"What Makes this Book so Great"-Autorin Jo Walton in ihrer Kolumne über Mainstream und was das genau bedeutet

KOLUMNE

Das ist nur Kulisse: Was bedeutet »Mainstream«?


Sagen wir es einmal so: Im weitesten Sinne ist Mainstream alles, was nicht Genre ist. Es ist eine Marketing-Kategorie, genau wie »Mystery«, »Science Fiction«, »Chicklit« oder »Belletristik«. Eine Kategorie, die alle Formen von mimetischer oder vermeintlich realistischer Literatur umfasst. Damit ist sie allerdings ziemlich nutzlos, weil sie viel zu groß ist. Wir mögen über vereinfachende Vergleiche wie: »Wenn Sie Die Drachenreiter von Pern mögen, wird Ihnen auch Unternehmen Schwerkraft gefallen!« lachen, aber Kategorien sind nun mal dazu da, dass die Leute die Bücher finden, die sie gerne lesen. Und ein Satz wie: »Wenn Sie Middlemarch von George Eliot mögen, wird Ihnen auch Rainbow Six von Tom Clancy gefallen!« hilft niemandem weiter. Bei der Büchersuche sind Marketing-Kategorien sicherlich nützlich, zur Genreabgrenzung aber eher ungeeignet.

Mainstream in diesem Sinn ist ein Begriff, der aus der SF-Szene stammt. Mainstream-Autoren sind sich gar nicht darüber bewusst, dass sie Mainstream schreiben, und ich glaube, dass Tor Books (ein Verlag, der ursprünglich mit Fantasy und SF angefangen hat) die einzigen sind, die einen Teil ihres Programms als »Mainstream« bezeichnen. Mainstream wird hier als Gegensatz zur SF definiert. Damon Knight hat einmal den berühmten Satz geäußert, SF sei das, worauf wir deuten, wenn wir SF sagen, und mit dem Mainstream ist es das Gleiche – er ist das, worauf wir (SF-Leser) deuten, wenn wir Mainstream sagen.

Interessant finde ich, wenn Leute Bücher, die ganz „offensichtlich“ SF sind, für Mainstream halten.

Wenn jemand behauptet, Die Vereinigung jiddischer Polizisten von Michael Chabon (ein alternativ-historischer Roman über einen jüdischen Staat in Alaska) sei »Mainstream“, so meint er damit wohl, dass es in ihm um Mainstream-Haltungen und -Erwartungen geht und er auf Mainstream-Art erzählt ist. Außerdem wurde er in einem Mainstream-Verlag veröffentlicht, und Michael Chabon ist ein Autor, der sich mit mimetischer Literatur einen Namen gemacht hat. Und das, obwohl seine letzten drei Romane Genre-Bücher sind, er sich zudem sehr positiv über die SF äußert und sogar Mitglied der SFWA ist. Der Status des Autors sollte eigentlich keine Rolle spielen … tut es aber irgendwie doch. Manche Leute sehen auch in Brasyl (einem Roman über Quantentechnologie im Brasilien der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) eine Mainstream-Haltung, was ich persönlich nicht nachvollziehen kann. (Und mich würde wirklich interessieren, wie man darauf kommt.)

Samuel R. Delany hat einmal darüber gesprochen, was es heißt, SF als SF zu lesen. (Ich für meinen Teil neige dazu, alles als SF zu lesen.) Schreiben Mainstream-Autoren SF, so verstehen sie oft die Eigentümlichkeiten des Genres nicht – die Dinge, die wir SF-Leser tun, wenn wir SF lesen. Am auffälligsten ist das in Romanen wie Marge Piercys Er, Sie und Es. Piercy hat ganz offensichtlich Gibson gelesen, darüber hinaus jedoch nicht viel. Oder in Doris Lessings Shikasta und seinen Fortsetzungen. Die Mainstream-Autoren beherrschen das grundlegende Handwerk des Schreibens – die Entwicklung von Geschichten, Figuren und so weiter – und das mitunter wirklich gut. Sie möchten gern SF schreiben – Lessing ist vom Genre sehr fasziniert –, aber sie wissen nicht, wie SF funktioniert. Sie erklären zu viel von den falschen Dingen und nicht genug von den richtigen. Sie denken sich peinliche Abkürzungen aus (SUWG: »Substanz-des-Wir-Gefühls« aus Shikasta fällt mir da ein). Und sie verstehen nicht, wie man dem Leser Dinge nahebringt. Ich nenne es: »Spuren legen«, wenn überall im Text Hinweise für den Leser verteilt werden, aus denen er sich zusammenreimen kann, wie die Welt des Romans funktioniert. Chabon hat dieses Problem nicht, weil er SF-Leser ist und weiß, wie man Spuren legt – die Brillianz seines Worldbuildings bewundere ich sehr –, aber er ist die Ausnahme.

Als ich vor einer Weile Der verliebte Dschinn von A.S. Byatt las, kam mir zu diesem Thema eine Erkenntnis. Es handelt sich um eine Mainstream-Geschichte – und das trotz des unbestreitbar phantastischen Moments: Eine Akademikerin kauft eine Flasche mit einem Dschinn darin und bringt ihn dazu, ihr ein paar Wünsche zu erfüllen. Mainstream ist die Geschichte deshalb, weil die Flasche erst auf Seite 150 oder 175 gefunden wird. In einer Genre-Geschichte wäre sie auf der ersten Seite aufgetaucht. Die Handlung ist auf Mainstream-Art erzählt und konzentriert sich darauf, Mainstream-Erwartungen zu erfüllen. Im Wesentlichen geht es in der Geschichte darum, dass zu einfache Problemlösungen nicht wirklich erfüllend sind. Der Dschinn ist eine Metapher, so wie Kelly Links Zombies keine sind. Es heißt immer, SF sei Ideenliteratur. Als ob sich in Middlemarch oder Rainbow Six keine Ideen finden ließen! Ich glaube, dass sie weniger Ideenliteratur als vielmehr eine Literatur des Worldbuildings ist.

In einem Science-Fiction-Roman ist die Welt selbst eine Figur – oft sogar überhaupt die wichtigste.

In einem Mainstream-Roman ist die Welt implizit unsere eigene und die Figuren sind die Welt.

In einem Mainstream-Roman, der SF sein will, wird das Ganze kompliziert, was zu einem holprigen Leseerlebnis führen kann.

Versuchte man in den alten Zork-Text-Adventures etwas aufzuheben, das zwar beschrieben wurde, aber kein Gegenstand war, erhielt man die Rückmeldung: »Das ist nur Kulisse.« Mainstream-Romane und SF unterscheiden sich vor allem darin, welche Dinge als Kulisse betrachtet werden.


Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus.


Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.
 

Originaltitel: »That’s Just Scenery«: What Do We Mean by »Mainstream«?
© 2014 Jo Walton
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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