Neptunation (Dietmar Dath)

FISCHER TOR

Leseprobe: Neptunation (Dietmar Dath)


Lest hier die ersten Seiten aus "Neptunation" von Dietmar Dath. Der Roman erscheint am 25. September bei FISCHER Tor.

Darum geht's in »Neptunation«: Kurz vor dem Ende des Kalten Kriegs entsenden die Sowjetunion und die untergehende DDR ein Himmelfahrtskommando ins All. Die Mission scheitert, schickt aber ein Signal zurück, angeblich vom Neptun: Hilferuf, Warnung, etwas anderes?

Mehr als dreißig Jahre später bricht ein deutsch-chinesisches Rettungsunternehmen auf, um herauszufinden, ob es in unserer kosmischen Nachbarschaft wirklich nur menschliche Technik gibt, ob Menschen die Wahrheit überhaupt aushalten … und was Politik mit Schwerkraft zu tun hat.


*** Leseprobe ***

2 | Leere Wahrheit

Christian Winseck ist wieder einmal nicht da, wo man ihn haben will.

Auf der Erde war er berechenbar. Jetzt, da wenig Raum seine ganze Welt ist, ein kurzes Schiff, ein paar hundert Meter Länge, nicht ganz zweihundertfünfzig Meter Durchmesser in den vier Reifen, lässt er sich gern suchen und nicht immer finden.

Das schenkt ihm die Illusion von Bewegungsfreiheit, Autonomie, Eigensinn. Alle drei sind wichtig, damit man nicht verrückt wird. Christian mag es, sich durch die Röhren zu hangeln, die er bei sich »Flure« nennt, durch die Hallen und entlang der Radnabe.

Seit Cordula Späth ihm vor drei Wochen gestattet hat, sein Quartier im zweiten Reifen zu beziehen, steigt er immer wieder die chromsilberne schmale Leiter hoch zur Luke Sigma, dann in die Schleuse und dann, wenn die sich ausgedreht hat, stößt er sich ab und fliegt – »wie Superman«, was er genau so vorgestern Andrej Sirilko erzählt hat, der sich vor Lachen darüber fast an seinem Kräutersalat verschluckt hätte. »Lass ihn nur«, hat Aiguo Sun dazu gesagt, »die Einzigen, die auf dieser Reise etwas wie Spaß haben können, sind naive Intellektuelle wie er und Verrückte wie unsere Freundin Filipa Scholz.«

Die hat sich allerdings noch mehr ins Klettern und Schweben geworfen als Christian, die ist ein richtiges Flughörnchen geworden hier, denkt er jetzt, während er seinen ganzen Körper an einem einzigen Arm um einen der stählernen Lastbalken dreht wie einen federleichten Kegel.

Die geht noch weiter als ich, denkt Christian, weil sie auch die drei bis vier Stunden Sport täglich am Anfang – das dumme Fahrrad, den widerlichen Expander – als Herausforderung an ihr neues Superheldinnenselbstbild angenommen hat und dabei laut schreit wie diese Tennisspielerinnen im Fernsehen, wenn sie einen Schlag mit aller Gewalt durchziehen.

»Aaaah, dammich!«, hört er sie auch jetzt schreien, aus dem ersten Reifen, wo sie mit dem gemeinsamen Trainer der gesamten Besatzung, Meinhard Budde, wieder mal damit beschäftigt ist, am frühesten Morgen Messerkämpfe zu üben. Davor drückt sich Christian gern. Es ist ihm ein bisschen zu ernst, seit ihn Filipa mit einem der angeblich stumpfen Messer, die hier zu Übungszwecken verwendet werden, weil damit »gar nix passieren kann« (Budde), am Nacken verletzt hat – das Blut flog in kleinen Kügelchen davon, weil der Reifen an diesem Tag aus Wartungsgründen stillstand und also keine Pseudoschwer­kraft hatte.

Christian weiß noch, wie er, als ihm Budde das Mullzeug in den Nacken gedrückt hat überm Pflaster, das die Blutung stillen sollte, plötzlich sagte: »Kleine runde Tröpfchen, kleine Planeten – warum ist das eigentlich so? Warum bilden sich aus Flüssigkeiten immer diese Kugeln, in der Schwerelosigkeit? Ich hab das in diesen Science-Fiction-Filmen gesehen, und dann ist mir das irgendwann aufgefallen, aber da ist es ja mit der Computergraphik simuliert, nur war’s dann … als ich es einmal bewusst wahrgenommen habe in those movies, suddenly it, like … da sah man es auch in Bildern von der Internationalen Raumstation und so weiter, also ist es ja apparently ein real world phenomenon, nur wovon kommt das?«

»Oberflächenspannung«, sagte Budde wegwerfend, wie man sagt: Wer sich in den Regen stellt, wird nass. »Das war mit deiner Kotze genau so«, den kleinen Zusatz konnte sich Filipa nicht verkneifen, sie ist immer so, ruppig, großmäulig, aber es stimmt natürlich: In den ersten vier Tagen nach dem Aufwachen, bevor er schließlich dahin durfte, wo die künstliche Schwerkraft, eigentlich ja Fliehkraft oder so was (man hat es ihm erklärt, aber es sagt ihm nicht viel mehr als »Oberflächenspannung« auch: ein Wort), herrschte, musste sich Christian, was ihn sehr beschämte, dreimal ganz ohne Anlass übergeben, und Cordula Späth fiel nicht mehr dazu ein, als dass er »das bitte jetzt aber alles schön einsammeln« sollte, mit den Tüchern und dem eigenartigen Druckschwamm, mit dem sich jeder Tropfen Flüssigkeit aus der Luft fangen ließ, als wäre sowohl der Schwamm wie der Tropfen auf irgendeine Christian auch wieder nicht verständliche Art magnetisiert.

»Das mit dem Kotzen gewöhnst du dir hoffentlich ab, bevor du in deinen ersten Raumanzug steigst«, hatte Filipa ihn zur ohnehin beschämenden Peinlichkeit der Sache aufgezogen, »sonst kannste daran nämlich richtig original sterben, Freundchen.«

Christian hat noch keinen Raumanzug getragen, vor allem aber war er noch nicht draußen – die Blicke durch die Panoramafenster genügen ihm vorerst. Es war schon beunruhigend, nein: schockierend, als Frau Späth im vorvorgestern die Erde gezeigt hat: Kaum war sie zu erkennen, von anderen Himmelskörpern wie den sonnenäheren Planeten nicht zu unterscheiden, und auch die Sonne, da rebellierte sein Empfinden, darf so klein eigentlich nicht sein. Zwei Jahre Schlaf liegen hinter ihm – na, nicht wirklich Schlaf, wie sagte Frau Späth? »Du warst nicht immer ohne Bewusstsein, wir haben es nur so hingezwickt, dass du dich daran nicht erinnerst – zweimal die Woche aufstehen, Bewegung und ansonsten, klar, die Solltemperatur in der Stelle im Hirn, die deine Körpertemperatur reguliert, ist erheblich niedriger gewesen als während normaler Aktivitätszeiten und tiefe Bewusstlosigkeit unterhalb des REM-Schlafes, und die Blutflussrate fällt unter 10 Prozent vom Normalwert, wobei das meiste den Kopf versorgt und bestimmte Sorten Fettgewebe, Herzleistung auch ganz unten, Schlagrate reduziert, das Volumen der Schläge allerdings nicht. Es ist so eine Art Schraube drin, das Blut wird saurer, weil nicht so viel geatmet wird, die Abweichung vom optimalen pH-Wert führt dann zu weiterer Herabsetzung des Metabolismus und so fort. Aber du darfst dir das nicht so vorstellen wie diesen kryonischen Schlaf in den Filmen, du warst nicht eingefroren, wir haben den … ja, den Film, der du bist, praktisch nicht angehalten, sondern eher ein paar Szenen deleted, und jetzt sind wir wieder drin, im wichtigen Teil … «

»The good part«, hat er erwidert, und das fand sie richtig.

Seine Schulter verfehlt im Vorbeisausen knapp einen der kopfgroßen Verteilerkästen. Er greift vorsichtigerweise wieder nach der Leiter, bremst sich ab – die Hüfte tut ihm manchmal immer noch weh vom Zusammenprall, bei dem er hat lernen müssen, dass die Wirkung von Kraft als Masse mal Beschleunigung auf irgendwelche Körper, zum Beispiel seinen, in der Schwerelosigkeit nicht geringer ist als im Gravitationsbann. Fast ist er jetzt da angekommen, wo er hinwill. Niemand ist ihm begegnet, nicht mal die ständig aktiven, wahrscheinlich nie schlafenden Chinesen aus Aiguo Suns Team, der nette Wu Yimeng und die undurchschaubare Ming Di (Christian ist sich immer noch nicht sicher, ob er die Vor- und Nachnamen nicht dauernd verwechselt, ob diese beiden also überhaupt so heißen).

Er ist jetzt nah beim Heck des Schiffes, wo die technischen Einrichtungen sind, insbesondere die Konsolen, und will eigentlich arbeiten, vor allem lesen und über die Texte nachdenken, deren Entschlüsselung ihm aufgegeben ist. Er hat allerdings noch etwas anderes vor, um diese Tageszeit. Er möchte jemanden belauschen, weil dieses Mitanhören von etwas Schönem ihn, wie er selbst bei sich sagt, erdet – ironischer Ausdruck hier, so weit weg von der Erde, aber, doch, »it’s grounding me to listen to that«, wie er seinem digitalen Tagebuch kurz nach dem Erwachen aus der Phase des verlangsamten Stoffwechsels anvertraut hat.

Im Tiefschlaf, sagt man ihm, habe er nicht geträumt. Dafür hat er jetzt Schwierigkeiten damit zu begreifen und zu glauben, dass er wach ist – Messerkampfübungen, dear Lord in heaven, was ist das hier bloß, wohin hat es ihn verschlagen? Nicht, dass nicht auch diese Absurdität ihre ganz vernünftig klingende Erklärung hätte – die Leute, die, anders als er selbst, seit Jahren, manchmal Jahrzehnten auf diese Reise hingelebt haben, können wirklich alles erklären, und Budde, der immerhin auch erst seit drei, vier Jahren von kosmischen Wirklichkeiten weiß, die durchschnittlichen Erdenmenschen nicht bekannt sind, konnte Christian daher auch die Messergeschichte plausibel machen: »Es wäre unrealistisch, wenn wir nicht davon ausgingen, dass es zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen kann, wenn wir ins Revier der Dysoniki eindringen, das wir nun mal durchqueren müssen, um zur EOLOMEA aufzuschließen. Wenn sie begreifen, dass wir wirklich nur auf der Durchreise sind, wird sich’s vielleicht entspannen. Aber Cordula sagt, der militärische Teil der ursprünglichen IWAN-JEFREMOW-Expedition ist fast komplett auf den Asteroiden geblieben. Dieser Baklanow und seine Leute sind alte Rote Armee, auch KGB, also keine Kuschelkatzen. Wir haben unsere eigenen Militärs, klar, im zweiten Schiff vor allem, in der SMITH, und wenn die erst mal mit uns verbunden sind, kein Ding. Chinesen, Bundeswehr. Aber bis dahin schadet es nix, wenn jede und jeder hier auf der FRIES lernt, sich zu verteidigen. Was heißt Selbstverteidigung? Das heißt, die Wahl der Waffen, die Regeln des Konflikts gibt der Gegner vor. Deshalb Messer, denn – ich muss ja glauben, was Cordula mir erzählt, die hat ihre Quellen, die kennt diese Leute – es gibt offenbar ein Gesetz für alle Astronauten und Kosmonauten und Taikonauten, die je den nahen Erdorbit verlassen haben, und das sagt: keine Schusswaffen. Das Risiko ist einfach zu groß: Querschläger, Löcher in der Hülle vom Habitat oder vom Schiff, Katastrophe. Also: Lernt hacken, stechen und parieren, Freunde.«

Wie dieser Mann, dem Christian sein Leben verdankt und vor dem er daher den größten Respekt hat, die Frechheit aufbringt, die seltsame Frau beim Vornamen zu nennen und zu duzen, ist Christian völlig unbegreiflich. Alles, wovon er sich bedroht, überfordert oder in Frage gestellt fühlt, lässt sich, geht man der jeweiligen Sache nur hartnäckig genug nach, früher oder später auf einen Entschluss, einen Plan oder eine Laune von Frau Späth zurückführen, angefangen mit den beiden merkwürdigen Namen der Schiffsbestandteile und dem in Aussicht gestellten dritten des in anderthalb Monaten nun endlich vereinten Gesamtschiffs. Das Fahrzeug, in dem Christian, Budde, Sun, Sirilko, Liz Parker und Frau Späth selbst sich derzeit aufhalten, heißt, obwohl in China gebaut, »PODKAYNE FRIES«, während der Truppentransporter mit zweihundertfünfzig Leuten aus deutschen und chinesischen Spezialeinheiten »VALENTINE MICHAEL SMITH« heißt. Beide Fahrzeuge sollen nach ihrer baldigen Zusammenfügung nach nunmehr fast zweieinhalb Jahren Flugzeit auf den Gesamtnamen »ROBERT A. HEINLEIN« hören.

Christian hat’s in der umfangreichen, so viel wie das ganze überhaupt irgendwo auffindbare Menschheitswissen bergenden Borddatenbank der PODKAYNE FRIES recherchiert (ein Internet steht ihm beim Arbeiten ja nicht mehr zur Verfügung – sehr irritierende Erfahrung, immer noch): Robert A. Heinlein, den Schriftsteller, kannte er natürlich schon, von seinem Vater, der ein alter Science-Fiction-Fan war, aber gelesen hat Christian von diesem Mann bislang nur Starship Troopers und The Moon is a Harsh Mistress, während die beiden Namen für die Raumschiffe, die Cordula Späth sich ausgesucht hat, aus anderen Romanen desselben Autors stammen – Podkayne Fries ist die minderjährige Heldin eines Planetenabenteuers namens Podkayne of Mars von 1962, Valentine Michael Smith dagegen die Hauptfigur des ein Jahr früher erschienenen Romans Stranger in a Strange Land. Das Allererstaunlichste an der obskuren Namenswahl ist, dass Deutsche und Chinesen sich darauf eingelassen haben, obwohl Heinlein ein hyperpatriotischer Superamerikaner war und damit sicher nicht die erste Wahl für eine Namenspatronage zweier technischer Megainvestitionen des letzten verbleibenden sozialistischen Flächenstaats und der gegenwärtigen Quasihegemonialmacht in Europa.

Eine Abzweigung noch, dann hat er’s geschafft – Christian wird jetzt langsamer. Seine Bewegungen nehmen an Präzision zu, der Genuss, im Raum zu fließen wie ein Fischlein mit dem Strom, weicht den überlegten Handlungen, die zugleich Vorankommen und Orientierung bedeuten – hier durch eine Öffnung, in einen Seitenarm des rückwärtigen Schiffsteils, orthogonal zu dem Zylinder, durch den er eben flog, dann zieht er sich in die Wandung, klettert hinein, und kurz vor der Lücke in der Wand, die als Tür zu der Kabine dient, die er nicht betreten, deren gegenwärtige Insassin er aber belauschen möchte, kraxelt Christian leicht gebeugt in die Richtung, die unter Schwereverhältnissen oberhalb der Tür läge, zur Decke also gleichsam, an der er dann, sehr leise atmend, hängt wie eine Spinne in ihrem Netz. Die Nische hinter jener Türlücke ist eine Funkkonsole, vorgesehen hauptsächlich für die Sammlung und Verarbeitung astronavigatorischer Daten, teils auf radioastronomischer Grundlage, durch einen im ursprünglichen Nutzungsplan nicht vorgesehenen Umstand aber immer mal wieder, wie etwa heute und zu dieser Stunde, von Liz Parker zu einem privaten, die Sende- und Empfangsleistung der Anlage nicht über Gebühr strapazierenden Zweck genutzt – »It’s my phone booth, basically«, wie sie das dem amerikanischen Landsmann Christian am Tag nach seinem Erwachen aus dem Quasiwinterschlaf erläutert hat.

Jetzt hört er sie leise reden: »Yeah, great, whatever. You big goof.« Dann lacht sie so, dass Christian meint, hören zu können, wie sie sich dabei damenhaft die Hand vor den Mund hält, dabei hat sie ja das Mikro direkt vor den Lippen, drückt es sich so wahrscheinlich noch näher an den Mund und lacht also lauter als ohne die Hand. Aber ihr Max wird’s mögen, nein: lieben.

Liebe.

Die Liebe zwischen diesen beiden ist das größte Wunder, dessen Zeuge Christian unter all den mal schrecklichen, mal schönen Wundern seit der ersten Begegnung mit Frau Späth am Heimatflughafen sein durfte.

Max und Liz, fast zwanzig Jahre lang jeden Tag zusammen, jetzt auf eigenen Beschluss ein paar Jahre getrennt, eine Beziehung, wie Christian sie nie erlebt oder bei anderen gesehen hat. In der chinesischen Atomversuchswüste, im Basislager, fiel ihm das gleich auf, diese Nähe in Autonomie, diese völlige Abwesenheit von Spielchen, mit denen gerade langjährige Dyaden nach seiner Erfahrung ihre jeweiligen internen Machtgefälle regeln – keine indirekten Provokationen oder Vorwürfe, immer sagten sie einander, was sie wollten, »no, I don’t wanna go swimming, you just go ahead«, »I’d like the first try in that horrible machine«, keine Abschottung auch gegen die anderen in der Gruppe.

Max und Liz waren im Gegenteil oft die Ersten, die einzeln oder zusammen der Gruppe insgesamt ihre gemeinsamen Interessen begreiflich machten, indem sie diese Interessen artikulierten, und die skeptischsten Stimmen, wenn Frau Späth wieder irgendwelche Missionsparameter erläuterte oder Hintergrundandeutungen machte. Max und Liz waren es, die fast gleichzeitig, bei einem Tischfußballabend auf dem Sonnendeck des Südturms der Testanlage, die richtige Formel für das Verhältnis dieser Frau Späth zu den Leuten, die sie um sich versammelt hatte, um sie mit sich ins All zu nehmen, gefunden hatten, nämlich: »She will not show us her true colours until we reach whatever true objective she has«, so Max. Das hieß: Man wird hinter all den Witzen, Sticheleien, großzügigen Geschenken und Angeboten erst herausfinden, wer sie ist und was sie will, wenn sie ihr wirkliches Ziel, die letzte Station dieser Reise, vermutlich also das Schiff nahe Neptun, erreicht. Liz hatte denselben Gedanken mit etwas anderen Worten verdeutlicht und psychologisch vertieft: »She keeps us guessing who she is to us: a superhero, an artist, a magician, a friend? The only thing we know so far, and should not forget, is that she most likely isn’t any of those things.« Dieser Einschätzung hatte sogar diejenige aus der Gruppe, die Frau Späth am nächsten zu stehen schien und weiterhin scheint, ohne Vorbehalt zugestimmt, die wilde Filipa: »Nee, als Kumpel dürfen wir sie wirklich nicht missverstehen.«

Filipa ist für Christian ein beinahe so großes Rätsel wie Frau Späth. Er hat sich noch nie länger persönlich, aufrichtig mit ihr unterhalten, was ihm selbst bei der Undurchschaubaren gelungen ist. Dass er mit der jungen Deutschen jemals so eine Freundschaft wird schließen können, wie sie ihn inzwischen wohl mit Liz Parker verbindet, hält er für absolut unmöglich. Anfangs, in den ersten drei chinesischen Monaten, haben Liz und ihr Max seine Gesellschaft gesucht, weil er wie sie in den Vereinigten Staaten aufgewachsen war, die sie nie verlassen hatten, abgesehen von einem kurzen Abstecher, den Liz vor dem gemeinsamen Untertauchen mal nach Schweden unternommen hatte. Viele Erinnerungen und etwas wie ein kultureller Hintergrund verband sie, und natürlich die Sprache, auch wenn sie fleißig Deutsch lernten, weil das für diese Mission die Lingua franca war.

Dabei war er ihnen behilflich, als eine Art Tutor, der ihnen vieles besser vermitteln konnte als die Lehrerinnen aus Deutschland, die Cordula Späth eingestellt hatte und zu deren kleiner Klasse nicht nur das amerikanische Ehepaar, sondern auch der Londoner Russe Andrej Sirilko und die oberste chinesische Missionsautorität Aiguo Sun gehörten, wenn auch beide bereits Deutsch konnten – allerdings ein sehr formelles, nominalstilanfälliges, »typisch sozialistisches Parteideutsch halt«, wie Cordula Späth sagt, »auch wenn Aiguo seins von Westlern hat. Aber er ist halt ein sozialistischer Parteichinese.«

Liz, Max und Christian waren so bald, wie man auf Deutsch sagt, unzertrennlich, ohne dass Christian sich je wie ein third wheel vorgekommen wäre. Die Vorstellung, dass irgendjemand diese beiden soul mates auseinanderbringen, Liz oder Max verführen würde oder könnte, wäre jedem absurd vorgekommen, der sie kannte.

Am ehesten war’s wohl etwas wie eine Adoption des Einsamen durch die beiden Glücklichen, denkt er manchmal; vielleicht haben sie gespürt, dass er sich an ihrer Liebe aufrichtet, ja: tröstet, wo doch seine eigene Familiengeschichte eine so zerquälte, zerrissene ist und er auch mit der Liebe nur triste bis verheerende Erfahrungen gemacht hat.

Selbstmitleid kennt Christian dabei nicht. Er hat’s mit der Liebe, wie er findet, im Guten wie im Bösen ausreichend ernsthaft versucht, zwei echte Beziehungen, die eine fast fünf, die andere immerhin drei Jahre lang, eine in den USA, eine in Deutschland. Die erste fand er im christlichen Milieu seiner Herkunft, von der sein Vater (nun ja: der Mann, den Christian damals noch für seinen Vater hielt) hoffte, dass eine Ehe draus würde, was sich dann zerschlug, weil die junge Dame dem Christentum den Rücken kehrte und mit Drogengeschichten, Nachtlebenerzählungen und sonstiger Selbstdarstellerei die erste berühmte Bloggerin aus Christians Heimatstadt wurde. Die andere Beziehung kam im erheblich liberaleren sozialen Umfeld des deutschsprachigen akademischen Betriebs zustande, seine zweite, wie soll man sagen, Verlobte?, wurde eine Studentin aus Basel, er war ihr in Münster begegnet, bei einem Vortrag seines Zweitlieblingsphilosophen Robert B. Brandom, und sie war’s, die ihn angesprochen hatte, nicht umgekehrt. Sie kannte ihn von Fotos, hatte sein Buch gelesen, aber nach drei Jahren stellte sich heraus, dass sie mit seinen Gedanken doch mehr anfangen konnte als mit ihm, und man trennte sich ohne Gift.

Dass er sich im Leben noch einmal verlieben würde, wohl sogar mehr als einmal, hielt er bis zu dem Abend, an dem Messermaschinen vom Himmel fielen und vor seinen Augen seinen Vater ermordeten, als Realist für einigermaßen wahrscheinlich, aber dabei dachte er eher an unerfüllte, einseitige oder jedenfalls irgendwie nicht zu einigermaßen dauerhafter Zweisamkeit führende Liebe – wenn er ganz ehrlich zu sich ist, was er seit dem Horror des Dysoniki-Angriffs häufiger versucht als vorher, dann waren es immer die unerfüllten, einseitigen, traurigen Liebesgeschichten in seinem Leben, die ihn, wie man so sagt, weitergebracht haben. So denkt er inzwischen, dass er – und vielleicht: das Menschenwesen überhaupt – nach einer anderen Sorte Liebe gar nicht unbedingt streben sollte, nicht nach Vervollständigung der eigenen Person durch eine andere, nicht nach Dauer in Lust und Zuneigung, ganz zu schweigen vom »Hafen der Ehe«, über den sein ermordeter Vater so gerne wetterte, mit Sätzen wie: »Natürlich hätte ich für Luzi so ziemlich alles gemacht, sie wahrscheinlich sogar geheiratet, aber es gibt so bestimmte Phrasen, so bestimmte Schablonen, gegen die bin ich heute noch extrem empfindlich, das ist wohl der ewige Bohemien, der unbelehrbare Libertäre in mir – ›Hafen der Ehe‹ zum Beispiel, ich muss kotzen, ich stell mir selbst ’ne Beziehung, die das ganze Leben lang hält, nicht so vor, dass sie irgendwo ankommt und da dann vor Anker liegt oder so was Grausiges. Wenn schon maritime Metaphern, also gut, dann lass die Liebe ein Schiff sein, aber das muss auf hohe See, sonst lohnt sich das nicht, das muss so sein wie in dem alten lateinischen Motto von Paris, weißt du, fluctuat nec mergitur, die Wellen schmeißen es hin und her, aber es sinkt nicht. Es sinkt nicht.«

Kann man von einem Raumschiff sagen, es sinkt nicht?

Kann man von einem Raumschiff sagen, dass irgendwelche Wellen es hin und her schmeißen? Ein Raumschiff, denkt Christian jetzt, den Kopf nach unten, soweit es hier unten und oben gibt – ein Raumschiff, das ist die Beziehung zwischen Liz und Max: etwas, das unvorstellbare Distanzen zurücklegt, ohne kaputtzugehen.

Fast zwanzig Jahre jeden Tag zusammen, er kann sich da buchstäblich nicht hineinversetzen, aber ebendeshalb bewundert er das so, hat es von Anfang an begeistert erlebt, beobachtet, belauscht, im Basiscamp, bei gemeinsamen Ausflügen im Jeep, Sport, Kino, täglich auch beim Essen im immer leicht unheimlich unterbesuchten Restaurant der Basis, das man, weil es so luxuriös eingerichtet war, unmöglich als bloße »Kantine« bezeichnen konnte, zumal es da die raffiniertesten Speisen der chinesischen wie der deutschen Küche gab, von echten Sterneköchinnen und -köchen zubereitet, »für meine Crew ist mir nix zu teuer« (Cordula Späth), zwischen Tischen und Stühlen für fünfzig bis achtzig Personen, an denen jedoch nie mehr als die von Frau Späth persönlich eingesammelten Menschen saßen – also auch die Chinesen nicht, die diese Basis in Betrieb hielten, die Deutschen nicht, die mit ihnen im Kasernenteil der Anlage stationiert waren.

»Nix zu teuer«: keine Floskel, so viel weiß Christian. Er möchte gar nicht raten, wie viel es die Chinesen (und den berühmten deutschen Steuerzahler) gekostet hat, den Haufen, den Späth ihre »Crew« nennt, raumfahrttüchtig zu machen, inklusive Training in Simulatoren und Testflug mit einer Test­rakete, der, soweit Christian das beurteilen kann, wirklich keinen einzigen anderen (etwa wissenschaftlichen) Nutzen abgeworfen hat als ebenden, ihm und den anderen das Gefühl zu vermitteln, sie seien jetzt bereit für die PODKAYNE FRIES. Nicht, dass es keine tolle Erfahrung gewesen wäre, dieses Platznehmen und Anschnallen in der Kapsel mit den drei Fallschirmen im Dach, dieser aufregende und anstrengende Start samt Beschleunigung in der Rakete mit Schubwucht und dreifacher Erdenschwere auf der Brust, der Lunge, dem Herzen – und dann der Blick zurück, runter auf die Erde (der sich allerdings nicht so anfühlte: Ihm war die ganze Zeit eher so, als schaute er hoch zur Erde, als habe er einen Ort entdeckt, der unterhalb dessen lag, was er bislang »unten« zu nennen gewohnt gewesen war), hundert Kilometer weit weg, also gerade am Rand, an der Schwelle zum wirklichen Weltraum. Und dann die vier Minuten absoluter Schwerelosigkeit, das Anschnallen und die noch einmal größere Belastung des Leibes, diesmal fünffache Erdenschwere, was, wie Cordula Späth die Gruppe erst kurz zuvor nonchalant aufklärte, »der Mensch maximal zwei Minuten lang aushält, bevor er kaputtgeht«, eine Zeitspanne, die freilich von dieser Tortur nicht annähernd erreicht wurde – endlich die Rückkehr, die geöffneten Fallschirme, das sanfte Gleiten bis zum Aufsetzen, vor der chinesischen Küste, im heiteren Meer, fluctuat nec mergitur, indeed.

Als die Marine der Volksbefreiungsarmee die frischgebackene Crew aus dem Wasser gefischt hatte, konnte Christian zunächst an Bord des rasanten, aber verblüffend leisen Schnellboots die Wahrheit der deutsch-lutherbiblische Redensart »Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über« am eigenen Leib erfahren – er, aber auch die beiden theoretisch ja in astronautischen Dingen längst erfahrenen Raketenausflugsteilnehmer Aiguo Sun und Andrej Sirilko, die ohnehin immer sehr enthusiastische Filipa Scholz und der überzeugte Abenteurer Meinhard Budde konnten sich gar nicht beruhigen vor lauter »ich dachte, es drückt mir die Augen ins Hirn« und »die Erde sieht aus, als wäre sie aus bemaltem Glas« – bis er in all der beredten Verzückung plötzlich bemerkte, dass Max und Liz sich noch gar nicht geäußert hatten, und da sah er auch schon wieso: Die beiden saßen auf der langen Bank, vorn an der Steuerbordseite, direkt an der Reling, Liz auf seinem Schoß. Sie küssten sich und hielten sich. Er wühlte in ihrem Haar, sie in seinem, klatschnass, als wären beide höchstens siebzehn Jahre alt und gerade mal seit drei Stunden ein Paar.

Ich wusste nicht, denkt Christian jetzt, während Liz schweigt, weil Max wohl redet, da drüben, im anderen Schiff, viele tausend Kilometer weit weg, nein, ich habe nicht mal geahnt, das ich ein so zurückhaltender Voyeur sein kann, dass mir das so guttut, diese tiefe und ihrer selbst ganz sichere Liebe einfach als Publikum zu begleiten.

Bevor er sich weitere Gedanken über seine eigenartige Fan-Psychologie und eventuell weniger erfreuliche über deren Nähe zum Stalking machen kann, fährt er zusammen, weil etwas seinen nackten Knöchel überm rechten Fuß streift, wo, wie bei allen hier die meiste Zeit, weder Socke noch Schuh die Freiheit stören – nein, merkt er entsetzt und unterdrückt mit seiner ganzen Willenskraft den Aufschrei, der ihn Liz verraten würde, sein Knöchel ist nicht bloß berührt worden, sondern gegriffen – , er schaut hinter und über, also unter und neben sich. Da hängt grinsend Frau Späth im Gerüst, die ihn mit der Rechten am Fuß festhält – sie trägt, wie eigentlich immer hier außer beim Sport, ihr apartes Maoistinnenkostüm, blaue Hose, blaue Jacke, zugeknöpft bis unters Kinn, aber deutlich enger geschnitten als das historische Vorbild. Mit der linken Hand, die sich offenbar nirgends festhält – tatsächlich, staunt Christian, ihr rechter Fuß ist in eine der Leitersprossen dort eingehakt, das genügt ihr als Stabilisierung – , winkt sie ihn zu sich, zieht ein bisschen an ihm, und als er eine abweisende, irritierte, ja gereizte Miene aufsetzt, lächelt sie schräg und legt den Zeigefinger der Linken auf ihre Lippen, um ihm zu bedeuten: Wir wollen Liz doch nicht stören, komm her. Christian löst sich freiwillig aus seinem Horchposten und folgt Cordula Späth spiralförmig die Krümmung der Röhre entlang bis zur nächsten Abzweigung, im spitzen Winkel zurück zum Hauptleib des Schiffes, bis sie, um eine weitere Ecke, wieder da sind, wo er sich vorhin beinahe am Verteilerkasten verletzt hätte – weit genug von der Belauschten entfernt, dass Frau Späth frei und in der an Bord der PODKAYNE FRIES üblichen Zimmerlautstärke zu ihm sprechen kann: »Ist dir langweilig, Christian?« Sie sagt’s nicht bös, eher neugierig: »Bist du mit der Deuterei schon durch?«

Er fühlt sich angegriffen: »Es gibt hier feste Zeiten für Arbeit, Sport und Freizeit, und im Moment ist Freizeit. Also … «

»Also kannst du dein Hobby pflegen, auf der Mauer, auf der Lauer?«

Er widerspricht beleidigt: »Wieso Hobby, ich hab das zum ersten Mal … «

Sie winkt ab, wedelt, lustig, und sagt: »Cosmonaut, please. Nicht die Tante Cola für dumm verkaufen, okay? Hier sind überall Kameras, außerhalb der Privatkabinen natürlich. Und mir ist ja auch manchmal langweilig. Dann guck ich bisschen CCTV. Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, du willst was von unserer Elizabeth. Nein, musst nicht rot werden, ich glaube, ich hab’s schon erraten, was es wirklich ist: Du stehst nicht auf sie, du stehst auf die beiden. Die ja auch wirklich hinreißend sind. Ich meine, nicht mal ich bin ihnen böse.«

Er fühlt sich einerseits ertappt, staunt wieder einmal darüber, wie wenig dieser Frau entgeht, die immer so oberflächlich, leichthin redet – und andererseits versteht er den letzten Satz überhaupt nicht: »Böse? Weswegen?«

Sie zwinkert, irritierenderweise, lächelt dann allverzeihend und sagt: »Ich hätte gedacht, dass ein aufmerksamer Menschenbeobachter wie du das mitschneidet, dass ich euch ein bisschen angeschwindelt habe mit dieser Bekanntgabe bei Käpt’n Sun, von wegen, dass das verabredet war: Weil sie so lange aneinandergeklebt sind, nehmen sie mal Urlaub voneinander, Max fliegt auf der SMITH mit und Liz hier auf der FRIES. Alles mit mir abgesprochen, haha, in Wirklichkeit: schwere Sicherheitskrise. Der Meini und der Max«, der erste dieser beiden Namen bezeichnet den Bundeswehrmann Budde, »haben das ausbaldowert, eigentlich sollte der Meini mit den anderen Olivgrünen in der SMITH sitzen, aber Berlin war der Meinung, das geht gar nicht, dass ich hier nur von Chinesen umzingelt bin, auch wenn das nur eine nominelle Sache ist, mit dem Aiguo als Käpt’n, ich leite ja so ziemlich alles – na, ein Geheimbündnis ist eben immer auch schon eine halbe Scharade zweier Parteien gegeneinander, das alte Lied, Misstrauen, und da hat man den Meini halt beauftragt, er solle mein Leibwächter sein, und zwei Minuten vor dem Start haben sie es irgendwie getrickst, dass er hier in der Druckliege lag statt Max, und andererseits wollten sie Max natürlich nicht zurücklassen, er hat ja seine eigenen missionsrelevanten Qualifikationen, also, die Chinesen waren die Düpierten, aber Aiguo spielt mein Spiel mit von wegen abgesprochen, denn offiziell haben wir uns, damit die Chinesen das Gesicht wahren können, einfach drauf geeinigt, es war ein Alleingang der beiden Männer, ein Dummejungenstreich, auch wenn in Wirklichkeit China jetzt gewarnt ist, dass sie Berlin nicht trauen können. Aber das Schöne für uns ist ja, dass sie das jetzt auf der Erde unter sich ausmachen müssen. Dies zur Lage, Exklusivgeheimbericht Nummer eins, bla.«

Christian verblüfft sich selbst, als er darauf mit der Frage antwortet: »Wieso soll man dir eigentlich noch irgendwas glauben – that is to say: You’re playing games all the time, I mean, literally all the fucking time, das erste Mal, dass ich dich gesehen habe, hattest du eine Perücke auf und hast dich mit falschem Namen vorgestellt, and maybe even before that, du hast ja behauptet, du hättest mich mal bei einem Vortrag gesehen, also von wegen ich belausche hier Liz, das war doch Stalking, das war doch, also, diese … entire damn cloak-and-dagger show, dieser … Mummenschanz, und was mir die andern erzählen, Filipa, dass du sogar die Leute überwacht hast, die von dir den Auftrag hatten, Filipa zu überwachen, and after all that, after this horrible spy business, hinter jeder Erklärung, hinter jeder … alles, hinter allem ist noch eine andere Geschichte, und manchmal nimmst du eine oder einen raus und erzählst diese Geschichte hinter der Geschichte, aber man weiß nie, ob hinter der Geschichte hinter der Geschichte noch eine dritte und vierte und fünfte Geschichte steckt, and the whole thing is just so brazen and just … just … just fucking awful, and you know what, I don’t even … I just even cannot … Ich weiß gar nicht mehr, ob es für dich überhaupt eine Wahrheit gibt, ob überhaupt irgendwas wahr ist hier, in diesem fucking labyrinth which you constructed for whatever unfathomable fucking purpose and packed it with people, some of them just too fucking old to play your insane astronaut games, and honestly, what scares me the most about all this is not the damn robots made out of knives and swords and hacksaws, not the idea that we’re chasing a thirty year old joint interstellar mission by the Russians, the RUSSIANS, and the fucking German Democratic REPUBLIC that somehow got derailed by mutiny and after that some weird detour to Neptune, but … sweet motherfucking fuck, what really, honestly, chills me to the bones is the fact that I do not know … dass ich … ich habe … keine Ahnung, ob du selbst weißt, was das alles ist, oder ob es eine Wahrheit hinter all dem gibt, or whether you’re just making shit up as we go along, und ob es dich überhaupt interessiert. Fuck!«

Zu diesem Ausbruch fuchtelt er mit der Rechten vor ihr herum und hält sich währenddessen mit der Linken an einem der langen, dünnen Rohre, deren Funktion er immer vergisst, obwohl er oft danach fragt – sind das jetzt Wasserleitungen für Trinkwasser oder für dieses andere Wasser, das irgendwie in den Wänden ist und die Menschen an Bord vor kosmischer Strahlung schützt? – , so arg fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortreten, nicht in Wut, überhaupt nicht mit Absicht, sondern aus einer nur halbbewussten Angst, die Frau könnte ihn, erzürnt über seine dreiste und trotzige Frage, mit einem Husten oder einem Blick den langen Korridor hinunterstoßen, bis er irgendwo an eine Heckwand klatscht und sich da alle Knochen bricht.

Stattdessen ändert sich ihr Gesichtsausdruck auf eine Art, die er bei ihr noch nie gesehen hat.

Es ist, als löse sich eine Maske auf. Das Ironische stiehlt sich aus den funkelnden Augen, das schauspielerinnenhafte leichte Lippenkräuseln zergeht, obwohl sie weiterhin lächelt, und dann sagt sie: »Das war lang. Und es hat die allerwichtigste Frage ausgesprochen, die du mir je gestellt hast. Die Frage nach der Wahrheit und ob es eine gibt – finally we’re getting somewhere, um es in deiner Sprache zu sagen. Finally you’re getting serious. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht.«

Sie sieht nicht aus, als wäre das ein Scherz, er fragt verunsichert: »Sor … Sorgen?«

»Ja. Sorgen. Alle andern sind dabei. Alle andern sind an Bord, lernen, was sie lernen können, working through their issues. Aber du … na, Intellektueller halt. Bürgerlicher, amerikanischer, protestantischer Intellektueller. Nee, erzähl mir jetzt nicht, dass du an den Gott deines Elternhauses nicht mehr glaubst. Darum geht’s nicht.«

»Worum geht es dann? Wenn du das so sagst, als wäre damit klar, welche Probleme ich dir … «

»Nicht mir. Der Mission, den andern. Mir nicht, ich hab eingebaute Redundanzen. Ich kann weitermachen, egal, wer mich im Stich lässt.«

»Sounds like a lonely way to be«, sagt er.

»Oh, I get by«, erwidert sie und setzt hinzu: »Bürgerlicher Intellektueller: unselbständig, dabei aber davon überzeugt, die Freistellung von den meisten Unannehmlichkeiten stünde ihm zu, weil er so klug und nützlich ist – was für Klugheit ist das? Was für Nützlichkeit? Einer von den Russen, die vor mehr als hundert Jahren unter schwierigsten Bedingungen und schwersten Opfern die Voraussetzungen für den Flug der IWAN JEFREMOW geschaffen haben, hat den Punkt mal ganz glasklar bestimmt, die Position eines solchen Intellektuellen, wie du das bist – eben nicht: wie du das warst, bis dieses Ding hier, die PODKAYNE FRIES, mit dir an Bord gestartet ist. Du warst ein Kostgänger und Handlanger der Herrschaft, sonst nix, das ist der Posten. Der ist verinnerlicht, das wird nicht mal bewusst erlebt, aber vorausgesetzt – nicht bewusst, aber in allen Nerven. So, und jetzt komm mit, ich zeig dir die Wahrheit.«

Christian versteht, dass das weder eine Einladung noch eine Bitte ist. Und da sie sich abwendet und beginnt, den Gang hinauf – so denkt er das, es ist die Flugrichtung – zu schwimmen durch dieses Medium Atemluft, an dessen merkwürdige, nie abgestandene, aber doch leicht enervierende Geruchlosigkeit er sich inzwischen gewöhnt hat wie alle an Bord, stößt er sich vom Boden mit der erforderlichen Leibesdrehung ab, die ihn auf etwa gleicher Höhe hinter Cordula Späth ihrer Flugbahn folgen lässt, wobei er daran denkt, dass es ein völliges Stillstehen von nicht irgendwo festgemachten Objekten in dieser Röhre nie wirklich für längere Zeit gibt. Immer wieder, so hat ihm das Aiguo Sun erklärt, verlagert das Schiff seine Achse ein wenig, dreht sich unmerklich und erzeugt damit irgendwelche Kräfte, die Sun für Christian in einem der Reifen auf einem Blatt Papier mathematisch ausformuliert hat, und außerdem – das weiß der Sprachwissenschaftler vom anderen Raketenfachmann in Späths Gruppe, dem Russen Sirilko – ist die Geschwindigkeit, mit der die PODKAYNE FRIES ihrem ersten Zwischenziel, der Zone der Dysoniki, entgegeneilt, keineswegs absolut gleichförmig, wenn auch nicht mehr so konsequent beschleunigt wie mehrfach im ersten Jahr. Kleine »boosts«, wie Sirilko das nennt, gibt es noch, Beschleunigungen auf Zeit, um ein weiteres »plateau of relatively uniform speed« (Sirilko) zu erreichen, und diese Beschleunigungen geben dem Schiff dann eine Art Minischwerkraft in Richtung Heck, weswegen man Sachen, die man versehentlich oder absichtlich im Flur lässt, wenn man sich etwa in die Reifen begibt, nach einer Weile bei der Rückkehr ein Stück weiter hinten wiederfindet. Nach etwa vier Minuten schweigender und zielstrebiger Fortbewegung hält Cordula Späth inne, das heißt, sie streckt die Arme aus und patscht mit den Händen hörbar auf einen vor und über ihr gelegenen Wulst in der Wandung, was sie abbremst, woraufhin sie nach dem Wulst mit den Beinen und den Armen kleine Berühr-, Tret- und Greifkorrekturen an ihrer Bahn vornimmt und sich endlich an einem der Nischengriffe festhält, der direkt über etwas angebracht ist, das Christian Winseck auf allen seinen Wegen durch das Schiff stets links oder rechts liegengelassen hat: einer fest verschlossenen Luke zu einem Stahltunnel in einen Außenarm der FRIES ohne Reifenverbindung, über die zwei der roten Dreiecke auf die Wand lackiert sind, deren Warnbedeutung man der Crew noch in China, auf der Erde, jeden Tag fünfmal eingeschärft hat. Hier sollte nur rein, wer rauswill – das Schiff verlassen, in den Leerraum steigen, etwa um Reparaturen an der Schiffshülle vorzunehmen oder irgendwelche wissenschaftlichen und astronavigatorischen Arbeiten zu erledigen. Christian kann nicht glauben, dass sie ihn hergeführt hat – zutiefst bestürzt, aber mit stockender Stimme sagt er: »Ich bin … hey, I get it, ich hab’s verstanden, ich soll das hier ernster nehmen und nicht … ich muss nicht erst aus dem … «, er versucht es mit zaghaftem, ironisierendem Verlegenheitslachen, »ha … aus dem Schiff geworfen werden, um deine Autorität … «

Sie tippt bereits die Kennung ins Tastfeld, lässt schon ihre Retina einlesen, hebt bei diesem Wort »Autorität« aber die rechte Hand wie ein altmodischer Verkehrspolizist seine Kelle, als ernste, streng formale Verwarnung, und sagt sehr leise, während die hydraulischen Geräusche der allmählichen Türöffnung einsetzen: »Noch ein Wort von Autorität, Gehorsam, Unterwerfung und diesem ganzen Affenhorden- und Soziobiodreck, und ich hau dir das Nasenbein in den Kopf, Kleiner.«

Die Türscheibe lässt sich am Griff nehmen und aufziehen. Christian weiß überhaupt nicht mehr, wie ihm geschieht. Er glaubt der Frau jedes Wort, er hat sie bei den Gefechtsübungen gesehen, mit und ohne Messer, eine körperliche Auseinandersetzung mit ihr will er um jeden Preis vermeiden – und lässt sich also sanft, aber bestimmt von ihr an der Türe vorbeiziehen und dann in die Schleuse schubsen, woraufhin sie ihm folgt und die Tür von innen erst zuzieht, dann mit einer weiteren Eingabe auf einem Pad versiegelt.

Als sie mit geschickten Handgriffen die Metallrollwand entriegelt und hochzieht, hinter der vier Raumanzüge in ihren Verankerungen darauf warten, herausgeholt und gebraucht zu werden, zerfällt für Christian die letzte Hoffnung, sie werde es vielleicht dabei bewenden lassen, ihn noch eine Tür weiter Richtung Außenhülle zu führen, in den zweiten Teil der Doppelwabe, also die eigentliche Schleuse, und ihn dort etwa zu einem Blick durchs Sichtfenster aufzufordern, um ihm irgendeine himmelsmechanische Erscheinung zu präsentieren, die etwas mit der »Wahrheit« zu tun hat, die sie meint.

Flink schlüpft Cordula Späth aus ihrem Maokostüm, faltet es zusammen, zieht eine der Schubladen rechts vom Rollo auf, legt Hose und Jacke rein und trägt jetzt nur noch einen unauffälligen schwarzen Slip und ein ärmelloses Herrenunterhemd. Christian versucht, sie nicht anzustarren, beginnt aber auch noch nicht damit, sich selbst zu entkleiden, bis sie ihm einen Blick zuwirft, in dem Ungeduld und Aufforderung einander gerade noch ausbalancieren. Er streift das Oberteil ab, sieht nicht mehr zu ihr, ist die nächsten anderthalb Minuten mit sich beschäftigt und dabei sehr erleichtert, dass er sich vor zwei Stunden die nötige Zeit für die Schalldusche genommen hat und heute Unterwäsche trägt. Cordula Späth steigt mit großer Gewandtheit in den 65 Kilogramm schweren Anzug, während Christian damit einige Schwierigkeiten hat, weil er sich mit den Beinen am Rückeneinstieg verheddert und nicht darauf vorbereitet ist, wie beweglich einerseits die Gelenkteile sind, was den Anzug für eine Umgebung mit Schwerkraft besonders gut geeignet macht, und wie heftig seine Brust beim endgültigen Hineinrutschen andererseits gegen die Innenstruktur des hartschalenverstärkten, hochbelastbaren Rumpfes schlägt.

Ein Seitenblick auf Cordula Späth verrät ihm, dass sie die Ober- und Vorderseite des Anzugs zunächst nach vorne geknickt hat, nur in die Beine gleitet und dann mit den geschickten Händen die Stiefel anzieht und die Beinbünde drum schließt – ihre Fingernägel blitzen dabei weißer als jedes Weiß, das Christian je gesehen hat. Er muss unwillkürlich an eine Stelle bei Raymond Roussel denken, die er vor zwei Wochen in der Datenkonsole gelesen hat: die Schilderung eines fiktiven kosmetischen Verfahrens, bei dem vornehme Damen ihre Fingernägel mit einer Folie aus Zinn unterlegen ließen, ein Vorgehen, das dem üblichen Polieren auf Hochglanz samt Nagellack an Strahlkraft weit überlegen war und aus jedem Nagel, wie Roussel schreibt, »einen kleinen funkelnden Spiegel« macht. Örtliche Betäubung, der Nagel wird vom Fleisch abgelöst, seine Innenseite mit der Folie belegt, dann wieder mit einem speziellen Mittel in sein Bett gelegt, wo er anwächst; die Pointe ist natürlich, dass in dem Maß, in dem der Nagel wächst, das Verfahren ständig wiederholt werden muss, also eine Art Gleichnis auf Schönheit und Entropie – aber auch auf eine gewisse Art Perversität im Umgang mit der eigenen Leiblichkeit, denkt Christian jetzt und meint nicht Roussels erfundene Damen, sondern Cordula Späth, die den Rest der Montur hochzieht, als wollte sie daraus wirklich eine neue Haut machen, damit verwachsen wie die Finger der Frauen bei Roussel mit der Zinnfolie.

Sie sieht, dass er sie, wenn auch verstohlen, beobachtet, und nickt ihm noch einmal knapp und unmissdeutbar zu, er solle nicht trödeln. Dann setzt sie den Helm auf. Als er wenig später auch endlich so weit ist und den blasenförmigen Kunststoffkopfschutz über seinen Schädel zieht, wird er, sobald das Ding eingedreht und eingerastet ist, sofort von tausend kleinen visuellen Botschaften des Überlebenssystems überfordert, die von ihm wissen wollen, auf welche Druckbereiche er sich einlassen will, ob Sauerstoff geliefert werden soll oder es demnächst nötig sein wird, dass der Anzug intern Kohlendioxid oder Feuchtigkeit aus der Luft entfernen muss, die Christian ausatmen wird – erst hier fällt dem Sprachwissenschaftler ein, dass man als Crew des bevorstehenden Kombiraumschiffs ROBERT A. HEINLEIN eben nicht nur durchs All reisen, sondern wohl auch auf Asteroiden und anderen Objekten, etwa Monden, zu landen gedenkt, und er nimmt sich vor, in Zukunft bei Aiguo Suns Missionsschulungen und Andrej Sirilkos Hintergrunderklärungen aufmerksamer zuzuhören.

Cordula Späths Stimme hilft ihm: »Sag einfach: normal. Sag das Wort, und der Rest passiert automatisch. So wie dein Ding sofort mich reden hört, weil es erkennt, dass ich in der Missionshierarchie dein nächsthöheres erreichbares Arschgesicht bin. It all adds up to normality, immer. Egans Gesetz.«

Christian versteht nicht, was sie mit »Egans Gesetz« meint, aber er spricht das Wort »normal« aus, und sofort beruhigen sich die blinkenden Lichter, die flackernden Kurven, die verformten Flächen in seinem Gesichtsfeld.

Er sieht durch seine und ihre Helmscheibe die Frau noch etwas sagen, das er aber nicht hören kann, es ist wohl nicht für ihn bestimmt.

Dann wird das Licht in der Wabe, bis dahin klinisch weiß, stark gedimmt, und der blaue Ring um die zweite Tür, die zur eigentlichen Schleuse führt, leuchtet neonfarben auf und pulst. Pulst. Pulst immer weiter. Cordula Späth bedeutet ihm mit einer Arm- und Handgeste der Rechten, er solle vorangehen. Christian räuspert sich und beschließt jetzt, dass er sich dem, was sie vorhat, nur unter Protest fügen will: »Muss das wirklich sein?« Er stapft dabei aber schon zur Tür, die sich geräuschlos öffnet – nein, denkt er, wahrscheinlich nicht geräuschlos, ich höre es nur nicht mehr, hier drin, der Anzug ist dicht, meldet die Anzeige – , und Cordula Späth sagt: »Ich klink dich in ein Stahlseil ein, gleich. Und das machen wir über der Luke fest, außen. Ist zwar nicht nötig, die Masseträgheit sorgt schon dafür, dass du nicht einfach so davonzischst, and you’ve got a thruster and can steer, a thruster which I can even take over if you’re too unsure of your maneuvering abilities. So relax. You’re going on a little space walk, that’s all.«

Er steigt durch die Tür, wieder überrascht, wie beweglich er ist, und sie folgt.

Die Tür wird geschlossen. In der zweiten Wabe ist es, bis auf ein paar rote Anzeigen an den Wänden, dunkel. Christian fällt nichts ein, was er noch sagen könnte, also atmet er so langsam und so tief ein und aus, wie er kann, weil er das als leidlich verlässliche Methode der Selbstberuhigung etwa vor öffentlichen Auftritten kennt.

Cordula legt einen Hebel um, der ein metallisches Klappfach öffnet. Christian sieht zum großen ovalen Sichtfenster in der Eisenscheibe und erkennt nichts als Schwärze draußen. Sein Herz pocht heftig. Er spürt’s im Hals, in den Armen. Cordula Späth nimmt aus dem Klappfach ein ungefähr zwanzig Zentimeter langes, etwa zehn Zentimeter dickes Kästchen, öffnet dessen Rückseite, entnimmt einen Haken mit verschließbarer Öffnung, an dem ein Stahlkabel befestigt ist, das innen vermutlich um eine Rolle läuft, und hakt den Haken bei Christian an einer Hüftöse ein. Dann schließt sie ihn, und wieder sieht er sie etwas sagen, das er nicht hört. Lamellendeckel auf Schächten um Pumpen stellen sich von senkrecht auf waagerecht, die atembare Luft wird abgesaugt, ins Schiff und seine Zirkulation gespeist, nicht ins All ausgestoßen. Die roten Lichter blinken und verlöschen. Zwei blaue schalten sich ein. Die Lukenabdichtungsscheibe wird von vierzehn kleinen, mit Gelenken versehenen Armen, die sie normalerweise in ihrem Rahmen halten, nach außen gedrückt, in eine Schiene geschoben und dort seitwärts an der Schiffshülle weggezogen.

Cordula Späth geht zur Öffnung, die Box in der linken Hand, aus der das Kabel abgerollt wird. Sie greift mit der freien Rechten nach dem Rand der Luke, dann mit Daumen und Zeigefinger der linken, deren restliche Finger die Box nicht loslassen, an der gegenüberliegenden Seite ebenfalls nach dem Lukenrahmen. Dann tut sie etwas ebenso Einleuchtendes wie absolut Unerwartetes: Sie schiebt die Beine und Stiefel rückwärts ins Schiff und rutscht im Rahmen runter, bis ihr ganzer Oberkörper aus der Luke hängt, dreht den Kopf im beweglichen Helm nach links, nach rechts, und Christian, dem spontan ein Hund einfällt, der aus dem heruntergekurbelten Autofenster schaut, mit hängender Zunge und wehendem Fell, muss unwillkürlich lachen. So stellt er sich verrückte Fallschirmjäger vor, bevor sie springen.

Cordula springt tatsächlich, das heißt, sie lässt links los und reißt sich selbst am Arm aus der Kabine. Sie schleudert sich in die Nacht, jetzt mehr als bloße Schwärze, wie Christian erkennt, der glaubt, etwas wie eine leichte Erschütterung, ein fernes Echo des Aufpralls in den Beinen zu spüren, als die Frau draußen auf der rechten Seite gegen die Wandung des Schiffes fällt, wie sie’s geplant hat, und dort die Box in eine dafür vorgesehene Senke klickt.

Er geht vorsichtig zwei Schritte auf den Ausgang zu. Da schaut ihr Kopf zur Luke rein. Jetzt greift ihr Arm nach ihm, und ehe er etwas sagen, sich wehren, sich irgendwo festhalten kann, zieht sie ihn aus dem Schiff, ins Vakuum, ins Nirgends.

Sein panischer Verstand sagt ihm, dass er stürzt, als sie ihn loslässt, aber das Seil an seiner Hüfte hält ihn fest, zieht ihn mit einem Ruck wieder schiffswärts, als Cordula Späth die Box mit zwei Handgriffen manipuliert. Linealgerade steht das Metallseil vom Schiffsrand ab, Christian schließt die Augen, japst entsetzt, schluckt. Atmet ein, aus. Ein, aus. Öffnet die Augen, als er begreift, dass sein Gleichgewichtssinn anderer Meinung ist als seine Fallpanik. Es entspricht dieser Panik einfach gar nichts – er befindet sich jetzt in völliger Ruhe und sieht am ganzen Schiff entlang, sieht die gigantischen Reifen, den der Quartiere, den mit der Brücke, den mit den Gärten, und als er den Kopf dreht, sieht er auch den letzten, Richtung Heck. Nichts in seinem Blickfeld, vorn, hinten, oben, unten, rechts, links, ist größer als das Schiff. Große Trommel, viele Stacheln, vier Reifen, schwacher Schein der Triebwerke, an den Rändern der Heckstelle, wo die Kontur, von Christian aus gesehen, einfach abbricht. Welches der Lichter ist die Sonne, welches die Erde? Sieht man auch die Ziele der Reise, ein Zwischenziel, Endziel? Christian hört sich selbst atmen, sonst nichts, und sieht Frau Späth, die, mit nichts verbunden, parallel zum Seil auf ihn zuschwebt, wahrscheinlich angetrieben vom Rückstoß des Thruster-Geräts, das auch auf seinem Rücken, seinen Schultern eng anliegt, das er aber nicht bedienen könnte, weil er bei der Schulung zwar genug achtgegeben und sich ausreichend viel gemerkt hat, um die Prüfungsfragen drei Wochen später richtig zu beantworten, aber schon drei Tage später nichts mehr davon wusste, ganz nach seiner Gewohnheit aus dem Studium.

Die Chefin kommt auf ihn zu wie ein Projektil in Zeitlupe, ein Barracuda, ein Regentropfen auch, wenn Christian ein auf dem Rücken liegender Käfer wäre, auf den es runterregnet – so fühlt er sich, als sie ihn erreicht, die Arme nach ihm ausstreckt. Er denkt, sie wolle aufgefangen, umarmt, zu ihm gezogen werden, vielleicht, um auch, wie er, wenigstens dank Halteseil ein bisschen mehr Sicherheit zu genießen als im Flug ohne Bezugspunkt, ohne Schwerkraftrichtung. Flüge waren für ihn Ereignisse in einer Luft über einem Boden, Ereignisse mit Landungsmöglichkeit und Absturzgefahr, aber erst jetzt wird ihm richtig deutlich, dass beides hier nicht gegeben ist, man kann nicht landen, man wird nicht stürzen, man könnte nur hier hängen bleiben, nein, nicht hängen, aufgehängt an nichts, aber wie nennt man es dann, liegen bleiben, stehen bleiben, es stimmt ja alles nicht, es ist ja alles anders als alle Lagen, die ihm natürlich und wirklich vorkommen.

Cordula Späth greift nach ihm, nach seiner Hüfte, klinkt das Kabel aus, hält ihn bei den Schultern und dreht sich mit ihm und um ihn wie er sich um sie, während er erschocken sieht, wie das Kabel zurückgerollt, zurückgeholt wird von der Box an der Schiffsaußenhülle. Er dreht sich mit der Frau.

Er sieht die Sterne sich um sie beide drehen.

Er sieht an ihr hinunter, neben und hinter ihrer linken Hüfte sprüht was ins All, ist das Wasserdampf, ist da ein Leck, oh God, denkt er, we will die here … aber es ist der Thruster, der die Drehung bremst, die sich verlangsamt, bis die beiden stillstehen und Frau Späth sagt: »Hast du Sprache für das, was du siehst?«

Er sagt leise: »Nein. Keine … no. I can’t say what this is. How this feels. Die Worte … « Sie nickt in ihrem Helm und sagt: »Ja, die Worte … comme de longs échos qui de loin se confondent dans une ténébreuse et profonde unité, vaste comme la nuit et comme la clarté.«

Ein Schauder rennt ihm als Rinnsal den Rücken rauf und runter, er kennt das Baudelaire-Zitat aus den »Fleurs du Mal« sehr gut, hat es in seinem Buch als eins der Kapitelmotti benutzt, und es passt: gewaltig wie die Nacht und wie die Klarheit.

Dann schaut er ins verwegenste Grinsen, das er je gesehen hat, die grünblauen Augen sind Magnesiumfeuer, und Frau Späth sagt: »Siehst du das? Nichts, alles. Und nicht nur keine Worte dafür. Mehr: keine Drohungen, keine Aufpasser, keine Abgaben. Keine Unterdrückung, keine Ausbeutung, kein Ausschluss, kein Einsperren. Hier gilt die Hausordnung nicht. Hier gelten nur die besten Näherungen an die Wahrheit, die wir kriegen können, und wo sie nicht mehr gelten, sollten wir schnell neue finden, sonst löscht uns die Wahrheit wie ein Sturm eine Kerze. Heisenberg, Noether, Schrödinger, Einstein, Dirac: denen musst du hier zuhören, die reden hier. Das Geschnatter von Befehl und Gehorsam, das die Affen machen, hält die Fresse.«

Christian hat Angst. Und er versteht: Dieser Abgrund, diese Angst, das ist das, wovon die Leute dauernd reden, daheim, ohne zu wissen, wie es aussehen würde, wie gewaltig und unmenschlich es ist: die Freiheit.

>> Diese Leseprobe als PDF herunterladen

 

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Dietmar Dath - Neptunation. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


Share:   Facebook