Exodus 9414: Der dunkelste Tag

FISCHER TOR

Leseprobe: Exodus 9414 – Der dunkelste Tag | Thariot


Lest hier die ersten Seiten aus "Exodus 9414 - Der dunkelste Tag" von Thariot. Der Roman erscheint am 26. August bei FISCHER Tor.

Darum geht's in "Exodus 9414 – Der dunkelste Tag":

Die USS London ist ein interstellares Siedlungsschiff auf dem Rückweg zur Erde. Die Crew konnte das Alderamin-System nicht finden, ihre Mission ist gescheitert. 6.475 Jahre nach dem Start erreicht das Schiff unter Commander Jazmin Harper den Ort, an dem ihre Reise begonnen hat, die Erde, den Heimatplaneten der Menschheit. Jazmin wäre lieber gestorben, als diesen Tag zu erleben.

Doch ein zweites Schiff ist ebenfalls aufgebrochen …

Viele Jahre zuvor erreicht die USS Boston den Planeten Cygnus. Maximilian Harper, Jazmins Bruder, hat das Unmögliche geschafft und die Crew mit 200 Jahren Verspätung an ihr Ziel gebracht. Dafür hat er unter schwierigsten Bedingungen ein völlig neues Navigationsmodell entwickeln müssen. Zum Dank dafür erwartet ihn die Todesstrafe.

 

*** Leseprobe ***

I.


AD 9414 – Geflüster

Die Vorstellung, einen 6740 Jahre alten Mann zu küssen, störte Jazmin nicht, sie war nur drei Jahre jünger. Ihr biblisch hohes Alter war dabei nur eine grobe Näherung, Mutter, ihrer Bord-KI, fehlten passende Referenzen, um die genaue Zeit zu bestimmen. Also hatte Jazmin vorerst festgelegt, im Jahr 9414 zu leben.

Sanft strich sie Denis durch sein krauses Brusthaar und umspielte mit dem kleinen Finger eine widerspenstige Tolle. Sie lag in seinen Armen. Was konnte es Schöneres geben, als den Abend gemeinsam im Bett zu verbringen? Ein Moment der Ruhe, den sie beide genossen. Wie Milch und Schokolade, der Kontrast ihrer Haut gefiel ihr. Sie streckte ihre Finger aus und beobachtete, wie sich durch ihre sanfte Berührung einzelne Härchen an seinem Bauch aufrichteten. Sie lächelte, ihr Baby würde wunderschön werden.

»Alles in Ordnung?«, fragte Denis, der mit dem Kopf auf dem Kissen lag. Mit jeder Faser seines Körpers dem Moment hingegeben.

»Ja.« Es hätte nicht besser sein können. Nein, das stimmte nicht. Natürlich hätten einige Dinge auf der USS London besser laufen können, eine Menge Dinge sogar. Es hatte viel Leid gegeben, aber für den Moment wollte sie davon nichts wissen.

»Worüber denkst du nach?«

»Nicht darüber … « Mit dem Finger schnippte sie seine zum Spielen bereite Männlichkeit auf die Seite. Für Sex war sie nicht in der richtigen Stimmung.

»Ähm … « Er zog die Decke höher.

»Denis.« Sie hob den Kopf und sah ihn an. »Tun wir das Richtige?« Diese lästige Frage verfolgte sie seit Wochen. War es die richtige Entscheidung zurückzufliegen? Oder hätten sie weiterhin in der großen Schwärze nach ihrem Zielplaneten Alpha Cephei suchen sollen?

»Ganz sicher.« Seine braunen Haare reichten bis zur Schulter, er hatte sie sich wachsen lassen. Er rasierte sich auch nicht jeden Tag. Da sie allein an Bord waren, gab es niemanden, der daran Anstoß nehmen konnte.

»Keine Zweifel?«

»Keine!« Mit dem Finger gab er ihrer Nase einen zärtlichen Stups. »Ich weiß es!«

»Woher?« Jazmin setzte sich auf, sie war komplett nackt, ihre langen weißblonden Haare reichten ihr, als Zopf gebunden, bis zum Bauchnabel. Sie hatte darauf verzichtet, sie zu färben. Diese ungewöhnliche Farbe gehörte jetzt zu ihr, genauso wie ihre dunkle Haut und die vielen schrecklichen Erinnerungen.

»Weil niemand da ist, der das Gegenteil behaupten könnte.« Denis legte die Hand auf ihren Bauch, dessen Wölbung im fünften Monat bereits deutlich zu sehen war. Eine völlig neue Erfahrung, das würde ihr erstes Kind werden.

»Du machst es dir wieder einfach!«

»Natürlich … ich mag’s einfach.« Er beugte sich zu ihr und küsste ihren Bauch. Eine typische Antwort für ihn. Manchmal wäre sie froh, ihr gemeinsames Leben ähnlich unbeschwert sehen zu können.

»Guten Morgen, Prinzessin«, sagte er.

»Sie schläft.« Es würde ein Mädchen werden. Mit ihrem Sturkopf und seinem guten Aussehen, wahrlich eine Prinzessin. Auch wegen des Kindes stellte sie ihre Entscheidungen in Frage.

»Das solltest du auch tun.«

»Ich bin nicht müde.« Da waren zu viele Gedanken, die sie nicht losließen. Die frühere Mission der USS London, das neunundvierzig Lichtjahre entfernte Alderamin-System zu erreichen, war grandios gescheitert. Sie hatten Alpha Cephei nicht finden können. Und sich verflogen. 1400 Jahre lang hatte eine frühere Instanz von Mutter versucht, die richtige Ausfahrt zu finden, und war letztendlich daran zugrunde gegangen. Ein Irrflug mit fatalen Folgen, die übrige Besatzung lebte nicht mehr, und auch das Schiff zeigte bereits gefährliche Abnutzungserscheinungen.

Sogar Denis und sie waren bereits gestorben. Nur hatten sie dank modernster Technologie in den Körpern ihrer Klone eine neue Chance bekommen. Mit an Bord befanden sich, neben im Kälteschlaf befindlichen Klonen von ebenfalls während der aufreibenden Ereignisse verstorbenen Besatzungsmitgliedern, auch drei Millionen Embryonen, ihre wichtigste Fracht, für deren Überleben Jazmin weitere Entbehrungen in Kauf nehmen würde.

»Jaz, bist du überhaupt bei mir?« Denis wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht umher.

»Ähm … ja.« Sie war gerade abgeschweift. Er hatte recht, sie sollte sich nicht solche Sorgen machen.

»Hör auf, dir laufend den Kopf zu zerbrechen … « Denis lehnte sich zurück und zog sie zu sich heran. Den Kopf auf seine Brust zu legen, seinem Herzschlag zu lauschen, gemeinsam mit ihm zu atmen, beruhigte sie.

Verdammt, sie waren bereits ewig unterwegs und wussten noch nicht einmal, wann sie auf der Erde eintreffen würden! Wenn sie überhaupt jemals dort ankommen sollten. Die Navigation war ein Albtraum. Das Weltall, scheißgroß, wie es war, war weder leer, noch gab es halbwegs brauchbare Routen. Die USS London schaffte eine Reisegeschwindigkeit von 0 . 44 c, das war beinahe halb so schnell wie das Licht. Sie glich einem superschicken Sportwagen, der dafür gebaut worden war, rasend schnell über eine spiegelglatte Straße zu gleiten. So oder so ähnlich mussten die Architekten des Schiffs sich das All vorgestellt haben. Sie hätten damit nicht falscher liegen können.

Es gab ultraheiße Gase, ähnlich schnelle Partikel, Meteoriten und gravitative Schlaglöcher, in der Größe des heimischen Sonnensystems. Von jedem Punkt im Universum sah der Rest völlig anders aus. Deshalb waren die Sternenkarten von der Erde nicht zu gebrauchen. Gravitation änderte alles. Ein Lichtstrahl, den ein entferntes Sonnensystem zur Erde entsandte, wurde durch andere Systeme, Schwarze Löcher und die enormen Entfernungen derart gekrümmt, dass er eher einer verknoteten Schlange glich.

»Du grübelst ja immer noch!«

»Woher willst du das wissen?«

»Ich kenne dich … du bist keine gute Schauspielerin.« Das stimmte. Er kannte sie wirklich. Vermutlich war Jazmin auch nicht schwer zu durchschauen.

»Ich mache mir Sorgen … «

»Worüber?«

»Über unsere Zukunft.« Welche Frau in ihrer misslichen Lage würde das nicht tun?

»Wir sind zusammen. Uns geht es gut. Der Kühlschrank ist gefüllt. Bier gibt es auch noch. Das Schiff fliegt mehr oder weniger geradeaus. Und unsere Tochter braucht eine Mutter, die zuversichtlich ist!« Denis war ein pathologischer Berufsoptimist.

»Du hast recht … «

»Als ob dir das reichen würde … los, spuck es aus! Wo drückt dich der Schuh?«

»Hab keinen an.« Mit einem Lächeln hob sie ihr nacktes Bein.

»Jaz! Ich meine das bitterernst!«

»Ich auch … was ist, wenn wir nie ankommen? Wenn Mutter die Erde nicht finden kann und wir ewig weitersuchen?«

»Wäre schlimm, oder?«

»Ja!«

»Dann würden wir auf dem Schiff alt werden, unsere Kinder großziehen und in vielleicht fünfzig, sechzig Jahren sterben.«

»Denis!«

»Wäre das so schlimm?« Denis war Techniker und alles andere als dumm. Sie war froh, ihn zu haben, auch wenn ihr sein penetranter Optimismus manchmal auf den Geist ging.

»Hält das Schiff überhaupt so lange?«

»Wenn du nicht wieder Beulen reinfliegst!«

»Blödmann!«

»Ich werde unsere Tochter mit einem Schraubenzieher in der Hand erziehen. Sie wird die britische Lady in Schuss halten, wenn ich es nicht mehr kann.«

»Wir können neue Leben leben … « Und dabei ihr Bewusstsein behalten. Genauso wie sie ihre ersten Tode überstanden hatten.

»Aber das möchte ich überhaupt nicht. Ich möchte alt werden dürfen und irgendwann das alles meinen Kindern überlassen. Dann bin ich aus der Nummer raus.«

»Kindern?«

»Klar!«

»Du bist verrückt!«

»Eins reicht mir nicht!« Er lachte und küsste sie.

»Ich störe nur ungern«, erklärte Mutter, ihre Bord-KI, über den Lautsprecher.

»Dann lass es!« Denis rollte sich auf die Seite.

»Es ist wichtig.«

»Wie wichtig?«, fragte Jazmin, die den Ernst in Mutters Stimme zu deuten wusste. Sie und die KI verband so viel mehr als die Absicht, die USS London sicher zurück zur Erde zu bringen. Sie vertraute der KI bedingungslos.

»Eine gefährliche Notlage. Ein unbekanntes Objekt, der Größe nach ein 500 Kilogramm schwerer Meteorit, fliegt auf uns zu.«

Jazmin war hellwach. Natürlich hatte Mutter sie stören müssen. »Zeit bis zum Einschlag?«

»Vier Minuten, drei Sekunden. Ich habe den Brocken vor 37 Sekunden geortet.«

»Und was ist das Problem?«, fragte Denis. »Du kannst dem Steinklumpen doch ausweichen oder ihn in handliche kleine Stücke schießen!«

»Das ist richtig.«

»Und?«

»Ich habe die Hochenergiegeschütze aktiviert, wir haben drei Salven abgeschossen, und wir haben dreimal verfehlt.«

»Wie bitte?«, fragte Denis.

»Das Waffenleitsystem verfehlt nie sein Ziel … «, sagte Jazmin und dachte nach. Wenn alles auf der USS London so zuverlässig funktionieren würde wie die Laserkanonen und die Railguns, hätten Denis und die Reparaturdrohnen, die ihm halfen, erheblich weniger zu tun.

»Das war bisher so. Jetzt ist es anders. Ich habe den Verdacht, dass die Zielerfassung bei diesem besonderen Meteoriten Probleme mit dessen Zusammensetzung hat. Die Sensoren zeigen unterschiedliche Ergebnisse an. Bei einer Messung ist es ein massiver Ferritklumpen, bei der nächsten lockeres Gestein und Eis. Auch die Größe und die Masse variieren. Ich kann mir das nicht erklären … «

»Dann weich dem Ding doch einfach aus!«, rief Denis und warf die Arme in die Luft.

»Das habe ich versucht. Leider mit wenig Erfolg. Das Objekt rast immer noch nahezu frontal auf uns zu.«

»Oh … « Denis sprang auf, lief nackt in der Kabine umher und suchte seine Hose. »So eine verdammte Scheiße!«

»Mutter, was hast du genau getan?« Jazmin wollte es besser verstehen. Meteoriten neigten in der Regel nicht dazu, den Kopf einzuziehen, wenn jemand auf sie schoss.

»Das Objekt hat zwei Kurskorrekturen um 0 . 3 und 0 . 5 Grad vollständig antizipiert.«

»Verbleibende Flugzeit bis zur Kollision?« Auch sie stand auf und griff nach ihrer Unterwäsche.

»Drei Minuten, siebzehn Sekunden. Geschwindigkeit 0 . 15c. Das Objekt ist selbst schnell unterwegs. Jetzt melden die Sensoren, es wäre nur siebzig Kilogramm schwer und aus Kalksandstein. Das muss ein Irrtum sein, es gibt keine Meteoriten aus diesem Gestein, die so schnell werden können.«

»Die würden zerbröseln.« Das wusste Jazmin auch. »Könnte das ein Raumschiff sein?«

»Das kann ich bei den Varianzen der Sensoren weder bestätigen noch ausschließen. Das Objekt fliegt gerade eine Kurve und folgt meinem aktuellen Ausweichmanöver. Es beschleunigt auf 0 . 18c, um die entstandene Lücke zu schließen.«

»Funk es an!«, rief Jazmin und zog sich eine Latzhose an, jetzt griff sie nach ihrer Strickjacke. Weder sie noch Denis trugen in den letzten Monaten die körperbetonten Uniformen der Flotte. Sie hätten auch den ganzen Tag nackt umherlaufen können.

»Das versuche ich bereits seit geraumer Zeit auf allen verfügbaren Frequenzen. Das Objekt reagiert nicht und hält weiter mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu. Offensichtlich beabsichtigt es eine Kollision. Ich kann nicht ausschließen, dass es sich um ein sehr fortschrittliches Waffensystem handelt, das in
der Lage ist, unsere Sensoren zu täuschen.«
Mutter hatte offenbar bereits das komplette Repertoire ihrer Optionen ausgereizt.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Denis, während er auf einem Bein hüpfte und seine Jeans anzog.

»Ein Waffensystem?« Jazmin fehlte die Phantasie, um sich in dieser abgelegenen Ecke der Milchstraße ein Rudel blutrünstiger Aliens vorzustellen, die ihnen wie Wegelagerer auflauerten. Zudem würde eine Kollision mit der USS London bei der Geschwindigkeit nur heißen Staub von ihnen übrig lassen.

»Ein Raumschiff würde kaum versuchen, uns frontal zu rammen. Von denen würde auch nichts zurückbleiben. Eine Kollision würde uns gemeinsam in einer kleinen Sonne verschmelzen. Geschwindigkeit jetzt 0 . 19c. Wir haben 0 . 43c. Es bleiben noch zwei Minuten und achtunddreißig Sekunden.«

»Jazmin, was soll ich tun?« Denis stand auf dem Schlauch. Sie ebenfalls. »Soll ich nach vorne, um die Überladung der Supraleiter zu überwachen?«

»Nein … du würdest es nicht mehr bis dorthin schaffen.« Jazmin legte die Hände in die Hüfte und ließ den Kopf hängen. Sie dachte nach. Sie brauchten einen besseren Plan. »Mutter, kannst du die Deflektoren nutzen, um den Angreifer abzuweisen? Vielleicht können wir ihn am Schiff vorbeileiten.«

»Das kommt auf die Masse an. Einen kleineren Brocken bekommen wir weggeschoben, einen bis zu einer Tonne schweren, intelligenten Torpedo allerdings nicht.«

»Probiere es! Versuche, ihn mit den Hochenergiegeschützen in eine passende Position zu treiben! Wenn er nah genug ist, setze die Railguns ein.« Jazmin wusste, dass der Plan gewagt war. Einen besseren hatte sie leider nicht. »Wie lange haben wir noch?«

»Eine Minute und einundzwanzig Sekunden. Der Kurs des Angreifers wird nun deutlicher. Er wird uns voraussichtlich nicht mittig am Bug treffen, sondern versetzt auf der rechten Seite.«

»Warum? Was haben wir dort Besonderes?« Jazmin konnte den Sinn dieses Manövers nicht nachvollziehen.

»Nichts, was einen Unterschied ausmachen würde. Eine Kollision würde uns, egal wo, pulverisieren.«

»Genauso wie den Angreifer … «

»Geh mal nicht davon aus, dass das Ding von einem Piloten gesteuert wird. Ich bin ganz Mutters Meinung: Das ist ein unbemanntes Waffensystem!«, sagte Denis, der ratlos vor ihr stand. Sie spürte seine Anspannung.

»Und wer will uns bitte töten?«, schnauzte sie zurück. Das ergab keinen Sinn.

»Woher soll ich das wissen?«, gab Denis pampig zurück.

»Streitet nicht … «

»MUTTER!«, riefen Denis und Jazmin im Chor.

»Es sind noch 58 Sekunden. Nutzt die Zeit besser. Ich werde mit der gezielten Modulation der Frontaldeflektoren bei T minus 30 Sekunden beginnen. Die Railguns kommen später, sie werden bei T minus 15 Sekunden Sperrfeuer schießen.«

»Du hast recht.« Denis senkte den Kopf.

»Entschuldige … « Jazmin ging auf Denis zu, um ihn in die Arme zu schließen. Obwohl sie die ungewisse Zukunft fürchtete, jagte ihr der plötzliche Tod im Moment einen größeren Schrecken ein. Dafür war sie noch nicht bereit. Verdammt, sie bekam ein Baby. Die kleine Prinzessin sollte doch zumindest eine Chance bekommen. »Ich habe Angst.«

»Ich auch … «

»T minus 49 Sekunden. Alle Drohnen sind aktiviert, um Schäden und Feuer zu bekämpfen. Ich schließe alle Druckschleusen und pumpe Luft aus nicht relevanten Zonen ab. Alle Systeme gehen in den Notbetrieb. Ich schalte das Netzwerk in den Gefechtsmodus und isoliere zur Sicherheit meinen Kernel. Ihr müsst in eurer Kabine bleiben. Ich sichere die Tür. Nutzt die Notsitze und schnallt euch an.«

Jazmin folgte der Order und setzte sich in den Notsitz, einen ergonomischen Sessel, um kurzzeitig sehr hohen G-Kräften, die beim Aufprall entstehen könnten, zu trotzen. Denis legte ihr eine zusätzliche Halskrause an. An sich eine überflüssige Maßnahme, da sie und jeder Krümel Materie an Bord binnen des Bruchteils einer Sekunde verglühen würden. Die Vehemenz der zu erwartenden Explosion würde genügen, um einen ganzen Planeten in Stücke zu sprengen. Dabei lag der Großteil der Energie nicht beim Angreifer, sondern gebunden in der großen Masse und der enormen Geschwindigkeit der USS London.

»Ich liebe dich … « Denis hielt ihre Hand.

»Ich dich auch!« Von ganzem Herzen. Jazmin spürte, wie ihre Hände anfingen zu zittern. Diese Machtlosigkeit war erstickend, sie konnte nichts mehr tun.

»T minus 38 Sekunden. Ich habe alle unnötigen Energieverbraucher deaktiviert. Im kompletten Bug gibt es keinen Sauerstoff mehr. Das sollte Brände eindämmen. Alle Systeme sind bereit, die Frontaldeflektoren maximal zu überladen. Unser Antrieb wird die volle Schubkraft in die Deflektoren umleiten.«

»Mutter, ich vertraue dir!« Mehr blieb Jazmin nicht. Sie spürte einen kräftigen Stups an der Bauchdecke. Ihre kleine Prinzessin war wach. Ein schönes und beängstigendes Gefühl.

»T minus 32 Sekunden. Ich gebe vollen Schub auf die Backbord-Steuertriebwerke. Maximale Kurskorrektur. Ich schiebe das gesamte Schiff auf die Seite. Der Angreifer beschleunigt weiter. Messung zeigt eine Geschwindigkeit von 0 . 21c. Er hält präzise seinen Kurs und scheint genau zu wissen, welche Stelle am Bug er treffen will.«

Jazmin schnappte nach Luft. Die Halskrause aktivierte sich. Auch der Notsitz umschloss nun dicht ihren ganzen Körper. Mutters Manöver mit den Steuertriebwerken auf der Backbordseite drückte die USS London für eine Sekunde mit 80 g auf die Seite. Sie konnte Denis’ Hand nicht mehr halten. Sie schrie.

»T minus 28 Sekunden. Volle Leistung auf die Frontaldeflektoren. Angreifer anvisiert. Ein Einsatz der Hochenergiewaffen ist wegen der kurzen Distanz nicht mehr möglich. Koordinaten an die Feuerleitsysteme der Railguns übertragen.«

Die Handläufe des Notsitzes vibrierten. Da wirkten immer noch hohe Querkräfte auf sie. Mutter ritt die alte britische Lady wie ein Rennpferd auf Speed. Das Chassis des Schiffs knarrte.

»Angreifer hält Kurs und Geschwindigkeit. Die erste Schicht der Frontaldeflektoren hat ihn verfehlt … ich weiß nicht, wie der das macht. Er weicht aus, korrigiert das Manöver sofort wieder und hält weiter auf sein Ziel zu. T minus 25 Sekunden. Ich demoduliere das Deflektorenfeld, um sein eben gezeigtes Manöver zu antizipieren. Die Railguns sind für den Einsatz bereit. Sie werden ihn erwischen. Das Streufeld ist größer als sein möglicher Bewegungsradius. Ich werde auf einem Korridor von 7 bis 24 Grad Sperrfeuer schießen lassen.«

Mutter kämpfte weiter. Sie war ihre letzte Verteidigungslinie. Sie tat, wozu Jazmin und Denis in dieser Lage nicht mehr fähig waren. Jazmin wusste genau, was die KI gerade dachte. Natürlich tat sie das. Mutter war wie sie. Mutter war sie. Sie war Mutter.

»T minus 22 Sekunden. Fehler in den Sensor-Clustern 4, 9, 11 und 17. Ich kann den Angreifer nicht mehr ausmachen. Fehler in der Kontrolle der frontalen Deflektorsteuerung. Abfall in der Energieumleitung. Temperaturkontrolle der Supraleiter nicht mehr möglich. Notabschaltung in … Error … Notabschaltung in … Error. Aktiviere sekundäre Protokolle. Reboot des Kernels eingeleitet. Das ist ein Angriff. Error … «

Jazmin wurde heiß und kalt. Dieses fremde Waffensystem hackte gerade Mutter. Wenn es dem Angreifer gelänge, die KI auszuschalten, wären sie verloren.

»Wir haben noch die Railguns!«, rief Denis.

»Nur ohne eine Bord-KI, die sie aktiviert.« Auch wenn Jazmin es nicht wahrhaben wollte, das war die Realität, der sie sich gerade zu stellen hatten.

»T minus 15 Sekunden. Die Aktivierung der Railguns ist nicht erfolgt. Das zentrale Feuerleitsystem verwehrt mir den Zugriff. Der Start meiner sekundären Protokolle auf einem Hot-Swap-Cluster war hingegen erfolgreich. Ich konnte meinen Kernel vor einem Eindringen des Angreifers schützen.«

Jazmin schüttelte hilflos den Kopf. Wenn die Railguns kein Sperrfeuer schossen, wären sie verloren. Das feindliche Objekt würde dann frontal gegen die USS London krachen. Ihr ganzes Leben stürzte auf sie ein. An was sollte man denken, wenn man wusste, dass gleich alles vorbei war? Was wäre eine würdige Erinnerung, um ihr Leben zu beenden?

Die Zeit kollabierte. Alles aus ihrem Blickfeld verlor an Bedeutung. Jazmin stürzte. Sie fiel. Durch Dinge, die sie erlebt hatte. Schöne, aber auch schreckliche Ereignisse. Das konnte sie nicht trennen. Wie hätte sie ihre Tochter nennen wollen? Sie wusste es nicht. Denis hatte schon einige Vorschläge gemacht. Valerie, Manu, Zaria waren seine Favoriten, aber sie hatte sich noch nicht entschieden. Schließlich würde es doch noch einige Monate dauern, bis die kleine Prinzessin das Licht der Welt erblickte. Erst dann hätte sie sich festlegen wollen. Die Vorfreude darauf war die schönste Sache der Welt.

Jazmin stand auf einer Wiese. Ein besonderer Ort, in einiger Entfernung konnte sie Glamis Castle sehen. Hier war sie aufgewachsen. Ein wunderschöner Ort in Schottland. War das real? War diese Frage wichtig? Jazmin sah sich als Mensch, aber ihr digitaler Verstand war in der Lage, besondere Dinge zu leisten. Wie zum Beispiel die Bord-KI Mutter in höchster Not mit ihrem Verstand neu zu starten. Dennoch waren Mutter und sie nicht mehr dieselben. Mutters Bewusstsein hatte nach der Trennung ihre neue Rolle akzeptiert und sich mit unglaublicher Geschwindigkeit weiterentwickelt.

»Hallo Jaz.« Max stand neben ihr. Jazmins kleiner Bruder, der allerdings einen halben Kopf größer war als sie. Die drei Jahre spielten, seitdem sie erwachsen waren, keine Rolle mehr. Sie hatte sich mit ihm immer gut verstanden. Und er war wie sie von der Erde aufgebrochen, um eine neue Welt zu entdecken. Max war Major. Dr. Maximilian Harper, Physiker und zweiter Navigator auf der USS Boston, dem Schwesterschiff der USS London.

»Hi Max.« Es war schön, ihn zu sehen, ein echter Sonnyboy, der sein Physikstudium mit weniger als fünf Stunden Lernzeit in der Woche absolviert hatte. Groß, sportlich, intelligent, es gab eigentlich nichts, was er nicht konnte.

»Wie läuft es so?«, wollte er wissen.

»Gerade nicht so gut, aber danke der Nachfrage.« Jazmin hatte die Probleme, in denen sie steckten, nicht vergessen.

»Echt, was ist passiert?«

»Da fliegt gerade so ein kleiner Scheißer auf die USS London zu. Mutter kann ihn nicht loswerden … er wird in ein paar Sekunden einschlagen und mich umbringen.«

»Ach was! Das glaub ich nicht! Kopf hoch! Mutter ist genauso raffiniert wie du. Euch wird etwas einfallen.«

»T minus 5 Sekunden. Ich kann nichts mehr gegen den Angreifer tun. Er wird das Schiff treffen. Sorry, ich habe versagt. Jazmin, Denis, alle Dinge haben ein Ende.« Mutters Stimme schallte in ihren Ohren. Jazmins Ausflug nach Glamis Castle war zu Ende. Sie konnte auch Max nicht mehr sehen. Klar, das Gespräch hatte sich nur in ihrem Kopf abgespielt.

»T minus 3 Sekunden.«

Jazmin hielt sich den Bauch. Sie hatte Schmerzen. Das waren Krämpfe, der Stress zeigte Wirkung. Sie schrie sich ihre Angst aus dem Leib. Dies war das Ende. Nichts ging mehr.

»Zwei.«

Jazmin holte tief Luft. Der letzte Atemzug. Mutter hatte sich überrumpeln lassen, sie hatten gegen diesen Gegner nicht die geringste Chance gehabt.

»Eins.«

Sie schloss die Augen.

II.


AD 3075 – Die Ankunft

Max wusste nicht, wieso er in diesem Moment an seine Schwester denken musste. Jazmin, die in der Schule alle nur Jaz gerufen hatten. Er hatte in seinem Leben mehr oder weniger jeden Rivalen hinter sich gelassen. Dafür hatte er noch nicht einmal seine Ellenbogen einsetzen müssen. Weder in seiner Schulzeit, während des Studiums, noch später beim Militär hatte ihm jemand das Wasser reichen können. Mit Ausnahme seiner großen Schwester, die Einzige, die er kannte, die, nachdem man sie mit einem Stein im Mund knebelte, vermutlich feinen Kies ausspucken würde.

Vielleicht lebte sie ja noch. Dank Raumschiffen, die mit dem Licht um die Wette flogen und Kältebetten, war da einiges möglich. Was er allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen konnte, war, dass er Jaz noch einmal wiedersehen würde. Die USS London und die USS Boston hatten die Erde im Prinzip in verschiedene Richtungen verlassen. Wenn sie sich im Alderamin-System aufhielt, dürften sie das am weitesten voneinander entfernt lebende Geschwisterpaar der Menschheitsgeschichte sein. Zudem ging er davon aus, dass Jaz und ihre Crew nicht so unfähig waren, wie Colonel Jorgen Fenech, Erster Offizier und leitender Navigator der USS Boston. Der Typ hätte es noch nicht einmal geschafft, ohne Hilfe seinen eigenen Arsch zu finden.

»Major Harper!« Die Kommandantin rief seinen Namen, General Lisbeth Matthieu. Sie hatte richtig entschieden, als sie Max ihr Vertrauen aussprach. Seitdem war die USS Boston mehr oder weniger keine Kreise mehr geflogen. Die Flugbahn sah eher wie eine Ellipse aus, die von einem betrunkenen Schimpansen gezeichnet worden war.

»Ja, Ma’am.« Heute würde es zum Showdown mit seinem Vorgesetzten kommen. Heute, am Montag, dem 6. Dezember 3075 um 15 : 32 Greenwich-Time.

»Haben wir Ihre berechneten Kursdaten einhalten können?«, fragte Matthieu. Eine gefährlich intelligente Französin, die natürlich wusste, wer für ihre Navigationsprobleme in der Vergangenheit verantwortlich war. Sie hielt sich ihre Optionen offen. Fenech stand neben ihr. Auf der Brücke der USS Boston hätte man eines von Fenechs wenigen Haaren fallen hören können.

»Ja, Ma’am.« Max hatte sich noch nie in seinem Leben bei einer Berechnung geirrt. Er machte keine Fehler, das machten Leute wie Fenech für ihn. Die Sternenkarten von der Erde waren nicht zu gebrauchen. So sah das All abseits des heimischen Sonnensystems nicht aus. Es war nicht nur groß, kalt und meist dunkel, sondern glich auch einer gravitativen Achterbahn. Um wirklich nach rechts zu fliegen, musste man dreimal links abbiegen und zwischendurch einen Purzelbaum machen. Mathematisch war das kaum abzubilden.

»Ich habe mich auf Ihr unorthodoxes Navigationsmodell eingelassen. Deshalb möchte ich mir heute gerne sagen lassen, dass wir 16 Cygni B geortet haben.«

»Natürlich Ma’am.« Nichts anderes würde heute passieren, dessen war Max sich sicher.

»Sonst würde ich wie eine Idiotin aussehen und Sie müssten mit der Zahnbürste die Toiletten putzen!« Sie legte die Beine übereinander und sah Fenech an, der neben ihr stand. Fenech war kleiner als er, älter, mit hoher Stirn und einem ungewöhnlich langen, dünnen Hals – und er war der Einzige an Bord, der Max scheitern sehen wollte. Die restliche Besatzung betete hingegen dafür, dass Max’ Navigationsmodell, das bis auf Vater und er niemand nachvollziehen konnte, sie endlich ans Ziel brachte. 16 Cygni B befand sich im Sternbild Cygnus, war 68 Lichtjahre von der Erde entfernt und bot neben zwei gelben auch einen roten Zwerg. Ein Dreifachsonnensystem, das dennoch einen erdähnlichen Planeten hervorbrachte. Cygnus, ihre neue Heimat, an der Fenech dreimal vorbeigeflogen war. Eine Odyssee, die sie in das Jahr 3075 befördert hatte. Sie verspäteten sich um etwa zweihundert Jahre.

»Das ist nur fair, Ma’am. Aber ich bin optimistisch, dass wir unser Ziel erreichen.«

»Ma’am, das wird nicht funktionieren«, hielt Fenech kühl entgegen. Ein Kerl wie ein Eisschrank. Max hatte keine Ahnung, was seine Frau an ihm fand, die im Gegensatz zu ihm sympathisch war.

»Colonel, ich habe Sie lange gewähren lassen. Leider mit außerordentlich wenig Erfolg. Jetzt ist Major Harper an der Reihe. Wir können uns, im Falle seines Scheiterns, gerne gemeinsam passende Disziplinarmaßnahmen für ihn überlegen, aber heute möchte ich sehen, wo er uns hingeführt hat.« Der General nahm eine große Tasse Milchkaffee, lehnte sich zurück und wartete.

»Das mathematische Navigationsmodell ist irrwitzig. Noch nicht einmal Vater wäre darauf gekommen. Für eine solche Interpunktion gibt es keine Referenzen.« Der Colonel lag nicht nur mit Max im Clinch, mit Vater, ihrer zentralen Bord-KI, kam er auch nicht klar.

»Colonel Fenech, an dieser Stelle möchte ich höflich einwenden, dass gerade, weil keine Referenzen für diesen Funktionscluster existieren, ich über eine lange Zeit nicht in der Lage gewesen bin, eigenständig unseren Kurs anzupassen«, erklärte Vater über den Lautsprecher. Die KI war allzeit präsent, überall und zu jeder Zeit.

Max lächelte und rief neue Daten ab. Mit den Fingern huschte er über seine holographische Arbeitsumgebung. Er hatte sich für viele Aufgaben Makros angelegt. Die kleinen Helfer machten einen langen Arbeitstag leichter. Makros, die inzwischen auch jeder andere auf der Brücke nutzte. Bis auf Fenech, der alles dafür tat, Max loszuwerden. »Vater, wir haben neue Daten von unseren Langstreckensensoren. Ich brauche für aktuelle Berechnungen mehr CPU-Zeit.«

»Captain Hindley, Captain Okinawa, helfen Sie dem Major, die Daten für die Analyse aufzubereiten«, ordnete Matthieu an. Das waren zwei fähige Datenanalystinnen, Lana Hindley und Yuki Okinawa, die zudem ein Paar waren. Das störte auf der USS Boston niemanden, vor allem nicht Max, der mit beiden gelegentlich das Bett teilte.

»Bin bereit … « Yuki sah ihn aufmerksam an.

»Ich bilde zwei Streams. Da kommen laufend neue Daten. Yuki, nimm du den Input der primären Sensoren, Lana kann die sekundären Daten strukturieren und an Vater übergeben.«

Der Anflug auf 16 Cygni B würde noch eine Weile dauern. Die Entfernung betrug immer noch knapp drei Lichttage, das waren um die 78 Milliarden Kilometer. Sie konnten erst nach der Bestätigung des Ziels Umkehrschub geben und die USS Boston abbremsen. Beim Start hatte das Schiff neun Tage benötigt, um mit 17 g Schub die gewünschte Reisegeschwindigkeit zu erreichen. Das Bremsmanöver würde genauso lange dauern.

»Das ist doch Zeitverschwendung!«, zeterte Fenech und verschränkte die Arme.

»Streams allokiert, verwende das Makro 107 und filtere die Daten. Die Signalqualität liegt bei 99,97 Prozent.« Das war Lana, die aus Norwegen kam und auch so aussah, blond und groß.

»Vater … «, sagte der General. Alle hoben den Kopf. Jetzt wurde es spannend.

»Empfange die Daten. Bilde Abgleich mit der Referenz. Die Qualität der Daten ist hervorragend. Zwischen uns und dem untersuchten Zielsystem gibt es keine weiteren gravitativen Störungen.«

»Das wird wieder das falsche System sein!«, rief Fenech und warf trotzig die Arme nach oben. »Wir haben vier Fehlanflüge hinter uns, und das wird Nummer fünf werden. Die hätten uns niemals mit solchen Sternenkarten losschicken dürfen.«

»Colonel Fenech, bitte nehmen Sie Platz, trinken Sie eine Tasse Tee und seien Sie still.« Der General machte mit ihm kurzen Prozess.

»Die erste Hochrechnung ergibt eine Übereinstimmung von 67 Prozent. Das System hat drei Sonnen und vier Planeten, aber die Positionen sind nicht akkurat. Einen Moment bitte … «

Max schluckte erneut, das hatte er nicht hören wollen. Colonel Fenech wuchs binnen einer Sekunde um gefühlte zehn Zentimeter. Sein arrogantes Lächeln war nur schwer zu ertragen. Alle sahen zu Fenech, dann zu Max, niemand auf der Brücke wollte, dass er sich geirrt hatte. Die gesamte Besatzung wollte endlich an ihrem neuen Zuhause ankommen.

»Die Daten unserer Sensoren sind absolut korrekt.« Vater machte weiter. »Die Referenzdaten stimmen nicht. Ich habe die Langstreckendaten, aufgezeichnet auf der Erde, durch das Navigationsmodell von Major Harper korrigiert. Die dabei entstandene Matrix ist zu 99,998 Prozent kongruent. Ich bestätige mit einer statistischen Abweichung kleiner 0,2 Prozent, dass wir 16 Cygni B anfliegen. Cygnus liegt wie erwartet in der habitablen Zone. Sein Magnetfeld ist intakt, es gibt flüssiges Wasser auf der Oberfläche und die drei Zwergsonnen sowie ein größeres Planeten-Mond-System schützen ihn vor vagabundierenden Meteoriten.«

Max riss die Arme nach oben! Yuki fiel ihm als Erste um den Hals, Lana brauchte nur einen Moment länger. Die Brücke ­tobte. Sie waren am Ziel. Sie waren endlich am Ziel angekommen! Er hätte nicht glücklicher sein können. Danke Vater, damit dachte er an die Bord-KI und an seinen Vater Duncan Harper, von dem er so viel gelernt hatte.

»Major, das ist Ihr Verdienst!« General Matthieu stand neben ihm. Sie klatschte. Andere auf der Brücke taten es ihr gleich. Matthieu gab ihm die Hand, nein, sie nahm ihn auch in den Arm. Im Moment lag sich die ganze Brücke in den Armen. Die Freude war unbeschreiblich. Nur Colonel Jorgen Fenech schien den Raum verlassen zu haben.

»Max, das Bier nachher geht auf dich!«, rief Skagen, der leitende Techniker und sein Freund. Skagen hatte mehr Glück gehabt als sein Pendant von der USS London, der kurz vor dem Start von einem Zivilisten abgelöst worden war.

»War schon klar … erst muss ich euch alle herbringen und dann muss ich auch noch die Runde zahlen. Kein Problem, ich werde dir mehr auf den Tisch stellen, als du vertragen kannst!«

»Das ist ein Wort! Auf dich!«

»Meine Damen, meine Herren! Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit! Von dem Bier habe ich nichts gehört! Sie kennen die Vorschriften im Umgang mit Genussmitteln an Bord! Bevor Sie also Ihre Karrieren einem billigen Rausch opfern, sollten wir den Landeanflug beginnen!« General Matthieu holte die Crew zurück in die Realität. »Vater, ich autorisiere das L-27-Bremsmanöver. Ich möchte unsere neue Heimat auf keinen Fall wieder verfehlen.«

Gelächter. Der ging auf Fenechs Konto, jeder wusste, wen sie gemeint hatte. Dennoch wurde es ruhiger, und die Crew bezog wieder ihre Positionen.

»General Matthieu, bestätige Ihre Order. Leite das Bremsmanöver der USS Boston ein. Start der Steuertriebwerke in T minus 30 Sekunden. An die Sicherheitsteams, bitte bestätigen Sie, dass sich keine Personen mehr in nicht gegen hohe G-Kräfte gesicherten Zonen aufhalten. Die Schleusen versiegeln sich in T minus 90 Sekunden.«

»Sektor sieben bis zwölf sind gesichert.«

»Eins bis sechs auch … «

Max blieb neben dem General stehen, für den restlichen Weg würden sie keinen Navigator mehr brauchen.

»Sektor 13 bis 18 sauber«, bestätigte der dritte Kommandooffizier. Im Moment war es voll auf der Brücke, sie waren zu elft. Matthieu hatte die gesamte erste Garde antreten lassen.

»Vater, Wendemanöver freigegeben!« Lisbeth Matthieu durfte sich selbst auf die Schulter klopfen, sie war eine hervorragende Kommandantin. Dann sah sie Max an. »Ich bin froh, dass ich Ihnen vertraut habe. Sie haben mich nicht enttäuscht.«

»Danke. Der Erfolg war zu einem großen Teil Ihr Verdienst« Max meinte es ernst. Er wusste, wie wichtig sie für die ganze Mission gewesen war. »Mir ist bewusst, welch schwierige Entscheidung Sie treffen mussten.«

»Start der Steuertriebwerke. Die Drehung des Schiffs hat begonnen. Supraleiter bei sieben Prozent Leistung. Uns fliegt nur wenig Staub entgegen.« Vater hatte den Rest des Manövers im Griff. Er hätte mühelos einige Kommandooffiziere arbeitslos gemacht, aber das widersprach der Direktive der integrierten Kommandoführung der Flotte. Die Bord-KI wurde von vielen wie ein weiteres Besatzungsmitglied gesehen.

»Major Harper, Maximilian, ich kannte Ihren Vater persönlich. Ich habe mein ganzes Leben diesem Projekt gewidmet. Es braucht viel Phantasie, um sich vorzustellen, einen Harper bei einem Fehler zu überraschen.«

»Danke.« Dass sie seinen Vater erwähnte, bedeutete Max viel. Inzwischen dürfte er nicht mehr leben.

»Wir versiegeln die Schleusen in T minus 42 Sekunden. In T minus 72 Sekunden starten die Haupttriebwerke. Erbitte Bestätigung meiner Checklisten. Wir werden danach das K-8-Protokoll starten.«

»Major, ich gebe Ihnen den Rest des Tages frei. Trinken Sie nicht zu viel. Wir alle brauchen Sie noch.«

»Ja, Ma’am.«

Eine Stunde später feierte Max mit seinen Freunden, deren Angehörigen und Kindern im Mannschaftskasino. Es ging hoch her. Lana tanzte auf dem Tisch. Mit ihr ihr neunjähriger Junge, der erst auf der Reise geboren worden war. Überall wurde gelacht, und immer wieder klopfte jemand Max auf die Schulter. Jetzt war es Skagen. Bereits zum dritten Mal. Das Bier, bei dem sich Max bisher zurückhielt, hatte Skagen für ihn mitgetrunken.

»Max! Ich bin echt froh, dass du klüger bist, als du aussiehst! Wirklich, das meine ich ernst.«

»Klar … « Max saß am Tisch und hörte zu. Das ging in Ordnung. Bei Skagen hatte, mit 2,02 Meter Körpergröße und 150 Kilogramm Lebendgewicht, das eine oder andere Bier Spuren an seinen Hüften hinterlassen. Jeder verarbeitete Stress anders. Viele hatten während der Reise Angst gehabt, niemals anzukommen. Deswegen hatte es auch heftige Streitereien gegeben. An dieser Stelle konnten sie sich alle bei ihrem General bedanken. Sie besaß die magische Fähigkeit, aus solchen unterschiedlichen Charakteren wie Fenech, Skagen und ihm ein funktionierendes Team zu formen. Niemand hatte jemals ihre Führungsrolle in Frage gestellt.

»Bist du mein Freund?« Skagen hatte bereits sichtlich Probleme, den Blick gerade zu halten.

»Natürlich.«

»Wirklich?«

»Wenn ich’s dir sage.«

»Dann lass uns trinken!« Skagen griff nach Max’ Glas. »Auf deinen Verstand und meine gute Figur!«

Max ließ ihn gewähren.

»Stell dir mal vor, du sähst so gut aus wie ich!« Skagen strich sich durch seinen Vollbart, rülpste und warf seine schulterlangen Wikingerlocken nach hinten.

»Das wünsche ich mir jeden Tag … « Max nickte Yuki zu, da würde nachher noch mehr laufen.

»Du wärst ein Gott!« Er breitete die Arme aus und zog Lana und Yuki an sich heran. »HÖRST DU, EIN GOTT!«

»Major Harper«, meldete ein Kadett. Sofia Fenech, sie war erst neunzehn und beim Start noch ein Kind gewesen. Für ihren Vater konnte sie nichts.

»Ja.«

»General Matthieu bittet Sie auf die Brücke.«

»Sie hat mir für den Rest des Tages freigegeben.« Die An­frage überraschte ihn.

»Es ist wichtig.«

»Ich habe auch schon zwei Bier getrunken.«

»Sir, das sollte in Ordnung gehen.« Kadett Fenech hatte ihrem alten Herrn bereits in jungen Jahren einiges voraus. Sie passte zur Crew, ihr Vater nicht.

»Ich komme … « Max verließ die Feier nur ungern, aber Dienst war Dienst. »Können Sie mir weitere Details nennen?«

»Ich denke, das möchte der General persönlich tun.« Sofia hielt ihm die Tür auf.

»Wie läuft es zu Hause?«

»Nicht gut … ich bin froh, endlich anzukommen. Ich habe mir immer gewünscht, auf Cygnus drei Sonnen am Himmel zu sehen, sicherlich ein unglaublicher Anblick, aber Sie kennen meinen Vater. Er ist noch missmutiger als sonst.«

»Das tut mir leid.«

»Nun, Ihr Triumph war seine Niederlage. Er sitzt in unserer Kabine und betrinkt sich.«

»Wenn ich helfen kann … «

»Danke, Sir!«

»Major Harper. Hat das Bier geschmeckt?«, fragte General Matthieu mit einem Lächeln im Gesicht.

»Hab erst zwei geschafft … « Max kontrollierte seinen Posten, aber bei der Navigation konnte er keine Probleme erkennen. Die USS Boston flog mit dem Heck nach vorne und verbrannte mit ihren gewaltigen Antimaterietriebwerken alles, was ihnen entgegenkam. Der Bremsschub betrug das Siebzehnfache der Erdanziehungskraft. Der Auswurf der Triebwerke erstreckte sich über einen halben Lichttag. Dennoch konnte man davon im Schiff nichts spüren. Im gesamten Aufenthaltsbereich der Besatzung wurde mit einem gegenläufigen Kraftfeld die Wirkung der enormen G-Kräfte neutralisiert.

»Sehr gut.«

»Ma’am, worum geht es?« Bis auf den General, einen Kommunikationsoffizier und ihn war die Brücke leer. Das war ungewöhnlich.

»Wie soll ich es sagen, auf so einer langen Reise kann viel passieren. Ich habe mit Schlimmerem gerechnet. Womit ich allerdings nicht gerechnet habe, ist das … « Matthieu gab dem Mann an der Funkkonsole, einem Captain, ein Zeichen.

»Unbekanntes Raumschiff! Sie dringen in ein geschütztes Sonnensystem ein! Wir haben das Abtasten Ihrer Langstreckensensoren registriert!«, erklärte eine Stimme im besten Englisch.

»Wir sind angefunkt worden?« Das konnte Max nicht glauben. Der General wollte ihn auf den Arm nehmen.

»Ja.«

»Ma’am, das ist ein Scherz, oder?« Max schüttelte den Kopf. Wie sollte auf Cygnus jemand leben? Das alleine war schon unglaublich. Und dazu jemand, der Englisch sprach. Er ging nicht davon aus, dass der gemeine Alien das in der Schule lernte.

»Nein, Major, dafür ist die Sache zu ernst.« Sie presste konzentriert die Lippen zusammen. »Wir haben noch mehr.« Sie gab dem Captain ein weiteres Zeichen.

»Unbekanntes Raumschiff! Sie dringen in ein geschütztes Sonnensystem der Föderierten Erdkolonien ein! Verringern Sie umgehend Ihre Geschwindigkeit oder ändern Sie Ihren Kurs! Wir sehen in der Größe Ihres Schiffs und der von uns registrierten Geschwindigkeit eine potenzielle Gefahr für unser gesamtes Sonnensystem! Wenn Sie nicht reagieren, starten wir notwen­dige Maßnahmen zum Selbstschutz!«

»Bitte was? Föderierte Erdkolonie?«

»Major, Sie haben richtig gehört. Das hat dieser Mensch wirklich gesagt.«

»Ist er ein Mensch?« Max rieb sich den Mund. »Sie denken, dass Cygnus bereits von Menschen bewohnt wird?«

»Genau diesen Schluss muss ich ziehen.« Zudem zeigte sie auf ein Emblem auf der Brücke: USS Boston. »Major, unser Problem ist, dass sie nicht zu wissen scheinen, wer wir sind. Die erwarten uns nicht, sondern halten uns sogar für eine Bedrohung!«

»Vater?«

»Ich muss den Überlegungen des Generals beipflichten. Ich kann keine bessere Erklärung liefern. Wir können davon ausgehen, dass unsere Abtastsignale zeitgleich mit deren eigenen Langstreckeninformationen wahrgenommen wurden. Die kennen unsere Schiffsmasse und Geschwindigkeit.«

»Sind wir denn eine Gefahr für sie?«

»Nach einer ungebremsten Kollision der USS Boston mit deren Sonne, oder auch einem Planeten, würde das gesamte System kollabieren. Das ist eine Gefahr.«

»Wir müssen kommunizieren!« Das war der einzige Weg. »Vater, hast du denen schon unsere Kennung gesendet?«

»Bereits erfolgt … wir werden auf eine Antwort warten müssen. Auch wenn wir ihnen entgegenfliegen, beträgt die Signalverzögerung mehr als 36 Stunden.«

»Welche Botschaft für die Mannschaft halten Sie für sinnvoll?« Eine Frage, die Matthieu ihm nicht stellen musste. Das war ganz allein ihre Entscheidung.

»Ma’am. Die Wahrheit. Die Party ist vorbei. Wir müssen die gesamte Crew wieder auf ihren Positionen einsetzen. Ich empfehle, dass wir das Schiff auf alle Eventualitäten vorbereiten, auch auf ein Gefecht. Zusätzlich sollten wir weitere Besatzungsmitglieder aufwecken.«

»Major, ich schließe mich dieser Vorgehensweise an. Vater, wir geben Gefechtsalarm. Wir müssen zwangsweise von einer Gefahr für das Schiff ausgehen!«

Max stutzte, er hatte General Matthieu nichts erzählt, was sie nicht bereits wusste. Das war eine Prüfung gewesen. Sie hatte nur seine Entscheidung in einer Stresssituation hören wollen.

Er legte das Gesicht in seine Hände. Die zwei Bier hatten ihn nicht umgehauen, spüren konnte er sie dennoch. Das musste man sich einmal vorstellen, sie flogen ein von der Erde 68 Lichtjahre entferntes Dreifachsonnensystem an und mussten bei ihrer Ankunft feststellen, nicht die Ersten zu sein.

»General Matthieu, das Schiff wird in fünfzehn Minuten gefechtsbereit sein!«

»Vater, gib ihnen zwei Stunden. Die Crew sollte genug Zeit für eine große Tasse Kaffee, eine Dusche und eine frische Uniform haben.« Sie setzte sich auf ihren Kommandosessel. »Major Skagen Muller möchte ich erst in zwölf Stunden wiedersehen. Vorher ist er zu nichts zu gebrauchen.«

»Selbstverständlich.«

»Habe ich etwas vergessen?«

»Colonel Fenech … «

»Säuft er wieder in seiner Kabine?«

»Wodka.«

»Lass ihn dort … wir brauchen ihn nicht. Ein Arzt soll ihn beobachten. Ich möchte nicht, dass ihm etwas zustößt.«

»Das würde seine Privatsphäre verletzen … «

»Das ist besser, als ihn nachher erstickt in seinem Erbrochenem aufzufinden.«

»Ich werde dem Arzt die Überwachung erlauben.«

Lisbeth Matthieu hatte ihm noch nie so offen Einblick in ihre Gedanken gewährt. Sie wusste ganz genau, was sich auf dem Schiff abspielte. Sie griff allerdings nur ein, wenn es nicht mehr anders ging.

Max verabschiedete sich von der Brücke. Die Zeit für eine Dusche und eine frische Uniform wollte auch er gerne in Anspruch nehmen.

***

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