Charlie Jane Anders - Alle Vögel unter dem Himmel

Charlie Jane Anders: Alle Vögel unter dem Himmel

FISCHER TOR

Leseprobe: Alle Vögel unter dem Himmel (Charlie Jane Anders)


Patricia Delfine merkt früh, dass sie eine Hexe ist. Schließlich kann sie mit den Vögeln sprechen – oder konnte es früher zumindest einmal. Wie an diesem Sommertag, an dem der große Baum im Wald ihr ein Rätsel aufgegeben hatte: Ist ein Baum rot?, fragte er sie. Laurence Armstead ist ein Nerd: Schon als Highschool-Schüler erfindet er in seinem Kinderzimmer eine Zeitmaschine, die es ihm erlaubt, zwei Sekunden in die Zukunft zu reisen.


***

Kapitel 1

Als Patricia sechs Jahre alt war, fand sie einen verletzten Vogel im Wald. Flatternd saß der Spatz im nassen roten Laub, das sich in der Kuhle zwischen zwei Wurzeln gesammelt hatte, und schwenkte den gebrochenen Flügel. Er schrie in einem Ton, der fast zu hoch für Patricias Ohren war. Sie blickte den Sperling an und sah die Angst in seinen schwarz umrandeten Augen. Mehr als Angst – Verzweiflung, als wüsste er, dass ihm der Tod bevorstand. Patricia hatte zwar noch nicht verstanden, wie das Leben für immer aus einem lebenden Wesen weichen kann, aber sie verstand, dass sich dieser Vogel mit allem, was er hatte, dagegen wehrte.

Patricia gelobte von ganzem Herzen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Vogel zu retten. Und das führte dazu, dass Patricia eine Frage gestellt bekam, auf die es keine richtige Antwort gab, was sie fürs Leben zeichnete.

Sie hob den Spatz ganz vorsichtig mit einem trockenen Blatt auf und setzte ihn in ihren roten Plastikeimer. Die schräge Nachtmittagssonne fiel auf die Eimerwand und badete den Vogel in rotes Licht, so dass er radioaktiv zu strahlen schien. Der Vogel flatterte immer noch, versuchte, mit einem Flügel wegzufliegen.

»Ganz ruhig«, flüsterte Patricia. »Ich hab dich. Alles wird gut.«

Patricia hatte schon öfter Tiere in Not gesehen. Roberta, ihre ältere Schwester, fing gern Waldtiere ein und spielte mit ihnen. Sie warf Frösche in den rostigen Mixer, den ihre Mutter ausrangiert hatte, oder steckte Mäuse in ihren selbstgebauten Raketenwerfer, um zu sehen, wie weit sie flogen. Aber dies war das erste Mal, dass Patricia ein leidendes Tier anschaute und seine Not wirklich sah, und jedes Mal, wenn sie ihm ins Auge blickte, gelobte sie wieder, den Vogel unter ihren Schutz zu nehmen.

»Was hast du da?«, fragte Roberta, die in der Nähe durchs Unterholz trampelte.

Beide Schwestern hatten blasse Haut, Stupsnasen und dunkelbraunes Spaghetti-Haar, egal, was sie damit anstellten. Aber Patricia war ein scheuer Wildfang mit einem runden Gesicht, grünen Augen und ewigen Grasflecken an den Knien ihrer zerrissenen Latzhose. Sie war jetzt schon auf dem besten Weg, eins der Mädchen zu werden, neben denen niemand sitzen wollte, weil sie zu rastlos war, schräge Witze machte und bei jedem geplatzten Luftballon zu heulen anfing (nicht nur bei ihren eigenen). Roberta hatte braune Augen, ein spitzes Kinn und die perfekte Haltung, wenn sie in ihrem makellosen weißen Kleid ohne zu zappeln auf einem Erwachsenenstuhl saß. Eigentlich hatten ihre Eltern sich Jungs gewünscht, und sie hatten die Namen schon vor der Geburt ausgewählt. Dann hatten sie bei beiden einfach ein -a angehängt.

»Ich hab einen verletzten Vogel gefunden«, sagte Patricia. »Er hat einen gebrochenen Flügel und kann nicht mehr fliegen.«

»Ich wette, ich kann ihn fliegen lassen«, entgegnete Roberta, und Patricia wusste, dass sie an ihren Raketenwerfer dachte. »Gib ihn her. Ich mach ihm Feuer unterm Hintern.«

»Nein!« Patricia schossen die Tränen in die Augen und sie rang nach Luft. »Das darfst du nicht!« Dann rannte sie los, schlingernd, mit dem Eimer in der Hand. Hinter sich hörte sie ihre Schwester, das Knacken der Äste. Patricia rannte, so schnell sie konnte, nach Hause.

Das Haus war vor hundert Jahren eine Gewürzhandlung gewesen, und es roch immer noch nach Zimt und Kurkuma und Safran und Knoblauch und ein wenig nach Schweiß. Händler aus Indien, China und dem Rest der Welt hatten die perfekt gebeizten Dielen betreten und Gewürze aus aller Herren Länder gebracht. Wenn Patricia tief einatmete und die Augen schloss, sah sie vor sich, wie mit Folie ausgeschlagene Holzkisten hereingetragen wurden, mit Stempeln aus Städten wie Marrakesch und Bombay. Ihre Eltern hatten das Haus gekauft, nachdem sie in einer Designzeitschrift einen Artikel über das Renovieren alter Kolonialgebäude gelesen hatten, und jetzt schimpften sie ständig, bis die Adern auf ihrer Stirn anschwollen, dass Patricia nicht herumrennen und das perfekte Eichenfurnier zerkratzen durfte. Patricias Eltern gehörten zu den Leuten, die gleichzeitig stinksauer und bester Laune sein konnten.

Patricia blieb auf einer kleinen Lichtung kurz vor dem Gartentor stehen. »Ganz ruhig«, sagte sie zu dem Vogel. »Ich nehme dich mit nach Hause. Auf dem Dachboden steht ein alter Vogelkäfig. Ich weiß, wo er ist. Es ist ein hübscher Käfig mit einer Stange und einer Schaukel. Da setze ich dich rein und sage meinen Eltern Bescheid. Falls dir irgendwas passiert, halte ich die Luft an, bis ich tot umfalle. Ich passe auf dich auf. Das verspreche ich dir.«

»Nein!«, tschilpte der Vogel. »Bitte nicht! Sperr mich nicht ein. Dann bring mich lieber gleich um.«

»Aber …«, stotterte Patricia, mehr überrascht, dass der Vogel protestierte, als dass er zu ihr sprach. »Ich passe doch auf. Ich bringe dir Käfer und Körner oder andere Sachen.«

»Für jemand wie mich ist Gefangenschaft noch schlimmer als der Tod«, zwitscherte der Vogel. »Hör zu. Du verstehst mich, wenn ich rede, oder? Das heißt, du bist ein besonderer Mensch. Eine Hexe! Oder so was Ähnliches. Und das heißt, du hast die Pflicht, das Richtige zu tun! Bitte.«

»Oh.« Patricia musste sich erst mal setzen. Sie fand eine knorrige Baumwurzel, deren dicke Rinde sich feucht anfühlte und fast wie schroffer Fels. Auf der nächsten Lichtung hörte sie Roberta mit einem gegabelten Stock auf Gebüsch und Boden einschlagen und fürchtete sich, was passierte, falls Roberta sie entdeckte. »Aber«, flüsterte Patricia leise, damit Roberta sie nicht aufspürte, »dein Flügel ist gebrochen, und ich muss etwas tun; sonst bist du verloren.«

»Hm.« Der Spatz schien einen Moment nachzudenken. »Du weißt nicht zufällig, wie man einen gebrochenen Flügel heilt, oder?« Er hielt den verletzten Flügel hoch. Auf den ersten Blick hatte der Vogel graubraun gewirkt, doch als Patricia näher hinsah, bemerkte sie rote und gelbe Streifen an seinen Flügeln, sein Bauch war milchweiß, und der Schnabel war dunkel und leicht gezahnt.

»Nein. Keine Ahnung. Tut mir leid.«

»Schon gut. Du kannst mich auf einen Ast setzen und das Beste hoffen, aber wahrscheinlich werde ich gefressen oder verhungere.« Er wackelte mit dem Kopf. »Oder … na ja. Es gibt noch eine Möglichkeit.«

»Welche?« Patricia starrte ihre Knie durch die ausgefransten Löcher ihrer Latzhose an und fand, sie sahen aus wie seltsame Eier. »Welche Möglichkeit?« Der Spatz im Eimer musterte sie mit einem Auge, als versuchte er abzuschätzen, ob er ihr vertrauen konnte.

»Also«, tschilpte der Vogel, »du könntest mich zum Parlament der Vögel bringen. Die können Flügel reparieren, kein Problem. Und wenn du mal eine Hexe werden willst, ist es sowieso gut, wenn du sie kennenlernst. Es sind die klügsten Vögel weit und breit. Sie treffen sich auf dem stattlichsten Baum im Wald, und die meisten sind schon über fünf Jahre alt.«

»Ich bin älter!«, sagte Patricia. »Ich bin fast sieben. Noch vier Monate. Oder fünf.« Sie hörte, dass Roberta näher kam, also packte sie den Eimer und rannte weiter, tiefer in den Wald hinein.

Der Sperling, der Dirrpidirrpiwheepalong hieß – oder kurz Dirrp –, versuchte, Patricia so gut es ging den Weg zum Parlament der Vögel zu erklären, aber er konnte in seinem Eimer nichts sehen, und die Orientierungspunkte, die er nannte, ergaben für Patricia keinen Sinn. Sie musste an die gemeinschaftsbildenden Übungen in der Schule denken, bei denen sie völlig versagte, seit ihre einzige Freundin Kathy weggezogen war. Irgendwann nahm sie Dirrp auf den Finger, und er hüpfte auf ihre Schulter.

Die Sonne ging unter. Der Wald war so dicht, dass man Mond und Sterne kaum sah, und Patricia stolperte mehrmals und fiel hin, schürfte sich Hände und Knie auf und machte ihre Latzhose noch schmutziger. Dirrp klammerte sich so fest an den Latzhosenträger, dass sich seine Krallen in ihre Haut bohrten. Er wusste immer weniger, wo es langging, auch wenn er glaubte, der große Baum stünde in der Nähe eines Bachs oder vielleicht eines Felds. Auf jeden Fall war er überzeugt, dass der Baum besonders dick war und ein wenig abseits der anderen Bäume stand, und wenn man ihn aus dem richtigen Winkel ansah, wirkten die zwei mächtigen Äste, die er zum Himmel streckte, wie ausgebreitete Schwingen. Außerdem konnte Dirrp die Richtung ganz einfach am Stand der Sonne ablesen. Nur dass die Sonne längst untergegangen war.

»Wir haben uns verirrt«, stellte Patricia schaudernd fest. »Wahrscheinlich kommt ein Bär und frisst uns auf.«

»Ich glaube nicht, dass es hier Bären gibt«, gab Dirrp zurück. »Und falls doch einer kommt, kannst du versuchen, es ihm auszureden.«

»Kann ich mit allen Tieren sprechen?« Die Fähigkeit wäre nützlich, zum Beispiel um Mary Fenchurchs Pudel zu überreden, Mary zu beißen, wenn sie wieder mal fies zu Patricia war. Oder falls das nächste Kindermädchen, das ihre Eltern einstellten, ein Haustier hätte.

»Keine Ahnung«, antwortete Dirrp. »Mir erklärt ja keiner was.«

Patricia beschloss, auf den nächsten Baum zu klettern und sich von oben umzusehen. Vielleicht entdeckte sie einen Weg. Oder ein Haus. Oder irgendeinen Orientierungspunkt, der Dirrp bekannt vorkam.

In der Krone der alten hohen Eiche, die Patricia hochgekraxelt war, war es viel kälter als am Boden. Der Wind fuhr ihr unangenehm unter die Kleidung. Dirrp hatte den Kopf unter den gesunden Flügel gesteckt, und sie musste ihn überreden, sich umzusehen. »Wenn es sein muss«, tschilpte er. »Mal sehen, was ich erkenne. Auch wenn das hier keine Vogelperspektive ist. Die Vogelperspektive ist viel, viel höher. Das hier ist höchstens Eichhörnchenperspektive.«

Dirrp sprang von ihrer Schulter und hüpfte von Zweig zu Zweig, bis er einen Baum entdeckte, den er für einen Wegweiser zum Parlament der Vögel hielt. »So weit ist es gar nicht.« Er klang schon etwas fröhlicher. »Aber wir müssen uns beeilen. Meistens tagen sie nicht die ganze Nacht, außer sie führen eine schwierige Debatte. Oder es ist Fragestunde. Aber hoffen wir für dich, dass nicht Fragestunde ist.«

»Was ist Fragestunde?«

»Das willst du nicht wissen«, zwitscherte Dirrp.

Von einem Baum herunterzuklettern ist viel schwieriger als hinaufzukommen, was Patricia unfair fand. Mehrmals verlor sie fast den Halt, und es ging an die vier Meter hinunter.

»Hey, Vogel!«, rief eine Stimme aus der Dunkelheit, als Patricia wieder festen Boden unter den Füßen hatte. »Komm her, Vogel. Ich will nur mal beißen.«

»Auch das noch«, piepste Dirrp.

»Ich verspreche dir auch, dass ich nicht zu lang mit dir spiele«, sagte die Stimme. »Es macht Spaß. Du wirst sehen.«

»Wer ist das?«, fragte Patricia.

»Tommington«, sagte Dirrp. »Der Kater. Er wohnt bei Menschen, aber er kommt immer in den Wald und tötet viele meiner Freunde. Im Parlament haben sie schon oft darüber debattiert, was sich gegen ihn tun lässt.«

»Oh«, sagte Patricia. »Ich habe keine Angst vor einem Kätzchen.«

Im selben Augenblick sprang Tommington wie eine haarige Rakete von einem Ast auf Patricias Rücken. Mit ausgefahrenen Krallen. Patricia schrie auf und fiel fast vornüber. »Runter von mir!«, rief sie.

»Gib mir den Vogel!«, sagte Tommington drohend.

Der dicke schwarze Kater mit dem weißen Bauch wog fast so viel wie Patricia. Mit gebleckten Zähnen fauchte er ihr ins Ohr und kratzte sie.

Instinktiv legte Patricia die Hand um den armen Dirrp, der sich verzweifelt an ihrem Hosenträger festklammerte, dann beugte sie sich mit Schwung nach vorn, bis sie mit der Nase fast die Knie berührte. Keifend flog der Kater von ihrem Rücken.

»Halt die Klappe und lass uns in Ruhe«, erklärte Patricia.

»Du kannst sprechen! Ich habe noch nie einen sprechenden Menschen gesehen. Her mit dem Vogel!«

»Nein«, sagte Patricia. »Ich weiß, wo du wohnst. Ich kenne deine Besitzer. Wenn du böse bist, sag ich ihnen Bescheid. Ich erzähle ihnen alles.« In Wirklichkeit bluffte sie nur. Sie wusste überhaupt nicht, wem Tommington gehörte. Aber vielleicht wusste es ihre Mutter. Und wenn Patricia zerkratzt und zerbissen nach Hause käme, wäre ihre Mutter stinksauer. Auf Patricia, aber auch auf Tommingtons Besitzer. Und es war nicht schön, Patricias Mutter gegen sich zu haben. Sie war häufig wütend, und sie war gut darin.

Tommington war auf den Füßen gelandet, das Fell gesträubt, die Ohren wie Pfeile aufgestellt. »Gib den Vogel her!«, fauchte er.

»Nein!«, rief Patricia. »Böser Kater!« Sie warf einen Stein nach ihm. Er jaulte. Dann warf sie noch einen Stein, und er rannte davon.

»Komm«, sagte sie zu Dirrp, der wenig tun konnte. »Lass uns verschwinden.«

»Der Kater darf auf keinen Fall erfahren, wo der Parlament-Baum ist«, flüsterte Dirrp. »Es wäre eine Katastrophe, wenn er uns folgt und ihn findet. Wir müssen im Kreis gehen und so tun, als hätten wir uns verirrt.«

»Wir haben uns verirrt«, gab Patricia zurück.

»Ich habe eine gute Ahnung, wo wir ungefähr hinmüssen«, sagte Dirrp. »Jedenfalls so eine Art Gefühl.«

Plötzlich raschelte es hinter einem großen Baum in der Nähe, und im Mondlicht leuchtete ein Augenpaar im Gebüsch auf, gerahmt von weißem Pelz mit einer Halsbandmarke.

»Wir sind geliefert!«, fiepte Dirrp verzweifelt. »Der Kater wird uns ewig nachschleichen. Du kannst mich gleich deiner Schwester ausliefern. Wir können nichts dagegen tun.«

»Warte mal.« Patricia erinnerte sich an etwas, das sie mal über Katzen und Bäume gelernt hatte. Etwas, das in einem Bilderbuch stand. »Halt dich fest, Vogel. Halt dich gut fest, ja?« Statt einer Antwort krallte sich Dirrp fester in Patricias Latzhosenträger. Patricia suchte sich einen Baum aus, dessen Äste stark genug aussahen, und fing zu klettern an. Jetzt war sie noch müder, und ihre Füße rutschten ein paarmal ab. Einmal zog sie sich mit beiden Händen auf den nächsten Ast, und dann war Dirrp verschwunden. Sie bekam einen Riesenschreck und beruhigte sich erst, als der Spatz nervös das Köpfchen über ihre Schulter reckte und klarwurde, dass er sich nur weiter hinten am Träger festgehalten hatte.

Dann waren sie endlich oben im Wipfel, der sich im Wind wiegte. Tommington war ihnen nicht gefolgt. Patricia sah sich zweimal in alle Richtungen um, bis sie seine runde, pelzige Gestalt am Boden in der Nähe des Baumstamms entdeckte.

»Blöder Kater!«, rief sie ihm zu. »Blöder Kater! Du kriegst uns nicht!«

»Du bist der erste sprechende Mensch, der mir begegnet«, miaute Tommington. »Und du denkst, ich wäre blöd? Grraah! Gleich lernst du meine Krallen kennen!«

Der Kater, der das Klettern wahrscheinlich an einem Kletterbaum im Wohnzimmer gelernt hatte, krallte sich in den Stamm, sprang auf den ersten Ast und dann auf den nächsten. Es dauerte nicht lang, und er war fast oben.

»Wir sitzen in der Falle! Was hast du dir bloß dabei gedacht?«, zwitscherte Dirrp.

Patricia wartete, bis Tommington die Baumkrone erreichte, dann schwang sie sich auf der anderen Seite hinunter, ließ sich von Ast zu Ast gleiten, so schnell, dass sie sich fast die Schulter auskugelte, und landete schließlich ächzend auf dem Hinterteil am Boden.

»Hey«, rief Tommington aus der Baumkrone, wo seine großen Augen das Mondlicht reflektierten. »Wo seid ihr? Kommt zurück!«

»Du bist ein gemeiner Kater«, antwortete Patricia. »Du bist ein Fiesling, und deshalb bleibst du, wo du bist. Denk darüber nach, was du getan hast. Es ist nicht nett, gemein zu sein. Ich sorge dafür, dass morgen jemand kommt und dich holt. Aber heute Nacht kannst du da oben bleiben. Ich habe zu tun. Auf Wiedersehen.«

»Wartet!«, rief Tommington verzweifelt. »Ihr könnt mich doch nicht hierlassen. Es ist zu hoch! Ich hab Angst! Kommt zurück!«

Aber Patricia blickte sich nicht mehr um. Tommingtons Geschrei war noch lange zu hören, bis sie eine große Baumlinie überquerten. Danach verirrten sie sich noch zweimal, und Dirrp weinte in seinen gesunden Flügel, doch dann stolperten sie endlich über den Weg, der zu dem geheimen Baum führte. Es ging einen steilen, anstrengenden Pfad hinauf, voller heimtückischer Wurzeln.

Patricia sah erst die Krone des Parlament-Baums, dann schien er aus der Landschaft zu wachsen, und je näher sie kamen, desto größer und überwältigender wurde er. Wie Dirrp gesagt hatte, sein Umriss erinnerte an einen Vogel, der statt Gefieder dunkle, knorrige Äste hatte mit Laubwedeln, die bis zum Boden reichten. Der Baum ragte vor ihnen in den Himmel wie eine Kathedrale. Oder wie eine mittelalterliche Burg. Patricia hatte noch nie eine mittelalterliche Burg gesehen, aber genauso stellte sie sich eine vor.

Bei ihrer Ankunft flatterten hundert Paar Flügel auf, dann wurde es plötzlich ganz still. Vögel in den verschiedensten Formen und Farben zogen sich ins Laub zurück.

»Alles ist gut«, rief Dirrp. »Der Mensch gehört zu mir. Ich habe mir den Flügel gebrochen. Sie hat mich hergebracht, um mich zu retten.«

Die Antwort war ein langes Schweigen. Dann erhob sich aus der Nähe des Wipfels ein Adler mit weißgefiedertem Kopf, gekrümmtem Schnabel und blassen, stechenden Augen. »Du hättest sie nicht herbringen dürfen«, rief der Adler.

»Tut mir leid, Ma’am«, gab Dirrp zurück. »Aber sie ist gut. Sie kann sprechen. Sie kann wirklich sprechen.« Dirrp drehte den Kopf und flüsterte Patricia ins Ohr: »Zeig’s ihnen. Los, zeig’s ihnen!«

»Ähem … hallo«, sagte Patricia. »Tut mir leid, wenn ich störe. Wir brauchen eure Hilfe!«

Als die Vögel den Mensch sprechen hörten, fingen alle an, laut durcheinanderzuzwitschern, zu kollern und zu krähen, bis eine große Eule, die nicht weit von der Adlerin saß, mit einem Stein auf den Ast klopfte und »Ruhe, Ruhe!« rief.

Die Adlerin reckte den flauschigen Kopf, um Patricia näher anzusehen. »Du sollst wohl die neue Hexe des Waldes werden, oder?«

»Ich bin keine Hexe.« Patricia nagte an ihrem Daumen. »Ich bin eine Prinzessin.«

»Hexe wäre besser.« Der große dunkle Körper der Adlerin verlagerte das Gewicht. »Sonst hätte Dirrp gegen das Gesetz verstoßen, als er dich herbrachte, und müsste bestraft werden. Und dann könnten wir natürlich nicht seinen Flügel heilen.«

»Oh«, sagte Patricia. »Dann bin ich wohl doch eine Hexe. Glaube ich.«

»Aha.« Die Adlerin schnalzte mit dem gekrümmten Schnabel. »Das musst du erst beweisen. Oder ihr werdet beide bestraft, du und Dirrp.«

Das klang nicht gut. Andere Vögel meldeten sich und riefen: »Verfahrensfrage«, und eine nervöse Krähe zählte wichtige Punkte des parlamentarischen Protokolls auf. Ein Vogel war so hartnäckig, dass die Adlerin dem Ehrenwerten Herrn der Breiten Eiche den Ast überlassen musste – der allerdings inzwischen vergessen hatte, was er sagen wollte.

»Wie soll ich beweisen, dass ich eine Hexe bin?« Patricia überlegte, ob sie weglaufen konnte. Doch Vögel flogen ziemlich schnell, oder? Wahrscheinlich war es schwer, einen ganzen Vogelschwarm abzuhängen, vor allem wenn die Vögel wütend waren. Und über übersinnliche Fähigkeiten verfügten.

»Nun ja.« Auf einem der unteren Äste saß ein riesiger Truthahn. Die roten Hautlappen unter seinem Schnabel erinnerten an das Rüschenhemd eines Richters. Er richtete sich auf und schien ein paar Zeichen in der Baumrinde zu studieren, bevor er sich umdrehte und ein lautes gelehrtes »Glrp« kollerte. »Nun ja«, wiederholte er, »die Literatur erkennt verschiedene Methoden an. Da gibt es mehrere Todesproben, aber die sollten wir vielleicht erst mal überspringen. Dann gibt es gewisse Rituale, aber dafür ist ein Mindestalter nötig. Ach ja, das hier ist gut. Wir stellen ihr die Unendliche Frage.«

»Ohooh, die Unendliche Frage«, gackerte ein Raufußhuhn. »Wie aufregend.«

»Ich hab noch nie gehört, dass jemand die Unendliche Frage beantworten musste«, krächzte ein Habicht, »das ist ja besser als Fragestunde.«

»Äh«, mischte sich Patricia ein, »dauert das mit der Unendlichen Frage lange? Meine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen.« Ihr war siedend heiß eingefallen, dass es längst nach Bettzeit war, und sie war ohne Abendessen hier draußen im eiskalten Wald, ganz davon abgesehen, dass sie sich verirrt hatte.

»Zu spät«, rief das Raufußhuhn.

»Wir stellen dir die Frage«, sagte die Adlerin.

»Hier kommt die Unendliche Frage«, kollerte der Truthahn. »Ist ein Baum rot?«

»Hm«, sagte Patricia. »Könnt ihr mir einen Tipp geben? Puh. Meint ihr ›Rot‹, die Farbe?« Die Vögel antworteten nicht. »Kann ich mehr Zeit haben? Ich verspreche euch, dass ich antworte, aber ich brauche Zeit zum Nachdenken. Bitte. Ich brauche mehr Zeit. Bitte?«

Das Nächste, woran Patricia sich erinnerte, war, dass ihr Vater sie in die Arme schloss. Er hatte sein Kartoffeldruck-T-Shirt an, und sein roter Bart kitzelte sie im Gesicht, und er ließ sie mehrmals beinahe fallen, weil er mit den Händen versuchte, komplizierte Bewertungsformeln aufzuzeichnen, während er sie trug. Doch es war so tröstlich und wunderbar, von ihrem Papa nach Hause getragen zu werden, dass es Patricia nichts ausmachte.

»Ich habe sie gleich hier am Waldrand gefunden«, sagte ihr Vater zu ihrer Mutter. »Sie muss sich verirrt haben, aber dann hat sie den Weg anscheinend selbst gefunden. Es ist ein Wunder, dass ihr nichts passiert ist.«

»Du hast uns zu Tode geängstigt. Wir haben dich gesucht, und alle Nachbarn auch. Glaubst du, ich habe nichts Besseres zu tun? Deinetwegen habe ich die Deadline für eine Manager-Produktivitätsanalyse versäumt.« Patricias Mutter trug ihr dunkles Haar in einem straffen Knoten, wodurch ihr Kinn und ihre Nase noch spitzer aussahen. Sie hatte die knochigen Schultern fast bis zu den antiken Ohrringen hochgezogen.

»Ich würde einfach gern verstehen, was hier los ist«, sagte ihr Vater. »Was haben wir falsch gemacht, dass du dich so benimmst?« Roderick Delfine war ein genialer Immobilien-makler und arbeitete viel von zu Hause, um sich um Roberta und Patricia zu kümmern, wenn das Kindermädchen wieder mal gekündigt hatte. Dann saß er am Frühstückstresen und vergrub das breite Gesicht in seinen Gleichungen. Patricia war auch nicht schlecht in Mathe, nur dass sie zu oft über die falschen Dinge nachdachte, wie zum Beispiel die Tatsache, dass die 3 wie eine halbe 8 aussah, und zwei mal 3 deshalb eigentlich 8 sein müsste.

»Sie testet ihre Grenzen aus«, sagte Patricias Mutter. »Und sie testet unsere Autorität, weil wir zu gutmütig sind.« Belinda Delfine war früher Turnerin gewesen, und ihre Eltern hatten den Druck von mehreren Ozeanen ausgeübt, um sie zu Höchstleistungen anzuspornen. Aber Belinda hatte nie verstanden, warum es Schiedsrichter geben musste, wenn sich doch alles mit Kameras und Lasern messen ließ. Dann hatte sie Roderick kennengelernt, der zu all ihren Wettkämpfen kam, und zusammen hatten sie ein absolut objektives Turn-Bewertungssystem entwickelt, das niemand wollte.

»Sieh sie dir an. Sie lacht uns aus«, sagte Patricias Mutter, als würde Patricia nicht vor ihr stehen. »Wir müssen ihr zeigen, dass wir es ernst meinen.«

Patricia hatte nicht gelacht, glaubte sie zumindest, und plötzlich bekam sie Angst, sie hätte so ausgesehen. Sie versuchte, ein besonders ernstes Gesicht zu machen.

»Ich würde nie einfach weglaufen«, bemerkte Roberta, die die drei eigentlich in der Küche allein lassen sollte, aber hereinkam, um sich ein Glas Wasser zu holen und ihre Schadenfreude auszukosten.

Patricia bekam eine Woche lang Stubenarrest. Das Essen schoben sie ihr unter der Tür durch. Allerdings blieb dabei jeweils die oberste Essensschicht an der Türkante hängen. Zum Beispiel bei einem Sandwich die obere Scheibe. Kein schöner Gedanke, dass die Tür immer den ersten Biss bekam, aber wenn man Hunger hatte, war es einem egal.

»Denk darüber nach, was du angestellt hast«, sagten ihre Eltern.

»Ich kriege sieben Jahre lang ihren Nachtisch«, sagte Roberta.

»Nein, kriegst du nicht«, gab Patricia zurück.

Die Geschichte vom Parlament der Vögel verblasste in ihrer Erinnerung. Sie dachte höchstens noch in Träumen und Gedankenschnipseln daran. Ein- oder zweimal fiel ihr in der Schule ein, dass ihr die Vögel eine Frage gestellt hatten. Aber sie erinnerte sich nicht mehr richtig an die Frage, oder ob sie sie beantwortet hatte. Während des Stubenarrests hatte sie außerdem die Fähigkeit, mit den Tieren zu reden, verlernt.

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Charlie Jane Anders – Alle Vögel unter dem Himmel. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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