Dennis Ehrhardt - Sinclair: Dead Zone

Dennis Ehrhardt: Sinclair - Dead Zone

FISCHER TOR

Leseprobe: Sinclair - Dead Zone (Dennis Ehrhardt)


Lest hier die ersten Seiten aus »Sinclair - Dead Zone«, dem Mystery-Thriller von Dennis Ehrhardt, der die Geschichte von John Sinclair von Anfang an erzählt.

Darum geht's im Buch: London, Dezember 2017: An einem abgelegenen Kai explodiert die Baltimore. Eines der Opfer an Bord: Detective Inspector John Sinclair, der zum Zeitpunkt des Unglücks in einem Serienkiller-Fall ermittelte, in dem die Opfer bestialisch entstellt wurden.

Sinclairs Tod wirft Fragen auf: Befand sich der Killer ebenfalls an Bord? Was hat Sinclair auf der Baltimore entdeckt? Sinclairs Partner Detective Sergeant Gan Zuko führt die Ermittlungen fort, zusammen mit Sinclairs Nachfolgerin Shāo Sadako. Bald häufen sich die Widersprüche, und die Grenzen der Realität scheinen zu verwischen. Umso mehr, als den beiden bald klar wird, dass John Sinclair lebt …

 

*** Leseprobe ***

TEIL EINS: Zeichen

Auszug aus einer mehrtägigen medizinisch-psychologischen Tauglichkeitsuntersuchung von Detective Inspector John SINCLAIR

angefertigt durch: Zelma CAMPBELL, Ph.D., psychologische Gutachterin, tätig im Auftrag des Metropolitan Police Service London, BCU Newham, Waltham Forest Abschluss der Untersuchung: 13. Januar 2019 Status des Protokolls: vertraulich

Mein Name ist John Sinclair. Ich bin Detective Inspector des Metropolitan Police Service und Teil des Criminal Investigation Department auf dem Revier Forest Gate im Londoner Stadtteil Newham. Irgendwelche Schlipsträger haben unseren Bezirk vor einem Jahr mit den Nachtwächtern aus Waltham Forest zu einer Basic Command Unit zusammengelegt, aber unser Revier auf der Straße ist immer noch das gleiche: Auf der Landkarte sieht Newham aus wie ein betrunkenes Quadrat, das nach links wegzurutschen droht. Es reicht vom neuen Olympiagelände in Stratford bis runter zu den Beckton-Klärwerken am River Roding sowie von den Ganglands in Westham und Canning Town bis zur North Circular an der Grenze von Ilford.

In Newham arbeiten insgesamt 802 Beamte auf sieben Revieren, ein großer Teil davon bei uns auf dem Forest Gate. Unsere Unterabteilung des CID, zuständig für Mordermittlung, bestand bis vor kurzem aus fünfzig Leuten. Wenn man allerdings die Schreibtisch- und Hilfskräfte sowie die Sonderfahnder abzieht, blieben davon nur sechs, einschließlich meines Partners Detective Sergeant Zuko Gan und unseres Leiters Detective Superintendent James Powell. Es war eine kleine Einheit, aber ich würde mal behaupten, wir haben ganz gute Arbeit geleistet in einem der schwierigsten Distrikte von London.

Ich weiß, was Sie von mir wissen wollen.

Aber die Wahrheit ist: Ich habe keine Ahnung, wieso nur drei von uns überlebt haben.

1

11. Dezember 2018, 21.08 Uhr, 23 Seemeilen vor der portugiesischen Küste

Die Wasseroberfläche funkelte wie Diamanten, die man auf schwarzen Samt gebettet hatte.

Dr. Rachel Briscoe lehnte mit dem Rücken an der Reling des Ungetüms, bei dem es sich, wie sie im Laufe der Reise erfahren hatte, um einen LASH-Carrier handelte. Rachel konnte mit dem Begriff nichts anfangen. Ein Schiff war für sie ein Schiff, und das, auf dem sie sich gerade befand, war mit seinen über 250 Yards Rumpflänge beängstigend groß und besaß neben einem Hubschrauberlandeplatz sogar einen beweglichen Portalkran. Die beiden Laufschienen des Krans ragten rechts und links fast 30 Yards über das Heck hinaus – wie die Hauer eines monströsen Wildschweins.

Fröstelnd rieb sie die Hände aneinander und strich eine blonde Haarsträhne nach hinten, die ihr der Regen auf die Stirn geklebt hatte. Vorhin, als sie ihre Kabine verlassen hatte, waren es drei Grad Außentemperatur gewesen, bei einer Luftfeuchtigkeit von 85 Prozent, wie das Hygrometer anzeigte. Der andauernde feine Sprühregen bildete Schlieren auf Rachels Brillengläsern, was sie an Deck fast blind machte. Dazu der auffrischende Wind aus süd-südwestlicher Richtung: Laut Cartwright sollte noch vor Anbruch der Morgendämmerung ein Tief die See bürsten, gegen das der sprichwörtliche Azorenwinter mit seinen Stürmen ein laues Lüftchen war. Aber Cartwright war ein narzisstisches Arschloch, das auch einen Sommerwind zum Hurrikan hochgejazzt hätte, um seine Umgebung zu beeindrucken.

Und das alles für einen Forschungsauftrag, dessen Sinnhaftigkeit sich weder ihr noch irgendeinem anderen Mitarbeiter des Ägyptischen Instituts der University of London erschlossen hatte. Da der Dekan Prof. Allan Spencer sie allerdings förmlich angefleht hatte, die Reise mitzumachen, konnte sie nur vermuten, dass dahinter ein großer privater Spender steckte, der für die Arbeit des Instituts wichtig war. Wozu da noch nach dem Sinn der Expedition fragen? Man hatte sie nach Southampton verfrachtet, zusammen mit zwei anderen Kollegen, die ihr mysteriöser Geldgeber offenbar wie Äpfel von den verschiedensten Forschungsinstituten der Welt gepflückt und an Bord des LASH-Carriers verfrachtet hatte. Vor fünf Tagen waren sie ausgelaufen, und seit vorgestern schipperten sie nun 100 Seemeilen südwestlich von Lissabon auf stets derselben Position liegend gegen die südwärts driftenden Wassermassen des Portugalstroms an.

Da Rachel auf ihre Fragen grundsätzlich keine zufriedenstellende Antwort bekam, hatte sie beschlossen, die Rolle der stillen, nur mäßig interessierten Beobachterin zu spielen.

Vor acht Stunden war das Tauchboot zu Wasser gelassen worden – zum zweiten Mal. Es verfügte über einen Bergungsroboter, mit dem sich angeblich tonnenschwere Güter vom Meeresgrund heraufbefördern ließen. Sagte Cartwright. Seitdem spekulierte er mit seinen beiden Kollegen in der Bordkantine bei Venusmuscheln und Weißburgunder über einen großen Schatz, der zu heben sei. Rachel sah keinen Anlass, sich an den Spekulationen zu beteiligen. Zumal sie nicht erkennen konnte, wie sie in einem Gespräch mit einem Mediziner und Mathematiker, einem Meeresforscher und einem Geologen mit ihrem eigenen Fachwissen punkten sollte. Sie war Archäologin, verflixt nochmal, Spezialgebiet frühe vorderasiatische Kulturen, und für die naturwissenschaftlichen Machos am Tisch damit wahrscheinlich so etwas wie eine etwas besser bezahlte Bibliothekarin. Wobei selbst das »besser bezahlt« fraglich war.

So vertrieb sie sich die Zeit damit, auf ihrer Kabine zu lesen oder mit Nevison zu skypen, wofür sie ihr privates Handy benutzte, obwohl man sie dringend gebeten hatte, für die Dauer der Exkursion von privaten Gesprächen abzusehen. Natürlich war ihr klar, dass jedes Einloggen ins Netzwerk gespeichert wurde, aber wenigstens befanden sich anschließend nicht irgendwelche Chat- oder Videoprotokolle auf dem Dienstlaptop, den man ihr zur Verfügung gestellt hatte. Es ging schließlich verdammt nochmal niemanden was an, ob sie beide im Januar zum fünften und vermutlich letzten Mal in vitro versuchen oder sich zu einer Adoption durchringen würden. Sie wurde in einem halben Jahr vierzig, da hieß es, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Und zur Not blieb ihnen ja auch immer der Weg über eine Leihmutterschaft, die zum Beispiel in den USA …

»Da! Verdammt, das ist sie!«

Rachel blinzelte.

Cartwright natürlich. Sie hatte sich seinen Namen überhaupt nur gemerkt, weil er während der Gespräche am Nebentisch wiederholt betont hatte, sowohl seinen Doktorgrad in Mathematischer Statistik als auch den in Genommedizin mit summa cum laude in Cambridge abgeschlossen zu haben.

Jetzt bemerkte auch Rachel den Lichtschein in der Tiefe, der stetig heller wurde.

Es war Abby, die zu ihnen zurückkehrte.

Die Idee, das Tauchboot so zu nennen, wäre auch dann infantil gewesen, wenn sie nicht von Cartwright gestammt hätte. »Abby … von Abyss, verstehen Sie, Dr. Briscoe?«

Auf einmal aber verspürte auch Rachel die ansteigende Spannung, so dass sie das Flappen der Rotoren erst wahrnahm, als der Hubschrauber den Carrier fast erreicht hatte.

Er näherte sich aus nördlicher Richtung, und wer auch immer darin hockte, besaß ein perfektes Gefühl für Timing, denn die Kufen berührten die Landeplattform im selben Moment, in dem Abbys Rumpf die Wasseroberfläche durchbrach. Ein schlanker Mann in Regenkutte verließ das Cockpit und wurde sofort von einer Security-Meute umringt.

War das ihr geheimnisvoller Auftraggeber?

Rachel polierte ihre Brillengläser und versuchte, unter der Kapuze des beigefarbenen Regencapes die Konturen eines Gesichts zu erkennen. Nichts zu machen.

Mr Geheimnisvoll blieb oben auf der Plattform stehen und verfolgte, wie das Tauchboot zwischen den Wildschweinhauern aus dem Wasser gehoben wurde. Der Portalkran fuhr zurück, bis er genau über Abby positioniert war. Wenige Minuten später schwebte das Tauchboot über ihre Köpfe hinweg und setzte auf den fahl beleuchteten Stahlplanken des Carriers auf.

Mr Geheimnisvoll nickte einem seiner Begleiter zu. Worte wurden gewechselt und Befehle an die Besatzung und den technischen Stab weitergegeben.

Dann öffnete sich die Schleuse des Tauchboots. Cartwright reckte den Hals. Seine beiden Kollegen versuchten, näher heranzukommen, wurden aber von den Security-Typen abgeblockt, die sich in der Zwischenzeit an Bord verteilt hatten.

Mr Geheimnisvoll stieg von der Plattform herab wie einst Moses vom Berg Sinai und verschwand, flankiert von zwei Bodyguards, im Innern von Abby.

Dann passierte eine weitere Viertelstunde lang nichts. Unter den Wissenschaftlern machte sich Unruhe breit. Jemand forderte Aufklärung. Cartwright schlichtete wortreich, vermutlich um den Eindruck zu erwecken, dass er über mehr Informationen verfügte als alle anderen.

Bullshit, dachte Rachel.

Endlich kam jemand wieder heraus. Es war nicht der Mann im Regencape, sondern einer seiner breitschultrigen Begleiter. Er ließ den Blick über das Deck schweifen, als suche er jemanden.

Und nickte Rachel zu.

Sie blickte über ihre Schulter, nur sicherheitshalber, aber da war niemand mehr. Nur das offene Meer.

Verfolgt von Cartwrights missgünstigen Blicken, näherte sie sich Abby.

»Dr. Briscoe?« Es war keine Frage. »Mr Scott erwartet Sie bereits. Folgen Sie mir.«

Die Schleusenkammer des Tauchboots war von innen größer, als sie vermutet hatte. Salz- und Kondenswasser tropften von der Stahldecke auf das Bodengitter, das hinter der zweiten Schleuse in eine Art Frachtraum führte.

Weiter im Inneren stand der ominöse Mr Scott. Er hatte die Kapuze zurückgeschlagen, und Rachel erkannte ein scharfgezeichnetes Gesicht. Markantes Kinn, die Nase vielleicht etwas zu spitz. Die Wangen leicht eingefallen. Er besaß den Blick eines Mannes, der es gewohnt war, sich und anderen etwas abzuverlangen. Gelassen stand er vor dem Ding, das Abby aus der Tiefe geholt hatte, und blickte auf ein Tablet in seiner Hand, mit dem er offenbar gerade einige Fotos gemacht hatte.

Es war ein Stein.

Ein nachtschwarzer und auf den ersten Blick fugenlos glatter Stein, der glänzte wie Obsidian. Er hatte die Form eines Würfels mit einer Kantenlänge von mindestens sieben Yards, und seine Oberfläche schien sich ständig zu verändern, zu bewegen und ineinanderzulaufen wie … Nebelschleier?

Die Stahlstreben, auf denen er ruhte, ächzten unter dem Gewicht.

Das Ding muss Tonnen wiegen!

Tausend Fragen schossen Rachel durch den Kopf. Wie war es einer so zarten Konstruktion wie Abby gelungen, dieses Riesenteil vom Meeresgrund zu bergen? Und wer hatte es dort verklappt? Und woher wusste ihr Auftraggeber, dass sich das Ding genau an dieser Stelle befunden hatte?

»Kommen Sie ruhig näher, Dr. Briscoe.«

Sie folgte der Aufforderung, während der breitschultrige Begleiter zurückwich.

»Randolph Scott. Es freut mich, Sie kennenzulernen. Möchten Sie?«

Sie begriff erst nicht, was er meinte, bis ihr Blick auf das Brillenputztuch in seiner Hand fiel.

Mechanisch griff sie zu. »Danke.«

»Ich bin froh, dass Sie hier sind.« Der warme, sonore Klang seiner Stimme umhüllte sie wie ein schützender Kokon, während sie mit zitternden Fingern ihre Gläser säuberte. »Sie ahnen gar nicht, wie wichtig es mir war, dass Sie an dieser Reise teilnehmen. Schließlich ist die Deutung der Schriftzeichen von entscheidender Bedeutung für den Erfolg unserer Expedition.«

Wovon zum Teufel redete er? Als sie merkte, dass sie immer noch ihre Gläser rieb, faltete sie das Tuch verlegen zusammen und setzte sich die Brille wieder auf.

Und auf einmal waren die Nebelschleier verschwunden, und sie erkannte die Strukturen auf der Oberfläche des Würfels. Es waren … Zeichen. Auf den ersten Blick erkannte Rachel Formen, die an das griechische Alphabet erinnerten, und wiederum andere, die eher Bildsymbolen glichen und eine entfernte Ähnlichkeit mit altägyptischen Hieroglyphen aufwiesen. Tatsächlich aber war es keins von beiden, sondern … eine Mischung?

»Das ist …«

»Überraschend? Erstaunlich?«

Sie nickte. Nein, eigentlich ist es absurd. Vollkommen absurd!

Jemand musste sich einen Scherz erlaubt haben, als er dieses Ungetüm auf dem Meeresgrund versenkt hatte. Gleichzeitig schienen die Zeichen, die nicht existieren durften, Rachel geradezu magisch anzuziehen. Sie merkte nicht einmal, wie sie die Hand ausstreckte und …

»Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun.«

Rachel zuckte zurück. Sie fühlte sich wie eine Zehnjährige, die mit der Hand in der Keksdose erwischt worden war.

»Es gibt Hinweise darauf, dass der körperliche Kontakt gefährlich ist.«

»Ich verstehe.«

Was gelogen war, denn sie verstand überhaupt nichts. Vor allem nicht, was in dem Moment geschehen war, in dem sie dem Würfel zu nahe gekommen war. Ein eigenartiges Gefühl hatte sie durchströmt, als ob seine unmittelbare Nähe etwas in ihr … ausgelöst hätte.

Erkenntnis?

Schmerz?

Die Worte beschrieben nicht einmal annähernd, was sie empfunden hatte.

»Wissen Sie, woraus er besteht, Sir?«

Scott schüttelte den Kopf. »Im Augenblick wissen wir noch überhaupt nichts. Aber das wird sich hoffentlich bald ändern – mit Ihrer Hilfe, Dr. Briscoe.«

Ein schaler Geschmack in ihrem Mund. Natürlich wusste er etwas. Zum Beispiel, wo genau sich der Würfel am Meeresgrund befunden hatte. Und wie er ihn hatte bergen können. Die Erkenntnis, dass man ihr wichtige Informationen vorenthielt, war beunruhigend – und gleichzeitig wäre sie vor Scott auf die Knie gefallen, um die Zeichen auf dem Würfel untersuchen zu dürfen.

»Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie wollen. Sie finden mich auf der Brücke. Ich erwarte einen ersten Bericht in drei Stunden.«

Rachel wollte etwas erwidern, aber da spürte sie bereits, wie seine Schritte das Bodengitter zum Schwingen brachten. Sie blieb allein zurück. Ihr Atem kondensierte zu weißen Schleiern, die die Oberfläche des Würfels zu umschmeicheln schienen. Es gab keine Stelle, die nicht von Zeichen übersät war. Je länger Rachel sie betrachtete, desto unsinniger wirkte der Vergleich mit dem griechischen Alphabet. Diese Symbole, die zusammen mit den Schleiern vor ihren Augen zu tanzen schienen, waren ungleich vielfältiger und komplexer. Wahrscheinlich handelte es sich gar nicht um Buchstaben im eigentlichen Sinne, sondern um eine Art logographische Zeichen, was bedeutete, das Scott eher eine Linguistin als eine Archäologin hätte zu Rate ziehen sollen.

Oder noch besser: eine Spezialistin für okkulten Schwachsinn.

Draußen vor dem Eingang erkannte sie den Schatten des Bodyguards, der sie hereingerufen hatte. Er wandte ihr den Rücken zu und sollte offenbar dafür sorgen, dass niemand außer Rachel das Innere von Abby betrat. Sie zückte das Handy, schaltete es stumm und überprüfte, dass auch der Blitz deaktiviert war. Sie fotografierte die gesamte Oberfläche, wobei sie einige Stellen näher heranzoomte, um jedes Detail der Schriftzeichen zu erfassen. Langsam ging sie um den Würfel herum. Auf der Rückseite existierte nur ein schmaler Spalt zwischen der Oberfläche des Würfels und der Rückwand von Abby. Rachel schob die Hand hinein, auch wenn es wahrscheinlich zu dunkel war, um brauchbare Bilder zu schießen. Als sie die Hand zurückzog, streifte sie die Würfelkante – und spürte, wie ein Schauer durch ihre Brust jagte.

Die Oberfläche war wärmer, als sie erwartet hatte … und sie schien minimal zu vibrieren, als wäre das unheimliche Ding von einer Art Leben erfüllt.

Rachel konnte nicht widerstehen und strich mit den Fingerkuppen über die Symbole. Veränderten sie sich wirklich, oder war der merkwürdig verschwommene Eindruck nur … Einbildung? Eines der Zeichen bestand aus einem liegenden Rechteck, an dessen schmalen Enden jeweils zwei gekrümmte Striche ansetzten, die Rachel an Fühler eines Insekts erinnerten. Allerdings hätte das Tier dann zwei Köpfe haben müssen: Die Seiten des Symbols waren spiegelverkehrt vollkommen symmetrisch. Sie hatte so etwas schon mal gesehen – als Zeichen der ägyptischen Göttin Neith, die …

Die Bilder brachen über Rachel herein wie ein Gewitter. Aus der schwarzen Oberfläche vor ihr wurde Finsternis und schließlich die endlose Tiefe eines … Stollens? Aus der Dunkelheit kam ein grellweißes Licht, das wie eine Kette von Glühwürmchen auf sie zuraste. Und dazwischen: ein monströses, schwarzes Ding, das sich über die Kette bewegte … auf ein Gesicht zu. Ein Mädchen. Brünett, die Augen vor Schreck geweitet. Schreie. Blut. Fleisch. Und wieder Dunkelheit. Dann ein zweites Bild. Ein Schild, das wie von einem Spot aus der Dunkelheit gerissen wurde. Zwei Worte standen darauf.

»THE STR…«

Rachel spürte noch, wie ihre Knie nachgaben. Sie knallte mit dem Hinterkopf auf. Jemand schrie etwas. Das Bodengitter vibrierte, als der Kerl von der Security näher kam.

Das Handy! Steck es weg!

Sie wusste nicht, ob es ihr gelang, denn im nächsten Augenblick war der Mann über ihr. Kurz darauf die Stimme von Randolph Scott, der einen zweiten Mann aufforderte, sofort einen Arzt zu holen.

Sie öffnete den Mund.

Wir dürfen den Würfel nicht mitnehmen.

Aber sie war zu schwach.

Und verlor das Bewusstsein.

2

Es war reiner Zufall, dass es Ramon Diaz zuerst erwischte.

Eigentlich hätte ein Geschichtsstudent namens Flynt die Wochenendschicht übernehmen sollen, aber der hatte sich neun Tage vor Weihnachten wegen »unbestimmter Gliederschmerzen« eine zweiwöchige Krankschreibung organisiert.

Schönen Dank auch, Arschloch.

Wobei Ramons Pechsträhne eigentlich schon vor zehn Jahren begonnen hatte, kurz nach dem Richtfest des Hotels Plaza del Mar.

Hotel Plaza del Mar in Torre del Mar, das klang nach einem guten Plan, leicht zu merken. Aber dann war die Finanzkrise über Andalusien hinweggefegt und hatte die neugeplanten Bettenburgen in eine Perlenkette von Bauruinen verwandelt. Ein Hotel, in dem keine Stromkabel mehr verlegt wurden, brauchte auch keinen Elektriker mehr, das war irgendwie einleuchtend.

Nach einem kurzen Intermezzo bei einem Lebensmittelhändler in Torremolinos westlich von Málaga hatte es Ramon schließlich nach London verschlagen, zu Onkel Pablo, der ständig Aushilfskräfte für sein Restaurant suchte. Plaza del Mar, da könne er doch kellnern, oder?

Sechs Tage Knochenarbeit pro Woche inklusive Rückenschmerzen und einem Lohn, von dem er monatlich 100 Euro an seine Eltern schickte. Auf der anderen Seite Onkel Pablo, der drei von vier Gerichten an der Kasse vorbei abrechnete und Stammgäste im Hinterzimmer Black Jack spielen ließ. Vor seinen Angestellten brüstete er sich ein paarmal zu oft mit seiner Art der Gewinnoptimierung, bis die Steuerfahndung die Akten kartonweise aus dem Büro schleppte.

Beim nächsten Job war die Bezahlung noch schlechter. »My Name is Rose« war ein heruntergekommener Blumenladen in der Nähe der Fleet Street, dessen Besitzerin sich einen aufopfernden Kampf gegen Ketten wie »Wild at Heart« und »Isle Of Flowers« lieferte. Im Vergleich zur Arbeit bei Pablo war der neue Job allerdings easy-peasy. Er arbeitete nur halbtags und musste nichts anderes tun, als Sträuße mit Grußkarten vor den Wohnungstüren irgendwelcher Business-Ladys aus der City abzulegen.

Zum Beispiel bei der zierlichen Schwarzhaarigen, die über der Strand Station nahe Surrey Street wohnte, in dem Wohnhaus, das nach der Schließung der U-Bahn-Station auf das zweigeschossige Stationshaus aufgesetzt worden war.

Name: Karen Cross.

Dreimal hatte er schon vor ihrer Tür im fünften Stock gestanden, für drei verschiedene Verehrer. Normalerweise las er sich nie die Grußkarten durch, Hand aufs Herz, aber nur beim ersten Mal hatte sie die Tür geöffnet und ihm ein Lächeln geschenkt, das eine Monatsration Oxytocin in ihm freigesetzt hatte. Wahrscheinlich war sie psychisch krank oder vorbestraft. Konnte es einen anderen Grund dafür geben, dass diese Frau Ende zwanzig noch Single war?

Als er heute ihren Namen auf einem der Umschläge gelesen hatte, war es wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk gewesen, und er hatte sich ihren Strauß bis zum Schluss aufgehoben. Die Karte war ein Vordruck von HSBC und der Absender anscheinend Karens Boss, ein gewisser Vielen-Dank-für-die-angenehme-Zusammenarbeit-in-diesem-Jahr-Brian.

Ramon drückte auf den Fahrstuhlknopf.

Der Lift gehörte eigentlich zur U-Bahn-Station und war im Zuge der Renovierung wieder instand gesetzt worden. Er besaß eine riesige Kabine mit Holztüren und Sicherheitsgitter, das Ramon ratternd zuschob. Es gab sogar eine Sitzbank. Der Fahrstuhlkorb setzte sich in Bewegung.

Nach unten.

Da war wohl jemand im Keller schneller gewesen.

Ramon drückte noch mal auf die Taste und lugte durch einen Schlitz in der Papierverpackung. Die Rosen wirkten ziemlich vertrocknet. Ramon verspürte auf einmal einen pelzigen Geschmack auf der Zunge. Wann hatte er heute eigentlich zum letzten Mal was getrunken?

Der Fahrstuhl hielt auch nicht im Keller.

Es dauerte einen Moment, bis Ramon den Geruch bemerkte. Fäulnis und Schimmel, vielleicht von dem alten Mauerwerk, das jenseits des Gitters an ihm vorbeizog. Sein Blick glitt zu der altmodischen Knopfleiste, und erst jetzt fiel ihm auf, dass es überhaupt keine Taste für den Keller gab.

Ramon brach der Schweiß aus, was auch an der stickigen Wärme in der Kabine liegen konnte, und er dachte an Flynt, der total auf Lokalgeschichte stand und in den Mittagspausen jeden vollquasselte, der nicht schnell genug das Weite suchte. Hatte die Station vor der Schließung nicht mal anders geheißen? Aldwych oder so ähnlich? Und war sie nicht wegen des defekten Fahrstuhls überhaupt erst dichtgemacht worden?

Er drückte noch mal auf die Taste mit der »5«.

Etwas knisterte leise.

In seiner Hand.

Ramon riss das Papier auf, und Staub rieselte auf den Boden. Die Blumen waren … zerfallen.

Der Fahrstuhl hielt.

Ramon, dessen Brust sich auf einmal merkwürdig eng anfühlte, wischte sich die Finger am Hosenbund ab und drückte noch mal auf die Taste mit der 5.

Und noch mal.

Dann auf die anderen Tasten.

Die alte Glühbirne der Kabine flackerte …

Nur die Ruhe. Wenn ein Fahrstuhlschacht hier runterführte, gab es auch irgendwo eine Treppe nach oben. Blöd das alles, aber kein Beinbruch. Er versuchte mehrfach, das Gitter zu öffnen, bis er kapierte, dass er den Ausgang auf der anderen Seite der Kabine benutzen musste. Ein Schwall feuchtkalter Luft schwappte in die Kabine. Es war nicht ungewöhnlich, dass eine U-Bahn-Station so tief unter der Erde lag, vor allem in den Bezirken Westminster und Holborn.

Der Fahrstuhlkorb schüttete einen Lichthof aus, der zwei, drei Yards in die Dunkelheit reichte. Matte, in altbackenem Grünbeige gestrichene Fliesen und Spinnenweben. Auf dem Boden Pfützen, in denen abgestandenes Wasser schimmerte.

Die Handytaschenlampe.

Dabei fiel Ramons Blick automatisch auf die Netzanzeige. Kein Signal, war ja klar. Er leuchtete in den Korridor.

An der Wand stand in sorgfältig handgemalten, leicht verblichenen Buchstaben Information. Ein verriegelter, von fauligem Holz gerahmter Schalter, der in die Wand eingelassen war. Dahinter ein Pfeil, der den röhrenförmigen Korridor entlangführte. Zu den Bahnsteigen.

Ramon verließ den Fahrstuhlkorb … und erwischte prompt eine der Pfützen. Sofort zog er den Fuß zurück, aber da war das Wasser schon durch seine Nikes gesickert. Er verspürte ein Ziehen am Fuß, als bestünde die Pfütze nicht aus Wasser, sondern aus einer klebrigen Flüssigkeit.

Er ging weiter, an dem Zugang zum U-Bahn-Gleis vorbei, das nach Holborn führte. Endlich erinnerte er sich, was Flynt erzählt hatte. Aldwych war früher eine Endstation gewesen. Dann gab es also nur dieses eine Gleis, oder? Der Gang geradeaus musste zu einer Treppe führen.

Die Luft wurde immer schlechter. Die Klamotten klebten Ramon auf der Haut, und er fror erbärmlich, als er den Treppenschacht erreichte.

Vergittert!

Er rüttelte an den Stäben, aber sie saßen fest in der Verankerung. So eine Scheiße.

Der Gang führte noch weiter und endete an einer Metalltür.

Die offen stand.

Ramon leuchtete hinein. Die Luft dahinter wirkte trotz der Kälte irgendwie drückend. Der Gang machte einen Bogen und führte … irgendwohin. Einen Versuch war es wert. Weitere Pfützen. Ramon umging sie, indem er sich an der gekachelten Wand abstützte.

Ein Wispern.

Da war etwas vor ihm – an der Wand. Irgendetwas Amorphes, Dunkles, das knapp unter der Decke hing und ihn zu beobachten schien. Ramon richtete das Licht darauf, und das Etwas verflüchtigte sich.

Unsinn. Da war nur die Wand.

Er erreichte eine Steintreppe. Sie führte weiter in die Tiefe. Ramon leuchtete hinunter.

Ein zweiter Schacht.

Ein zweiter Bahnsteig!

Dann gab es auf der anderen Seite vielleicht – einen Ausgang?

Die Stufen waren glitschig. Und wieder dieses merkwürdige Ziehen an den Füßen, als ob irgendwas mit seinem Gleichgewichtssinn nicht stimmte. Das Handylicht riss zehn, zwölf Yards der Tunnelröhre aus dem Dunkel. Da lag tatsächlich noch ein Gleisbett. Die Schienen waren verrostet. Alte, teilweise abgeplatzte Kacheln an den Wänden. Verblichene Plakate. Werbung für das Rugby-Finale in Wembley. Und Pepsodent. Du wirst dich fragen, wo das Gelb geblieben ist. An einer Stelle waren die Kacheln heller, als hätte jemand dort ein Schild entfernt. In altmodisch geschwungenen, dunkelroten Großbuchstaben stand dort: THE STRAND.

Der Name, den die Aldwych-Station Anfang des 20. Jahrhun…

Jahrhun…

Jahrhu…

Ramon versuchte, das Wort zu denken, aber ihm war, als hätte ihm jemand einen Amboss auf die Stirn gelegt. Wo kam dieser verdammte Druck her?

Der Impuls, auf dem Absatz kehrtzumachen und zum Fahrstuhl zurückzulaufen, wurde übermächtig. Aber der Fahrstuhl war kaputt, und auf dieser Seite gab es keinen Ausgang. Er musste zur anderen Seite, so einfach war das. Und notfalls weiter durch den Tunn…

Durch den Tun…

Durch den …

Er ging los.

Langsamer, als er sich vorgenommen hatte. Und ängstlicher.

Ihm war schwindlig, und seine Schritte in dem zähflüssigen Matsch verursachten keine Geräusche mehr. Als hätte jemand die gesamte Station in Watte gehüllt.

Langsam näherte er sich der anderen Seite, vor ihm das schwarze Loch des U-Bahn-Schachtes, der Richtung Holborn führte.

Richtung Holborn, da, wo Menschen waren.

Richtung Hol…

Etwas Feuchtes lief über sein Gesicht. Seine Oberlippe. Er wischte darüber und richtete den Lichtstrahl auf seine Fingerkuppen. Das war Blut.

Der Druck in seinem Kopf war jetzt so schlimm, dass er nicht mehr wusste, von welcher Seite des Bahnsteigs er gekommen war. Lief er etwa in die falsche Richtung?

Das Wispern kehrte zurück.

Über ihm.

Seine Halswirbelsäule kreischte wie ein rostiges Scharnier, als er den Kopf hob. Eine Spinne, die sich von der Decke herabhangelte. Sie war klein.

Kleiner als die andere, die neben ihr herabglitt.

Aber größer als die dritte.

Ramons Atem ging stoßweise, nur unter großem Druck gelang es ihm, die Luft aus seinen Bronchien zu pressen. Wispern überall. An der Decke. Auf dem Boden. Und auf seinen Beinen.

Ramon schüttelte sich. Spinnen fielen aus seinen Hosenbeinen. Dutzende.

Er schlug nach ihnen, aber viel zu langsam. Feuchtigkeit in seinem Nacken. Jetzt blutete er auch aus den Ohren. Er sah nichts mehr und hörte nichts mehr. Spürte nur noch die Spinnen, die über seine Wangen krabbelten und … darunter.

Er schlug nach ihnen und traf nackte Haut.

Sie waren in ihm!

Etwas riss.

Erst war es nur das Polyestergewebe seiner Jacke, die er in einem Secondhandladen in Shoreditch gekauft hatte. Dann sein Pullover. Reine Schurwolle.

Dann riss seine Haut.

3

»Ich respektiere Ihre Meinung, Dr. Briscoe, aber Sie wissen, dass ich das unmöglich tun kann.«

Randolph Scott hatte keinen Blick übrig für die eindrucksvolle Silhouette des LASH-Carriers, der unter ihnen immer kleiner wurde. Sein Interesse galt allein Rachel, die neben ihm mit klopfendem Herzen und Kopfschmerzen im Helikopter saß. Sie war nicht sehr lange bewusstlos gewesen, höchstens ein paar Sekunden. Puls und Blutdruck waren in Ordnung, aber Cartwright hatte natürlich auf seinem Auftritt bestanden. Wie fühlen Sie sich, Dr. Briscoe? Sehen Sie auf meine Hand. Wie viele Finger hebe ich?

Verfolgt von den Blicken der Kollegen und Besatzungsmitglieder, hatte er sie in seine Kajüte verfrachtet und ihr irgendein kreislaufstabilisierendes Zeug aus seiner Bordapotheke verabreicht. Zum Schluss noch der Hinweis, dass ein stationäres Krankenhaus wahrscheinlich über bessere Diagnosemöglichkeiten verfügte.

Wow, tatsächlich?

Eine halbe Stunde später hatte Randolph Scott sie zum Helikopter bringen lassen, der jetzt, von einem Windstoß geschüttelt, Kurs in Richtung Norden nahm. Außer dem Piloten befanden sich nur Rachel und Randolph Scott an Bord.

»Ja? Und warum nicht?«, nahm sie den Faden ihres Gesprächs wieder auf, in dem sie Scott beschworen hatte, den Würfel umgehend zurück auf den Meeresgrund zu werfen. Es hatte sie selbst gewundert, mit welcher Inbrunst sie auf ihn einredete. Schließlich waren die Bilder, die während ihrer seltsamen … Vision vor ihrem inneren Auge aufgeblitzt waren, alles andere als aufschlussreich gewesen. Und vor allem hatten sie dem ersten Anschein nach rein gar nichts mit dem Würfel zu tun gehabt. Alles, was blieb, war das diffuse Gefühl von Gefahr, das sie wie eine eisige Hand umklammert hielt.

»Nun, weil es uns Millionen Pfund gekostet hat, dieses Ding zu heben, die ich nicht einfach in den Sand setzen kann, ohne meinen Auftraggebern eine plausible Erklärung zu liefern. Ahnungen und Bauchgefühle reichen dafür leider nicht aus.«

»Wer sind Ihre Auftraggeber?«

Sein Lächeln blieb die einzige Antwort.

Rachel tat sich schwer mit dem Gedanken, dass dieser asketische, zielstrebig wirkende Mann eine Instanz über sich duldete, die ihm Befehle erteilte. »Was ist mit den Leuten, die sie hergebracht haben? Warum lassen Sie sie auf dem Schiff zurück?«

»Weil ich sie dort brauche, um das wissenschaftliche Team zu unterstützen. Und weil ich die Gelegenheit nutzen möchte, auf unserem Rückweg nach London mit Ihnen über das zu sprechen, was Sie in Ihrer Vision gesehen haben.« Wieder dieses Lächeln, das weder falsch noch echt war.

»Nach London? Haben wir überhaupt so viel Sprit?«

Er lehnte sich demonstrativ zurück. »Das ist unser sogenannter Greencopter. Eine Eigenentwicklung, die selbst ähnliche Neuentwicklungen von Airbus in den Schatten stellt. Die besondere Form der Rotoren und das Gehäuse aus Spezialkunststoff ermöglichen eine beeindruckende Leistung bei geringem Verbrauch. Und verhältnismäßig leise ist er auch, sonst könnten wir uns hier drinnen übrigens gar nicht ohne Kopfhörer unterhalten.«

Ach, wirklich. Wie interessant. Aber so leicht würde sie ihn nicht vom Haken lassen. »Schön. Dann sprechen wir darüber. Woher wussten Sie, dass dieses Teil da unten liegt?«

»Ich wusste es nicht.«

»Entschuldigen Sie, Sir, aber …« Das ist doch einfach Blödsinn! »Sie wussten zumindest, dass irgendetwas dort unten liegt! Sie wussten, wie groß und wie schwer es ist, und Sie wussten, was sie brauchen, um es zu bergen. Also, wie haben Sie davon erfahren?«

Sie war schon immer gut darin gewesen, andere niederzustarren, aber Randolph Scott hielt ihrem Blick mühelos stand.

Die Maschine wurde erneut von einer Bö erfasst. Sie wusste nicht, ob es an Cartwrights Medikamenten lag oder am Schaukeln des Hubschraubers, aber ihr wurde auf einmal speiübel.

Eins steht ja wohl mal fest. Er wusste, dass das Ding gefährlich ist. Deshalb hat er dich doch davor gewarnt.

Aber stimmte das wirklich?

Sie dachte an die Bilder, die sie gesehen hatte – der merkwürdige Tunnel, der an einen U-Bahn-Stollen erinnerte, das schwarze Ding zwischen den Lichtern –, doch sie entglitten ihr, sobald sie versuchte, sich die Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen.

»Was ist mit meinem Gepäck?« Sie war jetzt wirklich kurz davor, sich in den Schoß zu kotzen.

»Ich werde veranlassen, dass es abgeholt wird. Jetzt ist es erst einmal wichtig, dass Sie nach Hause kommen.«

»Nein! Ich muss zurück auf das Schiff.«

Er sah sie ehrlich erstaunt an. »Eben haben Sie mir doch noch gesagt, ich soll den Würfel auf der Stelle versenken.«

»Und Sie haben gesagt, dass Sie das nicht tun werden! Also muss ich zurück und herausfinden, was es mit diesem Ding auf sich hat!«

»Bedaure, aber das kann ich nicht zulassen.«

»Sie haben mich geholt, weil sie wussten, dass Sie mich brauchen. Also lassen Sie mich meine Arbeit machen!«

»Es existieren zahlreiche Aufnahmen, die ich Ihnen für eine Analyse der Zeichen zur Verfügung stellen kann.«

Aufnahmen habe ich selbst genug, dachte sie wütend und erinnerte sich, wie sie voller Erleichterung festgestellt hatte, dass sich ihr Handy tatsächlich immer noch in ihrer Hosentasche befand. »Das reicht aber nicht. Ich muss Materialproben nehmen. Ich muss feststellen, wie das Objekt verarbeitet ist und mit welchen Mitteln die Zeichen auf seiner Oberfläche angebracht wurden.«

»Ich werde Ihnen ermöglichen, das Objekt ausreichend gründlich zu analysieren. Das ist ein Versprechen. Aber vorher möchte ich sichergehen, dass von dem Würfel keine gefährlichen Einflüsse ausgehen. Das verstehen Sie doch, oder?«

Klang plausibel. Oder doch nicht? Denn was bedeutete das für die restliche Besatzung des LASH-Carriers?

»Woher stammt dieses Ding? Und aus welcher Zeit? Ist es von Menschen gemacht? Gibt es noch weitere solcher Artefakte, und wenn ja, wissen Sie, wo sie sind?«

Sie stellte die Fragen absichtlich schnell hintereinander, als würden sie ihr spontan in den Kopf schießen, aber Scott ließ sich nicht aufs Glatteis führen. Er sah aus dem Fenster und verzichtete auf eine Antwort –, als ahnte er, dass die Diktier-App auf ihrem Handy die ganze Zeit über eingeschaltet war.

(...)

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Dennis Ehrhardt – Sinclair: Dead Zone. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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