J. R. R. Tolkien: Bauer Giles von Ham

© Klett-Cotta

BUCH

J. R. R. Tolkien: Bauer Giles von Ham (Neuausgabe)


Kann man behaupten, dass Christopher Paolinis Eragon-Saga die Drachen zeitweise ein Stück zu weit in die All-Age-Gefilde getrieben und erst die TV-Adaption von George R. R. Martins epischer Seifenoper Game of Thrones sie zurück in die Areale der erwachsenen Fantasy gebracht hat? Oder ist das einfach nur – ganz schön polemisches – Schubladen-Denken, während Drachen, diese Dauerbrenner im fantastischen Genre-Ouroboros, ohnehin unantastbar sind? Schließlich trifft man die fliegenden Feuerspeier und lügnerischen Lederschwingen in alten Sagen und Märchen genauso an wie in den klassischen Fantasy-Geschichten von Altmeister J. R. R. Tolkien, dessen Mittelerde-Kanon bis heute einen gewaltigen Einfluss auf die konventionelle Fantasy ausübt.

Drachenzähmer ohne Hobbits


Mit Smaug aus Der Hobbit schuf Tolkien, ein sprachversessener Oxford-Professor und Märchen-Experte, in den 30er-Jahren einen der bekanntesten und gleichzeitig archetypischsten Drachen der modernen Fantasy: Der verschlagene, furchterregende Smaug hortet Gold und Juwelen in seiner Höhle, macht den Helden um Mr. Bilbo Beutlin am Ende ihrer Queste das Leben schwer und legt in seinem flammenden Zorn eine ganze Stadt in Schutt und Asche, bevor ein beherzter Bogenschuss ihn ins Lurch-Nirwana schickt. Glimpflicher verläuft da schon Bauer Giles von Ham, Tolkiens Märchen und Kinderbuch, das gerade als Hardcover-Kleinband mit zahlreichen Extras von Klett-Cotta neu aufgelegt wurde.

Die Geschichte ist noch immer dieselbe schöne, humorvolle Erzählung, die im Original erstmals 1949 veröffentlicht, jedoch schon rund zehn Jahre vorher ersonnen wurde. Bauer Giles von Ham spielt zu einer Zeit, da Britannien noch in viele kleine und mittlere Königreiche aufgeteilt ist. Eines Tages kommt ein Riese in die Nähe des Dorfes Ham, in dem Bauer Giles lebt, der den zerstörerischen Giganten mit seiner Donnerbüchse in die Flucht zu schlagen vermag. Doch der Bericht des heimgekehrten Riesen über die wundersame Fremde sorgt dafür, dass der hinterlistige Drache Chrysophylax ins kleine Königreich kommt. Als anerkannter und gefeierter Riesentöter, dem der König sogar ein Schwert als Belohnung geschickt hat, muss Giles sich auch diesem fabelhaften Untier stellen. Mit Witz, Glück und einem besonderen Artefakt (der Hobbit lässt grüßen) nimmt die Konfrontation ein gutes Ende, und der Höhenflug des Bauern geht weiter. Allerdings ruft der Schatz des Drachen, den Giles nach Hause bringt, den gierigen König auf den Plan, und schließlich braucht Giles zwischen dem Drachen und dem Monarchen mehr Pfiff als je zuvor ...

Wer Bauer Giles von Ham zuletzt vor vielen Jahren als Teil der JRRT-Sammelbände „Fabelhafte Geschichten“ oder „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ gelesen hat, wird erfreut feststellen, dass Tolkiens Fabel über den bauernschlauen, nun ja, Bauern noch immer eine charmante Lektüre für Leser jeden Alters ist. Die Neuausgabe ist außerdem wieder einmal ein Beispiel für die irrsinnige Akribie in der Tolkien-Forschung. Bauer Giles von Ham folgt der englischen Edition von 1999, die Christina Scull und Wayne G. Hammond herausgegeben haben – auf ihr Konto gehen z. B. noch die entsprechend betreute Ausgabe von Tolkiens anderem Kinderbuch Roverandom und die Sachbücher/Artbooks Tolkien – Der Künstler und Die Kunst des Hobbit. In ihrem Vorwort erläutern die Tolkien-Experten die Entwicklung der Geschichte von einer mündlichen Erzählung für Tolkiens Kinder zum vielfach überarbeiteten Manuskript und zum fertigen Buch. Wie immer wissen die Tolkienisten über jedes verschobene Komma Bescheid und kennen jede Briefzeile, in der Tolkien sich über Bauer Giles von Ham und seinen Werdegang ausgelassen hat. Immer wieder unglaublich. Höchst hilfreich ist überdies der üppige Anmerkungsapparat hinten im Buch, der sich im Anschluss an eine niedergeschriebene frühe Fassung der Original-Erzählung und Tolkiens Notizen zu einer möglichen Fortsetzung erstreckt. Da bleiben dann wirklich keine Wünsche, geschweige denn Fragen mehr offen.

Der umlaufende Schutzumschlag und die einfachen Strichillustrationen im Innenteil stammen übrigens von Pauline Baynes (1922–2008), die mehr als 100 Bücher bebilderte und u. a. noch die beliebten Narnia-Romane von Tolkiens Inklings-Kollegen C. S. Lewis illustrierte. Professor Tolkiens Gedichtband Die Abenteuer des Tom Bombadil und seine Geschichte Der Schmied von Großholzingen, die zeitgleich mit der Neuausgabe von Bauer Giles von Ham in ähnlicher Ausstattung erschienen sind, enthalten ebenfalls Baynes’ Bilder.

Über die regelmäßigen, ewigen Tolkien-Neuauflagen kann man sicher geteilter Meinung sein, vieles steht ja schon doppelt und dreifach in der Sammlung und frisst Regalmeter wie ein hungriger Drache. Andererseits ist es absolut sinnvoll, dass diese im Vergleich zum Hobbit und dem Herrn der Ringe unbekannteren Tolkiens immer wieder neu abgepackt und angeboten werden, damit neue Leser sie entdecken können – und wenn man sie ihnen als Geschenk aufdrängt, wofür sich diese drei Büchlein fraglos anbieten. An der nötigen Qualität mangelt es den „kleinen Tolkiens“ zum Glück nie. Bauer Giles von Ham etwa ist zeitlos wie ein Drache – eine äußerst reizende Fantasy-Geschichte aus einer romantisierten, mittelalterlichen Frühzeit der britischen Inseln, die beweist, dass der Professor auch abseits seines ausufernden High-Fantasy-Kosmos der Hobbits, Elben und Orks mächtige Erzählmagie wirken konnte, selbst wenn alles eine Nummer kleiner und lieblicher ist. 


J. R. R. Tolkien: Bauer Giles von Ham
Deutsch von Angela Uthe-Spencker und Susanne Held
Verlag: Klett-Cotta, Stuttgart 2016 

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