"What Makes this Book so Great"-Autorin Jo Walton in ihrer Kolumne über den Roma Anathem von Neal Stephensons

KOLUMNE

Anathem: Was gewinnt der Roman, weil er nicht in unserer Welt spielt?


Tom Shippey, der ganz sicher kein Dummkopf ist, hat Neal Stephensons Roman Anathem in der Times als »High Fantasy« bezeichnet. Beim zweiten Lesen des Buches zwei Monate nach seinem Erscheinen versuchte ich nachzuvollziehen, was ihn dazu bewogen hat. Immerhin kommen in dem Roman Raumschiffe vor, und es geht um Wissenschaft.

Shippey definiert High Fantasy folgendermaßen: »Eine Geschichte, die ganz in einer sekundären Welt spielt, deren Erschaffung Hauptanliegen des Autors ist und die zugleich den Reiz des Erzählten ausmacht.«

Die Welt von Anathem ist zweifellos sehr reizvoll. Nicht nur, dass Geeks in großen Uhren-Klöstern leben, was eine coole Idee ist. Und dass verschiedene Teile dieser Klöster zu bestimmten Zeiten geschlossen werden. Es ist das Thema der Zeit selbst, das fasziniert. Unser Erzähler, Erasmas, ist erst neunzehn und äußert dennoch völlig selbstverständlich Sätze wie: »Wenn es extramuros eine funktionierende Wirtschaft gab, konnten wir den Honig in der Marktbude vor dem Tagestor an Burgher verkaufen und uns mit dem Geld Dinge kaufen, die innerhalb des Konzents schwer herzustellen waren.«

Oder: »Dreitausend Jahre lang hatte die Politik des Konzents darin bestanden, absolut jeden Klappstuhl und jeden Klapptisch, der ihm zur Verfügung gestellt wurde, anzunehmen und nie auch nur einen davon wegzuwerfen. (…) Wir hatten Klappstühle aus Bambus, bearbeitetem Aluminium, Verbundwerkstoffen aus Luft- und Raumfahrt, Spritzgusspolyester, recyceltem Bewehrungsstahl, handgeschnitztem Holz, gebogenen Zweigen, weiterentwickeltem Neustoff, Baumstümpfen, zusammengebundenen Stöcken, hartgelötetem Schrott und geflochtenem Gras.«

Dies ist eines der Dinge, die mir an dem Roman so gut gefallen und mich dazu bewogen haben, ihn ein zweites Mal zu lesen. Allerdings ist das nichts Fantasy-Spezifisches. Auch in der SF gibt es Welten mit komischen Wörtern und Sitten und anthropologisch interessanten Details.    

Shippey behauptet zudem, Stephenson wolle den Leser mit seinen Ideen bekehren und uns alle in potenzielle Fraas und Suurs verwandeln. Wenn das stimmen würde, hätte er den Roman aber wohl anders enden lassen.

Ich habe darüber nachgedacht, warum Stephenson die Geschichte überhaupt in einer anderen Welt angesiedelt hat, statt zum Beispiel viertausend Jahre in unserer Zukunft. Ein Grund liegt natürlich in der Handlung selbst, weil ja weiter hinten im Roman Menschen aus unserer Welt auftauchen. Er hätte ihn aber auch viertausend Jahre in die Zukunft verlegen und stattdessen Außerirdische auftreten lassen können. Inzwischen haben mir vertrauenswürdige und wissenschaftskundige Leute (Marissa Lingen und Chad Orzel in seinem Blog) versichert, dass die alternative Physik des Romans mit den vielen Welten Humbug ist. Auch wenn es sich alles ganz nett liest, ist es eigentlich überflüssig. Die Teile von Anathem, die im Weltall spielen, der ganze probabilistische Ex-Machina-Quark der Millenarier – mit dem allen konnte ich am wenigsten anfangen. Das hätte man weglassen können, ohne dass der Roman in meinen Augen etwas verloren hätte. Und die Physiker wären auch zufrieden gewesen.

Im Allgemeinen gefällt mir SF dann am besten, wenn sie eine Verbindung zu unserer Welt besitzt. Wenn es sich um eine Zukunft handelt, die durchaus unsere eigene sein könnte. Dennoch ist es für Anathem meines Erachtens von Vorteil, dass der Roman in einer eigenen Welt angesiedelt ist. Mitunter wird in der Fantasy die Geschichte unserer eigenen Welt in eine fiktive verlegt, was es dem Autor ermöglicht, über das Wesen der Geschichte schreiben zu können, ohne auf einzelne Details achten zu müssen. Guy Gavriel Kay macht das beispielsweise sehr oft, und ich selbst habe es auch schon getan. In Anathem geschieht genau das mit der Geschichte der Wissenschaft und Naturphilosophie. Und das ist ziemlich genial.



Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus.
 

Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel.

 

Originaltitel: »Anathem: What Does It Gain from Not Being Our World?«
© 2014 Jo Walton
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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