Bernhard Hennen: Die Chroniken von Azuhr

Bernhard Hennen: Die Chroniken von Azuhr

FISCHER TOR

Leseprobe: Die Chroniken von Azuhr (Bernhard Hennen)


TOR Team
16.11.2017

Der junge Milan Tormeno soll seinem Vater Nandus in das Amt des Erzpriesters folgen. Doch Milan kann nicht akzeptieren, dass sein Schicksal vorherbestimmt ist. Er rebelliert – und verstrickt sich mit der Meisterdiebin Felicia in ein gefährliches Netz von Intrigen. Hier veröffentlichen wir einen Auszug aus der Overtüre von "Die Chroniken von Azuhr - Der Verfluchte".

***

Arbora, Atrium hinter dem Oktagon, früher Abend, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung

 

Die schillernden Federn leuchteten im Abendlicht. Wie Rubine funkelten die Blutstropfen, die den abgebissenen Pfauenkopf säumten.

»Cato!« Es war eher ein Stoßseufzer als ein Aufschrei.

Blutige Pfotenabdrücke auf den Sandsteinplatten des Atriums verrieten, dass der Pfauenmörder sich hinter den Brunnen verzogen hatte. Und den Kadaver hatte er dabei mit sich gezerrt.

Lucio war aus der kleinen Pforte an der Rückseite des Oktagons getreten. Gerade noch war er in Hochstimmung gewesen, da fast doppelt so viele Gläubige wie üblich zur Abendmesse gekommen waren. Er hatte die Mär vom Krähenmann erzählt. Eine wunderbare Geschichte darüber, wie am Ende stets die Gerechtigkeit über das Dunkel in der Welt obsiegte.

Natürlich war sich Lucio bewusst, dass die meisten Besucher vor der drückenden Hitze des Abends in den kühlen Kuppelbau des Oktagons geflüchtet waren. Aber sei’s drum; er hatte siebzehn Zuhörer gehabt, so zahlreich waren seine Tempelbesucher schon lange nicht mehr gewesen. Arbora hatte zu viele Verlockungen zu bieten. In den anderen Städten erzählte man sich, dass hier selbst die Bettler reich genug waren, um ins Hurenhaus zu gehen.

Lucio straffte sich. Er war Erzpriester und ein verheirateter Mann. Seit Sibelle sich mit Nandus, ihrem gemeinsamen Sohn, für den Sommer auf den großen Gutshof ihres Bruders in den Bergen zurückgezogen hatte, dachte er viel zu oft an die Verlockungen der Freudenhäuser. Nie hatte er dieser Versuchung nachgegeben, wusste er doch aus den Geständnissen bußfertiger Gläubiger nur allzu gut, wie die süßen Geschenke der Nacht das Leben danach vergällten.

Lucio trat in den Innenhof und hob den Kopf des Pfaus auf. Tote Augen, schwarz wie Obsidian, starrten aus königsblauer Federpracht.

Er würde wenig Freude haben, wenn Sibelle zurückkehrte. Seine Frau hatte diesen arroganten Pfau geliebt, ihn mit Trauben und kleingeschnittenen Apfelstücken verwöhnt. Ihm, Lucio, indes hatte sie schon lange keinen Teller mit aufgeschnittenem Obst mehr gebracht …

»Cato?« Der Kater sollte ihr besser nicht in die Hände fallen. Der einohrige Jäger würde als Füllung in den Fleischpasteten für die nächste Armenspeisung enden. Er sollte ihn fangen und für ein paar Monate in der Festung der Kaiserritter ins Exil bringen.

»Cato? Zeig dich, alter Halunke!« Lucio umrundete den Brunnen und starrte auf die traurigen Überreste des Pfaus. Die prächtigen Schwanzfedern würden sich nie mehr zu einem Rad fächern. Die Bauchhöhle war aufgerissen und ausgeweidet. Offensichtlich hatte er Cato bei seinem Festmahl gestört. Der alte Kater ahnte, dass Ärger im Verzug war.

Weitere blutige Pfotenabdrücke führten zur Rosenlaube, hinter der eine kleine Gittertür in der ursprünglichen Festungsmauer den Durchgang für Zweibeiner versperrte. Jenseits der halb verfallenen Mauer, über welche die Stadt längst hinausgewachsen war, lag die Gasse der Blumenfärber.

Lucio wollte sich schon abwenden – eine Katzenjagd durch nächtliche Gassen erschien ihm lächerlich; er würde den Leichnam des Pfaus in einen Sack mit Steinen packen und im Hafen versenken –, da ließ ein leises Keuchen jenseits der Gittertür ihn innehalten. Ein Betrunkener? Lucio trat an die Eisenstäbe.

Ein Mann, mehr Schatten als Gestalt, kauerte im Durchgang. Eine Kreatur wie aus den Mären, ersonnen, um Kinder zu erschrecken.

Unwillkürlich tastete Lucio nach dem Schwert an seiner Seite, dem Zeichen seines Amtes als Erzpriester.

Die Gestalt wandte ihm den Kopf zu. Ein bärtiges, wettergegerbtes Gesicht blickte zu ihm empor. Ein heiseres Röcheln drang aus der Kehle des Mannes.

Zögerlich schloss der Erzpriester die Tür auf und trat in den gewölbten Durchgang, der nach Blumenfarben und Urin stank. Da war etwas im Blick des Mannes. Ein Flehen, wie er es von Sündern kannte, die zum Richtblock gingen. Sein Blick bat um Verzeihung. Aber wofür?

Der Fremde war massig, seine Arme tätowiert. Ein Seemann. Wildheit und Kraft schienen sein Leben gewesen zu sein. Aber etwas hatte ihm beides genommen. Er war nicht einfach nur ein Betrunkener. Eine Ahnung von drohendem Unheil umgab ihn.

»Mag…, Mag…«

Lucio beugte sich vor, in der Hoffnung, dass sich die gekrächzten Silben zu Worten fügen würden.

Das Gesicht des Mannes verzerrte sich in unsäglichem Schmerz. »Erlöse mich«, stieß er hervor. Sein Blick heftete sich auf Lucios Schwert. »Bitte …«

Eisiger Schrecken erfasste den Erzpriester. Er beugte sich noch tiefer und tastete nach der linken Achselhöhle des Fremden. Durch den groben Stoff des schweißgetränkten Hemdes fühlte er die Schwellung.

Der Seemann zuckte bei der Berührung vor Schmerz zusammen.

Lucio spürte ein Kribbeln auf der Hand. Dann sah er die hüpfenden dunklen Punkte. Flöhe!

»Hernando! Manuelo!«, rief er nach den beiden einzigen Dienern, die seine Frau zurückgelassen hatte. »Bringt die Sänfte der Herrin!«

Der Tod war in dieser Sommernacht nach Arbora gekommen. Und der grausame Schnitter wollte reiche Ernte halten.

Arbora, Kornmarkt, früher Abend, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung

 

Elisa hatte den Schlag erwartet, und doch war er so heftig, dass er sie von den Beinen riss.

»Das ist meine Nachricht an deinen Patron Tercio«, zischte Giacomo Fornio. Das Gesicht des korpulenten Kaufmanns war von der Hitze des Tages gerötet. Seine dunklen Augen lagen tief eingesunken unter buschigen Brauen. Sein Doppelkinn schwappte auf und nieder. Doch trotz der Fettleibigkeit war er erstaunlich kräftig. »Steh auf! Ich hab noch was hinzuzufügen.«

»Das muss doch nicht sein«, versuchte ihn Julio Costa, sein Schwager, aufzuhalten. Elisa kannte den ergrauten Patrizier seit ihrer Kindheit. Er hatte die älteste Tochter des Hauses Fornio geheiratet und besuchte regelmäßig die großen Landgüter, die den Fornios aufgrund bestehender Handelsverträge einen Großteil ihrer Ernte schuldeten.

»Misch dich nicht ein. Du hast ein zu weiches Herz. Dieses faule Pack betrügt uns, wo es nur kann. Härte ist die einzige Sprache, die sie verstehen.« Er stieß ihr mit dem Fuß in die Seite. »Los, auf die Beine mit dir! Oder erwartest du etwa, dass ich mich nach dir bücke, du ungewaschene Dirne.«

Elisa sah die Tränen in den Augen ihrer beiden Mädchen. Zum Glück waren Viola und Arianna klug genug, nichts zu sagen.

Der metallische Geschmack von Blut füllte ihren Mund. Elisa biss die Zähne zusammen, rappelte sich auf und wappnete sich innerlich gegen den zweiten Schlag. Hoffentlich brach er ihr nicht die Nase.

Er schlug ihr mit dem Handrücken ins Gesicht. Seine schweren Goldringe schrammten über ihre Wange.

»Lass sie doch! Wir müssen uns noch für Matteos Fest umkleiden«, drang Julio auf seinen Schwager ein. »Das bringt doch nichts.« Der ganz in Schwarz gekleidete kleine Mann hob beschwörend die Hände.

»Du weißt, dass der Kornpreis in den nächsten Wochen jeden Tag fallen wird.«

Eine weitere, schallende Ohrfeige riss Elisas Kopf zur Seite, und ein durchdringender Ton schrillte in ihrem linken Ohr.

Tränen traten ihr in die Augen und nahmen ihr die Sicht. Sie war sich bewusst, dass sie angegafft wurde. Die Schauerleute, die auf den Kais herumlungerten, Matrosen und ein einbeiniger Bettler ergötzten sich an dem Spektakel.

»Es geht mir besser, wenn ich sie prügele!« Giacomos Atem ging keuchend. Fleisch klatschte auf Fleisch. Elisas Mund füllte sich mit Blut. Sie beugte sich vor, spuckte auf das Pflaster.

»Das genügt!«

Überrascht blickte sie auf. Ein Mann im weißen Waffenrock der Kaiserritter baute sich vor dem Kaufherren auf. »Sollte es nicht unter Eurer Würde sein, eine Dame zu schlagen?«

»Eine Dame? Gewiss. Aber ich sehe hier nur eine billige Kebse.«

»Es tut mir leid, dass es um Euer Augenlicht so schlecht bestellt ist, Kaufherr.«

Giacomo öffnete und schloss den Mund wie eine Forelle, die aus dem Wasser gezerrt wurde. Entgeistert starrte er den hochgewachsenen Waffenknecht an, einen blonden Krieger mit rot verbrannter Nase, der wohl erst vor kurzem aus der fernen Westermark gekommen war.

»Ihr Patron soll sehen, was ihn erwartet, wenn ich aufs Herrengut hinausreite. Dafür ist sie hier. Um meine Botschaft an ihn zu überbringen.« Giacomo hob erneut die Hand.

Der Waffenknecht fiel ihm in den Arm. »Ich denke, Eure Botschaft war deutlich genug. Ist es im Übrigen nicht gerechter, den zu strafen, der Euren Zorn erweckt hat, als die unschuldige Botin?«

»Lasst meinen Schwager los«, mischte sich nun Julio ein. »Euch ist wohl nicht bewusst, dass Ihr vor einem der einflussreichsten Patrizier der Stadt steht.«

Der Krieger lockerte seinen Griff. Giacomo löste sich mit einem Ruck. »Du bist noch neu auf Cilia, nicht wahr?« Der Kaufherr trat einen Schritt zurück und musterte sein Gegenüber. »Wie ist dein Name? Ich werde mich bei deinem Komtur über dich beschweren.«

Elisa warf sich auf die Knie. Sie wünschte sich, der Fremde wäre nie erschienen. Sie wusste nur zu gut, welches Unheil der Zorn eines Fornio anzurichten vermochte. Demütig hob sie den pelzbesetzten Saum des Kaufmannsrocks an die Lippen und küsste ihn. »Bitte, Herr, das müsst Ihr nicht. Schlagt mich. Er ist fremd und mit unseren Gebräuchen nicht vertraut.«

Giacomo bedachte sie mit einem Blick, als sei sie eine räudige Hündin. »Du weißt, welche Nachricht du deinem Patron zu überbringen hast. Sein Korn sollte heute hier auf dem Markt sein. Jeder Tag, den sich seine Lieferung verspätet, bringt mich um ein kleines Vermögen.« Der Kaufherr sah zu einem Schiff, das weit draußen im Hafen vor Anker lag und im Abendlicht nur ein Schatten vor dem glühenden Horizont war. Dann wandte er sich abrupt dem Krieger zu. »Und nun zu dir, edler Recke. Wie lautet dein Name?«

»Ilja.«

»Dein Komtur wird von mir hören.« Mit diesen Worten wandte sich der Kaufherr ab und strebte der Landungsbrücke entgegen, an der einst die Seidenschiffe festgemacht hatten. Julio warf Elisa einen bedauernden Blick zu, dann folgte er seinem Schwager.

Der junge Krieger aber kniete vor ihr nieder. »Geht es Euch gut, meine Dame?«

Elisa senkte beschämt den Blick. »Ich bin wirklich keine Dame«, sagte sie leise. Sah er denn nicht, was für schäbige, geflickte Kleider sie trug?

»Eine Dame erkennt man an ihrem Lächeln und weltgewandten Auftreten«, entgegnete er ernst. »So gnädig, wie Ihr mit diesem ungehobelten Klotz umgegangen seid, kann es nicht den geringsten Zweifel daran geben, dass Ihr eine Dame seid. Ihr habt ungewöhnlichen Großmut gegenüber diesem Barbaren bewiesen.«

»Bin ich auch eine Dame?« Viola, die kleinere ihrer beiden Töchter, bedachte den Krieger mit einem zahnlückigen Grinsen.

»Du bist peinlich!« Arianna versetzte ihrer Schwester einen Knuff mit dem Ellenbogen.

»Meine Dame?« Er hob sanft Elisas Kinn und sah sie an. Seine Augen waren blau wie der Sommerhimmel. Nie zuvor hatte sie in solche Augen geblickt.

»Alles in Ordnung«, entgegnete sie hastig und richtete sich auf.

»Bist du ein richtiger Ritter?«, bedrängte Viola ihn.

»Still«, mahnte Elisa. »Belästige unseren Retter nicht!«

»Lasst sie nur fragen. Ein Ritter bin ich nicht, doch ich reite an der Seite von Rittern in die Schlacht und halte ihnen den Rücken frei, während sie ihre Heldentaten vollbringen.«

Viola sah ihn mit großen Augen an. »Du hast ein Pferd? Dann musst du aber reich sein!«

Ilja lachte auf. »Das Pferd gehört mir nicht. Der Orden vom Schwarzen Adler stellt es mir zur Verfügung.«

»Ritter helfen doch, wenn die Ungeheuer kommen …«

»Das sollten sie.«

»Dann bist du also doch ein Ritter!«, verkündete Viola überzeugt. »Du hast den dicken Kerl vertrieben und …«

»Ungeheuer gibt es nur in Mären«, unterbrach sie Arianna.

»Zumindest hatte dieser Giacomo ein ungeheuer schlechtes Benehmen«, entgegnete Ilja in gespieltem Ernst.

Ein flüchtiges Lächeln huschte über Ariannas Gesicht, und Elisa ging das Herz auf. Seit Arianna miterlebt hatte, wie ihr Vater unter den Rädern eines voll beladenen Kornkarrens gestorben war, hatte sie nicht mehr gelächelt.

»Ihr seid ein sehr höflicher Mann.« Elisa war sich bewusst, wie ungelenk sie klingen musste. Sie konnte ohne Murren von Sonnenaufgang bis Sonnuntergang arbeiten, aber schöne Worte zu machen war ihr nicht gegeben.

»Ich stehe in Eurer Schuld, meine Dame. Ich hätte verhindern sollen, dass dieser Kerl Hand an Euch legt und …«

»Das Ungeheuer!«, berichtigte Viola ihn lautstark.

Ängstlich sah Elisa dem Kaufherren und Julio nach. Hatten die beiden das gehört? Wenn sie Giacomo das nächste Mal begegnete, würde es keinen edlen Recken geben, der sie vor seinem Zorn in Schutz nahm. Es war besser, wenn sie jetzt zu ihrem Patron zurückkehrten. Bis zum Gutshof würden sie es vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr schaffen, ja, nicht einmal ein Viertel des Weges, aber zumindest bis zur Blutbrücke kämen sie noch. »Gehen wir!«

»Aber …« Arianna standen Tränen in den Augen. Sie biss sich auf die Lippe und sagte nichts mehr. Sie war alt genug, um zu wissen, was geschehen war.

»Habe ich Euch beleidigt, meine Dame?«

»Wir müssen jetzt wirklich gehen …«

»Die heult, weil sie kein Fischbrot bekommt und wir nicht …«

»Viola!« Elisa wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken.

Der Krieger sah sie bestürzt an. »Ihr habt Euren Botenlohn nicht bekommen, weil ich mich eingemischt habe.«

Jetzt wusste er also, dass sie so bettelarm war, dass sie kein einziges Kupferstück besaß. Sie griff nach Violas Hand. »Wir müssen …«

»Bitte gestattet mir, dass ich den Schaden, den ich angerichtet habe, wiedergutmache.«

Fassungslos sah sie den Krieger an. Verspottete der Kerl sie?

»Bitte, Mama«, sagte Arianna leise.

Elisa schluckte. Sie wusste, worauf das hinauslaufen würde. Seit Riccardo tot war, erdreistete sich ihr Patron Tercio, ihr selbst vor den Augen der Mädchen unter die Röcke zu greifen, und die Knechte waren nicht besser. Schlimmer würde der hier auch nicht sein.

»Wir werden uns zu dritt ein Brot teilen.«

»Das kommt gar nicht in Frage! Meine Ehre gebietet mir, meine Schuld ganz und gar abzutragen. Ich kenne eine Garstube, in der es köstlichen …«

»Thunfisch muss es sein!«, belehrte Viola den Krieger. »Mit gebratenen Zwiebeln und einer weißen Soße mit Knoblauch. Das Ganze auf einem Fladenbrot.«

»Das hört sich ganz so an, als wüsstet Ihr sehr genau, wohin wir am besten gehen sollten, um zu speisen, junge Dame.«

»Stimmt!«

Elisa blickte zum Himmel. Es dauerte noch mindestens eine Stunde, bis das Mondtor bei Einbruch der Nacht geschlossen wurde. Sie hatten genug Zeit.

Arbora, Haus des Hafenmeisters, erste Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Lucio ließ den schweren Löwenkopf des Türklopfers auf die Metallplatte krachen. »Öffnet das Tor! Hier steht Lucio Tormeno, Erzpriester von Arbora, und ich verlange den Hafenmeister zu sprechen. Sofort!«

Er war sich der Blicke der Faulpelze, die auf dem Kai vor dem festungsgleichen Haus des Hafenmeisters herumlungerten, wohl bewusst. Eigentlich hatte er wenig Aufmerksamkeit erregen wollen. Deshalb klopfte er auch am Tor zum Hof und nicht an dem prächtigen, von Säulen flankierten Hauptportal des Amtsgebäudes. Aber jetzt war sein Temperament mit ihm durchgegangen.

Auf dem Pflaster hinter dem Tor erklangen Schritte. Der schwere Riegel wurde zur Seite geschoben, ohne dass die kleine Sichtluke geöffnet worden wäre, um nachzusehen, wer auf der Straße stand. Seine Worte hatten also Wirkung gezeigt.

»Hebt die Sänfte an«, befahl er Hernando und Manuelo. Das Haar klebte den beiden in schweißnassen Strähnen auf der Stirn. Mit Einbruch der Dämmerung war heute kein Wind vom Meer gekommen. Es war noch immer so drückend heiß, wie es den ganzen Tag über gewesen war. Die Hitze hatte sich in die Stadt hineingefressen und ließ sie nicht mehr los, als läge Arbora im Fieber.

»Auf, auf!«, bedrängte er die beiden Diener, kaum dass sich das Tor öffnete.

Drei Fackeln erhellten den Innenhof, in den die Sänfte getragen wurde. Gelbes Licht schnitt in die Schatten des Kreuzgangs, der den Hof einfasste. Dort stapelten sich beschlagnahmte Güter. Fässer und Kisten, Stoffballen und Kornsäcke. Ein wahres Vermögen! Sobald diese Waren veräußert waren, wäre der Erlös den Rittern des Ordens vom Schwarzen Adler zu überstellen, aber Tommaso Galli, der Hafenmeister, ließ sich damit offensichtlich Zeit.

Einige Waffenknechte hatten sich auf dem Hof eingefunden und beäugten Lucio misstrauisch. Als Erzpriester war er unantastbar, einer der höchsten Würdenträger Cilias. Er las Trotz und Schuld in den Blicken der Krieger. Sie wussten, dass ihr Gebieter etwas zu verbergen hatte.

»Wo steckt Tommaso?«

»Hier!« Eine schmale Gestalt trat, begleitet von zwei Laternenträgern, durch die schwere Tür, die vom Haus auf den Hof führte. Tommaso trug eine der unsäglichen hautengen Hosen, die Mode unter den Patriziern und reichen Kaufleuten geworden waren. So knapp war sie geschnitten, dass man deutlich sehen konnte, wie sich das Gemächt des Hafenmeisters unter dem Stoff abzeichnete. Zu allem Überfluss war die Hose auch noch von einem geradezu obszönen Rot. »Was bringt Euch so auf, mein Freund? Ihr stürmt hier herein, als stünden die wilden Horden des Khanats vor unseren Stadtmauern.«

»Wir sollten besser unter vier Augen reden!«

Tommaso, der, während er sprach, über den Hof geeilt war, hob überrascht die Brauen. Sein weißes Seidenhemd mit goldenen Knöpfen wehte offen um seinen Leib. Letzte Reste von hastig abgetupftem Rasierschaum benetzten seine Wangen. Sein schmaler Schnauzbart war perfekt gestutzt.

»Und was ist mit der Dame?« Der Hafenmeister nickte zu der Sänfte hinüber.

»Die Dame bleibt!«, entgegnete Lucio barsch.

»Warum machen wir es so kompliziert? Redet frei heraus. Ich gestehe, ich bin ein wenig in Eile. Der Kaufmann Matteo Canali gibt heute Abend ein großes Fest, auf dem ich erwartet werde. Auch das gehört zu den Pflichten meines Amtes.« Er bedachte Lucio mit einem selbstgefälligen Lächeln und begann damit, sein Hemd zuzuknöpfen. »Könnte es sein, dass Ihr nicht geladen seid?«

Lucio rang um Fassung. Dieser aufgeblasene Wichtigtuer sollte, wenn es nach ihm ginge, noch in dieser Nacht den Kopf auf den Richtblock legen. »Ihr werdet nicht wollen, dass andere mithören, was ich Euch zu sagen habe.«

Tommaso zog eher verärgert als besorgt die Brauen zusammen. Mit lässiger Geste winkte er seinen Waffenknechten. »Geht ins Haus. Wir haben über Entscheidungen des hohen Rates zu sprechen.«

Wie leicht ihm Lügen über die Lippen kommen, dachte Lucio angewidert. »Geht vor das Tor und wartet auf mich«, wies er Hernando und Manuelo an.

»Nun?« Tommaso hob mit provozierender Gelassenheit die Hände, als wolle er ihn gleich umarmen. »Welches Geheimnis wollt Ihr mit mir teilen?«

Lucio machte einen Satz nach vorn, packte den völlig überrumpelten Hafenmeister bei seinem kurzen Lockenhaar und zwang ihn auf die Knie. Dann stieß er dessen Kopf zwischen den Vorhängen der Sänfte hindurch. Eine Kerze hinter Glas erhellte das Innere. Dort lag, auf einem Leinenlaken zusammengekrümmt, der Seemann, den Lucio im Mauerdurchgang hinter der Rosenlaube gefunden hatte. Er hatte ihm das Hemd ausgezogen. Blanker Schweiß stand dem Fremden auf dem nackten Oberkörper.

»Ahnt Ihr, was ich von Euch wissen will, Tommaso?«

»Ich … ich kenne diesen Mann nicht!« Der Hafenmeister bäumte sich auf, doch Lucio war ihm an Kraft deutlich überlegen. Er hielt ihn in die Sänfte gedrückt.

»Wer hat Euch bestochen? Welchem Schiff habt Ihr erlaubt, in den Hafen einzulaufen, obwohl es Kranke an Bord gab?«

»Ihr habt kein Recht …«

»Ich nehme mir jedes Recht, Tommaso.«

Der Sterbende starrte sie beide mit glasigen Augen an, ohne sie zu erkennen. Hin und wieder zuckte er zusammen. Die Schwellung unter seiner linken Achsel hatte sich dunkel verfärbt.

Seit die Pest in der Westermark wütete, gehörte es zu den Aufgaben des Hafenmeisters, jedes Schiff, das in Arbora vor Anker gehen wollte, noch weit draußen auf See zu inspizieren. Fand er Kranke an Bord, wurde die schwere Kette, welche die Einfahrt zum Hafenbecken sicherte, nicht heruntergelassen. Drei Koggen war in diesem Sommer schon ein Ankerplatz im Hafen verweigert worden. Während die Pest das Reich heimsuchte, hatte sie Cilia bislang verschont.

»Welches Schiff hat ihn gebracht?«, drängte Lucio. Er drückte den Kopf des Hafenmeisters herab, bis dessen Lippen nur noch eine Handbreit von der Pestbeule unter der Achsel des Seemanns entfernt waren. »Ich lasse Euch dieses Geschwür küssen, wenn Ihr nicht redet. Damit Ihr begreift, was Ihr in diese Stadt geholt habt!«

»Ich kann nicht …«

Lucio stieß Tommasos Kopf nach unten. Der Hafenmeister schrie auf und wand sich verzweifelt. Auch der fremde Seemann keuchte. Schon die leiseste Berührung der Pestbeule schien ihm grässliche Schmerzen zu bereiten.

Ein übler Gestank stieg aus der Sänfte auf. Tommasos Schrei wurde zu einem entsetzten Röcheln. Mit schier übermenschlicher Kraft bäumte er sich auf. Blut und Eiter besudelten seine Lippen und seinen Schnauzbart. Er wischte sich mit dem Seidenhemd über den Mund.

Die Pestbeule war aufgebrochen. Tommaso spuckte. Dann begann er zu würgen.

Lucio hatte davon gehört, dass es genügte, den fauligen Odem der Krankheit einzuatmen, um sich anzustecken. Der Tod hatte nun auch ihm seine kalte Hand auf die Schulter gelegt.

»Welches Schiff?«

Tommaso erbrach sich in die Sänfte.

»Beim Herrn des Himmels, ich schwöre Euch, Ihr werdet diese eiternde Wunde noch einmal küssen, wenn Ihr nicht …«

»Die Magdalena«, stieß Tommaso hervor und würgte erneut. »Er ist der Steuermann. Er kam mit mir an Land. Nur er. Sonst keiner.«

Lucios Gedanken überschlugen sich. Falls das stimmte, gab es, wenn er nur schnell und entschlossen genug war, noch Hoffnung.

»Lasst mich gehen«, wimmerte der Hafenmeister.

Lucio blickte auf die Jammergestalt in dem zerrissenen Seidenhemd. »Das kann ich nicht. Ihr habt einen Pestkranken geküsst«, sagte er ruhig und zog sein Schwert.

Arbora, Via Monte, vor dem Mondtor, erste Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Du musst gehen«, drängte Elisa. »Es ist zu spät.« Dabei hielt sie Iljas Hände fest umklammert.

Der Waffenknecht der Kaiserritter hatte sie überrascht. Er hatte sie weder begrabscht noch eine einzige anzügliche Bemerkung gemacht. Nach einer Weile hatte sie befürchtet, dass er sie abstoßend fand, aber seine Augen sprachen eine andere Sprache.

Er hatte die Mädchen zum Lachen gebracht und sie mit Fischbroten und süßem Apfelkompott verwöhnt. Die Zeit mit ihm war wie im Fluge vergangen.

Jetzt fiel es Elisa schwer, ihn ziehen zu lassen. Ihren Retter, der so plötzlich in ihr Leben getreten war. Den edlen Ritter, an den sie schon lange nicht mehr geglaubt hatte.

Er sah so gut aus! Ein Mann mit Goldhaar, aus der Westermark. Er trug einen schweren Waffenrock, unter dessen Stoff sich, wie sie wusste, Eisenplatten verbargen, die wie Fischschuppen übereinanderlagen. Der schwarze Adler, das Wappentier des Ordens der Kaiserritter, prangte auf dem weißen Stoff.

Ilja war erst vor einem Mond aus der Westermark nach Cilia versetzt worden. Die Hitze der sonnengesegneten Insel machte ihm zu schaffen, und obwohl er nicht geklagt hatte, spürte sie, wie sehr er die Westermark vermisste. Trotz all der Schrecken, die dort lauerten, der plündernden Krieger des Khanats und des Schwarzen Todes, den die Reiterhorden aus den weiten Steppen des fernen Westen mitgebracht hatten.

»Du musst gehen«, drängte sie erneut und ließ seine Hände los, auch wenn sie es nicht wollte. Elisa wusste, dass der Orden selbst kleine Vergehen mit strengen Strafen ahndete. Und Ilja hätte bei Einbruch der Nacht in der Hafenfestung sein müssen.

»Kommst du uns besuchen?«, fragte Viola. Die Kleine war so müde, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

»Bitte!«, bedrängte ihn auch Arianna.

»Manchmal schickt der Komtur einige Ritter auf Patrouille zum Rand des Schwertwalds. Ich bin mir sicher, dass wir auf dem Weg dorthin an eurem Gutshof vorbeikommen.«

»Zum Schwertwald, wo die bösen Bogenmänner wohnen?«, fragte Arianna besorgt.

Ilja klopfte mit der flachen Hand auf seinen Plattenrock. »Das Eisen hier schützt sehr gut vor Pfeilen. Und wenn wir einen von den Bogenschützen erwischen, dann stutzen wir ihm den Zeige- und Mittelfinger, damit er nie wieder eine Bogensehne ziehen kann und friedlich wird.«

Elisa glaubte nicht, dass sie ihn wiedersehen würde, auch wenn er die Worte, die er zu den Kindern sagte, vielleicht ehrlich meinte. Dankbar für die schöne Stunde, die er ihnen geschenkt hatte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Dann wich sie zurück, erschrocken vor ihrem eigenen Mut.

»Ich komme Euch besuchen«, sagte er mit fester Stimme und sah Elisa an. Dann strich er den Mädchen noch einmal über das Haar, ehe er die Straße an der Ringmauer entlang zum Hafen hinabeilte.

Elisa suchte sich mit ihren Töchtern einen Platz unter einem der Karren, die vor dem versperrten Tor abgestellt waren. Viola schmiegte sich in ihren Arm und war binnen Augenblicken eingeschlafen.

Elisa sah zwischen den Speichen eines Rades zum Himmel hinauf. Schon leuchteten erste Sterne in dem samtigen Blau.

»Magst du ihn so wie Papa?«, fragte Arianna.

»Mit deinem Vater war es anders«, antwortete sie sanft. »Er war mein Mann.« Mehr zu sagen, brachte sie nicht über sich. Sie hatte Riccardo schon lange nicht mehr geliebt, als er gestorben war. Ihre Liebe war nur ein Strohfeuer gewesen. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte Ricardo sich sehr um sie bemüht. Jeden Morgen hatten Feldblumen auf der Schwelle ihrer Hütte gelegen. Er hatte ihr kleine Geschenke zugesteckt. Mal einen Apfel, ein kleines Töpfchen Honig und einmal sogar ein schönes Tuch, das ihr Haar bei der Arbeit vor dem Staub der Felder schützte. Nie zuvor war sie so beschenkt worden. Sie hatte geglaubt, dass er sie wirklich liebte. Damals war sie erst sechzehn und zu ahnungslos, um zu begreifen, dass es nicht Liebe war, sondern ein Wettkampf, wer die Jungfräulichkeit des hübschesten Mädchens auf dem Gut pflücken würde – der alte Patron, einer der anderen Knechte oder Ricardo, der, wie sie erst viel später erfuhr, mehr als ein Dutzend Wetten darauf abgeschlossen hatte, dass er sie bekommen würde.

Schließlich hatte sie sich Ricardo geschenkt. Gegen den Rat ihrer Eltern. Nach ihrer ersten Nacht endete sein Werben abrupt. Aber als sich Wochen später zeigte, dass sie schwanger war, blieb ihm keine Wahl, als sie zu heiraten, denn er hatte überall mit der Nacht im Heu geprahlt.

Von dem Mann, für den sie ihn gehalten hatte, war nichts geblieben. Er war mürrisch geworden, trank mehr Wein, als gut für ihn war, und machte den anderen Mädchen auf dem Landgut schöne Augen. Nicht, dass die anderen Knechte besser gewesen wären … Elisa hatte sich damit abgefunden, dass das Leben nun einmal so war. Dass die Kindbettgabe nach der Geburt eines Mädchens eine Tracht Prügel war und dass es die strahlenden Ritter, welche die Jungfrauen in Not retteten, nur in den Mären gab.

Aber nun, da sie längst aufgehört hatte, daran zu glauben, war eine Mär für sie Wirklichkeit geworden. Sie hatte doch noch den Ritter ihrer Mädchenträume getroffen.

So lebendig, so glücklich wie an diesem Abend hatte Elisa sich seit Kindertagen nicht mehr gefühlt. Die Sterne am Himmel leuchteten heller in dieser Nacht, weil sie ihm begegnet war.

Sie hatte längst jegliche Hoffnung begraben, je solch ein Glück zu erleben. Ihr Herz war wie tot gewesen, und sie hatte es als gegeben hingenommen. Doch das würde sie nie wieder tun. Sie würde das Gefühl dieses Abends festhalten. Es war ihr geheimer Schatz. Und keiner könnte ihr den je nehmen.

 

Arbora, Palazzo Canali, zweite Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Bleierne Müdigkeit quälte Camilla. Dabei war die Nacht noch jung, und sie hatte seit der Mittagsstunde erst drei Freier gehabt. Nicht genug, um Essen und Schlafkammer im Schwarzen Mast zu bezahlen.

»Du da!« Der hagere Glatzkopf zeigte auf Raisa, das Mädchen zu ihrer Linken. »Traurige Bohnenstangen wie dich will mein Herr nicht in seinem Ballsaal sehen.«

»Warum hat er dich dann angestellt?«, fuhr ihre Freundin ihn an, zog sich aber eilig zurück, als der Hofmeister drohend seinen schweren Zeremonienstab hob.

Camilla drückte den Rücken durch und hielt den Atem an, um ihre kärglichen Rundungen ein wenig üppiger aussehen zu lassen. Dazu bedachte sie den Hofmeister mit ihrem schönsten falschen Lächeln.

Der Alte griff ihr an die Brust und schnaubte verächtlich. »Mir musst du nichts vormachen. Ich hab einen Blick für euch Huren und kenne all eure Tricks. Hast Glück. Matteo Canali vergnügt sich gern mit kleinen, knabenhaften Mädchen. Wenn er dir die Nacht versilbert, weißt du, was du mir morgen früh schuldest.«

Sie senkte den Blick. »Dann werde ich mit Freuden meine Schulden begleichen.«

Er packte sie grob am Kinn und zwang sie, ihren Kopf zu heben. Harte, schwarze Augen hielten sie gefangen. »Red keinen Unsinn! Wir beide wissen, dass du es nicht mit Freuden tun wirst. Aber du wirst deine Schulden begleichen. Ich behalte dich im Blick.« Er ließ von ihr ab und deutete auf die grün gestrichene Hintertür, von der in breiten Streifen die Farbe abblätterte.

Der Atem des Hofmeisters stank nach fauligen Zähnen. Sicher erwartete er, geküsst zu werden, wenn er seinen Tribut einforderte.

Sie sah Raisa nach, die schon fast das Ende der Gasse erreicht hatte. Ein Freier hatte ihrer Freundin vorigen Sommer die Nase gebrochen. Seitdem konnte sie nichts mehr riechen. Das war geradezu ein Geschenk des Herrn des Himmels.

Camilla trat durch die schäbige Tür in einen dunklen Flur. Irgendwo im Innern des Gebäudes spielte Musik, und es roch nach gebratenem Fleisch.

»Hierher!« Sie wurde in eine Kammer gewunken, in der ein großer Holzzuber stand. Zwei Mädchen schrubbten sich darin mit groben Schwämmen.

»Ausziehen«, blaffte eine alte Vettel sie an, die Ringe, groß wie Kaisertaler, an den Ohren trug. Ein Dutzend dünner, silberner Armreife klimperte an jedem ihrer Handgelenke. Camilla betrachtete das grell geschminkte Gesicht der Alten mit forschendem Blick. Wie hatte sie es geschafft, reich zu werden? Schön war sie nicht …

»Du musst eben etwas Besonderes sein«, sagte die Herrin des Badezubers kühl, als habe sie ihre Gedanken gelesen. »Das bleibt. Schönheit welkt. Und jetzt zieh dich aus!«

Gehorsam löste Camilla die Schnüre ihres leichten Kleides und ließ es zu Boden sinken.

»Waschen!«, befahl die Alte. »Vor allem zwischen den Beinen. Wenn du den feinen Herren gefallen willst, darfst du nicht riechen, als hättet du da unten ein paar alte Fischköpfe versteckt.« Sie stieß ein meckerndes Lachen aus und schob Camilla zu dem Zuber hinüber.

Das Wasser war eisig, aber in der schwülen Nacht eine willkommene Abkühlung. Eine üppige Blonde drückte Camilla den Schwamm in die Hand, mit dem sie sich gerade gesäubert hatte.

Camilla wusch sich unter den Achseln. Dann befolgte sie den Rat der Alten.

Als sie fröstelnd aus dem Zuber stieg, drückte ihr die Alte einen angeschlagenen Tonbecher in die Hand. »Trink was. Das macht die Wangen rot. Und wenn du den Becher bis zur Neige leerst, werden auch die Gäste ansehnlicher.«

Camilla fragte sich, ob die Alte in besseren Tagen auch einmal zu denen gehört hatte, die das Haus durch die Hintertür betraten, um in den Zuber zu steigen. Dennoch nippte sie nur an dem Wein. Sie fühlte sich schon jetzt ein wenig benommen. Es war besser, einen klaren Kopf zu haben, wenn sie die Reichen der Stadt umgarnte. Diese Nacht könnte ihr Leben verändern …

Die Alte nahm ihr den fast vollen Becher wieder ab. »Du musst es wissen.« Sie klang enttäuscht. Dann deutete sie auf einen Durchgang hinter dem Badezuber. »Dort entlang.«

Camilla hatte vergessen, ihre Sandalen wieder anzuziehen. Der Boden war feucht und kühl. Sie ging einem goldenen Licht entgegen, durchquerte mehrere Kellerräume, in denen sich Amphoren und Vorratsfässer türmten.

Gelächter lockte sie. Camilla entdeckte die Blonde aus dem Zuber, die nun ein scharlachrotes Kleid trug, das dazu geschaffen schien, alle ihre Vorzüge hervorzuheben und kaum etwas zu verhüllen.

»Da vorn gibt es noch mehr solcher Gewänder, Kleine.« Sie deutete auf einen dunklen Winkel. »Viel Glück!« Dem Wunsch folgte leicht angeheitertes Gelächter.

In der Ecke, in die sie gewiesen hatte, standen mehrere Truhen, und überall verteilt lagen Kleider. Camilla hob eines auf und roch daran. Es stank nach Schweiß und billigem Parfüm. Ein Rotweinfleck verunzierte, dunkel wie altes Blut, den eigentlich kostbaren weißen Stoff. Wie es schien, wurden diese Sachen von allen getragen, die als Huren herkamen, und nur selten gewaschen.

»Heute Abend werde ich mein Glück machen«, flüsterte Camilla, als würden die Worte, wenn sie diese nur aussprach, wahr werden.

Nachdenklich betrachtete sie die Truhen. Wenn sie es schaffte, für einige Monde die Geliebte eines der Kaufherren oder Patrizier zu sein, würde sie nicht mehr in den Schwarzen Mast zurückmüssen. Selbst dann nicht, wenn der hagere Hofmeister künftig einen Teil ihres Silbers einforderte. Aber immerhin hatte er ihr einen wertvollen Rat gegeben. Sie wusste nun, was Matteo Canali mochte. Sie musste es nur schaffen, ihn auf sich aufmerksam zu machen.

Camilla dachte an den Seemann, der sie kurz vor der Dämmerung genommen hatte. Ein großer, muskulöser Kerl mit roten Haaren. Wie ein Tier hatte er geschwitzt, während er auf ihr lag, und sie aus glasigen Augen angestarrt, als wäre er von Sinnen. Unheimlich war er gewesen. Nie wieder wollte sie für so einen die Beine breit machen.

Entschlossen trat sie an die hinterste der Truhen und wühlte in ihr. Sie würde keines der Kleider anlegen, die oben lagen. Sie wollte etwas, was die Gäste dieser ausschweifenden Feste schon lange nicht mehr gesehen hatten.

Unter Bergen aus Seide und feinstem Linnen fand sie einen Wickelrock mit Fransen, die in allen Farben des Regenbogens leuchteten, und ein Leibchen, das bis zu ihrem Bauchnabel hinab ausgeschnitten war. Ihre kleinen Brüste lagen frei, als sie hineinschlüpfte. Camilla kannte solche Gewänder aus den Erzählungen eines jungen Freskenmalers, der sie manchmal besuchte. Die feinen Damen der Vergangenheit hatten sich einst so gekleidet. Nun ließen sich die Reichen Bilder dieser Damen auf die Wände der Schlafgemächer ihrer Landhäuser malen.

Inzwischen war Camilla nicht mehr allein. Zwei weitere Dirnen wühlten in den Kleidertruhen und bedachten sie mit abfälligen Blicken. Die beiden versuchten, sich zu Abbildern reicher Edeldamen auszustaffieren. Camilla belächelte sie. Wie reizvoll war das, was die hohen Herren ohnehin schon in ihren Betten hatten, auch wenn die beiden sicherlich jünger waren als die meisten Ehefrauen?

Sie riss breite rote Seidenstreifen von einem bunten Schultertuch und flocht sie in ihr schwarzes Haar, bis es in zwei schweren Zöpfen ihre bloßen Brüste umspielte. Dann ging sie der Musik entgegen.

 

Arbora, Zwinger der Hafenfestung der Ritter des Ordens vom Schwarzen Adler, zweite Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Klatschend traf der lange Rohrstock auf den Rücken des blonden Hünen, der an den Pfahl in der Mitte des Zwingers gefesselt war.

Komtur Karol Kavallin führte die Züchtigung des Waffenknechts höchstselbst durch. Lucio wusste, dass es sinnlos wäre, ihn zu bitten, die Bestrafung zu unterbrechen, auch wenn die Zeit drängte. Karol war ein aufbrausender Mann. Es wäre nicht gut, ihn zu verärgern, bevor er ihn um Hilfe bat. Als Erzpriester stand Lucio im Rang höher als der Komtur, aber bei Karols schwierigem Charakter war nicht auszuschließen, dass sich der Kaiserritter jedem Gespräch verweigerte, sobald er ihn daran erinnerte.

Wieder und wieder sauste der Rohrstock nieder. Außer einem leisen Ächzen gab der Verurteilte keinen Laut von sich. Lucio empfand Respekt vor dem Mann und fragte sich, welche Ordensregel er wohl übertreten hatte.

Endlich trat der Komtur von dem Geschundenen zurück. »Ich hoffe, dich hält künftig kein Rock mehr davon ab, pünktlich deine Wache anzutreten. Bis heute Abend habe ich große Stücke auf dich gehalten, Ilja. Du hast mich tief enttäuscht.«

Zwei Waffenknechte lösten die Fesseln des Kriegers und wollten ihn stützen, doch er bestand darauf, aus eigener Kraft zu gehen.

»Vielleicht steigst du wieder ein wenig in meiner Achtung, wenn du trotz der Bestrafung deinen Wachdienst leistest. Du kannst dich aber auch im Spital behandeln lassen.«

Der Krieger wandte sich dem Komtur zu. Er beherrschte seinen Schmerz, hielt sich steif und antwortete mit fester Stimme: »Es wird mir eine Ehre sein, meinen Dienst zu tun, wie ich es geschworen habe.«

Meine Achtung hast du gewonnen, dachte Lucio und fragte sich, wie der Orden es schaffte, solche Männer aufzutreiben.

»Erzpriester.« Der Komtur beachtete den Waffenknecht nicht weiter und trat vor Lucio. »Was führt Euch zu so später Stunde hierher?« Eine Sorgenfalte erschien zwischen seinen buschigen Brauen. Karol war von bulliger Gestalt. Die Jahrzehnte im schweren Harnisch der Ordensritter hatten seinen Rücken gebeugt. Er galt als harter, asketischer Mann, und seine Berufung zum Komtur hatte den Kaufherren der Stadt nicht gefallen. Er passte nicht nach Arbora, in jene Stadt, die wie keine andere auf Cilia für ihren Reichtum und Luxus bekannt war.

Lucio bedeutete ihm mit einem Nicken, ihm ein paar Schritt zu folgen, bis sie außer Hörweite der Ritter und Waffenknechte waren, die der Züchtigung beigewohnt hatten. »Ich brauche einige Krieger und eine Rudermannschaft für ein Boot. Ich muss einer Sache auf den Grund gehen.«

Die Sorgenfalte zwischen den Brauen des Komturs verschwand. »Ich glaube nicht, dass dies in die Zuständigkeit des Ordens fällt«, entgegnete er barsch. »Ihr solltet den Hafenmeister fragen.«

»Es ist der Hafenmeister, der in die verwerflichen Geschäfte verwickelt ist, denen ich auf den Grund gehen muss. Wenn ich mich seinen Männern anvertraue, werde ich mich in einem Sack voller Steine auf dem Grund des Hafenbeckens wiederfinden. Glaubt mir, ich behellige Euch nicht ohne triftigen Grund. Die Stadt wäre nicht in größerer Gefahr, wenn die Eherne Horde des Khanats vor den Toren stünde.«

Der Komtur kniff die Augen zusammen. Misstrauen und Vorsicht spiegelten sich auf seinen Zügen. »Ihr bekommt die Männer und das Boot. Und ich werde Euch begleiten.« Er wandte sich um und rief mit einer Stimme, die es gewohnt war, das Getöse von Schlachtfeldern zu übertönen: »Die Ruderer in Bereitschaft, zur Mole! Zehn Mann aus der Nachtwache als Eskorte!«

 

Arbora, Hafen, längsseits der Fernhandelskogge Magdalena, zweite Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Keine Bordwache?« Karol sah Lucio an. Es war das dritte Mal, dass er nach der Wache gerufen hatte, doch über ihnen an Deck der großen Kogge rührte sich nichts. Was nicht heißen musste, dass dort nicht eine kleine Heerschar bis an die Zähne bewaffneter Bastarde auf sie lauerte. Er blickte zu seinen Männern, welche die Riemen des langen Wachbootes eingezogen hatten und zum Kampf bereit waren.

Karol hob den Arm, wie er es tat, wenn er auf dem Schlachtfeld eine Reiterattacke befahl, und deutete zur Reling der Kogge hinauf. Drei Wurfanker schnellten hoch.

Tormeno griff nach den Sprossen in der gewölbten Bordwand.

Karol packte den Erzpriester am Handgelenk und hielt ihn zurück. Der Kerl hatte Schneid. Er war nicht solch ein verweichlichter Schönschwätzer wie die übrigen Priester der Stadt. Das gefiel ihm. Aber er würde ihn nicht als einen der Ersten dort hochlassen. »Mit Verlaub – mein Schädel ist weniger kostbar als der Eure. Ich fordere den Vortritt.«

Kurz schien es, als wolle Tormeno protestieren, doch Karol drängte sich einfach an ihm vorbei. Er trug volle Rüstung, und mit jeder Sprosse, die er sich höherzog, ließen seine alten Knochen ihn spüren, was für ein Narr er war.

Noch ehe er die Reling erreichte, klappte er das Visier seines Helms herunter. Er hatte zu viele schlechte Erfahrungen gemacht, um noch leichtfertig zu sein.

Karol wappnete sich, dann schob er sich über die Reling, darauf gefasst, dass ein Schwerthieb ihn treffen könnte.

Nichts geschah. Keuchend hallte sein Atem im Helm.

Drei seiner Waffenknechte standen bereits mit blanken Klingen in den Händen auf dem Deck. Die jungen Spunde waren, selbst wenn sie sich Hand über Hand an einem Seil hochziehen mussten, schneller als er an den verdammten Sprossen. Er wünschte sich, ein Lanzenstoß hätte beizeiten auf dem Schlachtfeld sein Leben beendet. Für das Altwerden war er nicht geschaffen.

»Unter der Ruderpinne im Heck liegt ein Mann«, meldete Ilja. »Sonst ist niemand an Deck.«

»Seh ich«, erwiderte Karol übellaunig und schob das Visier hoch, das die Welt auf zwei schmale Sehschlitze verengt hatte. Beklommen blickte er zur Ladeluke in der Mitte des Decks. Waren sie dort unten? Tormeno hatte ihn über das, was vorgefallen war, unterrichtet. Aber nur ihn. Seine Männer hatten keine Ahnung, was sie hier erwartete. Sie rechneten wohl mit Schmugglern oder dergleichen, aber ganz gewiss nicht damit, dass sie auf dieser Kogge ein viel heimtückischerer Tod erwartete …

Karol schluckte hart. Er versuchte zu vergessen, was er in der Westermark gesehen hatte. Und auf der verfluchten Insel. Vielleicht hatten sie ja Glück. Vielleicht war es nur der Eine gewesen … Wieder sah er zu der reglosen Gestalt am Heck. Nein, es war mehr als einer. Er sollte sich nichts vormachen.

Der Erzpriester stieg neben Karol über die Reling. Ohne zu zögern, ging er zum offenen Achterkastell, das nicht mehr als eine zinnenbewehrte Plattform im Heck des Schiffes war, unter welcher der Steuermann Schutz vor den Elementen fand.

Der Komtur folgte Tormeno, der sich neben den Mann am Boden kniete. Rings um ihn war Blut auf dem Deck.

Erst als Ilja eine Laterne brachte, sah der Komtur, dass sich die Brust des Seemanns trotz mehrerer Stichwunden noch hob und senkte.

»Sucht unten nach anderen Mannschaftsmitgliedern«, wies er Ilja an und nahm dem Waffenknecht die Laterne ab.

Tormeno hatte sich tief über den Sterbenden gebeugt und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Der Komtur verstand kein einziges Wort. Mit den Jahren war er schwerhörig geworden. Vielleicht hatte er zu viele Schläge auf den Helm bekommen.

Jetzt bewegten sich die Lippen des Seemanns. Breite fleischige Wülste inmitten eines schwarzen Vollbarts, in dem sich das erste Grau zeigte. Der Sterbende hatte ein derbes Gesicht mit tiefen Falten um die Augen, die zu lange gegen das grelle Licht über dem Meer angeblinzelt hatten, um den Horizont im Blick zu behalten.

Der Erzpriester nahm eine Hand des Sterbenden. Der Gesichtsausdruck des Seemanns wurde immer verzweifelter. Die Augen weiteten sich vor Schreck, als blickte er bereits in jene Welt, die jenseits der ihren lag. Er rang um Worte, stockend, mit dem letzten Atem, der ihm noch gegeben war. Dann sank er zurück.

Als Tormeno aufblickte, war alle Farbe aus seinem Antlitz gewichen. »Wir sind verflucht«, stieß er hervor. »Die Gier, die Arbora reich gemacht hat, wird uns nun alle umbringen.«

Der Komtur blickte auf den Seemann. Ihn hatten Dolchstöße getötet. »Wie meint Ihr das?«

»Dieses Schiff hat Seide aus Löwenburg geladen.«

Karol lief ein eisiger Schauer über den Rücken, und jene Kälte, die sich auf der Insel der hundert Tage tief im Mark seiner Knochen eingenistet hatte, breitete sich in seinem Körper aus.

Er kniete neben dem Toten nieder und tastete nach dessen linker Achsel. Er spürte die Beule im Fleisch. Die Magdalena hatte die Pest nach Arbora gebracht. Nicht nur einen Kranken – sie hatten verseuchte Fracht geladen, diese raffgierigen Dummköpfe!

»Warum wurde sie nicht draußen vor dem Hafen aufgehalten? Was hat der Hafenmeister …«

Tormeno nickte kaum merklich. »Bestochen. Die Seide kommt aus den Kontoren von Löwenburg. Sie hätte verbrannt werden müssen. Das Haus Canali hat sie für einen Bruchteil ihres Wertes eingekauft. Seit der Krieg gegen das Khanat begonnen hat und die Handelswege in den fernen Westen abgeschnitten sind, hat sich der Preis für Seide im Reich verfünffacht. Die Ladung dieses Schiffes würde das Haus Canali zur reichsten Kaufmannssippe Cilias machen.«

Karol ballte die Fäuste. »Wir holen diese Bastarde aus ihrem Palazzo und hängen sie an den Zinnen auf. Diese …« Wieder übermannten ihn die Erinnerungen. Er war Komtur in Krähenfeld gewesen, einer der ersten Städte in der Westermark, die von der Pest heimgesucht worden waren. Alle Bewohner waren auf eine karge Insel vor der Küste gebracht worden. Man hatte ihnen versprochen, nach hundert Tagen zu kommen und die Überlebenden zu holen.

»Komtur?« Der Erzpriester sah ihn fragend an. Offenbar hatte Tormeno schon zuvor mit ihm geredet, und er hatte es nicht mitbekommen.

»Was sollen wir tun?«, bedrängte ihn der Priester. »Ihr habt die Pest erlebt. Was …«

»Komtur?« Ilja kam durch die Frachtluke zurück an Deck. »Wir haben dort unten Fässer gefunden, in denen Tote liegen. Was geht hier vor?«

Karol gebot dem Waffenknecht mit einer harschen Geste, Abstand zu halten. »Der Erzpriester spricht den Sterbesegen. Störe uns nicht! Nimm deine Kameraden und geht zum Bug. Ich komme gleich zu euch.« Damit wandte er sich wieder an Tormeno. »Wann, sagtet Ihr, ist das Schiff in den Hafen eingelaufen?«

»Am späten Nachmittag. Der Kapitän hier hat versucht, seine Männer daran zu hindern, von Bord zu gehen. Daraufhin haben sie ihn niedergestochen. Das war kurz nach Einbruch der Dämmerung. Alle siebzehn, meinte er, die bis heute Abend überlebt haben, sind in der Stadt. Ihr habt es schon einmal mitgemacht, Komtur. Was erwartet uns?«

Karol fühlte sich unendlich müde. Als er nach Arbora versetzt worden war, hatte er gehofft, nach all den Schrecken noch ein paar friedliche Jahre zu erleben. »Krähenfeld, die Stadt, in der meine Komturei lag, hatte etwas mehr als dreitausend Einwohner und einen rasch wachsenden Hafen. Als die Pest ausbrach, wurden wir alle auf die Insel der hundert Tage geschafft, sofern wir noch lebten – die Kranken und auch alle, die noch keine Anzeichen der Seuche zeigten.« Während er sprach, standen ihm die Bilder wieder vor Augen. »Ich habe mit meinen Kaiserrittern dafür gesorgt, dass keiner fortlaufen konnte. Wir haben alles an Vorräten mitgenommen. Knapp zweitausend kamen auf der Insel an. Wir hatten genug zu essen, dachten wir. Aber kaum Brennholz. Keine Zelte. Eigens dafür abgestellte Armbrustschützen bewachten uns aus der Ferne. Auf der Insel haben wir alle Boote zerschlagen müssen. Die anderen sollten nach hundert Tagen kommen und die Überlebenden holen. So war es abgesprochen. Aber als es so weit war, gab es niemanden mehr, der uns noch holen konnte. Am Ende waren wir noch fünfhundertdreiundsiebzig.«

Darüber, wie sie überlebt hatten, hatte er nie gesprochen. Als der Hunger kam und jede Hoffnung schwand, hatten sie ihre Menschlichkeit verloren.

»Stimmt es, dass die Pest binnen eines Tages töten kann?« Der Schreck war aus dem Antlitz des Priesters gewichen. Jetzt war da stattdessen eine Härte, wie Karol sie zuvor nur in den Gesichtern der Väter gesehen hatte, die ihre eigenen Kinder verzehrt hatten.

»Manchmal dauert es nur einen Tag oder gar ein paar Stunden. Andere kämpfen eine ganze Woche, ehe der Tod siegt. Und einige bleiben unberührt. Es ist ein Rätsel, wen der Schnitter mit sich nimmt und wen er verschont. Aber ich verstehe das nicht. Wie konnte der Hafenmeister …«

»Sie haben ihm offenbar vorgespiegelt, dass alles gut ist.« Tormeno presste die Lippen zusammen. »Die Kranken und die Toten waren unter Deck, und die Männer an Deck hat er sich nicht so genau angesehen. Der, den er in die Stadt mitgenommen hat, war ein Vertrauensmann der Canali. Er sollte Bericht erstatten und danach zurück an Bord gehen. Aber daran hat er sich nicht gehalten. Er stank nach Wein und dem billigen Parfüm der Hurenhäuser.« Der Erzpriester klang erstaunlich gefasst. »Und dann sind noch die anderen an Land gegangen. Ich denke, für eine Rettung der Stadt ist es nun zu spät.«

Karol nickte langsam. »Wenn ich ehrlich bin, ist selbst ein einziger Kranker in der Stadt schon zu viel …« Er sah zu seinen Männern im Bug, die Art und Ausmaß der Katastrophe noch nicht begriffen hatten.

»Wie groß ist der Vorrat an Kaiserwasser in der Stadt?«

Wie vom Donner gerührt wandte sich Karol wieder dem Erzpriester zu. »Das könnt Ihr nicht tun.«

»Würdet Ihr mir den Gehorsam verweigern?« Tormenos Frage klang so beiläufig, als erkundige er sich nach dem Wetter.

Karol hatte in seinem ganzen Leben noch keinen Befehl verweigert. Darauf war er immer stolz gewesen. Aber an dem, was Tormeno da andeutete, wollte er keinen Anteil haben.

»Wie viele Ritter unterstehen Eurem Befehl?«

»Elf.«

»Und Waffenknechte?«

»Einhundertsiebzehn.«

Der Erzpriester nickte sinnend. »Das sollte genügen. Lasst alle Türme der Stadtmauer besetzen und natürlich die Tore. Außerdem den Kettenturm an der Hafeneinfahrt, gegenüber von Eurer Ordensfestung. Und dann bestückt die Türme mit Vorräten an Kaiserwasser.«

»Die Turmbesatzungen werden von der Stadtwache gestellt. Sie schulden mir keinen Gehorsam. Was ist, wenn sie Widerstand leisten?«

»Denkt Euch eine Lüge aus, Komtur. Lasst es ihnen vorteilhaft erscheinen, nicht auf den Mauern zu stehen. Ihr seid ein Überlebender und wisst, wie entsetzlich viel Leid sonst von Arbora noch ausgehen könnte. Ich vertraue darauf, dass Euch etwas einfällt. Ich erwarte, dass bis zur vierten Stunde der Nacht alle Türme in unserer Hand sind und Ihr dabei kein Aufsehen erregt.«

»Und die Magdalena?«

»Die Kogge bleibt im Hafen, und auch sonst darf kein Schiff mehr auslaufen. Wir müssen jetzt größer denken.«

 

Arbora, Schreibzimmer im Palazzo des Erzpriesters von Arbora, dritte Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Lucio blickte auf die kurze Botschaft, die er mit einem Dolch in die Marmorplatte gekratzt hatte. Er wagte es nicht, eine Brieftaube zu schicken. Alles, was lebte, konnte schon vom Odem der Pest verseucht sein. Diese Steinplatte musste genügen. Sie würde gefunden werden.

Ein letztes Mal überflog er die Nachricht. Er erwähnte darin die Schuld des Hafenmeisters sowie der Familie Canali, übernahm aber die volle Verantwortung für seine Entscheidung. Er war sich bewusst, welche Last er damit Sibelle und seinem Sohn auflud. Der Name Tormeno würde für alle Zeiten verflucht sein.

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Hernando stand in der Tür des Schreibzimmers und grinste selbstzufrieden. »Die Arbeit, die Ihr mir aufgetragen habt, ist vollbracht, Herr.«

Lucio legte den Dolch zur Seite, mit dem er die Marmorplatte bearbeitet hatte. Dann nahm er sein Tintenfass, träufelte ein wenig Rot auf den Stein und rieb es mit einem Lappen in die Schrammen, bis die Inschrift gut lesbar war. »Sind das Feuerbecken und die Maulsperre vorbereitet?«

Das Grinsen verschwand von Hernandos Gesicht. »Auch das, Herr.«

»Gut.« Lucio verließ das Schreibzimmer und ging hinab in die kleine Empfangshalle seines Palazzo. Sein Diener folgte ihm stumm.

Das Mosaik auf dem Boden der Halle zeigte eine blasssilberne Mondscheibe vor schwarzem Sternenhimmel. Die Arbeit war von großer Schlichtheit und zugleich wunderschön. Licht und Dunkel, Schwarz und Weiß. Wie oft hatte er in seinen Predigten davon erzählt, und doch war das Leben nur selten so klar. Er wusste, was zu tun war, würde von dem Weg, für den er sich entschieden hatte, nicht mehr abweichen. Aber wie würden die kommenden Generationen von ihm denken? Wäre er in ihren Augen ein Held oder ein Mörder?

Was zählte es! Hier und jetzt war er der Eine, der den Mut hatte, das Richtige zu tun.

In der Mitte der Mondscheibe stand ein Stuhl, auf dem Tommaso Galli, der Hafenmeister, gefesselt saß. Seine Stirn war, wo ihn der Knauf von Lucios Schwert getroffen hatte, bläulich verfärbt und geschwollen.

»Das kann ich nicht tun«, stammelte der Hafenmeister. »Ihr wisst nicht, wie die Canali sind.«

»Ich glaube, ich kann es mir vorstellen.« Lucio beugte sich über die Feuerschale mit den glühenden Kohlen. »Dein Problem ist, dass du dir noch nicht vorzustellen vermagst, wie ich sein kann.« Er betrachtete Hernandos Arbeit. Sein Diener hatte dem Hafenmeister eng anliegende Hosen aus weißer Seide angezogen. Die Goldknöpfe waren vom Seidenhemd der jämmerlichen Kreatur entfernt worden. Nun war es vorn zugenäht und lag wie eine zweite Haut an Tommasos Körper an. Auf die Seide war ein schwarzes Skelett aufgemalt. Äußerst gelungen. Hernando war einmal der aufsteigende Stern einer Freskenmalschule gewesen, bevor ihm die Lehrlinge einer konkurrierenden Malschule alle Finger gebrochen hatten. Danach hatte er nie wieder einen Pinsel angerührt. Bis heute.

»Du hast dich wahrlich übertroffen. Ist auch das letzte Stück bereit?«

»Die Farbe auf der Schädelmaske trocknet noch, Herr. Aber bald kann ich sie ihm aufsetzen.«

Lucio winkte ab. »Erst wirst du ihm die Maulsperre anlegen.«

»Ich kann das nicht tun …« Der Hafenmeister kämpfte gegen seine Fesseln an. Der Stuhl ruckte von den silbernen Mosaiksteinen. Ein Bein stand nun im Schwarz der Nacht.

»Ich könnte deine Frau nackt an den Pranger stellen, deinen Sohn kastrieren lassen und an den Knabenchor des großen Oktagons von Reichsschild verschenken. Und deine Tochter könnte im Harem eines der Heerführer des Khanatas landen. Vielleicht fällt mir aber auch noch Schlimmeres ein. Du fürchtest dich vor den Canali? Ich glaube, das war der größte Fehler, den du in deinem Leben begangen hast. Ich bin bis in den fünften Zirkel aufgestiegen. Ich habe Schrecken erfahren, die du dir niemals wirst vorstellen können. Willst du, dass deine Familie diesen Schrecken begegnet? Dein Schicksal ist besiegelt, Tommaso, doch was mit deiner Familie geschieht, liegt noch in deiner Hand.«

»Ich tue es«, stieß er hervor. »Ich tue es! Was soll ich Matteo Canali ausrichten?«

»Du bist die Nachricht. Ich will, dass er versteht, was in dieser Nacht geschieht und warum.« Lucio schnippte mit den Fingern. »Die Maulsperre, Hernando.«

Der Diener reichte ihm den Eisenring mit der Stellschraube, und er zwang ihn Tommaso in den Mund.

 

Arbora, Mondtor, Stadtmauer von Arbora, dritte Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Ilja hielt sich dicht hinter dem Komtur. Der bullige alte Ordensritter hob die Faust im Panzerhandschuh und ließ sie erneut auf die eisenbeschlagene Tür krachen. »Aufmachen!«

Ein schmaler Sehschlitz öffnete sich.

»Halte die Laterne hoch, damit der Trottel mein Gesicht erkennt.«

Ilja gehorchte umgehend.

»Ich bin der Komtur der Ordensfestung, und ich verlange, dass der Turm meinen Kriegern übergeben wird.«

Jetzt öffnete sich die Tür. Ein unrasierter Mann, nur mit einem Hemd bekleidet, ein Schwert in der Hand, starrte den Komtur verwundert an. »Was …«

»Die Eherne Horde ist fünf Meilen von hier an der Küste gelandet. Bis zum Morgengrauen werden sie vor den Stadtmauern stehen. Die Truppen der Mauer sollen sich auf dem Fischmarkt versammeln. Der Orden übernimmt das Kommando über sämtliche Türme der Stadt.«

»Aber …«

»Was gab es da nicht zu verstehen? Du bist doch der Kommandant dieses Turms? Paktierst du etwa mit dem Khanat? Ist es deine Aufgabe, die Verteidigung der Stadt zu behindern? Wie ist dein Name?«

»Julio, Herr. Bitte glaubt mir, ich bin treu dem Reich ergeben. Ich …«

»Dann beweise es mir! Ruf deine Männer zusammen, und macht euch auf den Weg zum Fischmarkt, und zwar schnell!«

Nur Augenblicke später verließ die Besatzung den Turm. Ilja war beeindruckt, wie sich der alte Komtur immer wieder durchsetzte. Niemand wagte es, ihm Fragen zu stellen. Das war der vierte Turm, den sie geräumt hatten.

»Hartmann!« Der Alte winkte einen der Ordensritter zu sich. »Du übernimmst diesen Turm. Wähle zehn Waffenknechte, der Rest folgt mir.«

»Kann ich hierbleiben?«, wagte Ilja zu fragen.

Der Komtur drehte sich zu ihm um. Stechende blaue Augen musterten ihn.

»Mein Rücken …«, murmelte Ilja.

Der Alte nickte. »Hast dich gut gehalten in dieser Nacht. Hartmann, ich überstelle diesen Waffenknecht deiner Rotte.« Karol winkte den anderen. »Folgt mir! Wir nehmen den nächsten Turm.« Sie durchquerten den Torturm und zogen weiter über die Stadtmauer.

»Hilf, die Kisten hinaufzubringen!«, befahl Hartmann. Der Ritter trug Vollrüstung und darüber den Waffenrock des Ordens mit dem schwarzen Adler auf weißem Grund.

Sie alle hatten sich gewappnet, als wollten sie in den Krieg ziehen. Aber es gab da draußen keine Eherne Horde, da war sich Ilja ganz sicher.

»Worauf wartest du?«, fuhr ihn Hartmann an.

»Mein Rücken.« Ilja schnitt eine Grimasse. »Der Alte hat mehr Kraft in den Armen, als man glauben würde. Es wäre doch nicht gut, wenn ich mit einer der Kisten auf der Treppe strauchele.«

»Wozu reicht es bei dir denn noch?« Der Ritter musterte ihn abschätzig.

Eigentlich hatte er Hartmann immer gemocht. Er war anders als die übrigen Ritter. Er hatte eine dichterische Ader – manchmal trug er selbst erdachte Verse vor, in denen er über die Welt spottete –, doch die schien ihm in dieser Nacht abhandengekommen zu sein.

»Ich könnte unten beim Tor Wache stehen und dafür sorgen, dass sich keiner der Fuhrleute dort ansieht, was hier vor sich geht. Ich hab eben von den Zinnen geschaut. Mindestens einer von denen beobachtet, was hier oben geschieht.«

»Hier bist du jedenfalls nicht zu gebrauchen«, stimmte Hartmann ihm zu. »Dreh eine Runde bei den Fuhrwerken. Beruhige die Kutscher. Sag ihnen, es war nur ein Wachwechsel. Und dann kommst du auf dem schnellsten Wege zurück!«

Ein scharfes Krachen ließ den Ritter erschrocken herumfahren. Einer der Waffenknechte stand breitbeinig vor der Holztrommel, über welche die Kette lief, mit der das Fallgatter des Tores angehoben werden konnte. »Mach nicht solchen Lärm, du Trottel. Zwing ein Kettenglied auf und löse es heraus. Das genügt, um das Tor verschlossen zu halten.«

Ilja stieg die Wendeltreppe hinab und öffnete die mannshohe Pforte, die aus dem Torturm in die Stadt führte. Er hatte keinen Fuhrmann gesehen, der zu den Zinnen hinaufblickte. Unheil lag in der Luft. Es hatte mit dem Schiff zu tun, das sie geentert hatten. Als sie danach in die Ordensfestung zurückgekehrt waren, hatte der Komtur alle Ritter zu sich in die Kapelle gerufen. Er hatte nicht lange mit ihnen gesprochen; dann waren die Ritter mit versteinerten Gesichtern aus der Kapelle getreten. Sie hatten ihre Rüstungen angelegt, und allen Waffenknechten war befohlen worden, sich auf einen Kampf vorzubereiten.

Es würde Blut vergossen werden in dieser Nacht. Elisa und ihre beiden Mädchen mussten von hier fort, bevor das Unheil über Arbora kam.

 

Arbora, Palazzo Canali, dritte Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Du trägst ein ungewöhnliches Kleid, meine Schöne.« Amüsiert musterte Matteo die Dirne, deren tief ausgeschnittenes Leibchen ihre kleinen Brüste zur Schau stellte. Sie hatte die Brustwarzen grellrot geschminkt. Ebenso ihre Lippen. Die Kleine sah aus wie eine der Damen auf den Fresken, die im Frühjahr in den roten Saal gemalt worden waren.

»Danke, mein Fürst.«

Sie fing nicht an zu stammeln. Ob sie ihn nicht erkannt hatte? Dabei trug er keine Maske. »Ich bin kein Fürst. Es steht mir nicht zu, einen solchen Titel zu führen. Ich bin nur ein Kaufherr.«

»Wer in einem solchen Palazzo lebt und ein solches Fest gibt, der ist für mich ein Fürst, ganz gleich, was er sagt.«

Die Kleine hatte Schneid, dachte er und blickte wieder auf ihre Brüste. Sie waren ganz, wie er sie mochte. Kaum eine Handvoll, aber straff und mit Knospen, fast so lang wie das oberste Glied seines kleinen Fingers. Er liebkoste mit den Fingerspitzen ihre linke Brustwarze, sah zu, wie sie hart wurde und sich noch ein wenig mehr aufrichtete.

Die Dirne zuckte nicht zurück. Im Gegenteil, sie bedachte ihn mit einem sinnlichen Lächeln. »Gefällt Euch, was Ihr seht, mein Fürst?«

Er beugte sich leicht zu ihr hinab und roch an ihren Lippen. Weiber mit üblem Atem konnte er nicht ertragen. Diese hier roch jedoch nur nach Wein. Er küsste sie. Seine Zunge drang in ihren Mund. Sie erwiderte den Kuss, und ihre Hand wanderte an der Innenseite seiner Schenkel hinauf zu seinem Gemächt.

Er löste sich von ihr, lächelte. »Verdorbenes kleines Luder.«

»Ist das nicht, was Ihr sucht, mein Fürst?«, entgegnete sie honigsüß.

»Ich beurteile meine Speisen stets erst, nachdem ich sie gekostet habe.«

»Dann will ich mich bemühen, Euer Leibgericht zu sein.«

Er lachte auf. Eine wie sie war ihm noch nicht begegnet. Üblicherweise waren die Dirnen zu sehr darauf bedacht, ihm zu gefallen. Zu unterwürfig und ganz und gar nicht schlagfertig.

Matteo war sich bewusst, dass er beobachtet wurde. Er stand inmitten des gelben Saals. Hunderte von Kerzen brannten hier. Er hatte Bildhauer und Kaufleute zu diesem Fest um sich versammelt, Großgrundbesitzer, Freskenmaler, weit gereiste Kapitäne und die Hauptleute dreier verschiedener Söldnerkompanien. Sie alle sollten diese Nacht in seinem Reichtum schwelgen. Sie sollten sich wünschen, wieder zu einem solchen Fest eingeladen zu werden, und geneigt sein, ihm künftig, ohne zu zögern, kleine Gefallen zu tun.

»Gehen wir in einen etwas diskreteren Saal.« Eine ganze Woche lang hatte er seine Dienerschaft und eine kleine Heerschar von Künstlern und Handwerkern mit den Ideen für sein Fest gequält. Dies war der Tag, an dem seine Familie ihr Vermögen fast verdoppeln würde. Die Seide war gekommen. Morgen schon würde er sie auf kleinere Koggen verladen lassen, mit denen die kostbare Fracht auf sämtliche Häfen des Mondmeers verteilt werden würde, um von dort aus ihren Weg bis in die hintersten Winkel des Reiches zu finden.

An Stoffen hatte er auch bei diesem Fest nicht gespart. Die sieben hintereinanderliegenden Säle des Erdgeschosses waren für die Lustbarkeiten dieser Nacht geräumt worden. Ein jeder der Säle hatte seine eigene Farbe bekommen, indem die Fresken an Decken und Wänden mit Tuchbahnen abgedeckt wurden. Der Empfangssaal war von einem strahlenden Weiß. Zahllose Kerzen erhellten ihn und ließen einen schattenlosen Raum des Lichts erstehen. Azuhrblau war die Farbe des nächsten Saals, der dem Meer gewidmet war. Ein Becken mit Fischen, bunt wie Regenbögen, geliefert aus den Wassergärten des Khanats, war die Hauptattraktion. Daran schloss sich ein Saal in hellem Frühlingsgrün an, einer im Gelb des Hochsommers, ein Raum im Rot von Mohnblüten, einer vom samtenen Blau der Nacht, und zuletzt kam der kleinste Saal ganz in dunklem Purpur. Laternen, deren Glasscheiben zur Farbe des jeweiligen Saales passten, verströmten getöntes Licht. Die Getränke und Speisen, die auf langen Tafeln in üppiger Pracht arrangiert waren, harmonierten mit den Farben und Stimmungen der Säle. Musikanten, Jongleure, Feuerspucker und Balladensänger unterhielten die Gäste ebenso wie etwa hundert Huren und Lustknaben. Es sollte ein ausschweifendes Fest sein. Eines, das keine Grenzen kannte und alle Sinne und Gelüste seiner Besucher bis zur völligen Ermattung befriedigte. Nur die Hitze des Tages, die einfach nicht aus den Mauern weichen wollte und durch die unzähligen Kerzen noch weiter gesteigert wurde, störte seine Laune. Obwohl Matteo, ganz wie die Mehrzahl seiner Besucher, nur leicht bekleidet war, rann ihm der Schweiß in Strömen den Leib hinab, und die Schminke zerlief schon auf den Gesichtern seiner Gäste. Bei vielen sah es aus, als würden sie schwarze Tränen weinen, doch der Wein und die Musik sorgten für eine ausgelassene Stimmung.

Er sah die kleine Hure an, die sich solche Mühe gab, ihm zu gefallen. »Wie heißt du?«

»Camilla«, sagte sie mit einem koketten Augenaufschlag.

Wieder wanderte sein Blick zu ihren Brüsten. Ob dies wohl ihr wahrer Name war? Viele Freudenmädchen machten aus ihrem Namen ein Geheimnis. Vielleicht, um wenigstens etwas von sich zu behalten, wenn sie schon alles andere bloßstellen mussten.

»Komm!« Er führte sie aus dem Sommersaal mit den Spielleuten und den sich in wildem Tanz drehenden Paaren. Der angrenzende Saal wirkte deutlich intimer. Sein rotes Licht hatte etwas Laszives, Schwüles. Die wenigen Paare hier gaben sich fast ungehemmt ihrer Lust hin. Aus den Augenwinkeln sah Matteo Julio Costa mit zwei Knaben auf einem Lager aus Kissen. Der hagere Griesgram berief sich sonst gern auf die Werte vergangener Generationen, doch für den Moment schien er all das vergessen zu haben.

Matteo strich genießerisch mit der Hand über Camillas Hüften. Sie war schlank und knabenhaft, wie er es bei Frauen liebte. Seine Hand glitt höher und blieb auf dem Streifen bloßer Haut zwischen Wickelrock und Leibchen liegen. Camillas Körper glühte. Räucherwerk schwelte in kleinen Pfannen und verbreitete jenen Sandelholzduft, den er so sehr mochte.

Er schob Camilla die Hand unter den Rock. Auch er würde diesen Abend genießen. Entschlossen zog er sie an sich, beugte sich vor und presste seine Lippen auf ihre. Sie erwiderte den Kuss zögerlich. Ihre Zunge schob sich in seinen Mund, aber nicht so, als täte sie dergleichen jeden Tag ein Dutzend Mal. Sie war gut.

Als sich ihre Münder trennten, seufzte sie leise. Er lächelte breit. Sie würde ihm eine leidenschaftliche Nacht schenken, da war er sich ganz sicher. Sie würde …

Etwas störte ihn. Er brauchte einige Herzschläge, um sich der Veränderung bewusst zu werden. Es war die Musik. Instrument um Instrument verstummte, als würden die Spielleute von einer langsam steigenden Flut verschlungen. Zugleich verebbten auch die Gespräche. Das beständige Murmeln, durchsetzt vom allzu schrillen Lachen der Huren, erstarb. Nur ein Klacken schwerer Absätze war zu hören. Es kam näher.

Unwillkürlich blickte Matteo zur Tür. Eine einzige Gestalt bewegte sich zwischen den Tänzern, die erschrocken innegehalten hatten. Ein schlanker, mittelgroßer Mann, ganz in Weiß und Schwarz. Er bewegte sich hektisch, verharrte dann wieder kurz, starrte die Gäste an und ging weiter.

Plötzlich sah der eigenartige Besucher in Matteos Richtung. Er stieß einen unartikulierten Schrei aus, winkte ihm mit den Armen und eilte ihm mit weit ausholenden Schritten entgegen.

Da erkannte Matteo, was für ein Kostüm das war, das im Sommersaal jeglichen Laut hatte verstummen lassen. Auf weiße Seide war ein schwarzes Skelett gemalt. Die Maske des Fremden war ein grinsender Schädel. Der Schwarze Tod war als Gast auf sein Fest gekommen.

»Ergreift ihn!«, schrie Matteo voll unbändigem Zorn, und endlich löste sich die Starre, die mit der Stille gekommen war. Zwei seiner Diener packten die maskierte Gestalt.

»Wie kann man sich nur einen so grausamen Scherz erlauben?« Camilla griff nach seiner Hand. Ihre Finger waren eiskalt. Sie zitterte.

»Ich möchte vor allem wissen, wer sich das erlaubt.« Matteo entzog sich ihr und ging auf den Maskierten zu. Jetzt erst bemerkte er, dass die Seidenhandschuhe des Fremden rot von Blut waren. Es troff durch die Nähte auf den Steinboden.

Nun stand er unmittelbar vor dem Eindringling. Aller Augen starrten sie an.

Matteo erhob die Hand, um dem Unverschämten die Maske vom Gesicht zu reißen – und hielt, einer plötzlichen Eingebung folgend, nur wenige Zoll von dem Antlitz des Störenfrieds entfernt, in der Bewegung inne. Wollte der Fremde vielleicht vor aller Augen demaskiert werden? War das Teil dieses ruchlosen Plans? Das hier war mehr als nur ein schlechter Scherz.

»Schafft ihn hinaus! Bringt ihn in die Gesindekammer beim grünen Saal!«, befahl er den Dienern. Dann klatschte er in die Hände. »Musikanten, spielt auf! Eine fröhliche Weise!« Er wandte sich den beiden nächsten Gästen zu, zwei schillernden Gestalten mit Masken aus Pfauenfedern. »Amüsiert euch! Genießt diese Nacht. Sie ist mein Geschenk an euch!«

Er griff nach Camillas Hand, führte sie mit einer eleganten Geste an seine Lippen. »Bitte warte einen Augenblick auf mich, meine Schöne. Und denk dir etwas aus, um meinem Appetit zu genügen!«

Er folgte den beiden Dienern, murmelte flüchtig Entschuldigungen, während er sich durch die Schar der gaffenden und tuschelnden Gäste drängte. Seine Wut wuchs mit jedem Schritt. Sein Fest war ruiniert! Alle redeten nur noch über den Eindringling.

Matteo war froh, als sich die verborgene Tür zur Gesindestube hinter ihm schloss. Ein Tisch mit einem Wasserkrug, zwei Stühle und zwei schmale Pritschen waren alles, was die Kammer beherbergte. Unter der Decke hingen eine Reihe von Glocken, von denen Seilzüge in die wichtigsten Räume des Palazzo führten. Tag und Nacht hielten sich hier zu gewöhnlichen Zeiten zwei Dienerinnen bereit, um den Bewohnern des Palazzo alle Wünsche zu erfüllen.

»Auf den Stuhl mit ihm!«

Wieder stieß der Fremde unverständliche Laute aus. Er leistete keinen Widerstand, als er auf den schlichten Holzstuhl gedrückt wurde.

Matteo trat dicht vor ihn und schob ihm die Maske hoch.

Was er sah, versetzte ihm einen Schock. »Tommaso? Was …« Das hier duldete keine Zeugen. »Ihr dürft euch zurückziehen«, fuhr er die Diener an, während Tommaso jämmerlich röchelnde Laute von sich gab.

Als die beiden fort waren, riss der Hafenmeister seinen Mund weit auf. Ihm fehlte die Zunge. Ein Mundwinkel zeigte eine nässende Brandverletzung, als sei ihm ein glühender Schürhaken in den Schlund geschoben worden.

»Wer? Wer hat das getan?« Die Hitze der Nacht war vergessen. Jetzt fröstelte es Matteo. Wer auch immer dahintersteckte, hatte eine klare Botschaft geschickt. Er, Matteo Canali, würde der Nächste sein, dem so mitgespielt wurde.

»Schreib mir den Namen auf! Wer war das?«

Tommaso hob verzweifelt die Hände. Erst jetzt bemerkte Matteo, in welch eigenartigen Winkeln die Finger in dem blutigen Stoff steckten. Seine Peiniger hatten Tommaso die Hände zerschmettert. Er würde keine Feder halten und auch auf diese Weise keinen Namen preisgeben können.

»Reiß dich zusammen, verdammt! Ich zähle meine Feinde auf. Du nickst, wenn ich den Richtigen nenne. Waren es Schmuggler aus dem Khanat? Wollen sie das Seidengeschäft verhindern, um den Preis für ihre eigene Seide weiter hochzutreiben?« Matteo war sich dieser Gefahr bewusst gewesen. Es gab mehrere Schmugglerbanden, die heimlich auf hoher See mit Koggen aus dem Reich ihre kostbare Fracht tauschten, obwohl der Khan jeglichen Handel untersagt hatte. Sie galten als äußerst skrupellos. Doch das konnte er auch sein, dachte der Kaufmann zornig.

Tommaso schüttelte den Kopf. Schwankend erhob er sich vom Stuhl, trat an die Wand und schrieb mit seinen blutigen Handschuhen in großen Lettern einen Namen auf den Putz:

TORMENO

Arbora, Via Monte, vor dem Mondtor, dritte Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Ilja hatte fast das Ende des Platzes erreicht und bereits unter mehr als ein Dutzend Karren geblickt. Hatte Elisa es sich anders überlegt? Hatte sie eine bessere Unterkunft für die Nacht gefunden?

Stumm betete er zum Herrn des Himmels, dem möge nicht so sein. Sonst wäre seine Suche aussichtslos.

Wieder bückte er sich, um mit der Laterne unter einen Karren zu leuchten. Die Wunden auf seinem Rücken spannten und begannen erneut zu bluten.

Da war sie! Elisa lehnte an dem hohen Speichenrad. Der Kopf war ihr auf die Brust gesunken. Viola lag in ihrem Arm, und Arianna saß neben ihr und war an sie geschmiegt eingeschlafen.

Für einige Herzschläge verharrte Ilja und betrachtete die drei. Das friedliche Bild täuschte. Er musste sie fortbringen. Es war nur seine Schuld, dass sie noch in der Stadt waren. Wären sie ihm nicht begegnet, hätten sie Arbora noch verlassen können, bevor die Stadttore geschlossen wurden.

Viola schlug die Augen auf. Erschrocken blinzelte sie ins Licht der Laterne und drückte sich an ihre Mutter. »Ilja?« Ihre Augen erstrahlten. Alle Angst war vergessen. »Ilja!«

Sie löste sich von Elisa, die schlaftrunken versuchte, ihre Tochter zurückzuhalten, bis auch sie ihn erkannte. »Was ist geschehen, Ilja? Warum bist du hier?«

»Ihr müsst aus der Stadt hinaus. Noch in dieser Nacht. Hier braut sich etwas Unsägliches zusammen. Ihr müsst euch in Sicherheit bringen!«

Elisa stellte keine Fragen. Sie rüttelte Arianna wach, dann krochen die drei unter dem Wagen hervor.

»Wie willst du uns aus der Stadt bringen? Alle Tore sind geschlossen.«

»Es gibt einen Weg. Wir müssen zu einem Brunnen.«

Elisa blickte zu dem Brunnen auf dem Platz, der keine zehn Schritt entfernt lag.

»Nicht hier«, flüsterte Ilja und schaute zu den Zinnen des Mondtors hinauf. »Nicht, wo sie uns sehen können.«

»Werden wir ein Ritterabenteuer erleben?«, fragte Viola.

»Ja. Aber für Ritterabenteuer muss man sehr mutig sein. Bist du das?«

»Natürlich!« Die Kleine stemmte die Hände in die Hüften und versuchte so ernst und erwachsen auszusehen, dass Ilja lächeln musste.

»Dann folgt mir. Wir müssen ganz leise sein.« Er öffnete die Laterne, blies sie aus und stellte sie neben dem Karren ab. Dann streckte er Viola die Rechte hin. »Das Licht der Sterne muss uns genügen.«

Ohne zu zögern, nahm das Mädchen seine Hand. Er führte die drei die Via Monte in Richtung Hafen hinab. Läden und Bürgerhäuser säumten die breite Straße. Eine schwarze Katze mit einer toten Ratte im Maul kreuzte ihren Weg.

Nach kaum fünfzig Schritt bogen sie in die Gasse der Tuchfärber ein. Hier gab es einen weiteren Brunnen, da die Färber sehr viel Wasser für ihre Arbeit benötigten.

Ein bärtiger Mann streckte ihnen aus einem dunklen Hauseingang die Arme entgegen. »Bitte«, röchelte er. »Die Schmerzen. Bitte …«

»Was hat der?«, fragte Arianna.

»Zu viel billigen Wein getrunken«, entgegnete Ilja knapp. Jetzt war keine Zeit für Barmherzigkeit. Er musste sie aus der Stadt bringen.

Am Brunnen angekommen, blickte er unschlüssig in die Tiefe. »Das frische Wasser für die Stadt wird aus dem Gamsbach abgeleitet«, erklärte er Elisa, die ihn sorgenvoll ansah. »Es fließt in Kanälen unter der Stadt. Wir müssen nur gegen die Wasserströmung laufen, dann gelangen wir unter der Mauer hindurch ins Freie.«

»Aber ich kann nicht schwimmen«, bekannte Elisa kleinlaut.

»Das musst du auch nicht. Das Wasser ist nirgends mehr als kniehoch.«

»Du warst schon einmal dort unten?«

Er zögerte, überlegte, ob er lügen sollte, damit sie sich weniger fürchtete.

»Nein«, bekannte er schließlich. »Aber ein Kamerad von mir. Du musst dir keine Sorgen machen. Ich lasse dich in dem Eimer am Brunnenseil hinab. Du erwartest unten die Kinder. Zuletzt komme ich.«

Elisa stieg auf den Brunnenrand, während Ilja mit beiden Händen nach der Kurbel griff, mit deren Hilfe das Brunnenseil von seiner Trommel abgerollt wurde. Zögernd setzte sie einen Fuß nach dem anderen in den großen hölzernen Wassereimer. Er knarzte leise.

»Halt dich mit beiden Händen am Seil fest«, befahl ihr Ilja. Dann ließ er den Eimer in die Tiefe hinab. Bei jeder Umdrehung der Kurbel kreischte die Seiltrommel in ihren eisernen Lagern. In der Stille der Nacht hatte Ilja das Gefühl, das Geräusch müsse bis zur Hafenfestung zu hören sein. Endlich traf der Eimer auf dem Wasser auf.

Elisa gab einen erschrockenen Laut von sich.

»Alles in Ordnung?« Ilja und die Kinder beugten sich über den Brunnenrand und starrten ins Dunkel.

»Das Wasser reicht mir bis zur Taille.«

»Gleich sind wir bei dir«, sprach Ilja ihr Mut zu und zog mit beiden Händen den Eimer wieder empor. Die Kurbel wollte er kein weiteres Mal benutzen. Bis jetzt war anscheinend niemand auf sie aufmerksam geworden. Wenn sie leise verschwanden, mochte ihnen das Glück hold bleiben.

Er setzte den Eimer auf den Brunnenrand und blickte zu Viola. »Deine Mutter braucht dich da unten. Gehst du als Nächste?« Er sah die Angst in den Augen des Mädchens.

»Lass mich hinab«, forderte Arianna. »Ich fürchte mich nicht.«

Ilja entging nicht, wie sehr Arianna zitterte, als sie in den Eimer stieg. Sanft strich er ihr über das Haar. »Du schaffst das. Wenn wir erst aus dem Kanal heraus sind, kannst du deinen Freundinnen morgen von deinem großen Abenteuer erzählen.«

Sie rang sich ein Lächeln ab, sagte jedoch nichts.

»Halt dich mit beiden Händen am Seil fest.«

Arianna nickte, und er ließ sie im Eimer hinab. Im Brunnenschacht hallte ihr keuchender Atem wider. Endlich hörte er, wie Elisa ihre Tochter in Empfang nahm.

»Ich trau mich das nicht«, murmelte Viola kleinlaut. »Ich kann nicht in das schwarze Loch. Da unten lauert bestimmt der Krähenmann. Es heißt, dass er sich immer dort versteckt, wo es besonders dunkel ist.«

Ilja kannte die Mär vom Krähenmann, der des Nachts kam und Kinder stahl, damit sie ihm in der Dunkelheit auf ewig dienen mussten. Aber der schändliche Räuber hatte eine Schwäche: seine Vorliebe für Silber. Ilja nestelte an der Schnur, die seine Börse geschlossen hielt, und holte einen der Silbergroschen aus der Westermark hervor – den Letzten, der ihm von seinem Sold aus der Zeit der Kämpfe an der Reichsgrenze geblieben war. »Du weißt doch, wie gierig der Krähenmann ist.« Er schnippte die kleine Münze in den Brunnen hinab. »Jetzt wird er danach suchen und gar nicht mehr auf dich achten.«

Viola wirkte nicht überzeugt.

Ilja nahm sie auf den Arm. »Halt dich ganz fest. Ich brauche beide Hände, wenn ich das Seil hinabklettere.« Sie war leichter als der Plattenrock, den er trug, ihre Ärmchen, die sie ihm um den Nacken schlang, dünn. Er spürte ihre Angst.

Sein Rücken spannte, während er sich langsam hinabließ. Der Schmerz war so intensiv, als würde erneut der Stock des Komturs auf sein zerschundenes Fleisch niedersausen.

Dieses Mal sollte er besser nicht zurückkehren. Für den zweiten Verrat in nur einer Nacht würden sie ihn hinrichten. Befehle wurden nicht in Frage gestellt. Sie zu missachten war undenkbar. Bedingungsloser Gehorsam war der Stolz des Ordens. Er selbst hatte erlebt, wie Hunderte von Armbrustschützen und Waffenknechten willig in den Tod gegangen waren, um ihren Kameraden auf dem Rückzug vor den Reitern der Ehernen Horde ein paar Stunden Zeit zu erkaufen.

»Wirst du unser neuer Papa?«, flüsterte Viola ihm ins Ohr, kurz bevor sie das Wasser erreichten.

Er war nie sentimental gewesen, aber bei ihren Worten schnürte sich ihm die Kehle zu. Nur allzu gern hätte er ja gesagt, doch das durfte er nicht. Denn der Orden würde nach ihm suchen lassen. Und auch denen, die ihn versteckten, würde es schlecht ergehen.

Dann war der Augenblick für eine Antwort vorüber, und er fand auf dem schlammigen Brunnengrund einen festen Stand.

Sofort nahm Elisa ihm ihre Tochter aus den Armen. »Hier«, sagte sie und schien irgendwohin zu deuten, doch Ilja konnte in der Dunkelheit nichts erkennen.

Er tastete über den glitschigen Algenbelag auf dem Mauerwerk. Dann fand er einen Zufluss. Ein spärliches Rinnsal lief in den Brunnen herab. Die langanhaltende Sommerhitze hatte die kleinen Bächlein in den Bergen, die sich zum Gamsbach vereinigten, fast versiegen lassen.

Ilja schob sich in den gemauerten Kanal. Obwohl er sich auf alle viere niederließ, schrammte sein Rücken immer wieder an der gewölbten Decke entlang. Kriechend kämpfte er sich voran. Er hörte Elisa mit den Kindern tuscheln. Dann erklang ein leises Platschen im Wasser. Sie folgten ihm.

Blind tastete sich Ilja weiter. Allzu lang konnte der Kanal eigentlich nicht sein. Nach etwa zwanzig Schritt sollte er unter der Stadtmauer hindurchführen. Ilja war unschlüssig, was er tun sollte. Mit den dreien gehen? Wenn auch nur für einen Tag. Könnte er wählen, erschiene ihm nichts verlockender, als mit Elisa und ihren Töchtern friedlich auf dem Lande zu leben.

Der Kanal weitete sich. Er konnte sich aufrichten. Nun ging es leichter voran. Nach ein paar Schritt berührten seine tastenden Hände rostverkrustetes Eisen. Ein Gitter! Der Ausgang war versperrt! Er umklammerte das Gitter mit beiden Händen. Es ruckte leicht. Im Mauerwerk der Decke entdeckte er einen Spalt, durch den sich das Fallgatter herabgesenkt hatte. Der Festungsbauer, der die Wallanlagen entworfen hatte, hatte an alles gedacht.

Ilja fluchte. »Wir müssen zurück!«

 

Arbora, Stadtmauer am Mondtor, dritte Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Jede Stufe schien ein wenig höher als die vorherige zu sein. Jeder Schritt hinauf fiel Lucio schwerer, und das lag nicht an dem Sack, den er auf den Schultern trug. Es galt nun, die letzten Befehle zu erteilen. Er wusste, was er tun musste. Wusste, was richtig war. Und doch hatte er nie zuvor eine schwerere Entscheidung getroffen. Stumm betete er zum Herrn des Himmels um die Kraft, bis zum bitteren Ende seinem Weg folgen zu können.

Karol, der Komtur, erwartete ihn schweigend auf dem Wehrgang der Stadtmauer.

»Ist alles bereit?«

»Alle Türme sind besetzt. Ich selbst war bei jeder einzelnen Übernahme zugegen. Es gab keinen Widerstand. Aber bald wird es zu Unruhen kommen. Die Waffenknechte, die wir aufgescheucht haben, werden reden.«

»Es wird nicht mehr lange dauern.« Lucio legte die Hände auf die Brüstung. Immer noch war die Hitze des Tages im Sandstein gefangen. Er fühlte sich angenehm warm unter seinen Handflächen an.

Der Erzpriester blickte auf die weitläufigen Dächer des Palazzo Canali. Das prächtige Kaufmannshaus lag weniger als hundert Schritt entfernt. Ob Tommaso seine Botschaft schon überbracht hatte? Lucio hatte abgewartet, bis er gesehen hatte, dass dem Hafenmeister Einlass in den Palazzo gewährt worden war. Trotz oder vielleicht gerade wegen seines makaberen Kostüms hatte keiner der Wächter versucht, ihn aufzuhalten.

»Was schleppst du in dem Sack?«, fragte ihn der Komtur. »Sieht schwerer aus als mein Gewissen.«

Wortlos setzte der Erzpriester seine Last ab und streifte den groben Stoff zurück. Das Rot der Tinte hatte sich nicht ganz gleichmäßig in den Buchstaben, die er in die weiße Marmorplatte gekratzt hatte, verteilt, doch alles in allem waren die wenigen Zeilen, die das Ungeheuerliche erklären mussten, gut lesbar.

Er wuchtete die Platte in die Lücke zwischen zwei Zinnen. Kurz blickte er hinab. Unten an der Festungsmauer wucherte verdorrtes Gras. Die Marmorplatte würde auffallen. Sie würde gefunden werden. Ganz sicher. Nach dieser Nacht würde man nach Antworten suchen.

Karol sah ihm schweigend zu, ohne Anstalten zu machen, ihm zu helfen. Das bärtige Gesicht des bulligen Komturs war verkniffen.

Der Erzpriester stieß die Steintafel von der Mauerkrone. Dumpf schlug sie im Gras auf.

Lucio verharrte, sammelte Kraft. »Gibt es genug Kaiserwasser?« Seine eigene Stimme erschien ihm fremd. Sie klang ganz anders als noch am frühen Abend im Oktagon. Müde und rau. Als hätten die Worte, die es nun zu sprechen galt, ihr allen Wohllaut genommen.

»Arbora ist die reichste Stadt auf Cilia. Der Kaiser hat dafür gesorgt, dass sie angemessen verteidigt werden kann. Wir haben mehr als genug, um gründlich zu sein.«

»Also beginnen wir.«

Der Komtur wies zu der eisenbeschlagenen Tür, die vom Wehrgang ins Innere des Torturms führte. »Auf der Plattform des Turms ist alles vorbereitet.«

Eine enge Wendeltreppe führte neben der Winde, mit der das Fallgatter gehoben werden konnte, hinauf. Es war drückend heiß in dem engen Gemäuer. Lucio spürte ein Kratzen im Hals. Fast stiegen ihm Tränen in die Augen. Er hustete, als er durch die Falltür ins Freie stieg.

Eine Gruppe von Waffenknechten wartete entlang der Zinnen. Sie hielten schwere Windenarmbrüste bereit. Ringsum auf den Bodenplatten standen flache Holzkisten, in deren Deckel der schwarze Adler der Kaiserritter eingebrannt war. Die Kisten wirkten unscheinbar und bargen doch das bestgehütete Geheimnis des Reiches. Nur eine kleine, handverlesene Schar von Alchemisten verstand sich darauf, diese schrecklichste aller Waffen herzustellen.

»Wir beginnen mit dem Palazzo Canali.« Lucio wies auf das auffällige Gebäude, an das sich ein Rosengarten anschloss.

Schweigend öffneten die Waffenknechte die Kisten. Eine jede enthielt zwölf etwa faustgroße Glasflakons, die in sorgsam mit Brettern voneinander getrennten Fächern ruhten. Jeder der Flakons war mit einem Schutzmantel aus geflochtenem Stroh umgeben. So waren sie gegen Stöße beim Transport der Kisten geschützt.

Lucio entging nicht, wie nervös die Krieger waren, als sie die Flakons vorsichtig aus den Strohpolstern schälten. Jedes der Fläschchen war in zwei durch eine hauchzarte Glaswand voneinander getrennte Kammern unterteilt. In der einen, die etwa zwei Drittel des Volumens ausmachte, befand sich eine himmelblaue Flüssigkeit. Die zweite enthielt eine ölige bernsteinfarbene Substanz. Wenn ein Flakon zerbrach und sich die beiden Flüssigkeiten mischten, entstand das gefürchtete Kaiserwasser.

Alle Glasfläschchen hatten langgezogene, enge Hälse. Tief unten am Ansatz des Halses waren sie mit einem passgenau geschliffenen Kristall versiegelt, auf den noch ein Korkpfropfen aufgesteckt war. Der lange Hals aber lag offen, und die Waffenknechte führten nun Holzschäfte in die Flaschenhälse. Letztlich waren es nichts als übergroße Armbrustbolzen, auf die anstelle geschmiedeter Spitzen Flaschen aufgesteckt waren.

Vorsichtig legten die Krieger diese kopflastigen Geschosse auf die schweren Windenarmbrüste und richteten ihre Waffen in steilem Winkel gen Himmel.

»Wir geben keine Salve«, sagte Karol mit ruhiger Stimme. »Jeder schießt, sobald er bereit ist. Zunächst der Palazzo.«

Mit scharfem Klacken wurden die Abzugshebel der Armbrüste gezogen. Leicht trudelnd schnellten die überlangen Bolzen in den Himmel.

Drei Herzschläge später schlug eine azuhrblaue Flamme aus dem roten Ziegeldach des Palazzo, eine zweite Flamme loderte im Rosengarten auf, weitere auf dem kleinen Platz vor dem Gebäude. Das Feuer schloss das Domizil des Kaufmanns ein.

»Beschießt den Fischmarkt!«, ordnete Karol an.

Der Erzpriester presste die Lippen zusammen. Die erste Salve war das Signal für die Mannschaften auf allen anderen Türmen. Nun würden die Brandgeschosse überall in der Stadt niedergehen. Er hatte mit dem Komtur nur kurz besprochen, was zu tun war. Karol war der Feldherr. Er wusste, wie ihr Plan, Arbora und alle seine Bewohner in Flammen vergehen zu lassen, am besten umzusetzen war.

Auf den Fischmarkt waren die Besatzungen der Türme geschickt worden. Sie hätten bewaffneten Widerstand leisten können. Vielleicht wäre es ihnen, wenn sie einen koordinierten Angriff geführt hätten, sogar gelungen, eines der Stadttore zurückzuerobern. Jetzt war damit nicht mehr zu rechnen.

War der Beschuss des Palazzo Canali noch lautlos vonstattengegangen, ertönten nun gellende Schreie. Lucio sah eine in blaue Flammen gehüllte Gestalt über die Via Monte auf das Mondtor zulaufen. Der Krieger hatte die Arme hochgerissen und winkte, als seien sie seine letzte Hoffnung.

»Versperrt die Fluchtwege!«, befahl Karol.

Einige seiner Männer griffen nach Flakons und schleuderten sie auf den Platz vor dem Mondtor und die beiden steinernen Aufgänge zur Stadtmauer. Flammen schossen empor.

Auch anderswo entlang der Stadtmauer flackerten Feuer auf. Im Hafen trieben Inseln aus blauen Flammen auf dem Wasser, während die Magdalena bereits lichterloh brannte. Dort, wo Holz zur Nahrung des Feuers wurde, veränderte es sich. Hier leuchteten die Flammen in warmem Gelb.

Der Krieger, der auf das Tor zugelaufen war, sank in die Knie. Die Arme anklagend erhoben, blickte er hinauf zu den Zinnen. Dann sackte er vornüber.

Erste Bürger stürzten aus ihren brennenden Häusern.

Ein angeschirrter Ochse zog eines der Fuhrwerke, die vor dem Mondtor gestanden hatten, eine Gasse hinauf. Der Rücken des Tiers stand in Flammen. Panisch versuchte es, dem Verderben zu entfliehen. Stampfte jeden nieder, der ihm nicht rechtzeitig auswich. Lucio sah, wie die schweren Räder über zuckende Gliedmaßen rollten.

»Beschießt die Lagerhäuser!« Inzwischen musste Karol schreien, um das Lärmen in der Stadt zu übertönen. Das Grauen, das sie heraufbeschworen hatten.

Nicht einer durfte aus Arbora entkommen.

Lucios Hände verkrampften sich auf dem warmen Sandstein der Zinnen. Er musste eisern bleiben. Es war seine Pflicht, das hier zu tun, und Karol hatte es ebenfalls verstanden: Wenn die Pest die Stadt nicht verlassen konnte, dann retteten sie damit Zehntausenden das Leben.

Immer höher schlugen gelbe Flammenzungen aus den Fenstern und Dachstühlen brennender Häuser, und die einzelnen Feuer in den engen Gassen wuchsen zu einer einzigen tödlichen Lohe zusammen.

 

Arbora, Rosengarten des Palazzo Canali, vierte Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung

 

Matteo Canali schüttete sich einen Eimer Wasser über den Kopf. Seine dünnen Seidengewänder klebten ihm durchtränkt auf der Haut. Camilla hatte sich eine nasse Decke um die Schultern geschlungen.

Die meisten seiner Gäste und Diener waren, als das Feuer ausgebrochen war, panisch aus dem Palazzo gestürmt. Nicht so Camilla. Sie hatte seine Nähe gesucht. Ihre Augen waren weit vor Angst, aber sie traute ihm zu, sie hier hinauszubringen, und er hatte einen Plan.

»Zum Garten!« Es war sinnlos, irgendetwas mitnehmen zu wollen. Nun galt es nur noch, das nackte Leben zu retten.

Als er die Tür zum Rosengarten aufstieß, schlug ihnen glühend heiße Luft entgegen. Die Stadt selbst schrie in Todespein. Jenseits des Gartens brach der Dachstuhl eines Kornlagers zusammen. Eine Wolke von Funken stob zum Himmel auf. Wind pfiff durch die Gassen und riss die Flammen empor.

»Nimm ein feuchtes Tuch vors Gesicht!« Matteo zog sein Hemd hoch bis über Mund und Nase. Selbst so war jeder Atemzug eine Qual. Die heiße Luft schien das Feuer in ihre Lungen tragen zu wollen. Funken und Asche rieselten wie Schnee auf den Garten nieder.

Camilla zupfte die nasse Wolldecke über ihren Schultern zurecht. Sie war klug. Wenn sie hier herauskamen, würde er sie für eine Weile zu seiner Favoritin machen.

»Zum Gartentor!« Er eilte über den mit Steinplatten ausgelegten Hauptweg. Die Flammen tauchten den Garten in ein gelbes, unstet tanzendes Licht. Camilla blieb neben ihm.

Schon waren die Seidenkleider auf seiner Haut getrocknet. Matteo machte nicht den Fehler, nach dem eisernen Griff der Pforte zu fassen. Ohne zu zögern, trat er sie auf. Eine schmale Gasse lief hinter der Gartenmauer entlang. Die gegenüberliegende Seite wurde von kleinen Handwerkerhäusern gesäumt, aus deren Fenstern bereits Flammen schlugen. Ein Wind, so stark, wie er ihm während seiner schlimmsten Stürmen auf hoher See nicht entgegengeschlagen war, jaulte durch die Gasse. Am östlichen Ende erhob sich über den geborstenen Mauern der Lagerhäuser eine himmelhohe Flammensäule.

Dachpfannen lösten sich von den Häusern gegenüber und wirbelten wie Herbstlaub durch die Luft, der Flammensäule entgegen. Matteo hielt sich am gemauerten Türbogen fest. Der Wind nahm noch an Stärke zu und zerrte an ihm, als sei er ein Sendbote des Feuers.

Camilla trat unvorsichtig in den Durchgang, blickte zu den fliegenden Dachziegeln auf. Sofort riss ihr der Sturm die Decke von den Schultern. Sie wich zu ihm zurück. Schon taumelte sie, vom wütenden Wind erfasst. Matteo stieß sie mit einem Tritt von sich, damit sie sich nicht an ihn klammerte.

Verzweifelt griff sie nach der Türklinke und stieß einen Schrei aus. Ihre Hand war rot verbrannt. Sie fand keinen Halt mehr.

Der Wind packte sie, als sei er etwas Lebendiges. Sie stürzte zu Boden. Ihre Finger krallten sich in die Ritzen des Pflasters. Unbarmherzig wurde sie vom Sog auf die Flammensäule zugezogen. Es war, als habe sich das Feuer zu einer Gottheit erhoben, als atme es alles ein, was lebendig war.

Camillas Fingernägel brachen. Immer noch versuchte sie, sich festzuhalten. Matteo sah die Blutspur, die ihre zerschundenen Hände auf den Steinen hinterließen.

Dann gab sie auf. Ließ zu, dass sie zu den Flammen hingezogen wurde, während der Sturmwind heulte, als hätten sich die Todesschreie einer ganzen Stadt in ihm vereint.

Matteo schaffte es, sich aus dem Türbogen und dann an der Mauer entlang in den Rosengarten zurückzuziehen. Hier ließ das Zerren des Sturms nach. Der Wind toste über die Gartenwälle hinweg und peitschte die Rosenbüsche, die über den Mauerkranz hinausgewachsen waren. Sein Palazzo stand in hellen Flammen. Die Hitze versengte bereits seine Haut. Das Atmen fiel ihm immer schwerer.

Er würde hier nicht sterben, dachte Matteo wütend. Er würde überleben und an dem Erzpriester Rache nehmen. Lucio Tormeno war für all das verantwortlich. Dafür würde seine Familie büßen. Zuerst seine Frau und sein Sohn.

Matteo blickte auf die Steinplatte, die ein wenig anders aussah als die übrigen Steine im Gartenweg. Auf den dunklen Spalt, der ihm Rettung verhieß.

Als sein Gärtner ihm zum ersten Mal gesagt hatte, was zu tun sei, damit seine Rosen wirklich unvergleichlich würden, hatte er ihn mit einem Stock geprügelt. Aber als der Alte darauf beharrte, recht zu haben, hatte er ihm eine Woche Zeit gegeben, um seine Behauptungen zu beweisen.

Matteo hatte sich immer zugutegehalten, dass er vor einer Wahrheit, die ihm missfiel, nicht die Augen verschloss.

Er kroch über die Steine. Ihre Hitze verbrannte ihm die Handflächen. Aber er ließ sich nicht aufhalten. Die Hitze des Feuers würde ihn töten. Sie drang mit jedem Atemzug in seine Lungen, und mit jedem Herzschlag wuchs das Gefühl zu ersticken.

Er griff in den Spalt. Todesangst verlieh ihm die Kraft, die schwere Steinplatte anzuheben. Er war am Rand der Ohnmacht, als er sich in das dunkle Loch fallen ließ. In die Kloake, in der die Fäkalien des Palazzo gesammelt wurden, so dass jeder, der ihm diente, dabei half, seinen Rosen die schönsten Blüten der Stadt zu schenken.

 

Arbora, Brunnenkanal unter der Stadt, vierte Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Ein blaues Leuchten ließ Ilja innehalten. Hitze wogte durch den engen Tunnel des Kanals, und dann sah er deutlich die blassblauen Flammen, die auf dem klaren Wasser in ihre Richtung trieben.

»Was ist da vorn?«, fragte Elisa hinter ihm.

Ilja kannte das Kaiserwasser nur aus Erzählungen. Nie zuvor hatte er gesehen, wie es im Kampf eingesetzt wurde. Aber blaue Flammen, die selbst im Wasser brannten … es konnte keinen Zweifel geben, was da auf sie zutrieb. Noch war das unheimliche Feuer fast zehn Schritt entfernt.

»Wir müssen zurück zum Gitter.« Er bemühte sich, so ruhig wie möglich zu klingen, um Elisa und den Kindern keine Angst zu machen.

»Aber der Weg dort ist doch versperrt«, wandte Elisa ein.

»Ich glaube, ich kann das Gitter hochstemmen. Es ist der sicherste Fluchtweg für uns!« Er drehte sich zu der jungen Landarbeiterin um. In dem blauen Licht, das die Flammen warfen, sah sie sehr blass aus. Sie öffnete den Mund, wollte etwas erwidern, doch er schüttelte nur sanft den Kopf, und sie begriff.

»Was für ein schönes Licht«, rief Viola entzückt. »Woher kommt das?«

»Es hilft uns, den Weg hinaus zu finden. Wir müssen wieder zurück.« Ilja bedeutete den Mädchen mit einer Geste, umzukehren. »Schnell jetzt! Wir wollen doch der Dunkelheit hier unten endlich entkommen.«

»Stimmt!« Viola kicherte. »Und dem schleimigen Zeug an den Wänden. Das riecht ja schlimmer als alte Fischköpfe und der Nachttopf vom Patron Tercio zusammen.«

Arianna, die Ältere der beiden, sah ihn mit ernstem Gesicht an. Ihr war ganz offensichtlich klar, dass etwas nicht stimmte. Aber sie schwieg, um ihre kleine Schwester nicht zu ängstigen.

Hastig krochen sie durch das niedrige Wasser zurück, bis sich der Tunnel weitete.

Die Flammen folgten ihnen. Ein leichter Luftzug wehte ihnen ins Gesicht. Von ferne waren jetzt Schreie zu hören.

»Wer ist da so zornig?« Violas Abenteuerstimmung war verflogen.

»Es ist nicht erlaubt, in die Kanäle zu steigen«, erklärte ihr Elisa. »Sie sind zornig auf uns. Deshalb werden wir uns jetzt ganz schnell davonmachen.«

Sie erreichten das Gitter. Als Ilja sich an Elisa vorbeidrängte, streiften ihre Hände wie zufällig die seinen. Sanft drückte sie seine Finger. In ihren Augen aber stand blanke Angst.

Der Krieger löste sich von ihr, packte die rostigen Eisenstangen des Gitters und schob die rechte Schulter unter eine der Querstreben.

»Die sehen aber hübsch aus.« Jetzt, da er die Sicht nicht mehr blockierte, konnten die Kinder die blauen Flammen auf dem Wasser treiben sehen. Sogar Ariannas Augen weiteten sich vor unschuldiger Begeisterung. »Wie schön!«

Elisa hielt die beiden, als sie den Flammen entgegengehen wollten, zurück.

Immer drückender wurde die Hitze, die sich mit dem Feuer durch den Kanal schob. Ilja hatte das Gefühl, als schnüre ihm etwas die Kehle zu. Sein Atem ging keuchend wie am Ende einer Fechtstunde.

Er biss die Zähne zusammen und stemmte sich mit aller Kraft von unten gegen das Gitter. Zoll um Zoll hob sich die Barriere.

Die treibenden Flammen waren noch höchstens fünf Schritt entfernt. Jetzt wichen auch die Kinder vor ihnen zurück.

»Das ist aber heiß«, sagte Viola arglos.

Iljas Zähne knirschten, als würden sie gleich splittern. Schweiß rann ihm über die Stirn.

Da tat das Fallgitter einen Ruck, als sei ein Sperrriegel zurückgewichen. Die rostrot verkrusteten Spitzen hoben sich zwei Handbreit aus dem Wasser. Dann blockierte es erneut.

»Schieb die Kinder hindurch«, presste Ilja hervor. »Schnell!« Wenn er doch nur einen besseren Hebel bekommen könnte! Er müsste sich unter die Spitzen zwängen. Seine Rüstung würde ihn schützen.

»Kommt, wir müssen auf die andere Seite.« Elisa zog die Kinder zu sich. »Du zuerst, Viola!«

Die Kleine sah Ilja mit ihren dunkelbraunen Augen an. »Du kommst aber auch, oder?«

Er rang sich ein Lächeln ab. »Natürlich. Ich muss das Gitter nur noch ein bisschen höher stemmen. Ich fürchte, ich bin zu dick …«

Viola kicherte. »Du bist doch nicht dick. Du bist stark. Du schaffst das bestimmt.«

Die Flammen waren bis auf drei Schritt heran. Ölige Inseln, die auf dem Wasser trieben. Aus ihnen erwuchsen, wie einer Mär entsprungen, die blassblauen Feuer. Sie tanzten unstet im immer weiter auffrischenden Luftstrom, der durch den Kanal zog.

»Los jetzt!« Elisa schob Viola auf das Gitter zu. »Krabbel darunter hindurch.«

»Das ist nicht hoch genug«, murrte die Kleine.

»Dann leg dich auf den Bauch, Schatz!«

Viola gehorchte. Sie schob sich unter den Spitzen hindurch. Arianna folgte ihr. »Ich hab Wasser ins Gesicht bekommen«, maulte die Kleine. »Das ist eisig!«

Ilja hatte nur noch Augen für die Flammen. Es war allein seine Schuld, dass die drei noch in der Stadt waren, dachte er verzweifelt. Hätte er sie nicht auf das Fischbrot am Hafen eingeladen, wären sie hinausgekommen, bevor die Tore geschlossen wurden. Er wäre ihr Mörder, wenn sie hier nicht fortkamen. Aber Elisa würde nicht durch die Lücke passen. So schmal sie auch gebaut war, es würde einfach nicht reichen.

Mit der Kraft der Verzweiflung stemmte er sich gegen das Gitter. Ein metallisches Knirschen drang aus dem Mauerspalt, durch den die Sperre herabgeglitten war.

Die Flammen hatten sie fast erreicht.

»Mama, du musst jetzt aber auch kommen«, sagte Arianna unruhig.

»Natürlich, mein Schatz.« Elisa kniete in dem kalten Wasser nieder. Sie sah zu Ilja auf. »Danke!«

Er las das Wort mehr von ihren Lippen ab, als dass er es hörte.

Sie musste fort von hier! Trotz der Rüstung spürte er den Druck des Gitters auf seiner Schulter. Er stellte sich vor, stark wie eine Eiche zu sein, deren Wurzeln selbst Mauerwerk zerbrachen. Seine Beine und sein Rücken waren ein mächtiger Stamm. Er kämpfte gegen das Gitter an. Wusste, dass er es besiegen konnte. Knirschend glitt es noch ein wenig höher.

»Jetzt!«, stieß er mit gepresster Stimme hervor.

Elisa legte sich ins Wasser und schob sich unter den Eisenspitzen hindurch.

Ein scharfes Knacken, gefolgt von einem stechenden Schmerz, löschte das Bild in Iljas Vorstellung. Die Last drückte unbarmherzig die gebrochenen Enden seines Schlüsselbeins in sein Fleisch.

Das Gitter senkte sich mit einem Ruck tiefer. Die eisernen Spitzen pressten Elisa auf den Boden des Kanals. Sie strampelte mit Armen und Beinen, schaffte es aber gerade eben nicht, den Kopf über Wasser zu bekommen.

»Zieht an ihren Armen!«, befahl er den Kindern, während die blauen Flammen sich seinen Beinen näherten. Er war ein Baum, mahnte er sich in Gedanken. Eine Eiche aus der Westermark.

Viola und Arianna griffen nach den Händen ihrer Mutter. Sie zerrten aus Leibeskräften, auch als Elisas Bewegungen schwächer wurden.

Der Luftzug im Kanal war zu einem stetigen, warmen Wind geworden, der sich heulend in dem unterirdischen Labyrinth verfing.

Iljas Waffenrock fing Feuer. Die Flammen loderten bis zu seiner Brust hinauf. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Elisas Bewegungen endeten.

Das durfte nicht sein!

Er war eine Eiche aus der Westermark, beschwor er noch einmal das Bild der Kraft herauf.

Die gesplitterten Knochenenden ließen Muskelfasern zerreißen. Das inzwischen glühend heiße Eisengitter versengte ihm die Handflächen. Er brüllte vor Wut und Verzweiflung.

Die Eisenstäbe ruckten.

Elisa kam frei.

Ihre Töchter zogen den erschlafften Körper aus dem Wasser hoch.

»Lebe!«, schrie er im Befehlston eines Komturs, der eine Schlacht lenkte. »Lebe!«

Und tatsächlich, Elisa bäumte sich auf. Sie spie Wasser, keuchte und sackte dann wieder nach vorn. Die Mädchen hielten sie fest, achteten darauf, dass ihr Gesicht nicht noch einmal untertauchte.

Die Flammen verzehrten sein Leben. Ilja versuchte seinen Schmerz nicht zu zeigen.

»Du brennst«, sagte Viola, den Tränen nahe. »Wie kann ein Ritter brennen?«

»Es sind nur blaue Flammen.« Immer noch hielt er das Gitter hoch, obwohl ihm längst klar war, dass es für ihn kein Entkommen geben würde. »Sie tun nicht weh. Bringt eure Mutter fort von hier. Ich komme gleich nach.«

»Versprochen?«

Einen Herzschlag lang war die Pein vergessen. Hätten sie kein Fischbrot gegessen, hätte Viola seine Tochter sein können. Sie hätte ihn als Vater angenommen …

Er nickte und biss sich in die Unterlippe, um nicht zu schreien. Was er lediglich aus Geschichten gekannt hatte, war nun Wirklichkeit: Das blaue Feuer fraß das Fleisch, bis nur noch Knochen blieben.

Das Letzte, was er sah, war, wie die Mädchen ihre Mutter davonzogen, die wieder auf die Beine kam.

Er biss sich die Lippe durch. Sein Mund war voller Blut. Aber er schrie nicht.

 

Arbora, vor der Stadtmauer, vierte Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Viola hatte nicht verstanden, warum das blaue Feuer böse geworden war. Es war so schön. Nie hatte sie solche Flammen gesehen. Und das Licht, das es warf, war verzaubert. So hatte sie sich das Zauberlicht in den Mären von der Weißen Königin immer vorgestellt.

Inzwischen hielt sie sich mehr an ihrer Mutter fest, als dass sie diese noch stützte. Aus dem Wind, der durch den Kanal pfiff, war ein wütender Sturm geworden. Er heulte wie die Wölfe, wenn sie in Winternächten aus den Wäldern kamen, und drohte sie von den Füßen zu reißen.

Viola blickte kurz über die Schulter. Ilja war immer noch nicht gekommen. Der Kanal hatte eine weite Biegung gemacht, so dass sie das Gitter nicht mehr sehen konnte. Ganz sicher hatte er es inzwischen hochgeschoben und war darunter hindurchgeschritten. Er war ein Held wie aus den Mären. Er war ein Ritter, der selbst vor den Schlangenfrauen des Khans oder den Drachen vom Weltenrücken nicht zurückgewichen wäre. Aber das blaue Feuer hatte ihm Angst gemacht. Das hatte sie ihm angesehen. Er hatte dasselbe Gesicht gemacht wie Arianna, wenn sie dem großen, schwarzen Hofhund Beppo begegnete. Ihre Schwester erzählte immer allen, dass sie sich nicht vor ihm fürchtete. Aber das war gelogen. Und sie konnte es in ihrem Gesicht sehen, wenn sie Beppo in einer einsamen Ecke der Stallungen über den Weg liefen. Sie fürchtete sich und spielte allen nur vor, tapfer zu sein.

Viola blickte wieder in den Kanal zurück. Wann kam Ilja endlich?

»Trödel nicht!« Ihre Mutter zog sie am Arm. Sie ging noch gebeugt, hatte Schmerzen, wo das schwere Gitter ihren Rücken getroffen hatte. Wie die Zähne eines Drachen, der zuschnappte …

»Schnell jetzt!«

Der Kanal machte einen weiteren Knick, und vor ihnen war ein von rotem Licht beschienenes Feld zu sehen. Ihre Mutter beschleunigte ihre Schritte, stemmte sich gegen den fauchenden Wind und zog sie beide hinter sich her. Es fühlte sich an, als wollte der Sturm sie zu Ilja zurücktragen.

Viola konnte sich nicht erinnern, dass jemals ein so wilder Wind an ihr gezerrt hatte.

Und doch erreichten sie das Ende des Kanals, wo das Mauerwerk inmitten einer Wiese in ein steiniges Bachbett überging. Ihre Mutter schob sie die Böschung hoch. Hier war der Wind nur noch eine Brise.

Verwundert blickte Viola auf die runde Öffnung des Kanals – ein gemauerter Mund im Erdreich, der gierig Atem holte. Vielleicht war die ganze Stadt ja auf dem Rücken eines großen Ungeheuers gebaut, dem sie gerade eben noch entkommen waren. Dann sollten sie jetzt wohl besser in die Berge laufen, bevor es sich erhob und seine Krallen nach ihnen ausstreckte.

Hinter ihnen ragte eine hohe Mauer auf, über der sich ein rotglühender Nachthimmel spannte, durch den helle Funken tanzten wie Glühwürmchen in einem Sommerwald, wenn die Weiße Königin ihren Hofstaat um sich versammelte.

Auf der Mauer erklang ein Ruf.

»Lauft!«, schrie ihre Mutter.

Viola war müde. »Wir müssen auf Ilja warten«, entgegnete sie bockig und rührte sich nicht von der Stelle, während Arianna bereits durch das trockene Gras davoneilte. Ihre Schwester war immer die Brave. Tat immer, was ihre Mutter sagte.

Elisa war ein paar Schritt vor ihr. Als sie sich zu ihr umdrehte, sah Viola die Tränen in ihren Augen. Elisa hatte Ilja schon aufgegeben. Sie nicht! Zornig rutschte Viola die Uferböschung hinab. Sie würde ihre Mutter zwingen, noch einmal in den Kanal zurückzukehren.

»Nein!«

So, wie sie es erhofft hatte, kam ihre Mutter zu ihr gelaufen. Oben an der Böschung zögerte sie kurz, suchte einen guten Abstieg und schwankte plötzlich. Ein rotes Auge hatte sich inmitten ihrer Stirn geöffnet. Ein Strom blutiger Tränen quoll daraus hervor. Dann stürzte sie mit dem Gesicht voran in den Bach.

»Mama …« Das hatte sie nicht gewollt!

Viola verstand nicht, was geschehen war. Sie hätte ihre Mutter nicht ärgern dürfen. Eilig sprang sie über die schlüpfrigen Steine und hob vorsichtig den Kopf ihrer Mutter an. Eine Wolke von Blut trieb mit dem klaren Wasser in den Kanal hinein, schwebte Ilja entgegen, der im blauen Feuer wartete.

Mit zitternden Händen hielt Viola den Kopf ihrer Mutter über Wasser. »Es tut mir leid. Das hab ich nicht gewollt. Bitte sag etwas!«, flehte sie.

Doch aus dem neuen Auge in der Stirn stürzte ein Strom roter Tränen, der gar nicht mehr versiegen wollte, und Elisa blieb stumm.

 

Arbora, vor der Stadtmauer, vierte Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Ein guter Schuss!«, murmelte Lucio. Die Worte waren wie Galle auf seinen Lippen, doch darauf kam es nicht an. Das hier musste getan werden!

»Ein schlechter Schuss.« Selbst im roten Feuerschein der brennenden Stadt wirkte das Antlitz des Kriegers fahl. Tiefe Falten lagen um seine Mundwinkel. Schwarze Stoppeln wucherten auf den Wangen des schmalen Gesichts. Die Hände, die die schwere Armbrust hielten, zitterten. »Ich hatte auf ihre Beine gezielt.«

»Der Herr des Himmels hat deine Hand geführt und es gerichtet. Nun das ältere der Mädchen!«, wies der Erzpriester ihn an.

»Nein!« Der Schütze legte seine Armbrust auf der Brüstung ab. »Kaiserritter töten keine Kinder!«

»Und die Stadt?« Lucio wies auf das Inferno unterhalb der Mauern. »Was glaubst du, wie viele Kinder in dieser Stunde dort sterben? Hast du etwa kein Kaiserwasser zwischen die Häuser geschossen?«

»Es ist …« Der Waffenknecht schüttelte verzweifelt den Kopf. »Es ist anders, auf ein Kind anzulegen, als blind in die Stadt zu schießen.«

Lucio sah den übrigen Männern auf der Mauer an, dass sie genauso dachten. Zum Glück war das Mädchen auf der Weide vor der Stadtmauer inzwischen stehen geblieben und blickte unschlüssig zurück zu ihrer kleinen Schwester. Der Erzpriester nahm die Armbrust von der Mauer und spannte sie mit der Kurbel. Im Roten Kloster hatte er auch gelernt, mit verschiedenen Waffen zu kämpfen, obwohl in erster Linie seine Seele für die Schrecken, die da kommen würden, gestählt worden war. Die wichtigste aller Lehren aber war Konsequenz gewesen. Ein Erzpriester sollte wohl bedenken, welchen Weg er einschlug. Hatte er seine Entscheidung aber einmal getroffen, dann hieß es, diesen Weg, ohne zu zögern, bis zum Ende zu gehen.

Lucio zog dem Waffenknecht einen Bolzen aus dem Lederbeutel am Gürtel und legte das Geschoss auf die Führungsschiene der Armbrust.

Das Mädchen dort unten war etwa im selben Alter wie sein Sohn Nandus, schätzte er. Ob sie sich gekannt hatten? Ihm wurde die Kehle eng. Darüber durfte er jetzt nicht nachdenken!

Er legte den Schaft der Waffe an die Schulter und berücksichtigte die Höhe, aus der er schoss. Dann zog er den Abzug durch. Die Armbrust ruckte leicht. Das Mädchen tat einen gellenden Schrei. Er hatte sie schlecht getroffen! Sie strauchelte. Presste sich ihre Hände auf den Bauch. Und dann versuchte sie, zu ihrer jüngeren Schwester zu kriechen.

Die Kleine hatte gar nicht mitbekommen, was mit ihrer älteren Schwester geschehen war. Sie hatte nur Augen für ihre Mutter.

Lucio blickte weg. Er lud die Waffe nach. Es galt, die Insel zu schützen! Nur daran sollte er denken. Alle Opfer dieser Nacht wären vergebens gewesen, wenn er die Mädchen entkommen ließ und sie die Pest auf Cilia verbreiteten. Er hatte sich entschlossen, Tausende Tote für Zehntausende Gerettete in Kauf zu nehmen. Nun musste er diesen Weg bis zum Ende gehen.

Die Waffe war gespannt. Er griff erneut nach dem Beutel mit den Bolzen am Gürtel des Waffenknechts. Doch der packte seine Hand. »Kaltherziges Priesterschwein! Es reicht!«

Lucio blickte dem Mann in die Augen. Er würde sich nicht aufhalten lassen. Er konnte …

Jetzt erst sah er die anderen. Die Stimmung unter den Kriegern war umgeschlagen. Sie alle betrachteten ihn nun mit eisiger Verachtung. Ihn, den Kindermörder!

»Männer!«, erklang es scharf hinter Lucio. Der Erzpriester fuhr herum.

Auch Karol, der alte Komtur, hielt nun eine Armbrust in Händen. »Lasst diese Schlacht nicht mit einem Akt der Rebellion enden. Ihr alle seid Krieger vom Schwarzen Adler. Ihr seid keine normalen Männer mehr. Ihr seid auf eine Art mutig, die sich andere nicht einmal vorstellen können. Ihr kämpft, ihr sterbt, aber ihr weicht niemals. Heute hat der Feind nicht das Antlitz grimmiger Krieger aus dem Khanat. Ihm ins Gesicht zu blicken erfordert größeren Mut, als ihr je auf einem Schlachtfeld in der Westermark aufbringen musstet.« Der alte Ritter hob die Waffe und trat an die Mauerbrüstung. Einen Herzschlag nur zielte er, dann zog er den Abzug.

Lucio trat ebenfalls an die Mauer.

Das kleine Mädchen lag reglos neben seiner Mutter. Nie in seinem Leben hatte er sich so schäbig gefühlt.

»Werft Kaiserwasser hinab!«, befahl Karol. »Ihre Leichen müssen bis auf die Knochen verbrennen. Nur dann sind sie keine Gefahr mehr.« Sein Antlitz war eine Maske des Schreckens. Von dem gebeugten alten Mann war nichts mehr geblieben. Zum ersten Mal sah Lucio den, der er wirklich war, vor sich. Einen, der dem Krieg schon vor langer Zeit seine Seele verpfändet hatte.

Die Waffenknechte gehorchten. Gleich mehrere schleuderten Glasflakons auf die Weide hinab.

Lucio wandte sich wieder der Stadt zu. Hier war das Blau ganz aus den Flammen gewichen. Feuer tobten in allen Straßen. Selbst die Schiffe im Hafen brannten lichterloh. Menschen sah er keine mehr. Nicht einmal Vögel. Arbora war ein Ort geworden, an dem nur noch das Feuer lebte.

Die Hitze hatte sich inzwischen tief ins Mauerwerk gefressen. Deutlich spürte er sie durch seine Sohlen. Aus einstürzenden Giebeln strebten Kaskaden von Funken dem Nachthimmel entgegen.

Er blickte zu Karol.

Der Komtur nickte ihm zu. Die Zeit für den letzten Akt war gekommen. »Folgt mir in den Turm!«, befahl Karol seinen Waffenknechten.

 

Arbora, Festungswerk des Mondtors, fünfte Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Lucio betrat als Letzter die Turmkammer. Er zog hinter sich die schwere, eisenbeschlagene Eichentür zu, die dazu gefertigt war, den Äxten von Belagerern zu widerstehen. Zumindest eine Zeitlang.

»Dies war die schwerste Schlacht, die ich in meinem Leben geschlagen habe«, erklärte Karol mit volltönender Stimme. »Ich weiß, was ich euch abverlangt habe. Ihr alle seid wahrlich Kaiserritter, ganz gleich, welchen Rang ihr im Orden bekleidet, und ich danke euch für die unverbrüchliche Treue, die ihr …«

Lucios Gedanken schweiften ab. Stumm pries er die Güte des Herrn des Himmels, der seine Familie gerettet hatte. Er hätte sich gewünscht, seinen Sohn zum Mann reifen zu sehen. Nandus war ein guter Junge. Er trug eine Kraft in sich, die ihn noch weit bringen mochte.

Nandus würde stark sein müssen. Künftig würde es eine Bürde sein, den Namen Tormeno zu tragen. Den Namen des Feuerrichters von Arbora. Lucio war sich sicher, dass sie ihn so in Zukunft nennen würden.

Und doch würde er es wieder tun. Er hatte keine Wahl gehabt. Er war der Erzpriester von Cilia. Er hatte geschworen, die Insel zu schützen. Und diesem Eid war er treu geblieben.

Eine plötzliche Stille ließ Lucio aufblicken. Der Komtur hatte seine Rede beendet und sah ihn an. Die Zeit war gekommen, den letzten Schritt des Weges zu gehen. Karol hatte ihm versprochen, dass seine Ritter in den anderen Türmen ihre Befehle zuverlässig ausführen würden. Nun blieb Lucio nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass das Vertrauen des alten Ritters in den Orden gerechtfertigt war.

Der Erzpriester griff nach der offenen Kiste, die auf einem niedrigen Waffenschrank neben der Tür stand. Sechs Flakons Kaiserwasser waren in ihrem Strohpolster verblieben.

Lucio leerte die Kiste auf den steinernen Boden. Klirrend zerbrach das Glas. Keiner durfte Arbora verlassen. Auch sie, die Richter, mochten die Pest in sich tragen.

Die Hitze traf ihn wie ein Fausthieb. Riss ihm die Luft aus den Lungen.

Er taumelte zurück. Dachte an seinen Sohn Nandus. Der Junge war zu Großem bestimmt. Er würde ein besserer Mann sein, als er es je war.

Blau war das Letzte, was Lucio sah, bevor seine Augen zerschmolzen.

 

Landgut Solarino, 23 Meilen südöstlich von Arbora, fünfte Stunde der Nacht, 7. Tag des Hitzemondes, 53. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Wach auf, Nandus! Schnell!«

Knurrend hob der große schwarze Hund, der am Fußende seines Bettes lag, den kantigen Kopf.

Nandus’ Mutter Sibelle stand mit einer Öllampe in der Tür zu seiner Schlafkammer, wagte es aber nicht, einzutreten. Sie mochte den großen Hirtenhund nicht.

»Ruhig, Beppo.« Nandus setzte sich auf und kraulte den alten Hofhund. »Ruhig.«

»Komm, Nandus. Draußen strahlt der Himmel, wie du es noch nie gesehen hast, in einem seltsamen blauen Licht.«

Jetzt hörte er auch Stimmen vom Hof. Neugierig geworden, schwang er sich aus dem Bett. Beppo folgte ihm wie ein Schatten. Der Hund war so groß wie ein Kalb.

Seine Mutter trug nur ihr langes Nachthemd. Er fand das unpassend. Sein Vater würde es nicht mögen, wenn sie sich so auf den Hof zwischen die Knechte und Tagelöhner stellte.

Als Nandus aus der Landvilla auf den von Stallungen und Gesindehäusern gesäumten Hof trat, verschlug es ihm schier die Sprache. Der Himmel vor ihnen glühte. Ein Abglanz blauen Lichts war zu sehen, das allmählich von Rot- und Orangetönen verdrängt wurde.

»Ah, da ist der Schlingel ja endlich …« Onkel Tercio eilte auf seinen dürren Storchenbeinen herbei und zauste ihm das Haar. »So ein starkes Wetterleuchten habe ich noch nie gesehen. Es ist wie in den alten Mären …«

»Wie in den Mären?« Diese Geschichten kannte Nandus nicht.

»Ein Vorzeichen großer Veränderungen. Es heißt, bevor Hulan, der Blutkhan, seinen großen Feldzug in den Osten begann, hätte man über dem Weltenrücken in drei Nächten hintereinander solch ein Wetterleuchten gesehen.«

»Von Arbora aus hätte man jetzt sicher einen großartigen Blick«, bemerkte seine Mutter.

Tatsächlich versperrte ihnen eine bewaldete Hügelkette den Blick nach Nordosten, wo der Himmel am hellsten glühte.

»Beim Wetterleuchten strahlt der Himmel. Das Licht kommt nicht vom Boden«, entgegnete sein Onkel in belehrendem Ton. »Von hier sieht man alles genauso gut wie von eurer Stadt aus. Eine meiner Mägde ist mit ihren Töchtern nach Arbora gegangen. Wenn sie morgen wieder hier ist, werden wir erfahren, ob es unten am Meer mehr zu sehen gab.«

»Eine deiner Mägde?« Sibelle schnaubte verächtlich. »Die sagen doch ohnehin nur, was du hören willst.«

Tercio lachte. »Stimmt. Hier wissen die Frauen noch, wo ihr Platz ist, und stopfen sich nicht den Kopf mit unnützem Bücherwissen voll.«

»Und doch hat mich ebendieser Patron erst zur Mittagsstunde noch gebeten, dass ich bei meinem Mann ein gutes Wort für ihn einlegen soll, weil seine Ernte …«

»Nicht!« Tercio hob die Hände. »Rede darüber nicht, wo das Gesinde uns belauscht.«

Nandus mochte es nicht, wenn die beiden miteinander zankten. Irgendwie gefiel es seiner Mutter, ihren großen Bruder zu reizen, und Tercio hielt sich umgekehrt auch nicht gerade zurück.

Während sein Onkel nach Wein rief und lautstark erklärte, was die Pflichten der Frauen seien, nutze Nandus die Gelegenheit, um sich mit Beppo an seiner Seite zu verdrücken. Er würde seinen Onkel später nach den Geschichten über das Wetterleuchten fragen. Tercio steckte immer voller Geschichten. Nandus liebte es, ihm abends nach dem Essen zuzuhören, wenn er in Plauderlaune war.

Nandus schlenderte zwischen den Knechten und Mägden hindurch. Sie alle redeten aufgeregt über den glühenden Himmel. Er hörte das Wort Bluthimmel.

Konnte der Himmel bluten? Gab es eine Mär darüber? Dann kannte er sie nicht. So viele Geschichten kannte er nicht. Sehnsüchtig blickte er gen Süden, wo im rötlichen Licht schwach die Baumlinie des Schwertwaldes zu sehen war. Vor drei Tagen war er mit Beppo dorthin gegangen. Es war ein weiter Weg. Viele Meilen. Am Abend war er viel zu spät zurückgekehrt. Alle hatten nach ihm gesucht. Mit Fackeln waren sie hinausgezogen, hatten in den kleinen Fischteichen und den Abwassergräben nachgesehen …

Jetzt noch brannte ihm der Hintern von der Tracht Prügel, die ihm Onkel Tercio verpasst hatte. Dabei wussten sie nicht einmal, wo er gewesen war. Vermutlich hätten sie ihn sonst für die restlichen Tage auf dem Landgut in seine Kammer gesperrt.

Ein wenig abseits von dem Gesinde sah er Jacobo sitzen, einen Wanderarbeiter, der nur zur Erntezeit auf dem Landgut half. Auch er steckte voller Geschichten. Und er spielte wunderbar auf der Hirtenflöte. Aber er war nicht sonderlich gut gelitten. Die Knechte hatten Sorge, dass er ihren Frauen nachstellte.

»Na, junger Herr.« Jacobo winkte ihm zu. Er gehörte zu den wenigen hier, die keine Angst vor Beppo hatten.

Nandus schlenderte zu ihm hinüber.

»Glaubst du, der Himmel leuchtet wegen deines Ausflugs?«

Mit offenem Mund starrte er den Mann an.

Jacobo lächelte. »Keine Sorge. Dein Geheimnis ist bei mir wohl gehütet. Ich hab dich aus dem Wald kommen sehen. Ich mag mutige Jungs. Hast nicht verraten, wo du warst, nehme ich an. Sonst hätten sie dich jetzt bestimmt nicht aus deiner Kammer geholt.«

Nandus sah mit einem mulmigen Gefühl zu dem glühenden Himmel. »Was hat das mit dem Wald zu tun?«

»Du weißt doch, dass tief im Wald die Weiße Königin schläft, um in Zeiten großer Not zurückzukehren.«

»Ich war aber nicht tief im Wald!«, stellte Nandus erleichtert fest. »Kaum mehr als eine Meile.«

»Das ist eine alte Mär. Als sie entstand, reichte der Wald noch bis fast an die Mauern von Arbora. Damals herrschten die Schwertherzöge und nicht die Räte.«

»Die Schwertherzöge sind nur Räuber …«

»Das sagen die Räte, Junge. Hast du schon mal mit einem Schwertherzog gesprochen? Sie sehen das anders. Ich dachte, du seist klüger, als einfach nur zu wiederholen, was man dir erzählt.« Er tippte Nandus mit dem Finger an die Stirn. »Benutze deinen Verstand. Nur dann wirst du im Roten Kloster bestehen. Zumal du eigentlich viel zu jung bist. Die Kraft deiner Arme und Beine wird nicht genügen, um dich unter die Auserwählten zu bringen. Du wirst die Mönche auf andere Art überzeugen müssen.«

Jetzt erschien Jacobo auch ihm unheimlich. Der Wanderarbeiter war ein hagerer Mann mit einem langen Gesicht und rostrotem Haar, wie man es nur selten in den Städten sah. Eine Narbe spaltete seine rechte Braue und ließ ihn verwegen aussehen. Obwohl es Nacht war, trug er seinen breitkrempigen Hut, der mit Amuletten, Muscheln und Federn geschmückt war.

»Woher weißt du das?«

Jacobo zuckte mit den Schultern. »Elisa, eine der Mägde, hat deine Mutter und deinen Onkel darüber reden hören, dass dein Vater dich am Ende des Sommers zum Kloster bringen will. Er scheint große Stücke auf dich zu halten. Üblicherweise sind es junge Männer, die darum bitten, ins Rote Kloster aufgenommen zu werden.«

Nandus sackte die Kinnlade herab. Er wusste nur zu gut, dass er zu jung war. Und er fürchtete sich davor, seinen Vater zu enttäuschen.

»Wenn du Erzpriester werden willst, musst du ein Herz so hart wie Granit und einen Verstand so klar wie Bergkristall haben. Und du musst die Mären kennen. Es ist die oberste Pflicht der Mönche im Roten Kloster, die Mären zu hüten.«

»Aber wie hütet man denn Geschichten, Jacobo?«

»Man achtet darauf, ob sich etwas verändert, wenn die Menschen sich die Mären erzählen.« Der Wanderarbeiter wies auf den glühenden Horizont. »Und sie beobachten den Himmel in Furcht vor dem Tag, an dem das Dunkel die Sterne verschlingt.«

»Woher weißt du all das?«

»Ich wandere, hab kein Heim, kenne aber viele Mären. Vielleicht wirst du auch einmal eine.«

Nandus schüttelte niedergeschlagen den Kopf. »Ich bin doch nur ein Junge, kein Held. Was für eine Geschichte sollte man sich über mich schon erzählen?«

Jacobo schnalzte ärgerlich mit der Zunge. »Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Du bist der Junge, der den Hund zum Freund hat, vor dem sich alle fürchten. Du gehst in den unheimlichen Wald, den man nicht betreten soll, und ich sehe dir an, dass du darüber nachdenkst, es wieder zu tun. Außerdem bist du der Sohn eines Erzpriesters. Deine Mär hat längst schon begonnen. Ich sehe, was dein Vater in dir sieht. Vertraue auf ihn, ganz gleich, was andere dir sagen werden.«

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Bernhard Hennen - Die Chroniken von Azuhr. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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