Joe R. Lansdale - Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick - ein Roman über den afroamerikanischen Revolverhelden Nat Love

(c) Tropen Stuttgart

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Joe R. Lansdale - "Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick"


In seinem neuen Roman erzählt Joe R. Lansdale („Hap & Leonard“) die Geschichte des afroamerikanischen Revolverhelden Nat Love, dessen Leben von Rassismus und Rachedurst bestimmt werden.

Vor Kurzem ist Joe R. Lansdales Roman „Paradise Sky“ als „Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“ bei Tropen erschienen – der bis dato dickste Roman des 1951 geborenen Amerikaners und gleichzeitig ein echtes Herzensprojekt.

Schwarzer Cowboy, schwarzer Humor

Seit den 70ern ist der texanische Autor fasziniert von afroamerikanischen Cowboys und Revolverhelden, die in den meisten literarischen und filmischen Rückblicken ins Grenzland gerne ignoriert oder „zu Köchen degradiert werden“, wie Mr. Lansdale sagt, der dem Rassismus die Schuld an der Verleumdung farbiger Cowboys gibt. Das gilt historisch, aber auch popkulturell – Ausnahmen wie Quentin Tarantinos „Django Unchained“ oder Lawrence Kasdans „Silverado“ bestätigen die Regel.

Als Lansdale über das Leben des schwarzen Cowboys Nat Love alias Deadwood Dick las, der seine Autobiografie ordentlich würzte, ausschmückte und zudem behauptete, Vorlage für den gleichnamigen Helden der Groschenromane seiner Zeit gewesen zu sein, wollte Lansdale unbedingt einen epischen Abenteuer-Roman über Love schreiben.

Seine Verleger waren von Lansdales Traumprojekt jedoch weiter weniger begeistert, weshalb ein paar Umwege hin zur Realisierung nötig waren. Lansdale ist übrigens nicht der Einzige fantastische Genre-Meister, der klassische Western im Portfolio hat.

Selbst „Ich bin Legende“-Autor Richard Matheson oder „Conan“-Schöpfer Robert E. Howard leisteten ihre Beiträge zum Genre, das hierzulande bis heute in Heftromanen weiterlebt – und beginnt Stephen Kings „Der Dunkle Turm“-Saga nicht mit einem Revolvermann, der dem Mann in Schwarz in die Wüste folgt?

Wild Bill und mehr

„Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“, das in der Übertragung von Conny Lösch Lansdales persönlichen Wunschtitel erhalten hat, erzählt von Willie Jackson, dessen Familie nach dem Bürgerkrieg aus der Sklaverei befreit worden ist. Doch der Rassismus und der Hass sind im vergifteten Süden noch immer gewaltig und allgegenwärtig, und das bekommt Willie zu spüren und muss eines Tages Hals über Kopf fliehen. Umso überraschter ist der Junge, als ihn ein älterer Weißer bei sich aufnimmt und ihm alles über Bücher, Landwirtschaft, das Schießen und das Reiten beibringt. Aber auch dieses Glück währt nicht ewig, und schließlich nennt Willie sich Nat Love, geht zur Armee und landet nach einem Kampf gegen Indianer in Deadwood, dem Sodom im Schatten der Black Hills. 

 

Dort arbeitet Nat als Rattenfänger und Rausschmeißer, erlangt bei einem Schießwettbewerb den Spitznamen Deadwood Dick, findet die Liebe und wird ein Freund der ramponierten Wild-West-Legende Wild Bill Hickok, deren Ermordung durch Jack McCall er sogar beiwohnt (wer mehr über Wild Bills letzte Tage erfahren möchte, muss nur Pete Dexters Roman „Deadwood“ lesen, der als Vorlage zur viel gelobten TV-Serie gesehen werden darf, obwohl Dexter nichts davon hatte und das zurecht gar nicht lustig fand). Nat hat im weiteren Verlauf des Romans ebenfalls wenig zu lachen, als seine Vergangenheit ihn einholt und Lansdale im Endeffekt eine doppelte Rachegeschichte erzählt … 

Zwischen Trash und Tiefsinn

Joe R. Lansdale ist ein wahrer Vielschreiber und Alleskönner. Es gibt kaum ein Genre, in dem er im Verlauf seiner Karriere keine Spuren hinterlassen hat. Seine irrwitzige postapokalyptische „Drive-In“-Roman-Trilogie genießt Kult-Status. Seine Krimis um das ungewöhnliche Gespann Hap und Leonard, dessen Eskapaden Lansdale seit 1990 schildert, schafften dieses Jahr den Sprung ins Serien-Fernsehen. Außerdem schrieb Lansdale schon Comics sowie einen Animations-Kurzfilm mit DCs Wild-West-Kopfgeldjäger Jonah Hex, Drehbücher zur preisgekrönten „Batman“-Trickserie der 90er, eine offizielle „Tarzan“-Fortsetzung, retromäßige Science-Fiction-Kurzgeschichten für Anthologien von George R. R. Martin, und natürlich die Novelle „Bubba Ho-Tep“, aus der Don Coscarelli die gleichnamige Horror-Filmkomödie mit Bruce Campbell und Ossie Davis gemacht hat. Dabei sind Lansdales Geschichten je nach Thema durchdrungen von Faulkner, Burroughs, Howard oder Twain – und, was noch wichtiger ist, am Ende stets unverkennbar und unüberhörbar Joe R. Lansdale.

Wer ihm seit Jahren folgt, erkennt seine Geschichten und Bücher am knackigen Tonfall und dem schwarzen Humor, der oft mit einer derben Sprache einhergeht. Das macht Lansdales Werke letztlich zu einem großen Teil aus, während er überdies gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Trash und Tiefsinn – zwischen schnöder Genre-Kost und großer Literatur – balanciert. Diese unverkrampfte, kraftvolle Art des Geschichtenerzählens, die von Lansdale als Mojo-Storytelling bezeichnet wird, hilft seiner Produktivität und steht all seinen Storys gut zu Gesicht, ob sie jetzt in der Gegenwart, der Wirtschaftskrise der 30er oder den Jahren nach dem Sezessionskrieg angesiedelt sind. 

Mama Lansdales Jüngster, der dieses Jahr 65 wird, wollte einen geradezu mythischen Roman um einen überlebensgroßen schwarzen Cowboy schreiben, und das ist ihm mit „Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“ zur Freude aller Lansdale-Jünger und Western-Enthusiasten definitiv gelungen. Dafür wurde er von den Western Writers of America mit dem Spur Award 2016 für den besten historischen Western-Roman ausgezeichnet. 

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