Hinsicht recht traditionell eingestellt. Die Erzählung »Und auf verlorenen Wegen fand ich diesen Ort« hätte auch von Murray Leinster stammen können – bis auf das Ende. Durch ihr Werk erweiterte Tiptree jedoch die Möglichkeiten der Science Fiction und drückte dem gesamten Genre ihren Stempel auf.

 

Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus.


Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel. 

 

Originaltitel: »Yearning for the Unattainable: James Tiptree Jr.'s Short Stories«
© 2014 Jo Walton«
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

Share:   Facebook