A. K. Larkwood - Die dunklen Pfade der Magie

FISCHER TOR

Leseprobe: Die dunklen Pfade der Magie (A. K. Larkwood)


Lest hier die ersten Seiten aus "Die dunklen Pfade der Magie" von A. K. Larkwood. Der Roman erscheint am 24. Juni als E-Book und am 23. September als Paperback bei FISCHER Tor.

Darum geht's in "Die dunklen Pfade der Magie":

Bereits in jungen Jahren steht Csorwe vor der Entscheidung ihres Lebens: Soll sie ihrer Bestimmung folgen und sich als erwählte Braut des Unaussprechlichen opfern? Oder soll sie ihren Gott verraten und in die Dienste eines mächtigen Magiers treten? Sie wählt das Leben – und damit beginnen ihre Probleme. Als Schwerthand von Belthandros Sethennai bereist sie durch flammende Tore die Welten, auf der Suche nach einem längst vergessenen Artefakt, und kämpft mit Gegnern, deren Waffen schärfer sind als die beste Klinge. Irgendwann muss sie begreifen: Die dunklen Pfade der Magie sind gewunden, und auf einigen wartet ein Schicksal, das schlimmer ist als der Tod.

 

Bereits als E-Book erhältlich!

Bereits als E-Book erhältlich!

 

*** Leseprobe ***

Kapitel 1 – Das Haus der Stille

 

Tief in der bergigen Wildnis im Norden liegt ein Felsenschrein. Der Wald deckt diese Hügel zu wie ein Leichentuch. Es ist ein stilles Land, aber im Schrein des Unaussprechlichen herrscht noch größere Stille. Vögel und Insekten meiden diesen Ort.

Im Tal unter dem Schrein befindet sich ein Tempel, der den Namen Haus der Stille trägt. Seine Dienerinnen bringen auf den Stufen zum Schrein Opfergaben dar, doch sie erklimmen sie nie.

Alle vierzehn Jahre, im Frühling, wenn die Bäche in den Hügeln zu tauen beginnen, verlässt eine Prozession das Haus der Stille. Die Priorin sitzt in einer Sänfte, die von sechs Männern getragen wird. Trotz der Kälte sind die Träger von der Hüfte aufwärts nackt. An allen anderen Tagen aller anderen Jahre sind sie Bauern und Holzfäller, doch an diesem Tag dienen sie einem uralten Zweck. Sie gehen die weiße Steinstraße entlang, die in die Hügel hinaufführt.

Vor ihnen läuft ein vierzehnjähriges Mädchen, weiß verschleiert und mit Blumen geschmückt. Sie führt ein makelloses Bullenkalb an einer vergoldeten Kette.

Am Fuß der Treppe zum Schrein hält die Prozession an. Hier steht ein Steinaltar, in den eine Rinne geschlagen ist. Unter der Rinne befindet sich ein Gefäß. Und daneben liegt ein blankes, scharfes Messer.

Das Mädchen führt das Kalb zum Altar, und sie schneiden ihm die Kehle durch. Schwarzes Blut spritzt im trüben Frühlingslicht auf den kalten Stein und fließt in das Gefäß.

Das Mädchen nimmt die Schale mit dem Blut und erklimmt die Stufen zum Schrein. Sie wird nie mehr gesehen.

Einen Monat vor dem Tag, an dem Csorwe sterben würde, kam ein Fremder in das Haus der Stille. Csorwe sah seine Ankunft nicht, sie befand sich unten in der Krypta und lauschte den Toten.

Unter dem Haus gab es zahlreiche Keller; Hohlräume, die in die grauen Schichten des heiligen Berges gegraben worden waren. Am tiefsten lagen die Krypten, in denen die berühmtesten Toten der Jünger des Unaussprechlichen zur letzten Ruhe gebettet waren. Ruhe war an diesem Ort, so nahe am Schrein des Gottes, nicht leicht zu finden. Die Toten kratzten an den Wänden und ahmten traurig und schief die Gesänge der Lebenden nach.

Csorwe saß, wie so oft, in der Vorkammer und versuchte, ihre Worte zu verstehen, als sie jemand den Gang hinunterkommen hörte. Sie zog die Füße in den Alkoven, in der Hoffnung, nicht bemerkt zu werden. Eine Kugel aus Kerzenlicht näherte sich und flammte vor ihr auf. Es war Angwennad, eine der Laienschwestern.

»Csorwe, meine Liebe, komm raus da. Du wirst oben gebraucht«, sagte Angwennad. Die anderen Laienschwestern nannten Csorwe Fräulein oder, noch unerträglicher, Herrin. Aber Angwennad war Csorwes Ziehmutter gewesen, weshalb sie sich gewisse Freiheiten herausnehmen konnte.

Csorwe hüpfte von dem Mauervorsprung, auf dem sie gesessen hatte. Für die Nachmittagsgebete kam es ihr noch recht früh vor, aber man verlor hier unten schnell das Gefühl für die Zeit, selbst wenn einem – so wie ihr – in diesem Leben nur noch wenig davon verblieben war.

»Da ist ein Pilger, der dich sprechen möchte«, sagte Angwennad. »Ein Fremdländer. Sieht ein bisschen zerlumpt aus, aber das überrascht mich nicht. Es heißt, er sei zu Fuß durch die Berge gekommen.«

Im Haus der Stille machten hin und wieder Pilger Halt. Die meisten wollten von Csorwe nur ihren Segen, aber Angwennads leicht besorgter Blick legte nahe, dass es damit bei diesem Besucher nicht getan sein würde.

Oben nahm Angwennad ihren Platz am hinteren Ende der Großen Halle ein. Die Priesterinnen knieten bereits in Reihen zu beiden Seiten. Priorin Sangrai nahm Csorwe beiseite und erklärte ihr, dass der Pilger um eine Prophezeiung ersucht hatte, wie es sein Recht war.

Die Altardienerinnen stellten lackierte Tabletts und Kerzen bereit, und die Bewahrerin des Schwarzen Lotus ging herum und schüttete getrocknete Blätter und Lotusstiele aus ihrem Räuchergefäß auf die Tabletts.

Als es so weit war, ging Csorwe allein durch die Mitte der Halle zu dem Podium am anderen Ende. Die Halle war nur von Kerzen erleuchtet und vom schwachen Glühen des brennenden Lotus. Die Gesichter der anderen wirkten wie bleiche Daumenabdrücke im Dunst.

Auf dem Podium standen die Priorin und die Bibliothekarin mit dem Fremden. Beim Näherkommen erhaschte Csorwe einen kurzen Blick auf ihn, hielt sonst aber die Augen zu Boden gerichtet und schritt stetig voran. Sie nahm auf dem Stuhl mit der hohen Lehne Platz und schaute mit erhobenem Kopf starr geradeaus. Die Reihen der Priesterinnen und Altardienerinnen, die Priorin, die Bibliothekarin und der Fremde, sie alle verschwammen am Rand ihres Gesichtsfeldes. Csorwe sah nur die Dunkelheit und die Leere im hohen Gewölbe der Großen Halle.

Süß und flüchtig stieg der Lotusrauch zwischen den Säulen auf. Nachdem die Bewahrerin ihre Runde beendet hatte, kam sie zu Csorwe mit einer Porzellantasse, die eine Mischung aus Lotussamen und Blütenblättern in Baumharz enthielt. Ein feiner schwarzer Rauch stieg davon auf.

Die Jünger des Unaussprechlichen neigten alle gemeinsam die Köpfe und murmelten im Chor:

»Unausgesprochener und Unaussprechlicher, Ritter des Abgrunds, Hüter der verschlungenen Welten, lobe und ehre deine erwählte Braut. Möge sie für uns sprechen.«

Csorwe hob die Tasse und nahm einen tiefen Atemzug. Zedernholz, Pfeffer, Weihrauch und darunter das unwiderstehliche Aroma des Lotus. Ihr Blick verdunkelte sich, ein angenehmes Kribbeln kroch durch ihre Glieder, gefolgt von Taubheit. Die Lichter in der Halle waren sehr weit entfernt und schimmerten, als würden sie sich unter Wasser befinden. Mit jedem Atemzug wurden sie noch trüber.

Im Wachzustand war Csorwe durch sämtliche Krypten und Keller unter dem Haus der Stille gestreift. Sie kannte sie in- und auswendig, hatte alles dort gesehen und berührt. Unter dem Einfluss des Lotus spürte, nein, schmeckte sie ihre Umrisse. Der ganze Berg war von Hohlräumen durchzogen, und in seinem Herzen befand sich die große Leere.

Sie stürzte durch die Dunkelheit hinab und spürte die Augen der Leere auf sich gerichtet.

Die Gegenwart des Unaussprechlichen kam anfangs nur langsam über sie, wie die Flut, die sanft anstieg und in die Höhlen der im Sand lebenden Kreaturen vordrang. Und dann war sie auf einmal nicht mehr zu leugnen: ein gewaltiger, unsichtbarer Druck, eine konzentrierte Neugier, deren Hunger schwer auf ihr lastete.

Schließlich eine Stimme und ein Gesicht. In der Großen Halle des Hauses der Stille kniete der Fremde vor ihr und entbot ehrfurchtsvoll den Gruß der geschlossenen Lippen. Sein leuchtendes Gesicht verschwamm wie ein Spiegelbild auf der Oberfläche eines Sees. Obwohl er bestimmt schon vierzig war, besaß er keine Hauer. Er war der erste Fremdländer, den Csorwe zu Gesicht bekam, und sie wünschte sich, sie könnte ihn klarer sehen.

»Erwählte Braut, ich möchte den Unaussprechlichen in aller Demut um eine Gunst ersuchen«, sagte der Fremde. Er sprach Oshaaru mit seltsamem Akzent.

»Was wünschst du?« Es war Csorwes Stimme, aber natürlich spürte sie nicht, wie sich ihre Lippen bewegten. Der Unaussprechliche hatte sie in seiner Gewalt.

»Wissen«, sagte der Fremde.

»Wissen über das, was vergangen ist, oder über das, was sein wird?«, fragte der Unaussprechliche. Seine Aufmerksamkeit wanderte prüfend durch Csorwes Geist. Er fand keinen Widerstand. Sie war hierfür ausgebildet worden. Ein reines Gefäß für die Stimme des Gottes.

»Wissen über das, was jetzt ist«, sagte der Fremde.

Das war ungewöhnlich. Fast schon respektlos. Csorwe wappnete sich für den Zorn des Unaussprechlichen. Er schien ihre Gedanken wahrzunehmen, und sie spürte eine sanfte Berührung, wie die Kühle, die aus einem offenen Grab aufsteigt.

»Sprich also«, sagte der Gott mit Csorwes Stimme.

»Unausgesprochener und Unaussprechlicher, wo befindet sich das Reliquiar von Pentravesse?«

Csorwe überkam das vertraute Gefühl zu fallen. Helle Gegenstände flackerten vorbei. Und dann spürte sie erneut die Berührung des Unaussprechlichen, der ihren Blick in eine bestimmte Richtung lenkte.

Sie sah ein Rosenholz-Kästchen. Es war achtseitig, mit Gold­intarsien verziert und etwa so groß wie die Faust eines Mannes. Es schien so nah, dass sie es fast berühren konnte, aber dies war nicht Csorwes erste Prophezeiung, und selbst benebelt vom Lotus wusste sie, dass es nur eine Vision war.

Eine dichte Finsternis sammelte sich um das Kästchen, wie ein Samtbeutel, der zusammengezogen wurde, und dann verschwand es darin. Die Vision endete abrupt, als sei sie Csorwe absichtlich entrissen worden.

»Es ist vor meinem Blick verborgen«, sagte der Unaussprechliche.

Gefühle wie Abscheu oder Unglaube waren unter der Würde eines Gottes, Unmut dagegen empfand der Unaussprechliche sehr wohl.

»Aber es existiert noch?«, fragte der Fremde. Er gab sich offensichtlich Mühe, ruhig zu sprechen, doch Csorwe entging die Befriedigung in seiner Stimme nicht.

»Es ist unversehrt«, sagte der Unaussprechliche. Mehr würde der Fremde offenbar nicht erfahren, denn der Unaussprechliche zog sich aus Csorwe zurück, wie eine Welle am Strand, die zurück ins Meer gezogen wird und nur glänzenden, glatten Sand hinterlässt.

Und dann war sie wieder sie selbst, auf dem Podium, im Haus der Stille, mit dem bitteren Nachgeschmack des Lotus im Mund. Ihr wurde schwindelig, die Tasse fiel ihr aus der Hand, und sie verlor das Bewusstsein.

Csorwe verschlief die Nachmittagsgebete, erwachte schließlich in ihrer Zelle und stolperte zum Abendessen in den Speiseraum hinunter. Der Schwarze Lotus war für seine üblen Nebenwirkungen bekannt. Ihr Kopf fühlte sich schwer und zerbrechlich an, wie ein hartgekochtes Ei, und ihr Hals schmerzte, als hätte sie zu lange zu laut geschrien.

Eine Gruppe Novizinnen in Csorwes Alter saß an einem Tisch. Einige drehten sich um, als sie eintrat, aber die meisten schenkten ihr keine Beachtung.

Bis zu Csorwes dreizehntem Geburtstag hatte sie zusammen mit den anderen Novizinnen gelebt und gelernt. Dennoch hatte sie unter ihnen keine Freundinnen. Die erwählte Braut des Unaussprechlichen war aufgrund des Gesetzes, aber auch aus rein praktischen Gründen eine einsame Berufung. Es hatte wenig Zweck, Freundschaft mit ihr zu schließen. Die meisten Novizinnen kamen aus Bauernfamilien und wussten, dass man das Schwein vor der Schlachtsaison nicht allzu sehr ins Herz schließen sollte.

Csorwe holte sich eine Schüssel Kohlsuppe und setzte sich an einen anderen Tisch. Alle Gespräche drehten sich um den Fremden. Offenbar war er ein Zauberer aus einer weit entfernten Stadt, deren Namen niemand aussprechen konnte. Es wurde immer stiller, bis sich alle um Ushmai drängten, die leise wisperte, dass sie den fremden Zauberer attraktiv fand.

Gedankenverloren aß Csorwe ihre Suppe. In dreißig Tagen war es so weit. Das bedeutete noch neunundzwanzig Abendessen. Sie versuchte, sich auf die Suppe zu konzentrieren, sich bei jedem Löffel Zeit zu lassen und ihn richtig zu genießen, aber wegen des Lotus schmeckte alles nur nach Rost.

Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu dem Fremden zurück. Wenn er ein Zauberer war, warum sah er dann so zerlumpt aus? Wo waren seine Diener? Wonach suchte er so verzweifelt, dass er den weiten Weg allein hierhergekommen war? Das Kästchen, das sie in ihrer Vision gesehen hatte, musste sehr wertvoll oder heilig sein, oder beides.

Mit einem Mal verstummten die Novizinnen, und Csorwe schaute auf. In der Tür zum Speiseraum stand der Fremde. Er musste sich beim Eintreten etwas bücken.

Csorwe musterte ihn, tat aber so, als würde sie weiter ihre Suppe essen. Er hatte dunkelbraune Haut, dichtes Haar, das mit einer Spange zusammengebunden war, lange, spitze Ohren und einen Vollbart. Jemanden wie ihn hatte Csorwe noch nie zuvor gesehen. Die Oshaaru, zu denen sie gehörte, besaßen graue Haut und goldene Augen, und die wenigen Männer, denen sie je begegnet war, hatten glattrasierte Gesichter gehabt.

Der Mann trug einen langen, fremdländischen Mantel, der so stark geflickt war, dass man den ursprünglichen Stoff kaum noch erkennen konnte. Zwischen den Flicken waren die Überreste goldener und silberner Stickereien zu sehen, die bei jeder Bewegung glitzerten. Vielleicht war er vor Jahren einmal reich gewesen, inzwischen aber nur noch ein Bettler.

Allerdings sah er nicht wie ein Bettler aus, jedenfalls nicht wie die Armen, die nahe des Hauses der Stille lebten. Er war es nicht gewohnt, sich zu bücken.

Einen Moment lang sah er sich im Speiseraum um und setzte sich dann, zu Csorwes Erschrecken, genau ihr gegenüber.

»Mein Name ist Belthandros Sethennai«, sagte er. »Wir sind einander schon einmal begegnet. Nur hatte ich da keine Gelegenheit, mich vorzustellen.«

Sie sagte nichts, sondern schaute bloß auf die halbgeleerte Suppenschüssel.

»Kein Grund zur Sorge. Ich habe mit der Priorin gesprochen. Sie hält es aus theologischer Sicht für unbedenklich, dass du mit mir redest.«

Die Theologie kümmerte Csorwe weniger als die aufmerksamen Blicke der Novizinnen, aber sie schaute zu ihm hoch. Es war seltsam, einen erwachsenen Mann ohne Hauer zu sehen. Sein Gesicht sah so unschuldig und ungeschützt aus, dass es schwer war, seinen Ausdruck zu deuten.

»Ich wollte dir dafür danken, dass du vorhin meine Neugier befriedigt hast«, sagte er.

Csorwe starrte ihn an. Es war absurd und unangemessen, für eine Prophezeiung Dank anzunehmen. So als würde man sich ein Glas Wein eingießen und sich dann bei der Flasche bedanken.

»Ich hoffe, es war nicht zu anstrengend für dich«, sagte er. Sie schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, ich könnte dir sagen, wie viel mir dieses Wissen bedeutet. So viele Jahre lang habe ich die Geschichte des Reliquiars erforscht, ohne zu ahnen, dass Bruchstücke davon noch existieren könnten, geschweige denn die ganze Schatulle. Aber ich will dich nicht mit alter Historie langweilen. Ich rede mir immer noch ein, dass sich die Leute für meine Forschungen interessieren, wo es doch so viele Beweise für das Gegenteil gibt.« Er lächelte. »Hast du vielleicht noch etwas Zeit für mich übrig? Die Priorin meinte, du könntest mir die Bibliothek zeigen.«

In der Bibliothek des Hauses der Stille befand sich ein Buch, das in die Haut eines ermordeten Königs eingebunden war – so hieß es jedenfalls. Es gab Bücher, die in Geheimschrift verfasst waren, Bücher aus Obsidian und welche aus Walhaut. Es gab Karten von zerstörten Städten und vernichteten Welten. Und nutzlose Pläne, auf denen die Verstecke verlorener Schätze verzeichnet waren, und Wörterbücher längst vergessener Sprachen. Die Bibliothek des Hauses der Stille war ein Monument des Verfalls.

Außerdem war es dort angenehm warm, weil die Bibliothekarin Angwennad dazu überredet hatte, ihr die doppelte Menge Feuerholz zuzuteilen.

Als Csorwe mit Belthandros Sethennai hereinkam, saß die Bibliothekarin an ihrem Schreibtisch. Ihr Name war Oranna, und sie war so jung, dass Csorwe sich noch daran erinnern konnte, wie sie von der Altardienerin zur Priesterin aufgestiegen war. Ihre Augen besaßen die Farbe von Bienenwachs, und sie trug silberne Kappen auf ihren Hauern. Obwohl Oranna bei ihrem Eintreten nicht aufschaute, wusste sie genau, wer da war – diesen Trick hatte sie schon als Altardienerin gelernt, und als Bibliothekarin kam er ihr gut zupass.

»Also«, sagte Oranna. »Das Reliquiar von Pentravesse. Hättet Ihr mich gestern danach gefragt, dann hätte ich gesagt, Ihr seid hier am richtigen Ort dafür.«

»Und heute … «, fragte Sethennai.

»Heute hat sich herausgestellt, dass das Reliquiar gegen alle Wahrscheinlichkeit noch existiert. Was jetzt ist, hat hier keinen Platz. Hier findet Ihr nur die Wahrheit über die Toten und alles, was zu Staub zerfallen ist.«

»Wie schade«, sagte Sethennai und ging eine Regalreihe ab. Er hatte die Hände in die Taschen seines Mantels gesteckt, als müsste er sich zusammenreißen, um die Bücher nicht zu berühren. »Ich würde trotzdem gern sehen, was Ihr über das Reliquiar dahabt. Selbst wenn nichts davon der Wahrheit entspricht.«

Oranna zog leicht verärgert die Brauen hoch. »Csorwe«, sagte sie. »Komm doch von der Tür weg und setz dich ans Feuer, Mädchen.«

Csorwe gehorchte und beobachtete, wie eine Reihe Funken von einem Holzscheit aufstieg. Als sie noch klein war, hatte Angwennad ihr Geschichten über Kobolde erzählt, die im Kamin lebten und sich um die Asche stritten. Die Erinnerung schmerzte sie. Derartiges hätte sie schon längst hinter sich lassen sollen.

Mit halbem Ohr lauschte sie Oranna und Sethennai. Die Bibliothekarin holte nicht gern Bücher aus den Regalen, und ihre Abneigung gegen den Fremden war ihr deutlich anzumerken. Dennoch hatte sie einen schweren Folianten geöffnet und suchte nun nach der entsprechenden Stelle.

»Es heißt, das Reliquiar von Pentravesse hinterlässt Spuren in der Welt, so wie eine Sense, die sich durchs Gras schlägt«, las sie vor. »Bei der Suche danach ist Geduld gefragt. Halte Ausschau nach merkwürdigen Unfällen, katastrophalen Verkettungen von Umständen und Ereignissen, die aus dem Ruder laufen. Dann mag es dir gelingen, den Weg des Reliquiars durch eine ahnungslose Welt zu verfolgen. Denn eben darin besteht sein Fluch.«

»Gier und Ehrgeiz begleiten es«, sagte Sethennai, als würde auch er laut vorlesen. »Pech, Reue und schlimme Konsequenzen folgen ihm nach.« Er lächelte. »Aber die Idee ist reizvoll, nicht wahr?«

Csorwe schaute hoch und sah, wie die Bibliothekarin und der Zauberer einen verstohlenen Blick tauschten. Wie zwei Spione, die sich auf der Straße begegneten und einander erkannten, bevor sie in unterschiedliche Richtungen weitergingen.

Csorwe sah Belthandros Sethennai im Haus der Stille danach nur noch einmal. Er war im Gästeflügel untergebracht, besuchte von Zeit zu Zeit die Bibliothek und fiel sonst niemandem zur Last. Sie selbst war mit den Vorbereitungen für den großen Tag beschäftigt. Es gab keinen besonderen Namen dafür. Bei sich nannte Csorwe ihn nur DEN TAG. Sie verbrachte ihre Zeit mit Beten und Meditieren und las gemeinsam mit der Priorin im Buch der Auflösung und dem Traum des roten Fliegenpilzes. Sie fastete und verbrannte Lotus, wie es vorgeschrieben war.

Die Vorbereitungen waren ermüdend. Anfangs schlief sie nachts so tief, als sei sie bereits tot. Später wachte sie häufig in den frühen Morgenstunden auf und konnte nicht mehr einschlafen, weil ihr vor Furcht ganz übel war. Es schien, als würde ihr jetzt erst wirklich klarwerden, was ihr bevorstand. Als hätte sie es nicht schon von klein auf gewusst. An ihrem vierzehnten Geburtstag würde sie zum Schrein des Unaussprechlichen hinaufsteigen, und das würde ihr Ende sein.

Der Sommer würde anbrechen. Und es würde eine neue erwählte Braut geben. Den Novizinnen wuchsen ihre Hauer, und sie legten ihre Gelübde als Altardienerinnen ab. Das Leben ging weiter, aber Csorwe würde nicht mehr da sein.

Eines Nachts stand sie von ihrer Pritsche auf, weil sie es nicht mehr ertragen konnte, und ging in den Korridor hinaus. So wird es sich anfühlen, dachte sie. Wenn ich in zwei Wochen zum Schrein hochsteige. Meinem Ende entgegen. Dein Name sei vergessen, und du seist meine Braut.

Die Steinplatten unter ihren Füßen waren eiskalt. Licht gab es keines, aber sie kannte sich im Haus der Stille so gut aus, dass sie nicht stolperte. Sie erklomm die Stufen zur Bibliothek und musste an die Treppe am Berg denken. Dann sah sie den goldenen Lichtstreifen unter der Flügeltür der Bibliothek, und ihre Gedanken wanderten zur Wärme des Feuers und dem beruhigenden Duft des Holzrauchs, der Wahrheit über die Toten und allem, was zu Staub zerfallen war.

Auf Zehenspitzen schlich sie in die Bibliothek und mied dabei den Türflügel, der quietschte. Eigentlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass jemand hier sein würde. Sie hatte sich vorgestellt, das Feuer würde allein vor sich hin prasseln.

Sie bemerkte ihren Irrtum sofort. Die Bibliothekarin und der Zauberer waren da. Sethennai saß am Kamin und badete im Feuer­schein. Sein Flickenmantel hing an der Lehne seines Stuhls. Oranna, die gerade ein Buch von einem der oberen Regalbretter herunternahm, erstarrte, als Csorwe hereinkam – wie eine Katze, die beim Stehlen von Küchenabfällen erwischt wurde. Csorwe machte einen Schritt rückwärts, schloss die Tür wieder und eilte in die Dunkelheit davon.

Sie wusste gleich, dass sie etwas gesehen hatte, was nicht für ihre Augen bestimmt war. Was immer das Treffen in der Bibliothek bedeutete, sie hatte nichts davon erfahren sollen, und ungebührliche Neugier wurde hart bestraft.

Hastige Schritte folgten ihr. Lichtblitze und Schatten huschten über die Wände: Der Schein einer Laterne, die von jemandem getragen wurde, der es eilig hatte. Oranna holte sie ohne große Mühe ein.

»Was tust du hier, Csorwe?«, fragte sie leise, um die anderen nicht zu wecken. Anscheinend war Csorwe nicht die Einzige, die gegen Regeln verstoßen hatte. »Es ist mitten in der Nacht.«

Csorwe konnte es ihr nicht erklären. Sie wich in die Dunkelheit zurück. Gleich darauf erschien Sethennai hinter Oranna.

»Konntest du nicht schlafen?«, fragte Oranna. Und dann hellte sich ihre Miene auf, als sei ihr plötzlich ein Licht aufgegangen, und sie wirkte erleichtert. »Du hast Angst.«

Csorwe nickte. In dem Moment hätte sie nicht sagen können, ob sie sich mehr vor dem Schrein oder vor Oranna fürchtete.

»Csorwe ist die erwählte Braut«, sagte Oranna an Sethennai gewandt. »Den Begriff kennt Ihr bestimmt.«

»Wir sind uns schon begegnet«, sagte er langsam. In der Dunkelheit war sein Gesichtsausdruck schwer zu deuten. »Und ja, ich kenne ihn.«

Oranna drehte sich wieder Csorwe zu. »Es ist keine Sünde, Angst zu haben«, zitierte sie aus dem Buch. »Es ist richtig, den Unaussprechlichen zu fürchten. Ein Fehler wäre nur, Trost in Falschheiten zu suchen.«

Csorwe nickte und starrte auf ihre nackten Füße.

»Ich kannte die erwählte Braut vor dir«, sagte Oranna. Csorwe erschrak. Es war nicht verboten, darüber zu sprechen, aber niemand tat es. Csorwe hatte geglaubt, sie sei die Einzige, die je darüber nachdachte. »Wir waren zusammen Novizinnen gewesen. Anfangs fürchtete sie sich, aber an dem bewussten Tag war sie ganz ruhig. Du wirst denselben Frieden finden, da bin ich mir sicher. Denk immer an deine Meditationen.«

Csorwe neigte den Kopf, und Oranna führte sie zu ihrer Zelle zurück. Die Bibliothekarin war nicht gerade für ihre Freundlichkeit bekannt. Csorwe fragte sich, ob Oranna der Braut, die sie einst gekannt hatte, mit dieser Geste die Ehre erweisen wollte. Sie wünschte sich, die Bibliothekarin hätte ihr mehr über sie erzählt. Wie lautete ihr Name? Was hatte sie gesagt und getan? Vielleicht war Oranna ja die Einzige, die sich überhaupt daran erinnerte.

Als sie endlich einschlief, hatte sie Sethennai schon fast vergessen.

Wieder eine schlaflose Stunde zwischen Mitternacht und Morgengrauen, eine Woche vor dem Opfertag. Csorwe wickelte sich in eine Decke ein und stieg zu den Krypten hinunter. Ihre Bundschuhe hinterließen runde Abdrücke im Staub.

Die Toten in ihren Zellen ruhten nie, aber nachts waren sie besonders laut, sangen ihr Lied ohne Text und Melodie und hämmerten an die Türen. Csorwe ging an den kleineren Zellen vorbei zu der großen Zentralkammer, wo, hinter einer großen, verschlossenen Eisentür, die Priorinnen vergangener Zeiten begraben lagen.

Einige von ihnen waren so tugendhaft gewesen, dass sie sich den Mund zugenäht hatten – lieber starben sie vor Durst, als ein blasphemisches Wort auszusprechen. Die Tür war mit dem Symbol der geschlossenen Lippen gekennzeichnet, und ohne nachzudenken vollführte Csorwe den Gruß: drei an die Lippen gedrückte Finger.

Der Eisenriegel war so kalt, dass die Berührung weh tat, als würde er Csorwe alle Wärme aus den Knochen saugen. Sie zog ihn zurück und drückte die Klinke hinunter. Eisen schabte über Stein, und die Toten verstummten.

Sie sah die Wiedergänger am Rand des Kerzenscheins, die neben den Totenbahren standen wie Bankettgäste, die darauf warteten, ihre Plätze zugewiesen zu bekommen. Langsam, als wären sie schüchtern, näherten sie sich ihr. Es waren Dutzende, die in Leichentücher gehüllt nach ihr griffen. Csorwe schloss die Tür hinter sich und begab sich unter die Toten. Knochige Finger fuhren durch ihr Haar und strichen mit verzweifelter Sanftheit über ihre nackte Haut.

Csorwe setzte sich auf den Rand einer Bahre, und die Toten versammelten sich um sie, als würde sie Neuigkeiten aus der Welt der Lebenden bringen. Die Priorinnen hatten im Haus der Stille gelebt und waren auch hier gestorben, und obwohl die Gegenwart des Unaussprechlichen ihre Körper wiederbelebt hatte, waren ihre Seelen in die Erde eingegangen. Ihre Augen waren leere Höhlen. Sie hatten Csorwe nichts zu sagen.

Der Tag war gekommen. Wie eine Aufziehpuppe ging Csorwe hierhin und dorthin, ohne zu merken, wo sie war oder was geschah. Sie wurde in weiße Seide mit Spitzenbesatz gekleidet und mit weißen Hundsrosen gekrönt. Angwennad sagte, sie sei so ein tapferes Mädchen und die Jahre seien viel zu schnell vergangen, sie könne gar nicht glauben, dass der Tag schon heran war.

Csorwe wurde mit Harz gesalbt. Der Duft des Lotus mischte sich mit dem Tiergeruch des Opferkalbs. Die Prozedur war in Gang gesetzt. Dies war das letzte Kapitel ihres Lebens. Es war fast vorbei.

Die Prozession erreichte den Altar am Fuß der Treppe. Die Priesterinnen traten vor, um das Kalb zu töten. Ihre gelben Kutten hoben sich grell vom moosüberzogenen Gestein des Hügels ab. Csorwe hielt die Augen geradeaus gerichtet und sah das Messer nur am Rand ihres Blickfeldes aufblitzen.

Das Blut des Kalbs füllte die Schale und brachte sie zum Überlaufen. Man reichte Csorwe die Schale, und sie ergriff sie. Es war nicht leicht, das glitschige Metall festzuhalten, sie musste die Schale in beide Hände nehmen.

Dann wichen die Priesterinnen und Altardienerinnen, die Priorin und die Träger der Sänfte zurück und verneigten sich. Die Bibliothekarin sah zu, wie Csorwe sich der Treppe zuwandte.

Der Weg stieg steil an. Hätte sie sich umgedreht, dann hätte sie die Köpfe der Priesterinnen von oben und das Haus der Stille sehen können, und dahinter die Wälder, die sich wie schwarze Wellen hoben und senkten, bis weit in die Ferne. Vielleicht sogar bis zu dem Dorf, in dem Csorwe geboren worden war. Sie schaute nicht zurück. Sie betrachtete nur ihr eigenes Spiegelbild in der blutgefüllten Schale.

Schließlich hatte sie das Ende der Treppe erreicht. Der Wind zerrte am Saum ihres Kleides und verursachte ihr eine Gänsehaut an den Waden. Ihre Schultern schmerzten. Zwischen den Steinplatten wuchsen Unkräuter, die im Wind wehten. Es gab auch Moose, kleine Gräser und Blumen, die den Frost überlebt hatten.

Seit Hunderten von Jahren war hier niemand entlanggegangen, außer denen, die ebenso erwählt gewesen waren wie sie.

Sie schob den Gedanken an die Blumen beiseite. Sie hatte sie unzählige Male gesehen und wusste, dass sie nicht dufteten. In ihrem Leben hatte sie genug Blumen betrachtet. Und genug Kohlsuppe gegessen. Hatte lange genug den Toten zugehört, die an den Wänden kratzten. Es war Zeit. Wenn sie jetzt stehen blieb, würde sie niemals weitergehen.

Sie richtete den Blick auf den Eingang. Rau, offen und lichtlos gähnte er im Berghang. In der Nähe wuchsen weder Moose noch Gras. Kein lebendes Geschöpf durfte den Eingang durchqueren, bis auf die Erwählte. Sie ging zu der Öffnung und trat hindurch.

Sie gelangte in eine runde Kammer, von der zahlreiche Gänge abgingen, die tiefer in den Berg hineinführten. In der Mitte der Kammer sah sie eine flache Kuhle, die im Licht, das durch den Eingang hereinströmte, nur schwach zu erkennen war.

Am Rand der Kuhle befand sich eine Einkerbung aus glattem Stein, breit genug, dass sie bequem darin knien konnte. Es ließ sich nicht sagen, ob die Kerbe absichtlich hineingeschnitten worden war, um ihr das Gebet angenehmer zu machen, oder ob sie einfach von Jahrhunderten der Benutzung abgewetzt worden war.

Sie dachte an all die Mädchen, die vor ihr mit dem Blutopfer für den Unaussprechlichen hierhergekommen waren. Hatten sie dieselben Zweifel gehabt wie sie jetzt, in den stillen Hallen im Inneren des Bergs? Womöglich hatten auch ihre Vorgängerinnen die letzten Augenblicke ihres Lebens so verbracht, voller Furcht in der Finsternis. Aber vielleicht war es für die anderen auch einfacher gewesen. Vielleicht hatten sie nur ihre Pflicht getan und waren gleich in die Tiefen des Berges weitergegangen, dem entgegen, was sie dort erwartete.

Sie kniete sich an den Rand der Vertiefung und schüttete die Schale aus. Funkelnd rann das Blut in die Kuhle. Sofort war die Gegenwart des Unaussprechlichen zu spüren, der mit voller Macht über sie kam. Er kannte sie. Erkannte sie. Die Kammer war leer, außer Csorwe war hier nichts Lebendiges. Der Unaussprechliche wartete auf sie, tief im Inneren des Berges.

Nach einer Weile fühlte sie sich unbehaglich. Ihre Knie und Schultern schmerzten, weil sie so lange unbeweglich an derselben Stelle gehockt hatte. Das Blut war aus der Kuhle verschwunden. Der Unaussprechliche war da, sagte ihr jedoch nicht, wohin sie gehen sollte. Die Kammer blieb dunkel, und die davon abzweigenden Gänge waren noch finsterer.

»Hier stimmt etwas nicht«, sagte sie laut. »Wohin soll ich gehen?«

»Eine ausgezeichnete Frage.«

In einem der Gänge stand ein Mann. Sie sprang auf, und die leere Schale fiel mit einem blasphemischen Klirren auf den felsigen Boden.

»Was denkst du, wohin du gehen sollst?«, fragte der Eindringling. In seiner Stimme lagen Macht und Selbstbewusstsein, aber es war nicht die Stimme eines Gottes. Ihre Furcht ging rasch in Empörung über.

»Ihr seid das! Ich kenne Euch.« Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Ihr dürft hier nicht sein. Kommt raus da. Ihr werdet sterben.«

Belthandros Sethennai trat in die Kammer, er lächelte freundlich. In einer Hand hielt er eine Laterne, und er musterte sie so aufmerksam wie der Unaussprechliche.

»Die Stimme hast du also noch nicht verloren«, sagte er. »Ich habe mich das schon gefragt.«

»Wenn Ihr nicht geht, wird er Euch töten«, sagte Csorwe. Der Unaussprechliche war in der Kammer, seine Gegenwart lag schwer in der Luft. »Das ist Blasphemie. Ihr habt hier nichts zu suchen. Kein lebendes Wesen darf diesen Ort wieder verlassen.«

Der Mund des Zauberers war von Lachfältchen umgeben, die bei ihren Worten tiefer wurden.

Csorwe verschränkte die Arme, ihre Fingernägel gruben sich in die weiche Haut der Ellenbeuge. »Lacht mich nicht aus. Wie könnt Ihr es wagen? Das hier ist mein Tod. So ist es mir bestimmt.«

»Ja, ich weiß«, sagte er. Er ging durch die Kammer, um sie besser sehen zu können. Vorsichtig machte er einen Schritt über die Vertiefung und hob die Laterne. Die Ärmel seines Mantels waren hochgekrempelt, darunter trug er schwere Lederhandschuhe. »Der Tod erwartet uns alle, o Dienerin der Trostlosigkeit. Aber ich muss nicht hier sterben, und du musst es auch nicht.«

Sie hatte kaum zu träumen gewagt, dass so etwas geschehen könnte. Dass ihr Tod ein Fehler sein könnte. Es war Blasphemie, auch nur darüber nachzudenken.

»Ich werde nicht mit Euch kommen«, sagte Csorwe. »Das ist ein falscher Trost. Ihr könnt mich nicht dazu zwingen.«

Sethennai lehnte sich gegen eine Felswand. »Ich werde dich zu gar nichts zwingen«, sagte er. »Wenn du in die Höhle gehen und selbst erleben möchtest, was der Unaussprechliche mit seinen Opfern anstellt, dann nur zu.« Er holte Luft und richtete sich an der Wand auf. »Ich weiß, es ist ungerecht von mir, den Höhepunkt deines jungen Lebens zu verderben, indem ich hier auftauche und grausame Bemerkungen mache. Wenn du sicher bist, dass genau das dein Wunsch ist, dann verschwinde ich und überlasse dich deiner transzendenten Erfahrung.«

Csorwe merkte, wenn sich jemand über sie lustig machte, und ihre Hände krallten sich in ihr Kleid. »Das hier ist eine Auszeichnung für mich«, sagte sie. Tränen der Wut schossen ihr in die Augen. »Ich wurde dazu auserwählt.«

»Das stimmt«, sagte Sethennai. »Aber jetzt wurdest du eben für eine andere Aufgabe auserwählt. Es sei denn, du stirbst lieber in der Dunkelheit, als für mich zu arbeiten. Glaubst du etwa, du bist die erste erwählte Braut, die mit ihrem Schicksal hadert? Viele deiner Vorgängerinnen sind weggelaufen, anstatt sich dem Unaussprechlichen in seiner Höhle zu stellen. Die meisten sind in den Wäldern erfroren, und ihre Überreste liegen noch dort, wo sie gestorben sind.«

Csorwe kehrte ihm den Rücken zu. Das war ein Fehler: Jetzt blickte sie in Richtung Ausgang, zum schwachen Sonnenlicht und den gefrorenen Gräsern. Der Schrein lag zu hoch, als dass sie das Dach des Hauses der Stille hätte sehen können, aber in der Ferne schimmerten bewaldete Hügel und weiße Vögel, die sich mit dem Wind aufschwangen.

»Ich kann nicht«, sagte sie. »Wohin sollte ich gehen? Ich würde auch erfrieren.«

»Allein ist es schwierig«, sagte Sethennai. »Aber du wärst nicht allein. Ich wäre bei dir.« Seine Miene war jetzt ernst, er hatte die Brauen konzentriert zusammengezogen. Die Hände in den Handschuhen waren zu Fäusten geballt. Tief im Berg hatte der Unaussprechliche seine Anwesenheit bemerkt.

»Die Priorin … , sagte Csorwe.

»Sie wird nie erfahren, dass du verschwunden bist«, sagte Sethennai. »Triff deine Wahl, Csorwe. Bleib hier, oder komm mit mir. Uns läuft die Zeit davon.«

»Aber der Unaussprechliche wird es wissen«, sagte Csorwe. Sie spürte bereits seinen Unmut, der unter der Erde knisternd anwuchs.

»Ja«, sagte Sethennai. »Das wird er. Das Geheimnis wahrer Größe ist zu wissen, wann man den Zorn eines Gottes riskieren kann.«

Er zog die Handschuhe aus und reichte ihr eine Hand. Die sie ergriff. Seine Haut war glatt. Er hatte lange Finger, an denen ein goldener Siegelring steckte. Ihre eigenen waren klein und kurz und ihre Haut bis zum Handgelenk mit Kalbsblut besudelt.

»Komm mit, Csorwe«, sagte er. »Und lass den Unaussprechlichen in der Tiefe um dich weinen.«

***

>> Diese Leseprobe als PDF herunterladen

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Sara Riffel

Unverkäufliche Leseprobe aus: A. K. Larkwood - Die dunklen Pfade der Magie. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.


 

 


Share:   Facebook