Buch-Kolumne - 5 dystopische Bücher über den Adel von Amy Ewing, J.A. Souders, Erika Johansen, Victoria Aveyard und Kimberly Derting.

BUCH

Fünf dystopische Bücher, in denen der Adel wieder die Welt regiert



Vor einigen Jahren meldete sich Katniss Everdeen in Suzanne Collins' Romantrilogie Die Tribute von Panem freiwillig als Tribut für die Hungerspiele. Wir haben die spröde, mutige 16-Jährige willkommen geheißen als sehnlich erwarteter Gegenentwurf zur charakterlich eher blassen Bella Swan aus Twilight. Katniss war der Spotttölpel, Anführerin einer Rebellion, die lautstark weitere starke Frauencharaktere einforderte. Sie löste eine Welle von Dystopieromanen für Jugendliche aus, die inzwischen zwar abgeflacht sein mag, aber noch lange nicht ausgerollt ist.

Betrachtet man die Nachfolgerinnen von Katniss und Triss, fällt einem allerdings auf, dass sich sowohl die Schauplätze als auch die Heldenfiguren gewandelt haben: Statt Arenen führen die Protagonistinnen ihre Kämpfe jetzt in Palästen aus – statt Pfeil und Bogen tragen sie jetzt Diademe und prächtige Kleider. Auf den ersten Blick scheinen sich die Romane vorwiegend um Intrigen, eine schöne Garderobe und die Eroberung von Männerherzen zu drehen. Sind die Amazonen aus Hunger Games und Divergent wirklich so schnell verträumten Dienstmädchen gewichen? Ich habe fünf Bücher herausgepickt, die zwar ein dystopisch-monarchisches Endzeitkultur-Setting haben, deren Heldinnen aber alles andere als schwach sind und die auf mehr aus sind als auf eine Hochzeit mit dem Prinzen:


Das Juwel von Amy Ewing


Das Setting: Eine gewaltige Stadt auf einer Insel, die in fünf kreisartig angelegte Distrikte unterteilt und von einem sturmgepeitschten Meer umgeben ist. Der äußerste Ring ist der Sumpf, das Armenviertel der Insel, im Herzen der Stadt liegt das Juwel mit den dekadenten Prachtvillen der Adeligen. Weil die viele Generationen lang unter sich geblieben sind und kein frisches Blut aus den äußeren Ringen mögen, leiden die Adeligen mittlerweile unter einem Gendefekt. Deshalb brauchen sie Leihmütter, die ihre Kinder austragen: Surrogates, deren genetischer Code es ihnen ermöglicht, Kraft ihrer Gedanken Wachstum, Form und Farbe von Dingen zu beeinflussen. Sobald sie in die Pubertät kommen, werden die Mädchen der äußeren Ringe auf dieses Gen hin untersucht und in Verwahranstalten gebracht, wo man sie in ihren Fähigkeiten ausbildet. Sind sie bereit, werden sie in einer Auktion an die Frauen der Adelsklasse versteigert.

Violet Lasting ist eine Surrogate, die überdurchschnittlich begabt darin ist, Dinge wachsen zu lassen. Sie wird von der Herzogin vom See ersteigert, einer der mächtigsten Adeligen im Juwel. Sie ermöglicht Violet ein angenehmes Leben voller Luxus – solange diese genau das tut, was man von ihr erwartet. Die verschiedenen Adelshäuser der Stadt intrigieren heftig untereinander, und die Herzogin sieht in Violet ein Werkzeug, mit dem sie ihre Vormachtstellung ausbauen kann. Violet fügt sich nur scheinbar in ihr Schicksal, während sie sich insgeheim mit einem Revolutionär verbündet. Auch wenn sie sich manchmal ein wenig naiv und zu vertrauensselig verhält, ergreift sie doch die Chancen, die sich ihr bieten – und stellt in den entscheidenden Momenten das Wohl ihrer Freunde über ihr eigenes. 

Renegade – Tiefenrausch von J. A. Souders


Von stabilen, gläsernen Kuppeln geschützt, haben Wissenschaftler eine Stadt auf dem Meeresgrund erbaut. In Elysium gedeihen Pflanzen in künstlichem Licht, Strom wird mittels unterirdischer Lava erzeugt und Luft- und Salzwasseraufbereitungsanlagen ermöglichen den Bewohnern ein normales Leben. Herrscherin über diese phantastische Idylle ist „Mutter“, die den kompletten Alltag der Bevölkerung organisiert, einschließlich der Geburtenkontrolle. Gefühle sind verboten, Berührungen unter Liebenden sogar Tabu. Evelyn Winters ist die Tochter von „Mutter“ und wird von dieser auf ihre Rolle als zukünftiges Oberhaupt von Elysium vorbereitet – glaubt sie. Bis eines Tages Gavin, ein Oberflächenbewohner, einen Zugang zur Stadt findet. Zwar nehmen Wachen ihn schnell gefangen, aber die Worte, die er zuvor an sie richtet, lösen in Evie einen Denkprozess aus: Sind wirklich alle Oberflächenbewohner schlecht? Warum sind alle Bewohner Elysiums blond und blauäugig? Warum plagen sie Erinnerungslücken und weshalb schickt „Mutter“ sie täglich zu Therapiesitzungen? Sie beginnt, aus ihrem goldenen Käfig auszubrechen und macht sich daran herauszufinden, auf welchem schrecklichen Geheimnis die Existenz Elysiums beruht.


Die Königin der Schatten von Erika Johansen


Das Königreich der Tearling erinnert an eine klassische pseudomittelalterliche High-Fantasy-Welt – bis von Kameras, elektrischem Licht und anderen modernen Errungenschaften die Rede ist. Mehrere hundert Jahre in der Zukunft errichten unterschiedliche Länder auf einem Kontinent eine neue Zivilisation, in der nur sehr wenig postindustrielle Technik verwendet wird. Zudem scheinen die Menschen magische Fähigkeiten entwickelt zu haben. Das Königreich der Tearling wird von einem machthungrigen Regenten beherrscht, der unter der Knute einer tyrannischen Nachbarkönigin steht, die von den Tearling einen schrecklichen Preis für die Wahrung des Friedens fordert: die monatliche Lieferung menschlicher Sklaven.

Kelsea Glynn, wahre Erbin der Tearling-Krone, wurde versteckt in den Wäldern von einem treuen Dienerpaar gründlich auf ihre künftige Rolle als Herrscherin vorbereitet. Couragiert und entscheidungsfreudig nimmt sie ihr Erbe an, als sie am vorherbestimmten Tag am Königshof auftaucht und den Thron einfordert. Bewusst akzeptiert sie die Feindschaft der mächtigen Nachbarkönigin, um ihrem Volk die Chance auf eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Von ihren Vorhaben lässt sie sich auch nicht durch attraktive Männer ablenken.

Kelsea mag keine Amazone sein, ist aber eine selbstbewusste Regentin, und damit trotz aller Palastintrigen eine starke Frauenfigur, die sich für ihre Ziele und das Wohl anderer einsetzt.

Die Rote Königin von Victoria Aveyard


In Aveyards feudalistisch geprägter Welt lebt ein Großteil der Bevölkerung in ärmlichen Hütten, der Adel aber in Schlössern. Außerdem gibt es Kameras, Motorräder und verlassene U-Bahn-Schächte. Elektrisches Licht wird zumindest für die arbeitende Bevölkerung stark reglementiert, die normalen Menschen müssen schwer schuften und haben kaum genug zum Leben. Anders die Adeligen, die nicht blaublütig, sondern im wörtlichen Sinn silberblütig sind. Sie verfügen über magische Kräfte, können mittels Gedankenkraft Eisen verbiegen, Feuer kontrollieren, Gedanken lesen oder Pflanzen wachsen lassen und halten dank dieser Fähigkeiten ihre Untergebenen mühelos unter Kontrolle.

Obwohl in Mares Adern rotes Blut fließt, zieht sie die Aufmerksamkeit der königlichen Familie auf sich, weil sich bei einem Unglück herausstellt, dass auch sie über magische Fähigkeiten verfügt. Ein Umstand, der vor der breiten Masse unbedingt geheim gehalten werden muss. Man zwingt das junge Mädchen deshalb kurzerhand in eine Scharade: Sie wird als verschollen geglaubte Silberblütige ausgegeben und mit dem Bruder des Kronprinzen verlobt. Doch damit fangen die Schwierigkeiten für sie eigentlich erst an, denn in Wirklichkeit ist der Adel von ihrer Ankunft im königlichen Palast alles andere als begeistert.

Wie Katniss ist Mare eine eher spröde Heldin. Sie lässt sich vom Luxus nicht einlullen oder gar dressieren und begegnet ihrer ungeliebten neuen Verwandtschaft mit Vorsicht und einer gehörigen Portion Zynismus.

Dark Queen – Schwarze Seele, schneeweißes Herz von Kimberly Derting


Das Amerika der Zukunft ist in verschiedene Monarchien zerfallen, über die jeweils eine Königin herrscht. Im Reich Ludania haben Städte keine Namen mehr, sondern nur noch Codes, die ihre Lage anzeigen, wie z. B. 13 West, 17 Nord. Über das Königreich herrscht mit grausamer Hand Königin Sabara – und das schon seit Jahrhunderten, denn sie besitzt die Macht, ihre Seele in den Körper ihrer designierten Nachfolgerin zu zwingen und deren Bewusstsein dabei auszulöschen. Um potentielle Rebellionen weitestgehend unmöglich zu machen, sprechen die verschiedenen Gesellschaftsschichten unterschiedliche Sprachen. Es ist den Menschen verboten, die Sprache anderer Klassen zu erlernen. Trotzdem führt die Unzufriedenheit der Bevölkerung seit geraumer Zeit zu Aufständen. Und Königin Sabara läuft die Zeit davon. Inzwischen ist sie uralt, aber sie hat noch keine Nachfolgerin gefunden.

Eine solche könnte die jugendliche Charlie sein, von der Sabara aber zu Beginn des Romans noch nichts weiß. Charlie hilft täglich nach der Schule pflichtbewusst im Restaurant ihrer Eltern und kümmert sich liebevoll um ihre vierjährige Schwester. Nur selten lässt sie sich von ihrer besten Freundin dazu überreden, einen der verbotenen Untergrundclubs zu besuchen, in der Menschen unterschiedlicher Klassen aufeinander treffen. Charlie hat ein Geheimnis, dass sie unter keinem Preis mit jemandem außerhalb ihrer Familie teilen darf: Sie hat die besondere Gabe, jede Sprache zu verstehen, ja jede Art von Kommunikation, auch die non-verbale.

Charlie ist nicht duckmäuserisch. Als sie ins Visier der Königin gerät, steht für sie der Schutz ihrer Familie an oberster Stelle. Und sie ist nicht bereit, Sabara kampflos den eigenen Körper zu überlassen.


Man sieht: So schwarz, wie manch einer die Zukunft der Jugenddystopie-Heldinnen malt, ist sie gar nicht. Wie schon Aschenputtel haben die überwiegende Anzahl der Heldinnen der „Adels-Dystopien“ mehr drauf, als man ihnen auf den ersten Blick zutraut. Und auch, wenn sie während ihres Kampfes gegen tyrannische Verhältnisse vielleicht ihr Herz verlieren, so geht es ihnen in erster Linie nie um die große Liebe, sondern um Selbstbestimmung, der Schutz der Schwachen und um Freiheit. Das macht sie zu wahren Heldinnen.

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