Bernhard Hennen: Die Chroniken von Azuhr - Die Weiße Königin

FISCHER TOR

Leseprobe: Die Chroniken von Azuhr: Die Weiße Königin (Bernhard Hennen)


TOR Team
16.08.2018

Lest hier die ersten 12 Kapitel aus »Die Chroniken von Azuhr - Die weiße Königin«, Band 2 der Fantasy-Reihe von Bestsellerautor Bernhard Hennen. Der Roman erscheint am 26.9. bei FISCHER Tor. 

Was bisher geschah: Der junge Priestersohn Milan Tormeno trägt einen verfluchten Namen. Einst beging sein Großvater Lucio mit kaltem Herzen tausende Morde, um die Insel Cilia zu retten. Und jeder, der Lucio kannte, schwört, dass Milan ihm bis aufs Haar gleicht. Mit eiserner Hand bereitet sein Vater Nando den Jungen darauf vor, ein Erzpriester zu werden – einer jener Auserwählten, die die Geschicke der Welt Azuhr lenken sollen. Doch Milan rebelliert und flieht aus der Stadt. Auf der Flucht gerät er unter den Einfluss der Meisterdiebin Felicia und der geheimnisvollen Konkubine Nok. Hin- und hergerissen zwischen den zwei Frauen, findet er sich bald in ein Netz von Intrigen verstrickt, die über die Zukunft Cilias entscheiden werden.

*** Leseprobe ***

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DER SCHLANGE, 11. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Ihr werdet noch Euer Kind umbringen. Ihr solltet das nicht tun.«

»Dieses Kind bedeutet mir nichts.«

Bao Li betrachtete die fremde Kaisertochter mit dem goldenen Haar aus den Augenwinkeln. Noch nie war er einer so kaltherzigen Frau begegnet. Nicht in all den Jahren am Wandernden Hof des Khans, wo Verrat und Intrige das Leben so selbstverständlich prägten wie die strengen Regeln der Teezeremonie.

Prinzessin Marcia saß, obwohl es höchstens noch zwei Wochen bis zu ihrer Niederkunft sein konnten, wie ein Mann im Sattel. Bao hatte darüber gewacht, wie dieses Kind gezeugt worden war. Er hatte den Vater ausgewählt und der Mutter kräftigende Fischbrühe bereitet und einen Sud aus Storchschnabelkraut, der sie dazu bereitmachte, ein Kind zu empfangen.

Als er sich ganz sicher gewesen war, dass sie ein Kind trug, hatte er das Gift gemischt, das dem Erzeuger in einem kleinen Krug mit Reisschnaps gebracht worden war. Alles war gut gewesen, bis der Khan entschieden hatte, dass es für die Mutter und das heranwachsende Kind am Wandernden Hof zu gefährlich war.

Bao blickte die endlose Reiterkolonne entlang. Die Eherne Horde zog nach Osten. Sie würde die roten Städte der Westermark niederbrennen. Städte, die niemals hätten gebaut werden dürfen.

»Dies ist kein Platz für eine Frau«, setzte er noch einmal an. »Inmitten von Heerscharen ungewaschener Mordbrenner, die ihre …«

»Hier sind die Männer das, wonach sie aussehen, und keine in Seide gewandeten Schöngeister, die heimtückisch mit Gift morden, während sie mit einem arglosen Gast über die Schönheit einer neuen Orchideenzüchtung plaudern.«

»Ihr äußert Eure Gedanken ungebührlich direkt, meine Dame«, erwiderte er brüskiert. Die Prinzessin hatte sich sehr verändert, seit sie den Wandernden Hof verlassen hatte. Vor einem halben Jahr noch war Marcia nur eine schüchterne junge Frau gewesen, die es kaum gewagt hatte, ihm direkt in die Augen zu sehen. Jetzt führte sie sich auf, als sei sie eine Herrscherin.

Er bemerkte, dass auch die Männer in ihrer Umgebung ihn mit kalten Augen musterten. Sie hatten Respekt vor der jungen Frau mit dem goldenen Haar, dachte Bao. Sie waren keine Bewacher, sie waren Gefolgsleute. Es war also noch schlimmer, als die Gerüchte, die am Wandernden Hof umliefen, hatten erahnen lassen. Wie hatte General Xiang Yu seinen Khan derart hintergehen können? War das der Beginn einer Revolte?

»Fühlt Ihr Euch nicht wohl, Herr Bao?«

Wie hätte er sich wohlfühlen können, nachdem er die halbe Welt auf dem Rücken eines Pferdes durchquert hatte statt in einer Sänfte, wie es sich für einen Mann seines Ranges geziemte? »Ich bin ein wenig von der Reise erschöpft, meine Dame.«

»Sie ist nicht deine Dame, du Seidenfurz!«, fuhr ihn einer der Reiter aus Marcias Gefolge an. »Nenn die kleine Kaiserin noch einmal so, und dein Kopf wird aus dem Gras zu ihr aufschauen, während dein Arsch noch im Sattel sitzt.« Der Krieger zog seinen breiten Säbel halb aus der Scheide und trieb sein Pferd zwischen ihn und die Prinzessin.

Seinem runden, fast konturlosen Gesicht nach zu urteilen gehörte der Rüpel zum Volk der Kargasen aus der nördlichen Steppe. Er trug abgewetztes Leder und eine pelzgesäumte Kappe. An den Mundwinkeln hingen dünne schwarze Barthaare herab. Einfältig sah er aus und brutal.

»Du sprichst mit Bao Li, dem zweiten Leibarzt des Khans, Leng. Einem Mann von großem Einfluss am Wandernden Hof. Er ist jeden Morgen der Erste, der in das Nachtgeschirr des Khans blicken darf«, bemerkte Marcia spöttisch.

»Nachtgeschirr?« Der einfältige Pferdehüter blickte verwirrt zu seiner Herrin.

»Der Topf, in den der Kaiser sich erleichtert, wenn …«

Leng begann zu prusten. »Du bekommst diese Seidenkleider dafür, dass du Scheiße anglotzt? Ich sollte mein Glück am Wandernden Hof versuchen. Habt ihr das gehört?« Er blickte zu den anderen Leibwächtern, die ebenfalls breit grinsten.

»Du solltest mich wirklich einmal am Wandernden Hof besuchen, Leng«, entgegnete Bao und dachte an die Kammern der gelösten Zungen. Er hatte nur jene Männer und Frauen zu sehen bekommen, die bereit waren, alles zu erzählen. Es war seine Aufgabe gewesen, ihre Wunden zu behandeln und sie so lange am Leben zu erhalten, bis sie auch ihr letztes Wissen preisgegeben hatten. Ihm fehlte es an Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was man ihnen angetan hatte. Wunden wie dort hatte er selbst auf den schrecklichsten Schlachtfeldern nicht gesehen. Es läge sicherlich im Rahmen seiner Möglichkeiten, Leng dorthin zu bringen. Und die selbstgefällige Prinzessin mit dem goldenen Haar vielleicht sogar auch, wenn sie noch Fehler machte.

»Der Khan ist in großer Sorge um Euch, edle Dame. Er wünscht sich, dass Ihr an den Wandernden Hof zurückkehrt.«

»Hast du das in seinem Nachttopf gelesen?«, spottete der Kargase.

»Nein, der Khan erweist mir gelegentlich die große Gunst, seine Gedanken mit mir zu teilen.« Bao legte seine Hand auf die schwarzlackierte Kiste, die mit Seidenbändern an seinem Sattel festgebunden war. »Da unserem Herrscher in seiner unermesslichen Weisheit nicht verborgen blieb, dass diese Welt voller Zweifler ist, hat er mir sein persönliches Siegel anvertraut, um es jenen zu zeigen, die nicht glauben wollen, dass meine Zunge seinen Willen verkündet.«

»Und was ist sein Wille?«, fragte ihn die Prinzessin von oben herab.

»Nun, ich soll mit General Xiang Yu darüber sprechen, was zu tun ist, um Eure Blutlinie zu erhalten, meine Dame.«

Es war ihm eine stille Genugtuung zu sehen, wie ihre Selbstgefälligkeit ein Opfer des Schreckens wurde, als sie begriff, dass die Frucht ihres Leibes genügen würde, um genau dafür zu sorgen, und dass ihr Leben von der Gunst des Mannes abhing, der die Ehre hatte, den Inhalt des Nachtgeschirrs des Khans zu begutachten.


WESTERMARK, ÖSTLICH DES SCHWARZFORSTES,

FRÜHER NACHMITTAG, 11. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Sie sind da!«, keuchte der Reiter. Sein Gesicht war rot von der Hitze und dem scharfen Ritt. Seine Hosen und die Flanken des Schecken mit Schaumflocken bedeckt. »Keine zehn Meilen mehr.«

»Wen hast du gesehen?«, fragte Zaneta ruhig.

»Wir sind an ihren Spähern vorbei. Wir waren zu dritt …«, stammelte der junge Reiter atemlos. Sein rabenschwarzes Haar hing ihm in nassen Strähnen in die Stirn. »Ihre Späher haben uns bemerkt, aber wir haben sie gesehen. Die ganze Horde. Ein meilenlanger Reiterzug.«

»Was ist aus deinen Gefährten geworden?«, fragte sie.

»Tot …« Der junge Späher schien geradezu durch sie hindurchzublicken. Sein Gesicht war aschfahl, als durchlebte er den Tod seiner Gefährten ein weiteres Mal. »Ihre Späher kamen aus einem Wald. Diese Hundefresser schießen im Sattel so gut wie unsere besten Schützen zu Fuß … Bratis und Iwo sind ihnen entgegengeprescht, um mir Zeit zu erkaufen …«

»Tapfere Männer.« Zaneta löste einen Lederschlauch von ihrem Sattelhorn und reichte ihn dem jungen Späher. »Trink auf die beiden. Sie sind Helden! Und wir werden dafür sorgen, dass sie sich nicht vergebens geopfert haben.« Sie drückte ihm den Schlauch mit dem Apfelschnaps in die Hand. »Schließ dich den Wagen an. Ich finde dich heute Abend. Dann wirst du mir von Bratis und Iwo erzählen, und wir trinken gemeinsam … Nun geh!«

Der Späher wendete sein Pferd. Mit hängenden Schultern ritt er die Wagenkolonne entlang, bis ihm einer der Kutscher einen Platz auf dem Bock anbot.

»Dein Wille wird also geschehen«, bemerkte ihr Oheim Jan von Tanow, der wie stets an ihrer Seite ritt. »Jetzt können wir ihnen nicht mehr entkommen.«

Sie blickte ihn an. Er war ein kleiner Mann mit einem Pagenschnitt und einem runden Gesicht. Erstes Grau mischte sich in sein schwarzes Haar. Er sah nicht besonders aus, war nicht von stattlicher Gestalt und doch der beste Schwertkämpfer der Westermark. Stets trug er einen bestickten weißen Seidenschal. Immer denselben. Er war ausgefranst, und sein strahlendes Weiß von einst könnte ihm keine Wäscherin der Welt mehr zurückgeben. Solange Zaneta ihren Oheim kannte, begleitete ihn dieser Schal. Sie empfand diese Marotte als schrullig. Doch Jan von Tanow pflegte diese Schrulle. Wer ihn nicht kannte, der machte gern den Fehler, diesen kleinen, verschrobenen Mann zu unterschätzen.

»Ich habe gewollt, dass es so kommt. Es ist nicht die Eherne Horde, die uns überrascht. Ich habe sie gelockt, und sie werden überrascht werden.«

Ihr Oheim schenkte ihr ein schiefes Lächeln und blickte die endlose Kolonne aus Fuhrwerken entlang. Schwerfällige Planwagen, auf den ersten Blick … »Dreihundert Wagen und alles, was von den freien Rittern der Westermark noch übrig ist. Dazu Jäger, bewaffnete Bauern und Holzfäller, ein paar Söldner …«

Er sah über das wellige, von Waldinseln durchsetzte Grasland nach Westen. Das Gras reichte ihm bis zu den Steigbügeln. Die Sommerhitze hatte es golden gefärbt. Wenn der Nordwind darüberstrich, wogte es wie das Meer. »Und irgendwo dort drüben kommt die Eherne Horde, die unlängst auf dem Krähenfeld das Heer der Reichsfürsten niedergemetzelt hat. Deren Heer war zehnmal so stark wie unseres …«

»Sie waren ein Haufen eingebildeter Stutzer«, unterbrach Zaneta ihn, »die das Schlachtfeld mit den Turnierplätzen des Reiches verwechselt haben. Wir wissen, gegen wen wir kämpfen. Wir haben sie schon immer bekämpft …«

»Und wir haben fast immer gegen sie verloren«, bemerkte ihr Oheim spitz.

»Der Orden vom Schwarzen Adler wird uns unterstützen. Ich habe dem Hochmeister Gamrath von Hatzfeld Boten geschickt und ihm den Schlachtplan verraten.« Ihr Blick wanderte über das weite Grasland. Etwa eine Meile entfernt zog sich ein breites, dunkles Band durch das Gold des Hügellands. Der Schwarzforst, das einzige größere Waldstück in dieser Gegend. Etwa eine halbe Wegstunde südlich erhob sich ein großer, flacher Hügel. »Dort werden wir uns stellen.«

Ihr Oheim nickte. »Fällt auf der Rückseite steil ab. Dort fließt die Geiße. Nicht weit dahinter schließen die Marschen an. Kein schlechter Platz. Aber auf die Ordensritter hoffe ich nicht. Wären sie auf dem Krähenfeld gewesen, hätten sie den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausgemacht. Warum sollten sie hier erscheinen?«

Manchmal war ihr Oheim blind für die Welt, dachte Zaneta verärgert. »Die Ordensritter haben natürlich nicht an der Seite der Kaisermörder gekämpft.«

»Dass die Reichsfürsten Kaiser Orelian aus dem Fenster seiner Burg gestürzt haben, ist mehr als zwanzig Jahre her. Wenn wir die alten Feindschaften nicht endlich begraben, dann wird jeder für sich untergehen.«

Zaneta bemerkte weit im Westen drei Reiter. Einer stieg auf seinen Sattel und spähte zu ihnen herüber. »Sie sind da.« Ein Schauder überlief sie. Sie war zuversichtlich, dass sie es besser machen würde als die Reichsfürsten in der Schlacht auf dem Krähenfeld. Aber das würde nicht genügen, wenn die Ordensritter nicht kamen.

Zaneta wendete ihr Pferd und ritt zur Wagenkolonne zurück. »Auf den Hügel!«, rief sie aus Leibeskräften. »Bildet eine Wagenburg auf der Hügelkuppe.«


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES HUHNS, 11. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Xiang Yu erwartete die Schlacht mit Freude. Er hatte die Horde in etwa einer Meile Abstand zu dem Hügel, auf den sich die Karrenritter zurückgezogen hatten, mehrere Lager aufschlagen lassen. Die Wagen würden ihm nicht mehr entrinnen. Deutlich waren die Planen gegen den dunklen Himmel im Osten auszumachen. Das letzte Abendlicht gab dem Leinen die Farbe zarter Kirschblüten.

Manchmal vermisste er den tiefen Frieden der Parkanlagen des Khans. Es war lange her, dass er mit dem Herrscher zur Falkenjagd geritten war, und so, wie die Dinge standen, war er froh, Tausende Meilen vom Wandernden Hof entfernt zu sein.

Irgendwo im Lager erklang das klagende Lied einer Pferdekopfgeige. Xiang gestattete sich einen Augenblick der Ruhe. Er schloss die Augen und genoss die Musik. Er liebte den Schlachtenlärm nicht, auch wenn ihn seine Erfolge in nur zwölf Jahren von einem einfachen Reiterführer zum General der Ehernen Horde gemacht hatten.

»Xiang?« Ang Min, sein Stellvertreter, trat durch den lockeren Kreis der Wachen, die ihn vor Neugierigen aus dem Lager abschirmten. Ang war noch sehr den Attitüden des Hofes verfallen. Unter seiner geschwärzten Brustplatte trug er ein langes mohnrotes Seidengewand, auf das prachtvolle goldene Phönixe gestickt waren. Sein Haar war straff zurückgekämmt und geölt, so dass es glänzte wie schwarzer Lack. Noch ein Winter in der Westermark, dachte Xiang schmunzelnd, und dieser Glanz würde verlorengehen. Er selbst trug längst nur noch groben Stoff und Leder. Das war angenehmer auf einem Feldzug.

»Xiang!« Der zweite General hatte es unangemessen eilig, an seine Seite zu gelangen. Er sollte sich mäßigen. Solche Auftritte sorgten für Gerüchte.

»Was ist? Sind die Ordensritter erschienen?«

»Nein. Sie sind immer noch jenseits der Wolfsmarschen. Sie werden fünf oder sechs Tagesritte brauchen, um die Sümpfe zu umgehen. Es ist Bao Li …« Ang senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Er trägt das Jadesiegel des Khans. Er hat es mir gezeigt. Und wahrscheinlich auch schon anderen Anführern. Der Alte ist ungehalten und verlangt, dich zu sprechen. Du solltest ihn empfangen. Vielleicht …«

Xiang ließ seine Reitgerte in seine offene Hand klatschen. Er wusste, was der zweite Leibarzt des Khans wollte. Ihm war klargeworden, dass der Khan einen Boten schicken würde. Allerdings war der Leibarzt nicht der Mann, mit dem er gerechnet hatte. Er hätte eher einen Onkel des Khans erwartet.

»Lass ihn durch«, befahl er. Große Müdigkeit überkam ihn. Er wusste, welchen Fehler er begangen hatte und dass seine Lage aussichtslos war. Außer vielleicht, er entschied sich zu offener Rebellion …

Ang Min sah ihn fragend an. Wie alle in der Ehernen Horde wusste auch er, was Xiang getan hatte. Es war im Siegestaumel nach der Schlacht auf dem Krähenfeld geschehen. Marcia war genauso glücklich gewesen wie alle in der Horde, dass sie das Heer der Reichsritter besiegt hatten. Sie war über das Schlachtfeld geschritten und hatte in die Gesichter der Toten geblickt, die einst ihren Vater aus dem Fenster seiner Burg gestürzt hatten.

Xiang war neben ihr gegangen. Hatte sie die Namen nennen hören. Namen von Männern, die ihre Mutter und Schwestern geschändet hatten. Männern, die ihre Brüder vor ihren Augen mit Keulen totgeprügelt hatten. Männern, die zuletzt auch sie aus dem Turmfenster geworfen hatten. Sie war auf die Toten und Sterbenden ihrer Familie gefallen. Auf manche, die gleich ihr den Fenstersturz überlebt hatten, nur um ein weiteres Mal ihren Peinigern in die Augen zu sehen.

In dieser Nacht der Genugtuung, dass altes Unrecht endlich gesühnt war, war geschehen, was niemals hätte sein dürfen.

»Wie du wünschst«, sagte Ang leise und zog sich zurück.

Xiang straffte sich. Lieber würde er noch einmal an der Spitze der Ehernen Horde gegen die Lanzen der Reichsfürsten anreiten, als auf diesen Leibarzt des Khans zu warten. Marcia hatte ihm bereits von ihrem Gespräch mit Bao berichtet.

Der Leibarzt trat durch die Reihen der Krieger. Er trug eine kleine Kiste aus schwarzem Lack. Abgesehen von ihrem goldenen Verschluss, war sie schmucklos.

Xiang überragte ihn um Haupteslänge. Bao war ein kahler Mann, dem ein dünner weißer Bart vom Kinn hing. Fein wie Seidenfäden waren die Haare. Große schwarze Augen musterten Xiang. Bao hatte keine Angst vor ihm.

»Ehrenwerter Meister Li.« Xiang verbeugte sich. Er war sich nicht ganz sicher, wer von ihnen in der Hierarchie des Wandernden Hofes höher stand. Eigentlich sollte er, der niemals auf dem Schlachtfeld besiegt worden war und ein Heer von Dreißigtausend führte, der Bedeutendere sein. Aber Bao gehörte offensichtlich zu dem sehr kleinen Kreis der engsten Vertrauten des Khans. Eine Ehre, die Xiang eingebüßt hatte.

»Ehrenwerter General Yu.« Bao verbeugte sich ebenfalls.

Xiang entging nicht, dass diese Verbeugung weniger tief war als seine.

»Das Licht des Himmels hat mich gesandt, ehrenwerter General Yu.«

Licht des Himmels war einer von mehr als einem Dutzend Ehrentiteln, die der Khan führte. Xiang hatte für diesen verschwenderischen Umgang mit rühmenden Worten keinen Sinn. Er war der Einzige unter den Befehlshabern des Khans, der Titel ablehnte, obwohl er zugleich der mit den meisten Siegen war. Diese Einstellung war einer der Gründe, warum er den Wandernden Hof hatte verlassen müssen, denn alle anderen Generäle des Khans – Männer mit so klingenden Ehrentiteln wie Geißel des Nordens oder Städtezerstörer – hatten sich durch ihn brüskiert gefühlt.

»Bitte seht, was ich Euch mitgebracht habe, General Yu.« Der Leibarzt reichte ihm das Kästchen. Es war ungewöhnlich schwer. Wie es die Etikette erforderte, öffnete Xiang es, auch wenn er wusste, was er darin sehen würde: Ein Jadeblock, groß wie ein Mauerstein, füllte das Lackkästchen fast vollständig aus. Ein Phönix und ein schlangenhafter Drache entwuchsen der Oberfläche des rechteckigen Jadeblocks. Sie konnten als Griff genutzt werden. Xiang kannte das Siegel. Er wusste um die Inschrift auf der Unterseite: Frieden und Ruhe unter den Schwingen weiser Herrschaft.

»Ihr versteht die Botschaft, die der Khan Euch schickt, General Yu?«

Xiang räusperte sich. Er nahm sich Zeit, die Lage zu überdenken. Bao hatte das Siegel schon einigen seiner Befehlshaber gezeigt. Wer es gesehen hatte und sich dennoch auf Xiangs Seite stellte, beging Verrat am Willen des Khans. Was also war die Botschaft? Dass jeder Widerstand zwecklos war? So schnell würde er sich nicht geschlagen geben!

»Ich fürchte, Ihr werdet mir weiterhelfen müssen, ehrenwerter Meister Li. Ich begreife nicht ganz …«

Der Leibarzt bedachte ihn mit einem frostigen Blick. Offensichtlich war er ein Mann, der es liebte, im Nebel des Unausgesprochenen verborgen zu stehen. »Ihr seid Euch, so hoffe ich, bewusst, auf welch infame Weise Ihr den Khan hintergangen habt. Prinzessin Marcia steht unter seinem Schutz. Er gab sie in Eure Obhut, um sie vor Schaden zu bewahren. Damit sie in Sicherheit ihr Kind austragen kann.«

Xiang schenkte ihm ein schmallippiges Lächeln. »Ich hoffe, Euch ist der Widersinn dieses Wunsches bewusst, Meister Li.« Er machte eine weit ausholende Bewegung zum Nachtlager der Truppen. »Prinzessin Marcia befindet sich inmitten eines marschierenden Heeres in einem Krieg. Ich glaube, im Reich des Khans gibt es viele Orte, die sicherer sind.«

Der Leibarzt hob verärgert eine Braue. »Darf ich daraus schließen, dass Ihr die Weisheit der Entscheidungen des Khans in Frage stellt, General Yu?«

»Schenken wir uns doch die Spitzfindigkeiten, Li. Man schickt niemanden in einen Krieg, dessen Sicherheit man wünscht!«

»Nehmt es als Hinweis auf das grenzenlose Vertrauen, das der Khan in Euch, seinen liebsten General, gesetzt hat.«

Xiang klappte das Kästchen mit dem Siegel zu und reichte es dem Leibarzt, der es jedoch nicht entgegennahm, sondern ihn weiterhin tadelnd ansah. »Könnt Ihr Euch das Ausmaß der Enttäuschung des Lichts des Himmels vorstellen, als Euer Verrat ruchbar wurde, da der Khan erfuhr, dass Ihr jener Frau beiwohnt, die einzig und allein den Interessen des Herrschers dienen darf und nicht der Befriedigung Eurer Gelüste?«

Xiang war überrascht, dass der Leibarzt doch so deutlich geworden war. »Und was schließe ich daraus, dass Ihr als Bote geschickt wurdet, ehrenwerter Meister Li, und nicht ein anderer General, der mich hinrichten lässt, um dann mein Kommando zu übernehmen?«

»Nehmt es als Zeichen dafür, wie hoch Ihr einmal in der Gunst des Khans standet. Das Licht des Himmels überlässt es Euch, zwischen einem von zwei Wegen zu wählen.« Der Leibarzt senkte den Blick. »Es ist ein großes Glück, dass die Prinzessin bereits mit einer Frucht des Leibes gesegnet ist, so dass Euer brünstiges Verhalten keinen Schaden anrichten konnte. Allerdings glaube ich, dass es jede Stunde zur Niederkunft kommen kann. Da sie reitet, statt zu ruhen, gefährdet sie sich und das Kind. Und ich habe den Befehl, sobald die Prinzessin das Kind gebiert, Eure sofortige Hinrichtung anzuordnen, General Yu. Es sei denn, Ihr seid den anderen Weg gegangen, den der Khan Euch in seiner grenzenlosen Großmut gewährt.«

»Ihr steht mitten unter meinen Männern und droht mir, Bao Li?«

»Ich bin mit dem Siegel des Khans geschickt worden, was belegt, dass meine Worte seine Wünsche tragen. Seid Ihr Euch Eurer Männer ganz sicher, ehrenwerter General Yu? Glaubt Ihr, sie würden ihre Schwerter gegen mich richten? Das wäre, als würden sie die Klingen gegen den Khan selbst führen. Werden sie das tun?«

»Ihr spracht von einem anderen Weg …« Xiang war sich in der Tat nicht sicher. Die einfachen Krieger liebten ihn, weil er wie einer von ihnen war. Aber konnte er sich auf Männer wie Ang Min verlassen, wenn es hart auf hart kam?

»Damit wären wir bei dem Grund, warum der Khan mich als Boten geschickt hat …« Der Leibarzt sah ihn immer noch nicht direkt an. »Wenn der Khan sich für immer sicher sein könnte, dass Ihr keine Kinder mehr zeugen könnt …«

Xiang ließ das Kästchen mit dem Siegel fallen.

»Er … er hat Euch geschickt, um mich zu entmannen?«, keuchte er.

»Wenn Ihr bereit seid, dieses Opfer zu bringen, dann dürft Ihr weiter über die Prinzessin wachen, und alles, was Ihr getan habt, wird Euch vergeben sein. Es muss allerdings schnell geschehen.«

Siebenmal war Xiang in seinen Kämpfen für den Khan ernsthaft verwundet worden. Oft folgte auf eine Verletzung eine gewisse Taubheit. Der Schmerz kam erst später … So empfand er auch jetzt. Er musste ein Mann sein, um diese Horde wilder Barbaren zu führen. Einem Eunuchen würden sie nicht folgen. Sie würden nicht länger auf das Glück eines Anführers vertrauen, der sein Yang aufgegeben hatte. Die Kraft zu siegen!

»Geht!«, fuhr er den Leibarzt an. »Schnell! Aus meinen Augen! Was Ihr verlangt, ist unmöglich!«

Jetzt sah ihm der Leibarzt wieder in die Augen. »Ich bedauere, dass Ihr Euch so entschieden habt, General Yu.« Er hob das Kästchen mit dem Siegel auf und verbeugte sich knapp.

Xiang fühlte sich immer noch wie betäubt. Er durfte an der Seite der Frau bleiben, die er liebte, wenn er für immer darauf verzichtete, seine Liebe vollziehen zu können? Wie konnte der Khan das von ihm verlangen?

Er sah dem Leibarzt nach, der sich, kaum dass er den Kreis der Wachen durchschritten hatte, an Ang Min wandte, um, wie es schien, etwas mit ihm zu besprechen …

 

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES HUNDES, 11. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG

 

Marcias Küsse brannten noch auf seinen Lippen.

 

»Du willst ihn noch einmal treffen?«, fragte sie besorgt.

Er strich über ihre Brüste. Ihr Geruch hatte sich in den letzten Wochen verändert. Er mochte es, ihren Nacken zu küssen, ihr langes goldenes Haar auf seinem Gesicht zu spüren und tief einzuatmen. Sie ganz in sich aufzunehmen. So wie jetzt. Seine Hände lagen unter ihrem Bauch.

Die Glut im kleinen Feuerkreis knisterte leise. Eigentlich war es zu warm, um in der Jurte auch noch ein Feuer zu haben, aber Marcia liebte es, mit ihm Tee aus den kostbaren Schalen zu trinken, die sie zu diesem Anlass stets mitbrachte. Fast sechzehn Jahre hatte sie am Wandernden Hof verbracht. Mehr als doppelt so lang wie am Kaiserhof ihres Vaters. Sie war die letzte Überlebende aus dem Geschlecht derer von Greifenberg, und doch hatte die Kultur des fernen Westens sie tiefer geprägt als die ihres eigenen Volkes.

Xiang genoss den Augenblick der Harmonie. Er spürte den Pulsschlag in ihrem Bauch. Sein Herz schlug im gleichen Rhythmus. Sie waren eins. Osten und Westen in Frieden vereint. Der Traum des Khans. Warum nur konnte im Großen nicht Wirklichkeit werden, was zwischen ihnen so selbstverständlich geworden war?

Wieder strich er über die glatte, warme Haut ihres Bauchs. Erst seit kurzem sah man Marcia an, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug. Selbst jetzt wirkte sie noch sehr schlank, wenn er sie von hinten betrachtete. Sie hatte knabenhaft schmale Hüften. »Ich freue mich auf unser Kind«, hauchte er in ihren Nacken.

»Es ist nicht unser Kind«, sagte sie leise. »Nicht dieses. Aber ich verspreche es dir, bald … Ein Jahr, und du wirst deinen ersten Sohn in den Armen halten.«

Seine Hände glitten behutsam über ihren Bauch. Er konnte spüren, wie sich das Kind bewegte. »Fühlst du, wie es tritt?«

»Besser als du«, entgegnete sie lachend und wollte sich umdrehen. Doch er hielt sie fest. Er wollte verweilen, wollte ihren Duft mit sich nehmen. Für immer. Er wusste nicht, was die Welt für ihn künftig noch bereithalten mochte.

»Was ist los mit dir?«

»Nur melancholische Stimmungen am Abend vor einer Schlacht …«, flüsterte er in ihr Haar.

»Was hat Bao Li von dir gewollt?« Sie löste sich mit Kraft aus seiner Umarmung. »Was?« Ihre wunderschönen himmelblauen Augen funkelten vor Zorn. »Ich werde Leng schicken, um ihm die Kehle durchzuschneiden!«

»Nein, Marcia. Das wird nicht helfen. Er trägt das Siegel des Khans und hat es bereits unter meinen Reiterführern herumgezeigt … Sie können das nicht ignorieren. Wenn er getötet wird, dann wird es zu Kämpfen kommen. Nicht alle werden mir folgen, wenn das bedeutet, sich gegen den Khan zu stellen.«

»Und was werden wir tun?«

Es gefiel ihm, wie sie immerzu wir sagte. Sie war eine starke Frau. Er hatte sie völlig falsch eingeschätzt, als der Khan sie seiner Obhut unterstellt hatte.

»Was ich immer vor einer Schlacht tue. Ich werde eine Nacht gut schlafen und gründlich darüber nachdenken, wie ich siege. Morgen nehme ich dann den Kampf auf.« Er lächelte breit.

Sie ging nicht darauf ein, sondern blieb ernst. »Du hast also zwei Schlachten zu schlagen. Die eine gegen den zweiten Leibarzt des Khans, die andere gegen die Wagenburg.«

»Die zweite bereitet mir keine großen Sorgen. Sie werden nicht gegen uns bestehen können …«

Marcia nickte. Sie wirkte bedrückt.

»Was ist?«

»Die Wappen«, sagte sie. »Etliche Planen der Wagen sind mit Wappen geschmückt. Viele freie Ritter begleiten den Zug. Männer, die sich geweigert haben, den Reichsfürsten, die meine Familie ermordet haben, die Treue zu schwören. Sie mussten mit ihren Familien aus dem Reich fliehen. Sie haben für ihre Treue alles aufgegeben. Es ist anders als vor der Schlacht auf dem Krähenfeld … Sie sollten nicht sterben.«

Xiang war überrascht, sie so reden zu hören. Zugleich war er dankbar, dass sie nicht mehr über diesen verfluchten Leibarzt sprachen. »Ich werde mit ihnen verhandeln, bevor wir angreifen. Sie sollen Gelegenheit haben, diesen aussichtslosen Kampf zu vermeiden, ohne ihr Gesicht zu verlieren.«

Marcia war sichtlich erleichtert. Sie sammelte ihre Kleider von den Teppichen auf, mit denen die Jurte ausgelegt war. Xiang mochte die Jurten mit den dicken Filzwänden nicht. Vor allem im Sommer war es heiß und stickig hier drinnen. Er zog es vor, unter freiem Himmel zu schlafen, so wie seine Krieger.

»Soll ich nicht doch bleiben?«, fragte Marcia plötzlich.

Nichts wäre ihm lieber! Doch ihm stand anderes bevor.

»Nein«, sagte er entschieden. »Du weißt, wenn die Karrenritter mein Angebot, sich zu ergeben, nicht annehmen, werde ich an der Seite meiner Männer kämpfen. Ich muss ausgeruht und bei Kräften sein …« Er betrachtete den gewölbten Bauch und ihre Brüste, die sich deutlich üppiger als sonst unter dem blassblauen Seidenkleid abzeichneten. »Ich bin ein schwacher Mann. Wenn du hier bist, werde ich den Verlockungen nicht widerstehen und dich die ganze Nacht liebkosen und mich mit dir unseren Träumen hingeben.«

Ihre Augen strahlten wie der Sommerhimmel. »Ich weiß«, entgegnete sie mit einem sinnlichen Lächeln, und es war, als versuchte sie, ihn allein kraft ihres Lächelns zu verführen.

So gern hätte er ihr nachgegeben.

Schließlich bückte sie sich und schlug die beiden kostbaren Trinkschalen aus hauchzartem dunkelblauem Porzellan in ein Seidentuch ein. Sie waren ein Geschenk des Khans. Rotgoldene Greifen waren auf die Schalen gemalt, die Wappentiere des Hauses von Greifenberg.

»Danke«, sagte er leise und bereute es sofort. Seine Stimme hatte zu melancholisch geklungen!

Marcia sah zu ihm auf. »Wofür?«

»Für diesen Augenblick des Friedens. Dafür, dass ich erst durch dich weiß, was das Ziel meines Lebens ist.«

»Du hast also beschlossen, mein Diener zu sein?« Sie bedachte ihn mit ihrem wenig damenhaften breiten Grinsen.

»Jetzt und für immer!«, sagte er ernst. »Ich werde dich beschützen, und wenn die Westermark unterworfen ist, werde ich weiter ins Reich mit dir ziehen und erst ruhen, wenn du wieder auf dem Thron sitzt, der einst deinem Vater gehörte.«

»Der Khan wird das nicht gestatten …«

»Der Khan träumt davon, dass Westen und Osten in immerwährendem Frieden vereint sind«, entgegnete Xiang entschieden. »Könnten wir einen besseren Weg zu diesem Ziel beschreiten, als dich wieder auf den Thron zu heben, der dir dank deines Blutes gehört?«

Sie sah ihn traurig an. »Wer groß träumt, schreitet am Rande des Abgrunds, sagt man in meinem Volk. Du allein genügst mir, General Xiang. Du hast die Leere meines Lebens mit Liebe gefüllt. Ich brauche kein Reich. Ich habe mein Glück schon gefunden. Vergiss das nicht, wenn du deine Schlachten planst.« Sie hob den Filzvorhang am Eingang und verließ die Jurte.

Xiang blickte in die Glut des Feuers. Wie hätte er ihr sagen können, dass in dieser Nacht ihre Zukunft enden würde?


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES EBERS, 11. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Bao Li war überrascht, den General nackt zu sehen, als er mitten in der Nacht in dessen Jurte trat. Es gab weder Frauen noch Wein in der Jurte. Xiang Yu gab sich keinen Vergnügungen hin, sondern saß im Lotussitz und wirkte tief in Gedanken versunken.

Einige Zeit wartete Bao schweigend ab. Nach einer Weile wagte er es, sich leise zu räuspern.

»Sprechen wir«, sagte der General in ruhigem Tonfall.

Bao schwitzte. Nicht weit von Xiang Yu lehnte ein blank gezogener Säbel an einem der Pfosten der Jurte. »Wie Ihr schon sagtet, seid Ihr ein Freund offener Worte, General Yu. Wenn Ihr kein Rebell sein wollt, dann werde ich Euch nun die Hoden entfernen müssen. Ich werde sie in einem Gefäß mit Alkohol konservieren und dem Khan vorzeigen, wenn ich an den Wandernden Hof zurückkehre.«

»Morgen werden sehr viele Hoden verfügbar sein, wenn wir die Wagenburg erobern …«

»Wollt Ihr mir nahelegen, den Khan zu hintergehen, General Yu?«, fragte Bao beklommen.

»Wisst Ihr, wie ich Schlachten gewinne, ehrenwerter Meister Li?«

»Ich weiß, wie man Leben bewahrt, General, nicht, wie man sie in großem Stil auslöscht.« Bao hielt es für klüger, ein wenig offensiv aufzutreten, vor allem in Anbetracht der tatsächlichen Befehle des Khans.

»Ich denke schon, dass es eine unmittelbare Verbindung zwischen meinen Hoden und der Bewahrung oder Auslöschung vieler Menschenleben gibt.« Der General blieb auf beängstigende Weise gelassen. Im Lotussitz, ganz nackt, mit geschlossenen Augen und seinem überaus eindrucksvollen, bis weit über die Brust reichenden schwarzen Bart, erinnerte er eher an einen entrückten Mönch denn an einen Krieger. Freilich verrieten die Narben an seinem Körper überdeutlich, dass sein Leben der Gewalt und nicht friedlicher Meditation gewidmet war.

»Doch kehren wir zurück zu meiner Frage, Meister Li. Ich siege, weil ich versuche, mich in meine Feinde hineinzuversetzen. Ich bedenke ihre Möglichkeiten und Ziele. Dann wäge ich meine Möglichkeiten und Ziele ab. Heute habe ich zwei Schlachten zu schlagen. Der Kampf gegen die Karrenritter sollte leicht zu gewinnen sein. Ihr seid es, Meister Li, der mir Sorge bereitet.«

Bao räusperte sich. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie unglaublich stickig es war. Die Kehle wurde ihm eng. »Ich fürchte, ich vermag Euch nicht zu folgen, General.«

»Ich unterstelle, dass Ihr es auf Eurem Gebiet mindestens ebenso gut versteht, mit der Klinge umzugehen, wie ich auf meinem. Was dies angeht, seid also beruhigt.«

Das war er nicht, dachte Bao. Immer noch hielt Xiang Yu die Augen geschlossen. »Was sollte mich also beunruhigen?« Seine Worte waren eine Winzigkeit zu scharf gesprochen. Er wünschte, er könnte sich ebenso gelassen geben wie der General.

»Ich denke, dass der Khan mich als Bedrohung sieht und Ihr, ehrenwerter Meister Li, das Werkzeug sein sollt, das diese Bedrohung beseitigt. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es unter meinen Anführern nur drei gibt, die vom Siegel des Khans so beeindruckt sein könnten, dass sie sich gegen mich stellen würden. Ich habe dafür gesorgt, dass sie morgen während der Kämpfe Gelegenheit haben werden, den Heldentod zu sterben.«

Bao rang mit der absurden Vorstellung, dass sich eine Schlinge um seinen Hals zuzog. Sein Atem ging keuchend, ein wahrer Sturzbach von Schweiß rann seinen Rücken hinab. »Es muss sehr beruhigend sein, sich seiner Gefolgsleute so sicher zu sein.«

»Ich hingegen befürchte, dies ist der Grund, warum ich sterben soll.«

»Das seht Ihr falsch, ehrenwerter General. Es ist die Prinzessin … Wenn es keinen Grund zu der Sorge mehr gibt, dass Ihr mit ihr Kinder zeugt …«

»Ich gestehe, das habe ich Euch bei unserem ersten Gespräch geglaubt, Meister Li.« Jetzt öffnete der General die Augen. Eine Klinge am Hals zu spüren konnte nicht schrecklicher sein, als diesen Augen ausgeliefert zu sein. Sie waren unerbittlich. Ihnen entging nichts. »Es ist in der Tat sehr warm in der Jurte«, bemerkte der General.

»Ja …« Boa hatte sich immer für einen redegewandten Mann gehalten, doch die Worte erstarben ihm in der Kehle, lange bevor sie ihm über die Lippen kommen konnten.

»Wie es scheint, hat der Khan sein Vertrauen in mich verloren«, fuhr der General fort. »Glaubt Ihr, dies sei ein Leiden, das Ihr heilen könnt, Meister Li?«

Bao setzte die kleine Kiste mit den Instrumenten und Tinkturen, die er unter dem Arm trug, neben der Feuerstelle ab und ließ sich dem General gegenüber nieder. Den Lotussitz nahm er nicht ein, das erlaubten seine müden Gelenke schon lange nicht mehr. »Wart nicht Ihr derjenige, der zuerst das Vertrauen gebrochen hat? Ihr solltet Prinzessin Marcia behüten und nicht auf Euer Lager zerren.«

»Bildet Ihr Euch häufig Eure Meinung aufgrund von Hörensagen, werter Meister Li?«

Bao überging diese Bemerkung. »Berichtigt mich, wenn ich mich irre, doch ich glaube, Ihr seid ein Mann, dem eine Frau angetraut ist. Seid Ihr Euch bewusst, dass Ihr durch diese Ehe die Prinzessin zu Eurer Konkubine macht?«

»Gestattet, dass ich die Basis, auf der Eure Meinung ruht, ein wenig erweitere, Meister Li. Ich war sieben Jahre alt, als meine Eltern entschieden, ein Eheversprechen zu geben, dessen einziges Ziel es war, ein Bündnis zwischen zwei einflussreichen Familien zu stärken, damit sie einander halfen, die Ränkespiele am Wandernden Hof zu überleben. Als ich fünfzehn war, wurde die Ehe vollzogen. Ich zeugte drei Kinder mit meiner Frau. Liebe war dabei nie im Spiel. Heute kann ich sagen, meine Gemahlin fühlt sich nur dann wirklich wohl, wenn ich mindestens tausend Meilen entfernt bin und an der Spitze eines Heeres reite, so dass die begründete Hoffnung besteht, dass ich vor der Zeit gewaltsam aus dem Leben gerissen werde.«

Das klang fast wie seine eigene Geschichte, dachte Bao. »So werden Ehen eben geschlossen«, bemerkte er trocken. »Glaubt Ihr, Euch habe ein besonders hartes Schicksal getroffen, General?«

»Wart Ihr jemals verliebt, Meister Li?«

Bao wedelte mit der Hand. Solche Gedanken musste man wie eine Pferdebremse verscheuchen. »Liebe ist nur ein Strohfeuer. Weise ist es, eine Ehe auf Vernunft zu gründen.«

Der General lächelte milde. »Das wären genau meine Worte gewesen, bevor mir die Liebe begegnete. Sie lässt das Leben auf eine Art golden werden, die man sich nicht vorstellen kann, wenn man sie nicht kennt. Sie ist ein Gewürz, das jeden Augenblick des Seins veredelt.«

Bao war erschüttert. Der bedeutendste General des Khanats redete wie ein verwirrter Jüngling, und er war zutiefst überzeugt von dem Unsinn, den er von sich gab. Ihm die Hoden zu nehmen würde vielleicht die Fesseln lösen, in die seine Wollust seinen Verstand geschlagen hatte. Es wäre von Interesse, das als Arzt zu beobachten. Aber dazu würde es nicht kommen.

»Soweit ich sehe«, sagte der General nun wieder deutlich nüchterner, »kann der Khan nur meinen Tod wollen. Lässt er mich hinrichten, könnte das eine Rebellion auslösen, denn meine Krieger dulden meinen Umgang mit Marcia, und auch ohne Hoden kann ich eine Armee gegen den Khan führen. Insofern bringt, was Ihr hier tun wollt, dem Khan keinen Nutzen. Es sei denn, Ihr verabreicht mir ein schleichendes Gift.« Xiang Yus Blick wurde stählern. »Sterbe ich auf eine Art, die man mit Euch in Verbindung bringt, dann werden meine Männer mich rächen. Was also gedenkt Ihr zu tun, Meister Li?«

»Ich werde tun, was einem treuen Diener des Khans zu tun gebührt. Ich werde die Befehle meines Herrschers ausführen.«

Der General erhob sich und griff nach dem Säbel, der an dem Stützpfosten lehnte.

»Ihr seid ein mutiger Mann, Meister Li.« Mit diesen Worten hob er die Lederscheide des Säbels auf und schob die Waffe hinein.

Bao beobachtete ihn misstrauisch. Er zweifelte nicht daran, dass der General ihn auch mit bloßen Händen töten konnte.

Xiang Yu legte die Waffe weg und blickte auf ihn hinab. Der Leib des Generals war mit Narben bedeckt. Manche waren nur noch feine weiße Linien, andere wulstige rote Wucherungen. Diese alten Wunden zu sehen und sich vorzustellen, wie sie geschlagen und danach behandelt worden waren, lenkte Bao vom Unvermeidlichen ab. Der General war mehrfach in die Hände entsetzlicher Stümper gefallen, so viel war sicher. Erstaunlich, dass er immer noch lebte.

»Wie werdet Ihr vorgehen, Meister Li?«

»Was meint Ihr …« Bao konnte Xiang Yu nicht ganz folgen.

»Wenn Ihr mich entmannt. Wie soll es vonstattengehen? Auf welche Art …« Der General stockte. »Wie werdet Ihr meine Hoden entfernen?«

»Ihr lasst mich meine Arbeit tun?«

»Ich habe die Freiheit zu entscheiden, was ich bin. Ein Rebell gegen den Khan war ich nie. Ich bin es nicht einmal jetzt, da er mir ein grausames Unrecht tut.«

Bao sah ihn verständnislos an. War das eine Falle?

Der General legte sich auf die Matten im Zelt. »Fangt an! Der Khan hat die Macht, mich töten zu lassen, aber ich schenke ihm nicht die Macht, mich zu jemandem zu machen, der ich nicht sein will. Nur eines muss ich wissen: Bleiben mir noch ein paar Stunden?«

»Ihr werdet ganz gewiss nicht daran sterben, dass ich Euch die Hoden entferne«, sagte Bao beruhigend und schämte sich für seine Worte, die keine Lüge waren, jedoch die Wahrheit verbargen. Er öffnete den kleinen Kasten, nahm das Messer mit dem Elfenbeingriff und ein Seidentuch. »Es ist nur ein Schnitt in den Hautbeutel, in dem sie liegen. Ich werde die Stränge durchtrennen, an denen sie hängen. Ihr seid oft schwerer in Eurem Leben verwundet worden, General. Wenn Ihr Euch jetzt eine der Nackenrollen dort vorn unter Eure Hüfte schieben könntet? Das würde mir meine Arbeit erleichtern.«

Xiang Yu befolgte seine Anweisung. »Ich muss noch einen Tag leben«, beharrte er.

»Ich bin Leibarzt und kein Scharfrichter«, log Bao. Er nahm ein kristallenes Fläschchen aus dem Kistchen und träufelte ein wenig Drachenwurzelsud auf die Klinge. Einen Sud, dem er noch eine Kleinigkeit hinzugefügt hatte.

Der General beobachtete ihn misstrauisch. So oft, wie sein Fleisch wieder zusammengenäht worden war, musste ihm eigentlich vertraut sein, dass ein guter Leibarzt seine Werkzeuge reinigte, bevor er sie nutzte.

»Es wird ein erlesener Schmerz sein, wie Ihr ihn noch nicht kennt, General. Ich könnte Euch eine Traumkugel …«

»Ich habe morgen eine Schlacht zu schlagen, Meister Li, sofern ich unsere Gegner nicht überzeugen kann, sich zu ergeben. Ich brauche einen scharfen Verstand, wenn ich Blutvergießen vermeiden will. Es kommt für mich nicht in Frage, meine Sinne zu vernebeln. Ich werde über den Schmerz triumphieren.«

Heroischer Unsinn, dachte Bao. Über Schmerz triumphierte man nicht. Bestenfalls schaffte man es, Schmerzenslaute zu unterdrücken.

Er würde den General vergiften. Und es war ihm zuwider! Dieser Xiang Yu hatte mehr von einem Khan an sich als der Mann, auf dessen Befehl er hier war. Der Khan hatte entschieden, seinem General alles zu nehmen. Am Ende würden es die Männer der Ehernen Horde sein, die ihren Feldherrn töteten.


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

FRÜHER MORGEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Das ist eine Falle!«, beharrte Jan von Tanow. Ihr Oheim hielt ihr Pferd am Zügel zurück.

»Ich komm da schon raus«, entgegnete Zaneta zuversichtlich. »Die beiden sind die einzigen Reiter. Was sollte mir schon geschehen?«

»Sie halten sich außer Reichweite unserer Armbrustschützen! Das allein sagt …«

»Das täte ich auch, wenn ich an ihrer Stelle wäre.« Sie legte die Hand auf die mit Flugrost bedeckte Brustplatte, die sie über dem schweren Kettenhemd trug. »Wir sehen aus, als wären wir Feiglinge, wenn wir darauf nicht eingehen. Der Kerl in der Seidenrobe hält die Standarte des Feldherrn. Und der andere, das könnte Xiang Yu höchstselbst sein.«

Ihr Oheim nickte sichtlich widerstrebend. »Ein Mann in der einfachen Lederrüstung eines Steppenreiters und mit üppigem Bart. Das könnte er sein. Aber es könnte auch irgendein Meuchler sein. Beim Herrn des Himmels, du führst die Karrenritter an. Willst du es dem Gegner so leichtmachen, dich umzubringen?«

»Ich habe auch dein Pferd satteln lassen, Oheim. Ich könnte mir keinen besseren Leibwächter vorstellen.«

»Sehe ich irgendwie verrückt aus?«

Zaneta machte eine vage Geste. Im hellen Sonnenlicht sah man deutlicher die feinen Fältchen, die sein Gesicht durchzogen, und der Nordwind zupfte an seinem schwarzen Haar und dem Seidenschal, der lose um seinen Hals geschlungen war.

»Verdammt! Also schön. Ich lasse dich nicht allein gehen!«

Sie hob den Arm, und aus dem inneren Wagenkreis wurde das gesattelte Schlachtross ihres Oheims herbeigeführt.

»Du warst dir sicher, dass ich mitkommen würde?«

Zaneta entschied, dass es klüger wäre, darauf nicht zu antworten, und lächelte nur.

Seite an Seite ritten sie den Hügel hinab. Die beiden fremden Reiter verharrten indes bewegungslos auf ihren Steppenponys. Als sie auf fünf Schritt heran waren, zügelte Zaneta ihr Pferd. Die beiden Männer, die sie erwarteten, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Der Standartenträger war glattrasiert. Er trug ein mohnrotes Seidengewand mit goldenen Stickereien. Sein Sattel und Zaumzeug waren mit Gold beschlagen. Kleine Glöckchen hingen an seinen Zügeln. Sein Haar war streng zurückgekämmt. Kein Stäubchen lag auf seinen Kleidern.

Ganz anders der Mann an seiner Seite. Der trug eine verschrammte lederne Brustplatte. Ein wilder schwarzer Bart reichte ihm bis weit über die Brust. Seine Kleider waren abgetragen. Dunkle Schweißränder waren unter den Achseln zu sehen. Er wirkte, als fühle er sich unwohl im Sattel. Dabei hieß es von den Steppenreitern des Khanats doch immer, sie würden reiten lernen, bevor sie laufen lernten.

»Ich …«, begann sie in der zungenbrechenden Sprache des fernen Westens und zeigte dabei mit der Rechten auf ihre Brust. »Ich Zaneta von der Birkenau. Ich …«

»Wir können uns gern in Eurer Sprache unterhalten. Ang Min und ich sprechen sie ganz gut, Ritterin«, unterbrach sie der Bärtige.

»Und Ihr seid?«

»General Yu«, antwortete der Glattrasierte anstelle des Bärtigen.

Zaneta maß den Befehlshaber mit Blicken. Ihr Pferd war wesentlich größer als seines. Wenn sie beide absteigen würden, sollte sie ihn fast um Haupteslänge überragen. Er musste zu ihr aufschauen. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er wirkte angespannt.

»Was gibt es zu besprechen, General?«

»Ich denke über meine Gegner lange nach …« Er deutete zu der Wagenburg auf der Hügelkuppe. »Ich gehe davon aus, dass Ihr einen zweiten inneren Wagenkreis aufgestellt habt, auf den Eure Männer zurückfallen können, wenn wir den Hügel stürmen.«

Zaneta verbarg ihren Ärger über die geplatzte Überraschung hinter einem Lächeln. »Das wäre wohl möglich, General.«

»Ich bezweifele nicht, dass Ihr tapfer kämpfen werdet. Die Karrenritter haben sich einen Namen gemacht …« Der General deutete auf die verschiedenen Feldlager seiner Armee im weiten Grasland. »Dennoch ist unsere Übermacht so erdrückend, dass es keinen Zweifel am Ausgang dieser Schlacht geben kann. Deshalb biete ich Euch an, Euch zu ergeben. Ich mag es nicht, wenn tapfere Männer und Frauen sinnlos ihr Leben fortwerfen.«

Mit einem solchen Angebot hatte Zaneta nicht gerechnet. Sie stutzte, schüttelte dann aber den Kopf. »Wir sind nicht in die Westermark gekommen, um uns dem Khan zu unterwerfen. Wir leben in Freiheit. Ohne Herren, vor denen wir das Knie beugen!«

»Und wenn die rechtmäßige Kaiserin Marcia aus dem Geschlecht derer von Greifenberg Euch darum bitten würde?«

Zaneta fühlte sich vollends überrumpelt. Sie blickte zu ihrem Oheim, der ärgerlich den Kopf schüttelte. »Ich weiß nicht, was für ein übles Spiel Ihr treibt, General Yu. Das Geschlecht derer von Greifenberg wurde ausgelöscht. Es gibt keine Überlebenden. Die Reichsfürsten waren überaus gründlich!«

»Ihr irrt, werter Ritter. Nach Eurer Gestalt zu urteilen müsst Ihr Jan von Tanow sein. Ihr habt das Reich bereist und einst als bester Schwertkämpfer in dem berühmten Kaiserturnier gesiegt. Ihr kennt gewiss viele Geschichten. Habt Ihr nie von der Magd gehört, die zwischen den Toten und Sterbenden am Fuß des Palastturms ein Mädchen hervorgezogen hat, das noch lebte? Die siebenjährige Prinzessin Marcia …«

Ihr Oheim hob abwehrend die Hände. »Das ist nur eine Mär!«

»Es ist im Interesse der Reichsfürsten, dass man das glaubt«, entgegnete der General ruhig. »Marcias lange Flucht endete am Wandernden Hof, als sie elf Jahre alt war. Sie ist ein Mündel des Khans.«

»Davon habe ich noch nie gehört! Ihr seid einer Hochstaplerin aufgesessen, General Yu!«

»Folgt uns in mein Lager. Ich biete Euch und Eurem Oheim freies Geleit, Ritterin«, erwiderte der General und wandte sich an ihren Oheim: »Ihr müsst den kaiserlichen Hof noch mit eigenen Augen gesehen haben, als Ihr ein junger Ritter wart, Jan von Tanow.«

»Nein!«, sagte Zaneta entschieden. »Wenn Euch daran gelegen ist, Frieden zu schließen und uns zu überzeugen, was hindert Euch dann daran, die Kaiserin hierher, zwischen unsere Lager, zu führen?«

»Unterstellt Ihr mir, ich würde mein Wort nicht halten?« Die Andeutung eines Unwohlseins war aus den Zügen des Feldherrn verschwunden. Seine dunklen Augen blickten kalt zu ihr empor. »Ich wollte Euch die Hand reichen, Ihr habt sie ausgeschlagen. Nun beginnt das Sterben! In einer Stunde greifen wir an. Sprecht Eure letzten Gebete an den Herrn des Himmels!« Er wendete sein Pferd und ritt mit seinem Begleiter davon.

»Glaubst du seine Geschichte, Oheim?«, fragte Zaneta beklommen. Hatte sie die Männer und Frauen, die ihr folgten, leichtfertig zum Untergang verdammt?

»Nein! Es ist nur eine Mär. Die Wahrheit ist, dass die Reichsfürsten bei ihrem Massaker an der Kaiserfamilie dafür gesorgt haben, dass es keine Überlebenden gab.«

Auch Zaneta wendete ihr schweres Schlachtross. Sie hatte das Gefühl, einen ganzen Berg auf ihren Schultern zu tragen, als sie zur Wagenburg auf dem Hügel hinaufblickte. »Manchmal wünschte ich mir, Mären könnten wahr werden.«


WESTERMARK, SÜDLICH DER WOLFSMARSCHEN,

FRÜHER MORGEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Das ist nicht zu schaffen!« Er hieb wütend mit der Faust auf den Tisch. »Sie hätte weiter nach Osten ausweichen sollen!«

Einige Herzschläge lang herrschte Schweigen in dem großen weißen Zelt. Niemand wagte es, ihm, Gamrath von Hatzfeld, dem Hochmeister des Ordens vom Schwarzen Adler, unmittelbar zu widersprechen.

»Man sollte Harnischweibern, die noch grün hinter den Ohren sind, keine Befehlsgewalt übertragen«, grollte er weiter.

»Sie wurde gewählt, Hochmeister«, bemerkte der junge Ritter, den Zaneta geschickt hatte.

»Jaroslaw von Naklow, richtig?«

Der junge Ritter nickte.

»Dein Vater war ein tapferer Mann … Hab mit ihm gekämpft.« Gamrath schüttelte ärgerlich den Kopf. »Aber dieser Unsinn, Frauen zum Kämpfen auszubilden und ihnen auch noch die Ritterwürde zu verleihen …« Er fuhr mit der Hand über die Karte. »Sie hätte ausweichen sollen.«

»Mit Verlaub, Hochmeister: Das konnte sie nicht. Nicht mit den dreihundert schweren Karren.« Jaroslaw deutete auf die Karte. »Hier im Osten liegen dichte Wälder. Da gibt es keine Straße. Die Eherne Horde ist schneller vorgedrungen, als wir alle erwartet hatten, und … Eure Ritterschaft hat lange gebraucht, um sich zu versammeln.«

»Natürlich ging das nicht über Nacht! Wir haben die besten Männer aus den Ordensfestungen im Umkreis von mehr als siebenhundert Meilen zusammengeführt. Dazu ein großes Aufgebot, das aus dem Reich zu uns gestoßen ist. Es ist die Blüte unserer Ritterschaft, die dort draußen Holz fällt und Flöße baut. Männer, wie wir keine mehr haben, wenn wir die verdammte Horde nicht an der Geiße besiegen.«

Jaroslaw deutete auf eine Stelle am Fluss. »Diese Karte ist nicht sehr gut. Ich vermute, Zaneta wird die Wagenburg hier errichten. Das ist der am besten geeignete Platz.«

Gamrath betrachtete den Jüngling. Ihm wuchs gerade der erste Flaum, aber er war kräftig. In seinen blauen Augen lag etwas … Er war ein Kämpfer. Einer, der nichts hinnahm. Der den Mut hatte, selbst ihm, dem Hochmeister, Widerworte zu geben. Aus ihm hätte man einen guten Ordenskomtur schmieden können. Diese freie Ritterschaft der Westermark war aus hartem Holz geschnitzt! Sie fügten sich keinen Regeln, kannten keine Disziplin. Abenteurer und Rebellen … Familien, die dem Kaiser auch über dessen Tod hinaus die Treue hielten, geradeso wie der Orden. Beinahe jedenfalls …

Noch immer dachte Gamrath voller Zorn an die Versammlung der Komture vor zweiundzwanzig Jahren. Kaiserritter nannte das Volk die Ordensritter oft. Doch sie hatten nichts getan, um den Mord an Kaiser Orelian und seiner Familie zu sühnen. Der damalige Hochmeister hatte so entschieden, um das Reich nicht in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Er, Gamrath, hatte das immer als einen feigen Verrat empfunden. Aber er war damals nur einer der Komture gewesen und hatte gehorchen müssen. Der Orden vom Schwarzen Adler hatte seither Abstand zu den Reichsfürsten gehalten. Doch das war nicht genug. Sie hätten diese dreckigen Mörder an den Zinnen ihrer Burgen aufknüpfen sollen!

An jenem Tag vor ein paar Monden, als er von der Niederlage der Reichsfürsten auf dem Krähenfeld gehört hatte, hatte er einen großen Krug kamarinischen Roten auf den einstigen Kaiser getrunken. Etliche der Mörder des Kaisers hatte auf jenem Schlachtfeld endlich Gerechtigkeit ereilt.

»Dieses Harnischweib, Zaneta … Wie lange wird sie den Hügel halten können?«

Gamrath folgte Jaroslaws Blick in die Runde der Komture. Sie waren allesamt erfahrene Krieger. Jeder von ihnen hatte schon gegen die Horden des Khanats gekämpft. »Das ist schwer zu sagen.«

»Ist es nicht«, mischte sich Mario Canali ein. Der Komtur von Mewen entstammte einer großen Kaufmannsfamilie aus Cilia, die, nachdem der Erzpriester der Insel die Stadt Arbora hatte niederbrennen lassen, ins Reich ausgewandert war. Mario war weniger ein Mann des Schwertes als vielmehr einer der Zahlen. Er hatte seinen Wert für den Orden bewiesen, indem er Nachschubwege aufgebaut, die Überschüsse der bewirtschafteten Ländereien mit gutem Gewinn verkauft und den Seehandel zu einer nie dagewesenen Blüte geführt hatte.

Mario deutete mit seinen schlanken sonnengebräunten Fingern auf die Karte. »Wir stehen hier. Eigentlich keine zehn Meilen von der Wagenburg entfernt, aber die Marschen trennen uns. Unsere schwer gepanzerten Reiter können sie nicht durchqueren. Außer auf den Flößen, an denen wir arbeiten.« Er fuhr in weitem Bogen um die Marschen. »Die Sümpfe erstrecken sich so weit nach Osten, dass wir einen Umweg von fast hundert Meilen in Kauf nähmen, wenn wir auf festem Grund ritten. Wollten wir nicht auf völlig erschöpften Pferden in die Schlacht ziehen, sollten wir für den Umweg drei Tage einplanen. Besser vier. Ganz sicher wird General Yu diesen Weg überwachen lassen. Wir würden ihn also auf keinen Fall überraschen, wenn wir von dort angreifen.« Mario streckte sich. Er war der Kleinste in der Runde der Ritter, aber er strotzte vor Selbstbewusstsein. Er war sich seiner Bedeutung für den Orden – für Gamraths Geschmack – etwas zu bewusst. »Ich würde empfehlen, die Karrenritter aufzugeben. Wir können sie nicht mehr rechtzeitig erreichen. Wenn es zu zwei getrennten Schlachten käme, besäße der Feind beide Male eine deutliche Übermacht. Wir würden ihm nur in die Hände spielen, wenn wir uns nicht zurückzögen.«

»Ich reite!«, verkündete der junge Jaroslaw trotzig. »Ich lasse Zaneta und die Karrenritter nicht im Stich!« Er sah sie alle herausfordernd an. »Zaneta hat auf Euch vertraut. Gegen den Rat ihres Oheims.«

»Wir können ihrer Fehler wegen nicht den Orden riskieren«, erwiderte der Komtur von Mewen knapp.

»Wie lange wird sie die Wagenburg halten können?«, fragte Gamrath den jungen Karrenritter noch einmal.

»Einen Tag vielleicht … Wenn General Yu wirklich dreißigtausend Mann ins Feld führt, greift er mit mehr als zehnfacher Übermacht an.«

Erneut fiel Mario Canali ihm ins Wort. »Sprechen die Zahlen nicht eine überdeutliche Sprache, Bruder Gamrath?«

»Dann gebt mir wenigstens die leichten Reiter des Ordens, Hochmeister«, bat Jaroslaw. »Die Waffenknechte und Sarjantbrüder. Mit ihnen könnte ich bis zur Wagenburg durchbrechen!«

»Um dann mit den Karrenrittern zu sterben?«, entgegnete Mario empört. »Eine großartige ritterliche Geste!«

»Zaneta wird nicht aufgeben. Sie wird bis zum letzten Mann kämpfen!« Jaroslaw sah die Versammelten der Reihe nach an. Wartete offenbar auf eine Antwort. Als niemand etwas sagte, nickte er. »Wisst Ihr, hohe Herren, ich hätte niemals geglaubt, dass es ausgerechnet wir wären, auf die Ihr mit Euren erlesenen Stammbäumen allesamt herabblickt, die der Westermark beweisen, was das Wort Ritterlichkeit bedeutet!«

»Setzt den Mann fest!«, rief Gamrath den Wachen vor dem Zelt zu.

»Das könnt Ihr nicht …«

Mehrere Ritterbrüder traten ein und packten Jaroslaw bei den Armen.

»Bei den schweren Entscheidungen, die es nun zu treffen gilt, können wir niemanden gebrauchen, der im Feldlager Unfrieden verbreitet.«

Der Karrenritter wurde fortgebracht.

»Es wird eine Entscheidung sein, die von den Zahlen diktiert wird«, bemerkte Mario sichtlich zufrieden. »Wir haben gar keine andere Wahl.«

»Bleibt Ihr nur bei Euren Zahlen!«, fuhr Gamrath die versammelten Komture an. »Ich kann in diesem Zelt nicht mehr atmen.«

»Aber wir müssen über den Weg beraten, auf dem wir uns nach Kapau zurückziehen«, wandte einer der anderen Komture ein.

»Ich bin sicher, der Herr der Zahlen weiß auch darauf schon eine Antwort!«, zischte Gamrath und trat hinaus.

Auch außerhalb des Zeltes herrschte trotz der frühen Stunde bereits drückende Hitze. Dunkle Wolken von Stechmücken tanzten über dem Heerlager, das sich über drei Meilen entlang der Marschen hinzog. Bei einem Winterfeldzug wäre der verfluchte Sumpf kein Hindernis gewesen. Spätestens im Eisnebelmond wäre der Sumpf so hart gefroren, dass selbst schwerste Karren das Eis hätten befahren können. Üblicherweise führte die Eherne Horde im Winter Krieg. Der Sommerfeldzug des Generals Yu hatte alle überrascht.

Traurig blickte Gamrath auf die Flöße, die schon bereitlagen. Sie waren mit Wänden aus Schilf versehen. Beim Vorwärtsstaken im Sumpf wären sie so gut wie unsichtbar. Einen einzigen Tag mehr hätten sie gebraucht! Einen Tag nur! Doch nun gab es nicht einmal genug Flöße für die Hälfte seiner schwer gepanzerten Reiter. Von den Waffenknechten ganz zu schweigen …

Immer noch schleppten Pferdegespanne aus den nahen Wäldern Holz zum Ufer. Ritter, Bauern und Zimmerleute arbeiteten Seite an Seite, als gäbe es keine Standesunterschiede.

War er zu alt geworden?, fragte sich Gamrath. Wann hatte Mathematik die Ideale des Rittertums abgelöst? Als er in den Orden vom Schwarzen Adler eingetreten war, war die Ehre das Maß der Dinge gewesen. Damals hätte er nicht gezögert, mit Jaroslaw selbst in eine von Anfang an verlorene Schlacht zu reiten. Aber wenn er jetzt einen Fehler beging, dann schlug er dem Orden eine Wunde, von der dieser sich nicht mehr erholen würde.

Doch welche Entscheidung wäre am Ende die verhängnisvollere: den Großteil der Ritterschaft in den Untergang zu führen oder sich als Hochmeister des Ordens dagegen zu entscheiden, ritterlich zu handeln?


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES DRACHEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Sie hatten es sich selbst zuzuschreiben, dachte Xiang wütend. Er hatte ihnen das Leben geboten! Er hatte ihnen die Wiederauferstehung des Kaiserhauses geboten, von dem sie träumten, und sie hatten es vorgezogen zu sterben.

Nun, zunächst einmal würden sie ihm helfen, die drei Befehlshaber aus seinem Heer zu entfernen, denen er nicht traute. Bao Li hatte mit all seinen Unterführern gesprochen, das wusste er inzwischen. Diese drei wären die Ersten, die sich gegen ihn wenden würden.

Er blickte aus dem Augenwinkel zu Ang Min. Wann der sich wohl von seiner höfischen Seidentracht und der albernen Frisur trennen würde? Auch er war dem Khan etwas zu sehr verbunden.

»Und nun, General?«

»Uru, Gabbar und Dschani werden die Ehre haben, den ersten Angriff gegen die Wagenburg zu führen. Bring sie in meine Jurte. Schnell!«

Ang Min trieb sein Pferd an und ritt ihm eilig voraus. Konnte er diesem Höfling trauen? Und war es möglich, dass Bao Li auch einen seiner Leibwächter bestochen hatte? Es brauchte nicht mehr als ein Messer … Warum bloß hatte er den zweiten Leibarzt des Khans letzte Nacht nicht einfach erschlagen? Nur wegen des Siegels? Für diese dumme, sentimentale Treue gegenüber dem Khan würde er bald teuer bezahlen.

Er stieg vor seiner Jurte aus dem Sattel. Ohne auf die Männer, die draußen auf ihn warteten, zu achten, betrat er sein Quartier. Er musste seinen Zorn beherrschen, und es galt, noch etwas zu vollenden.

Er setzte sich im Lotussitz vor den niedrigen Tisch. Die schwarzlackierte Platte war mit Intarsien aus Perlmutt und Rosenquarz geschmückt. Die kostbare Arbeit zeigte einen blühenden Kirschbaum, der die ersten Blüten verlor.

Er griff nach dem Schriftstück, an dem er bis zum ersten Morgengrauen gearbeitet hatte. Ihm war nur zu bewusst, wie wenig Talent er als Dichter besaß. Seine Gabe war es, Kriege zu führen. Sein Leben war voller Gewalt, beherrscht vom Grauen der Schlachtfelder. Wie sollte er da Worte der Liebe finden?

Er überflog die erste Zeile. War sie gelungen? Seine Schriftzeichen wirkten so ungelenk, wie die Worte in seinen Ohren klangen, als er sie leise vorlas:

Lebe wohl, meine Kaiserin …

Er versank in der Erinnerung an ihre erste Nacht und dachte daran, dass es ein Schlachtfeld gewesen war, auf dem ihre Liebe geboren wurde.

»General?« Ang Min stand im Eingang der Jurte. »Uru, Gabbar und Dschani erwarten deine Befehle.«

Xiang brauchte einen Augenblick, um in die Gegenwart zurückzufinden. War da ein Lächeln über Angs Antlitz gehuscht? Belustigte er seinen Stellvertreter? Wartete Ang darauf, die Befehlsgewalt an sich zu reißen?

»Bring die drei herein!« Eine Hitzewallung quälte Xiang. Lag es an dem, was Bao Li ihm angetan hatte? Daran, dass er kein Mann mehr war? Wusste Ang das etwa? Hatte er deshalb gelächelt?

Die drei Befehlshaber traten ein. Uru und Dschani trugen schwere Kettenhemden, die sie auf dem Krähenfeld erbeutet hatten, unter ihren ledernen Brustplatten. Sollten sie wirklich an Verrat denken, ließ sich davon nichts an ihren Gesichtern ablesen.

Gabbar war recht korpulent. Sein stattlicher Bauch wurde durch überlappende Eisenschuppen geschützt. Darunter trug er ein gelbes Gewand mit grüner Stickerei. Sogar seine Stiefel waren gelb. Er wirkte herausgeputzt, als sei er an den Wandernden Hof geladen.

»Sammelt eure Männer, meine treuen Weggefährten«, begrüßte Xiang die drei Krieger. »Euch gebührt die Ehre, die Wagenburg zu stürmen. Euren Truppen werden jeweils tausend Bogenschützen folgen, um eure Feinde zu schwächen. Da Reiter gegen die Wagen nicht helfen werden, erwarte ich, dass ihr zu Fuß angreift. Nehmt schwere Äxte mit, um euch euren Weg zu bahnen.«

»Gibt es etwas, was wir über die Verteidiger wissen sollten?«, fragte Gabbar, dem in der Hitze der Jurte bereits dicke Schweißtropfen auf der Stirn standen.

»Sie werden sich verbissen zur Wehr setzen. Es wird kein leichter Kampf werden.« Xiang sah die drei der Reihe nach an. »Ich mache euch nichts vor. Dieser Kampf wird kein Spaziergang. Zur Belohnung dürft ihr die Wagen plündern. Jeder eurer Männer darf so viele Schätze mitnehmen, wie er zu tragen vermag.«

Alle drei lächelten. Üblicherweise wurde Kriegsbeute gerecht unter allen Truppen der Horde aufgeteilt.

»Ich erwarte, dass ihr die Wagenburg bis zur Mittagsstunde gestürmt habt.«

»So lange werden wir nicht brauchen«, sagte Uru selbstbewusst.

»Macht mich stolz, meine Kriegsherren.« Xiang deutete mit einer Geste an, dass sie entlassen waren, und die drei zogen sich zurück.

Nur Ang Min blieb. »Hättest du ihnen nicht sagen sollen, was sie erwartet, General?«

»Sie kennen die Westermark. Sie sind schon gegen die Karrenritter gezogen. Wenn sie nicht erraten, welche Kriegslist der Feind anwenden wird, verdienen sie es nicht, Anführer der Ehernen Horde zu sein.« Der Widerspruch Ang Mins missfiel ihm. Früher hatte sein Stellvertreter sich nicht so viel herausgenommen. »Du wirst nach Westen reiten und den Kameltross heranführen!«


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

MORGEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Zaneta bückte sich, nahm ein wenig Erde und zerrieb sie zwischen den Händen. Es würde ein langer, heißer Tag werden. Eben erst hatte sie sich davon überzeugt, dass alle Wagen mit ausreichend Wasser versorgt waren.

»Nervös?« Ihr Oheim, Jan von Tanow, wirkte gelassen. Er hatte seine Rüstung angelegt. Er war einer der bestgerüsteten Männer in ihrem kleinen Heerhaufen, mit aus Eisenplatten getriebenen Beinlingen und Armstücken und einer maßgefertigten Brustplatte über dem Kettenhemd. Auf seinem Kopf saß eine Hundsgugel, ein eng anliegender Helm mit einem vor dem Mund spitz zulaufenden Visier, das ein wenig an eine Hundeschnauze erinnerte, wenn es herabgeklappt war. Jetzt aber trug er seinen Helm offen. Sein Gesicht war gerötet von der Hitze unter den vielen Rüstungsschichten.

Zaneta selbst trug eine Beckenhaube, einen Helm ganz ohne Visier. Sie mochte es nicht, wenn ihre Sicht auf zwei kleine Sehschlitze beschränkt war. Sie führte hier den Befehl. Sie musste mitbekommen, was um sie herum geschah.

»Mir wäre es lieber, wenn es endlich anfangen würde«, murrte sie übellaunig. »Fürs Warten bin ich nicht gemacht.« Sie spähte zwischen zwei Wagen hindurch zu den Lagern der Ehernen Horde. Alle Wagen standen Rad an Rad mit hochgeklappten Deichseln. Zwischen die Speichen der Räder waren schwere Eisenketten geschlungen, welche die Wagen miteinander verbanden, so dass keiner aus dem Bollwerk herausgezogen werden konnte.

Auf der zum Inneren der Wagenburg gewandten Seite waren breite Laufstege herabgeklappt, über die jeder einzelne Wagen betreten werden konnte.

Zaneta sah, wie sich vor den Lagern der Horde drei Heerhaufen versammelten. »Sie werden nicht zu Pferd angreifen«, murmelte sie verärgert.

»Xiang Yu ist kein Dummkopf«, sagte ihr Oheim hinter ihr. »Er wird wissen, dass Reiter dieses Bollwerk nicht überwinden können.«

»Sehe ich!« Sie blickte die Wagen entlang. »Spannt die Armbrüste!«, rief sie mit lauter Stimme. »Geschossen wird erst, wenn ich es befehle. Die Reiter im inneren Kreis sollen sich bereithalten.«

»Wann wirst du den Mummenschanz mit den Planen beenden?«

Sie sah ihren Oheim an.

»Zaneta, sie müssen wissen, was das für Wagen sind«, sagte er eindringlich.

Das war ihr auch klar. »Die Planen schützen unsere Männer vor der Sonne. Wir werden sie an den Vorderseiten der Wagen aufrollen.« Sie hatte die Bogenschützen gesehen, die hinter den Truppen aufmarschierten, welche für den Sturmangriff ausgewählt waren. »Geh zu den Reitern. Du führst den Ausfall, wenn ich es befehle.«

»Wir sollten vielleicht …«

»Dieses Mal brauche ich deinen Rat nicht, Oheim.« Ihre Unruhe war verschwunden. Das Warten war zu Ende. Sie winkte Waffenknechten, die sich zwischen den beiden Wagenreihen bereithielten. »Schafft Pavesen in die Wagen. Wir müssen unsere Kämpfer vor einem verfluchten Pfeilhagel schützen. Wer nicht in den Wagen kämpft und nicht zur Ausfalltruppe gehört, kriecht unter die Wagen in der zweiten Reihe.«

»Zaneta …«, begann ihr Oheim erneut.

»Jan von Tanow, du hast deine Befehle! Auf deinen Posten!«

Ihr Oheim fluchte und schloss das Visier seines Helms.

Es tat ihr leid, ihn barsch abzuweisen, aber vor den anderen Männern musste sie Härte zeigen.

Sie betrat die Holzrampe des Kriegswagens vor ihr.

Ein Mann in einem abgewetzten grünen Gambeson grinste sie breit an. Sein blondes Haar war schon schütter, und über seine linke Wange lief eine hässliche rote Narbe. »Hab noch nie erlebt, dass einer so mit dem Turniermeister spricht. Ist nicht der Größte, aber er hat ’ne flinke Klinge. Ich hätt mich das nicht getraut.«

»Ich bin eure Anführerin, weil ich mich Dinge traue, die andere nicht wagen«, entgegnete sie schmunzelnd und trat in den Karren.

Es stank nach Schweiß und Salzheringen. Der Wagen war eng. Keine zwei Schritt breit. Dafür mehr als acht Schritt lang. Mannshohe Holzwände fassten die Pritsche ein. Sie waren unter einer Plane aus gewachstem Tuch verborgen, so dass sie, von außen betrachtet, wie Wagen eines Kaufmannszugs aussahen. Die Holzwand, die den Feinden zugewandt war, wies vier dreieckige Schießscharten auf, jede fast so groß wie eine Hand.

Sechs Mann drängten sich im Inneren. Sechs weitere standen draußen bereit, um für die Schützen Armbrüste zu spannen. Kriegssensen und Dreschflegel lagen auf dem hölzernen Boden. Auch drei Saustecher, bestehend aus einer spitz zugefeilten dreikantigen Eisenstange, die fast einen halben Schritt lang war und auf einem doppelt so langen Holzschaft saß. Im Wagenboden verteilt, gab es knapp ein Dutzend Öffnungen, jede etwa so groß wie ein Silbergroschen. Auf den ersten Blick sahen sie in den dicken Eichenbohlen wie herausgebrochene Astlöcher aus. Sie waren für die Sauspieße. Für den Fall, dass Angreifer versuchten, unter den Wagen hindurchzukriechen.

»Hunger?« Einer der Männer bot ihr in einer flachen Holzschale salzverkrustete Heringe an.

»Bei mir kommt der Hunger immer erst, wenn die Schlacht vorüber ist«, sagte sie mit einem Achselzucken. »Vorher bekomm ich nichts runter. Danach könnte ich einen Bären fressen.«

Der mit der Narbe im Gesicht nickte heftig. »Ist bei mir genauso. Ich könnte …«

Kriegshörner erklangen. Geschrei aus Hunderten von Kehlen.

»Planen hoch!«, rief Zaneta mit Donnerstimme.

Zwei der Krieger im Wagen zerrten an Leinen. Vor der Wagenwand mit den Schießscharten glitt das Tuch hoch.

Zaneta sah drei Horden von Kriegern, die der Wagenburg entgegenstürmten.

»Wollt Ihr?« Der Waffenknecht mit der Narbe reichte ihr eine gespannte Armbrust.

Sie winkte ab. »Ich treff ein Scheunentor nicht, wenn ich davorstehe. Das werdet ihr besser machen.« Sie legte die Hand auf den Griff ihres Schwerts. »Ich halte sie euch vom Leib, wenn sie auf Armeslänge heran sind. Mein Oheim war mein Waffenmeister, und ich wette mit euch, dass keiner aus dieser Horde so fürchterlich ist wie er.«

Sie trat von den Schießscharten zurück, und der Narbengesichtige nahm ihren Platz ein. Er legte einen Bolzen auf, hob die Armbrust an die Schulter und zielte in aller Ruhe, während die Pfeile der Angreifer krachend in das dicke Holz der Wagenwände schlugen.

Zaneta nahm eine der Pavesen, jener mehr als einen Schritt hohen, breiten Schilde, und hob sie über den Kopf, um sich und die Umstehenden zu schützen.

»Schießt!«, befahl sie.

Armbrustsehnen sirrten, und die Schlachtrufe ihrer Feinde verwandelten sich in Todesschreie.


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES DRACHEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Gabbar rang keuchend um Atem. Seine Krieger überholten ihn beim Angriff den Hügel hinauf. Er fluchte. Kargasen waren ein Reitervolk. Sie preschten ihren Feinden auf dem Pferderücken entgegen. Das hier war eine verdammte Schmach.

Armbrustbolzen schlugen in die vorderste Reihe seiner Männer ein. Gabbar war froh, nicht der Erste zu sein. Er war kein Feigling, aber er wusste das Leben doch zu schätzen …

»Soll ich ziehen?« Tanju streckte ihm eine Hand entgegen. Der junge Kerl war durch und durch ein Krieger! Muskelbepackt, für einen Kargasen ungewöhnlich groß gewachsen, und ein hübsches Gesicht hatte er auch.

»Soll ich dir in den Arsch treten, Lümmel? Ich bin dein Anführer, und ich brauche weder einen Krückstock noch ans Händchen genommen zu werden!« Blanker Schweiß stand Gabbar auf dem Gesicht. Verdammter Hügel! Er stieg über einen hechelnden Mann hinweg und vermied es, ihn genauer anzusehen – die Hände des Sterbenden waren um einen Bolzen geklammert, der bis zur Befiederung in seinem Bauch verschwunden war.

Pfeile sirrten über ihre Köpfe hinweg und hämmerten gegen das Holz der Kampfwagen, denn die verdammten Schusslöcher in den Wänden waren kaum so groß wie eine Männerhand. Nicht einmal jeder hundertste Pfeil würde so ein Ziel finden und Schaden im Wagen anrichten.

Es wäre klug zurückzufallen. Sie sollten sich etwas holen, womit sie die verdammten Wagen in Brand stecken konnten. Da oben gab es keine Beute! Die verdammten Wagen waren voller Armbrustschützen.

Gabbar blickte nach links, wo Dschani mit seinen Männern angriff. Die Kerle hatten fast die Wagen erreicht. Wenn er jetzt den Befehl gab, sich zurückzuziehen, dann würden diese Ziegenficker ihn bis ans Ende seiner Tage als Feigling verspotten!

»Vorwärts!«, stieß er keuchend hervor. »Wir brechen als Erste durch die Holzmauer.«

Tanju blickte verwundert zu ihm zurück. Er hatte sich eine der großen Äxte, die im Lager verteilt worden waren, auf den Rücken geschnallt.

»Glotz nicht wie ein Lämmchen! Gib mir deine Hand und zieh mich hinter dir her. Ein Kriegsherr führt seine Männer aus vorderster Linie.«

Ringsum ertönte das dumpfe Geräusch, mit dem Armbrustbolzen Lederpanzer durchschlugen. Wie schafften es diese verdammten Mistkerle, ihre Waffen so schnell nachzuladen?

Gabbar sah vor seinen Männern einen blau und rot bemalten Kriegswagen aufragen. Daneben stand ein gelber Wagen, auf den ein schwarzer Adler mit ausgebreiteten Schwingen gemalt war. Gelb war immer eine Farbe gewesen, die ihm Glück gebracht hatte.

»Dorthin!«, drängte er Tanju. »Bei dem sonnengelben Wagen brechen wir durch!«

»Warum bei dem?«, wollte der hochgewachsene Krieger wissen.

»Weil das Schicksal es bestimmt hat! Stell keine dummen Fragen. Du schwingst die Axt, und ich denke.« Gabbar zog seinen Säbel. Seine Hand war nass vor Schweiß. »Los, Männer! Der gelbe Wagen! Stürmt den gelben Wagen!«

Noch fünf Schritt.

Gabbar blickte wieder nach links. Dschanis Männer brandeten schon gegen die Wagen. Sie hatten den Feind als Erste angegriffen. Das ließ sich nicht mehr ändern. Aber er war derjenige, der als Erster durchbrechen würde!

»Los jetzt!« Sie hatten das Ziel erreicht. Der gelbe Wagen war fast drei Schritt hoch. Es war, wie vor einer Mauer zu stehen. Und sie hatten keine Leitern. Hunderte Pfeile steckten im Holz. Der Kriegswagen sah aus wie ein riesiges Stacheltier. Gabbar dachte an Igel, die in Lehmkruste in einem Erdloch gebacken wurden. Eine Köstlichkeit, die er schon lange nicht mehr hatte genießen dürfen …

Er führte einen Säbelhieb gegen den Kriegswagen. Die Klinge schlug nur eine dünne Furche in die gelbe Farbe. »Los, Tanju, die Axt! Schlag mit der Axt drein!«

Etwas flog über den Rand des Wagens. Gabbar duckte sich zur Seite. Ein kopfgroßer Feldstein traf einen seiner Männer vor die Brust, und dieser taumelte zurück.

Durch eine der Schießscharten wurde ein Spieß gerammt. Gabbar lenkte die Spitze der Waffe seitlich ab. »Schützt Tanju mit euren Schilden!«, befahl er. Ein Armbrustbolzen zischte so dicht an seinem Gesicht vorbei, dass er den Luftzug spürte. »Schützt Tanju!«

Auch andere Äxte krachten jetzt auf Wagenwände. Holzspäne wirbelten durch die Luft. »Weiter!«

»Achtung!«

Ein kleiner rußgeschwärzter Kessel, dessen Henkel vom Haken einer Hellebarde hing, wurde vor ihnen über die Holzwand des Wagens gehoben. Der Schaft einer Stangenwaffe von unten gegen den Kessel gestoßen, so dass der kippte. Eine klare, dampfende Flüssigkeit traf Tanju, der in dem Augenblick hinaufsah, als sich der Kessel neigte.

Gabbar warf sich zur Seite. Rauch wogte über ihn. Gellende Schreie hallten ihm in den Ohren. Tanju ließ die Axt fallen. Sein Gesicht war rot wie das Fleisch eines gehäuteten Kaninchens. Die Augen nur noch weiße Kugeln. Er brach in die Knie und schrie.

Etliche seiner Männer flohen den Hügel hinab.

»Bleibt hier! Verdammte Feiglinge! Kommt zurück. Wir brechen als Erste durch. Wir …«

Ein Stein traf Gabbar an der Schulter. Grelle Lichtpunkte tanzten ihm vor den Augen. Er griff in die Speichen des Wagenrads und wollte sich daran hochziehen. Sein Angriff begann zusammenzubrechen. Vor ihm stürzte ein Krieger. Er fiel auf sein Gesicht. Ein blutiger Armbrustbolzen ragte hinten aus seinem Helm.

Ihre eigenen Bogenschützen schossen nun über die Wagen hinweg ins Innere der Wagenburg. Gabbar spähte zwischen den Speichen hindurch. Der Boden des Kriegswagens lag mehr als einen halben Schritt über dem trockenen, niedergetrampelten Gras. Er konnte die Beine einiger Feinde sehen. Direkt hinter dem Wagen wurden Armbrüste gespannt. Daher die hohe Schussfolge, dachte er verärgert.

Gabbar ging auf alle viere. Wie dumm von ihnen, das Hindernis erstürmen zu wollen, wenn man doch einfach darunter hinwegkriechen konnte.

»Folgt mir!«, rief er den Letzten zu, die noch nicht aufgegeben hatten und mit ihren Waffen auf die dicken Holzwände einschlugen. »Wir kriechen hinein!«

Er würde der Erste in der Wagenburg sein, dachte er begeistert. Ganz, wie er es sich erträumt hatte. Und die Männer, welche die Armbrüste spannten, blickten nie unter die Wagen. Er lächelte. Sie hatten eben nicht mit ihm gerechnet. Er schob sich vorwärts.

Sein Schuppenpanzer schrammte leicht über die Bohlen des Wagenbodens. Plötzlich war da ein Druck in seinem Rücken. Er wurde niedergepresst.

Gabbar versuchte, schneller voranzukommen. Etwas kratzte hart über den Schuppenpanzer. Er verdoppelte seine Anstrengungen zu entkommen und jubilierte innerlich über seinen altmodischen Schuppenpanzer, für den er so oft verspottet worden war.

Der Druck ließ nach. Gabbar rollte sich zur Seite. Und jetzt sah er, was ihn da gequält hatte. Ein scharf geschliffener Dreikant stach ins Leere, wo er eben noch gewesen war. Der verdammte Eisendorn hätte ihn in seinen Hintern getroffen, wenn er nicht zur Seite ausgewichen wäre.

Empörte Rufe erklangen über ihm.

Er spannte sich an. Er sollte schnell unter dem Wagen hervorkommen. Dann würde sein Säbel unter den Bauernkriegern blutige Ernte halten.

Er kroch weiter voran und ließ den Dreikant nicht aus dem Blick, der wieder im Wagenboden verschwand.

Geschafft!, dachte er unendlich erleichtert.

Er wandte den Kopf. Sah den gewaltigen Kriegshammer, der genau auf sein Gesicht zielte, als er unter dem Wagen hervorkam.

Dann sah er nichts mehr …


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

MORGEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Zaneta lehnte den Sauspieß an die Wand des Wagens.

»Sie hauen ab«, jubelte der Narbengesichtige. »Wir haben gesiegt!«

Sie wusste es besser. Dieser Angriff war nur ein erstes Vorfühlen gewesen. Aber das würde sie ihren Männern nicht sagen.

»Gut gemacht!«, rief sie im Brustton tiefster Überzeugung und blickte auf den Toten in der Ecke des Wagens. Ihn hatte ein Pfeil durch eine Schießscharte getroffen. Was für ein verdammtes Pech!

Jetzt musste sie hinaus. Dringend! »Bleibt wachsam!«, ermahnte sie die Männer und stürmte die kurze Rampe auf der Rückseite des Wagens hinab.

Daneben lag ein toter Krieger, der in gelbe Seide gehüllt und mit einem altmodischen Schuppenpanzer gerüstet war. Sein Gesicht war unkenntlich, nur noch eine blutige Masse. Zaneta wandte den Blick ab.

»Sind die Ausfallwagen schon zur Seite geschoben?«, rief sie einem Unterführer zu. Der Mann lehnte mit einem Pfeil im Oberarm an einem Wagen.

»Ich glaube nicht.« Das Gesicht des jungen Kriegers war aschfahl. Der dick gepolsterte Arm seines Gambesons war mit Blut vollgesogen.

Überall in dem breiten Grasstreifen zwischen den beiden Wagenringen steckten Pfeile. Es mussten Tausende sein. Hier hatte der Tod reichere Ernte gehalten. Die Männer und die wenigen Frauen im Gefolge, die Armbrüste gespannt hatten, waren nicht durch dicke Eichenbohlen geschützt gewesen.

Zaneta bahnte sich ihren Weg zwischen Verwundeten und Kriegern, die einfach nur glücklich waren, noch zu leben. Fast alle hielten Wasserschläuche in den Händen. Während des Gefechts war keine Zeit geblieben zu trinken.

Erst jetzt wurde sie sich bewusst, wie durstig auch sie war. Aber zuerst musste sie ihren Oheim finden. Der Angriff auf die Flüchtenden durfte nicht stattfinden!

Endlich erreichte sie eine Lücke im inneren Kreis der Wagenburg. Genau genommen war es nur ein Halbkreis … Ein tödlicher Fehler, wie sich nun zeigte. Der Steilhang zur Geiße hin war ihr unüberwindlich erschienen. Tatsächlich war auch kein Gegner von dieser Seite her ins Lager gekommen, aber der seichte Fluss dort unten wimmelte nur so von Steppenreitern mit diesen vermaledeiten Kurzbögen, und hier oben auf dem Hügel lagen überall sterbende und tote Zugochsen und Pferde. Der größte Teil ihrer Leute hatte sich unter und in die Wagen geflüchtet. Doch nicht alle hatten es geschafft.

»Jan!«, rief sie aus Leibeskräften. »Jan von Tanow!«

Ein Pfeil schlug dicht neben ihr in einen Wagen. Sie schritt an toten Pferden vorbei und bückte sich nach einem Schild, auf dem ein rotes Schwert auf weißem Grund prangte.

Mehrere Pfeile schlugen um sie herum ein. »Treibt die überlebenden Tiere in den Zwischenraum zwischen beiden Wagenburgen!«, befahl sie wütend. »Kriecht aus euren Löchern, ihr …« Die Spitze eines Pfeils kratzte kreischend über ihre Brustplatte.

In kostbarer Plattenrüstung trat ihr Oheim aus einem der Wagen. Mit großen Schritten stieg er über die toten Tiere hinweg.

Zaneta hob den Schild, um ihren Kopf zu schützen.

»Ich hab dir zwei Boten geschickt!«, hallte es blechern aus der Hundsgugel ihres Oheims. »Sie konnten dich nicht finden. Komm in Deckung!«

Ihre Wut war plötzlich verraucht, und sie war froh, ihre Männer nicht Feiglinge genannt zu haben. »Wir müssen die überlebenden Pferde in Sicherheit bringen. Ohne Zugtiere kommen wir hier nie mehr weg!«

Ihr Oheim hatte sie inzwischen erreicht. »Hast du wirklich geglaubt, wir würden von hier noch einmal fortkommen?«

»Ich dachte …« Sie senkte den Kopf. »Wir haben uns gut geschlagen und …« Ein Pfeil traf sie ins linke Auge und riss sie zu Boden.


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MORGEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Da waren Stimmen wie aus weiter Ferne. Und ein Schmerz, wie sie ihn noch nie gespürt hatte. Alles war dunkel.

»Wir brauchen eine Zange! Und sauberes Tuch!«

War das die Stimme ihres Oheims? Sie klang fremd. Rau vor kaum beherrschter Sorge.

Zaneta wollte die Augen öffnen, aber es fühlte sich an, als sei die linke Augenhöhle mit flüssigem Blei ausgegossen.

»Sie hört nicht auf zu bluten«, sagte eine Stimme, die sie nicht zuordnen konnte.

»Ist sie bei Sinnen?«, fragte ihr Oheim bestürzt.

»Ich hoffe nicht«, entgegnete die fremde Stimme.

»Ihr rechtes Auge. Ist es noch zu retten? Sie … Sie weint blutige Tränen. Sie …«

»Der Pfeil hat ihren Schädel an der Schläfe durchschlagen. Ihr verdammter Helm war sein Geld nicht wert. Der … Ah. Da ist ja endlich die Zange!«

Ein trockenes Knacken erklang.

Keiner sprach mehr.

Ihr Helm drückte plötzlich gegen ihre rechte Wange. Dann wurde er vorsichtig von ihrem Kopf gelöst.

»Das sieht nicht gut aus …«

Irgendwo erklang lautes Würgen.

»Raus aus dem Wagen, verdammt!«, fluchte ihr Oheim.

»Was …«, murmelte Zaneta. Das Sprechen fiel ihr schwer. Es fühlte sich an, als sei ihre Zunge vollkommen schlaff.

Jemand ergriff ihre Hand. »Ein Pfeil hat dich getroffen. Aber wir bringen das in Ordnung. Du musst jetzt tapfer sein. Es wird wehtun …«

»Meine … Augen.«

»Dein linkes Auge …« Ihr Oheim stockte. »Es …«

»Hilf mir!«, befahl die fremde Stimme. »Zaneta. Ich schiebe dir jetzt etwas in den Mund. Du wirst darauf beißen, hörst du? Fest zubeißen. Und beweg dich nicht. Du musst ganz stillhalten.«

Ihr wurde der Mund aufgezwängt. Etwas, das nach Leder schmeckte, wurde ihr zwischen die Zähne geschoben.

»Macht das Eisen fertig!«, rief die fremde Stimme.

»Du musst ihre Blutung stillen«, flüsterte ihr Oheim.

»Erst die Pfeilspitze!«

Etwas ruckte in ihrer Augenhöhle. Es fühlte sich an, als nistete dort ein Igel, der seine Stacheln sträubte, um sich dann langsam zu drehen. Zaneta keuchte auf. Sie spürte, wie ihr heiße Tränen über die Wangen liefen. Oder war es Blut?

»Durchhalten!« Ihr Oheim drückte fest ihre Hand.

Wieder ein Rucken. Zaneta bäumte sich auf.

»Halt sie still!« Der Fremde fluchte. »Sie darf sich nicht bewegen!«

»Was machst du denn da?«, fuhr ihr Oheim ihn an. »Warum dauert das so lange?«

»Die Pfeilspitze sitzt irgendwo hinter ihrer Nase. Sie hat Widerhaken. Ich kann sie nur langsam bewegen. Ich werde sie nicht durch das Loch im Schläfenknochen ziehen können. Ich bewege sie ein Stück zurück. Dann hole ich sie durch das Auge heraus.«

Wieder ruckte es.

Zaneta wand sich. Sie war in Schweiß gebadet. Ihr Oheim hielt sie fest. Noch andere schienen da zu sein, die sie niederdrückten. Unablässig strömte warmes Blut aus der Wunde. Es rann ihr die Wange hinab, über den Hals und sickerte in den dick gepolsterten Gambeson unter ihrer Rüstung.

»Gleich ist es geschafft«, murmelte ihr Oheim.

Sie versuchte, an etwas anderes zu denken, um den Schmerz zurückzudrängen. Und die Angst. Was würde General Xiang Yu als Nächstes tun? Das hier war nur ein Vorgeplänkel gewesen. Wie konnte sie dem nächsten Angriff begegnen? Sie hatte keine Reiter mehr, die den fliehenden Truppen in die Flanke fallen konnten.

Sie versuchte, etwas zu sagen, doch mit dem zähen Stück Leder im Mund war es unmöglich.

Etwas glitt aus ihrem Auge. Sie spürte, wie das linke Lid von innen zerschnitten wurde, als sie die Pfeilspitze herauszogen. Keuchend sackte sie in sich zusammen. Es war geschafft!

»Das Eisen!«, befahl die fremde Stimme.

Zaneta spürte etwas Heißes vor ihrem Gesicht. Dann fuhr es zischend in das zerschundene Fleisch ihrer Augenhöhle, und der Schmerz blendete alle ihre Sinne.

[...]

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DER SCHLANGE, 12, TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Marcia betrachtete Xiang, der mit versteinerter Miene zu dem Hügel mit der Wagenburg hochblickte. Sie stand kaum einen Schritt von ihm entfernt. Zu gern hätte sie ihn bei der Hand genommen oder auch nur flüchtig berührt. Doch sie wusste, dass er das schon unter normalen Bedingungen nicht mochte. Wenn seine Horde zusah, war er ihr gegenüber immer schon zurückhaltend gewesen. Aber heute war er noch anders. In sich zurückgezogen, fast schon abweisend. So hatte sie ihn seit der Schlacht auf dem Krähenfeld nicht mehr erlebt. 


Der Hang des Hügels war mit Toten bedeckt. Verwundete krochen zu ihnen herab. Niemand eilte ihnen zu Hilfe. Die Armbrustschützen in den Kriegswagen lagen immer noch auf der Lauer. Wann immer jemand es wagte, den Verletzten helfen zu wollen, schossen sie.

Etliche Steppenreiter kreisten um die Festung der Karrenritter. Sie schossen mit ihren kurzen Reflexbögen. Doch unter den gut verschanzten Feinden richteten sie kaum Schaden an.

In den Lagern, die die Wagenburg umringten, waren Tausende von Kriegern angetreten. Sie standen in großen Gruppen beieinander. Etliche trugen Rüstungsteile, die sie auf dem Krähenfeld erbeutet hatten: Helme und Brustplatten, kostbare Schwerter und goldbeschlagene Waffengurte. Ein einziger Wink Xiangs, und sie würden wie eine Sturmflut über die Wagenburg hinwegspülen. Doch das würde viele Leben kosten.

Der General war auch deshalb so beliebt, weil er keine Leben unnütz opferte.

Marcia blickte wieder zu dem Hügel. All diese Toten … Das sah Xiang gar nicht ähnlich.

Ihr Leibwächter Leng hatte ihr verraten, dass Bao Li, der zweite Leibarzt des Khans, noch spät in der Nacht in Xiangs Jurte geschlüpft und lange geblieben war. Was ging da vor sich?

»Heute wird es keine weiteren Angriffe geben«, verkündete Xiang mit lauter Stimme seinen Hauptleuten. »Gedenken wir der Anführer Gabbar, Uru und Dschani. Sie haben mit ihren Männern tapfer gekämpft. Sie haben mich gelehrt, dass ich diesen Weg kein zweites Mal gehen darf. Ihr Tod war nicht vergebens. Morgen werden wir unsere Feinde zermalmen, so wie der stolze Hengst unter seinem Huf einen Skorpion zermalmt, ohne ihn auch nur zu bemerken.«

Marcia sah den anderen Anführern an, dass sie Fragen hatten, doch keiner wagte es, den General anzusprechen.

»Marcia!« Er gab ihr ein Zeichen, ihm zu folgen, und ging zu seiner Jurte, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen.

Das war ungewöhnlich. So hatte er sich in den vergangenen Wochen nicht verhalten. Als sie sein Quartier erreichte, fiel ihr auf, dass sie keine einzige der Wachen kannte. Dabei war sie seit drei Monden fast täglich in der Jurte ein und aus gegangen.

Die Männer ihrerseits aber kannten sie. Ohne Fragen wurde sie eingelassen.

Xiang war allein. Er wirkte bleich. Schweiß stand ihm auf dem Gesicht. Er hatte die Lippen zusammengepresst, als kämpfe er gegen Schmerzen. Als er zu ihr aufblickte, wirkte sein Lächeln gequält.

»Was ist mit dir?«

»Mir geht es gut«, antwortete er zu hastig.

Sie trat dicht an ihn heran und berührte ihn sanft an der Schläfe. »Was ist los? Liegt es an Bao Li?«

Er lächelte. »Du wärst eine gute Kaiserin geworden. Du liest in den Menschen … Es ist nicht leicht, dir etwas vorzumachen.«

»Leng würde den Leibarzt töten, wenn ich ihn darum bitte.«

Xiang hob abwehrend die Hände. »Das darfst du nicht. Er steht unter dem Schutz des Khans. Wenn wir das tun, wenden wir uns gegen den Herrscher. Ich bin kein Rebell …« Er schnitt eine Grimasse, als habe er von zu saurem Wein gekostet.

»Ich finde, gegen einen ungerechten Herrscher darf man aufbegehren.«

Er nahm einen Krug und schenkte sich einen Becher Schnaps ein. Sie hatte ihn am Mittag noch nie trinken sehen.

»Glaubst du, dein Vater war ein ungerechter Herrscher? Haben seine Fürsten deshalb rebelliert?«

»Ich war ein Kind …«, entgegnete sie unschlüssig. Ihr Vater, Kaiser Orelian, war zu ihr immer freundlich gewesen. »Manche sagen, er hätte an der natürlichen Ordnung gerührt. Er wollte eine neue Steuer erheben und alle Gelder daraus dem Orden vom Schwarzen Adler zukommen lassen. Da der Orden dem Kaiser treu ergeben ist, hatten die Reichsfürsten Angst, dass mein Vater sie nicht mehr um Rat fragen, sondern künftig das Reich allein regieren würde.«

»Sie waren Verräter«, sagte Xiang erbost. »Im Khanat betrachten wir es als natürliche Ordnung der Dinge, dass der Khan allein entscheidet. Er umgibt sich mit Beratern. Sie sind keine Fürsten in seinem Reich, sondern Gelehrte, die ihm helfen, stets die weiseste Entscheidung zu treffen. Weil ich an die Weisheit hinter dem Thron glaube, kann ich kein Rebell sein.«

Marcia ballte die Hände zu Fäusten, so dass sich die Fingernägel in ihre Handflächen gruben. »Also wirst du mich an den Wandernden Hof zurückschicken?«

»Nein!«, entgegnete er entschieden. »Das kann ich nicht. Ich werde alles tun, um das zu verhindern, jedes Opfer bringen …«

Etwas an dem Ton, in dem er die letzten Worte gesprochen hatte, ließ sie erschauern. »Was hast du getan?«

»Ich habe dafür gesorgt, dass wir zusammenbleiben …« Sein Blick huschte zu dem niedrigen Tisch. Dort lag ein Blatt, auf das mit einem Pinsel kunstvolle Schriftzeichen gemalt waren.

»Hast du das geschrieben?« Marcia hatte ihn noch nie schreiben sehen.

»Nur eine Übung.«

Sie wollte hinübergehen und es sich ansehen, doch er vertrat ihr den Weg, zog sie an sich und küsste sie voller Leidenschaft. »Lass mir noch etwas Zeit damit. Es ist ein Gedicht … für dich. Ich fürchte, ich bin nicht sehr gut darin. Du sollst es erst sehen, wenn ich fertig bin.«

Was hatte ihn dazu gebracht, ein Liebesgedicht zu verfassen? Das war ganz und gar nicht seine Art. Sie blickte über seine Schulter zu dem niedrigen Tisch.

»Bitte.« Er sagte es auf eine Weise, die keinen Widerspruch duldete. Noch hielten sie sich in den Armen, aber sie konnte spüren, wie er sich anspannte.

Marcia ließ ihn los und trat einen Schritt von ihm zurück. »Du bist mein Leben, Xiang. Als ich an den Wandernden Hof kam, war ich nur noch eine Geisel im Spiel der Mächtigen. Man achtete auf mich, um mich eines Tages zu benutzen. Wie eine Zuchtstute hat man mich von einem niederen Adligen aus meinem Volk schwängern lassen, damit die Blutlinie der Kaiserfamilie nicht erlischt. Blond und blauäugig musste er sein …« Sie stockte. Legte die Hände auf ihren Bauch. »Und ich weiß, wenn ich einen Jungen zur Welt bringe, wird man ihn töten. Es sind Mütter, mit denen man eine Blutlinie begründet, die über jeden Zweifel erhaben ist.«

»Das ist unser Kind. Niemand wird es töten.«

Es war die Gelassenheit, mit der er das sagte, die sie an ihm liebte. Er war nicht aufbrausend oder in irgendeiner Form theatralisch. Das ließ seine Worte umso schwerer wiegen. Bei ihm war sie sicher. Immer!

Er küsste sie auf die Stirn. »Ich freue mich auf unser Kind. Nun zieh dich zurück. Ich muss mit meinen Anführern reden. Morgen werden wir die Karrenritter vernichten. Keiner wird lebend diesen Hügel verlassen.«

Sie wollte etwas sagen, doch sein Blick brachte sie zum Schweigen.

»Ich bin zu ihnen geritten, Marcia. Du hast es gesehen. Es war ihre Wahl, sich gegen das Leben zu entscheiden.«

»Aber du könntest sie noch einmal fragen. Sie haben sicher verstanden …«

»Nein!«

Noch nie hatte er sie so angefahren.

»Heute sind mehr als vierhundert meiner Krieger gestorben. Noch einmal zu verhandeln hieße, die Toten zu verhöhnen. Diese Karrenritter haben den Tod gewählt. Wahrscheinlich hoffen sie auf die Ordensritter. Doch die werden nicht mehr rechtzeitig kommen. Meine Späher hätten es mir sonst längst gemeldet. Morgen werden alle dort oben in der Wagenburg sterben.«

»Aber auch du wirst sehr viele Krieger verlieren«, versuchte sie es noch einmal. Sie mochte die Männer, die zu Ausgestoßenen geworden waren, weil sie dem Kaiser, ihrem Vater, die Treue gehalten hatten, nicht einfach aufgeben.

»Das werde ich nicht.«

Da war sie wieder, seine unerschütterliche Selbstsicherheit, und dieses Mal machte sie ihr Angst.

»Morgen werden wir eine ganz andere Schlacht schlagen. Und nun geh, Marcia!«

Schweiß glänzte auf seinem Antlitz. Ob er krank war? Und da war noch etwas. In seinen Augen. Ein Blick, als würde er gehetzt. Das war ihr noch nie an ihm aufgefallen.

Ein Reiterführer wartete vor der Jurte. Ein junger Mann mit dünnem Bart und einer geschwärzten Brustplatte, auf die ein roter Phönix gemalt war. Er schenkte ihr ein flüchtiges Lächeln und trat ein.

»Wo steckt Ang Min?«, fuhr der General ihn so laut an, dass sie stehen blieb und lauschte.

»Er kann gerade erst die Lastenkarawane erreicht haben«, entgegnete der Hauptmann ruhig.

»Nimmst du ihn in Schutz? Ich sage dir, wenn er ein Verräter ist, lasse ich ihn an einen Baum nageln, und du wirst vom Baum neben ihm hängen.«

Leng, ihr Leibwächter, trat neben sie. »Du solltest hier nicht verweilen, Herrin. Der General ist launisch heute. Morgen wird es bestimmt besser sein.«

 

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ABEND, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Zaneta?«

Die Stimme drang nur langsam durch den Schmerz. Sie lag. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war, wie der Schmerz sie ins Dunkel gerissen hatte. Zaneta wollte die Augen aufschlagen, doch das Dunkel wich nicht.

Sie hob die Hände. Tastete über ihr Gesicht.

»Du sollst den Verband nicht abnehmen!«, ermahnte sie eine gestrenge Stimme. Das war unverwechselbar ihr Oheim.

Sie ignorierte ihn. Berührte die linke Schläfe und keuchte auf vor Schmerz. Der Verband war nass von Blut.

»Ich hab dir doch gesagt …« Starke Hände griffen nach ihr. Hielten sie davon ab, den lästigen Verband zu lösen.

»Was ist mit mir passiert, Oheim?«

Sein Schweigen war so beredt, dass sie sich sein Gesicht deutlich vorstellen konnte, auch ohne den Verband über ihren Augen zu lüften. Sie spürte seine Beklommenheit.

»Dich hat ein Pfeil getroffen. Sehr unglücklich.« Er seufzte. »Du …« Seine Stimme erstarb.

Wieder tastete sie über den Verband. Der Schmerz überraschte sie jetzt nicht mehr. Sie zupfte an dem groben Stoff, der durch das Blut mit der Wunde verklebt war. »Sag es!«, forderte sie mit rauer Stimme.

»Du hast dein linkes Auge verloren. Und das rechte … war so voller Blut, dass … Du sollst den Verband nicht abnehmen. Das rechte Auge soll sich erholen.«

Zaneta schluckte. Die Hitze der Sommernacht war vergessen. Sie erinnerte sich wieder an Bruchstücke der Ereignisse. Die Kämpfe. Das Krachen des brechenden Pfeils. Mit einem Auge konnte sie im Schwertkampf nicht mehr bestehen. Ihr Oheim hatte mit ihr Übungsrunden gefochten, vor Jahren … Dabei hatte er eines ihrer Augen mit einem Stoffstreifen abgedeckt, um ihr deutlich zu machen, wie wichtig es war, klar zu sehen. Sie hatte den Abstand der Schwerter nicht mehr richtig einschätzen können, hatte nicht mehr sauber pariert … Ein einäugiger Schwertkämpfer war nichts mehr wert. Vielleicht würde er es noch mit einem Bauern aufnehmen können, keinesfalls aber mit einem Ritter, der sein Leben lang im Umgang mit der Klinge geschult war.

Zaneta setzte sich auf. »Wie ist die Schlacht verlaufen?«

»Sie haben den ganzen Tag über keinen weiteren Angriff unternommen. Fast scheint es, als würden diese verdammten Hundefresser auf etwas warten.«

»So wie wir«, sagte Zaneta, ohne wirklich Hoffnung zu haben, dass die Ritter des Ordens vom Schwarzen Adler noch auf dem Schlachtfeld erscheinen würden. Sie hätten längst eingreifen sollen. Vielleicht hatte die Eherne Horde sie auch abgefangen und bereits besiegt, geradeso wie das Heer der Reichsritter auf dem Krähenfeld. General Xiang Yu hatte angeblich noch nie eine Feldschlacht verloren. Zaneta lächelte bitter. Es war wohl nicht ihr bester Einfall gewesen, sich ausgerechnet ihm in den Weg zu stellen.

»Hilf mir auf!«, befahl sie ihrem Oheim.

»Du sollst ruhen, verdammt!«

»Ich werde nicht die letzte Nacht meines Lebens verschlafen. Ich habe lange genug geruht. Es wird Zeit, dass ich nach meinen Männern sehe.« Sie schob die Binde über ihren Augen hoch. Der Stoff klebte an den Wunden. Schmerz stach ihr in die Schläfe. Die Kruste über dem zerstörten Auge riss. Sie spürte Blut über ihre Wange rinnen. Und sie sah nichts!

Ungläubig tastete sie über ihre Augen. Links fühlte sie Wundschorf und zerschundenes Fleisch. Rechts war es besser, allerdings völlig verklebt. Sie rieb das Auge, wieder und wieder. Dann endlich öffnete es sich. Es fühlte sich an, als würde es aufreißen.

Sie sah ihren Oheim undeutlich. Er war nur ein Schatten vor dem Lagerfeuer. Aber immerhin sah sie noch etwas.

»Du solltest das nicht tun«, schalt ihr Oheim sie, ohne sie jedoch aufzuhalten.

Langsam gewann der Schattenriss an Konturen. Ihr Oheim trug eine lederne Brustplatte wie die Krieger, die die Wagenburg angegriffen hatten. Dazu auch einen Helm ihrer Feinde.

»Was soll diese Maskerade?«, knurrte sie ihn an. Sie ertastete hinter sich die Speichen eines Karrenrads, griff hinein und stemmte sich auf die Beine.

Dabei wurde sie sich bewusst, wie die Gespräche an den Feuern nahebei verstummten. Alle Blicke ruhten jetzt vermutlich auf ihr. »Ich bin noch nicht tot!«, verkündete sie laut. »Und ich bekomme noch genau mit, wer von euch verdammten Hurenböcken auf meinen Arsch starrt. Also Vorsicht!«

Leises Gelächter war der Lohn für ihre Worte. Sie wusste, wie sie die rauen Männer der Westermark zu nehmen hatte. »Heute haben sich die Hundefresser an uns die Zähne ausgebissen. Morgen werden wir ihnen zeigen, was wir mit zahnlosen Gegnern anstellen. Ich hoffe, sie kommen wieder in solchen Scharen, dass selbst ich nicht danebenschießen kann. Und nun habt ihr eure Ruhe vor meinen schlauen Reden. Schlaft, und trinkt vorher nicht zu viel Zielwasser!«

»In welchem Karren wirst du kämpfen?«, rief jemand.

Zaneta starrte zu den Feuern hinüber. Sie konnte nicht erkennen, wer gesprochen hatte. Da waren nur ineinander übergehende Schatten und eine verschwommene, helle Fläche, wo das Feuer brannte. »Morgen lass ich es langsamer angehen, Männer. Ich werde hinter der Linie stehen, und der erste Karren, der gestürmt wird, bekommt Besuch von mir. Und glaubt mir, wenn ich mit den Hundefressern fertig bin, werdet ihr euch wünschen, sie wären euer Problem, denn ich glaube, in einen vernünftig verteidigten Wagen werden sie niemals auch nur einen Fuß setzen können.«

Niemand lachte, und ihr ging auf, dass sie diesmal die Stimmung ihrer Krieger falsch eingeschätzt hatte.

»Das war die schlechte Nachricht …«, setzte sie nach. »Die gute ist, dass bei den Trosswagen ein ganzes Fass kamarinischer Roter steht. Wer morgen Abend den größten Haufen erschlagener Feinde vor seinem Wagen liegen hat, mit dem teile ich das Fass. Die Jungs im Adlerwagen waren gut heute … Aber soweit ich gesehen habe, hat sich auch die Besatzung des Greifenkarrens gut geschlagen. Genauso die Drei Kelche und das Schwarze Pferd. Das Rennen ist also ziemlich offen …«

»Der Rote Löwe hat gehörig seine Krallen gezeigt!«, rief jemand aus dem Dunkel.

»Und der Basiliskenkarren«, sagte ihr Oheim laut.

»Die Drei Schwerter haben siebzehn von den Hundefressern erlegt!«, ertönte es in Zanetas Rücken.

Andere Stimmen fielen ein, und an den Feuern wurde lebhaft darüber gestritten, wer die meisten Feinde besiegt hatte. Dann begannen sie zu prahlen, was der morgige Tag bringen würde.

Zaneta hörte eine Weile zu, dann wandte sie sich wieder an ihren Oheim. »Und nun zu deinem Aufzug …«

»Das hast du gut gemacht. Sie brauchten es, dich zu sehen und über etwas anderes nachzudenken als darüber, ob sie morgen sterben werden. Ich bin stolz auf dich!«

Das hatte er noch nie zu ihr gesagt. Sie hatte es gespürt, dass er sie schätzte, und es genossen. Aber es aus seinem Mund zu hören … Etwas stimmte da nicht! »Was hast du vor?«

»Meine Reiter haben mehr als die Hälfte ihrer Pferde verloren. Und dieser verdammte General Xiang Yu sichert sich ab. Wenn dort unten am Fuß des Hügels ein paar tausend Bogenschützen stehen, brauchen wir erst gar keinen berittenen Ausfall zu wagen. Sie würden uns nur abschlachten. Ich habe einen anderen Plan, was ich tun könnte. Ich brauche lediglich eine Handvoll meiner besten Schwertkämpfer …« Er erklärte ihr ruhig, was er vorhatte.

Zaneta hatte das Gefühl, als wachse eine Kugel aus Blei in ihrem Magen. Solange sie sich erinnern konnte, war Jan von Tanow, ihr Oheim, der Leitstern ihres Lebens gewesen. Er war – einmal abgesehen von seiner Größe – der vollkommene Ritter. Immer hatte sie sein wollen wie er.

»Das kannst du nicht tun, du …«

Er lächelte schief. »Hätte ich jedes Mal, wenn man mir das in meinem Leben gesagt hat, einen Kaisertaler bekommen, wäre ich reich und fett geworden und stünde nicht auf diesem namenlosen Hügel mitten im Nichts. Glaub mir, Zaneta, ich kann das tun. Bitte versuche nicht, mich aufzuhalten. Wir greifen diese verdammten Hundefresser an ihrer einzigen Schwachstelle an. Wenn es glückt, schenke ich dir damit einen Tag. Das wird das beste Geschenk sein, das du je erhalten hast.«

Zaneta schüttelte den Kopf. »Ich will das nicht …«

Er lächelte so, wie er vor mehr als einem Jahrzehnt manchmal am Ende einer Fechtstunde gelächelt hatte. Er war ihr ein gestrenger Lehrer gewesen. Ein Lob war ihm nie über die Lippen gekommen. Aber wenn sie etwas gut gemacht hatte, dann hatte er gelächelt wie jetzt. Er hatte sie zu sich genommen, nachdem ihre Eltern bei einem Überfall durch plündernde Steppenreiter umgekommen waren. Sie war ein junges Mädchen gewesen. Mit etlichen anderen war sie schon in einer Sklavenkarawane nach Westen unterwegs. Und dann war er gekommen. Nur mit einer Handvoll Männer. Und dennoch hatte er sie alle gerettet.

»Du brauchst mich nicht mehr, Zaneta.« Ihr Oheim lächelte noch immer. Aber sie sah die Traurigkeit in seinen Augen.

 

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

SPÄTER ABEND, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG

 

Ohne dass ein Laut über seine Lippen kam, erschlafften die Glieder des Wächters. Jan hielt ihn fest gegen seine Brust gedrückt. Das Blut aus der durchschnittenen Kehle des Mannes drang durch den Ärmel seines groben Leinenhemds.

Seine Ritterideale waren das erste Opfer dieser Nacht gewesen. Er hatte Zaneta angelogen. Er wusste, dass die Ordensritter nicht kommen würden. Er hatte es auch schon gewusst, als er den jungen Jaroslaw zu ihnen geschickt hatte. Er kannte ihren Hochmeister aus den Zeiten, als Gamrath von Hatzfeld noch Komtur gewesen war. Er war ihm bei den Turnieren im Reich begegnet. Zu alt, um noch selbst in der Turnierbahn zu reiten, hatte Gamrath sich doch gern das Lanzenstechen angesehen.

Gamrath hatte ihn auf einige kleinere Mängel seiner Beinstellung beim Schwertkampf hingewiesen. Der Ordensritter war gekommen und hatte ihn in seinem Zelt besucht, nachdem Jan als bester Schwertkämpfer im Kaiserturnier ausgezeichnet worden war.

Der Komtur hatte ihm eine ganze Nacht lang von Schlachten und Turnieren erzählt und schließlich versucht, ihn für den Orden anzuwerben. Gamrath war überzeugend gewesen. Er hatte ihm verraten, wie viele Ritter, die sich dem ausgelöschten Kaiserhaus verbunden fühlten, in den Orden eingetreten waren. Vielleicht wäre er dem Ruf gefolgt, hätte es nicht Zaneta gegeben.

Gamrath hatte seine Absage gut aufgenommen. Sie waren Freunde geblieben. Und deshalb wusste Jan, dass der Hochmeister niemals das Überleben des Ordens gefährden würde. Er würde seine Ritter nicht in eine Schlacht führen, in der es keinen Sieg zu erringen gab. Die Eherne Horde war zu übermächtig, ihr General zu gerissen.

Auch wenn Xiang Yu in den Kämpfen heute sein überragendes Verständnis der Kriegskunst nicht hatte aufleuchten lassen. Diese Angriffe waren Jan wie durch den General angeordnete Hinrichtungen erschienen.

Jan ließ den toten Wächter zu Boden sinken und blickte über die Weide, die sich im Dunkel verlor. Ein ganzes Stück entfernt sah er Laternen. Ein langer Zug von Lastkamelen näherte sich dem Hauptlager.

Die Pferde wichen den hoch beladenen Tieren aus und weideten. Ein paar Männer streiften in ihrer Nähe umher. Unzählige Male hatte Jan Witze darüber gehört, dass die Steppenreiter ihre Pferde mehr liebten als ihre Frauen. Er glaubte das nicht. Allerdings verbrachten sie zweifellos mehr Zeit mit ihnen.

Einigen der Tiere waren Fußfesseln angelegt. Lederschlaufen, die um die Vorderbeine geschlungen waren, so dass sie sich nur mit kleinen Schritten bewegen konnten. Auf die Weise grasten sie, ohne sich über Nacht zu weit zu entfernen. Bei der Mehrzahl der Pferde hatte man jedoch darauf verzichtet.

Er blickte zu einem Krieger, der etwa zehn Schritt entfernt vor einer gescheckten Stute stand und feierlich auf sie einredete. Jan verstand diesen Dialekt des Khanats nicht. Allerdings hörte es sich ein wenig so an, als würde der Kerl wohlbetont ein Gedicht aufsagen. Vor einem verdammten Gaul! Sie waren schon anders, diese Hundefresser …

Er hatte einmal einen Ritter gekannt, der seiner Stute abends einen Eimer mit Bier brachte, wenn sie beide sich gut auf einem Turnier geschlagen hatten. Das war schon schräg gewesen; aber Gedichte … Doch was wollte man von Männern erwarten, die statt unter Bannern unter Standarten mit Pferdeschweifen in den Krieg zogen?

Jan sah sich um. Zwei seiner Gefährten hatten ebenfalls die Weide betreten. Nur zehn Männer hatte er mitgenommen. Sie alle hatten Familien. Vielleicht würden es zwei oder drei von ihnen schaffen zu entkommen. Große Hoffnungen hatte er allerdings nicht. Was sie planten, war eine Verzweiflungstat. Mit Ritterlichkeit hatte es nichts mehr zu tun. Aber wenn es glückte, würde er Zaneta einen weiteren Tag erkaufen. Und wenn ein Wunder geschah, würden diese verdammten Hundefresser vielleicht sogar abziehen. War bei Männern, die Pferden Gedichte vortrugen, nicht alles möglich?

Er gab seinen beiden Gefährten ein Zeichen, dass sie anfangen konnten. Dann zog er die beiden Eichenbretter aus seinem Gürtel. Sie waren kaum so dick wie ein Finger und nur etwas mehr als eine Elle lang. So wie sie in seinem Gürtel steckten, mochte sie ein flüchtiger Beobachter im Dunkel für eine Schwertscheide halten.

Beide Bretter waren an einem Ende durch ein Scharnier miteinander verbunden. Er klappte sie auseinander, wie man ein Buch aufklappte. Und dann schlug er sie mit aller Kraft zusammen. Ein scharfer Knall hallte durch die Nacht.

Alle Pferde rissen die Köpfe hoch.

Jan hieb einem der Tiere nahebei mit den Brettern auf die Kruppe. Der Hengst stieß ein schrilles Wiehern aus und preschte los.

Wieder schlug Jan die Bretter zusammen. Jetzt war auch rechts und links von ihm ein Knallen zu hören, und etliche der Pferde galoppierten los, entfernten sich blindlings von der vermeintlichen Gefahr. Sie stürmten dem Wald entgegen.

Bald erbebte der Boden unter dem Donnern Tausender Hufe. Die ganze Herde war in Bewegung. Die Pferde mit den Fußfesseln strauchelten. Andere rannten in sie hinein. Sie stürzten, überschlugen sich. Weitere fliehende Pferde sprangen oder trampelten über sie hinweg. Wachen an Feuern wurden umgerissen.

Jan bedauerte, was er hatte tun müssen. Er mochte Pferde. Nicht gegen sie führte er Krieg. Er hatte einmal erlebt, wie ein einzelner Blitzschlag mitten in der Nacht eine Herde in Panik versetzt hatte. Auch sie waren in einen Wald gestürmt. Hatten sich im Wurzelwerk die Fesseln gebrochen, sich in Brombeerdickichten verfangen oder an abgebrochenen Ästen aufgespießt. Und dann war da die Schlucht gewesen. Niemals würde er dieses Bild vergessen. Die ineinander verknäulten Leiber. Die zuckenden Beine. Die angstweiten Augen der sterbenden Schlachtrösser. Und alles nur wegen eines einzelnen Blitzschlags. Es hatte nicht einmal ein Gewitter gegeben. Die Erinnerung an jene Nacht hatte ihn auf diese Idee gebracht.

Er wich einem schwarzen Hengst aus, griff ihm in die Mähne und wurde von dem davonstürmenden Pferd mitgerissen. Aus dieser Bewegung heraus schwang er sich auf den Rücken des Hengstes. Er presste sein Gesicht in die flatternde Mähne. Die Pferde der Steppenreiter waren deutlich kleiner als die Schlachtrösser der Karrenritter. Aber es waren wendige und ausdauernde Tiere.

Er sprach beruhigend auf den Hengst ein, doch der wurde nicht langsamer.

Die Führer der Kamelkarawane versuchten schreiend und mit ausgestreckten Armen, die fliehenden Pferde aufzuhalten. Schon brachen die ersten Pferde zwischen den Kamelen durch und versetzten auch sie in Panik.

Jans Rappe stürmte geradewegs auf eines der großen Lasttiere zu.

Ein Steppenreiter mit einer Lanze, an deren Spitze nicht einfach ein Stoßblatt, sondern eine gekrümmte Schwertklinge funkelte, tötete eines der durchgehenden Pferde mit einem Hieb. Der Hundefresser trug Seide. Sein Haar glänzte im Sternenlicht, als sei es mit Öl übergossen.

Jan war sich bewusst, dass der edel gewandete Krieger ihn gesehen hatte. Mit erstaunlicher Ruhe versuchte der Steppenreiter, seinen Fuchs zwischen den panischen Pferden hindurchzubringen.

Jan rammte seinem Rappen die Fersen in die Flanken und riss grob an der Mähne. Er zog den Hengst nach links. Sie preschten dicht an einem mit zugeschnittenen Balken beladenen Kamel vorbei.

Als einer der Karawanenführer ein Lasso nach ihm warf, griff Jan das Lederseil aus der Luft und riss den Hundefresser mit einem Ruck von den Beinen. Etwa hundert Schritt entfernt erhob sich der Wald wie eine schwarze Mauer. Unzählige Pferde stürmten der Dunkelheit entgegen. Jan konnte vor sich keinen einzigen Feind mehr entdecken. Er würde entkommen.

Plötzlich stieg sein Rappe, wieherte und brach zusammen. Jan schaffte es gerade noch, sich vom Rücken des Pferdes zu werfen. Hastig wich er den zuckenden Läufen aus, war kaum auf den Beinen, da wurde er von einer gescheckten Stute umgerissen. Überall waren Pferde, stampften Hufe. Jan rollte sich auf der zertrampelten Weide hin und her.

Aus dem Augenwinkel sah er den Schwertspeer des in Seide gewandeten Steppenreiters in der Kruppe seines Hengstes stecken. Immer noch schlug das sterbende Tier mit den Hufen.

Wieder wich Jan einem Pferd aus. Dann war er mit einem Satz auf den Beinen.

Immer noch versuchte der Steppenreiter, zu ihm vorzudringen. Er hatte nun ein langes Schwert mit schmaler Klinge gezogen.

Von einem Schimmel gerammt, drehte Jan sich mit dem Stoß, wurde fast von den Beinen gerissen. Er hätte in die Mähne des Tiers greifen können, um in die Sicherheit des Waldes zu fliehen. Aber dieser Hundefresser suchte den Kampf mit ihm, und Jan war in seinem ganzen Leben noch nicht vor einem Zweikampf davongelaufen. Immer hatten die anderen auf ihn herabgeblickt. Nur den kleinen Mann gesehen, der in Rüstung auf dem Turnierplatz zwischen all den hünenhaften Recken stand und fehl am Platze wirkte. Immer hatten diese Hünen von ihm erwartet, dass er fortlaufen würde. Er hatte es nie getan und würde auch heute nicht damit anfangen.

Er wich einem weiteren Pferd aus.

Der Steppenreiter hatte ihn fast erreicht.

Jan drehte sich, sprang über die zuckenden Läufe des Rappen hinweg und griff nach dem langen Schaft des Schwertspeers. Die Waffe war ungewohnt. Er riss sie hoch. Parierte einen Schwertstreich seines Gegners. Kreischend glitten die Klingen übereinander.

Der sterbende Rappe bäumte sich auf, rammte seinen Kopf gegen den Bauch des Hengstes des Steppenreiters, als dieser über ihn hinwegsetzte. Beide gingen zu Boden.

Jans Gegner war behände wie eine Katze. Er sprang aus dem Sattel, landete federnd auf den Füßen und richtete die Spitze seines Schwertes auf Jan.

Jan packte den Schwertspeer und zerbrach den Schaft, so dass nur ein Stück, so lang wie ein Schwertgriff, übrig blieb. Die Klinge war kopflastig. Er hob sie zum Gruß.

Der Steppenreiter lächelte, erwiderte den Gruß und wich einem Pferd aus. Nur noch wenige Tiere zogen vorüber. Der größte Teil der Herde war im Wald verschwunden.

Jetzt hörte Jan Rufe hinter sich. Er widerstand der Versuchung, über die Schulter zu blicken. Seinen Gegner auch nur einen Herzschlag lang aus den Augen zu lassen mochte ein tödlicher Fehler sein. Der Hundefresser bewegte sich wie ein erfahrener Kämpfer. Vorsichtig, bereit, jederzeit zuzustoßen oder auszuweichen, kam er näher.

Jemand rief etwas hinter Jan.

Er riss die Klinge hoch. Das Schwert seines Gegners glitt ab. Ein Stoß mit dem Ellenbogen zielte auf Jans Kehle; er beugte sich zurück, wollte gleichzeitig zustoßen, doch ein Rückhandschlag prellte sein Schwert zur Seite.

Sie beide trennten sich, waren sofort wieder in Grundstellung. Die Klingen wachsam erhoben, umkreisten sie einander.

Sein Gegner wechselte den Griff. Sein Schwert zeigte nun mit der Spitze nach unten.

Jan lächelte grimmig. Der Kerl war gut.

Schon folgte ein neuer Angriff. Ein Hieb zielte auf Jans linkes Bein. Stahl klirrte auf Stahl. Die Klinge des Hundefressers schnellte hoch. Jan fing den Hieb ab, der auf seine Kehle gezielt hatte. Einen Augenblick lang waren ihre Gesichter kaum eine Handbreit voneinander entfernt. Der verdammte Mistkerl wirkte ziemlich siegessicher. Sein Antlitz verriet keinerlei Gefühlsregung, aber in seinen Augen stand Respekt. Jetzt erkannte ihn Jan. Es war der Krieger, der mit General Xiang Yu zu den Verhandlungen zwischen den Linien gekommen war.

Sie traten jeder einen Schritt zurück. Ganz in Ruhe. Das würde ein ritterlicher Zweikampf, dachte Jan.

Er war unsicher, ob er diesen Seidenkrieger besiegen konnte, aber er war glücklich über diese unerwartete Wendung. Die besten Stunden seines Lebens waren die Zweikämpfe gewesen. Die Augenblicke, in denen jene Recken, denen das Leben alles geschenkt hatte, auf ihn, den kleinen Mann mit dem Allerweltsgesicht, hinabgeblickt hatten und Respekt in ihren Augen stand.

Der in Seide gewandete Krieger hob sein Schwert. Jan war bereit! Dieses Mal griff er an. Ihre Klingen sangen ein stählernes Lied. Es war seine Erfahrung, die ihn überleben ließ. Die Fähigkeit, einen Angriff parieren zu können, ohne nachdenken zu müssen, wo er erfolgen würde.

Als sie diesmal auseinandertraten, atmeten sie schwer. Eine Strähne hatte sich aus dem lackglänzenden Haar seines Gegners gelöst und hing ihm in die Stirn. Ein Schnitt hatte den linken Ärmel des weiten Seidengewandes durchtrennt.

Nie hatte Jan einem Gegner gegenübergestanden, der so focht wie dieser Hundefresser. Der Kerl war gut. Doch Jan war zuversichtlich, dass er ihn besiegen konnte.

Er hob das Schwert, um den anderen zur nächsten Runde in ihrem tödlichen Tanz aufzufordern, als sich etwas um seinen Hals legte.

Eine Lederschlinge!

Mit einem Ruck wurde sie zusammengezogen, und er taumelte nach hinten.

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES, 

STUNDE DER RATTE, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Er war bei ihr gewesen, kaum dass die durchgehenden Pferde ins Lager gestürmt waren. Sie war sein erster Gedanke gewesen. Immer noch hielt Xiang sie eng an sich gedrückt, obwohl er längst Befehle gab. Er ordnete das Chaos. Er formte die Welt um ihn herum. Nichts konnte ihn erschüttern.

»Die Karawane ist in alle Winde verstreut«, berichtete ein Reiterführer, den Marcia nicht kannte. Ein hagerer Mann mit faltigem Gesicht und rasiertem Schädel. Nur eine einzige geflochtene Strähne war von seinem Haar geblieben.

»Wo steckt Ang Min?«

Sie spürte, wie Xiang sich anspannte.

»Wie konnte es geschehen, dass er so überrascht wurde?«

»Wir waren inmitten der weidenden Herde, General«, erklärte der Reiterführer. »Ang Min konnte nichts tun. Es kam völlig unerwartet.«

»Ein guter Feldherr lässt sich nicht überraschen«, entgegnete Xiang eisig.

Eine Gruppe von Kriegern führte einen Gefangenen heran. Einen kleinen schwarzhaarigen Mann, der eine Rüstung wie ein Steppenreiter trug und doch unverkennbar keiner war. Marcia war sich nicht ganz sicher, aber sie glaubte, ihn schon einmal gesehen zu haben, vor langer Zeit. Als Kind. Als sie wirklich noch eine Kaisertochter war.

»Ich protestiere, General!« Ang Min drängte sich zwischen den Kriegern hindurch. Sein mohnrotes Gewand war mit Staub bedeckt, eine Strähne hatte sich aus seinem streng zurückgekämmten Haar gelöst. Nie zuvor hatte Marcia ihn so derangiert gesehen. »Dieser Mann stand im Duell mit mir, als er heimtückisch überwältigt wurde. Ich fordere, dass wir den ehrenhaften Zweikampf zu Ende bringen.«

»Pferdemörder haben keine Ehre!«, entschied Xiang gereizt. Dann wandte er sich an den Gefangenen: »Du bist tief gesunken, Jan von Tanow!« Die letzten Worte sprach er in Marcias Muttersprache.

Der Ritter stand aufrecht, das Kinn stolz vorgereckt, und sah Xiang geradewegs in die Augen. »Ich bin bereit zu sterben, General Yu. Das war ich schon, als ich ohne Erlaubnis meiner Anführerin das Lager verlassen habe.«

Xiang lachte kurz und freudlos. »Ich glaube dir nicht, dass dieses Ritterweib nicht wusste, was du tun wolltest. Du willst sie mit deinen Worten schützen. Aber morgen zur Mittagsstunde wird ihr Kopf auf einem Pfahl stecken.«

»Der Weg zu ihrem Kopf führt über ein Gebirge toter Männer. Deiner Männer, General!« Der Ritter hatte in die Sprache der Steppenreiter gewechselt, so dass ihn alle Umstehenden verstehen konnten, auch wenn er mit schwerem Akzent sprach.

»Lass ihn mich im Schwertkampf töten, General!«, forderte Ang Min. »Ich habe ihn zum Duell gefordert. Ich verliere mein Gesicht, wenn ich diesen Kampf nicht ehrenhaft führe.«

»Jan von Tanow ist ein Schwertkämpfer, dessen Name selbst im Khanat bekannt ist. Es wird ihm sicherlich eine Freude sein, noch einen meiner Anführer zu töten, bevor er stirbt.« Xiang bedachte den Ritter mit einem kalten Lächeln. »Und mich würdest du sicherlich auch gern zum Kampf fordern, um mich …«

»Ich werde ihn besiegen!«, unterbrach ihn Ang Min.

»Bist du von Sinnen?« Xiang versetze Ang Min eine schallende Ohrfeige. »Wie kannst du es wagen, deinem General ins Wort zu fallen? Packt sie! Zu Boden mit ihnen! Beide sollen sie nebeneinanderliegen!«

Die Krieger der Wache Xiangs gehorchten umgehend. Ang Min leistete keinen Widerstand. Sein Gesicht war aschfahl. Jan von Tanow, dem die Hände auf den Rücken gefesselt waren, trat nach den Kriegern. Er wurde mit Speerschäften zu Boden geknüppelt.

Es tat Marcia in der Seele weh, ihn so zu sehen. Sie erinnerte sich jetzt klarer an den kleinen Ritter, über den so gern gespottet worden war. Sie hatte ihn als Kind auf Turnieren kämpfen sehen. Vor einer Ewigkeit hatte sie ihm als Siegespreis einen Seidenschal ihrer Mutter um den Hals gelegt.

»Bringt die Männer, die die Pferde bewachen sollten«, forderte Xiang. »Und holt den hölzernen Boden aus der Jurte der Prinzessin!«

Etliche Krieger entfernten sich. Niemand stellte Fragen zu den Befehlen des Generals. Aber etwas hatte sich verändert. Die Gesichter der verbliebenen Krieger waren verschlossen. Niemand sprach. Alle blickten auf die beiden Männer am Boden.

»Ist der große General ein Feigling?«, fragte Jan von Tanow. »Will er sich nicht mit mir messen? Hat er Angst? Schickt er nur seine Männer zum Sterben, so wie heute Morgen?«

»Ein Tiger gibt nichts auf das Gekläff von Hunden«, zischte Xiang.

Marcia schaute ihn an. Schweiß stand auf seinem Gesicht. Er wirkte angespannt. Verändert.

Sie wollte an seine Seite treten, wollte ihn warnen, aber das würde alles nur noch verschlimmern. Er beging einen Fehler! Warum merkte er das nicht? Sonst war er so feinfühlig, wusste stets um die Stimmung in der Horde und verstand die Männer zu lenken wie kein anderer. Auch war er nie unnötig grausam gewesen.

Sie sah ihn eindringlich an. Normalerweise spürte er ihren Blick.

Alles war falsch, was hier geschah! Ang Min war der zweite General der Horde. Er war begabt, hatte mächtige Freunde am Wandernden Hof und hatte sich auch Xiangs Vertrauen erworben. Und Jan von Tanow hatte sich gegen die Reichsfürsten gestellt, die ihre Familie ermordet hatten. In gewisser Hinsicht war er ihr Ritter. Sie musste verhindern, was hier geschehen sollte!

»Ehrenwerter General, ist Gnade nicht die goldene Seite der Macht?«, wagte sie zu fragen.

»Ist Schweigen nicht die goldene Seite weiblicher Tugend?«, fuhr er sie mit einer Schärfe an, wie er es noch nie getan hatte. »Leng, bring das Mündel des Khans in meine Jurte. Ich will ihr die Schande ersparen, dass ich sie vor aller Augen züchtige. Offenbar verträgt ihre zarte Seele den Anblick der Gerechtigkeit nicht!«

»General …« Jan von Tanow hielt den Blick gesenkt, als sei es der Khan selbst, den er ansprach. »Ich weiß, was mich erwartet. Ich bitte nicht für mich …«

Marcia bemerkte, wie seine Augen kurz zu ihr schweiften.

Er nahm den ausgefransten Seidenschal ab, den er lose um den Hals geschlungen trug. »Einst habe ich diesen Schal der Kaiserin für meine Schwertkunst im Turnier erhalten. Ihre Tochter brachte ihn mir.« Nun blickte er auf, sah ihr geradewegs in die Augen und lächelte. »Marcia.«

Sie erinnerte sich an den strahlenden Nachmittag, als sie mit klopfendem Herzen an all den hünenhaften Recken in ihren schimmernden Rüstungen vorübergegangen war, um dem kleinsten Ritter auf dem Platz den Siegespreis zu überreichen. Diesen Schal, den ihre Mutter den ganzen Sommer lang getragen hatte.

»Der Schal war in all den Jahren seit dem Turnier mein kostbarstes Gut. Ich möchte nicht, dass er nun verlorengeht. Er soll wieder in den Händen des Mädchens ruhen, das ihn mir einst gebracht hat. Wollt Ihr mir diese eine Gunst gewähren, General Yu?«

Marcia blickte zu ihrem Geliebten. Dem Mann, der ihr noch nie etwas verwehrt hatte, und sah erschrocken, wie er mit sich rang. Er wollte ablehnen! Fürchtete er, das Gesicht zu verlieren, weil es nicht seine Entscheidung gewesen war?

»Bitte …« Kaum dass das Wort über ihre Lippen war, bereute sie es. Sein Gesicht verhärtete sich.

Der Ritter erhob sich vor Xiang auf die Knie und hielt demütig mit beiden Händen den Schal empor.

»Bring ihr den Schal, Leng!«, befahl Xiang ihrem Leibwächter.

Der Steppenreiter gehorchte.

Jan von Tanow blickte zu ihr auf. Er wirkte erleichtert, als sie den Schal an sich nahm.

Sie besaß nichts mehr, was sie mit ihrer Familie verband. Nichts hatte die lange Flucht und die Jahre am Wandernden Hof überdauert. Und nun war da dieses ausgefranste Stück Seide. Und alle Erinnerungen erhoben sich mit Macht, wie schon seit vielen Jahren nicht mehr.

Jan von Tanow verneigte sich vor ihr. »Ich bin froh, dass ich in meiner letzten Stunde noch erfahren durfte, dass Mären manchmal wahr sind, Prinzessin Marcia.«

»Genug!«, zischte Xiang. »Geh nun, Weib! Was jetzt geschehen muss, ist nichts für deine Augen!«

 

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DER RATTE, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Bao Li sah der Prinzessin nach. Trotz all der Jahre am Wandernden Hof hatte Marcia es nie gelernt, ihre Gefühle hinter einer Maske der Gleichmut zu verbergen.

Und auch General Yu vermochte sich nicht mehr zu beherrschen. Wut und Enttäuschung standen ihm ins Gesicht geschrieben.

Noch nie hatte Bao mit eigenen Augen gesehen, wie Drachenwurzelsud wirkte. Er kannte ihn nur aus gelehrten Schriften und aus Erzählungen. Er hatte die Geschichten für übertrieben gehalten. Jetzt wusste er es besser. Das Gift zerstörte den Charakter. Ließ den Vergifteten aufbrausend und jähzornig werden. Pflanzte ihm das Gefühl ins Herz, dass alle sich gegen ihn verschworen hatten. Der Ruf, den sich Xiang Yu in einem ganzen Leben aufgebaut hatte, würde in zwei oder drei Tagen restlos zerstört sein. Nicht der Khan würde den General für seinen Frevel richten müssen – seine eigenen Männer würden es sein, die den wahnsinnig gewordenen General töteten.

Sobald das geschehen war, würde sich ihm, Bao Li, dem zweiten Leibarzt des Khans, niemand widersetzen, wenn er im Namen des Khans forderte, Prinzessin Marcia an den Wandernden Hof zurückzuschicken.

Die unglücklichen Wachen wurden herbeigebracht. Viele der Männer waren verletzt, weil sie versucht hatten, die durchgehenden Pferde aufzuhalten. Es war keine Gerechtigkeit, die hier geübt wurde. Niemand hätte den heimtückischen Angriff der Käsestinker vorhersehen können. Es war eine Tat ohne Sinn und Verstand. Die Eherne Horde brauchte keine Pferde, um die Wagenburg anzugreifen. Sie würden zu Fuß attackieren, so wie heute. Nur dass es diesmal gewiss mehr und bessere Truppen sein würden, die der General den Hügel hinaufschickte. Was brachte es also, die Pferde davonzujagen?

Aber es war müßig, die Gedanken eines Volkes verstehen zu wollen, das noch nicht einmal begriffen hatte, wie hilfreich es war, sich mindestens ein Mal am Tag zu waschen, wollte man Fremde nicht schon bei einer ersten Begegnung mit dem eigenen Gestank verschrecken.

Die Wachen wurden neben dem Ritter und Ang Min zu Boden gezwungen. In vier Reihen lagen sie nebeneinander. Ein weiter Kreis hatte sich um sie gebildet. Von überall kamen weitere Männer herbei, um zuzuschauen, und immer neue Wachen wurden herangeführt und mussten sich nun auf jene Männer legen, die bereits am Boden waren.

Leises Stimmengemurmel wogte unter den Schaulustigen. Bao erlauschte geflüstertes Unverständnis über die Strafe. Er hatte immer schon scharfe Ohren gehabt, eine Gnade, die ihm bei seinem Aufstieg am Wandernden Hof mindestens genauso zugutegekommen war wie sein Wissen als Arzt.

»Holt Ang Min dort heraus!«, befahl General Yu plötzlich. »Er soll auf andere Art Gelegenheit bekommen, für seine Versäumnisse zu büßen. Die anderen Männer aber überlassen wir den Pferden.«

Der in Seide gekleidete Heerführer wurde zwischen den Kriegern hervorgezogen und abgeführt. Kaum war dies geschehen, wurde der hölzerne Jurtenboden über die Verurteilten gelegt. Er bestand aus einem Grundgerüst aus Balken, auf die Bretter aufgenagelt waren.

Der Boden lag fast waagerecht auf den Männern, als eine breite Laufplanke an ihn gelehnt wurde. Über diese geleitete ein Diener das Pferd des Generals, ein schwarzes Steppenpony, auf den Jurtenboden.

Bao hörte die Männer unter dem Boden keuchen und stöhnen, als die Balken auf ihre Knochen drückten, während der Diener das Pferd am Zügel im Kreis führte.

General Yu winkte weitere Männer mit Pferden heran. Eins ums andere wurden sie auf den Holzboden geführt.

Jetzt drangen Schmerzensschreie unter den Planken hervor.

Das Flüstern unter den Kriegern war verstummt. Mit versteinerten Mienen sahen sie zu.

Blut färbte die Erde rund um den Holzboden dunkel. Dieser war bald so weit herabgesunken, dass die Pferde, die nun hinaufstiegen, keine Laufplanke mehr benötigten.

Langsam verstummten die Laute der Sterbenden. Wer nicht unter dem Gewicht der Pferde zerquetscht worden war, musste zwischen den zusammengedrängten Leibern erstickt sein.

»Mein Bruder ist da unten«, hörte Bao jemanden hinter sich flüstern. »Er hat meine Wache übernommen …« Tödlicher Hass lag in den geraunten Worten.

Das Gift, das er dem General verabreicht hatte, begann auch in die Herzen des Gefolges des Feldherrn zu sickern, dachte Bao zufrieden.

 

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DER RATTE, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Marcia hörte, wie Xiang den Wachen befahl, auf zehn Schritt Abstand zu seiner Jurte zu gehen und niemanden zu ihm durchzulassen.

Würde er sie wirklich züchtigen? Sie drückte den Rücken durch und wartete auf ihn.

Als er den Filzvorhang am Eingang zurückschlug, wirkte er gehetzt. Seine Augen funkelten wild. Schweiß stand auf seinem Gesicht. »Eine Frau widerspricht nicht!«, herrschte er sie an und ließ den Vorhang sinken.

Er zitterte und hob seine Reitgerte.

Marcia presste in Erwartung des Schlags die Lippen zusammen.

Die Gerte zischte nieder. Ein scharfer Knall ertönte. Xiang hatte sich in die offene Handfläche geschlagen.

»Schrei!«, flüsterte er, ehe er brüllte: »Zieh dein Seidengewand aus, Weib. Es ist zu kostbar, um es in Fetzen zu reißen!« In seinen Augen stand Wahnsinn.

Marcia schrie, als würde sie geprügelt, doch sie dachte nicht daran, sich vor Xiang zu entblößen. Stattdessen wich sie vor ihm zurück, während er die Gerte immer wieder in seine Handfläche klatschen ließ, bis dunkles Blut aus den Striemen troff.

Mit langen Schritten durchmaß er die Jurte, ging dicht an ihr vorüber und kniete vor der Truhe nieder, die neben seinem Lager stand. Die verletzte Hand streckte er zur Seite, als er den Deckel hob und jenen in Seide eingeschlagenen Kelch heraushob, den ihm der Khan nach dem Sieg auf dem Krähenfeld geschenkt hatte. Das kostbare Gefäß hatte die Farbe von Siegellack und war aus einem einzigen Stück roter Jade geschnitten, wie man sie nur in Tsi Hong fand, wo das Blut der Erde aus schwarzen Bergen rann und, als die Welt noch jung war, die Feuervögel ebendiesem Blut entstiegen waren, um den Khan und alle seine Völker zu beschützen.

Xiang stellte den Kelch auf den niedrigen Tisch. Dann hielt er seine verletzte Hand darüber und ließ sein Blut hineintropfen.

»Sieh«, flüsterte er und bedeutete ihr, näher zu kommen.

Dunkel rann das Blut an der Innenwand des Kelches hinab. Sie konnte nichts Ungewöhnliches entdecken.

Xiang nahm das Seidentuch und wischte ein wenig von dem Blut fort. Die Jade war noch immer dunkel.

»Der Kelch zeigt, wenn Gift ihn berührt«, erklärte Xiang leise. »Bao Li hat mir das angetan. Es ist ein besonders heimtückisches Gift. Ich bin nicht mehr der Mann, der ich war …«

Marcia blickte in seine dunklen Augen. Sah die abgrundtiefe Verzweiflung.

»Er wurde geschickt, um dich an den Wandernden Hof zurückzuholen, meine Liebe.«

»Du musst ihn töten! Zerstampf dieses Ungeziefer!«

Xiang schüttelte den Kopf. »Wende ich mich gegen den Gesandten des Khans, dann ist es, als würde ich mich gegen den Khan selbst wenden. Viele meiner Männer würden sich daraufhin gegen mich stellen. Das ist kein Weg, der uns offensteht.«

Marcia dachte an die Männer, die der Khan in ihr Gemach geschickt hatte. An die Verachtung, die sie im Blick ihrer Dienerinnen gesehen hatte. »Nie wieder werde ich dorthin zurückkehren!«

Xiang legte seine unverletzte Hand sanft auf ihre Schulter. »Das wird nicht geschehen. Im Gepäck der Karawane, die Ang Min hergeleitet hat, befindet sich eine Kiste mit meiner alten Rüstung. In deren Helm, sicher in Tuch eingeschlagen, verwahre ich eine Phiole mit einem Gegengift, welches das Blut von allen bekannten Giften reinigt. Ich werde …« Xiang begann zu zittern. Seine Augen wurden glasig, als litte er an einem starken Fieber.

»Wo finde ich die Kiste?«

Er schüttelte langsam den Kopf. Es sah aus, als müsse er erst unsichtbare Fesseln sprengen, bevor ihm auch nur diese leichte Bewegung möglich war. »Zu verdächtig …«, presste er hervor. »Ich weiß nicht, wer …« Seine Stimme erstarb. »Knie vor mir, Weib!«, schrie er sie an, und feine Speicheltröpfchen stoben aus seinem Mund.

Sie packte ihn mit beiden Händen und schüttelte ihn. »Was ist mit dir? Xiang?«

Er riss sich los und stieß sie zu Boden, die Rechte zum Schlag erhoben.

»Xiang?«

Tränen rannen ihm über die Wangen. Sein Blick war wieder klar. »Das Gift … Es ist wie eine zweite, dunkle Seele in mir.«

»Ich hole die Phiole!«

Er schüttelte den Kopf. »Das geht nicht. Ich weiß nicht, wer auf Bao Lis Seite steht. Du würdest verfolgt werden. Wenn ich morgen vor der Schlacht meine Rüstung anlege, dann wird das niemandem verdächtig erscheinen. Ich komme an die Kiste heran. Du nicht.«

»Ich kann doch nicht einfach zuschauen …« Sie nahm seine Hände, küsste die blutigen Striemen. »Du bist mein Leben.«

»Nein, dein Leben ist viel größer als ich. Du bist stark, meine Kaiserin. Du hast Freunde, von denen du noch nichts weißt. Du brauchst mich nicht. Aber ich brauche dich. Du hast einen besseren Mann aus mir gemacht …«

Sie wollte ihn so nicht reden hören! »Du bist die Sonne, die mich hat aufblühen lassen. Ohne dich bin ich nichts. Wer sollten diese Freunde sein?«

»Manchmal muss die Stunde der höchsten Not kommen, damit man seine Freunde erkennt. Du …« Ein Zittern durchlief ihn. Sein Blick schweifte unstet durch das Zelt. »Bitte geh jetzt. Lass nicht zu, dass dieser Schatten, der in mich gepflanzt wurde, unsere Liebe zerstört. Das bin nicht ich!« Die letzten Worte schrie er. Wieder stieß er sie von sich. »Geh, Weib!«

»Nein!«

Sein Schlag traf sie unerwartet. Die Kraft riss sie von den Beinen.

Xiang heulte auf wie ein verletztes Tier. »Bitte geh … Morgen werde ich siegen. Ich siege immer. Das weißt du. Warte in der Jurte auf mich. Und wenn der Abend kommt, dann öffnest du den Wein. Ich möchte ihn auf deinen Lippen schmecken, wenn ich wiederkehre. Wirst du mir das versprechen? Trink ihn, wenn der Abend kommt!« Er wies auf eine kleine Amphore mit wachsversiegeltem Mund.

Marcia erinnerte sich. Der Wein war ein Geschenk Ang Mins. Er hatte ihn in der Nacht nach dem Sieg auf dem Krähenfeld gefunden. Es war ein kostbarer alter Wein aus Cilia. Er gehörte zur Beute aus den Zelten der Reichsfürsten. Xiang hatte ihn für eine besondere Nacht aufheben wollen.

»Du musst aus der Schlacht zu mir zurückkehren«, sagte sie verzweifelt. »Du musst! Vergiss nicht: Du bist meine Sonne! Ohne dich gäbe es in meinem Leben nur noch Schatten.«

»Ich habe noch nie eine Schlacht verloren!«, sagte er mit jener Selbstsicherheit, die sie mehr als alles andere an ihm liebte. Für einen Herzschlag war er wieder ganz der Mann, in den sie sich verliebt hatte. Der, den nichts auf der Welt aufhalten konnte.

Dann wurde sein Blick erneut unstet. »Geh!« Sein Stolz war erloschen, seine Stimme nur noch ein Wimmern. »Du darfst mich so nicht sehen. Kein Gegengift könnte diese Erinnerungen je löschen. Wenn du mich wirklich liebst, dann musst du jetzt gehen!«

 

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES DRACHEN, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Xiang schritt an dem Sichtschutz entlang und blickte nach Süden, wo auf der großen Weide die eingefangenen Pferde und Kamele zusammengetrieben wurden. Vor Anspannung ballte er die Hände zu Fäusten und löste sie wieder, nur um sie gleich darauf erneut zu ballen. Hatten sie die Kiste endlich sichergestellt? Er rang mit der Wut, die er immer schwerer beherrschen konnte.

Das Summen der Fliegen lenkte ihn ab. Nur ein Stück entfernt lag der Holzboden aus Marcias Jurte. Überall um die Bretter tanzten Fliegen in der Luft, um dann irgendwann in dem Dunkel zwischen den Balken zu verschwinden.

Es war ein Fehler gewesen, sich seinem Zorn so hinzugeben. Dergleichen durfte sich nicht wiederholen. Er brauchte das Gegengift! Wieder ballte er die Fäuste. Er wusste, dass er sich nicht würde beherrschen können. Er vermochte seine Launen nicht mehr willentlich zu unterdrücken … Schon jetzt folgten ihm deswegen auf Schritt und Tritt argwöhnische Blicke. Er konnte niemandem mehr trauen. Niemandem!

Hammerschläge und leise Flüche ertönten hinter dem Sichtschutz. Die Bahnen aus schwarzer Ziegenwolle waren so zwischen Pfosten aufgespannt, dass die Karrenritter nicht beobachten konnten, wie sie in den Lagern rings um den Hügel den Angriff vorbereiteten. Er würde dieses Ritterpack auslöschen! Spätestens zur Mittagsstunde würde es auf dem Hügel keinen einzigen Überlebenden mehr geben.

Ang Min kam von der Weide zu ihm herüber. Mit großen Schritten eilte er an den Planen entlang, an denen der stetige Nordwind zerrte, der seit Sonnenaufgang über das weite Hügelland strich.

Xiang blieb stehen. Er zwang sich zur Ruhe und verschränkte die Hände hinter dem Rücken.

»Das Kamel mit deiner Rüstung konnte nicht gefunden werden, General.«

Eine Woge der Wut erfasste Xiang. Seine Hände krampften sich ineinander. Es wäre besser für ihn, dachte er, wenn auch er nicht von diesem verdammten Hügel zurückkäme! Dieser kleine Ritter, der da unter dem Jurtenboden lag, hatte ihn umgebracht, und es hatte dazu nicht einmal seiner berühmten Schwertkunst bedurft.

Wenn er im Kampf starb, überlegte Xiang, würde zumindest sein guter Name überdauern. Oder das, was davon nach den Ereignissen des vergangenen Tages noch übrig war. Der sinnlose, blutige Angriff, die grausamen Hinrichtungen – das war nicht er! Der Herr des Himmels hatte über sein Schicksal entschieden. Aber vielleicht konnte er Marcia noch retten. Sie durfte nicht an den Wandernden Hof zurück! Wenn er sie zu den Kaiserrittern bringen ließe … Dort würde sie mit Respekt behandelt werden. Und sie wäre sicher vor dem Khan. Es sei denn, der Herrscher schickte eine seiner Weißen Tigerinnen …

Xiang stutzte. Er würde noch ein letztes Mal den Brief ändern, den er Marcia geschrieben hatte. Sie musste begreifen, dass es überlebenswichtig für sie war, dass geheim blieb, wo sie sich aufhielt. Vor einer Weißen Tigerin wäre sie selbst inmitten der mächtigsten Burg der Kaiserritter, umgeben von einem Dutzend Leibwächtern, nicht sicher.

»General?«

Er blickte zu Ang Min auf.

»Warum ist die Rüstung von so großer Bedeutung? Es wird noch weiter nach ihr gesucht, aber …«

»Sie hat mir Glück gebracht«, log Xiang glatt. »Ich bin nie schwer verwundet worden, wenn ich sie im Kampf getragen habe.«

»Im Kampf?«

»Heute gehe ich mit euch den Hügel hinauf!« Xiang wählte einen Ton, der deutlich machte, dass dieses Gespräch nun endete. »Ich habe meinen Kriegern nie etwas befohlen, was ich nicht selbst zu tun bereit war. Nach dem Massaker gestern schulde ich der Ehernen Horde einen Angriff, den ich anführe.«

 

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES DRACHEN, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Xiang zerknüllte wütend das Seidenpapier und warf es in die Feuerschale, in der noch die Asche der anderen Briefe glomm. Er war nicht bereit, Abschied zu nehmen. Und ihm war erneut klargeworden, dass es für Marcia keine Fluchtmöglichkeit gab. Er konnte niemandem mehr trauen. Nicht Ang Min, diesem geschniegelten Höfling, der sich mit Freuden die Gunst des Khans erkaufen würde, indem er Marcia auslieferte. Und auch keiner seiner Hauptleute würde ihm über den Tod hinaus die Treue halten, wenn ihnen Bao Li das Siegel zeigte und erklärte, ein Gesandter des Khans zu sein. Selbst Leng, der seit Kindertagen sein Diener war und nun Marcia als Leibwächter schützte, Leng, der Treueste der Treuen, würde sich der Autorität des Siegels beugen. Sobald er selbst tot war, war auch Marcia verloren. Es gab für sie keinen Weg aus diesem Lager heraus. Ohne seine Hilfe würde sie niemals zu den Kaiserrittern gelangen. Er musste überleben! Und zugleich musste er heute an der Spitze seiner Leute stehen, sonst wäre es um seine Autorität geschehen.

Oder sah er die Welt zu schwarz? Zersetzte das Gift bereits seinen Verstand?

Er nahm den Pinsel, tauchte ihn in die Tusche auf dem Reibstein, verharrte mit der Hand in der Luft über dem neuen Blatt Seidenpapier. Dieses Mal musste er die rechten Worte finden!

Lebe wohl, meine Kaiserin …

Er hatte das Gefühl, ein Eisenklumpen säße ihm in der Kehle, als er auf das letzte Zeichen blickte und den Pinsel zur Seite legte. Ganz gleich, wie sehr er schluckte, der Klumpen wollte nicht weichen. Sie durfte diesen Brief nur lesen, wenn er nicht zurückkehrte.

Die Tusche brauchte noch ein wenig Zeit, um zu trocknen. Er spülte den Pinsel in einem Wasserbecher sauber und strich sorgfältig die rötlichen Haare glatt, bis sie wieder eine feine Spitze formten. Gefasst legte er ihn neben den Reibstein. Dann erhob er sich und ging zu der kleinen Truhe bei seinem Lager. Im untersten Fach verwahrte er eine Phiole mit Mondfischgift. Es lähmte die Muskeln langsam, ohne Schmerzen zu bereiten, und es hatte auch die Eigenschaft, dem aufgewühlten Geist Ruhe zu schenken. Die Heilkundigen nannten es den sanften Tod.

Vorsichtig öffnete er das Siegel an der Amphore mit dem kostbaren kamarinischen Roten mit einem scharfen Federmesser. Er zögerte. Betrachtete die schwarzen Ritterfiguren, die kunstvoll auf den roten Ton gemalt waren. So oft hatten sie es verschoben, diesen Wein zu trinken. Hatten auf den großen Tag gewartet, der es würdig war, mit diesem edlen Tropfen seinen Ausklang zu finden.

Der Eisenklumpen in seiner Kehle schien immer weiter zu wachsen. Xiang zog den feingeschliffen Kristallverschluss aus der Phiole mit dem Gift und leerte das Fläschchen in die Amphore. Dann nahm er den Pinsel, schob dessen langen Bambusgriff durch den engen Amphorenhals und rührte, damit sich Gift und Wein gut vermischten.

Schließlich verschloss er die Amphore wieder und drückte mit dem Daumen auf das Siegelwachs, bis der feine Schnitt verschwand.

… bin ich aber zur Abendstunde noch nicht zurückgekehrt,

dann öffne unseren Wein

und nimm einen ersten Schluck,

denn ich möchte sein köstliches Aroma

auf deinen Lippen schmecken,

wenn wir uns wiederbegegnen,

meine geliebte Kaiserin.

Er rollte den Brief zusammen, schob ihn in einen zylindrischen Lederbehälter und verschloss diesen. Behutsam legte er ihn neben den Kelch aus roter Jade. Es war an der Zeit, sich für den Kampf bereitzumachen. Er nahm den Waffenrock aus roter Seide. Ein Gewand wie das seiner Leibwachen, nur dass sein Waffenrock mit goldenen Drachen bestickt war.

Er legte es an. Immer noch schmerzte die Verletzung zwischen seinen Beinen. Es war nur ein kleiner Schnitt, doch die Wunde brach immer wieder auf.

Er biss die Zähne zusammen, schnallte die schwarze Brustplatte um und hob den Helm von seinem Lager, um ihn sich unter den Arm zu klemmen.

Ein letztes Mal blickte er zu der Lederrolle, die seinen Abschiedsbrief in sich trug. Er durfte auf keinen Fall zulassen, dass Marcia an den Wandernden Hof zurückgebracht wurde. Sie würde dort zugrunde gehen … Und für ihn war es besser, diese Schlacht nicht zu überleben. Nur so konnte er einem Ende in Schande entgehen.

Aber würde Marcia die Botschaft verstehen? War sie lange genug am Wandernden Hof gewesen, um zwischen den Zeilen lesen zu können, dass er sie aufforderte, sich das Leben zu nehmen, damit sie sich in der jenseitigen Welt wiederbegegnen konnten? Oder würde er ihr Mörder sein, weil sie die Worte befolgte, ohne ihren verborgenen Inhalt erkannt zu haben?

 

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

SPÄTER MORGEN, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Du kommst also doch zu uns«, empfing der Narbengesichtige Zaneta im Adlerwagen.

»Bildet euch nur keine Schwachheiten ein! Der rote Greif hat gewonnen. Ich hab mir den Leichenhaufen vor dem Wagen persönlich angesehen. Eindrucksvoll …« Wäre da nicht die wulstige Narbe, würde er gar nicht mal schlecht aussehen, dachte Zaneta. »Ich bin eben eurem raubeinigen Charme verfallen.« Sie trat an die hölzerne Wand und blickte durch eine der dreieckigen Schießscharten. »Außerdem hat man von hier aus die beste Sicht auf das Hauptlager der Hundefresser.« Sie stockte kurz. Besser, sie würde nicht fragen, aber sie brachte es nicht über sich. Da war immer noch ein Funke Hoffnung. »Habt ihr gesehen, was aus unseren Männern geworden ist? Hat einer versucht, sich zurück zur Wagenburg durchzuschlagen?«

Der Narbengesichtige trat neben sie und blickte ebenfalls durch eine Schießscharte. »Nein«, sagte er mit belegter Stimme. »Es ist keiner zurückgekehrt. Aber ich glaube, wir haben es ihnen zu verdanken, dass es die Hundefresser heute Morgen so langsam angehen lassen und immer noch nicht vor unseren Wagen stehen.«

Zaneta dachte an die Worte ihres Oheims. Er hatte ihnen Zeit erkaufen wollen. Aber was nutzte das? Spielte es noch eine Rolle, ob sie zur Mittagsstunde oder zur Zeit der Abenddämmerung starben? Was waren diese wenigen geschenkten Stunden wert? Sie wäre ihren letzten Weg lieber mit ihm gegangen.

Sie sah Speerspitzen hinter den von den Hundefressern aufgespannten Zeltbahnen aufragen. Truppen bewegten sich dort. Der Feind bereitete sich auf den nächsten Angriff vor. Lange würde es nicht mehr dauern.

Sie wandte sich ab und ging zu der Rampe, die aus dem engen Wagen führte.

»Du verlässt uns schon?«

»Ich habe angekündigt, zu Beginn der Schlacht hinter den Wagen zu stehen, um dann jene heimzusuchen, die schlecht kämpfen.« Sie bedachte den vernarbten Wagenführer mit einem schiefen Lächeln. »Also betet lieber, dass ihr mich die nächsten Stunden nicht wiederseht.«

»Das werden … verdammt!«

»Was?«, fuhr sie den Narbengesichtigen scharf an.

»Sie haben die Zeltbahnen niedergelegt. Da …«

Mit zwei langen Schritten war Zaneta zurück bei der Schießscharte. Hinter den Zeltbahnen waren Ballisten aufgestellt worden. Dutzende! Überall rings um den Hügel. Belagerungsgeschütze, die Speere oder Steinkugeln verschießen konnten.

Ein langer, klagender Hornstoß ertönte. Dann das Klacken der Geschütze.

»Wir müssen …«, schrie Zaneta, als ein gewaltiger Schlag den Kriegswagen traf. Dolchlange Holzsplitter wirbelten durch das Innere.

Der Kopf des Narbengesichtigen war verschwunden. Blut schoss ihm aus dem Hals. Er kippte nach hinten und rutschte an der Rückwand hinab.

»Raus hier!«, befahl Zaneta und schrie gegen das Getöse an, mit dem überall ringsum Steinkugeln durch die dicken Eichenplanken der Kriegswagen schmetterten.

»Raus hier!«, wiederholte sie, und jetzt endlich stürzten die anderen Männer aus dem Kriegswagen über die Rampe hinaus.

Zaneta ging als Letzte. Ein weiterer Treffer erschütterte den Adlerwagen, doch diesmal wurden die zolldicken Planken nur eingedrückt und splitterten nicht.

»Unter die Wagen!«, rief sie. »Und nehmt eure Armbrüste mit!«

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STUNDE DER SCHLANGE, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Marcia winkte Xiang zu. Es war eine vage, halbherzige Geste. Sie wusste, dass er es nicht schätzte, wenn sie vor seinen Männern ihre Gefühle zeigte.

Er stand inmitten seiner Leibwache, hundert handverlesenen Kriegern. Alle hatten sich in mindestens zwanzig Schlachten bewähren müssen, um in diese Truppe aufgenommen zu werden. Sie trugen Brustplatten aus bestem Eisen, das geschwärzt worden war, um unter den widrigen Umständen eines Feldzugs keinen Rost anzusetzen. Auf den spitzen Helmen, von denen Kettengeflecht über Nacken und Wangen der Krieger hing, wippten rot gefärbte Reiherfedern. Eisenplatten waren in die prächtigen roten Waffenröcke eingenäht.

Es war diese Leibwache, die Xiangs Heer seinen Namen gegeben hatte: die Eherne Horde. Die Krieger waren wahrlich Männer aus Eisen. Heute trugen sie nicht die leichten Lederschilde, mit denen sie sonst in den Kampf zogen, sondern fast mannshohe Turmschilde, ähnlich den Pavesen, mit denen sich die Armbrustschützen des Reiches schützten. Eigentlich wurden die schweren Schilde nur bei Belagerungen eingesetzt. Doch der Sturm auf die Wagenburg war in der Tat auch mehr Belagerungskampf denn Feldschlacht.

Mit gezogenem Säbel wies Xiang eine der Geschützmannschaften an, welchen Wagen sie als nächstes Ziel wählen sollten. Sorgenvoll betrachtete Marcia die goldfunkelnde Pracht seines Waffenrocks. Schildträger würden ihm Deckung geben, jeder der Leibwächter mit dem Leben für ihn einstehen, und doch wäre er das bevorzugte Ziel eines jeden Schützen dort oben auf dem Hügel.

»Er ist nicht leicht umzubringen«, sagte Leng, als habe er ihre Gedanken gelesen. »Du musst dir keine Sorgen um ihn machen.«

Dankbar blickte sie zu ihrem Leibwächter. Er war nur ein einfacher Mann, ein Viehhirte, aufgewachsen in der Steppe, und doch begegnete er ihr mit mehr Gefühl und Aufmerksamkeit, als es je einer der blasierten Diener am Wandernden Hof getan hatte.

»Ich kenne ihn schon lange. Xiang hat bereits ganz andere Schlachten ohne eine Schramme durchgestanden. Wusstest du, dass er im Alter von sieben Jahren einen Wolf nur mit einem Messer getötet hat?« Leng grinste so stolz, als würde er von den Heldentaten seines eigenen Sohnes sprechen. »Jeder Mann in der Ehernen Horde kennt die Geschichte, obwohl der General nie darüber spricht.« Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Das habe ich für ihn erledigt. Solche Geschichten sind dazu da, an Lagerfeuern erzählt zu werden, und nicht dazu, dass man sie in seinem Herzen begräbt. Xiang ist ein guter General, aber solche Dinge versteht er manchmal nicht. Dafür hat er mich.«

Marcia rang sich ein Lächeln ab, aber ihre Sorgen waren nicht geschwunden. Sie wusste, dass Xiang in vorderster Linie kämpfen würde, und gestern hatte etwas in seinem Blick gelegen, als wollte er Abschied nehmen.

 

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KURZ VOR DER MITTAGSSTUNDE, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Zaneta kroch zurück unter den Adlerkarren. Alles war vorbereitet. Würde es genügen?

Der Wagen über ihr erbebte unter einem weiteren Treffer. Das Rad links vor ihr zersplitterte. Der Wagen sackte leicht nach vorn. Unwillkürlich zog Zaneta den Kopf zwischen die Schultern.

»Es gibt ein Fass, das die Ladefläche stützt«, sagte der Mann neben ihr, ein Rotschopf, den sie nicht kannte. »Hier fällt uns nichts auf den Kopf.«

Sie musste an den Narbengesichtigen denken. Solange sie derart unter Beschuss standen, war kein Kopf sicher. Doch unter den Wagen zu liegen war wahrscheinlich noch der beste Schutz.

Sie beobachtete die feindlichen Krieger, die neben den Reihen der Geschütze aufmarschiert waren und mit grimmiger Genugtuung die Zerstörung der Wagenburg beobachteten. Es waren Tausende. Wie viele von ihnen in der Nacht wohl ihr Pferd verloren hatten?

In diesem letzten Kampf würden sie und ihre Karrenritter untergehen, das war Zaneta klar. Nach den Ereignissen der Nacht würden die Angreifer keine Gnade kennen. Unklar war allein, wie viele Feinde mit ihnen sterben würden. Und sie waren darauf vorbereitet, ihre Haut so teuer wie möglich zu verkaufen, dachte Zaneta grimmig.

Der Beschuss wurde schwächer. Ob den Hundefressern die Steine ausgingen? Das Krachen und Splittern, das seit mehr als einer Stunde an ihren Nerven gezerrt hatte, erstarb.

Ein einzelnes Hornsignal erklang im Lager der Feinde.

Zaneta robbte ein Stück weiter vor, um besser sehen zu können. Dumpfe, tief in den Bauch fahrende Trommelschläge ertönten. Hinter den Ballisten war eine Reihe von Kamelreitern erschienen, vor deren Sättel mächtige Kesselpauken geschnallt waren. Sie schlugen in langsamem Rhythmus die straff gespannten Felle.

Die Blöcke der Krieger setzten sich in Bewegung. Ganz anders als am Tag zuvor. Es waren keine wild heranstürmenden Horden. Sie gingen im Gleichschritt. Im Takt, den die Kesselpauken vorgaben. Unheimlich. Unaufhaltsam.

Unmittelbar vor dem Adlerkarren war eine Schar mit fast mannshohen roten Schilden angetreten. Schild an Schild formten sie einen beweglichen Wall.

»Schießt auf ihre Beine!«, rief Zaneta.

Bolzen schlugen in die Schilde. Plötzlich tat sich eine Lücke auf. Ein Mann stürzte lautlos, doch mit schmerzverzerrtem Gesicht. Neben ihm ging ein Krieger in goldbesticktem Waffenrock. Obwohl er noch mehr als fünfzig Schritt entfernt war, erkannte Zaneta ihn. General Xiang Yu!

Bolzen schlugen in die Lücke im Schildwall.

Weitere Steppenkrieger gingen nieder. Der General taumelte. Dann schloss sich die Mauer aus Schilden.

Der Mann neben ihr gab seine Armbrust nach hinten und bekam eine geladene Waffe gereicht.

»Ich auch!«, rief Zaneta.

Unter dem Karren liegend, war es unmöglich, eine Armbrust zu spannen. Der Platz reichte nicht. In Deckung hinter den halbzerstörten Wagen standen leicht Verwundete. Gebückt kurbelten sie die Windengriffe auf beiden Seiten der Waffen, bis die stählernen Bögen bis zum Anschlag gespannt waren.

Eine Waffe wurde zu Zaneta geschoben. Ein Jüngling, keine vierzehn Sommer alt, warf ihr einen Bolzen zu.

Pfeile schlugen in den Wagen über ihr. Andere stürzten in steiler Kurve vom Himmel herab, um die Männer hinter den Wagen zu treffen. Hundertfach ertönte ihr Aufschlag im Holz.

Zaneta zog die Armbrust zu sich heran und legte den Bolzen auf die Führungsschiene. Sie brachte die Waffe in Anschlag.

Der Wall aus roten Schilden war keine zwanzig Schritt mehr entfernt. Deutlich sah sie die Stiefel der Krieger unter den Schildrändern. Wie Dornen steckten Armbrustbolzen in dem wandernden Schutzwall.

Pfeile schlugen in das Gras dicht vor ihrem Wagen.

Der Rothaarige neben ihr schoss und fluchte leise.

»Zieh dich zurück!«, befahl sie.

»Und du?«

»Ein letzter Schuss …« Sie peilte über die Führungsschiene. Zielte dorthin, wo sie den General vermutete. Wenn er strauchelte und zurückfiel …

Wild johlend stürmten die ersten Feinde auf die zerschossenen Wagen zu. Die Krieger rechts und links des Schildwalls waren weniger schwer gerüstet und hatten es schneller den Hügel hinauf geschafft.

»Rückzug!«, schrie Zaneta aus Leibeskräften.

Einen Herzschlag später waren zwei kurze Hornstöße zu hören. Das vereinbarte Signal. Ihre Männer sollten nicht auf dem Trümmerwall kämpfen. Noch stand der innere Kreis der Wagen. Dort würden sie die Hundefresser aufhalten!

Noch zehn Schritt. Deutlich konnte sie die Stiefel unterscheiden, die unter den Schildkanten zu sehen waren. Sie wünschte sich, sie wäre eine bessere Schützin. Wünschte, das hier wäre eine Sache, die sich mit dem Schwert erledigen ließe. Sie musste es schaffen! Wenn der General fiel, dann würde das seine ganze Horde aufhalten. Zumindest, bis sich seine Hauptleute auf einen neuen Anführer verständigt hatten.

Sie zielte, so gut es mit nur einem Auge ging, auf das einzige Paar schwarzer Stiefel. Sie waren besser als die klobigen, schmutzig braunen Stiefel der anderen Krieger.

Zaneta atmete aus und zog den Abzug durch.

Der Bolzen durchschlug den linken Stiefel auf Höhe des Knöchels. Der Mann brach in die Knie.

Zaneta ließ die Armbrust ins Gras sinken und schob sich zurück. Als sie sich hinter dem Wagen aufrichtete, funkelte eine Klinge neben ihr. Sie duckte sich zur Seite. Ihr Panzerhandschuh schmetterte in ein flaches, konturloses Gesicht. Sie spürte einen Knochen brechen. Blut quoll aus der zerschmetterten Nase und der aufgeplatzten Oberlippe ihres Gegners. Seine Klinge sank.

Sie griff nach dem Schwertarm des Mannes, entwand ihm ohne Mühe die Klinge mit einem Hebelgriff, den ihr Oheim sie gelehrt hatte. Wie beiläufig schlitzte sie ihm die Kehle auf.

Überall auf dem Grasstreifen zwischen den beiden Karrenwällen waren jetzt Hundefresser. Letzte Verteidiger schoben sich durch die schmalen Lücken, die in der Front des zweiten Wagenwalls noch nicht durch Pavesen geschlossen waren. Ein Krieger mit rotem Helmbusch kam schreiend auf sie zugelaufen, das Krummschwert hoch über den Kopf erhoben, als wolle er sie mit einem einzigen mächtigen Streich vom Scheitel bis zur Sohle spalten.

Sie schleuderte ihm das Schwert des ersten Angreifers entgegen. Die Klinge drang durch den ledernen Brustpanzer tief in die Brust des Hundefressers.

Zaneta zog ihre eigene Waffe. Endlose Stunden hatte ihr Oheim sie üben lassen. Er hatte ihre Arme mit Gewichten beschwert und sie so fechten lassen, hatte sie gezwungen, zehn Runden um die Palisaden der kleinen Siedlung zu laufen, über die er als Ritter wachte, wenn sie glaubte, sie sei am Ende ihrer Kräfte.

Jetzt bewegte sie sich mit tödlicher Leichtigkeit durch die Reihen ihrer Gegner. Und sie bemerkte, wie der Hass in den schmalen Augen ihrer Feinde der Angst wich, die sie in ihre Herzen gepflanzt hatte.

Ohne Mühe erreichte sie den Durchgang zwischen den Wagen. Schützen hinter den Holzwänden schossen Bolzen um Bolzen auf die Krieger, die versuchten, ihr zu folgen.

Kaum hatte sie sich an der grüngestrichenen Deichsel vorbeigeschoben, die neben ihr senkrecht emporragte, drängten sich zwei ihrer Pavesenträger in die Lücke. Hinter ihnen folgten weitere Männer, die mit Speeren und Hellebarden jeden Angreifer auf Abstand hielten.

Zaneta sah die Reiter, die etwa hundert Schritt vom Steilufer auf der Rückseite des Hügels in den seichten Fluss ritten. Sah, wie sie ihre kurzen Bögen aus den großen Köchern zogen. Und sie wusste, sie hatten sich keine Zeit erkauft.

Aber sie würden die Hundefresser bluten lassen!

»Alles bereit?«, rief sie trotzig.

 

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STUNDE DES PFERDES, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Fluchend ging Cheng neben ihm in die Knie.

Xiang klopfte dem Hauptmann, der als Einziger glänzende schwarze Stiefel trug, auf die Schulter. »Wir rächen dich! Lass dich hinunterbringen und fang schon mal mit der Siegesfeier an.«

Ihr Vormarsch war für einen Augenblick ins Stocken geraten.

»Vorwärts!«, befahl Xiang scharf.

Seine Männer stiegen über den gestrauchelten Hauptmann hinweg, der sich den Knöchel hielt, aus dem ein Armbrustbolzen ragte.

Der Sieg war zum Greifen nah, dachte Xiang. Ang Min würde in diesem Augenblick mit seinen Männern in den Fluss reiten, um den Hügel von der Rückseite anzugreifen.

»Vorwärts!«, drängte er seine Männer. »Vorwärts!«

Sie fielen in leichten Laufschritt, bis sie die zerschmetterten Wagen erreichten. Mit einem kurzen Blick nach links sah Xiang, dass ein Stück entfernt andere Krieger bereits die Wagenmauer überwunden hatten. Die schweren Schilde hatten seine Leibwache langsam gemacht. Aber sie würden als Erste durch den zweiten Wagenring brechen, dachte er grimmig und griff nach einem Pfosten, der wohl einst die schweren Bretterwände gehalten hatte.

Er trat in die Speichen eines Rades und zog sich an dem Pfosten hoch. Ein plötzlicher scharfer Schmerz ließ ihn gepresst ausatmen. Er drückte die Hand auf seine Brustplatte, dicht über dem Gürtel. Aber er würde sich von diesem unglücklichen Treffer nicht aufhalten lassen!

Ein weiterer Armbrustbolzen verfehlte ihn knapp.

Überall zwischen den beiden Wagenkreisen drängten sich bereits Krieger. Vorsichtig trat er in die Trümmer. Es stank nach starkem Branntwein. Zwischen den zersplitterten Planken sah er die gewölbten Dauben eines Fasses und schnaubte verächtlich. Auch in den Heeren des Khans gab es Befehlshaber, die glaubten, den Kampfesmut ihrer Männer stärken zu müssen, indem sie ihnen vor der Schlacht Schnaps zu trinken gaben. Er selbst hielt davon nichts. Männer, die wussten, wofür sie kämpften, brauchten so etwas nicht.

Einer seiner Leibwächter stieg neben ihn auf den Wagen, um ihn mit einem weiteren Schild abzuschirmen.

Kritisch blickte Xiang die zweite Wagenreihe entlang. Seine Ballisten hatten hier so gut wie keinen Schaden angerichtet. Es erwartete sie ein harter Kampf gegen die Karrenritter. Aber er würde dafür sorgen, dass diese Käsestinker mit allen Sinnen bei ihm und seinen Kriegern waren. Dann würden sie Ang Min erst bemerken, wenn es zu spät war.

Er blickte kurz über seine Schulter. Tausende drängten hinter ihm den Hügel hinauf. Sie würden die Karrenritter unter ihren Leibern begraben!

Entschlossen sprang er von dem Wagen herab und keuchte vor Schmerz auf. Ein Bolzen kreischte über seine geschwärzte Brustplatte – er war im falschen Winkel aufgeschlagen und hatte das Eisen nicht durchdringen können.

Rasch tastete Xiang nach dem Loch dicht über seinem Gürtel. Kein Blut rann über seinen Harnisch. Es spürte, wie es von seinem mit Schafwolle gepolsterten Untergewand aufgesogen wurde, an der Innenseite seines linken Beins hinablief. Er verlor nicht viel Blut, aber stetig. Er sollte sich bald darum kümmern.

Seine Leibwächter folgten ihm. Die übrigen seiner Krieger in der Nähe wichen zurück. Alle wussten sie um den Ruf der Elitekämpfer, der Keimzelle, aus der ihr Heer geboren worden war.

Ein Schutzwall aus großen Schilden umgab Xiang. Armbrustbolzen pochten gegen das schwere Holz. Nur selten drang eines der Geschosse auch nur so weit durch, dass ein kleines Stück der stählernen Spitze sichtbar wurde.

Sie erreichten die zweite Wagenreihe.

»Speere!«, befahl Xiang.

In den hinteren Reihen wurden Speere hochgerissen. Ihre Stichblätter zuckten durch die dreieckigen Schießscharten in der Wagenwand vor ihnen, um die verfluchten Armbrustschützen zurückzutreiben.

»Schilde!«, gab Xiang das nächste Kommando.

Jeder Zweite der Männer in der ersten Reihe stemmte seinen schweren Turmschild so hoch, dass jeweils zwei Krieger von ihm gedeckt wurden.

»Äxte!« Noch während er den Befehl rief, zog Xiang seine schwere Axt aus der Lederschlaufe auf seinem Rücken.

Der Schmerz meldete sich heftiger als erwartet, als er sich streckte. Er umklammerte den Griff der Axt mit verzweifelter Wut und lenkte den Schmerz in den Hieb, den er gegen die Wagenwand führte. Die Erschütterung, die sich durch den Griff der Axt auf seinen Körper übertrug, ließ ihn leise stöhnen.

Xiang biss sich auf die Lippe. Er durfte sich nichts anmerken lassen. Durfte keine Schwäche zeigen. Der Grat, auf dem er wanderte, war zu schmal. Dies war sein letzter Kampf. Er wollte ein Held sein!

Links und rechts neben ihm droschen seine Männer auf die Wagenwand ein. Geschützt durch die Schilde, waren sie unangreifbar. Andere Speerträger waren hinter ihnen in die Hocke gegangen, um sie vor Angriffen zu warnen, die von unterhalb des Wagens vorgetragen wurden. Zwei seiner Männer hatten sich sogar Armbrüste von erschlagenen Feinden genommen.

Splitter flogen, und die erste Planke zerbrach!

Hinter ihnen erscholl ein Warnruf, der in ein Fauchen überging, als habe sich ein Feuervogel mit Glutschwingen aus seiner Asche erhoben.

Xiang wandte sich um. Der Wagen, über den sie vorhin gestiegen waren, stand in hellen Flammen. Xiang sah eine Fackel fliegen. Keinen Herzschlag später stand ein weiterer Kriegswagen in Flammen. Der Branntwein! Keiner ihrer Feinde war betrunken. Im Gegenteil, dieses verdammte Harnischweib hatte einen wachen Verstand, und obwohl sie wissen musste, dass sie nicht siegen konnte, war sie nicht bereit aufzugeben.

»General …« Seine Männer hatten die Äxte sinken lassen. Sie waren in einem Ring aus Feuer gefangen. Die Hitze brannte auf ihren Gesichtern.

Nur ein einziger Wagen stand nicht in Flammen.

Schon stürmten etliche seiner Krieger dorthin zurück, jene leicht Gerüsteten, die als Erste in den Wagenkreis eingedrungen waren … und gerieten in ein mörderisches Kreuzfeuer der gegnerischen Armbrustschützen.

Doch die verfluchten Käsestinker konnten nicht so schnell nachladen, wie neue Ziele erschienen.

»Weitermachen!«, befahl Xiang scharf. »Entweder wir brechen durch, oder wir verbrennen! Wir ziehen uns nicht zurück!«

 

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STUNDE DES PFERDES, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Ang Min hielt den Atem an, als die Wagen in Flammen aufgingen. Sein General war allem Anschein nach zwischen der zweiten Linie der Karrenritter und dem Feuer gefangen. Er sah, wie Truppen vom Hügel zurückwichen. Die ganze Horde war in Gefahr. Sie waren an Siege gewöhnt. Daran, dass so etwas wie hier niemals geschah. Xiang Yu hatte sie ein weiteres Mal enttäuscht.

Wenn er sich jetzt zurückzog, dann könnte er immer sagen, er habe die demoralisierten Krieger ordnen wollen. Vor dem Khan würde er damit durchkommen, da war er sich ganz sicher.

Ang spürte die fragenden Blicke seiner Krieger auf sich. Wenn er seine Ehre aufgab, würde er ein Heer gewinnen. Den ersehnten Oberbefehl. Aber seine Krieger würden wissen, was er getan hatte. Er würde es in ihren Augen lesen, an jedem Tag, an dem er weiterlebte.

Er tastete über den breiten Ledergurt mit Dolchen, der über seiner Brustplatte lag und damit sein Äußeres ungebührlich verunstaltete. Selbst eine Schlacht sollte eigentlich kein Anlass sein, seine Kleidung zu vernachlässigen, auch wenn das alle um ihn herum anders sahen.

Ang glaubte zu spüren, dass die Männer seinen Verrat erwarteten. In ihren Augen war er ein Höfling, kein Krieger. Ganz gleich, wie meisterlich er sein Schwert führte. Ganz gleich, dass auch er noch nie ein Gefecht verloren hatte. Er wusste um den Spitznamen, den sie ihm gegeben hatten, selbst wenn es nie jemand gewagt hatte, ihn vor seinen Ohren auszusprechen: die Seidenraupe. Für sie war er der in Seide gewandete Kriecher vom Wandernden Hof, den es aus unerfindlichen Gründen in die Eherne Horde verschlagen hatte.

Ang lächelte. Es war an der Zeit, all die heimlichen Spötter und offenen Zweifler zu überraschen.

Er wandte sich den Bogenschützen zu, die in den Fluss geritten waren. »Schießt! Ich will, dass sich keiner der Käsestinker dem Steilufer nähern kann, ohne von euren Pfeilen durchbohrt zu werden!«

Er trieb sein Pferd ins Wasser und bedeutete den handverlesenen Kriegern, die er am Morgen ausgewählt hatte, ihm zu folgen. Hundert Mann. Sie würden General Xiang Yu retten, und binnen eines Mondes würde jedes Kind im Khanat von dieser Heldentat wissen.

Die Bogenschützen begannen, auf den Hügel und die Wagen zu schießen. Die wenigen Wachen dort oben duckten sich tief hinter ihre Pavesen. Das Gros der Feinde war in den Wagen. Bis hierher hörte man die Axtschläge von Xiangs Männern. Sie hatten keineswegs aufgegeben.

Ang ritt bis an den steilen Uferabbruch. Acht Schritt ging es senkrecht in die Höhe bis zur Hügelkuppe. Das Erdreich war zwar lehmig und fest, bot einem Kletterer aber keinen Halt, abgesehen von den flachen Höhlen, die Uferschwalben ein Stück über der Hochwassermarke ins Erdreich gewühlt hatten.

Ang nahm den ersten Dolch aus dem breiten Gurt und rammte ihn in den Lehm. Die Klinge drang zur Hälfte ein. Er zog den kleinen Hammer aus seinem Gürtel und schlug auf den Knauf der Waffe, bis sie bis zum Heft im Steilufer versunken war. Prüfend stützte er sich auf den Griff und war zufrieden. Er hatte den ersten Tritt auf dem Weg nach oben.

Er und seine Männer würden die Käsestinker in ihren Wagen überrumpeln und sie ohne Gnade niedermachen!

 

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KURZ NACH DER MITTAGSSTUNDE, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

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Keuchend rannte Jaroslaw durch den Wald. Hinter sich hörte er Äste knacken und das trockene Laub rascheln. Er sah sie nicht, aber sie waren immer noch da. Die verfluchten Steppenreiter, die mitten in der Nacht wie aus dem Nichts aufgetaucht waren. Er war am Ende! Dabei hatte alles so hoffnungsvoll angefangen.

Obwohl ihn der alte Hochmeister unter dem Geleit von Wachen aus seinem Zelt hatte führen lassen, war Gamrath von Hatzfeld keine Stunde später zu ihm gekommen. Erst war Jaroslaw misstrauisch gewesen. Zu tief saß seine Enttäuschung über den Orden. Wie konnte nur eine Kreatur wie dieser Canali in Amt und Würden aufsteigen? Ein Mann, der statt mit Schwert und Lanze mit einem Rechenschieber in die Schlacht zog.

Aber Gamrath war anders. Der Hochmeister hatte zwar deutlich gemacht, dass er seine Ritter nicht für eine aussichtslose Sache opfern würde, doch er hatte es ihm gestattet, unter den Waffenknechten, die kein Ordensgelübde geleistet hatten, bis zu zehn Männer anzuwerben.

Jaroslaw hatte nur drei gefunden, die mit ihm reiten wollten. Jeder von ihnen hatte zwei Pferde bekommen und den Rat des Ordensmeisters.

Gamrath von Hatzfeld kannte das Land an der Geiße von ausgedehnten Wildschweinjagden. Er hatte ihnen geraten, weit nach Westen zu reiten und mindestens zehn Meilen Abstand zum Lager der Ehernen Horde zu halten. Und er hatte ihnen erklärt, dass der Nordwind ihr einziger Verbündeter sei.

Jaroslaw musste innehalten. Es fühlte sich an, als würden in seiner Lunge Flammen wüten. Er konnte nicht mehr laufen. Es war vorbei. Die Pferde waren tot. Seine Gefährten waren tot. Dieser verfluchte Komtur mit seinem Rechenschieber hatte recht behalten.

In der vergangenen Nacht hatte das Unglück sie heimgesucht. Erst waren sie durchgehenden Steppenponys begegnet und hatten versucht, ihnen auszuweichen. Aber die Tiere waren überall. Und dann waren die Hundefresser gekommen.

Sie hatten beschlossen, sich zu trennen, um ihren Feinden zu entgehen. Die Kerle ritten, als seien sie mit ihren Pferden verwachsen. Und im Sattel konnten sie mit ihren kurzen Bögen sogar nach hinten schießen.

Er selbst hatte versucht, ihnen in den Wäldern zu entkommen. Vergebens! Beide Pferde hatte er verloren.

Sein Atem ging jetzt ruhiger. Er hielt die Luft an, lauschte. Da war das dumpfe Geräusch von Hufen auf Waldboden.

Er begann wieder zu laufen.

Der Hufschlag wurde lauter.

Vor ihm lag ein großes Brombeerdickicht. Ohne auf seine Haut zu achten, kroch er unter die Dornenranken. Sie zerrten an seinen Kleidern, zupften an seinem Haar, bohrten sich in seine Kopfhaut, seine Hände.

Immer weiter kroch er.

Der Hufschlag verstummte.

Ein Pfeil schlug keine Handbreit von ihm entfernt ein.

Jaroslaw lag still.

Jemand rief etwas in der unverständlichen Sprache der Hundefresser.

Ein weiterer Pfeil schlug durch die Ranken. Jaroslaw stieß einen gellenden Schrei aus, als sei er getroffen. Er zerrte an den Ranken, begann zu gurgeln, als würde er in seinem Blut ersticken.

Wieder ein Ruf in der Sprache der Steppenreiter.

Jaroslaw ließ seine Bewegungen träger werden. Dann lag er ganz still.

Ein Pferd schnaubte. Schließlich ertönte ein Geräusch, als versuchte sich jemand mit dem Schwert einen Weg durch die Dornenranken zu bahnen.

Jaroslaw hielt seinen Speer ganz fest. Er lauschte. Wie nah war der Kerl? War er allein? Er durfte sich nicht zu früh bewegen, dachte er verzweifelt. Die Ranken würden ihn festhalten. Er musste noch warten. Er blickte durch das Dickicht zu den Baumkronen hinauf. Die Blätter hatten welke Ränder. Seit zwei Wochen war kein Regen mehr gefallen.

Wie nah war der Hundefresser? Der Kerl murmelte vor sich hin, während er auf die Ranken eindrosch. Es hieß, dass die Steppenreiter ihren Opfern die Köpfe abschnitten und für jeden Kopf zwei Kaisertaler bekamen. Dreckige Barbaren!

Der Steppenreiter rief etwas. Das klang verdammt nah.

Er konnte doch nicht warten, bis der Kerl auf ihn trat, dachte Jaroslaw. Es war an der Zeit! Oder nicht?

Er sprang auf. Dornenranken kratzten ihm über Gesicht und Hände. Der Hundefresser war keine zwei Schritt entfernt.

Jaroslaw rammte seinen Speer vor.

Sein Gegner versuchte, mit einem Säbelhieb die Spitze abzulenken. Zu spät. Der Stahl drang dem Krieger in die Brust.

Dem Hundefresser wuchs kein Bart. Seine schmalen braunen Augen wurden weit. Blut quoll ihm über die Lippen.

Jaroslaw drückte die Klinge tiefer.

Der Steppenreiter tat einen Seufzer, der fast erleichtert klang. Er ließ seinen Säbel fallen, packte mit beiden Händen den Schaft des Speers, doch er hatte keine Kraft mehr.

»Verrecke endlich!«, blaffte Jaroslaw ihn an und bereute es sofort. Er sollte still sein. Vielleicht waren ja weitere Feinde in der Nähe.

Der Blick des anderen veränderte sich. Er wurde starr. War er tot? Er ließ jedenfalls nicht los.

Jaroslaw zerrte an dem Speer. Endlich bekam er ihn frei. Sein Gegner kippte nach vorn. Versank im Dornengestrüpp, als sei er nie da gewesen.

Das fahlbraune Pony sah ihnen ungerührt zu. Es zupfte mit den Lippen an den Blättern des Brombeerdickichts.

Jaroslaw redete beruhigend auf das Tier ein. Vorsichtig, Zoll um Zoll, kämpfte er sich durch die Ranken. Dann bekam er die hängenden Zügel zu fassen. Das Pony machte keinen Versuch zu fliehen. Es ließ ihn in den Sattel steigen und gehorchte dem Druck seiner Schenkel.

Im Schritt lenkte er es um das Dornendickicht herum, in einen lichten Abschnitt des Waldes, wo vor allem junge Birken standen.

Er war vielleicht eine halbe Stunde geritten, als er zwischen den Bäumen die Rauchsäule sah. Und dann die Flammen. Die Wagenburg! Sie brannte!

Alles war vergebens gewesen!

Der Hügel an der Geiße war etwa zwei Meilen entfernt. Zaneta hatte genau dort, wo er vermutet hatte, die Wagen zusammengezogen.

Der Hügel war zu weit weg, um deutlich erkennen zu können, was geschah. Etwas Dunkles bewegte sich auf den Flanken. Es sah aber nicht so aus, als ob dort noch gekämpft würde.

Jaroslaw glitt aus dem Sattel. Auch wenn er zu spät war, konnte er die Toten zumindest rächen.

Hufschlag ließ ihn aufhorchen. Am Waldrand ritten fünf Hundefresser entlang. Er duckte sich hinter einen Haselnussstrauch. Dort zog er sein zerfetztes Hemd aus. Mit Lederschnüren, die er von seinem Gürtel schnitt, band er es um die Speerspitze.

Kümmerlich, dachte er, streifte auch noch seine Hose ab, schnitt den Stoff in Streifen und wickelte sie ebenfalls um die Speerspitze, sicherte sie mit weiteren Lederriemen, bis eine fast kindskopfgroße Stoffkugel entstanden war. Dann nahm er die Lederflasche mit feinem Lampenöl, die ihm der Hochmeister mitgegeben hatte, und tränkte den Stoff sorgfältig mit dem Öl.

Als der letzte Tropfen aufgesogen war, löste er Rindenbahnen von den Birken, sammelte trockene Grashalme und schichtete alles zu einem kleinen Haufen. Anschließend nahm er Feuerstein und Stahl und schlug so lange, bis Funken die Rinde aufglimmen ließen. Vorsichtig blies er in die zögerliche Glut, bis sich ein kleines Flämmchen erhob.

Er legte Rinde und Grashalme nach und ließ sich Zeit.

Als die Flammen größer wurden, hielt er die Stoffkugel hinein. Mit einem Laut, als habe man mit der Faust in einen Mehlhaufen geschlagen, gingen seine Kleider in Flammen auf.

Sein Pony schnaubte unruhig.

Jaroslaw nahm den Speer und schwang sich in den Sattel. Er würde die Karrenritter auf dem Hügel rächen! Er rammte dem Pony die Fersen in die Flanken und trieb es zwischen den Birken hindurch aus dem Wald hinaus. Das goldbraune Gras stand fast einen halben Schritt hoch. Er senkte den Speer. Sofort fing das Steppengras Feuer.

Das kleine Pferd schnaubte ängstlich und versuchte, dem Feuer davonzulaufen. Hinter ihnen stieg eine Flammenwand auf. Der Nordwind trieb den Brand vor sich her, den Lagern der Ehernen Horde entgegen.

Wütende Rufe mischten sich in das Prasseln der Flammen. Hufschlag folgte ihm. Jaroslaw blickte über die Schulter und entdeckte die fünf Krieger, die eben am Waldrand entlanggeritten waren.

Seinem Pony noch einmal die Fersen in die Flanken zu rammen wäre sinnlos. Es lief ohnehin schon, so schnell es konnte, um den Flammen zu entkommen. Jaroslaw hielt seinen Speer fest umklammert und dachte an Mona und seine beiden Jungs. Für sie war er hier, damit diese Barbaren niemals seinen kleinen Waldhof erreichten.

Der Hufschlag kam näher. Jaroslaw duckte sich, presste sein Gesicht in die Mähne. Er spürte, wie das Herz des Pferdes raste. Flocken flogen dem Pony vom Maul. Die Augen des Tieres waren angstweit.

Den rechten Arm hielt Jaroslaw nach hinten gestreckt. Gierig fraß sich das Feuer in das trockene Gras.

Ein Pfeil zischte über seine linke Schulter hinweg, verfehlte ihn nur um wenige Zoll. Er trieb das Pferd nach rechts, leicht in Richtung des Hügels, auf dem die Wagenburg der Karrenritter in hellen Flammen stand.

Ein dumpfer Schlag traf ihn in den Rücken. Seine Linke verkrampfte sich um die Zügel des Ponys. Er atmete durch den Mund. Schmerz durchflutete seinen Leib.

Er blickte noch einmal zurück. Eine Flammenwand wälzte sich hinter ihm nach Süden. Seine Verfolger hielten sich nördlich davon, ritten durch das verbrannte Gras. Sie hatten ihn fast erreicht. Alle fünf zielten auf ihn.

Er riss das Pony herum. Noch hundert Schritt wollte er schaffen. Er wollte mehr Feuer. Wollte …

Ein Pfeil schrammte über seinen Kopf. Riss Haare mit sich und schnitt eine Furche. Blut rann ihm über die Stirn, troff ihm in die Augen.

Er spürte einen weiteren Schlag, diesmal hoch im Rücken, fast in seinem Nacken.

Abrupt endete der Schmerz.

Jaroslaw wollte noch einmal ausweichen, wollte das Pony nach links lenken, aber seine Beine gehorchten ihm nicht mehr. Er konnte sie nicht länger spüren. Auch die Hand nicht, die sich um die Zügel krallte.

Sein Körper neigte sich im Sattel nach links.

Verzweifelt versuchte er, das auszugleichen und wieder gerade zu sitzen.

Er stürzte und spürte den Aufschlag nur am Kopf, lag reglos im Gras. Er blickte in den strahlend blauen Nachmittagshimmel, nahm am Rande seines Gesichtsfeldes den schwarzen Rauch wahr.

Den Kopf konnte er nicht drehen. Aber aus den Augenwinkeln sah er die Feuerwand, die die Lager der Hundefresser zerstören würde.

Der Nordwind wird euer einziger Verbündeter sein, hatte der Hochmeister ihm zum Abschied gesagt. So war es gekommen. Der Wind war ein treuer Kampfgefährte. Einer, dem Pfeile nichts anhaben konnten.

Jaroslaw lächelte. Über ihm erschienen die Gesichter der Steppenreiter. Sie waren flach, mit lächerlich kleinen Nasen und Augen, die nur schmale Schlitze waren. Einer spuckte ihm ins Gesicht.

Ein anderer hatte den Feuerspeer aufgehoben. Nur einige Streifen schwelenden Stoffs hingen noch vom geschwärzten Schaft der Waffe.

Die Speerspitze deutete auf seine Brust. Langsam senkte sich der Stahl.

Jaroslaw sah, wie das Stichblatt in seiner Brust verschwand. Aber da war kein Schmerz. Ein metallischer Geschmack füllte seinen Mund.

Er verdrehte die Augen. Als Letztes wollte er nicht in die Gesichter seiner Feinde schauen, auch wenn in ihren Grimassen kein Triumph stand. Er blickte ins unendliche Blau. Es war jener Farbton, den der Himmel über der Westermark nur an den schönsten Sommertagen annahm. Azuhr.

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Jetzt!«, rief Gamrath von Hatzfeld, der Hochmeister des Ordens vom Schwarzen Adler, aus Leibeskräften und winkte mit beiden Armen.

Sein Ruf wurde im hohen Schilf weitergegeben.

Obwohl er sich in ihrer Mitte befand und bereits im Sattel saß, konnte auch er nur einen Bruchteil seiner Streitmacht sehen. Das hohe Schilf verbarg die Flöße. Wie nah das Ufer war, wusste er von seinen Spähern: keine dreihundert Schritt!

Waffenknechte stießen lange Stangen in das dunkle Wasser der Wolfsmarsch. Sie stakten sein Floß dem sicheren Grund entgegen.

Sein Schlachtross stampfte unruhig mit den Hufen. Gamrath strich ihm über den Hals. »Bald«, sagte er mit ruhiger Stimme.

Er betrachtete die brennenden Karren auf dem Hügel am Fluss. Und auch die zweite Linie aus Karren. Dort wurde noch gekämpft. Waren zähe Burschen, diese Karrenritter. Selbst mit der sicheren Niederlage vor Augen gaben sie nicht auf. Vielleicht würde er ein paar von ihnen retten können?

Gamrath blickte zu den wirbelnden Rauchschleiern, die weiter im Norden über den strahlend blauen Himmel zogen. Dieser Jaroslaw hatte es geschafft!

Gamrath hatte auf den Rauch gewartet. Hatte sein kleines Heer im Schilf verharren lassen. Sie brauchten die brennende Steppe, um gegen die Hundefresser losschlagen zu können. Das Feuer würde deren Truppen durcheinanderbringen, ihre Lager vernichten und für Panik unter den Feinden sorgen. Ein Anführer mit einem kühlen Kopf würde das schnell wieder in den Griff bekommen. Aber das war der Haken, wenn man dreißigtausend Krieger befehligte. So genial dieser General Xiang Yu auch sein mochte, er konnte nicht überall zugleich sein. Das Feuer würde seinen Schlachtplan durcheinanderbringen. Dies war der Augenblick, um loszuschlagen!

Gamrath hatte nicht einmal ein Drittel seines Heeres in die Sümpfe geführt. Und bis zuletzt hatte Mario Canali entschieden gegen diesen Unsinn, wie er es nannte, protestiert.

Gamrath hatte nur Freiwillige auf dieses zweifelhafte Unternehmen mitgenommen. Und er hatte Jaroslaw mit Bedacht nichts davon gesagt. Ihre einzige Hoffnung auf Erfolg bestand darin, die verdammten Hundefresser zu überraschen. Das Risiko, dass Jaroslaw und seine Mitstreiter gefangen wurden und alles ausplauderten, war viel zu groß gewesen. Aber jetzt hatten sie es tatsächlich geschafft, die Steppe in Brand zu setzen und dabei den Nordwind zu nutzen, gerade so, wie er es sich erhofft hatte.

Er blickte auf die Männer auf dem Floß: fünf Ritter seiner Leibwache und zwölf Waffenknechte. Dass viel mehr Krieger, die kein Ordensgelübde abgelegt hatten und nicht im Rang eines Ritters standen, bereit waren, in diesem verzweifelten Kampf ihr Leben zu wagen, gab Gamrath zu denken. Wenn er das hier überlebte, war es an der Zeit, innerhalb des Ordens Reformen anzugehen.

Betrachtete man es mit kaltem Herzen – noch so eine Phrase, die Komtur Canali liebte –, war dieser Angriff die blanke Unvernunft. Rechnerisch gesehen, konnten sie nur untergehen. Selbst wenn man für den Kampf um die Wagenburg erstaunlich hohe Verluste aufseiten der Hundefresser annahm, war ihnen die Eherne Horde immer noch acht zu eins überlegen.

»Schlachten werden nicht am Rechenschieber entschieden!«

Gamrath wurde sich erst bewusst, dass er seinen Gedanken laut ausgesprochen hatte, als die Ritter seiner Leibwache ihn fragend ansahen.

Er räusperte sich. Er durfte jetzt nicht den Eindruck eines verwirrten alten Mannes erwecken, der begann, mit sich selbst zu reden. »Wir formen unsere Welt durch unsere Taten«, sagte er mit fester Stimme. »Wir, die wir hier sind, haben keine kalten Herzen, in denen ein Rechenschieber entscheidet, welchen Weg wir in unserem Leben nehmen. In meinem Herzen lodert eine Flamme. Und sie wird befeuert davon, dass ich weiß, was ritterlich ist. All jene in der Westermark, die keine Waffe führen können, erwarten, dass wir uns schützend vor sie stellen. Dass wir die blutrünstige Eherne Horde in die endlosen Weiten der Steppe zurückjagen. Und genau das will ich hier und heute tun. Wir werden diese Barbaren besiegen. Oder bei dem Versuch, das Richtige zu tun, ehrenhaft untergehen!«

Die Ritter und Waffenknechte schlugen mit ihren gepanzerten Fäusten auf ihre Schilde.

Ohne dass sie seine Worte gehört haben konnten, wurde der Salut auf den benachbarten Flößen aufgenommen. Dann auf den weiter entfernten. Bald rollte ein dumpfes Donnergrollen von den Marschen dem umkämpften Hügel entgegen, so wie sich an heißen Sommertagen ein heraufziehender Sturm mit fernem Gewittergrollen ankündigte.

»Wir haben Grund!«, rief einer der Waffenknechte vorn auf dem Floß, und Gamrath gab seinem Hengst die Sporen, um dem immer noch unsichtbaren Feind entgegenzureiten, der ihn jenseits der Mauer aus Schilfrohr erwartete.

 

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Die Axtblätter wurden in den zersplitterten Planken des Wagens verkantet. Seine Männer zerrten aus Leibeskräften. Holz krachte. Nägel quietschten, als sie aus dem zähen Holz glitten.

Xiang Yu ließ die Axt fallen, mit der er selbst auf die Karrenwand eingeschlagen hatte, und zog seinen Säbel.

Aus der Lücke in der Wand schnellte wie ein Skorpionsstachel eine Hellebardenspitze hervor. Xiang hörte das scharfe Klacken zweier Armbrüste hinter sich. Bolzen schossen durch die Lücke. Ein Stöhnen erklang.

Xiang griff in die Lücke.

Ein Arm schlang sich um seine Brust. Er wurde nach hinten gerissen. Kaum dass er losgelassen hatte, sauste ein Haumesser auf die Stelle der zersplitterten Holzwand, an der er sich eben noch festgehalten hatte, um hineinzusteigen.

»Bitte, General …«, sagte einer der Männer, während schwere Äxte in die Lücke schmetterten, um den Durchbruch zu erweitern. Splitter wirbelten durch die Luft.

Eine Gestalt erschien in der Lücke, hob eine Armbrust, zielte auf Xiang. Doch noch bevor der Kerl den Abzugshebel drücken konnte, stanzte ein Armbrustbolzen ein Loch in seine Stirn.

Unablässig fuhren die schweren Äxte nieder.

»Ich gehe als Erster!«, schrie Xiang, um den Lärm der Äxte, die Kampfschreie und das Tosen des Feuers hinter ihnen zu übertönen. Der Wind trieb den Rauch über die Hügelkuppe. Er brannte Xiang in den Augen. Die Hitze sorgte dafür, dass seine Zunge sich wie ein Stück Dörrfleisch anfühlte. Er wollte der Erste sein, der die letzte Verteidigungslinie der Karrenritter durchbrach.

Weitere Planken wurden aus der Wagenwand gerissen. Die Verteidiger waren geflohen.

Wieder griff Xiang nach der zersplitterten Wand. Er zog sich auf die Pritsche. Ein scharfes Stechen in seiner Wunde ließ ihn aufkeuchen. Er presste die Linke auf das Loch in seiner Brustplatte. Die Verletzung blutete wieder.

Vorsichtig machte er einen Schritt. Die Bretter der Pritsche waren rutschig vom Blut der Feinde. Vor ihm lag der blonde Kämpfer, in dessen Stirn der Armbrustbolzen geschlagen war.

In der Rückwand des Wagens gab es eine mannshohe Öffnung. Am Ende einer Rampe standen zwei Kämpfer mit rußgeschwärzten Gesichtern, die ihre Speere drohend auf den Durchgang gerichtet hielten.

Die Ritterin, die mit ihm verhandelt hatte, kam herbeigelaufen. Ein blutiger Verband bedeckte ihr halbes Gesicht. Sie hob herausfordernd ihr Schwert, als stünden sie nicht auf einem Schlachtfeld, sondern auf einem Turnierplatz.

Xiang erwiderte den Gruß mit seinem Säbel. Er wollte schon die Rampe hinab, als sein Blick über den Hügel zu den Marschen hinüberwanderte.

Hunderte Reiter in weißen Waffenröcken brachen aus der Schilfwand hervor. Adler mit weit ausgebreiteten schwarzen Schwingen schmückten ihre Schilde. Waffenknechte liefen an ihrer Seite, Männer mit Armbrüsten, Speeren und Hellebarden.

Xiang stand für einen Herzschlag wie versteinert. Der Angriff traf seine siegessichere Horde völlig unerwartet.

Marcia, dachte er. Er musste sie retten, bevor die Feinde das Lager erreichten. Sie hatte zwar goldenes Haar, aber sie war gekleidet wie eine Edeldame des Wandernden Hofs.

Xiang hatte zu viele Schlachtfelder gesehen, um darauf zu hoffen, dass die ritterlichen Ideale der Feinde noch etwas galten, wenn die Plünderung seines Heerlagers begann.

Er wandte sich um und sprang durch die Lücke in der Wagenwand zurück, mitten unter seine Leibwächter, die ihn verwundert ansahen. »Wir müssen umkehren!«

Er starrte auf den Ring aus Feuer. Davon würde er sich nicht aufhalten lassen!

 

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Ang Min schob einen Arm über die Abbruchkante des Steilufers und zog sich hastig hoch. Der Beschuss seiner reitenden Bogenschützen hatte nachgelassen. Sollte es noch Überlebende in der Wagenburg vor ihm geben, war dies der gefährlichste Augenblick, denn er war fast wehrlos.

Hastig richtete er sich auf und zog sein Schwert aus dem Gurt, den er über den Rücken geschlungen trug.

Dicht wie Stoppeln auf einem abgemähten Kornfeld ragten Tausende Pfeile aus der Hügelkuppe und den Wagenflanken. Nur wenige Tote lagen hinter den Karren. Die Verteidiger hatten sich offensichtlich schnell vor seinen Bogenschützen zurückgezogen.

Weitere Steppenreiter erklommen rechts und links von ihm das Steilufer. Sie hatten sich beim Aufstieg zurückgehalten und ihm die Ehre überlassen, als Erster vor dem Feind zu stehen. Jetzt aber stürmten sie vor, um die letzten Verteidiger zu töten und als Erste mit der Plünderung der Wagen zu beginnen.

Alarmrufe erschollen.

Die Türen und Einstiegsluken der Wagen waren alle zum Steilhang ausgerichtet. Die Käsestinker hatten sich völlig sicher gefühlt. Jetzt erschienen einzelne von ihnen in den Türen und richteten ihre Armbrüste gegen den neuen Feind.

Ang fiel eine Ritterin mit einem Verband am Kopf auf, die anscheinend gerade einen Wagen betreten wollte, auf dessen Pritsche Xiang Yu stand. Der General hatte sein Schwert bereits zum Angriff erhoben.

Plötzlich legte sich ein Ausdruck blanken Entsetzens auf das Antlitz des Generals. Einige Herzschläge stand er wie versteinert. Dann wandte er sich ab und floh.

Ang blickte über seine Schulter. Er hatte das Gefühl, dass sein Blut zu Eis wurde. Die Ordensritter waren doch noch gekommen. In Scharen brachen sie aus dem Schilf hervor. Sie würden die Horde überrumpeln.

Auch wenn hier oben in den Karren kaum jemand mehr lebte, war diese Schlacht verloren! Er wusste, was ihnen nun bevorstand. Meist starben mehr Krieger, sobald die Schlachtreihen brachen und die Flucht begann, als im eigentlichen Kampf.

Die Stunde des Gemetzels hatte begonnen. Und er konnte nichts tun, um das abzuwenden.

Immer noch kamen weitere seiner Krieger über den Steilhang oben auf dem Hügel an. Der schwere Anstieg hatte es ihnen nicht erlaubt zurückzublicken, und jetzt, die leichte Beute vor Augen, sahen sie immer noch nicht hinter sich.

Die Ritterin – es war die Frau, mit der sie verhandelt hatten – wandte sich mit ihrem mächtigen Sattelbaumschwert den neuen Angreifern zu. Die lange Klinge beidhändig schwingend, stürmte sie in den Kampf.

Ang wich zurück. Auf dem Hügel bleiben hieße, sich der Gnade der Käsestinker auszuliefern. Sehr schnell würden die Ordensritter auf ihren großen Schlachtrössern zur Wagenburg durchbrechen. Dann saßen alle, die es hier hinauf geschafft hatten, in der Falle.

Sein Leben war zu kostbar, um es einfach fortzuwerfen, entschied Ang Min. Er trat zurück an den Steilhang und machte sich an den Abstieg. Vorsichtig tasteten seine Füße nach den Dolchgriffen, die aus dem Lehm ragten.

Einzelne Nachzügler, denen er entgegenkam, sahen ihn verwundert an. Fragten, was geschehen sei.

»Blickt hinter euch«, sagte er leise. Er wusste, dass er in ihren Augen als Feigling dastand. Aber auch die reitenden Bogenschützen der Horde begannen bereits, vor den Rittern zu fliehen, die über den nur knapp eine halbe Meile breiten Grasstreifen zwischen dem Schilf der Marschen und dem Ufer der Geiße heranpreschten.

Erste Armbrustbolzen schlugen in das Steilufer. Abgeschossen von Waffenknechten aus dem Gefolge der Ritter, obwohl die Entfernung viel zu groß war, um zielen zu können.

Ang ließ sich die letzten paar Mannslängen an der Steilwand hinabgleiten. Sobald er ins seichte Wasser platschte, streifte er seine kostbaren Seidengewänder ab, an denen er leicht als einer der Anführer der Ehernen Horde zu erkennen gewesen wäre.

Einzelne Armbrustbolzen hatten doch ein Ziel gefunden. Wo die Geiße tiefer war, trieben drei tote Reiter und zwei Pferdekadaver.

Ang tat ein paar kräftige Schwimmzüge.

Wie Donner grollte der Hufschlag der Feinde. Sie würden westlich des Hügels die Geiße durchqueren, um das Heerlager des Generals und die Kämpfer auf den sanft ansteigenden Hügelflanken anzugreifen.

Glücklicherweise schien ihn niemand zu beachten.

Ang breitete die Arme aus und ließ sich mit der Strömung zwischen den Toten nach Osten treiben. Er würde den Kampf an einem anderen Tag wieder aufnehmen. Für heute war alles verloren. Dabei hatten sie den Sieg schon in Händen gehalten.

 

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES PFERDES, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Die Hitze raubte ihm den Atem, und dennoch sprang Xiang auf einen der zerschossenen Wagen des ersten Verteidigungsrings. Die halbverbrannte Pritsche knirschte unter jedem seiner Schritte. Eine falsche Bewegung, und er würde durch die Bohlen brechen. Er würde bei lebendigem Leib verbrennen, wenn das geschah.

Schon rauchte sein seidener Waffenrock. Flammen leckten an dem kostbaren Stoff. Xiang sammelte seine Kräfte, machte einen gewaltigen Satz durch den dichten Rauch und landete auf den aufgedunsenen Leibern der Toten, die noch von den Kämpfen am Vortag auf dem Hügel lagen.

Grelle Lichtpunkte tanzten ihm vor den Augen. Der Bolzen, der durch seine Brustplatte geschlagen war, steckte in seinen Eingeweiden. Durch die Erschütterung des Aufpralls fühlte es sich an, als sei er ihm ein zweites Mal in den Leib gedrungen.

Taumelnd kam Xiang auf die Beine und wurde sich der Flammen bewusst, die von den Säumen seines Waffenrocks weiter nach oben leckten.

Er durchtrennte den Stoff mit seinem Säbel. Voller Entsetzen sah er die Flammenmauer, die von Norden über die Steppe getrieben wurde. Seine Horde war gefangen zwischen den Ordensrittern und der Feuerwand. Überall herrschte Panik. Die meisten Männer suchten ihr Heil in kopfloser Flucht, statt sich zusammenzurotten und sich dem Feind zu stellen, dem sie offensichtlich an Zahl überlegen waren.

Er hätte beim Heer bleiben sollen, statt den Angriff zu führen. Umgeben von seinen Anführern in rückwärtiger Stellung hätte er die Truppen ordnen und zu einem Gegenschlag führen können. Und vor allem wäre er bei Marcia gewesen!

Er musste sich zu ihr durchschlagen, koste es, was es wolle. Sie könnte mit Leng fliehen. Könnte in diesem Durcheinander sowohl den Ordensrittern als auch den Häschern des Khans entkommen. Er könnte ihr die Freiheit schenken. Es wäre seine letzte Gabe an sie.

Mit neuer Kraft eilte er den Hügel hinab. »Sammelt euch beim Lager!«, schrie er den wenigen Kriegern zu, die noch nicht einfach fortgelaufen waren.

Von Ferne sah er, wie die Männer an den Ballisten ihre Geschütze auf die Front der Ordensritter ausrichteten. Mehr als zwei Schuss würden sie nicht haben, bevor die Feinde sie erreichten.

Xiang rannte, so schnell seine Beine ihn tragen wollten. Die große rote Jurte war alles, was er noch sah. Er spürte, wie das Blut aus seiner Wunde strömte. Aber aller Schmerz war vergessen. Es gab nur noch eines: Marcia! Sie musste entkommen!

Scheppernd schlugen die Steine der Ballisten in die Reiterfront. Xiang sah, wie ein Geschoss den Kopf eines Pferdes in sprühenden roten Nebel verwandelte, um danach ein Loch in die Brustplatte des Reiters zu stanzen.

Der Teil der gegnerischen Schlachtreihe, der auf den Hügel zugeprescht war, löste sich auf. Die Ritter hatten erkannt, dass hier kein Widerstand mehr zu erwarten war. Einzeln machten sie Jagd auf die Flüchtenden der Horde. Keine zehn Schritt vor Xiang wurde einem seiner Krieger eine Lanze in den Rücken gerammt. Der Schaft zersplitterte unter der Wucht des Aufpralls. Mehr als einen halben Schritt ragte die stählerne Spitze aus der Brust des Sterbenden.

Der Ordensritter ließ das nutzlose Lanzenende fallen und zog sein Schwert. Die schmalen Sehschlitze seines Helms engten offenbar seine Sicht ein. Ruckartig bewegte er den Kopf. Als er Xiang entdeckte, riss er sein Pferd am Zügel herum und preschte ihm entgegen.

Xiang fasste seinen Säbel mit beiden Händen. Es waren noch andere Ritter in der Nähe, aber sie würden ihren Kameraden nicht behindern, indem sie ihn ebenfalls angriffen. Es gab genügend Flüchtende, unter denen sie mit ihren langen, geraden Klingen reiche Ernte halten konnten.

Xiang hob den Säbel und atmete aus. Sein Gegner war nur noch fünf Schritt entfernt. Er würde nicht versuchen, ihn niederzureiten, wie es schien. Stattdessen beugte er sich im Sattel leicht nach rechts, um ihn mit einem wuchtigen Schwerthieb von den Beinen zu holen.

Xiang wartete bis zum letzten Augenblick. Dann warf er sich nach links. Seine Klinge schnellte herab und durchtrennte beide Vorderläufe des Schlachtrosses.

Der General rollte sich über die linke Schulter ab und war sofort wieder auf den Beinen, während das Pferd in vollem Galopp stürzte. Der Ritter wurde aus dem Sattel geschleudert.

Mit zwei Schritten war Xiang an der Seite des Mannes und hämmerte ihm seinen Säbel in den Nacken, wo ihn der Helm nicht schützte.

Hinter sich hörte Xiang einen Wutschrei. Ein Ritter mit Morgenstern preschte ihm entgegen. Die schwere, mit Dornen gespickte Eisenkugel wirbelte über dem Helm seines Angreifers. Xiang packte seinen Säbel mit beiden Händen an der Klinge.

Der Morgenstern sauste nieder. Waagrecht stieß Xiang den Säbel nach vorn, hielt ihn so weit wie möglich von seiner Brust und seinem Kopf entfernt. Klirrend traf die Kette auf den Stahl und wickelte sich um die Klinge. Mit einem Ruck zog Xiang den Säbel an sich und entwaffnete so den Ritter.

Dessen Pferd tänzelte zur Seite. Xiang setzte nach, griff in den Gürtel des Ritters und schwang sich hinter dem Mann in den Sattel. Seinen Säbel ließ er fallen.

Der Ritter rammte ihm den rechten Ellenbogen gegen die Brustplatte. Eine Welle aus Schmerz presste Xiang einen hechelnden Laut von den Lippen. Einen Herzschlag wurde ihm schwarz vor Augen. Er tastete nach dem Dolch in seinem Gürtel und griff mit der Linken an der Hüfte des Ritters vorbei, um nach den Zügeln zu fassen.

Als er wieder klar sah, bemerkte er aus dem Augenwinkel einen Armbrustschützen im weißen Ordensgewand, der auf ihn anlegte.

Xiang bekam den Zügel zu packen und riss mit aller Kraft daran.

Das Schlachtross schwenkte herum.

Ein Rucken lief durch den Ritter, als der Armbrustbolzen seine Brustplatte durchdrang. Xiang spürte, wie der Leib vor ihm erschlaffte. Ein hohl klingendes Röcheln drang aus dem wuchtigen Helm des Ritters.

Xiang ließ den Dolch sinken, den er unter den Rand der Rückenplatte hatte stoßen wollen. Er presste die Fersen in die Flanken des Schlachtrosses und beugte sich zur Seite. Sein Lager war etwa dreihundert Schritt entfernt.

Wie Glockenschläge klangen die Treffer der Ballisten auf den Rüstungen der Ritter. Dann hatten die Ordenskrieger die Geschütze erreicht und hackten mit ihren langen Schwertern die Mannschaften nieder.

Xiang lenkte den Hengst durch das Getümmel der Kämpfenden. Nur noch zweihundert Schritt bis zur roten Jurte. Von Ferne sah er einige Wachen mit Pferden. Aber auch eine Gruppe von Rittern, die sich schon fast bis zu ihnen durchgekämpft hatten. Verzweifelt trieb er das Schlachtross an.

Der Wald nördlich des Heerlagers stand in Flammen. Das Feuer im Gras hatte auf Bäume und Unterholz übergegriffen. Fahlgraue Rauchschwaden trieben wie Nebel zwischen den Stämmen hindurch und griffen nach dem Lager.

Xiang blinzelte. Es schien, als formte sich dort eine riesige Gestalt. Ein Drache aus Rauch, der seine Krallen um die rote Jurte legte.

Xiang schüttelte den Kopf. Kniff kurz die Augen zusammen. »Es ist nur Rauch!«, sagte er in einem Ton, in dem man einen Schutzzauber sprach.

Der Tod hatte seine Hand nach dem Heerlager ausgestreckt und nach allen, die noch dort waren.

 

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18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Herrin, bitte. Wir müssen fliehen!«, drängte Leng. Er stand im Eingang der Jurte und zog immer wieder den Vorhang leicht zur Seite, um nach draußen zu spähen.

Immer näher kamen das Klirren der Schwerter und die Schreie der Verwundeten und Sterbenden.

»Er hat recht, Prinzessin«, stimmte Bao Li zu. Der Leibarzt des Khan wirkte blass. Ihm standen dicke Schweißperlen auf der Stirn.

»Ich warte auf Xiang!«, sagte sie entschieden, obwohl die Melancholie des Briefes, den sie vorgefunden hatte, sie zutiefst beunruhigte.

Sie tastete über die breite Seidenschärpe um ihre Hüften. Darunter verbarg sie einen Dolch. Sie hatte ihn, nachdem sie den Brief gelesen hatte, aus der Truhe neben Xiangs Schlaflager genommen. Xiang wurde nicht deutlich in den Zeilen, die er niedergeschrieben hatte, aber der Leibarzt des Khans hatte ihn nicht nur vergiftet, sondern ihm auch noch irgendetwas anderes angetan. Dieser Bao Li war schlimmer als ein Skorpion. Ein falsches Wort, und sie würde ihm mit Freuden den Dolch unter sein schwabbelndes Doppelkinn rammen! Stumm betete sie zum Herrn des Himmels, dass ihr der Heiler einen Anlass gab.

»Herrin, der General wird mich köpfen lassen, wenn du in Gefahr gerätst«, sagte Leng.

»Völlig zu Recht«, knurrte Bao Li. »Wir packen jetzt dieses widerspenstige Weib und heben ihren knochigen Hintern auf das nächstbeste Pferd!«

Marcia zog den Dolch. »Ich habe Xiang versprochen, hier auf ihn zu warten. Du solltest mich nicht weniger fürchten als die Ritter dort draußen, Bao Li!«

Voller Genugtuung sah sie, wie sich seine Augen weiteten. Der dicke Leibarzt starrte auf die schlanke Klinge mit den bläulichen Wellenmustern.

»Ich versichere dir, dieser Dolch ist fast so scharf wie jene legendären Schwerter, die aus Mondlicht geschmiedet wurden. Und jetzt sagst du mir, was du Xiang angetan hast!«

Der Leibarzt blickte zu Leng, doch der Leibwächter machte keine Anstalten, ihm zu Hilfe zu eilen. Im Gegenteil. Er legte seine Hand an den Säbel. »Er hat dem General etwas angetan?«

»Ich war lediglich die Hand des Khans.« Ein leichtes Zittern lag in Bao Lis Stimme, als er sich an Leng wandte. »Ich war der Vollstrecker seines Willens. Es war Gerechtigkeit, die ich übte. Der Khan hat General Yu vertraut wie keinem Zweiten. Seine Enttäuschung war maßlos, als er erfuhr, dass der General Prinzessin Marcia Nacht für Nacht wie ein läufiger Hund bespringt. Ich sollte …«

»Was hast du getan?« Marcia war mit einem einzigen großen Schritt neben ihm. Der Dolch lag jetzt an seinem ausufernden Kinn.

»Ich habe ihm seine Männlichkeit genommen«, sagte Bao Li mit überraschend fester Stimme. Er hatte sich gefasst, ganz augenscheinlich mit seinem Schicksal seinen Frieden gemacht.

Ihre Hand begann zu zittern. Ein dünner Faden Blut rann von der Kehle des Leibarztes. »Du hast … was?«

»Ich habe ihm seine Hoden genommen. Das war der Wunsch des Khans. Ihr werdet kein Kind mit ihm haben, Prinzessin. Niemals!«

»Dir stand es nicht zu, so über mein Schicksal zu entscheiden. Du …« Mühsam rang sie den Wunsch nieder, ihm die Kehle durchzuschneiden. Denn vielleicht würde sie ihn noch brauchen. Er war immerhin ein Vertrauter des Khans.

Sie ließ den Dolch sinken, wandte sich ab, nahm den Brief, den Xiang ihr geschrieben hatte, von dem kleinen Tisch. Sie hasste die Art, wie am Wandernden Hof die eigentliche Botschaft zwischen den Worten versteckt wurde. Was hatte Xiang ihr sagen wollen? Lebe wohl, so begann das Schreiben. Hatte er schon gewusst, dass er nicht wiederkommen würde? Aber wie hätte er den katastrophalen Verlauf der Schlacht vorhersehen sollen?

»Bitte, Herrin«, drängte Leng erneut.

Er musste den Vorhang am Eingang der Jurte nicht mehr anheben, damit sie verstand, wie gefährlich ihre Lage war. So, wie das Lied der Schwerter klang, wurde bereits ein paar Schritt entfernt gekämpft.

Erneut überflog sie die Zeilen. Die Einladung zum Wein …

»Er wird ganz sicher hierher zurückkommen!«, sagte sie. Er hatte ihr geschworen, wohin auch immer ihr Weg sie führte, sie würden ihn gemeinsam gehen. »Wir warten!«

 

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Da ist ein Hundefresser!«

Xiang war inmitten einer Gruppe von Ordensrittern in sein Heerlager geprescht. Vor Blicken von vorn hatte ihn der tote Ritter, den er im Sattel festhielt, geschützt, doch jetzt waren die weißgewandeten Krieger überall. Der Rauch spie sie aus wie fleischgewordene böse Geister.

Xiang sah nur noch verschwommen.

Eine Lanzenspitze stieß nach ihm. Er riss an den Zügeln. Das Schlachtross stieg auf die Hinterhand, und das stählerne Stichblatt bohrte sich durch das nachtschwarze Fell.

Xiang zog das Schwert des toten Ritters und ließ sich über die Kruppe vom Rücken des Rappen gleiten. Seine Beine fühlten sich an, als habe ihm jemand die Knochen aus dem Fleisch gestohlen. Er schwankte. Der Rauch ließ seine Augen tränen. Zwischen den weißen Rittern sah er die rote Jurte. Nur noch ein paar Schritte …

Er schlug mit dem schweren Schwert des Ritters eine Lanze zur Seite, die auf seine Brust zielte. Entschlossen unterlief er einen anderen Speer. Es war möglich, dachte er. Er konnte bis zu Marcia gelangen …

Er hieb das Schwert über das Maul eines Pferdes. Die Klinge spaltete Lippe und Nüstern bis auf den Knochen. Mit schrillem Wiehern stieg der Rote und warf seinen Reiter ab.

Xiang drosch die Axt eines Waffenknechts zur Seite und taumelte erneut. Er kniff die Augen zusammen. Etwas schrammte knirschend über seine Rückenplatte. Die Waffe durchdrang die Rüstung nicht, ließ ihn aber in die Knie brechen.

Er schwang das Schwert im Halbkreis nach hinten. Spürte, dass er etwas getroffen hatte, hörte einen Mann aufschreien.

Da traf ein Lanzenstoß seinen Helm, so dass dieser verrutschte und ihm über die Augen geriet.

Xiang warf sich nach links, rollte über die Schulter ab und versuchte, aus der Bewegung heraus wieder auf die Füße zu kommen, so wie er es vor langer Zeit von seinem Fechtmeister gelernt hatte. Doch er schaffte es nur auf die Knie.

Ein wuchtiger Hieb traf ihn an der linken Schulter. Dieses Mal fing die Rüstung die Waffe nicht ab. Aber er spürte keinen Schmerz. Grelle Lichter tanzten ihm vor den Augen. Ganz nah war die rote Jurte. Vielleicht noch drei Schritt …

Er biss sich so fest auf die Lippe, dass Blut seinen Mund füllte. Er musste es schaffen!

Er parierte einen Schwerthieb, der auf seine Brust zielte, ließ die Klinge des Gegners an seiner Waffe abgleiten, warf sich nach vorn und landete einen sauberen Stich unterhalb der Brustplatte des Ritters.

Da waren Armbrustschützen am Eingang zur Jurte. Ein Ritter mit offenem Visier, aus dem ein grauer Bart quoll, riss den Filzvorhang zur Seite.

Xiang versuchte, seine Klinge freizubekommen, als ein Streitkolben auf seine Hände niedersauste.

 

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18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Ihr Leibwächter Leng zog sein Schwert, als der Filzvorhang am Eingang zurückgerissen wurde. Er machte einen Schritt nach vorn. Mit dumpfem Laut schlugen drei Armbrustbolzen in seine lederne Brustplatte. Wie von der Faust eines unsichtbaren Riesen getroffen, wurde er von den Füßen gefegt und auf Xiangs Lager geschleudert.

Ein Ritter betrat die Jurte. Ein alter Mann mit eisgrauen Augen. Einen Herzschlag lang traf sein Blick ihren, und es fröstelte Marcia. Dann stieß der Fremde im weißen Waffenrock des Ordens vom Schwarzen Adler ihrem Leibwächter das Schwert durch die Brustplatte. Der Stoß war mit Kraft geführt und wirkte doch wie beiläufig, als er das Herz des Steppenreiters durchbohrte.

In fließender Bewegung zog der alte Ritter mit der anderen Hand einen Dolch aus seinem Gürtel und richtete die Spitze drohend auf Bao Lis breite Brust.

»Ihr seid meine Gefangenen!«, sagte er mit dem melodischen Akzent des südlichen Kaiserreiches, den Marcia seit ihrer Kindheit nicht mehr gehört hatte. Der Ritter musste aus einer der großen Handelsstädte am Mondmeer stammen.

Mit einem Ruck befreite er sein Schwert aus der Brust des Toten.

»Ich bin keine Gefahr«, versuchte sich Bao Li in der Sprache des Ostens. »Ich bin heilkundig. Ich kann Euch als Arzt zu Diensten sein, wenn die Kämpfe vorüber sind.«

Der Ritter stieß einen Grunzlaut aus, der alles von Verachtung bis Zustimmung bedeuten konnte. Er betrachtete Marcia mit missbilligendem Gesichtsausdruck. »Die Konkubine eines Hundefressers?«, knurrte er abfällig.

Bao Li schien sie mit seinem Blick anzuflehen, nicht zu verraten, wer sie wirklich war.

»Wo ist der General?«, fragte der Ritter barsch.

»Auf dem Schlachtfeld, edler Herr«, ergriff Bao Li das Wort. »Er hat den Angriff auf die Wagenburg geführt. Ihr werdet ihn auf dem Hügel bei seinen Kriegern finden …«

»Du meinst wohl bei den Toten.« Der Ritter schob seinen Dolch in den Gürtel zurück. »Eure Horde ist in alle Winde zerstreut. Auf dem Schlachtfeld liegen die Leichen so dicht, dass man es überqueren kann, ohne einen Fuß auf die Erde zu setzen.« Er deutete mit dem blutigen Schwert auf den Schal ihrer Mutter, den Marcia seitlich über ihrer Hüfte zu einer Schleife gebunden trug. »Gib mir den Seidenfetzen! Ich will damit meine Klinge säubern.«

»Wer bist du, dass du glaubst, mir in der Jurte des Generals Xiang Yu Befehle erteilen zu können?«, erwiderte Marcia kühl. So fadenscheinig der alte Schal auch sein mochte, er war ihr größter Schatz, das einzige Überbleibsel aus ihrem alten Leben.

Die buschigen Augenbrauen des alten Ritters ruckten zusammen. »Ich bin Gamrath von Hatzfeld, Hochmeister des Ordens vom Schwarzen Adler, und du solltest dich hüten, mich noch einmal auf solch unverschämte Art anzusprechen, Hundefresserhure!«

Marcia hielt dem eisgrauen Blick stand. Am Wandernden Hof war sie ganz anderen Schrecken begegnet. »Einst war der Orden vom Schwarzen Adler dafür berühmt, dass jeder seiner Ritter ohne zu zögern sein Leben für die Kaiserfamilie gegeben hätte. Und nun steht dessen Hochmeister vor mir und fordert den Seidenschal meiner Mutter, der letzten Kaiserin, um damit das Blut meines Leibwächters von seinem Schwert zu wischen? Das ist ein Bild, das euren Verrat besser beschreibt, als tausend Worte es könnten.«

»Deiner Mutter?«, knurrte Gamrath wie ein tollwütiger Hund. »Die Kaiserfamilie wurde von den Verrätern zehn Schritt tief auf ein steinernes Pflaster geschleudert. Und wer danach noch einen Funken Leben in sich trug, wurde mit dem Schwert durchbohrt. Ich selbst habe die Toten gesehen!«

»Ich weiß, wie wenig die Kaiserritter getan haben, um mich und meine Familie zu schützen oder auch nur zu rächen! Du nennst mich eine Hundefresserhure? General Yu war es, der die Mörder meiner Familie gerichtet hat. Ihm gebührt mehr Ehre, als eurem ganzen doppelzüngigen Orden zusammen.«

Das Schwert des Hochmeisters fuhr empor und deutete nun auf ihre Kehle. »Schweig, Weib!«

»Weil die Wahrheit schmerzt? Die Feinde meines Reiches haben mich behütet, während der Orden der Kaiserritter nichts getan hat, um die feigen Morde zu sühnen. Du zweifelst an mir? Stell mich auf die Probe! Frage etwas, was nur eine Tochter des Kaisers Orelian wissen kann!«

Sie sah, wie es in seinem Gesicht arbeitete. Sah, wie Zweifel an ihm nagten.

»Was ist das für ein Seidentuch?«, fragte er schließlich.

»Das ist der Siegespreis, den meine Mutter einst am Ende eines Kaiserturniers durch mich dem Ritter Jan von Tanow aushändigen ließ. Er war der beste Schwertkämpfer des Tages.«

»Der kleine Ritter …«, murmelte der Hochmeister. »Ich war an jenem Tag auch dort.« Einen Moment lang lag ein melancholischer Ausdruck auf seinem Antlitz. Dann wurden die Augen des Hochmeisters wieder hart. »Von welcher Farbe war das Kleid, das du trugst, als du den Ritter geehrt hast?«

»Es war vom Gelb reifer Aprikosen.« Sie erinnerte sich an den Tag, als sei es erst gestern gewesen. An den strahlenden Sonnenschein, die ausgelassene Stimmung …

»Jeder, der dort war, hätte das wissen können«, murrte der Hochmeister. »Aber am Abend hat die kaiserliche Familie ein Essen für ausgewählte Gäste gegeben. Was für ein Kleid hast du an dem Abend getragen?«

Sie bedachte ihn mit einem abfälligen Lächeln. »Seid Ihr wirklich ein Mann, der sich nach so vielen Jahren noch an das Kleid einer von drei Prinzessinnen erinnern würde? Das Kleid eines unscheinbaren Mädchens, das nicht einmal an der Haupttafel saß?«

Er starrte sie eindringlich an.

»Ich könnte Euch jede Farbe nennen«, fuhr sie fort, »und Ihr müsstet mir glauben, Hochmeister. Denn Ihr wart – im Gegensatz zu mir – an jenem Abend nicht anwesend.«

Etwas änderte sich in dem wettergegerbten Gesicht, das wirkte, als sei es aus altem Eichenholz geschnitten. »Ich war da«, sagte er mit einem Blick, als sei er in der Zeit zurückgegangen und würde alles noch einmal vor sich sehen, »am nächsten Morgen, als sie aufgebahrt wurden. Die ganze Familie, die drei Mädchen …« Er presste die Lippen zusammen. »Ich habe sie gesehen. Auch die Leiche der zweiten Kaisertochter!« Sein Blick richtete sich wieder auf sie. »Und du bist eine Betrügerin!«

Marcia blieb ungerührt. Sie kannte die Geschichte. Er war nicht der Erste, dem sie begegnete, der davon überzeugt war, ihren Leichnam gesehen zu haben. »Denkt an die Toten, die Ihr gesehen habt. War das Gesicht der dort aufgebahrten Kaisertochter nicht unkenntlich gemacht?«

»Sie war zehn Schritt tief auf Pflastersteine gefallen. Mit dem Gesicht voran. Sie …« Der alte Ritter schüttelte den Kopf. »Sie sah aus, als habe ihr jemand einen Streitkolben ins Gesicht geschlagen. Ich kann mich noch deutlich erinnern …«

»Sie haben die Tochter einer Magd genommen und sie in eines meiner Kleider gesteckt. Und vielleicht haben sie dann auch einen Streitkolben benutzt … um ganz sicherzugehen. Ihnen war jedes Mittel recht, um der Welt zu beweisen, dass sie meine Familie ausgelöscht hatten. Sie waren Kaisermörder! Sie hatten den Mann getötet, dem sie alles zu verdanken hatten.«

Gamrath machte eine abwehrende Geste. Fast, als würde sie ihn mit einer Waffe in der Hand bedrängen, statt nur mit Worten. »Das ist nur eine Mär! Eine Geschichte, mit der du mich überrumpeln und auf deine Seite ziehen willst.«

»Welche Beweise braucht Ihr noch, Hochmeister? Soll ich Euch den Namen des Lieblingsfalken meines Vaters nennen? Oder Euch sagen, an welchen Körperteilen mein Vater Narben trug? Wollt Ihr wissen, wie der Erzpriester bei Hof hieß? Oder die Priesterin, die meiner Mutter beistand, wenn die Schwermut sie überkam? Ihr wisst, dass sie manchmal wochenlang ihre Gemächer nicht verlassen hat. Es hieß, sie würde beten und sei überaus fromm. Die Wahrheit lautet, dass sie manchmal die Kraft nicht aufbrachte, sich aus ihrem Bett zu erheben, weil die Dunkelheit der Welt auch ihre Seele verdunkelte.«

Mit einem Mal wirkte der Hochmeister erschrocken. »Wie hieß diese Priesterin?«

»Narna.«

»Das stimmt«, sagte er mit tonloser Stimme. »Sie war meine Tante. Sie … Die Schwermut der Kaiserin war eines der am sorgfältigsten gehüteten Geheimnisse bei Hofe. Nicht einmal die Diener wussten davon. Die Kaiserin duldete in solchen Wochen nur Narna an ihrer Seite. Und sie hat allen anderen erzählt, dass die Kaiserin betet. Wie kannst du das wissen?«

»Weil ich Marcia bin! Die Tochter der Kaiserin!«

Der Hochmeister sah sie an. Wirkte verwirrt.

»Das Kind«, sagte er schließlich und blickte auf ihren Bauch. »Ist es …«

»Nein. Ich wünschte mir nichts sehnlicher als ein Kind von General Yu …«

»Von einem Hundefresser?«, unterbrach der Hochmeister sie entsetzt.

»Von dem Mann, der die Mörder meiner Eltern bestraft hat. Er war für mich da. Ganz anders, als all jene, die sich hochtrabend Kaiserritter nennen und den Mord an ihrem ach so geliebten Kaiser einfach hingenommen haben.«

»Das Kind …«, begann er erneut.

»Dieses verfluchte Balg? Ich habe in den letzten Monden mehr als ein Dutzend Mal versucht, es zu töten. Aber es ist zäh …« Sie legte ihre Linke auf ihren gerundeten Bauch. In der Rechten hielt sie immer noch den Dolch, mit dem sie Bao Li bedroht hatte. »Der Khan schickte mir blonde Männer von guter Abstammung. Ich wurde nicht gefragt …« Sie versuchte, sich gegen die Erinnerung zu verschließen. Manche hatten sich bemüht, freundlich zu sein, und sie mit schönen Worten umgarnen wollen. Andere hatten sie einfach nur besprungen wie ein Flittchen im Hurenhaus. Sie alle hatten die Nächte mit ihr mit ihrem Leben bezahlt. Der Khan wollte lediglich die Blutlinie des Kaiserhauses erhalten. Die Männer hatten ihre Nützlichkeit stets nach kurzer Zeit überlebt. Marcia hatte keinem von ihnen auch nur eine Träne nachgeweint.

»Das …«

Sie sah dem Hochmeister an, wie der Gedanke in ihm keimte, dass sie womöglich die Wahrheit sagte.

»Du musst …«

»Nein«, unterbrach sie ihn barsch. »Ich bin die Tochter Eures Kaisers. Und Ihr seid ein Kaiserritter. Ihr schuldet mir unverbrüchliche Treue. Ihr müsst mir gehorchen! Und ich verlange von Euch, dass Ihr niederkniet, denn Ihr seid mein Ritter, so wie alle, die Euch dienen, Hochmeister.«

Die Kälte war aus seinem Blick gewichen. Er zögerte.

»Vor zweiundzwanzig Jahren, in der Stunde, da der Kaiser Euch am dringendsten an seiner Seite gebraucht hätte, war kein Kaiserritter da. Ich gebe Euch nun Gelegenheit, diese alte Schuld zu sühnen, Gamrath von Hatzfeld. Reitet an der Seite meines Auserwählten und seiner Horde und erobert mir gemeinsam mit ihm meinen Thron zurück! Gebt dem Orden Gelegenheit, seine Ehre zurückzuerlangen. Kämpft endlich wieder für die Kaiserfamilie!«

Der alte Ritter blickte zu Bao Li. Marcia wusste, wofür sie im Osten die Untertanen des Khans hielten. Für grausame Barbaren mit unbegreiflichen Bräuchen. Vor den Augen eines solchen Mannes niederzuknien war aus Sicht des Hochmeisters vermutlich undenkbar …

»Am Hof des Khans war die Mär von der überlebenden Prinzessin bekannt«, ergriff nun Bao Li zu Marcias Überraschung das Wort. »Vor zwanzig Jahren hat man sieben Mädchen ausgewählt, ihren Verstand gebrochen und sie dann in dem Glauben aufwachsen lassen, sie seien die überlebende Prinzessin, von der die Mär erzählt. Die sieben sind einander nie begegnet. Man hat sie über die Jahre immer strengeren Prüfungen unterzogen …«

»Lüge!«, fuhr Marcia auf.

»Sie ist wirklich gut, nicht wahr, Hochmeister?«

Der Ordensritter wirkte erleichtert.

»Er versucht, Euch zu hintergehen!«, stieß Marcia empört hervor. »Der Khan hat ihn geschickt, um mich zurückzuholen!«

»Sie glaubt selbst, was sie da sagt. An ihre wirkliche Kindheit kann sie sich nicht mehr erinnern. Nur an das, wovon man ihr jahrelang immer wieder erzählt hat, dass es ihr Leben gewesen sei. Ich gehörte zu den Heilkundigen, die geholfen haben, jene Kräuter zusammenzustellen, die ihre Erinnerung löschten und ihre Persönlichkeit veränderten … In Wahrheit ist sie die Tochter eines Köhlers aus der Westermark. Sie wurde als Kind geraubt. Ihre Familie getötet. Sie hat das mit angesehen. Deshalb fiel es ihr so leicht, sich in die Märengestalt der Prinzessin Marcia hineinzuversetzen. Sie wird ganz sicher …«

»Schweig!« Sie wollte Bao Li die Kehle durchschneiden, ihn für immer zum Schweigen bringen, wollte …

Der Filzvorhang am Eingang wurde zurückgeschlagen, und eine hochgewachsene Frau in einer Rüstung, bedeckt von Rost und Blut, trat ein. Ein schmutziger Verband verlief quer über ihre Stirn und verbarg ihr eines Auge. Sie hielt etwas in der Hand. An langem schwarzem Haar hängend, baumelte es neben ihrem Knie. Das Gesicht abgewandt …

Der Kopf schwang herum. Weit aufgerissene, tote Augen starrten sie an.

Marcia wurde die Kehle eng. »Xiang …«

»Er hat wie ein Löwe gekämpft«, sagte die Ritterin. »Ich habe so etwas noch nie gesehen. Ihm steckte eine abgebrochene Lanze im Rücken. Er blutete aus vielen Wunden und hat selbst dann noch einen Mann niedergemacht, der ihm den Weg zu diesem roten Zelt verstellen wollte.«

Jedes ihrer Worte traf Marcia wie ein Dolch. Bis zuletzt hatte er versucht, zu ihr zu gelangen. Sie dachte an seinen Schwur. Daran, dass er mit ihr hatte gehen wollen, wohin auch immer ihr Weg sie führte.

Er war der Einzige, der nur sie gesehen hatte. Für den sie etwas anderes gewesen war als nur eine Figur in einem Schattenspiel der Intrigen.

»Ich werde dir folgen, wo auch immer du nun sein magst, mein Geliebter«, sagte sie leise, »wie wir es einander versprochen haben.«

Sie hob den Dolch und zog ihn sich mit einem kräftigen Ruck über die Kehle.

 

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NACH DER MITTAGSSTUNDE, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

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Gamrath stand wie versteinert. Blut sprühte aus der schrecklichen Wunde. Die blauen Augen der jungen Frau sahen ihn vorwurfsvoll an.

»Sie war wirklich die Tochter der Kaiserin«, sagte der heilkundige Hundefresser mit seinem grässlichen Akzent. »Ich habe Euch angelogen, Hochmeister.«

Zaneta war die Erste, die sich rührte. Sie fing die Sterbende mit beiden Armen auf. Dem Tode nahe, griff diese nach dem Kopf ihres Geliebten und presste ihn an sich.

»So dumm«, sagte der Heilkundige voller Verachtung. »So dumm!«

Der Blick der Prinzessin brach.

»Was meinst du?«, fragte Zaneta benommen.

»Sie glaubte, sie ginge zu ihm. Das hat sie doch gesagt. Dummes goldhaariges Mädchen. So lange hat sie am Wandernden Hof gelebt und doch nichts begriffen.« Der Heilkundige sah nun zu ihm, Gamrath, obwohl die Ritterin ihn angesprochen hatte. »Es kommt darauf an, wie man stirbt. General Xiang Yu war ein Held, der ins Licht geht. Eine Selbstmörderin aber wird für hundert mal hundert Jahre in der Dunkelheit gefangen sein und ihre schlimmsten Stunden wieder und wieder durchleben. Als Lebende war sie dem toten General näher, als sie es jetzt ist.«

»Das glaube ich nicht!« Zaneta bettete die Tote sanft auf den Zeltboden. »Die Liebe findet einen Weg …«

Der dicke Hundefresser lachte auf. »Dummes Weibergeschwätz!«

Gamrath konnte seinen Blick nicht von der Toten wenden. Doch sein Entsetzen wich langsam der Wut. Wie hatte er diesem verlogenen Quacksalber glauben können? Sie war es. Marcia. Die Tochter des Kaisers Orelian. Sie hatte so viel gewusst. Das Festmahl nach dem Turnier. Das konnten sich nicht die Berater des Khans ausgedacht haben. Es stimmte einfach. Sie war dort gewesen. Die Mär von der überlebenden Kaisertochter war Wahrheit gewesen.

Er hatte einst dem Geschlecht derer von Greifenberg die Treue geschworen. Jeder einzelne Ritter in seinem Orden hatte das getan. Und jetzt war er ein zweites Mal wortbrüchig geworden. Sein Vorgänger im Amt hatte entschieden, keinen Bürgerkrieg im Reich zu entfachen. Nicht für eine Kaiserfamilie, von der niemand mehr lebte. Und nun hatte er selbst einem Hundefresser geglaubt statt der Kaisertochter.

Wäre er ihr anders begegnet, hätte er ihr Hoffnung geschenkt, statt sie allzu leichtfertig für eine Lügnerin zu halten, vielleicht würde sie dann noch leben …

Hasserfüllt musterte er den Heilkundigen, der selbstgefällig lächelte. Für den Khan war es besser, dass sie tot war, als dass sie unter dem Schutz des Ordens vom Schwarzen Adler lebte.

Gamrath blickte auf die Tote. Auf ihren Bauch, über den der Khan in seiner grenzenlosen Machtgier verfügt hatte.

»Du holst ihr Kind«, sagte er ruhig und sah den Heilkundigen durchdringend an.

»Nein!«, entgegnete der dicke Hundefresser entschieden.

»Zaneta, gib mir ihren Dolch!«

Die Ritterin sah ihn fragend an, reichte ihm aber die Waffe.

Gamrath packte den Heilkundigen bei seinem Zopf, riss ihn an sich heran und zwang ihn in die Knie. Er setzte die Klinge an sein linkes Ohr und schnitt es ab.

Der Hundefresser schrie auf, presste beide Hände auf die Wunde.

»Du holst ihr Kind! Ich weiß, dass die Heiler, die an Fürstenhöfen dienen, so etwas können.«

»Das hier ist anders«, schluchzte der Hundefresser. »Sie ist tot. Man darf nicht das Kind einer Toten holen. Es würde ohne Seele geboren und großes Unglück in die Welt bringen.«

Gamrath riss den Kopf des Heilkundigen herum und schnitt ihm die zweite Ohrmuschel ab. »Du wirst es tun. Ich werde so lange Körperteile, die du nicht brauchst, von dir abschneiden, bis du mir gehorchst.«

»Das Kind … Es wäre durch und durch verdorben …«

»Du hast mich ein Mal belogen. Denke nicht, dass ich dir noch ein zweites Mal Glauben schenke!« Er setzte dem Hundefresser die Klinge auf den Nasenrücken.

»Ich … Ich werde es tun«, stammelte der Heilkundige. Er richtete sich auf und blickte mit schreckensweiten Augen auf den Dolch. »Ich tue es …« Seine Stimme klang nun gefasster. »Es ist richtig.« Er trat einen Schritt auf Gamrath zu. Dann warf er sich nach vorn. Die Klinge drang unter dem Rippenbogen in seinen Leib. Er keuchte. Lächelte. »Auf diese Weise gehe ich in die Schatten …«

Fluchend zog Gamrath den Dolch zurück. Er hatte genug Wunden wie diese gesehen. Der Hundefresser würde nicht schnell sterben, sondern lange Schmerzen leiden, und doch konnte er ihnen nun nicht mehr helfen.

Wütend stieß Gamrath ihn von sich, und er sank neben dem Lager nieder, auf dem schon der tote Leibwächter lag. Das Zelt füllte sich mit Leichen …

»Gib mir den Dolch!«, forderte Zaneta. »Wir können nichts mehr falsch machen. Tun wir nichts, stirbt das Kind. Bin ich ungeschickt, stirbt das Kind. Aber wenn uns das Glück hold ist …«

Sie hatte recht. Gamrath reichte ihr die Waffe. »Möge der Herr des Himmels deine Hand führen.«

 

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

NACH DER MITTAGSSTUNDE, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Zanetas Hände zitterten, als sie durch den halbmondförmi- gen Schnitt unten am Bauch der Toten griff. Immer wieder sagte sie sich stumm, dass es die einzige Hoffnung war, das Kind zu retten, und dass es doch nicht anders sei, als am Ende einer Jagd einen Eber auszuweiden.

Sie bekam etwas zu fassen. Ein Bein?

Sie zog vorsichtig daran. Ein kleiner Fuß erschien. Sie holte das Kind durch den klaffenden Schnitt. Bedeckt mit Blut und Schleim, erschien es unheimlich blass. Als sei es aus feinstem Marmor geschnitten.

Es war still. Es regte sich nicht. Die kleinen Lider waren geschlossen.

Ein Mädchen, dachte sie und wischte das winzige Gesicht gründlich mit der kostbaren Schärpe sauber, welche die Mutter um die Hüften getragen hatte.

»Ist es tot?«, fragte der Hochmeister.

Zaneta hatte noch nie einer Geburt beigewohnt. Hebammen duldeten Frauen wie sie nicht in einem Raum, in dem ein Kind das Licht der Welt erblicken sollte.

Es war so klein, so zerbrechlich. Sie fühlte sich unbeholfen.

»Du musst es schlagen!« Der Hochmeister klang, als wäre er sich nicht ganz sicher. Dennoch kniete er sich neben sie, nahm ihr das Kind aus den Händen, hielt es mit dem Kopf nach unten wie Wild, das man zum Ausbluten aufhängte, und versetzte ihm einen Klaps auf den Hintern.

Die Kleine schlug die Augen auf. Sie waren hellblau wie der Sommerhimmel. Und auch ihr Mund öffnete sich. Ein wütender Schrei entwand sich der kleinen Kehle.

»Ich glaube, du solltest es nicht länger mit dem Kopf nach unten halten …«, sagte Zaneta zögerlich. »Und vielleicht sollten wir auch die Nabelschnur durchtrennen.«

Der Hochmeister legte ihr das Kind in die Arme. »Du kannst das sicher besser als ich.«

Zaneta löste einen der dünnen Lederriemen, die ihr Haar zurückhielten, band die Nabelschnur ab und kappte sie mit dem Dolch, ehe sie das Kind ein wenig unbeholfen an die Brustplatte ihrer Rüstung drückte und der Kleinen über das verklebte goldblonde Haar strich.

Das Mädchen hörte nicht mehr auf zu schreien. Hatte sie es zu fest gedrückt? Lag es an dem kalten Metall der Rüstung? Zaneta hielt es ein wenig von sich. Streichelte es. Liebkoste mit einem schwieligen Finger die winzigen Lippen.

Die Kleine begann, mit erstaunlicher Kraft an ihrem Zeigefinger zu saugen, und machte leise schmatzende Geräusche.

»Wohl getan«, murmelte der Hochmeister hörbar erleichtert. »Frauen haben eben doch eine Hand für Kinder.«

Zaneta überlegte, ob sie widersprechen sollte. Es fühlte sich nicht so an, als hätte sie etwas richtig gemacht. Was sollte sie tun, wenn die Kleine begriff, dass ein Finger keine Milch gab?

»Wir müssen eine Amme finden …«

»Stimmt!«, erwiderte der Hochmeister bekräftigend. »Und wir haben uns auch einen guten Schluck verdient.« Er hob eine mit schwarzen Figuren geschmückte Amphore vom Boden. »Kamarinischer Roter. Der beste Wein, den Silber kaufen kann.« Seine grauen Augen blitzten. »Wir haben gesiegt. Und wir haben wieder eine Kaiserin.«

Er zog sein Messer, schnitt das Wachssiegel vom Korkverschluss der Amphore und schenkte ihnen ein.

 

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NACH DER MITTAGSSTUNDE, 13. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Gamrath schnupperte an dem Wein, atmete das kostbare Aroma ein. Da war ein Hauch wie von Waldbeeren. Seine Kehle war ausgedörrt. Stunden waren vergangen, seit er zuletzt getrunken hatte.

Zufrieden blickte er auf Zaneta. Als der Tag angebrochen war, war er davon ausgegangen, zusammen mit der Blüte seiner Ritterschaft in den Tod zu ziehen. Und nun hatte er einen vollständigen Sieg errungen.

Allerdings sollten auch sie das Lager jetzt räumen. Der Kampfeslärm war verstummt. Nur das Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden war noch zu hören. Und die heiseren Stimmen der Überlebenden. Dazu das Fauchen von Flammen. Sie waren zu nah am brennenden Schwarzforst. Hier konnten sie nicht mehr länger bleiben!

Blaugrauer Rauch zog unter dem Filzvorhang am Zelteingang hindurch und reizte seine trockene Kehle. Er griff nach dem Kelch. Erstaunlich, dass ein Barbar einen solchen Wein in seinem Zelt hatte. Vielleicht ein Geschenk Marcias? Er schluckte trocken und wünschte sich, er hätte der Prinzessin geglaubt.

Er hob den großen roten Steinkelch an die Lippen.

»Nicht!« Zaneta griff plötzlich nach dem Kelch und schleuderte ihn zu Boden. Der kostbare Wein spritzte über die Schaffelle.

»Was …« Gamrath verstummte.

»Sieh doch!« Zaneta deutete auf den Jadekelch.

So hoch, wie eben noch der Wein im Kelch gestanden hatte, war die rote Jade von dunklen Adern durchzogen.

Das kleine Mädchen, das keinen Finger mehr zum Lutschen hatte, begann unruhig zu wimmern.

»So etwas habe ich noch nie gesehen«, stieß Gamrath hervor. »Ich habe von Edelsteinen gehört, die ihre Farbe ändern, wenn sie vergiftete Speisen berühren. Aber ein Kelch … Das ist ein Wunder!« Er blickte auf das kleine Mädchen. »Sie ist nicht verflucht, sie hat uns Glück gebracht!«

Zaneta tätschelte die Kleine, die ein zufriedenes Glucksen von sich gab. »Es sind zwei Wunder geschehen. Eine Tote hat ein Kind geboren, und der Herr des Himmels hat uns ein Zeichen geschickt, damit wir die Lügen dieses falschen Heilers durchschauen. Der rote Kelch ist ein Symbol dafür, dass wir die Wahrheit erkennen und das Richtige tun. Er wird künftig mein Wappen sein. Und ich gelobe feierlich, dass ich nicht ruhen werde, bis die alte Ordnung wiederhergestellt und der Thron zurückerobert ist.«

Betroffen blickte Gamrath auf die tote Kaisertochter. Sie durfte hier nicht bleiben, durfte nicht noch einmal im Stich gelassen werden.

Er kniete sich neben sie und nahm sie auf seine Arme. Er war überrascht, wie leicht Marcia war. Mit einem der Felle vom Boden versuchte er, ihre Wunden zu bedecken. Der Kopf der Prinzessin rutschte aus seiner Armbeuge und fiel unnatürlich weit nach hinten. Ihre durchtrennte Kehle klaffte wie ein zweiter riesiger Mund.

Gamrath griff in das goldene Haar der Toten und drückte ihren Kopf an seine Brust. »Dir wurde das Leben als Kaisertochter gestohlen. Zumindest im Tode soll dir Gerechtigkeit widerfahren. Du sollst ein Grab bekommen, wie es sich für eine Kaisertochter geziemt.« Er blickte zu Zaneta, die den Kelch aufgehoben hatte. »Nimm auch den Kopf des Generals.«

»Soll er doch hier verbrennen!«, entgegnete die Ritterin empört. »Er hat meinen Oheim grausam töten lassen. Ihm erweise ich keine Ehre!«

»Und doch war er es, der als Einziger die Tochter unseres Kaisers glücklich gemacht hat. Und wie es scheint, galten seine letzten Gedanken ihr. Warum sonst hätte er versucht, hier zu diesem Zelt zu gelangen, statt sich in Sicherheit zu bringen? Welche Rache kannst du noch an einem Toten üben? Nimm seinen Kopf! Wir wollen ihn zusammen mit der Prinzessin bestatten.«

»Du weißt nicht, was er meinem Oheim angetan hat …«, sagte sie voller Bitternis.

Gamrath sah sie bedauernd an. »Seine Taten sind nicht das Maß meiner Taten. Und nun nimm den Kopf!« Die letzten Worte sprach er in einem Ton, der keinen Widerspruch mehr duldete.

Der Hochmeister sah, wie viel Überwindung es Zaneta kostete, Xiang Yus Kopf aufzuheben. Doch sie gehorchte, und dann traten sie Seite an Seite aus dem Zelt.

Obwohl der brennende Schwarzforst fast zweihundert Schritt entfernt war, schlug ihnen eine Hitze entgegen, die jeden Atemzug zur Qual werden ließ. Dichte Rauchschwaden trieben vor dem Nordwind durch das Lager. Die Luft war erfüllt von Ascheflocken und wirbelnden Funken. Der ekelerregende Geruch verbrannten Fleisches war allgegenwärtig. Gamrath blickte nach Norden. Es hatte den Anschein, als würde die ganze Welt in Flammen stehen.

»Das fühlt sich nicht wie ein Sieg an«, murmelte Zaneta beklommen. »So viele Tote …«

»Kennst du die Mär vom Feuervogel?«, fragte Gamrath.

»Ich interessiere mich nicht für die Geschichten der Hundefresser.«

»Ein Fehler. Der Feuervogel steht für Gerechtigkeit und Reinheit. In seinem Kampf für eine gute Sache verzehrt er sich in seinen eigenen Flammen und muss sterben. Aber er kann aus seiner Asche wieder neu geboren werden.«

Er betrachtete das kleine Mädchen auf Zanetas Arm, das sie in den ein wenig fadenscheinigen Seidenschal gewickelt hatte, den ihr Oheim Jan von Tanow einst von der schwermütigen Kaiserin geschenkt bekommen hatte.

»Wir sollten sie nach der ersten Kaiserin benennen, von der unsere Chroniken berichten. Nach der großen Einigerin der streitenden Königreiche: Sasmira. Sie ist unser Feuervogel, Zaneta. Erstanden aus der Asche dieses Schlachtfeldes. Eine leuchtende Flamme, der alle folgen werden, die den falschen Versprechungen der Reichsfürsten nicht länger trauen wollen. Ich werde den Thron für sie zurückerobern oder bei dem Versuch mein Leben geben. Sie wird unsere Kaiserin sein!«

Sasmiras blaue Augen ruhten auf ihm, und er hatte das beklemmende Gefühl, dass dieses noch keine Stunde alte Kind jedes seiner Worte verstanden hatte.

»Die Tochter einer Toten, zur Welt gekommen auf einem Schlachtfeld, auf dem ein unbesiegbarer Feldherr von einer verzweifelten Schar geschlagen wurde«, sagte er feierlich. »Sie ist viel mehr als nur ein Kind. Mit Sasmira wurde an diesem Nachmittag eine Legende geboren, wie es sie nur ein Mal in einem Jahrtausend gibt.«

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Bernhard Hennen - Die Chroniken von Azuhr: Die Weiße Königin. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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