Daryl Gregory: Afterparty

Afterparty - Daryl Gregory

FISCHER TOR

Leseprobe: Daryl Gregory - Afterparty


Lyda Rose war als Neurochemikerin an der Entwicklung des neuen Arzneimittels »Numen« beteiligt, eigentlich ein Mittel gegen Schizophrenie. Seit sie sich versehentlich eine Überdosis verpasst hat, wird sie von dem imaginären Engel Dr. Gloria begleitet – und sitzt deshalb in der Psychiatrie. Nach ihrem Unfall hätte Numen für immer im Giftschrank bleiben sollen; umso überraschter ist Lyda, als sie erfährt, dass die Droge plötzlich überall erhältlich ist.

Zusammen mit Dr. Gloria und der ehemaligen Geheimagentin Ollie beschließt sie, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie macht sich auf die Suche nach ihren ehemaligen Kollegen, ohne zu ahnen, dass die Reise zu einer atemlosen Hetzjagd über den nordamerikanischen Kontinent führen wird …

***

Kapitel 1

»Dann wollen Sie uns verlassen, Lyda?«, fragte Todd, mein Therapeut.

»Es sind jetzt acht Monate«, sagte ich. »Wird langsam Zeit, oder?«

Dr. Gloria schüttelte den Kopf und machte eine Notiz auf ihrem Klemmbrett.

Wir saßen zu dritt in Todds Kabuff auf der NAT-Station, Todd, Dr. Gloria und ich. Drei Stühle, ein Couchtisch aus Pressspan, keine Fenster. Todd lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und spielte mit seinem Smartpen: Schnick, und das Display öffnete sich wie ein Fächer, schnack, und es rollte sich wieder auf. Die Datei auf dem Display verschwand immer wieder so schnell, dass ich nichts lesen konnte, aber ich hatte so eine Ahnung, um was für ein Dokument es sich handelte.

Todd präsentierte sich gern als Mann aus dem Volk. Ein Weißer, der Arbeitshemden trug, die nie einen Tag körperliche Arbeit gesehen hatten, und Arbeitsstiefel, die nie mit Schlamm in Berührung gekommen waren. Dr. Gloria, die den Platz neben ihm in Anspruch nahm, glaubte dagegen an die traditionelle Uniform der Ärztinnen: weißer Kittel, dunkelgrauer Bleistift­rock, frauliche Schuhe mit Absätzen, die gerade noch tragbar waren. Das analoge Klemmbrett und die Brille à la sexy Bibliothekarin waren persönlicher Stil. Ich wollte sie bei dieser Besprechung nicht dabeihaben, aber weder Todd noch ich konnten da viel machen.

»Lyda«, sagte er in wissendem Tonfall. »Hängt Ihr Wunsch, uns jetzt zu verlassen, vielleicht mit Francines Tod zusammen?«

Francine war die Kleine, die sich mit Todds Kaffeebecher umgebracht hatte. Ich setzte ein Stirnrunzeln auf: Ach, ich kann Ihnen nicht ganz folgen.

»Der Antrag auf Verlegung wurde vor zwei Wochen gestellt, einen Tag, nachdem sie gestorben ist«, sagte Todd. »Ihr Tod schien Sie ganz schön mitzunehmen.«

»Ich kannte sie kaum.«

»Sie haben Möbel zerschlagen«, sagte er.

»Einen Plastikstuhl. Und er hatte schon einen Knacks.«

»Weich nicht aus«, sagte Dr. Gloria. »Es geht ihm um das Ausagieren von Wut.«

»Ich war wütend auf Sie alle. Ich hab gesagt, Sie müssen sie auf Antidepressiva setzen …«

»Haben wir ja«, erwiderte Todd.

»Aber zu spät, Herrgott. Himmel, ihre Symptome waren doch offensichtlich. Ich konnte es nicht fassen, dass niemand etwas unternahm. Ihre Eltern verklagen jetzt hoffentlich die Klinik, bis es richtig weh tut.«

»Wir haben sie nicht ausfindig machen können.«

»Wie praktisch. Obdachlose Waisen haben natürlich auch keine Anwälte.«

Dr. Gloria ließ ihr Klemmbrett sinken. »Alle zu beschimpfen, die hier arbeiten, wird dir kaum helfen.«

»Entschuldigung«, sagte ich. »Es ist nur … sie war noch so jung.«

»Ich weiß.« Todd klang plötzlich furchtbar erschöpft. »Ich habe versucht, mit ihr zu reden.«

So bescheuert er manchmal sein konnte, er sorgte sich um die Patienten. Und als einziger Vollzeit-Therapeut auf der Station arbeitete er praktisch allein. Die Neuroatypie-Station war ein Labor für beinharte KogWis und Neuropsychologen. Die hielten nicht viel von Gesprächstherapie oder von Gesprächstherapeuten wie Todd.

Mit zunehmender Isolation orientierte er sich zwangsläufig zu den Leuten hin, mit denen er die meiste Zeit verbrachte: Die Patienten waren, ohne dass er es merkte, seine Kohorte geworden, seine Crew. Ich wusste, dass meine Abschlüsse ihn einschüchterten. Er hegte den Verdacht, dass ich meiner Vita wegen eher zur Neuropsychologie hielt – was stimmte. Aber mein Hintergrund sorgte außerdem dafür, dass er sich insgeheim nach meiner Anerkennung sehnte. Manchmal ließ ich meinen Einfluss spielen, damit das Personal zum Wohl der Patienten handelte, aber ich war mir auch nicht zu schade dafür, ihn als Hebel zu benutzen, um hier rauszukommen.

Todd gab sich alle Mühe, wieder in den Therapeutenmodus zurückzufinden. »Haben Francines Symptome Sie verstört?«

»Wieso?«

»Sie ähnelten sehr Ihren eigenen. Die religiöse Natur ihrer Halluzinationen – «

»Viele Schizos haben religiöse Wahnvorstellungen.«

»Sie war nicht schizophren, jedenfalls nicht von ihrer genetischen Disposition her. Wir glauben, dass sie eine Designerdroge genommen hat.«

»Und welche?«

»Das haben wir noch nicht herausgefunden. Aber bei mir hat es geklingelt, als sie gesagt hat, dass Gott leibhaftig anwesend ist. So haben Sie auch über Ihren Engel gesprochen.«

Dr. Gloria sah mich über den Rand ihrer Brille hinweg an. Das war ihr Lieblingsthema. Ich verkniff es mir, sie anzufunkeln.

»Ich bin seit Monaten symptomfrei. Keine Engel. Keine Stimmen im Kopf. Ich hatte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen können, dass die von Ihnen verschriebenen Antipsychotika helfen würden. Meine Halluzination ist so durchgängig gewesen, so lang anhaltend, dass …« Ich zuckte die Achseln. »Aber Sie hatten recht, und ich lag falsch. Das gebe ich unumwunden zu.«

»Ich dachte, die wären einen Versuch wert«, sagte er. »Als Sie hier aufgetaucht sind, waren Sie in einem ziemlich schlechten Zustand. Nicht nur wegen Ihrer Verletzungen.«

»O nein«, stimmte ich ihm zu. »Wegen allem. Ich war völlig am Ende.« Meine Zwangseinweisung auf die NAT war erfolgt, nachdem ich mir in einem Spätverkauf meinen eigenen Drive-in-Schalter geschaffen hatte. Ich war mit 60 km/h von der Straße abgekommen und durch die Mauer gepflügt, und das um drei Uhr nachmittags. Meine Stoßstange brach einer Frau das Bein und schleuderte einen Mann beiseite, aber niemand ist gestorben. Der Ladenbesitzer erklärte einem Reporter, dass »jemand da oben« auf sie aufgepasst hätte.

Gott kriegt immer mit Leichtigkeit ein gutes Zeugnis.

»Ich habe das Gefühl, meine Probleme endlich in den Griff zu kriegen«, sagte ich.

Und sah auf. Diese Bemerkung hatte ich mit aller Ernsthaftigkeit geäußert, die ich aufbringen konnte. Todd schien es mir abzunehmen. Dann fragte er: »Haben Sie in letzter Zeit an Ihre Frau gedacht?«

Eine Frage mit der Raffinesse eines Brecheisens. Mein Therapeut versuchte mal wieder, mich zu knacken.

Dr. G. sagte: »Ihm ist aufgefallen, dass du deinen Ring berührst.«

Ich sah nach unten. Der Ehering bestand aus poliertem Messing und war außen sechseckig. Ein gemeinsamer Freund hatte uns ein Paar schmieden lassen.

Ich legte die Hände auf die Stuhllehnen. »Ich denke jeden Tag an sie. Aber nicht zwanghaft. Sie ist meine Frau. Sie fehlt mir.«

Vielleicht fand er es seltsam, dass ich so etwas über eine Frau sagte, die versucht hatte, mich umzubringen. Doch er sprach etwas anderes an: »Interessant, dass Sie die Gegenwartsform benutzen.«

»Wo sie doch vor bald zehn Jahren gestorben ist«, fügte Dr. Gloria hinzu.

»Ich glaube nicht, dass es eine zeitliche Begrenzung für Liebe oder Trauer gibt«, sagte ich. Einen ähnlichen Spruch hatte Todd in meinem ersten Monat auf der Station mit großem Ernst von sich gegeben. Da war ich gerade in der Entgiftung gewesen, verletzlich und alle Poren offen und hatte Todds Platituden aufgesaugt wie profunde Erkenntnisse. Wenn du nicht an Heroin kommst, nimm das Methadon.

»Und Ihr Kind?«, fragte er.

Ich lehnte mich zurück. Auf einmal wummerte mein Herz los. »Gehen Sie gerade irgendeine Checkliste durch?«

»Jetzt wirkst du wieder wütend«, sagte Dr. Gloria.

Und Todd: »Sie haben sie während unserer Therapiesitzungen nur ein einziges Mal erwähnt, aber Ihrer Akte zufolge …«

Schnick den Scheiß-Smartpen noch einmal an, und ich spring dir quer über den Tisch an die Gurgel.

»Ich habe kein Kind«, sagte ich.

Dr. Gloria sah mich über den Rand ihrer Brille hinweg an, die ärzteschaftliche Entsprechung verdrehter Augen.

»Nicht mehr«, fügte ich hinzu.

Todd spitzte die Lippen und signalisierte Enttäuschung. »So leid es mir tut, Lyda, ich kann das nicht einfach abhaken. Ich glaube, Sie versuchen hier rauszukommen, damit Sie sich etwas beschaffen können, und Sie waren immer noch nicht bereit, sich einigen Schlüsselthemen Ihrer Geschichte zu – «

»Ich nehme den Chip.«

Er sah mich an. Damit hatte er nicht gerechnet.

»Laut Gerichtsurteil steht mir diese Möglichkeit offen«, sagte ich. »Sie brauchen nur zu unterschreiben. Sie wissen, dass ich eine vorbildliche Patientin gewesen bin.«

»Aber Sie sind hier so gut wie fertig. Zwei Monate noch, und Sie sind draußen. Wenn Sie per Chip rausgehen, ist einjähriges Tracking vorgeschrieben. Ohne Genehmigung dürfen Sie nicht mal die Provinz verlassen.«

»Dessen bin ich mir bewusst.«

Er sah mich lange an. »Dass die sich nicht austricksen lassen, ist Ihnen klar? Nicht wie die alten Chips. Uns werden alle zehn Sekunden Ihre Blutalkoholwerte geschickt. Bei allem, was stärker als Aspirin ist, geht eine Warnlampe an. Und jeder Gebrauch einer verschreibungspflichtigen Substanz, die über das hinausgeht, was Ihnen verschrieben wurde, wird sofort an die Polizei gemeldet.«

»Jede Droge kann und wird gegen mich verwendet werden«, sagte ich. »Hab’s kapiert.«

»Schön. Denn als ich den Chip das letzte Mal erwähnt habe, meinten Sie, ich könne ihn mir in den Arsch stecken.«

»Na ja, klein genug ist er.«

Er unterdrückte ein Lächeln. Todd mochte es, wenn man mit ihm herumflachste. Gab ihm das Gefühl, dazuzugehören. Und als die (zumindest meiner Meinung nach) am wenigsten kranke Person auf der Etage war ich auch diejenige, mit der er am leichtesten reden konnte. Die Frage war nur: Litt er so sehr unter seiner Unsicherheit, dass er mich hierbehalten wollte, einfach damit wir nicht – schluchz – auseinandergehen mussten?

Zeit, die Sache unter Dach und Fach zu bringen. Ich sah auf meine Füße und tat verlegen. »Ich weiß, dass das nach meiner Entlassung im Grunde nicht erlaubt ist, aber …«

»Das hier ist ein geschützter Raum, in dem alles gesagt werden kann«, erklärte Todd.

Ich sah auf. »Ich würde gern mit Ihnen in Verbindung bleiben. Wenn das geht.«

»Das lässt sich sicher machen«, sagte Todd. »Vorausgesetzt, ich gebe meine Zustimmung.« Das jedoch stand längst fest.

Die NAT-Station war klein; hier lebten je nach Jahreszeit zwischen fünfundzwanzig und vierzig Leute. Neuigkeiten verbreiteten sich mit telepathischer Geschwindigkeit auf der Etage. Zwei Patienten waren sogar überzeugt, Telepathen zu sein, also wer weiß.

Ich packte gerade, als Ollie in meinem Zimmer erschien. Eins sechsundfünfzig, Haare vorm Gesicht. So still wie eine geschlossene Tür. Und wie alle auf der Station hatte sie ernsthaft einen an der Klatsche. Sie starrte ins Zimmer, in meine Richtung. Versuchte, das Rätsel zu knacken. Dieser Haufen Formen gehörte wahrscheinlich zu der einen Sache, diese horizontalen Formen zu einer anderen. Erst mal sortiert, ließen sich Etiketten anbringen: Bett, Wand, Reisetasche, Mensch.

Um ihr behilflich zu sein, sagte ich: »Hallo, Ollie.«

Ihr Gesicht veränderte sich – ein Anflug von Erkennen, während sie dem Arrangement roter Haare und schwarzer Kleidung das Etikett »Lyda« zuordnete – , dann wurde es wieder ausdruckslos. Sie war sauer. Ich hatte einen Fehler gemacht und ihr nicht erzählt, dass ich ging. Kein so großer Fehler, wie mit ihr zu schlafen, aber schlimm genug.

Schließlich sagte sie: »Kann ich ihn sehen?«

»Klar.«

Ollie konzentrierte sich auf die Veränderungen des Bildes. Das Objekt, das in ihrem Blickfeld auf sie zugeschwungen kam, musste logischerweise mein Arm sein. Von da aus fand sie mein Handgelenk und fuhr mit einem Finger meinen Unterarm entlang. Taktile Informationen ließen sich besser integrieren als visuelle. Sie zog das Pflaster halb ab und drückte auf den kleinen rosa Knubbel. Sie ging mit meinem Körper genauso unbefangen um wie mit ihrem eigenen.

»Total klein«, sagte sie.

»Mein neues tragbares Gewissen«, sagte ich. »Als ob ich noch ein zweites brauchen würde.«

Ihre Finger ruhten auf meiner Haut, dann glitten sie weg. »Du willst nach dem Dealer dieses toten Mädchens suchen.«

Ich versuchte nicht, es abzustreiten. Selbst auf Medikamenten war Ollie der klügste Mensch, dem ich je begegnet war, nach Mikala jedenfalls.

Sie schloss die Augen, blendete die visuelle Ablenkung aus. Was sie wie ein kleines Mädchen aussehen ließ. Sie meinte mal, ihre Filipina-Mutter wäre eins fünfzig groß und ihr weißer Vater aus Minnesota über eins achtzig, und sie würde immer noch darauf warten, dass diese Norwegergene endlich durchschlugen.

»Du kannst gar nicht wissen, ob es dieselbe Droge ist, die dich erwischt hat«, sagte sie, ohne die Augen zu öffnen. »Da draußen gibt es Tausende von Tintenmischern. Irgendjemand hat nur zufällig was mit denselben Symptomen zusammengerührt.«

Die Herrlichkeiten der D.I.Y.-Smartdrug-Revolution. Jeder Highschool-Schüler mit einem Chemjet und einer Internetverbindung konnte sich Rezepte runterladen und in kleinem Umfang Drogen drucken. Die kreativen Typen pfuschten gern an den Rezepten rum und probierten sie an ihren Freunden aus. Ständig schluckten Leute irgendwelches Papier, ohne zu wissen, was sie sich da in den Mund schoben. Die Hälfte der Patienten auf der NAT-Station waren keine Süchtigen, sondern Beta-Tester.

»Stimmt«, sagte ich ausdruckslos. »Ist wahrscheinlich gar nicht dieselbe Droge.«

Sie öffnete die Augen. Und durchschaute mich komplett. »Ich kann dir helfen.«

Gewissheit lag in ihrer Stimme. Ollie hatte mal Sachen für die US-Regierung gemacht. Und die Regierung Sachen mit Ollie.

»Ich glaube kaum, dass die dich hier rausspazieren lassen.« Ollie war nicht freiwillig hier. Man hatte sie wie mich wegen einer Straftrat schuldig gesprochen und dann hierherverlegt, weil die Ärzte fanden, dass sie ein interessanter Fall war. »Bleib lieber hier«, sagte ich. »Und werde erst mal gesund.«

Werde erst mal gesund. Das war ein NAT-Witz.

Sie sagte: »Ich kann hier innerhalb von zwei – «

»Schwester«, warnte ich leise. Das war so Usus unter den Patienten auf der Station. Wie Kinder, die auf der Straße spielen, einander »Auto« zurufen.

»Sekunden draußen sein«, schloss Ollie.

Dr. Gloria und eine Schwester der Tagschicht kamen ins Zimmer. »Fertig?«, fragte die Schwester mich.

Dr. G. sah Ollie an, dann wieder mich, ein wissendes Lächeln auf den Lippen. »Also, falls ihr so weit seid.«

Ich nahm meine Tasche. »Ich muss los«, sagte ich zu Ollie. Auf dem Weg nach draußen berührte ich sie an der Schulter. Das bin ich, sagte die Berührung. Das bin ich, die sich gerade von dir entfernt.

»Sie ist in dich verliebt, das ist dir hoffentlich klar«, sagte Dr. G.

»Krankenhausschwärmerei«, antwortete ich.

Wir standen vor der Klinik auf dem Gehweg und warteten unter einem grauen Himmel, aus dem Sonnenlicht rieselte, auf mein Taxi. Schmutziger Schnee säumte den Rinnstein, gewürzt mit Enteisungsgranulat. Hinter uns passierten Angestellte und Besucher die Drehtür wie Ionen eine Membran.

Ich schloss den Plastikbeutel, der meine Medikamente enthielt, und stopfte die Hände in die Taschen meiner dünnen Jacke. Bei meiner Einlieferung war Frühherbst gewesen, und meine Sachen für draußen hatten sich während der Aufbewahrung nicht angepasst. Trotzdem wollte ich nicht wieder reingehen, nicht einmal zum Aufwärmen. Ich war eine freie Frau – bis auf den Plastikspitzel an meiner Vene, der jedes Aroma in meinem Blut an den Äther meldete.

Dr. G. war mir nach draußen gefolgt. »Du tätest besser daran, bei ihr zu bleiben und drinnen deine Strafe abzusitzen. Weniger Versuchungen. Du warst doch so weit clean.«

»Edo stellt NME 110 her.«

»Das weißt du nicht.«

»Francine hat ständig nur über ›das Numen‹ geredet. Scheiße, das kann kein Zufall sein. Edo hat sein Versprechen gebrochen.«

»Er hat es nie gegeben«, sagte sie.

»Tja, bloß habe ich ihm was versprochen.«

»Hör dir nur mal selber zu. Du bist stinksauer. Ist dir schon mal die Idee gekommen, dass du überreagierst, was Francines Tod betrifft? Du hast eine Schwäche für Mädchen, die nicht wissen, wohin.«

»Schwachsinn.«

»Lyda …«

»Ich bin verantwortlich für die Droge, die sie umgebracht hat.«

»Selbst wenn es sich bei der Substanz um 110 handelt, was ich bezweifle, bedeutet es noch lange nicht, dass Edo Vik dahintersteckt.«

»Dann werde ich wohl herausfinden müssen, wer sie herstellt.«

Ein Auto hielt am Straßenrand, ein klappriger Nissan-Hybrid. Der Sprit musste ein Vermögen kosten. Der Fahrer sprang heraus und kam mir mit ausgebreiteten Armen entgegen. »Lyda!«

Bobby war ein fast schon attraktiver Weißer, dreiundzwanzig Jahre alt, mit drahtigen schwarzen Haaren und Mandelaugen, also war vielleicht auch was Asiatisches mit dabei. Ein ehemaliger Stationskumpel und völlig durchgeknallt. Aber gut drauf. Wichtiger war jedoch, dass er in Toronto lebte und ein Auto besaß.

Ich ließ mich von ihm umarmen. Der Preis fürs Abholen.

»Du siehst voll fit aus.« Er hatte eine kleine Schatztruhe aus Plastik um den Hals hängen, an einem Lederband, so ein Stück Aquariumszubehör, das er immer bei sich trug.

»Wohin soll’s denn gehen?«, fragte er mich.

»Bring mich zu meinem Dealer.«

Er blinzelte verblüfft. »Ähm, sicher?«

»Entspann dich. Ich will bloß mit ihm reden.«

»Du kommst gerade erst aus der Klinik. Möchtest du nicht nach Hause?«

»Ich hab kein Zuhause. Die Wohnung ist längst Geschichte.«

»Na, dann vielleicht ein Hotel?«

»Bobby, mir wird hier draußen langsam kalt.«

Er machte mir die Beifahrertür auf, dann wuselte er rüber auf die andere Seite.

Dr. Gloria sagte: »Ich kann dich nicht beschützen, wenn du mir nicht zuhörst.«

»Dann lassen Sie’s halt bleiben.«

»Ach, so leicht wirst du mich nicht los.« Zack, falteten sich an ihrem Rücken die Flügel auf, und die Welt verschwand in gleißendem himmlischen Licht. Ich kniff die Augen zu und sah weg.

»Siehe, ich werde immer bei dir sein«, sagte sie. Ich öffnete ein Auge. Sie pulsierte wie eine Migräne-Aura, verschleuderte Megawatt an Heiligenschein. Dann schlugen ihre Flügel, und sie hob ab.

Kapitel 2

Wir fuhren auf der 401 nach Toronto, während Dr. Gloria vorausflog: unser Leitstern. Bobby konnte sie natürlich nicht sehen. Die Ärztin war meine dauerhafte Halluzination, eine stehende Welle, die mein Temporallappen hervorbrachte und die von diversen anderen Mitgliedern meines mentalen ­Parlaments unterstützt wurde. Meine übernatürliche Begleiterin war ein Fake, aber im Gegensatz zu Francine wusste ich das.

Wir verließen den Highway und fuhren runter Richtung See. Ich kurbelte die Scheibe nach unten, und kalter Wind erfüllte den Wagen.

»Was hast du vor?«, fragte Bobby.

Ich warf den Beutel raus, der meine Medikamentenfläschchen enthielt. »Ballast abwerfen«, sagte ich.

»Was?«

»Augen auf die Straße, Kleiner.« Als wir auf den Campus der Universität einbogen, bremste er. Es war Mittwoch, Beginn des Collegewochenendes, also klapperte mein alter Dealer Brandy wahrscheinlich gerade die Verbindungshäuser ab. Wir rollten an viktorianischen Bauten vorbei, in denen Licht brannte und Bässe wummerten. Draußen standen Collegejungs in Shorts knöcheltief im Schnee. Mädchen in Mikrokleidern wackelten auf Highheels über die vereisten Gehwege. Bobby fuhr langsam, eine Hand an der Schatztruhe und die andere am Steuer, während ich nach Brandys Fahrzeug Ausschau hielt, einem verbeulten Lieferwagen von VW. Zweimal musste Bobby in die Eisen steigen, weil betrunkene Jugendliche auf die Straße taumelten.

»Herrgott nochmal, fahr rechts ran«, sagte ich.

»Wieso bist du denn sauer?«

»Du passt nicht auf. Du spielst an dir rum.«

Er ließ die Schatztruhe los. »Tu ich gar nicht.«

In seiner ersten Woche auf der NAT-Station hatte Bobby mir schüchtern erklärt, dass er früher hier oben gewohnt hätte – Fingerspitze zwischen die Augen – , aber jetzt hier drin leben würde – die Plastiktruhe. Die meisten von uns haben die Illusion, dass unser Bewusstsein hinter unseren Augen sitzt wie eine kleine Frau am Steuerpult – sehr praktisch, wenn es einen Körper oder ein Auto zu lenken gilt. Bobby jedoch glaubte, in einem Aquariumsspielzeug zu leben. Wer zum Teufel konnte sagen, was das mit seinen Reflexen anstellte?

Ich stieg aus. Ein, zwei Meter entfernt sank Dr. Gloria in einem Nimbus der Rechtschaffenheit herab. Sie faltete die Flügel zusammen, rückte ihre Brille zurecht. »Wie naheliegend. Wenn du einen Drogendealer suchst, fahr zum nächsten College.«

»Gehört zur höheren Bildung«, sagte ich. Wir standen vor einer Reihe heruntergekommener Verbindungshäuser, die in den alkoholgetrübten Augen der Jugend vermutlich einigermaßen glamourös aussahen. Ich ging zu einer Gruppe von Jungs, die alle rote Plastikbecher hielten. »Ich suche jemanden namens Brandy«, sagte ich.

Sie ignorierten mich. Ich verpasste dem Nächstbesten eins gegen die Schulter, und er zuckte von mir weg, dass pissgelbes Bier in den Schnee schwappte. Die anderen Jungs brachen in Gelächter aus.

Ich zeigte auf den vordersten. »Wo ist Brandy?«

»Sind Sie ihre Mutter?«

»Ist ein Kerl«, sagte ich. »Brandy. Handelt mit besonderen Sachen.«

»Bist du ein Bulle oder was?«, krähte einer. Ein anderer griff es auf und schrie wie ein Papagei. »Bulle! Bulle!«

»Ja, sehr gut. Ihr habt meine Tarnung durchschaut. Also, wo steckt er, verdammt?«

Der Bursche, den ich geboxt hatte, sagte: »Sigma Tau vielleicht?«

»Jau! Die GFD-Party!«

Die meisten zeigten in dieselbe Richtung.

»Danke, Jungs.«

Ich winkte Bobby zu mir, und wir gingen zu dritt die Straße runter und lasen die riesigen griechischen Buchstaben vorn an den Gebäuden. In jedem Haus war die Hölle los, Partys bis auf den Gehweg. Duftspuren von Marihuana ätzten die kalte Luft.

Ein Junge stürmte aus der Tür des Sigma-Tau-Hauses, warf die Hände hoch und brüllte einen Kampfschrei. Er war dürr und bis auf ein paar Flipflops nackt, mit einem breiten Grinsen und einer Erektion wie eine Wandfackel. Als er die Stufen runtersprang, jagten ihm ein halbes Dutzend nackter Jungen grölend nach und verschwappten Bier aus roten Bechern. Sie liefen direkt auf uns zu, die Ständer voran, wie eine Herde Nashörner.

»O Himmel«, sagte Bobby. Die Stampede teilte sich vor uns. Der vordere Junge lief zur Ecke, sein Hintern knallweiß, die Verbindungsbrüder ihm nach.

»GFD«, wiederholte Dr. Gloria, die jetzt begriff. »Gay for a day.«

»Vielleicht sollten wir später wiederkommen«, sagte Bobby nervös.

Ich marschierte die Stufen rauf. Die Party war Ausrasten pur. Es waren nur Jungs da, viele nackt, andere in Boxershorts und weißen Slips und Saunakilts. Ich fragte nach Brandy und folgte einer Reihe Nicken und Vielleichts durchs Haus. Die Türen standen offen, jeder Raum war Teil der Party. In manchen hatten die Brüder Matratzen auf den Boden geworfen und Tischchen mit Kondomen und Gleitmittel aufgestellt. Die Bierfässer waren mit Regenbogenstickern verziert. Auf einem Kickertisch lag, alle viere von sich gestreckt, eine männliche Aufblaspuppe in Bondagemontur aus Vinyl. Niemand bekam Schwulenkitsch so hin wie junge Heten. Und sie hatten ihren Spaß. In einem Planschbecken für Kinder wand sich ein Haufen weißer, dick mit Crisco eingeschmierter, glänzender Leiber. Ich stieg über zwei Jungs hinweg, die es auf der Treppe trieben, wobei der untere Mühe hatte, seine Bierdose nicht fallen zu lassen.

»Pass auf, wo du hintrittst«, sagte Dr. G.

Im Keller spielten ein Dutzend halb oder noch weniger bekleideter Typen Bierpong und brüllten über Musik hinweg, die einen halben Beat hinter dem Bass herhinkte, der von oben wummerte. Ich erspähte unseren Mann; er saß auf der Couch. Er war der einzige männliche Anwesende über fünfundzwanzig und als Einziger noch vollständig bekleidet. Pummelig, grinsend wie ein Baptistenprediger, mit grauen Haarbüscheln, die aus dem Kragen seines Sportshirts wucherten.

Er hatte die Couch zu seinem Büro gemacht. Ein zotteliger Kerl in Radlerhosen mit Herzprint hielt ihm eine HashCash-Karte hin, und Brandy tippte sie mit seinem Smartpen an – verschlüsselter anonymer Zahlungsverkehr in Echtzeit. Er bedeutete dem Jungen, ihm eine Handfläche hinzuhalten, dann zählte er ihm vier blau-grüne Kapseln darauf ab.

»Wie geht’s, Brandy?«, sagte ich.

Er sah auf und lächelte breit. »Lyda Rose! My home-again rose!«

Ich hatte Angst, dass er gleich anfangen würde zu singen. Meine Mutter stand auf Musicals und hatte mich nach einem Song aus The Music Man benannt. Es war nicht das Schlimmste, was ich von ihr mitbekommen hatte – das war der Sack voller genetischer Prädispositionen – , aber es nervte mich am meisten.

»Ich dachte, du hast die Stadt verlassen!«, sagte Brandy.

»Jetzt bin ich wieder da.«

»Am falschen Abend, für dich jedenfalls!« Ich konnte seinen Akzent nie richtig einordnen. Irgendwas Osteuropäisches. »Von diesen Jungs kriegst du nix.«

»Schon klar. Darf ich?«

»Ich glaube kaum, dass sie dir viel bringen.« Er lachte, dann gab er mir eine der Kapseln.

Ich rollte sie zwischen zwei Fingern. Blau mit grünem Streifen, ein undeutliches 50 mg an der Seite. Das Medikament hatte diverse Straßennamen – Flip, Velveeta, Vertical – , aber sein Markenname lautete Aroveta. Ein Produkt von Landon-Rousse, das bei Unterkühlung angewandt wurde und massiv die Produktion von Vasopressin anregte, einem fleißigen kleinen Peptidhormon, das bei der Gefäßverengung mitmischte (daher die Anzeige bei Unterkühlung), aber auch bei der Nierenfunktion, circadianen Rhythmen sowie der sexuellen Anziehung. Aroveta hatte ein paar Nebenwirkungen, darunter Wassereinlagerung und nächtliche Schlafstörungen. Ach, und wenn man einen Schwanz hatte, kamen einem andere Schwänze plötzlich deutlich attraktiver vor. Nichts, was Fischer, die aus der kalten See gezogen wurden, sonderlich zu schätzen wussten.

Die Partyszene hatte alle diese Bugs in Features verwandelt. Lange aufbleiben, kein Austrocknen, mit den Kumpels vögeln … was sollte daran schlecht sein?

Flip ließ einen nicht schwul werden – dafür bildete sich die sexuelle Orientierung zu früh heraus – , aber die Droge ließ die Brüder für eine Nacht der ungezügelten Männerliebe frönen, mit einer chemischen dritten Partei, der man am Morgen danach die Schuld geben konnte. Das war nicht ich, Alter! Das lag am Flip!

»Die Farben sind falsch«, sagte Dr. G.

Sie hatte recht. Die Hülle war zu dick und nicht durchsichtig genug, und das Blau hatte den falschen Ton. Die Kapseln stammten definitiv nicht aus einer Fabrik von Landon-­Rousse. Wahrscheinlich das Produkt einer Kleinanlage bei irgendjemandem im Keller.

Ich sagte zu Brandy: »Wissen die Jungs hier, dass das Fälschungen sind?«

Dabei hob ich nicht die Stimme, und vielleicht hatte er über der Musik nicht den gesamten Satz gehört. Aber eindeutig das entscheidende Wort. »He!«, sagte er wütend. »Schluss mit dem Bullshit! Bist du irre?«

Bobby gefiel das gar nicht. »Sie ist nicht verrückt! Sie hat mir das Leben gerettet, vor einem Werwolf!«

Brandy zog die Augenbrauen hoch. »Ernsthaft?«

»Werhyäne, genau genommen«, merkte ich an.

»Auch nicht schlecht«, sagte Brandy.

»Ich suche etwas«, erklärte ich. »Hast du einen Moment Zeit?«

»Amphetamine? Oxy? Ich glaube, ich habe alle deine Lieblingskomponenten.«

»Etwas ganz Spezifisches. Können wir irgendwo reden, wo es nicht so viel …«

»Genitalien gibt?«, warf Dr. G. ein.

»… Ablenkung gibt?«, fragte ich.

Brandy hatte seinen Lieferwagen um die Ecke geparkt. Ich sagte Bobby, dass ich bei Brandy mitfahren würde, was vielleicht ein Fehler war. Das Wageninnere roch genau nach dem, was es war: ein mobiles Drogenlabor. Ich stieg vorne ein und schob den Vorhang beiseite, der die Ladefläche abtrennte. Stahlregale rechts und links bogen sich unter dem Gewicht der Chemjet-Drucker und Autobatterien. Auf dem Boden lagen Alu-Grundstoffpackungen verstreut. Die C-Packs waren für jemanden mit den richtigen Papieren eigentlich legal (und Brandy hatte sämtliche richtigen Papiere), aber wenn einer dieser silbrigen Behälter aufging, würde die Luft verdammt giftig werden.

»Herrgott, Brandy. Du bist ein wandelnder Krebscluster.«

Wir fuhren zu einem Diner in der Bloor Street. Brandy kannte die Kellnerin, die uns einen Tisch ganz hinten gab. Ich sorgte dafür, dass Bobby neben dem Dealer saß, weil Dr. Gloria sich zu uns setzen wollte. Keine Ahnung, warum.

»Ich suche nach was Designtem«, sagte ich. »Dürfte neu sein.«

Er öffnete die Hände: Ja?

»Manche nennen es Numen. Je davon gehört?«

»Nee. Läuft es noch unter was anderem?«

Ich bezweifelte, dass jemand die Substanz bei ihrem Geburtsnamen NME 110 nannte. »Keine Ahnung. Vielleicht Logos. Das Zeug lässt dich Gott sehen.«

»So wie LSD?«

»Nein, anders. Es läuft über den Temporallappen und sorgt dafür – «

»Weil, LSD kann ich dir auf dem Parkplatz drucken«, unterbrach mich Brandy.

»Bitte halt einfach die Klappe und hör zu«, sagte ich. Bobby verzog das Gesicht. Mit Konflikten kam er nicht gut klar.

Brandy lachte glucksend und hob in gespielter Kapitulation die Hände. Die Kellnerin kam mit Wassergläsern und einem Teller Pommes mit Soße, den sie ihm hinstellte. Er dankte ihr überschwänglich.

Dr. G. war pikiert. »Sie ist weggegangen, ohne eine Bestellung aufzunehmen.«

»Die Droge gibt einem das Gefühl, mit einer höheren Macht in Verbindung zu stehen«, sagte ich zu Brandy. »Das übernatürliche Wesen ist mit einem im selben Raum. Ins Blickfeld integriert, man kann es sehen. Manchmal spricht es mit einem.«

»Es ist sehr überzeugend«, warf Dr. G. ein.

»Und es nervt total«, sagte ich. »Die Droge lässt einen an die höhere Macht glauben. Abhängig von der Dosis hält der Effekt Stunden oder auch Tage an. Und bei einer Überdosis …«

Geht er nie mehr weg. Dann muss man für den Rest seines Lebens tagtäglich enorme Energie darauf verwenden, sich daran zu erinnern, dass es sich um ein Trugbild handelt.

»Tja, dann wird es anstrengend«, sagte ich. »Hast du so was schon mal gesehen?«

»Nee.« Brandy mampfte. Er tat nicht mal so, als würde er nachdenken. Bobby schielte nach den Fritten.

»Ein obdachloses Mädchen hatte damit zu tun, Francine Selwig«, sagte ich. »So eine hübsche Kleine mit bunten Strähnen. Ihre Freunde kriegten es von jemandem, der eine Kirche betreibt.«

»Hat dieser Prediger einen Namen?«, fragte Brandy.

»Den weiß ich auch nicht.«

»Du verschwendest meine Zeit, Dr. Lyda.« Er schob sich fortwährend soßengetränkte Fritten in den Mund, redete diesmal aber weiter. Leider. »Geile Collegejungs warten auf mein Produkt.«

»Du meinst, auf dein Placebo.«

»Meine Kunden sind zufrieden. Hast du nicht gesehen, wie sehr?« Er hob den Unterarm und machte eine Faust. »Grrr.«

»Wie stark hast du es verschnitten?«

»Das kränkt mich.« Er sah alles andere als gekränkt aus. »Na schön, vielleicht fünfundzwanzig Prozent sind Traubenzucker. Aber das spielt keine Rolle, weil ich ihnen was Besseres als Aroveta gebe. Ich mische eine Geheimzutat bei.« Seine Augenbrauen hoben sich. »Sildenafil.«

Jeder ein Kocher, dachte ich. »Dürfte funktionieren.«

Bobby sah Brandy an und dann wieder mich. »Moment, was dürfte funktionieren?«

»Viagra besteht aus Sildenafil«, sagte ich.

»Oh.«

»Diese Jungs sind einfach gut drauf.« Brandy wischte sich den Mund mit einer Serviette ab, holte seinen Smartpen raus und wackelte damit zu mir hin. »Wenn es darum geht, sich die Hörner abzustoßen, frisst der Teufel Fliegen.«

»Ich glaube nicht, dass er weiß, wie man Metaphern benutzt«, sagte Dr. G.

Brandy griff den Pen mit beiden Händen, brach ihn mittendurch und warf die Überreste auf seinen Teller. Es war eine routinierte Bewegung wie das Ausdrücken einer Zigarette. Drogendealer hatten offensichtlich einen ordentlichen Verschleiß an Handys.

Er stand auf, um zu gehen, und ich hob eine Hand.

»Folgendes will ich kaufen«, sagte ich. »Erzähl es deinen Lieferanten. Deinen anderen Kunden.«

»Du willst nicht mit meinen Lieferanten reden, Doc.«

»Sag ihnen, sie sollen Bobby anrufen. Ich hab noch kein Handy. Ich zahle jedem gutes Geld, der mir sagen kann, wo es Numen gibt.«

»Ach, das gute Geld?«, fragte Brandy. »Nicht das böse?« Er zog einen neuen Smartpen aus einem Sechserpack-Blister.

»Braves, rechtschaffenes Geld. Geht sonntags zur Kirche.«

Er grinste. »Du siehst aus wie eine Frau, die mal wusste, was Geld ist, aber dann hat es sie für eine andere verlassen.«

»Womit wir wieder bei den Metaphern wären«, ätzte Dr. G.

»Ich hör mich mal um«, sagte Brandy. »Aber willst du nicht vielleicht doch noch schnell einen deiner alten Favoriten ausgedruckt haben?«

Ich dachte an den kleinen Klecks Plastik innen an meinem Unterarm. »Später vielleicht.«

Meine Wohnung hatte ich längst aufgegeben und sämtliche Besitztümer einlagern lassen. Mir fehlte die Kraft, in Erfahrung zu bringen, ob der Container wegen ausbleibender Zahlungen geleert und meine Sachen versteigert worden waren. Dass ich die Nacht deshalb in Bobbys Wohnung verbringen würde, begeisterte ihn ein bisschen zu sehr. Ohne sexuelle Hintergedanken; er stand einfach auf Übernachtungsgäste.

Er fuchtelte mit seinem Schlüsselanhänger vor der Tür rum, aber sie wollte nicht aufgehen. Er drehte am Schloss, winkte wieder mit dem Anhänger. Endlich bekam er es hin.

»Keine Kissenschlachten«, sagte ich.

»Ha!« Ein Bellen wie ein Tourette-Ausbruch, unmittelbar aus seinem Körper und ohne Beteiligung des Bewusstseins in der Schatztruhe.

Seine Zweizimmerwohnung lag über einem türkischen Imbiss, und der aufsteigende Geruch von gebratenen Zwiebeln hatte sich in den Teppich gebrannt und lag wie Farbe auf sämtlichen Oberflächen. Die Möbel sahen aus wie bei diversen Garagen-Flohmärkten erstanden: eine braun-orange Couch, ein blauer, schiefer Drehstuhl mit einer kaputten Fußstrebe, ein weißer Korbtisch aus einer Gartengarnitur. Die Küche war gerade groß genug, dass sich eine Person darin umdrehen konnte. Ohne Herd, nur mit Kochplatte und einer Mikrowelle unter dem Hängeschrank.

Hier also wohnte Bobby. Wir hatten zusammen drei Monate auf der Station verbracht, und in dieser Zeit hatte ich erfahren, wovor er am meisten Angst hatte, was für ein Mensch er gerne wäre und was er mir gegenüber empfand. Ich war, in Ermangelung eines besseren Worts, seine Vertraute. Aber ich wusste nicht, welchen Job er jetzt hatte, falls er überhaupt arbeiten ging, oder wer seine Freunde waren, wo seine Eltern lebten oder was er gern auf seiner Pizza hatte. So war das eben mit Beziehungen unter der Käseglocke. Gefängnis, Militär, Krankenhaus, Realityshow – lauter Taschenuniversen mit eigener Physik. Bobby und ich waren enge Freunde, die einander kaum kannten.

Er lächelte verlegen und deutete zur Schlafzimmertür. »Da drin wohnt mein Mitbewohner. Er kommt nie raus. Also fast nie. Ich schlafe auf der Couch.« Rasch fügte er hinzu: »Aber nicht heute! Die ist für dich. Ich schlafe auf dem Fußboden.«

Dr. G. sagte: »Das können wir nicht zulassen.«

Ich dachte: Klar können wir das. Ich bin zweiundvierzig. Er ist Anfang zwanzig und hat einen gesunden Rücken. »Ich brauche noch sauberes Bettzeug«, sagte ich.

Er sah nach oben und nach rechts. Versuchte, sich vorzustellen, wo in dieser Winzwohnung sich wohl saubere Bettwäsche verstecken mochte. »Bin gleich wieder da.« Er wandte sich zur Wohnungstür um.

»Warte, kann ich deinen Pen leihen? Ich muss ein paar Nachrichten schreiben.«

Er fischte ihn aus seiner Hosentasche. »Zieh an diesem Ding hier an der Seite, dann erscheint das Display.«

»Ich bin mit eurer fortgeschrittenen Technologie vertraut.«

»Klar, stimmt.« Er zeigte auf mich. »Frühstück! Was soll ich fürs Frühstück kaufen?«

»Nur Kaffee.«

Bobby schloss hinter sich ab – versuchte, mich zu beschützen. Ich ging zur Schlafzimmertür und lauschte nach dem einsiedlerischen Mitbewohner, doch es war nur ein Brummen zu hören, das von einem Deckenventilator stammen mochte.

Trotzdem ging ich auf die andere Seite des Zimmers, bevor ich das Display des Pens öffnete. »Nachricht an Rovil Gupta«, sagte ich. Ein Strom von Gesichtern und Kontaktdaten rollte das Display hinunter. Dutzende von Rovils, angefangen mit denen, die mir geographisch am nächsten waren. Obwohl unser letztes Treffen zehn Jahre her war, erkannte ich den gesuchten sofort. Er arbeitete für Landon-Rousse, und sein Titel lautete jetzt Stellvertretender Leiter der Verkaufsabteilung – eine Beförderung, seit ich das letzte Mal nachgesehen hatte. Schön für dich, Kleiner.

Ich tippte das Icon seines Gesichts an und sagte: »Ich bin’s, Lyda.« Die Worte erschienen unter Rovils Gesicht: Ich bin’s, Lyda. »Ich dachte, wir sollten reden.« Für eine Nachricht gab es zu viel zu sagen. Hi, ich bin jetzt zum dritten Mal aus der Klapse raus, auf elektrochemischer Bewährung, ach ja, und Edo stellt unser altes Produkt her.

»Ruf bald zurück«, sagte ich. »Es geht um … spirituelle Angelegenheiten.« Ich legte auf.

Möglich, dass die Nachricht gar nicht durchkam. Diese Handynummer stand nicht in seinen Kontakten, also blieb sie vielleicht im Spamfilter hängen.

Der Pen klingelte. Das Display war noch aufgefächert, und nun lächelte Rovils Gesicht mich an – im Livestream, kein Icon.

Mist. Ich hatte ihm geschrieben, aber doch nicht damit gerechnet, das Gespräch jetzt gleich zu führen. Wer ruft denn einfach gleich zurück?

Ich setzte eine freundliche Miene auf und ging ran. »Wie geht’s, Kleiner?«

»Ich fasse es nicht! Lyda!«

Immer noch ganz der Enthusiast. Rovil war bei Little Sprout unser erster und einziger Angestellter gewesen, unser ausdrücklich sogenannter Boy, obwohl wir ihn nicht mehr so nannten, seit ein Besucher meinte, dass es rassistisch klang. Er kam damals frisch von der Schule, wurde aber im Nu Mikalas rechte Hand. Der Chemiezauberlehrling.

»Dir scheint es ja ganz gut zu gehen«, sagte ich. »Stellvertretender Leiter, was?« Landon-Rousse war eines der vier großen Pharmaunternehmen, Stammhaus in Belgien, aber Filialen weltweit.

Er machte ein verlegenes Gesicht. »Hier sind alle stellvertretende Leiter. Du kannst dir die Bürokratie nicht vorstellen.«

Wir hatten seit dem Grönland-Gipfel vor zehn Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Dieses Meeting hatte kein gutes Ende genommen. Ich hatte Edo und Rovil gesagt, dass sie sich verpissen sollten und ich nie wieder was von ihnen hören wollte. Rovil, ganz das brave Kind, hielt sich daran. Selbst Edo hatte schließlich aufgegeben – bevor er komplett verschwand.

In den vergangenen Jahren, meist wenn ich betrunken war und sentimental wurde, hatte ich im Netz nach meinen Freunden von Little Sprout gesucht. Gils Status war immer derselbe – weiterhin eingekerkert. Und sämtliche Neuigkeiten zu Edo Anderssen Vik waren entweder a) offizielles PR-Blabla seiner Firma oder b) Spekulationen darüber, wieso er aus dem Licht der Öffentlichkeit verschwunden war. Rovil dagegen schien wirklich ein Leben zu führen. Ich war heilfroh, als er seinen Master machte, freudig überrascht, als er bei Landon-Rousse anfing, und später jedes Mal erfreut, wenn er in eine wichtigere Position wechselte. Ich fragte mich, ob es ihm gelungen war, seine verrückte Seite zu verbergen, oder ob er so gut war, dass sie ihn trotzdem behielten. Vielleicht hatte Ganesha, der Entferner der Hindernisse, ihm den Weg freigeräumt.

Der Smalltalk kam ruckelnd zum Stehen. Rovil fragte sich bestimmt, wieso ich ihn nach zehn Jahren Funkstille anrief, aber er war zu höflich, um es anzusprechen. Wusste er von meinen Entzügen, den Autounfällen, den Zeiten in der Psychiatrie?

Ich sagte mit gespielter Beiläufigkeit: »Und, mal von den anderen gehört? Edo, Gil …?«

Er blinzelte. »Gilbert, nein, natürlich nicht!« Armer Rovil, geht schon auf rohen Eiern, wenn er in meiner Gegenwart den Namen ausspricht.

»Wie man hört, darf er Besuch kriegen«, sagte ich.

Rovils Augen wurden groß. »Du denkst doch nicht ernsthaft daran …?«

»Nein, nein. Es ist Edo, auf den’s mir ankommt.«

»Oha. Das dürfte schwierig werden.«

»Ich hab versucht, ihn unter einer alten Privatnummer zu erreichen, aber die ist tot. Jede Adresse, die ich online von ihm gefunden habe, ist geschäftlich, und da bleibt man entweder in einer Mailbox hängen oder an der Rezeption. Ich habe Nachrichten hinterlassen, aber er ruft nicht zurück.«

»Kommt mir bekannt vor. Ich melde mich alle paar Jahre mal, aber er reagiert nicht.« Rovil grinste. »Wie einige andere Leute, die ich kenne.«

Wow, Klein-Rovil machte sich über mich lustig. »Ich hatte ein paar Probleme. Aber Edo … was ist aus ihm geworden?«

»Den hat seit Jahren niemand mehr zu Gesicht bekommen. Ich weiß nicht mal, in welchem Land er sich aufhält. Er ist ein, wie heißt das noch? Kein Einsiedler …«

»Ein Sonderling. Lässt sich die Fingernägel wachsen, bewahrt seinen Urin in Einmachgläsern auf, solche Sachen.«

»Woher hast du denn die Geschichten?«, fragte Rovil bestürzt. Die Anspielung entging ihm völlig.

»War nur Quatsch. Ich muss dich um einen Gefallen bitten.«

Er überlegte und sagte dann mit absolutem Ernst: »Wenn ich kann, gerne.«

»Besorg mir Edos Privatnummer.«

»Wie ich schon sagte, niemand weiß – «

»Er muss doch Anwälte haben, Personal, was auch immer. Sorge dafür, dass ihn eine Nachricht erreicht. Er kann dich gut leiden, Rovil. Er wird sich bei dir melden. Sag ihm, es ist wichtig.«

»Was ist denn? Was ist passiert?«

Mein Bauchgefühl riet mir, ihn so lange wie möglich außen vor zu lassen. Rovil war bei Little Sprout der Jüngste gewesen und nicht mal Mitinhaber. Er hätte gar nicht in das, was bei der Party passiert war, mit hineingezogen werden dürfen. Aber er war dort gewesen, und es hatte ihn genauso erwischt wie uns alle. Der kleine Christenjunge war mit einem Hindugott im Kopf aufgewacht. Wir gehörten einem sehr exklusiven Club an.

Ich fragte: »Ist das eine Geschäftsnummer?«

Er begriff den Sinn der Frage. »Es ist mein Privathandy.«

Was nicht bedeutete, dass niemand mithörte. Möglicherweise überwachte Landon-Rousse die private Kommunikation seines Führungspersonals. Dabei hatten sich schon etliche Unternehmen erwischen lassen. Aber wenn Rovil keine Bedenken hatte, dann wollte ich das Risiko eingehen.

»Ich bin jemandem begegnet, der Gott gesehen hat«, sagte ich.

Rovil legte den Kopf schief, er kam nicht ganz mit.

»Jemand stellt Numen her.« Jetzt schnallte er es. Das Wort ging hoch wie eine Infogranate, und ich sah zu, wie sein Gesicht diverse Emotionen widerspiegelte, bevor er sich wieder im Griff hatte und eine Miene des höflichen Zweifels aufsetzte.

»Du … hattest du noch einen Rest 110?«

»Nein. Es ist neu.«

»Vielleicht ist es irgendeine andere Substanz. Hast du etwas davon?«

»Noch nicht. Ich arbeite daran.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie das möglich ist. Little Sprout hat vor dem Prozess zugemacht. Wir waren uns alle einig, dass niemand …« Seine Augen wurden groß. »Du denkst, Edo steckt dahinter?«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich will nur mit ihm reden.«

»Aber er ist ein … spiritueller Mensch«, sagte Rovil. »Wir sind jetzt alle spirituell.«

»Nicht alle Götter sind gleich«, sagte ich. »Rovil?«

Er sah nicht aufs Display. Er stellte sich vor, wie unser Freund Edo das Gesetz brach – und unser Vertrauen. Es flashte ihn total.

»Wahrscheinlich ist es nichts weiter«, sagte ich. »Reiner Zufall.«

Sein Blick glitt zu mir zurück. »Wie kann ich dir helfen?«

»Also wenn du mich so fragst«, sagte ich. »Ich muss mir fünftausend Dollar leihen.«

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Daryll Gregory - Afterparty. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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