Die Krone der Sterne - Maschinengötter (Kai Meyer)

FISCHER TOR

Leseprobe: Die Krone der Sterne - Hexenmacht (Kai Meyer)


Lest hier die ersten Seiten von »Die Krone der Sterne - Maschinengötter«, Band 3 der Space-Opera von Kai Meyer.

Was bisher geschah: Am Ende des bekannten Universums, auf der Hexenwelt Empedeum, sucht der Orden der Gottkaiserin nach einem Zugang zu einer uralten Sternenstraße. In ihrer Verblendung rufen die Hexen ihren Götzen an, das Schwarze Loch Kamastraka, und ahnen nicht, welches Unheil sie damit heraufbeschwören.

Derweil sind Iniza und Glanis dem Orden entkommen und leben mit ihrer neugeborenen Tochter unter Piraten auf dem Planeten Noa. Doch ihr Leben ist alles andere als sicher: Hinterhalte und Meuchelmorde führen auf die Spur eines Komplotts, das einen galaktischen Krieg entfachen soll.

Um das Leben des Kindes zu retten, nimmt Iniza mit ihren Gefährten den Kampf auf – auch wenn das den Untergang ganzer Welten bedeutet.

 ***Leseprobe***

Sind sie noch hinter uns?«

»Ich kann nichts sehen«, sagte Kranit.

»Das weiß ich«, entgegnete Shara. »Aber sind sie noch hinter uns?«

Der alte Waffenmeister verzog verächtlich den Mund und klopfte auf die Anzeigen des Laserleitstands. »Vielleicht hast du mehr Vertrauen in die Augen der Nachtwärts als in meine. Jedenfalls ist uns bislang nichts aus dem Hyperraum gefolgt.«

Iniza trat von hinten an ihn heran und beugte sich mit einem Lächeln über seine Schulter. »Nichts für ungut, aber der Gesamtzustand dieses Schiffes ist kaum erfreulicher als deiner.«

»Komm du in unser Alter.« Kranit tätschelte die Armlehne seines Sitzes, als gehörte die Nachtwärts schon lange nicht mehr Shara allein, sondern ihnen allen. Die Alleshändlerin quittierte das routiniert mit einem Schnauben.

Kranits langer Pferdeschwanz und der gewaltige, zu Zöpfen geflochtene Bart waren während des Kampfes gegen die Ordensmutter Setembra schneeweiß geworden. Iniza hatte sich längst daran gewöhnt, nicht aber an das kränkliche Grau seiner Haut und die ausgezehrte Miene. Kranit war groß und breitschultrig wie eh und je, selbst angeschlagen eine imposante Erscheinung. Und doch spürten sie alle, dass etwas an ihm nagte, über das er kein Wort verlor.

Im hinteren Teil des Cockpits quietschte Tanys fröhlich auf, lief zu Iniza und deutete zwischen den Pilotensitzen hindurch auf den Planeten, der im runden Sichtfenster der Nachtwärts aufgetaucht war.

Taragantum IV. Die Welt der brennenden Regenbogen.

Tanys’ Vater Glanis registrierte es mit einem Stoßseufzer: Immerhin hielt der Anblick die Kleine davon ab, sich ein weiteres Mal an seiner Hand in den Antigravschacht der Nachtwärts stürzen zu wollen. Tanys liebte es, wie auf unsichtbaren Händen die drei Decks nach unten zu schweben. Die Monotonie langer Raumflüge war für jedermann eine Herausforderung; mit einer gelangweilten Dreijährigen an Bord hätte sie schnell zum Albtraum werden können.

Darum stand das Abenteuer Antigravschacht zur Ablenkung des Mädchens bei allen hoch im Kurs, und es gab niemanden in der Nachtwärts, der sich nicht wieder und wieder mit Tanys in das weiche Schwerkraftfeld fallen ließ. Zu Kranits Verdruss liebte sie es ganz besonders, dabei seine Bartzöpfe im Schacht umherwirbeln zu sehen und mit ihren kleinen Händen danach zu greifen. Über den letzten Waffenmeister von Amun waren zahllose Geschichten im Umlauf, und jeder an Bord hatte ihm schwören müssen, dass diese hier das Schiff nicht verlassen würde.

Während sich vor ihnen die hellbraune Planetenkugel wie eine Schlammpfütze vom funkelnden Sternenmeer abhob, lehnte Shara sich zurück und verschränkte die Hände am Hinterkopf. »Bald seht ihr Matuul, die Perle am Ufer des Ozeans.«

Überrascht bemerkte Iniza die Wärme in der Stimme der Alleshändlerin. Sharas letzter Besuch auf ihrer Geburtswelt lag viele Jahre zurück, und Iniza konnte sich nicht erinnern, dass Shara darüber je ein Wort des Bedauerns verloren hätte. Seit jedoch klar war, dass ein Schaden an den Waffensystemen die Nachtwärts zu einer Rückkehr nach Taragantum IV zwang, zeigte die Alleshändlerin von Tag zu Tag stärkere Heimatgefühle: Ständig fluchte sie in den unverständlichen Dialekten der Drift.

Shara hatte sie alle überzeugt, dass es nur auf Taragantum IV die nötigen Mechaniker für eine Generalüberholung der Nachtwärts gäbe. Hier hatte sie das Schiff einst für ihre Zwecke umrüsten lassen, und nirgendwo sonst wurde so häufig gegen das Technologieverbot des Ordens verstoßen.

Erst vor kurzem war die Nachtwärts in den Marken in eines der zahlreichen Scharmützel geraten, die sich die Söhne des Hauses Caudor um das zerfallende Minenimperium der Gilde lieferten. Seit dem Tod des Patriarchen Padrag Caudor und dem Untergang der Gildenflotte über Noa, bei dem auch Padrags ältester Sohn Granwill ums Leben gekommen war, war zwischen den sechs verbliebenen Caudor-Söhnen ein offener Krieg um das Erbe ausgebrochen. Dabei ging es längst nicht mehr um die Nachfolge an der Spitze der Gilde. Vielmehr war jeder der sechs bemüht, sich möglichst große Stücke des Kuchens zu sichern, die Welten mit den reichsten Rohstoffvorkommen. Seit über einem Jahr hetzten sie ihre Söldnerarmeen aufeinander und zeigten wenig Interesse daran, dass im Kernreich und in Teilen der Marken längst ein ungleich größerer Konflikt entbrannt war – der Krieg um die Zukunft der Menschheit.

Die Besatzung der Nachtwärts hatte sich während der vergangenen zweieinhalb Jahre, so gut es ging, von den gefährlichsten Brennpunkten und Krisenherden der Marken ferngehalten, und trotzdem waren sie mehr als einmal vom Bruderkrieg der Caudors eingeholt worden.

Zuletzt hatten sie die Aufmerksamkeit einer Gilden-Armada auf sich gezogen, die eine der profitablen Indigowelten besetzt hielt. Ein Söldnerkreuzer hatte sie ohne Ankündigung unter Beschuss genommen. Die Waffensysteme der Nachtwärts, zuvor bereits angeschlagen, hatten ein paar üble Treffer einstecken müssen. Mit Müh und Not hatten sie die nächste Hypersprungschleuse erreicht und Kurs auf die Taragantum-Drift genommen, unsicher, ob ihnen die Caudorsöldner in den Hyperraum folgen würden.

Zumindest diese Befürchtung schien sich nicht zu erfüllen. Vielleicht war alles zu schnell gegangen, um die Kennung des Sichelschiffes zu überprüfen.

»Noch immer keine Verfolger«, verkündete Shara, nachdem sie ihre Instrumente überprüft hatte. »Keine weiteren Aktivitäten an der Schleuse.«

»Wie ich schon sagte«, bemerkte Kranit.

»Was du gesagt hast, war: Ich kann nichts sehen.« Shara grinste verschmitzt. »Das ist ein Unterschied.«

»In meinem Gesamtzustand«, sagte der Waffenmeister betont, »wünscht man sich vor allem Respekt vor dem Alter.«

Die Alleshändlerin zwinkerte Iniza über die Schulter zu. »Wir finden schon noch eine stinklangweilige Welt für deinen Ruhestand.«

»Jedenfalls bezweifle ich, dass dieses Drecksloch da unten geeignet wäre«, sagte Kranit.

Shara holte tief Luft. »Taragantum IV ist das strahlende Herz der Drift. Kein Wunder, dass dort damals der Aufstand gegen den Orden begonnen hat.«

»Und wie wundervoll er für alle Beteiligten ausgegangen ist«, sagte Kranit. »Drei gefallene Königreiche, hundert Millionen Tote und zigtausende Schiffswracks zwischen den Sternen, die bis heute der Grund dafür sind, dass es hier mehr Ersatzteile für Reparaturen gibt als anderswo.«

Shara wollte etwas erwidern, machte aber nur kurz den Mund auf und zu und winkte dann ab. Iniza verdrehte die Augen über die ewigen Sticheleien der beiden und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Planeten. Sie hatte sich abgewöhnt, beim Anflug auf neue Welten Hoffnung zu verspüren. Meist wünschte sie sich nur, dass alles nicht so schlimm werden würde wie auf der letzten.

Auf mehreren Markenwelten hatten zu viele Menschen gewusst, wer sich an Bord der Nachtwärts befand. Dass der Hexenorden eine hohe Belohnung für die Gefangennahme von Tanys und Iniza in Aussicht stellte, hatte sich selbst inmitten zweier Kriege blitzschnell in Raumhafenspelunken und Schürfertavernen herumgesprochen.

Der einzige Vorteil, den das Erwachen der Maschinen für Iniza und ihre Tochter mit sich brachte, war wohl der, dass viele Söldner und Kopfgeldjäger es vorzogen, sich in den Marken zu verkriechen, wo die Bedrohung durch die Roboterheere bislang nur selten zu spüren war. Der Weg nach Tiamande durch kosmische Schlachtfelder hingegen erschien den meisten als ein Risiko, das kein noch so hohes Kopfgeld aufwiegen konnte.

Doch es gab Ausnahmen. Mutige, vielleicht auch Verzweifelte, die selbst angesichts des Bürgerkriegs in den Marken und des Maschinenholocausts im Reich dem Lockruf einer Belohnung nicht widerstehen konnten. Einigen war die Nachtwärts bereits begegnet, und da draußen lauerten mit Sicherheit noch mehr von ihnen.

Glanis schob seine kleine Tochter sanft zur Seite, um in den zweiten Copilotensitz neben Shara zu sinken. Tanys protestierte, ließ sich dann aber von Iniza auf einen der Notsitze im hinteren Teil des Cockpits ziehen und anschnallen. »Und diesmal lässt du die Finger vom Gurt«, sagte sie in der Gewissheit, dass Tanys spätestens beim Landeanflug daran herumspielen würde. Zwischen den drei Pilotensesseln gab es einfach mehr für sie zu sehen.

Das offene Schott in der Rückwand des Cockpits grenzte unmittelbar an den Antigravschacht, in dem gerade die beiden übrigen Besatzungsmitglieder auftauchten. Als Erste glitt die Muse mit elegantem Schwung aus der Schwerelosigkeit des Schachts in die Kabine, lächelte Iniza zu und setzte sich auf einen der freien Notsitze neben dem Durchgang. Ihr schwarzer Overall war so eng, dass er Teil ihres künstlichen Körpers hätte sein können, ihr glattes, rotes Haar floss über die Schultern, und wie meist war sie barfuß. Selbst ihre nackten Füße waren vollkommen, als hätte ein Bildhauer der Goldenen Welten sie aus Marmor gemeißelt.

»Ich kenne nicht ein einziges Gedicht, das auf Taragantum IV geschrieben wurde«, sagte sie, nachdem sie den korrekten Sitz ihres Gurts überprüft hatte. »Und ich kenne Millionen Gedichte von Tausenden Welten.«

Shara zog abfällig die Nase hoch. »Wir aus der Drift haben es nicht so mit Poesie.«

»Wo doch selbst euer Dialekt klingt wie Gesang«, bemerkte Glanis spöttisch und legte eine Reihe von Schaltern um.

In der Öffnung zum Antigravschacht erschien Gavanqe und zog sich mit einer fließenden Bewegung ins Cockpit. Niemand wechselte so graziös aus der Schwerelosigkeit in die Bordgravitation wie die Muse, doch auch Gavanqe hatte erstaunliches Geschick darin entwickelt. Die Amme hatte an Gewicht verloren, seit sie an Bord der Nachtwärts lebte, auch wenn sie immer eine große, kräftige Frau bleiben würde. Sie verabscheute die billigen Lebensmittel, mit denen Shara in Raumhäfen ihre Vorräte aufstockte. Obwohl es ihnen nicht an Geld mangelte, ließ die Alleshändlerin es sich nicht ausreden, dass es zum Dasein auf den Sternenstraßen gehörte, ein gewisses Durchhaltevermögen in Sachen Ernährung aufzubringen. Einzig für Tanys besorgte sie schmackhafte Kindernahrung, und einmal hatte Iniza sich dabei ertappt, wie sie heimlich einen der Becher auslöffelte, um wenigstens an einem Tag auf Sharas komprimierte Nährfladen verzichten zu können.

»Wir müssen uns was einfallen lassen«, sagte Gavanqe, die die letzte Stunde damit verbracht hatte, die maroden Hygieneeinrichtungen der Nachtwärts zu überprüfen. »Ich kann mich vielleicht so gerade noch daran gewöhnen, scheußliche Synthetik zu essen, aber ich werde mich nicht auf Blechtöpfe setzen, nur weil an Bord die Wasserleitungen verstopft sind. Und allzu lange werden sie nicht mehr durchhalten.«

Kranit blickte hinüber zur Wölbung von Taragantum IV. »Sicher gibt es im strahlenden Herzen der Drift auch Teile für Raumschiffklosetts.«

»Auf den Märkten von Matuul gibt es schlichtweg alles«, sagte Shara stolz.

»Das befürchte ich. Vor allem Hexen, Gildesöldner, Kopfgeldjäger und jede andere Form von menschlichem Aussatz.«

»Allein der Blick von den Piers in den Sonnenaufgang ist es wert, dass du an deiner Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem arbeitest.«

»Ich kenne die Piers«, sagte Kranit. »Ich war schon mal dort.«

Gavanqe stemmte mit finsterer Miene die Arme in die Hüften. »Hallo? Wir sprechen hier von Bedürfnissen, die jeder von uns hat, nicht von Sehenswürdigkeiten irgendeiner –«

»Ich kümmer mich darum«, fiel Shara ihr ins Wort. »Ich hab da unten Beziehungen.«

Iniza bemerkte, dass sie nicht Freunde sagte, und sie fragte sich, ob ihr das zu denken geben sollte. Doch da flutschte Tanys schon wieder unter den Gurten hindurch und lenkte sie ab.

Dabei hätte sie sich nur auf die Fürsorge und Schnelligkeit der Amme verlassen müssen. Bevor Tanys zwei Schritte machen konnte, hatte Gavanqe sie bereits vom Boden geangelt. Spielerisch drehte sie sich einmal mit der Kleinen im Kreis, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und setzte sie zurück auf ihren Platz.

»Was ihr fehlt, ist eine anständige Erziehung«, knurrte Kranit.

»Ach?«, sagte Iniza giftig, während sie sich neben Tanys setzte und sie anschnallte. »Und wie sollte die wohl deiner Meinung nach aussehen?«

»Auf Amun hatten wir unsere Methoden.«

Shara lachte. »Da bin ich sicher.«

»Wir Waffenmeister haben gelernt, Befehlen zu gehorchen und Anweisungen auszuführen.«

Iniza blickte hilfesuchend zu Glanis’ Spiegelbild in der Scheibe. Nickte er etwa? Hoffentlich nur eine Täuschung. Es gab immer wieder Augenblicke, in denen er nicht verhehlen konnte, dass er selbst von klein an zum Soldaten erzogen worden war. Niemand wurde ohne Drill zum Hauptmann der Leibgarde einer Baroness.

»Damals auf Amun hatten wir harte Lehrmeister«, fuhr Kranit unbeirrt fort. »Feste Regeln. Strenge Disziplin. Entsprechende Resultate.«

»Tanys ist drei«, sagte Iniza.

Der Waffenmeister hob die Schultern. »Da hatte ich schon ein halbes Dutzend Auszeichnungen im Messerkampf.«

»Möglicherweise wünscht sich nicht jede Mutter, dass ihr Kind zu jemandem wird, der junge Frauen für Geld entführt.«

»Hab ich dich gerettet oder nicht?«, fragte Kranit.

»Versehentlich!«

»Auch wegen meiner harten Lehrmeister.«

Die Muse beugte sich zu ihr herüber. »Er zieht dich nur auf.«

Iniza aber geriet zunehmend in Fahrt. »Ihr musstet tagelang nackt in einem eiskalten Tempel stehen und auf Erleuchtung warten!«

»Das kam später. Nach der guten Erziehung.« Kranit schob beiläufig den Hebel nach oben, der die verbliebenen Waffensysteme scharf machte. »Der erste Befehl, an den ich mich erinnern kann, lautete: Verbrenne ein Bild deiner Eltern!«

»Das erklärt eine Menge«, murmelte Shara.

Glanis sagte: »Bei uns war es: Zerstöre dein erstes Spielzeug!«

Iniza warf fassungslos die Hände in die Luft. »Und wie schön, dass es hier an Bord anders zugeht!«

Die beiden Männer wechselten einen verstohlenen Blick.

»Wenn dann alle so weit wären«, sagte Shara, »könnten wir landen und die Wunder von Taragantum IV genießen.«

»Falls wir es durch den ganzen Müll im Trümmerring schaffen«, sagte Kranit.

»Und vorbei an den verstrahlten Wracks der Orbitalwerften«, ergänzte Glanis.

»Wir hassen euch«, sagte Shara.

Iniza nickte heftig.

»Ich nur ein bisschen«, sagte die Muse.

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