Cornelius Zimmermann: Rocking the Forest

Cornelius Zimmermann: Rocking the Forest

FISCHER TOR

Leseprobe: Rocking the Forest (Cornelius Zimmermann)


Lest hier die ersten Seiten von »Rocking the Forest«, dem tierisch-funny-fantastischen Debütroman von Cornelius Zimmermann.

Darum geht es im Buch: Ein so musikalisches Fleckchen Erde wie den Müützelwald gibt es nicht noch einmal. Knallfrösche verlieren sich in jazzigen Jam-Sessions, Muchtenknilche verfallen in meditative Singsänge und Riesenlibellen haben den Pop neu erfunden. Und Iggy? Ja, Iggy der Wolfmorf ist einer der berühmtberüchtigsten Forest-Doom-Musiker der Welt.  Es wäre doch gelacht, wenn er nicht die Goldene Dolde beim diesjährigen Rocking-the-Forest-Forest-Doom-Festival gewinnen würde! Wenn seine Band ihn nicht elf Tage vor dem großen Auftritt im Stich gelassen hätte...

*** Leseprobe **

Noch 11 Tage bis zum 237. ROCKING THE FOREST BAND CONTEST

Kampf dem Kitsch

Es ist ein dunkler, kalter Nachmittag im Müützelwald; dichte, reglose Nebelwände umstehen die Baumriesen, deren feierlich aufragende Stämme sich in den Schwaden verlieren. Feine Wassertröpfchen überziehen die dunklen Farben des stillen Waldes mit einem zarten Silberschleier. Ein Geschwader türkis-orange-lila-apfelsinenfarben gestreifter Libellen taucht in exakter Formation aus dem Nebel auf, taucht wieder in ihn ein und verschwindet. Wenig später kann man die Geräusche des Libellengeschwaders vernehmen, das sich in exakter Formation darin verfliegt und volle Lotte gegen einen Baumriesen kracht. Dem wüsten Schimpfen der Rieseninsekten folgen die Geräusche eines Faulrindenkäfers, der soeben von wütenden türkis-orange-lila-apfelsinenfarben gestreiften Libellen vermöbelt wird. Dann verliert sich das Brummen des – nun etwas zerknitterten – Geschwaders zwischen den Bäumen, und nur die weiche Stille des Nachmittags bleibt zurück.

Der Blick schweift weiter über die Szenerie, wandert über die stillen Bäume, deren knorrige, verschlungene Wurzeln im und über dem Waldboden Höhlen, Unterschlüpfe, Brücken und Leitern bilden. Nur ab und zu lässt sich ein kleiner Waldbewohner sehen, ein Eichhörnchen etwa, das in sein Versteck schlüpft und so tut, als habe es die Nüsse nicht aus Nr. 85 in der großen Eiche nebenan geklaut.

Der Blick wandert noch ein bisschen tiefer und findet am Fuße eines besonders stattlichen Baumriesen einen Wurzelvorsprung. Erst bei näherem Hinsehen kann man erkennen, dass der Vorsprung eine kleine Rindentür überschattet, die die dahinterliegende Höhle zwischen Wurzel und Waldboden sicher verschließt. Nur mit Mühe sind die Buchstaben zu entziffern, die in kantiger Schrift und roter Beerenfarbe auf ein Schild an der Tür gemalt sind.

Oben steht:

The Müützel Monotones

Und darunter, ein wenig kleiner:

Proberaum

Und darunter, noch ein wenig kleiner:

Nicht klopfen, hören eh nix. Einfach warten, bis wir rauskommen.

Nähert man sich vorsichtig und noch leiser als zuvor schon der Tür (man weiß ja in diesem geheimnisvollen Wald nicht, was plötzlich hinter einer solchen Wurzel hervorspringen könnte), kann man dahinter ein dumpfes Scheppern und Lärmen hören. Über einem rasenden Trommelrhythmus liegt das sirrende Kreischen einer Gitana, die typischen Riffs eines Forest Doom-Standards sind auszumachen. Die brodelnde, erdige Leadstimme, die sich mühelos gegen das Lärmen durchsetzt, peitscht die Musik immer weiter auf. Auf einmal jedoch bricht der Song ab. Aufgeregte Stimmen sind zu hören. Offenbar erhebt sich eine Diskussion, ein Streitgespräch. Immer mehr Ärger ist den Stimmen anzuhören, besonders eine ist immer klarer gegenüber den anderen zu erkennen, wobei nur schwer einzuschätzen ist, ob es sich um den Sänger handelt, die Sprechstimme ist nämlich viel höher und durchdringender als das erdige Grollen, das man eben noch vernehmen konnte.

Plötzlich fliegt die Tür auf, und ein kleines Wesen, das unschwer als ein Wolfmorf identifiziert werden kann, stürzt hinaus. Er dreht sich zitternd vor Wut um, blickt flammenden Blickes zurück auf die dunkle Türöffnung. Seine maulwurfsähnlichen Schaufelpfoten sind zu Fäusten geballt, die er wütend schüttelt.

»Bin ich denn der Einzige in diesem Scheißwald, dem noch etwas an einem künstlerischen Gesamtkonzept liegt?«, kreischt er. »Es wird doch wohl nicht so schwer sein, Forest Doom nicht in Kitsch abgleiten zu lassen!!!« Verzweifelt reckt er seine Fäustchen in die Luft, scheint den Baumkronen zu drohen. »Wir sind die Müützel Monotones und nicht irgendeine Mmrbflkrrrrrmmmm …« Die letzten Worte gehen in unverständliche Laute über, als sich ein ziemlich nasses, ziemlich schweres und ziemlich vermodertes Blatt über den armen kleinen Wolfmorf senkt.

Aus der noch immer geöffneten, dunklen Türöffnung tritt – wenn man das so sagen kann – ziemlich betretene Stille. Würde man sich vorsichtig und mit dem gebotenen Respekt ein wenig näher an das Blatt heranschleichen, könnte man kleine Fäuste hören, die auf den Boden trommeln, und ein Fluchen wie »Hat sich denn der ganze Scheißwald gegen mich verschworen …« Dann kehrt wieder Stille ein. Schließlich wird ein resigniertes Stöhnen vernehmbar. Das Blatt bewegt sich, und der Wolfmorf krabbelt ächzend darunter hervor. Missmutig pflückt er sich einige besonders hartnäckige Noten und Erdbrocken aus dem Pelz, schüttelt sich noch einmal und stapft dann – leise vor sich hin schimpfend – davon. Langsam, nach und nach, verschwimmen die scharfen Umrisse, die der kleine Musiker in der dicken Nebelsuppe hinterlassen hat, die Nebelwand schließt sich hinter ihm, und alles ist wieder ruhig.

 

II Noch 10 Tage bis zum 237. Rocking the Forest Band Contest

Wolfmorfjammer

Ein prächtiger Sonnenaufgang lodert hinter den fernen Gipfeln des Krazznuuf-Massivs empor. Die durch die Baumwipfel hereinflutenden Strahlenbahnen lassen die nächtliche Regenfeuchte des Waldes in einer Explosion von Glitzern und Gleißen aufleuchten. Im Morgenlicht brechen die Grüntöne des Waldes in ihren myriadenfachen Abstufungen hervor, als stünde man im Inneren eines riesenhaften Smaragdes.

»Danke für die Sonnenbrille, Alter«, schnauft Iggy der Wolfmorf.

»Keine Ursache. Immer gerne zu Diensten.« Das Eichhörnchen wirft sich die Tasche über die Schulter und macht Anstalten, den Stamm wieder hinunterzuklettern. Dann zögert es, dreht sich noch einmal um. »Äh, hör mal, Ig. Wenn ich du wäre, würde ich der Kriechspinne von der Pilzwaldlichtung nicht allzu deutlich auf die Nase binden, dass du eine neue Sonnenbrille hast. Bodo bringt, was Bodo hat, okay?«

»Kein Ding, Bodo. Jeder weiß, dass du ein gesetzestreuer Bewohner des Müützelwaldes bist.«

»Du bist ein Schatz, Iggy. Mach’s gut und bleib oben!« Mit diesen Worten schwingt sich Bodo über den Rand des Baumhausbalkons, und es sieht so aus, als wolle er auf den breiten Sonnenbahnen bodenwärts reiten.

Iggy seufzt, rutscht am Rand des Balkons hin und her, schiebt sich die Sonnenbrille auf der pelzigen Schnauze noch ein wenig höher und lässt die Hinterbeine baumeln, während er missmutig und mit schmerzendem Kopf in den anbrechenden Morgen schaut. Er fühlt sich, als habe man ihm eine dicke, dornenbesetzte Schlingpflanze um den Kopf gelegt und sie kräftig festgezwirbelt.

Wie viele »Rocking Dustbins« mögen das gestern Abend in Donnys Waldbar & Grill gewesen sein? Fünf? Sechs? Die Zahlen tanzen in seinem Kopf einen beunruhigend unkoordinierten Tanz und verlieren bald ihren Sinn.

Und das alles nur, um in den frühen Morgenstunden in einem Astloch aufzuwachen, umgeben von empört fiependen, nackten jungen Spechten, auf dem Kopf eine umgedrehte Eicheltasse?

Himmel, ich bin doch keine 80 mehr!, denkt er sich. Aber was hätte er denn anderes tun sollen, als sich zu betrinken, nach so einer deprimierenden Bandprobe?

Ein leises, aber deutlich ungestimmtes »Ping-Boink« lässt ihn zusammenzucken. Ärgerlich grollend schaut er an sich herunter, wühlt mit den Schaufelpfoten in seinem braunen Pelz herum, durchsucht den neben ihm liegenden buschigen Schwanz. Schließlich zieht er mit spitzen Fingern eine winzige, etwas ängstlich wirkende Note zwischen den Haaren hervor.

»Genau das meine ich. Wie soll man denn so arbeiten können?«, brummt er, hält die sich windende Note über den Rand des Balkons und lässt sie fallen. Er beugt sich ein wenig vor und beobachtet die Note, wie sie sich dem Waldboden entgegenschraubt und dabei ein leises, aber für Iggys feine Wolfmorfohren deutlich vernehmbares Jaulen von sich gibt. Mit seinen nicht minder scharfen Knopfaugen sieht er, wie sie federnd auf einem Moosbett aufkommt, sich kurz schüttelt und dann nach kurzem, zögerlichem Schnüffeln davonhoppelt.

Zugegeben, die Jungs haben Talent: Bapf der Hirschkäfer an der Gitana, Johnny-Bo der Wilde Weberknecht am Schlagzeug und Sichssss-P die Mondwespe am Sopran-Blip. Und sie spielen klassischen Forest Doom. Rocking the Forest ist ein Forest Doom Band Contest. DER Forest Doom Band Contest. Die Teilnehmer kommen sogar aus weit entfernten, exotischen Gegenden wie der Lichtung hinter dem Fluss. Sie sprechen oft kaum genug Müützel, um die Teilnahmeblätter auszufüllen. Aber was sie alle verbindet, ist die tiefe Liebe zum Forest Doom, da können die blöden Libellenpopper so viel Rabatz machen, wie sie wollen.

Und was tut die Band? Diskutieren. Iggy stöhnt auf bei dem Gedanken: »Neue Einflüsse.« – »Den Forest Doom revolutionieren.« – »Die Vermählung von Forest Doom und Mushrock.« – »Alte Zöpfe abschneiden.« Himmel, klassischer Forest Doom ist zeitlos!

Die Müützel Monotones sind auf dieser Seite des Flusses (also dort, wo nach gängiger Definition die Zivilisation zu Hause ist) zur Legende geworden, weil sie immer guten, zeitlosen, regentropfenreinen Forest Doom gespielt haben. Hierfür stehen die Müützel Monotones mit ihrem Namen, und hierfür haben die Müützel Monotones (in anderer Zusammensetzung) beim 227. Rocking the Forest die »Goldene Dolde« gewonnen.

Zugegeben, das ist mittlerweile zehn Jahre her, aber wir leben eben in verstörenden Zeiten, in denen Bands wie die Caterpillar Killers und die Dunklen Prinzen des Waldbodens die »Goldene Dolde« gewinnen können, Bands, die von Forest Doom ungefähr so viel verstehen wie … wie … na … naja, wie ein Libellenpopper von Forest Doom eben. Aber gerade deshalb muss man sich immer wieder aufs Neue für den echten Forest Doom in die Bresche werfen, das wäre doch gelacht. Und da können Bapf, Johnny-Bo und Sichssss-P noch so oft über ihn die Augen rollen und irgendwas von »konservativ« und »eh keine Chance« murmeln.

Die Morgensonne taucht Iggys Baumhausbalkon in ihre angenehm wohligen Strahlen, und er genießt die Wärme auf seinem Pelz und den Geruch des sich ausdehnenden Holzes. Die Luft ist erfüllt von Vogelgesang und -gekreisch, vom Kratzen, Scharren, Quietschen und Sägen aus den umliegenden Baumwipfeln. Vom fernen Waldboden ertönen die feinen Raschelgeräusche der Erdbewohner.

Iggy lässt noch eine Weile seine trüben Gedanken von den Strahlen dahinschmelzen, dann erhebt er sich ächzend und schlurft gemächlich durch die runde Tür in das Innere des Baumhauses. Geschickt in ein Astloch eingepasst, aus elastischen Rindenstücken und Zweigen zusammengefügt und mit dicken Blättern gedeckt, schmiegt es sich hoch oben an den Stamm des Baumriesen. Das Baumhaus selbst ist in seiner Form rundlich und umschließt einen einzigen kleinen Raum mit einem allerdings absolut ebenen Fußboden, der aus geraden, dünnen Zweigen geflochten ist und vor der Tür in einen halbkreisförmigen Balkon ohne jedes Geländer übergeht. An einer Seite des Raumes lagern in einem Nest aus frischen Zweigen Iggys Essvorräte: Nüsse, Wurzeln, winzige getrocknete Insekten, Insektenflügelchips, Nesselknäcke, Trockenbeerenspieße und was ein Wolfmorf sonst noch so alles zu vertilgen pflegt. Auf der anderen Seite steht ein behagliches wolfmörfisches Schlafnest aus frischem, duftendem Moos, mit weichen Flaumfedern durchflochten. Der Fußboden dazwischen ist, naja, in Gebrauch: Unzählige verschiedene Musikinstrumente liegen achtlos durcheinander, mehrere Blips in verschiedenen Stimmlagen und Stimmungen, Drumsticks, Rasseln, Gitanas und Uga-Ugas.

Iggy greift sich eine Nuss aus dem Vorrat und knuspert sie mit Behagen auf seinem Balkon. Dann rollt er sich auf dem warmen Holz in der Sonne zusammen und nickt ein.

>> Diese Leseprobe als PDF herunterladen

 

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Cornelius Zimmermann - Rocking the Forest. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


Share:   Facebook