Seanan McGuire: Der Atem einer anderen Welt

FISCHER TOR

Leseprobe: Der Atem einer anderen Welt (Seanan McGuire)


Endlich gibt es den mehrfach preisgekrönten Roman in deutscher Übersetzung: Lest hier das erste Kapital aus Seanan McGuires Fantasy-Novelle "Der Atem einer anderen Welt". 


Darum geht's im Buch: »Eleanor Wests Haus für Kinder auf Abwegen« ist ein ganz besonderes Internat. Hier werden Jungen und Mädchen unterrichtet, die einmal in einem Kleiderschrank oder hinter einem Gebüsch im Garten das Tor zu anderen Welten entdeckt haben: Welten voller Magie, voller Nonsens und Poesie.

Aber egal, ob sie die stillen Hallen der Toten besucht haben oder eines der bunten chaotischen Zauberländer, in denen man auf einem Regenbogen Schlittschuh fahren konnte: Sie alle mussten ihre Heimat irgendwann verlassen. Und sie alle sehnen sich nach jener anderen, besseren Welt und fragen sich: Gibt es einen Weg zurück?


*** Leseprobe ***

Kapitel 1 - Ein neues Zuhause

Die Angewohnheit zu erzählen, aus dem Gewöhnlichen etwas Wundersames zu formen war schwer abzulegen. Nach einer Zeit in Gesellschaft von sprechenden Vogelscheuchen oder verschwindenden Katzen kam das Erzählen wie von selbst; es war eine Methode, in dieser Welt verankert zu bleiben und den feinen Faden der Kontinuität zu bewahren, der sich noch durch die ­sonderbarsten Lebensläufe zog. Indem man das Unmögliche erzählte, es in eine Geschichte verwandelte, konnte man es beherrschen. Also:

Das Herrenhaus stand in der Mitte eines weitläufigen Anwesens. Der Rasen war makellos grün, die Bäume, die das Gebäude umgaben, vorbildlich gestutzt, und der Garten konnte mit einer Fülle an Farben aufwarten, die alle zusammen normalerweise nur in einem Regenbogen oder in der Spielzeugkiste eines Kindes vorkommen. Das schmale schwarze Band der Zufahrt beschrieb vom weit entfernten Tor zahllose Windungen, um vor dem Herrenhaus selbst eine Schleife zu bilden, die am Fuß der Veranda elegant in einen etwas breiteren Wartebereich mündete. Dort fuhr ein einzelner Wagen vor, der mit seinem stillosen Gelb in dieser sorgsam arrangierten Szenerie irgendwie schäbig wirkte. Die ­hintere Fahrgasttür wurde zugeschlagen, dann fuhr der Wagen wieder davon und ließ ein Mädchen im Teenageralter zurück.

Sie war groß und gertenschlank und konnte nicht älter als ­siebzehn sein; um Augen und Mund war immer noch ein Rest Unausgeformtes, das sie zu einem Work in progress machte, dazu bestimmt, von der Zeit vollendet zu werden. Sie trug Schwarz – schwarze Jeans, schwarze Stiefeletten mit winzigen schwarzen Knöpfen, die wie Soldaten von den Zehen bis zu den Waden aufgereiht waren. Und sie trug Weiß – ein weites Trägershirt, falsche Perlenketten um die Handgelenke. Um den Ansatz ihres Pferdeschwanzes hatte sie ein Band in der Farbe von Granatapfelkernen geschlungen. Ihre Haare waren knochenweiß, mit schwarzen Schlieren durchzogen, wie von auf Marmorboden vergossenem Öl, und ihre Augen fahl wie Eis. Sie blinzelte im hellen Tageslicht. Allem Anschein nach war es eine ganze Weile her, seit sie das letzte Mal an der Sonne gewesen war. Ihr kleiner Rollkoffer war hellrosa und mit Gänseblümchen gemustert. Sie hatte ihn höchstwahrscheinlich nicht selbst gekauft.

Das Mädchen hob die Hand, um ihre Augen abzuschirmen, und betrachtete das Herrenhaus, stutzte, als sie das Schild am Dachvorsprung entdeckte. Da stand in großen Lettern: Eleanor Wests Haus für Kinder auf Abwegen. Darunter, etwas kleiner: Keine Haustürgeschäfte, keine Besucher, Keine Abenteuer.

Das Mädchen blinzelte überrascht, ließ die Hand sinken und ging langsam auf die Stufen zu.

 

Im zweiten Stock des Herrenhauses ließ Eleanor West die ­Gardine los und wandte sich zur Tür, während der Stoff wieder in seine Ausgangsposition zurückkehrte. Sie wirkte wie eine gut gealterte Frau Ende sechzig, dabei ging sie in Wahrheit auf die hundert zu: Reisen durch die Länder, die sie früher mehrfach besucht hatte, brachten gern die innere Uhr durcheinander, so dass die Zeit nur schwer wieder richtig Zugriff auf den Körper bekam. An manchen Tagen war sie dankbar für ihr langes Leben, für die Möglichkeit, so vielen Kindern zu helfen, die sie nie hätte heranwachsen sehen, wenn sie nicht jene Türen geöffnet hätte; wenn sie sich nicht selbst dafür entschieden hätte, vom Weg abzuweichen. An anderen Tagen fragte sie sich, ob diese Welt jemals heraus­finden würde, dass die kleine Ely West, das Mädchen, das vor so langer Zeit auf Abwege geraten war, noch lebte – und was dann mit ihr geschehen würde.

Doch noch war ihr Rücken stark und ihre Augen so klar wie an dem Tag, an dem sie als Siebenjährige auf dem Anwesen ihres ­Vaters zwischen zwei Baumwurzeln eine Öffnung entdeckt hatte. Wenn ihre Haare jetzt weiß und ihre Haut weich vor Falten und Erinnerungen waren, machte das gar nichts. Um ihre Augen ­herum war noch immer etwas Unfertiges; sie war noch nicht ­vollendet. Sie war eine Geschichte, kein Epilog. Und wenn sie sich – während sie die Treppe hinunterstieg, um ihrem neu eingetroffenen Schützling entgegenzugehen – dafür entschied, es auf ein weiteres Kapitel ankommen zu lassen, tat das niemandem weh. Schließlich war die Angewohnheit zu erzählen schwer ab­zulegen.

Manchmal war es alles, was ein Körper hatte.

 

Nancy stand wie angewurzelt in der Mitte des Empfangsraums, die Hand um den Griff ihres Koffers geschlossen, während sie sich umblickte und zu orientieren versuchte. Sie war nicht sicher, was sie von der »besonderen Schule«, auf die ihre Eltern sie schickten, erwartet hatte, aber ganz gewiss nicht so ein … elegantes Landhaus. Die Wände waren mit einem altmodischen Muster aus Rosen und verschlungenen Klematisranken tapeziert, und die wenigen Möbelstücke in diesem bewusst sparsam eingerichteten Entree waren allesamt Antiquitäten – edles, poliertes Holz mit Messingbeschlägen, das mit dem geschwungenen Treppengeländer harmonierte. Das Parkett schimmerte rötlich, und als sie zur Decke hochsah – nur mit einer Bewegung der Augen, ohne das Kinn zu heben – , entdeckte sie einen kunstvollen Kronleuchter, der einer blühenden Blume nachempfunden war.

»Den hat eine ehemalige Schülerin angefertigt«, erklang eine Stimme. Nancy riss sich vom Anblick des Kronleuchters los und sah zur Treppe.

Die Frau, die heruntergestiegen kam, war mager, so wie es ältere Frauen manchmal waren, aber ihr Rücken war gerade, und die Hand auf dem Geländer schien dieses nur als Führung zu benutzen, nicht als Stütze. Ihre Haare waren so weiß wie Nancys eigene, jedoch ohne die Schlieren von trotzigem Schwarz, und mittels Dauerwelle zu einem Pilzkopf frisiert, wie eine Pusteblume mit weißen Schirmchen. Sie hätte durch und durch seriös ausgesehen, hätte sie nicht eine neonorangefarbene Hose und einen handgestrickten Pullover aus Regenbogenwolle getragen, dazu eine Halskette aus Halbedelsteinen in einem Dutzend sich beißender Farben. Nancy registrierte, wie sich ihren größten Bemühungen zum Trotz ihre Augen weiteten, und hasste sich dafür. Ihre Reglosigkeit kam ihr mit jedem Tag mehr abhanden. Bald würde sie genauso hibbelig und haltlos sein wie alle anderen Lebenden, und dann würde sie nie wieder nach Hause zurückfinden.

»Er ist fast ganz aus Glas, natürlich bis auf die Teile, die nicht aus Glas sind«, sprach die Frau weiter, ohne sich an Nancys ­unverhohlenem Starren zu stören. »Ich weiß gar nicht genau, wie man so etwas herstellt. Wahrscheinlich indem man Sand zum Schmelzen bringt, oder? Die großen tränenförmigen Prismen in der Mitte habe allerdings ich beigesteuert. Ich habe sie alle zwölf selbst angefertigt. Darauf bin ich ziemlich stolz.« Die Frau machte eine Pause, offensichtlich in der Erwartung, dass Nancy etwas sagte.

Nancy schluckte. Ihre Kehle war in letzter Zeit so trocken, und nichts schien das staubige Gefühl vertreiben zu können. »Wenn Sie nicht wissen, wie man Glas herstellt, wie haben Sie dann die Prismen gemacht?«

Die Frau lächelte. »Aus meinen Tränen natürlich. Du kannst hier immer davon ausgehen, dass die einfachste Antwort auch die richtige ist, denn in den meisten Fällen wird das so sein. Ich bin Eleanor West. Willkommen in meinem Haus. Du musst Nancy sein.«

»Ja«, erwiderte Nancy zögernd. »Woher wissen Sie …?«

»Du bist die einzige Schülerin, die wir heute erwarten. Es gibt nicht mehr so viele von uns wie früher. Entweder werden die Türen rarer, oder es gelingt euch allen besser, nicht zurückzukommen. Und jetzt sei einen Moment still, damit ich dich anschauen kann.« Eleanor stieg die letzten drei Stufen herab und blieb vor Nancy stehen, musterte sie aufmerksam, bevor sie langsam im Kreis um sie herumging. »Hmm. Groß, dünn und sehr blass. Du musst an irgendeinem Ort ohne Sonne gewesen sein – aber auch ohne Vampire, nach deinem Hals zu urteilen. Jack und Jill werden sich schrecklich freuen, dich kennenzulernen. Sie haben die Nase voll von den süßen, sonnigen Welten der anderen Schüler.«

»Vampire?«, fragte Nancy verständnislos. »Die gibt’s doch gar nicht wirklich.«

»Nichts hiervon ist wirklich, Liebes. Nicht dieses Haus, nicht diese Unterhaltung, nicht wir beide, nicht einmal deine Schuhe – die sind, nebenbei bemerkt, schon seit mehreren Jahren aus der Mode, und falls du dich äußerlich wieder an deine Altersgruppe anzupassen versuchst oder deiner Trauer Ausdruck verleihen möchtest, sind sie kaum die beste Wahl. ›Wirklich‹ ist ein Schimpfwort, und ich wäre dir dankbar, wenn du es so wenig wie möglich ­benutzen würdest, während du unter meinem Dach wohnst.« Eleanor blieb wieder vor Nancy stehen. »Es sind die Haare, die dich verraten. Warst du in einer Unterwelt oder in einem Totenreich? In der Zukunft kannst du nicht gewesen sein. Von dort kommt niemand zurück.«

Nancy starrte sie nur entgeistert an, und ihr Mund bewegte sich lautlos, während sie die Sprache wiederzufinden versuchte. Die alte Frau sagte diese Dinge – diese grausamerweise unmög­lichen Dinge – so beiläufig, als würde sie nach Nancys Impfpass fragen.

Eleanors Gesichtsausdruck verwandelte sich, wurde weich und bedauernd. »Oh, ich sehe, dass ich dich verärgert habe. Das passiert mir leider sehr schnell. Ich war sechsmal in einer Unsinnswelt, bevor ich sechzehn wurde, verstehst du? Irgendwann musste ich meine Besuche dort zwar einstellen, aber ich habe nie richtig gelernt, meine Zunge im Zaum zu halten. Du bist bestimmt müde von der Reise und gespannt, was hier passieren soll. Ist das so? Ich kann dir dein Zimmer zeigen, sobald ich weiß, wie ich dich einordnen soll. Das spielt bei Dingen wie der Unterbringung leider tatsächlich eine Rolle; man kann einen Unsinnsreisenden nicht mit jemandem zusammenstecken, der die Logik erkundet hat, ­außer man möchte gern der örtlichen Polizei erklären, warum sich unsere Schüler gegenseitig an die Kehle gehen. Sie behält uns durchaus im Auge, auch wenn wir sie normalerweise dazu bringen können, nicht so genau hinzusehen. Schließlich wollen wir unsere amtliche Zulassung als Schule behalten – wobei wir wahrscheinlich eher eine Art Sanatorium sind. Ich mag dieses Wort, du auch? ›Sanatorium‹. Es klingt so offiziell, ohne auch nur das Geringste zu bedeuten.«

»Ich verstehe kein Wort von dem, was Sie gerade gesagt haben.« Nancy schämte sich, dass sich ihre Stimme wie ein blechernes Piepsen anhörte, dabei war sie eigentlich stolz, dass sie überhaupt etwas über die Lippen gebracht hatte.

Eleanors Züge wurden noch weicher. »Du musst dich nicht länger verstellen. Ich weiß, was du durchgemacht hast – wo du ­gewesen bist. Mir ist es vor langer Zeit genauso ergangen, als ich von meinen eigenen Reisen zurückgekommen bin. Das hier ist kein Ort, an dem du lügen oder so tun musst, als wäre alles in Ordnung. Wir wissen, dass nicht alles in Ordnung ist. Sonst wärst du nicht hier. Also, wo bist du gewesen?«

»Ich verstehe nicht …«

»Vergiss Worte wie ›Unsinn‹ oder ›Logik‹. Solche Details können wir später klären. Antworte einfach. Wo bist du gewesen?«

»In den Hallen der Toten.« Es laut auszusprechen ­bedeutete eine fast schmerzhafte Erleichterung. Nancy erstarrte wieder, stierte in die Luft, als könnte sie ihre Stimme da schweben sehen, granatrot und makellos leuchtend. Dann schluckte sie, auch diesmal ohne die Trockenheit loszuwerden, und sprach weiter: »Es war … Ich suchte im Keller unseres Hauses nach einem Eimer und fand eine Tür, die ich noch nie gesehen hatte. Als ich hindurchging, stand ich in einem Wäldchen aus Granatapfelbäumen. Ich dachte, ich wäre hingefallen und hätte mich am Kopf gestoßen. Ich ging weiter, weil … weil …«

Weil die Luft so süß geduftet hatte und der Himmel samtig schwarz gewesen war, übersät mit Punkten aus funkelndem Licht, das überhaupt nicht flackerte, sondern nur stetig und kalt brannte. Weil das Gras taunass war und die Bäume voller Früchte hingen. Weil sie wissen wollte, was sich am Ende des langen Weges zwischen den Bäumen befand, und weil sie nicht umkehren wollte, bevor sie alles verstand. Weil sie zum ersten Mal überhaupt das Gefühl verspürte, nach Hause zu kommen, und dieses Gefühl ­genügte, um ihre Füße in Bewegung zu setzen, zuerst langsam, dann schneller, immer schneller, bis sie durch die klare Nachtluft rannte und nichts anderes mehr eine Rolle spielte oder je wieder eine Rolle spielen würde …

»Wie lange warst du fort?«

Die Frage war ohne Bedeutung. Nancy schüttelte den Kopf. »Ewig. Jahre … Ich war jahrelang dort. Ich wollte nicht zurückkommen. Nie mehr.«

»Ich weiß, Liebes.« Eleanors Hand lag sanft auf Nancys Ell­bogen und lenkte sie zur Tür hinter der Treppe. Das Parfüm der ­alten Frau roch nach Löwenzahn und Ingwerkeksen, eine genauso unsinnige Kombination wie alles andere an ihr. »Komm mit. Ich habe das ideale Zimmer für dich.«

 

Eleanors »ideales Zimmer« lag im Erdgeschoss, im Schatten einer großen, alten Ulme, die das Licht, das sonst durch das einzige Fenster eingefallen wäre, fast komplett fernhielt. In diesem Raum herrschte ewiger Dämmer, und als Nancy ihn betrat und sich umsah, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Die eine Hälfte – die Hälfte mit dem Fenster – war ein Chaos aus Kleidern, Büchern und Krimskrams. Eine Geige war achtlos aufs Bett geworfen worden, während der dazugehörige Bogen auf dem Rand des Bücherregals balancierte und aussah, als würde er beim leisesten Lufthauch ­herunterfallen. Es roch nach Minze und Morast.

Die andere Hälfte des Zimmers war so unpersönlich wie in ­einem Hotel. Da stand ein Bett, eine kleine Kommode, ein Bücherregal und ein Schreibtisch, alles aus hellem, unlackiertem Holz. Die Wände waren leer. Nancy sah Eleanor fragend an, bis diese zustimmend nickte, dann ging sie hin und stellte ihren Koffer haargenau in die Mitte ihres zukünftigen Bettes.

»Danke«, sagte sie. »Hier werde ich mich bestimmt wohl ­fühlen.«

»Offen gestanden bin ich mir da nicht so sicher«, erwiderte Eleanor mit einem irritierten Blick auf Nancys Koffer. Er war so exakt platziert worden … »Ein Ort namens ›Hallen der Toten‹ muss eine Unterwelt gewesen sein, und die meisten davon fallen eher in die Kategorie Unsinn als Logik. Es scheint allerdings, als wäre deine Welt vielleicht reglementierter gewesen. Aber das macht nichts. Wir können dich jederzeit verlegen, wenn sich ­herausstellt, dass Sumi und du nicht zusammenpasst. Wer weiß? Möglicherweise kannst du ihr etwas von der Stabilität geben, die ihr zurzeit fehlt. Und wenn nicht – nun, dann werdet ihr euch hoffentlich nicht gegenseitig umbringen.«

»Sumi?«

»Deine Mitbewohnerin.« Eleanor bahnte sich vorsichtig einen Weg durch das Chaos auf dem Boden, bis sie das Fenster erreicht hatte. Sie schob es auf, beugte sich hinaus und suchte die Äste der Ulme ab, bis sie fand, was sie suchte. »Eins und zwei und drei, Sumi, mach dich frei. Komm rein und lern deine neue Mitbewohnerin kennen.«

»Mitbewohnerin?« Die Stimme war weiblich, jung und ver­ärgert.

»Ich habe dich gewarnt«, versetzte Eleanor, während sie den Kopf wieder nach drinnen zog und in die Mitte des Raumes zurückkehrte. Sie bewegte sich auffallend sicher, besonders angesichts der Unordnung auf dem Boden; Nancy rechnete damit, dass sie jeden Moment stolperte, aber irgendwie tat sie das nicht. »Ich habe dir mitgeteilt, dass diese Woche eine neue Schülerin eintrifft und dass sie das freie Bett bekommt, falls es ein Mädchen mit passendem Hintergrund ist. Erinnerst du dich an irgendetwas davon?«

»Ich dachte, Sie würden nur so daherreden. Sie tun das manchmal. Jeder tut das.« Im Fenster erschien ein umgedrehter Kopf, dessen Besitzerin offensichtlich in der Ulme hing. Sie schien etwa so alt zu sein wie Nancy, japanischer Abstammung, mit langen schwarzen Haaren, die über den Ohren zu zwei kindlichen Zöpfen geflochten waren. Sie sah Nancy mit unverhohlenem Argwohn an, bevor sie fragte: »Bist du eine Dienerin der Kuchenkönigin und hier, um mich für meine Vergehen gegen die Gräfin von Zuckerwatte zu bestrafen? Ich habe nämlich grade keine Lust auf Krieg.«

»Nein«, antwortete Nancy verständnislos. »Ich bin Nancy.«

»Das ist ein langweiliger Name. Wie kannst du mit so einem langweiligen Namen bloß hier sein?« Sumi ließ sich mit einem Überschlag aus dem Baum fallen und war kurz verschwunden, ehe sie nun von unten im Fensterrahmen erschien, sich auf den Sims stützte und fragte: »Eleanor-Ely, sind Sie sicher? Ich meine richtig sicher? Sie sieht nicht so aus, als sollte sie überhaupt hier sein. Vielleicht haben Sie in ihren Unterlagen etwas gesehen, das gar nicht da stand, und sie sollte besser in eine Schule für jugendliche Opfer von missglückter Haarfärbung gehen.«

»Ich färbe mir die Haare nicht!« Nancys Protest war hitzig. Sumi verstummte und starrte sie an. Eleanors Blick richtete sich ebenfalls auf sie. Nancys Wangen wurden heiß, als ihr das Blut ins Gesicht stieg, aber sie blieb standhaft, schaffte es irgendwie, nicht die Hand zu heben und sich über die Haare zu streichen, während sie hinzufügte: »Früher waren sie komplett schwarz, so wie die Haare meiner Mutter. Als ich das erste Mal mit dem Herrn der Toten getanzt habe, sagte er, sie wären wunderschön, und ließ die Hand hindurchgleiten. Da wurden alle anderen Haare vor Eifersucht weiß. Deswegen habe ich nur noch fünf schwarze Strähnen. Das sind die Stellen, die er berührt hat.«

Mit kundigem Blick erkannte Eleanor in diesen fünf Strähnen den unsichtbaren Umriss einer Hand, eine Stelle, wo die blasse junge Frau vor ihr ein Mal und nie wieder berührt worden war. »Verstehe.«

»Ich färbe sie mir nicht«, wiederholte Nancy nach wie vor aufgebracht. »Ich würde sie nie färben. Das wäre respektlos.«

Sumi machte immer noch große Augen. Nun grinste sie. »Oh, ich mag dich. Du bist die verrückteste Spielkarte im Stapel, stimmt’s?«

»Das Wort benutzen wir hier nicht«, rügte Eleanor.

»Aber es ist wahr«, protestierte Sumi. »Sie denkt, sie würde ­zurückgehen. Oder etwa nicht, Nancy? Du denkst, irgendwann machst du die richtige falsche Tür auf und siehst dahinter deine Treppe ins Paradies, und dann ist es eine Stufe, noch eine Stufe, und schwupps bist du wieder in deiner Geschichte. Verrücktes Mädchen. Dummes Mädchen. Du kannst nicht zurück. Wenn sie dich einmal rausgeschmissen haben, kannst du nicht zurück.«

Nancy kam es vor, als versuchte ihr Herz, ihre Kehle hochzuklettern und sie zu ersticken. Sie schluckte es wieder hinunter und flüsterte: »Da täuschst du dich.«

Sumis Augen strahlten. »Wirklich?«

Eleanor klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit der beiden Mädchen wieder auf sich zu lenken. »Nancy, warum packst du nicht aus und richtest dich ein? Abendessen ist um halb sieben, und danach ist Gruppentherapie um acht. Sumi, bitte bring sie nicht dazu, dich zu ermorden, bevor sie einen vollen Tag hier ist.«

»Jeder von uns versucht auf seine eigene Weise, nach Hause zu gelangen.« Sumi verschwand aus dem Fensterrahmen und kehrte zu dem zurück, was sie vor der Unterbrechung getan hatte. Eleanor warf Nancy einen schnellen, entschuldigenden Blick zu, dann war sie ebenfalls fort und schloss die Tür hinter sich. Von ­einer Sekunde auf die andere war Nancy allein.

Sie blieb, wo sie war, zählte bis zehn und genoss das Stillhalten. In den Hallen der Toten hatte man von ihr erwartet, dass sie ihre Haltung manchmal ganze Tage beibehielt und sich zwischen die anderen lebenden Statuen einfügte. Dienstmädchen, die weniger begabt waren im Stillhalten, waren mit in Granatapfelsaft und Zucker getränkten Schwämmen vorbeigekommen und hatten sie den reglos Dastehenden auf die Lippen gepresst. Nancy hatte ­gelernt, den Saft in ihre Kehle hinabrinnen zu lassen, ohne zu schlucken, ihn passiv aufzunehmen, so wie ein Stein das Mondlicht aufnimmt. Sie hatte Monate, wenn nicht Jahre gebraucht, um so vollkommen reglos zu werden, aber sie hatte es geschafft: O ja, sie hatte es geschafft, und die Herrin der Schatten hatte sie für über die Maßen schön erklärt, das kleine sterbliche Mädchen, das nicht das Bedürfnis hatte, hektisch, heiß oder hibbelig zu sein.

Aber diese Welt hier war für hektische, heiße, hibbelige Wesen gemacht; nicht wie die stillen Hallen der Toten. Mit einem Seufzer gab Nancy ihr Stillhalten auf und wandte sich ihrem Koffer zu. Kaum hatte sie ihn geöffnet, erstarrte sie wieder, diesmal vor Schreck und Empörung. Ihre durchscheinenden Kleider und hauchdünnen schwarzen Blusen, die sie so sorgfältig eingepackt hatte, waren verschwunden, und stattdessen wartete da ein Kleiderberg, der so farbenfroh war wie die Sachen, die auf Sumis Seite des Zimmers verstreut lagen. Obenauf entdeckte Nancy einen Umschlag. Sie griff mit zittrigen Fingern danach und öffnete ihn.

Nancy –

Es tut uns leid, dass wir dir das antun müssen, Liebling, aber du hast uns keine Wahl gelassen. Wir schicken dich ins Internat, damit es dir wieder bessergeht, nicht damit du weiter in Erinnerungen an deine Kidnapper schwelgst. Wir wollen unsere richtige Tochter zurück. Das hier waren deine Lieblingskleider, bevor du verschwunden bist. Du warst unser kleiner Regenbogen! Weißt du noch?

Du hast so viel vergessen.

Wir lieben dich. Dein Vater und ich lieben dich über alles, und wir glauben, dass du zu uns zurückkommen kannst. Bitte verzeih uns, dass wir eine passendere Garderobe für dich eingepackt haben, und glaub uns, dass wir es nur getan haben, weil wir das Beste für dich wollen. Wir wollen dich zurück.

Wir wünschen dir eine wundervolle Zeit in der Schule, und wenn du so weit bist, wieder ganz nach Hause zu kommen, werden wir dich mit offenen Armen empfangen.

Der Brief war mit der schlingernden, unsteten Handschrift ihrer Mutter unterschrieben. Nancy sah sie kaum. Ihre Augen füllten sich mit heißen, hasserfüllten Tränen, ihre Hände zitterten, und ihre Finger verkrampften sich, bis sie das Papier zu einem un­leserlichen Labyrinth aus Knicken und Falten zerknüllt hatten. Sie sank zu Boden, saß da, die Knie an die Brust gedrückt und die Augen auf den offenen Koffer gerichtet. Wie sollte sie irgend­etwas davon tragen? Das da waren Tageslicht-Farben, gedacht für Leute, die sich in der Sonne bewegten, die heiß und hektisch ­waren und nicht willkommen in den Hallen der Toten.

»Was machst du da?« Die Stimme gehörte Sumi.

Nancy drehte sich nicht um. Ihr Körper verriet sie sowieso schon, indem er sich ohne ihre Erlaubnis bewegte. Dann durfte sie ihn wenigstens nicht auch noch freiwillig bewegen.

»Es sieht aus, als würdest du auf dem Boden sitzen und weinen, dabei weiß jeder, dass das gefährlich ist, schlimm gefährlich, ­das-darf-man-nicht-gefährlich«, sprach Sumi weiter. »Es wirkt, als würdest du alles nicht zusammenhalten und könntest komplett auseinanderfallen.« Sie beugte sich so dicht über sie, dass Nancy einen ihrer Zöpfe an der Schulter spürte. »Warum weinst du, Geistermädchen? Ist jemand über dein Grab getrampelt?«

»Ich bin nie gestorben, ich habe nur eine Weile dem Herrn der Toten gedient, das ist alles, und eigentlich sollte ich für immer bleiben, aber irgendwann sagte er, ich müsste hierher zurück, bis ich mir sicher bin. Dabei war ich mir schon sicher, bevor ich fortging, und ich verstehe einfach nicht, warum meine Tür nicht da ist.« Die Tränen, die an ihrer Wange klebten, waren zu heiß, fühlten sich an, als würden sie ihr die Haut verbrennen. Nancy gestattete sich eine Bewegung, hob die Hand und wischte sie energisch weg. »Ich weine, weil ich wütend bin und weil ich traurig bin und weil ich nach Hause will.«

»Dummes Mädchen.« Sumi legte Nancy mitfühlend die Hand auf den Kopf, bevor sie ihr eine klebte – leicht, aber trotzdem eine Ohrfeige – , dann einen Sprung auf Nancys Bett machte und sich neben den offenen Koffer hockte. »Mit zu Hause meinst du nicht das, wo deine Eltern sind, oder? Die Schule und die Klasse und die Jungs und das Blabla, nein nein nein, das ist nichts mehr für dich, all diese Dinge sind für andere Leute, welche, die nicht so besonders sind wie du. Du meinst das Zuhause, wo der Mann lebt, der deine Haare weiß gemacht hat. Oder auch nicht lebt, weil du ja ein Geistermädchen bist. Ein dummes Geistermädchen. Du kannst nicht zurück. Das solltest du mittlerweile wissen.«

Nancy hob den Kopf und sah Sumi finster an. »Warum denn nicht? Bevor ich damals durch diese Tür ging, wusste ich, dass es so was wie ein Portal in eine andere Welt nicht gibt. Jetzt weiß ich: Wenn man zur richtigen Zeit die richtige Tür öffnet, findet man vielleicht endlich einen Ort, an den man gehört. Warum bedeutet das, ich kann nicht zurück? Vielleicht bin ich einfach nur noch nicht ganz sicher.«

Der Herr der Toten hätte sie nicht angelogen, niemals. Er liebte sie.

Wirklich.

»Weil die Hoffnung ein Messer ist, das die Fundamente der Welt zerschneiden kann.« Sumis Stimme war plötzlich glasklar, ohne jede Spur ihrer vorherigen Überspanntheit. Sie sah Nancy mit ruhigem, festem Blick an. »Hoffnung tut weh. Das musst du lernen, und zwar schnell, wenn du nicht willst, dass sie dich von innen heraus zerstört. Hoffnung ist schlecht. Hoffnung bedeutet, dass du an Dingen festhältst, die nie wieder so sein werden wie früher, und dann verblutest du in Zeitlupe, bis nichts mehr da ist. Ely-Eleanor sagt immer: ›Sag dieses Wort nicht‹ und ›Sag ­jenes Wort nicht‹, aber die wirklich schlimmen verbietet sie nicht. Sie verbietet nicht das Wort ›Hoffnung‹.«

»Ich will nur nach Hause«, flüsterte Nancy.

»Albernes Geistermädchen. Das wollen wir doch alle. Des­wegen sind wir hier.« Sumi wandte sich Nancys Koffer zu und begann, in den Kleidern zu stöbern. »Die sind hübsch. Aber zu klein für mich. Warum musst du auch so schmal sein? Ich kann keine Sachen klauen, die mir nicht passen, das wäre Quatsch, und ich werde hier nicht schlanker. Niemand nimmt in dieser Welt ab. Höhere Logik ist überhaupt kein Spaß.«

»Ich hasse diese Kleider«, sagte Nancy. »Nimm sie alle. Schneid sie von mir aus in Stücke und mach ein paar Luftschlangen für deinen Baum daraus, Hauptsache, ich muss sie nicht mehr sehen.«

»Weil es die falschen Farben sind, stimmt’s? Der Regenbogen von jemand anderem.« Sumi sprang vom Bett, schlug den Koffer zu und schleifte ihn hinter sich her. »Steh auf, komm mit. Wir ­besuchen jemanden.«

»Was?« Nancy sah Sumi verwirrt und bedrückt nach. »Tut mir leid. Ich habe dich grade erst kennengelernt und will nirgendwo mit dir hingehen.«

»Dann ist es eine gute Sache, wenn es mir egal ist, richtig?« Sumi strahlte für eine Sekunde so hell wie die verhasste, verhasste Sonne, und dann war sie weg, aus der Tür gestürmt mit Nancys Koffer und ihren sämtlichen Kleidern.

Nancy wollte diese Kleider nicht haben, und einen verlockenden Moment lang erwog sie zu bleiben, wo sie war. Doch dann stand sie mit einem Seufzer auf und folgte Sumi. Diese Welt war auch so schon unerträglich genug. Und irgendwann würde sie saubere Slips brauchen.

>> Diese Leseprobe als PDF herunterladen

 

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Seanan McGuire - Der Atem einer anderen Welt. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


Share:   Facebook