Bernhard Hennen: Die Chroniken von Azuhr - Die Weiße Königin

FISCHER TOR

Leseprobe: Die Chroniken von Azuhr: Die Weiße Königin (Bernhard Hennen)


TOR Team
16.08.2018

Lest hier die ersten 12 Kapitel aus »Die Chroniken von Azuhr - Die weiße Königin«, Band 2 der Fantasy-Reihe von Bestsellerautor Bernhard Hennen. Der Roman erscheint am 26.9. bei FISCHER Tor. 

Was bisher geschah: Der junge Priestersohn Milan Tormeno trägt einen verfluchten Namen. Einst beging sein Großvater Lucio mit kaltem Herzen tausende Morde, um die Insel Cilia zu retten. Und jeder, der Lucio kannte, schwört, dass Milan ihm bis aufs Haar gleicht. Mit eiserner Hand bereitet sein Vater Nando den Jungen darauf vor, ein Erzpriester zu werden – einer jener Auserwählten, die die Geschicke der Welt Azuhr lenken sollen. Doch Milan rebelliert und flieht aus der Stadt. Auf der Flucht gerät er unter den Einfluss der Meisterdiebin Felicia und der geheimnisvollen Konkubine Nok. Hin- und hergerissen zwischen den zwei Frauen, findet er sich bald in ein Netz von Intrigen verstrickt, die über die Zukunft Cilias entscheiden werden.

*** Leseprobe ***

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DER SCHLANGE, 11. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Ihr werdet noch Euer Kind umbringen. Ihr solltet das nicht tun.«

»Dieses Kind bedeutet mir nichts.«

Bao Li betrachtete die fremde Kaisertochter mit dem goldenen Haar aus den Augenwinkeln. Noch nie war er einer so kaltherzigen Frau begegnet. Nicht in all den Jahren am Wandernden Hof des Khans, wo Verrat und Intrige das Leben so selbstverständlich prägten wie die strengen Regeln der Teezeremonie.

Prinzessin Marcia saß, obwohl es höchstens noch zwei Wochen bis zu ihrer Niederkunft sein konnten, wie ein Mann im Sattel. Bao hatte darüber gewacht, wie dieses Kind gezeugt worden war. Er hatte den Vater ausgewählt und der Mutter kräftigende Fischbrühe bereitet und einen Sud aus Storchschnabelkraut, der sie dazu bereitmachte, ein Kind zu empfangen.

Als er sich ganz sicher gewesen war, dass sie ein Kind trug, hatte er das Gift gemischt, das dem Erzeuger in einem kleinen Krug mit Reisschnaps gebracht worden war. Alles war gut gewesen, bis der Khan entschieden hatte, dass es für die Mutter und das heranwachsende Kind am Wandernden Hof zu gefährlich war.

Bao blickte die endlose Reiterkolonne entlang. Die Eherne Horde zog nach Osten. Sie würde die roten Städte der Westermark niederbrennen. Städte, die niemals hätten gebaut werden dürfen.

»Dies ist kein Platz für eine Frau«, setzte er noch einmal an. »Inmitten von Heerscharen ungewaschener Mordbrenner, die ihre …«

»Hier sind die Männer das, wonach sie aussehen, und keine in Seide gewandeten Schöngeister, die heimtückisch mit Gift morden, während sie mit einem arglosen Gast über die Schönheit einer neuen Orchideenzüchtung plaudern.«

»Ihr äußert Eure Gedanken ungebührlich direkt, meine Dame«, erwiderte er brüskiert. Die Prinzessin hatte sich sehr verändert, seit sie den Wandernden Hof verlassen hatte. Vor einem halben Jahr noch war Marcia nur eine schüchterne junge Frau gewesen, die es kaum gewagt hatte, ihm direkt in die Augen zu sehen. Jetzt führte sie sich auf, als sei sie eine Herrscherin.

Er bemerkte, dass auch die Männer in ihrer Umgebung ihn mit kalten Augen musterten. Sie hatten Respekt vor der jungen Frau mit dem goldenen Haar, dachte Bao. Sie waren keine Bewacher, sie waren Gefolgsleute. Es war also noch schlimmer, als die Gerüchte, die am Wandernden Hof umliefen, hatten erahnen lassen. Wie hatte General Xiang Yu seinen Khan derart hintergehen können? War das der Beginn einer Revolte?

»Fühlt Ihr Euch nicht wohl, Herr Bao?«

Wie hätte er sich wohlfühlen können, nachdem er die halbe Welt auf dem Rücken eines Pferdes durchquert hatte statt in einer Sänfte, wie es sich für einen Mann seines Ranges geziemte? »Ich bin ein wenig von der Reise erschöpft, meine Dame.«

»Sie ist nicht deine Dame, du Seidenfurz!«, fuhr ihn einer der Reiter aus Marcias Gefolge an. »Nenn die kleine Kaiserin noch einmal so, und dein Kopf wird aus dem Gras zu ihr aufschauen, während dein Arsch noch im Sattel sitzt.« Der Krieger zog seinen breiten Säbel halb aus der Scheide und trieb sein Pferd zwischen ihn und die Prinzessin.

Seinem runden, fast konturlosen Gesicht nach zu urteilen gehörte der Rüpel zum Volk der Kargasen aus der nördlichen Steppe. Er trug abgewetztes Leder und eine pelzgesäumte Kappe. An den Mundwinkeln hingen dünne schwarze Barthaare herab. Einfältig sah er aus und brutal.

»Du sprichst mit Bao Li, dem zweiten Leibarzt des Khans, Leng. Einem Mann von großem Einfluss am Wandernden Hof. Er ist jeden Morgen der Erste, der in das Nachtgeschirr des Khans blicken darf«, bemerkte Marcia spöttisch.

»Nachtgeschirr?« Der einfältige Pferdehüter blickte verwirrt zu seiner Herrin.

»Der Topf, in den der Kaiser sich erleichtert, wenn …«

Leng begann zu prusten. »Du bekommst diese Seidenkleider dafür, dass du Scheiße anglotzt? Ich sollte mein Glück am Wandernden Hof versuchen. Habt ihr das gehört?« Er blickte zu den anderen Leibwächtern, die ebenfalls breit grinsten.

»Du solltest mich wirklich einmal am Wandernden Hof besuchen, Leng«, entgegnete Bao und dachte an die Kammern der gelösten Zungen. Er hatte nur jene Männer und Frauen zu sehen bekommen, die bereit waren, alles zu erzählen. Es war seine Aufgabe gewesen, ihre Wunden zu behandeln und sie so lange am Leben zu erhalten, bis sie auch ihr letztes Wissen preisgegeben hatten. Ihm fehlte es an Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was man ihnen angetan hatte. Wunden wie dort hatte er selbst auf den schrecklichsten Schlachtfeldern nicht gesehen. Es läge sicherlich im Rahmen seiner Möglichkeiten, Leng dorthin zu bringen. Und die selbstgefällige Prinzessin mit dem goldenen Haar vielleicht sogar auch, wenn sie noch Fehler machte.

»Der Khan ist in großer Sorge um Euch, edle Dame. Er wünscht sich, dass Ihr an den Wandernden Hof zurückkehrt.«

»Hast du das in seinem Nachttopf gelesen?«, spottete der Kargase.

»Nein, der Khan erweist mir gelegentlich die große Gunst, seine Gedanken mit mir zu teilen.« Bao legte seine Hand auf die schwarzlackierte Kiste, die mit Seidenbändern an seinem Sattel festgebunden war. »Da unserem Herrscher in seiner unermesslichen Weisheit nicht verborgen blieb, dass diese Welt voller Zweifler ist, hat er mir sein persönliches Siegel anvertraut, um es jenen zu zeigen, die nicht glauben wollen, dass meine Zunge seinen Willen verkündet.«

»Und was ist sein Wille?«, fragte ihn die Prinzessin von oben herab.

»Nun, ich soll mit General Xiang Yu darüber sprechen, was zu tun ist, um Eure Blutlinie zu erhalten, meine Dame.«

Es war ihm eine stille Genugtuung zu sehen, wie ihre Selbstgefälligkeit ein Opfer des Schreckens wurde, als sie begriff, dass die Frucht ihres Leibes genügen würde, um genau dafür zu sorgen, und dass ihr Leben von der Gunst des Mannes abhing, der die Ehre hatte, den Inhalt des Nachtgeschirrs des Khans zu begutachten.


WESTERMARK, ÖSTLICH DES SCHWARZFORSTES,

FRÜHER NACHMITTAG, 11. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Sie sind da!«, keuchte der Reiter. Sein Gesicht war rot von der Hitze und dem scharfen Ritt. Seine Hosen und die Flanken des Schecken mit Schaumflocken bedeckt. »Keine zehn Meilen mehr.«

»Wen hast du gesehen?«, fragte Zaneta ruhig.

»Wir sind an ihren Spähern vorbei. Wir waren zu dritt …«, stammelte der junge Reiter atemlos. Sein rabenschwarzes Haar hing ihm in nassen Strähnen in die Stirn. »Ihre Späher haben uns bemerkt, aber wir haben sie gesehen. Die ganze Horde. Ein meilenlanger Reiterzug.«

»Was ist aus deinen Gefährten geworden?«, fragte sie.

»Tot …« Der junge Späher schien geradezu durch sie hindurchzublicken. Sein Gesicht war aschfahl, als durchlebte er den Tod seiner Gefährten ein weiteres Mal. »Ihre Späher kamen aus einem Wald. Diese Hundefresser schießen im Sattel so gut wie unsere besten Schützen zu Fuß … Bratis und Iwo sind ihnen entgegengeprescht, um mir Zeit zu erkaufen …«

»Tapfere Männer.« Zaneta löste einen Lederschlauch von ihrem Sattelhorn und reichte ihn dem jungen Späher. »Trink auf die beiden. Sie sind Helden! Und wir werden dafür sorgen, dass sie sich nicht vergebens geopfert haben.« Sie drückte ihm den Schlauch mit dem Apfelschnaps in die Hand. »Schließ dich den Wagen an. Ich finde dich heute Abend. Dann wirst du mir von Bratis und Iwo erzählen, und wir trinken gemeinsam … Nun geh!«

Der Späher wendete sein Pferd. Mit hängenden Schultern ritt er die Wagenkolonne entlang, bis ihm einer der Kutscher einen Platz auf dem Bock anbot.

»Dein Wille wird also geschehen«, bemerkte ihr Oheim Jan von Tanow, der wie stets an ihrer Seite ritt. »Jetzt können wir ihnen nicht mehr entkommen.«

Sie blickte ihn an. Er war ein kleiner Mann mit einem Pagenschnitt und einem runden Gesicht. Erstes Grau mischte sich in sein schwarzes Haar. Er sah nicht besonders aus, war nicht von stattlicher Gestalt und doch der beste Schwertkämpfer der Westermark. Stets trug er einen bestickten weißen Seidenschal. Immer denselben. Er war ausgefranst, und sein strahlendes Weiß von einst könnte ihm keine Wäscherin der Welt mehr zurückgeben. Solange Zaneta ihren Oheim kannte, begleitete ihn dieser Schal. Sie empfand diese Marotte als schrullig. Doch Jan von Tanow pflegte diese Schrulle. Wer ihn nicht kannte, der machte gern den Fehler, diesen kleinen, verschrobenen Mann zu unterschätzen.

»Ich habe gewollt, dass es so kommt. Es ist nicht die Eherne Horde, die uns überrascht. Ich habe sie gelockt, und sie werden überrascht werden.«

Ihr Oheim schenkte ihr ein schiefes Lächeln und blickte die endlose Kolonne aus Fuhrwerken entlang. Schwerfällige Planwagen, auf den ersten Blick … »Dreihundert Wagen und alles, was von den freien Rittern der Westermark noch übrig ist. Dazu Jäger, bewaffnete Bauern und Holzfäller, ein paar Söldner …«

Er sah über das wellige, von Waldinseln durchsetzte Grasland nach Westen. Das Gras reichte ihm bis zu den Steigbügeln. Die Sommerhitze hatte es golden gefärbt. Wenn der Nordwind darüberstrich, wogte es wie das Meer. »Und irgendwo dort drüben kommt die Eherne Horde, die unlängst auf dem Krähenfeld das Heer der Reichsfürsten niedergemetzelt hat. Deren Heer war zehnmal so stark wie unseres …«

»Sie waren ein Haufen eingebildeter Stutzer«, unterbrach Zaneta ihn, »die das Schlachtfeld mit den Turnierplätzen des Reiches verwechselt haben. Wir wissen, gegen wen wir kämpfen. Wir haben sie schon immer bekämpft …«

»Und wir haben fast immer gegen sie verloren«, bemerkte ihr Oheim spitz.

»Der Orden vom Schwarzen Adler wird uns unterstützen. Ich habe dem Hochmeister Gamrath von Hatzfeld Boten geschickt und ihm den Schlachtplan verraten.« Ihr Blick wanderte über das weite Grasland. Etwa eine Meile entfernt zog sich ein breites, dunkles Band durch das Gold des Hügellands. Der Schwarzforst, das einzige größere Waldstück in dieser Gegend. Etwa eine halbe Wegstunde südlich erhob sich ein großer, flacher Hügel. »Dort werden wir uns stellen.«

Ihr Oheim nickte. »Fällt auf der Rückseite steil ab. Dort fließt die Geiße. Nicht weit dahinter schließen die Marschen an. Kein schlechter Platz. Aber auf die Ordensritter hoffe ich nicht. Wären sie auf dem Krähenfeld gewesen, hätten sie den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausgemacht. Warum sollten sie hier erscheinen?«

Manchmal war ihr Oheim blind für die Welt, dachte Zaneta verärgert. »Die Ordensritter haben natürlich nicht an der Seite der Kaisermörder gekämpft.«

»Dass die Reichsfürsten Kaiser Orelian aus dem Fenster seiner Burg gestürzt haben, ist mehr als zwanzig Jahre her. Wenn wir die alten Feindschaften nicht endlich begraben, dann wird jeder für sich untergehen.«

Zaneta bemerkte weit im Westen drei Reiter. Einer stieg auf seinen Sattel und spähte zu ihnen herüber. »Sie sind da.« Ein Schauder überlief sie. Sie war zuversichtlich, dass sie es besser machen würde als die Reichsfürsten in der Schlacht auf dem Krähenfeld. Aber das würde nicht genügen, wenn die Ordensritter nicht kamen.

Zaneta wendete ihr Pferd und ritt zur Wagenkolonne zurück. »Auf den Hügel!«, rief sie aus Leibeskräften. »Bildet eine Wagenburg auf der Hügelkuppe.«


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES HUHNS, 11. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Xiang Yu erwartete die Schlacht mit Freude. Er hatte die Horde in etwa einer Meile Abstand zu dem Hügel, auf den sich die Karrenritter zurückgezogen hatten, mehrere Lager aufschlagen lassen. Die Wagen würden ihm nicht mehr entrinnen. Deutlich waren die Planen gegen den dunklen Himmel im Osten auszumachen. Das letzte Abendlicht gab dem Leinen die Farbe zarter Kirschblüten.

Manchmal vermisste er den tiefen Frieden der Parkanlagen des Khans. Es war lange her, dass er mit dem Herrscher zur Falkenjagd geritten war, und so, wie die Dinge standen, war er froh, Tausende Meilen vom Wandernden Hof entfernt zu sein.

Irgendwo im Lager erklang das klagende Lied einer Pferdekopfgeige. Xiang gestattete sich einen Augenblick der Ruhe. Er schloss die Augen und genoss die Musik. Er liebte den Schlachtenlärm nicht, auch wenn ihn seine Erfolge in nur zwölf Jahren von einem einfachen Reiterführer zum General der Ehernen Horde gemacht hatten.

»Xiang?« Ang Min, sein Stellvertreter, trat durch den lockeren Kreis der Wachen, die ihn vor Neugierigen aus dem Lager abschirmten. Ang war noch sehr den Attitüden des Hofes verfallen. Unter seiner geschwärzten Brustplatte trug er ein langes mohnrotes Seidengewand, auf das prachtvolle goldene Phönixe gestickt waren. Sein Haar war straff zurückgekämmt und geölt, so dass es glänzte wie schwarzer Lack. Noch ein Winter in der Westermark, dachte Xiang schmunzelnd, und dieser Glanz würde verlorengehen. Er selbst trug längst nur noch groben Stoff und Leder. Das war angenehmer auf einem Feldzug.

»Xiang!« Der zweite General hatte es unangemessen eilig, an seine Seite zu gelangen. Er sollte sich mäßigen. Solche Auftritte sorgten für Gerüchte.

»Was ist? Sind die Ordensritter erschienen?«

»Nein. Sie sind immer noch jenseits der Wolfsmarschen. Sie werden fünf oder sechs Tagesritte brauchen, um die Sümpfe zu umgehen. Es ist Bao Li …« Ang senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Er trägt das Jadesiegel des Khans. Er hat es mir gezeigt. Und wahrscheinlich auch schon anderen Anführern. Der Alte ist ungehalten und verlangt, dich zu sprechen. Du solltest ihn empfangen. Vielleicht …«

Xiang ließ seine Reitgerte in seine offene Hand klatschen. Er wusste, was der zweite Leibarzt des Khans wollte. Ihm war klargeworden, dass der Khan einen Boten schicken würde. Allerdings war der Leibarzt nicht der Mann, mit dem er gerechnet hatte. Er hätte eher einen Onkel des Khans erwartet.

»Lass ihn durch«, befahl er. Große Müdigkeit überkam ihn. Er wusste, welchen Fehler er begangen hatte und dass seine Lage aussichtslos war. Außer vielleicht, er entschied sich zu offener Rebellion …

Ang Min sah ihn fragend an. Wie alle in der Ehernen Horde wusste auch er, was Xiang getan hatte. Es war im Siegestaumel nach der Schlacht auf dem Krähenfeld geschehen. Marcia war genauso glücklich gewesen wie alle in der Horde, dass sie das Heer der Reichsritter besiegt hatten. Sie war über das Schlachtfeld geschritten und hatte in die Gesichter der Toten geblickt, die einst ihren Vater aus dem Fenster seiner Burg gestürzt hatten.

Xiang war neben ihr gegangen. Hatte sie die Namen nennen hören. Namen von Männern, die ihre Mutter und Schwestern geschändet hatten. Männern, die ihre Brüder vor ihren Augen mit Keulen totgeprügelt hatten. Männern, die zuletzt auch sie aus dem Turmfenster geworfen hatten. Sie war auf die Toten und Sterbenden ihrer Familie gefallen. Auf manche, die gleich ihr den Fenstersturz überlebt hatten, nur um ein weiteres Mal ihren Peinigern in die Augen zu sehen.

In dieser Nacht der Genugtuung, dass altes Unrecht endlich gesühnt war, war geschehen, was niemals hätte sein dürfen.

»Wie du wünschst«, sagte Ang leise und zog sich zurück.

Xiang straffte sich. Lieber würde er noch einmal an der Spitze der Ehernen Horde gegen die Lanzen der Reichsfürsten anreiten, als auf diesen Leibarzt des Khans zu warten. Marcia hatte ihm bereits von ihrem Gespräch mit Bao berichtet.

Der Leibarzt trat durch die Reihen der Krieger. Er trug eine kleine Kiste aus schwarzem Lack. Abgesehen von ihrem goldenen Verschluss, war sie schmucklos.

Xiang überragte ihn um Haupteslänge. Bao war ein kahler Mann, dem ein dünner weißer Bart vom Kinn hing. Fein wie Seidenfäden waren die Haare. Große schwarze Augen musterten Xiang. Bao hatte keine Angst vor ihm.

»Ehrenwerter Meister Li.« Xiang verbeugte sich. Er war sich nicht ganz sicher, wer von ihnen in der Hierarchie des Wandernden Hofes höher stand. Eigentlich sollte er, der niemals auf dem Schlachtfeld besiegt worden war und ein Heer von Dreißigtausend führte, der Bedeutendere sein. Aber Bao gehörte offensichtlich zu dem sehr kleinen Kreis der engsten Vertrauten des Khans. Eine Ehre, die Xiang eingebüßt hatte.

»Ehrenwerter General Yu.« Bao verbeugte sich ebenfalls.

Xiang entging nicht, dass diese Verbeugung weniger tief war als seine.

»Das Licht des Himmels hat mich gesandt, ehrenwerter General Yu.«

Licht des Himmels war einer von mehr als einem Dutzend Ehrentiteln, die der Khan führte. Xiang hatte für diesen verschwenderischen Umgang mit rühmenden Worten keinen Sinn. Er war der Einzige unter den Befehlshabern des Khans, der Titel ablehnte, obwohl er zugleich der mit den meisten Siegen war. Diese Einstellung war einer der Gründe, warum er den Wandernden Hof hatte verlassen müssen, denn alle anderen Generäle des Khans – Männer mit so klingenden Ehrentiteln wie Geißel des Nordens oder Städtezerstörer – hatten sich durch ihn brüskiert gefühlt.

»Bitte seht, was ich Euch mitgebracht habe, General Yu.« Der Leibarzt reichte ihm das Kästchen. Es war ungewöhnlich schwer. Wie es die Etikette erforderte, öffnete Xiang es, auch wenn er wusste, was er darin sehen würde: Ein Jadeblock, groß wie ein Mauerstein, füllte das Lackkästchen fast vollständig aus. Ein Phönix und ein schlangenhafter Drache entwuchsen der Oberfläche des rechteckigen Jadeblocks. Sie konnten als Griff genutzt werden. Xiang kannte das Siegel. Er wusste um die Inschrift auf der Unterseite: Frieden und Ruhe unter den Schwingen weiser Herrschaft.

»Ihr versteht die Botschaft, die der Khan Euch schickt, General Yu?«

Xiang räusperte sich. Er nahm sich Zeit, die Lage zu überdenken. Bao hatte das Siegel schon einigen seiner Befehlshaber gezeigt. Wer es gesehen hatte und sich dennoch auf Xiangs Seite stellte, beging Verrat am Willen des Khans. Was also war die Botschaft? Dass jeder Widerstand zwecklos war? So schnell würde er sich nicht geschlagen geben!

»Ich fürchte, Ihr werdet mir weiterhelfen müssen, ehrenwerter Meister Li. Ich begreife nicht ganz …«

Der Leibarzt bedachte ihn mit einem frostigen Blick. Offensichtlich war er ein Mann, der es liebte, im Nebel des Unausgesprochenen verborgen zu stehen. »Ihr seid Euch, so hoffe ich, bewusst, auf welch infame Weise Ihr den Khan hintergangen habt. Prinzessin Marcia steht unter seinem Schutz. Er gab sie in Eure Obhut, um sie vor Schaden zu bewahren. Damit sie in Sicherheit ihr Kind austragen kann.«

Xiang schenkte ihm ein schmallippiges Lächeln. »Ich hoffe, Euch ist der Widersinn dieses Wunsches bewusst, Meister Li.« Er machte eine weit ausholende Bewegung zum Nachtlager der Truppen. »Prinzessin Marcia befindet sich inmitten eines marschierenden Heeres in einem Krieg. Ich glaube, im Reich des Khans gibt es viele Orte, die sicherer sind.«

Der Leibarzt hob verärgert eine Braue. »Darf ich daraus schließen, dass Ihr die Weisheit der Entscheidungen des Khans in Frage stellt, General Yu?«

»Schenken wir uns doch die Spitzfindigkeiten, Li. Man schickt niemanden in einen Krieg, dessen Sicherheit man wünscht!«

»Nehmt es als Hinweis auf das grenzenlose Vertrauen, das der Khan in Euch, seinen liebsten General, gesetzt hat.«

Xiang klappte das Kästchen mit dem Siegel zu und reichte es dem Leibarzt, der es jedoch nicht entgegennahm, sondern ihn weiterhin tadelnd ansah. »Könnt Ihr Euch das Ausmaß der Enttäuschung des Lichts des Himmels vorstellen, als Euer Verrat ruchbar wurde, da der Khan erfuhr, dass Ihr jener Frau beiwohnt, die einzig und allein den Interessen des Herrschers dienen darf und nicht der Befriedigung Eurer Gelüste?«

Xiang war überrascht, dass der Leibarzt doch so deutlich geworden war. »Und was schließe ich daraus, dass Ihr als Bote geschickt wurdet, ehrenwerter Meister Li, und nicht ein anderer General, der mich hinrichten lässt, um dann mein Kommando zu übernehmen?«

»Nehmt es als Zeichen dafür, wie hoch Ihr einmal in der Gunst des Khans standet. Das Licht des Himmels überlässt es Euch, zwischen einem von zwei Wegen zu wählen.« Der Leibarzt senkte den Blick. »Es ist ein großes Glück, dass die Prinzessin bereits mit einer Frucht des Leibes gesegnet ist, so dass Euer brünstiges Verhalten keinen Schaden anrichten konnte. Allerdings glaube ich, dass es jede Stunde zur Niederkunft kommen kann. Da sie reitet, statt zu ruhen, gefährdet sie sich und das Kind. Und ich habe den Befehl, sobald die Prinzessin das Kind gebiert, Eure sofortige Hinrichtung anzuordnen, General Yu. Es sei denn, Ihr seid den anderen Weg gegangen, den der Khan Euch in seiner grenzenlosen Großmut gewährt.«

»Ihr steht mitten unter meinen Männern und droht mir, Bao Li?«

»Ich bin mit dem Siegel des Khans geschickt worden, was belegt, dass meine Worte seine Wünsche tragen. Seid Ihr Euch Eurer Männer ganz sicher, ehrenwerter General Yu? Glaubt Ihr, sie würden ihre Schwerter gegen mich richten? Das wäre, als würden sie die Klingen gegen den Khan selbst führen. Werden sie das tun?«

»Ihr spracht von einem anderen Weg …« Xiang war sich in der Tat nicht sicher. Die einfachen Krieger liebten ihn, weil er wie einer von ihnen war. Aber konnte er sich auf Männer wie Ang Min verlassen, wenn es hart auf hart kam?

»Damit wären wir bei dem Grund, warum der Khan mich als Boten geschickt hat …« Der Leibarzt sah ihn immer noch nicht direkt an. »Wenn der Khan sich für immer sicher sein könnte, dass Ihr keine Kinder mehr zeugen könnt …«

Xiang ließ das Kästchen mit dem Siegel fallen.

»Er … er hat Euch geschickt, um mich zu entmannen?«, keuchte er.

»Wenn Ihr bereit seid, dieses Opfer zu bringen, dann dürft Ihr weiter über die Prinzessin wachen, und alles, was Ihr getan habt, wird Euch vergeben sein. Es muss allerdings schnell geschehen.«

Siebenmal war Xiang in seinen Kämpfen für den Khan ernsthaft verwundet worden. Oft folgte auf eine Verletzung eine gewisse Taubheit. Der Schmerz kam erst später … So empfand er auch jetzt. Er musste ein Mann sein, um diese Horde wilder Barbaren zu führen. Einem Eunuchen würden sie nicht folgen. Sie würden nicht länger auf das Glück eines Anführers vertrauen, der sein Yang aufgegeben hatte. Die Kraft zu siegen!

»Geht!«, fuhr er den Leibarzt an. »Schnell! Aus meinen Augen! Was Ihr verlangt, ist unmöglich!«

Jetzt sah ihm der Leibarzt wieder in die Augen. »Ich bedauere, dass Ihr Euch so entschieden habt, General Yu.« Er hob das Kästchen mit dem Siegel auf und verbeugte sich knapp.

Xiang fühlte sich immer noch wie betäubt. Er durfte an der Seite der Frau bleiben, die er liebte, wenn er für immer darauf verzichtete, seine Liebe vollziehen zu können? Wie konnte der Khan das von ihm verlangen?

Er sah dem Leibarzt nach, der sich, kaum dass er den Kreis der Wachen durchschritten hatte, an Ang Min wandte, um, wie es schien, etwas mit ihm zu besprechen …

 

WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES HUNDES, 11. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG

 

Marcias Küsse brannten noch auf seinen Lippen.

 

»Du willst ihn noch einmal treffen?«, fragte sie besorgt.

Er strich über ihre Brüste. Ihr Geruch hatte sich in den letzten Wochen verändert. Er mochte es, ihren Nacken zu küssen, ihr langes goldenes Haar auf seinem Gesicht zu spüren und tief einzuatmen. Sie ganz in sich aufzunehmen. So wie jetzt. Seine Hände lagen unter ihrem Bauch.

Die Glut im kleinen Feuerkreis knisterte leise. Eigentlich war es zu warm, um in der Jurte auch noch ein Feuer zu haben, aber Marcia liebte es, mit ihm Tee aus den kostbaren Schalen zu trinken, die sie zu diesem Anlass stets mitbrachte. Fast sechzehn Jahre hatte sie am Wandernden Hof verbracht. Mehr als doppelt so lang wie am Kaiserhof ihres Vaters. Sie war die letzte Überlebende aus dem Geschlecht derer von Greifenberg, und doch hatte die Kultur des fernen Westens sie tiefer geprägt als die ihres eigenen Volkes.

Xiang genoss den Augenblick der Harmonie. Er spürte den Pulsschlag in ihrem Bauch. Sein Herz schlug im gleichen Rhythmus. Sie waren eins. Osten und Westen in Frieden vereint. Der Traum des Khans. Warum nur konnte im Großen nicht Wirklichkeit werden, was zwischen ihnen so selbstverständlich geworden war?

Wieder strich er über die glatte, warme Haut ihres Bauchs. Erst seit kurzem sah man Marcia an, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug. Selbst jetzt wirkte sie noch sehr schlank, wenn er sie von hinten betrachtete. Sie hatte knabenhaft schmale Hüften. »Ich freue mich auf unser Kind«, hauchte er in ihren Nacken.

»Es ist nicht unser Kind«, sagte sie leise. »Nicht dieses. Aber ich verspreche es dir, bald … Ein Jahr, und du wirst deinen ersten Sohn in den Armen halten.«

Seine Hände glitten behutsam über ihren Bauch. Er konnte spüren, wie sich das Kind bewegte. »Fühlst du, wie es tritt?«

»Besser als du«, entgegnete sie lachend und wollte sich umdrehen. Doch er hielt sie fest. Er wollte verweilen, wollte ihren Duft mit sich nehmen. Für immer. Er wusste nicht, was die Welt für ihn künftig noch bereithalten mochte.

»Was ist los mit dir?«

»Nur melancholische Stimmungen am Abend vor einer Schlacht …«, flüsterte er in ihr Haar.

»Was hat Bao Li von dir gewollt?« Sie löste sich mit Kraft aus seiner Umarmung. »Was?« Ihre wunderschönen himmelblauen Augen funkelten vor Zorn. »Ich werde Leng schicken, um ihm die Kehle durchzuschneiden!«

»Nein, Marcia. Das wird nicht helfen. Er trägt das Siegel des Khans und hat es bereits unter meinen Reiterführern herumgezeigt … Sie können das nicht ignorieren. Wenn er getötet wird, dann wird es zu Kämpfen kommen. Nicht alle werden mir folgen, wenn das bedeutet, sich gegen den Khan zu stellen.«

»Und was werden wir tun?«

Es gefiel ihm, wie sie immerzu wir sagte. Sie war eine starke Frau. Er hatte sie völlig falsch eingeschätzt, als der Khan sie seiner Obhut unterstellt hatte.

»Was ich immer vor einer Schlacht tue. Ich werde eine Nacht gut schlafen und gründlich darüber nachdenken, wie ich siege. Morgen nehme ich dann den Kampf auf.« Er lächelte breit.

Sie ging nicht darauf ein, sondern blieb ernst. »Du hast also zwei Schlachten zu schlagen. Die eine gegen den zweiten Leibarzt des Khans, die andere gegen die Wagenburg.«

»Die zweite bereitet mir keine großen Sorgen. Sie werden nicht gegen uns bestehen können …«

Marcia nickte. Sie wirkte bedrückt.

»Was ist?«

»Die Wappen«, sagte sie. »Etliche Planen der Wagen sind mit Wappen geschmückt. Viele freie Ritter begleiten den Zug. Männer, die sich geweigert haben, den Reichsfürsten, die meine Familie ermordet haben, die Treue zu schwören. Sie mussten mit ihren Familien aus dem Reich fliehen. Sie haben für ihre Treue alles aufgegeben. Es ist anders als vor der Schlacht auf dem Krähenfeld … Sie sollten nicht sterben.«

Xiang war überrascht, sie so reden zu hören. Zugleich war er dankbar, dass sie nicht mehr über diesen verfluchten Leibarzt sprachen. »Ich werde mit ihnen verhandeln, bevor wir angreifen. Sie sollen Gelegenheit haben, diesen aussichtslosen Kampf zu vermeiden, ohne ihr Gesicht zu verlieren.«

Marcia war sichtlich erleichtert. Sie sammelte ihre Kleider von den Teppichen auf, mit denen die Jurte ausgelegt war. Xiang mochte die Jurten mit den dicken Filzwänden nicht. Vor allem im Sommer war es heiß und stickig hier drinnen. Er zog es vor, unter freiem Himmel zu schlafen, so wie seine Krieger.

»Soll ich nicht doch bleiben?«, fragte Marcia plötzlich.

Nichts wäre ihm lieber! Doch ihm stand anderes bevor.

»Nein«, sagte er entschieden. »Du weißt, wenn die Karrenritter mein Angebot, sich zu ergeben, nicht annehmen, werde ich an der Seite meiner Männer kämpfen. Ich muss ausgeruht und bei Kräften sein …« Er betrachtete den gewölbten Bauch und ihre Brüste, die sich deutlich üppiger als sonst unter dem blassblauen Seidenkleid abzeichneten. »Ich bin ein schwacher Mann. Wenn du hier bist, werde ich den Verlockungen nicht widerstehen und dich die ganze Nacht liebkosen und mich mit dir unseren Träumen hingeben.«

Ihre Augen strahlten wie der Sommerhimmel. »Ich weiß«, entgegnete sie mit einem sinnlichen Lächeln, und es war, als versuchte sie, ihn allein kraft ihres Lächelns zu verführen.

So gern hätte er ihr nachgegeben.

Schließlich bückte sie sich und schlug die beiden kostbaren Trinkschalen aus hauchzartem dunkelblauem Porzellan in ein Seidentuch ein. Sie waren ein Geschenk des Khans. Rotgoldene Greifen waren auf die Schalen gemalt, die Wappentiere des Hauses von Greifenberg.

»Danke«, sagte er leise und bereute es sofort. Seine Stimme hatte zu melancholisch geklungen!

Marcia sah zu ihm auf. »Wofür?«

»Für diesen Augenblick des Friedens. Dafür, dass ich erst durch dich weiß, was das Ziel meines Lebens ist.«

»Du hast also beschlossen, mein Diener zu sein?« Sie bedachte ihn mit ihrem wenig damenhaften breiten Grinsen.

»Jetzt und für immer!«, sagte er ernst. »Ich werde dich beschützen, und wenn die Westermark unterworfen ist, werde ich weiter ins Reich mit dir ziehen und erst ruhen, wenn du wieder auf dem Thron sitzt, der einst deinem Vater gehörte.«

»Der Khan wird das nicht gestatten …«

»Der Khan träumt davon, dass Westen und Osten in immerwährendem Frieden vereint sind«, entgegnete Xiang entschieden. »Könnten wir einen besseren Weg zu diesem Ziel beschreiten, als dich wieder auf den Thron zu heben, der dir dank deines Blutes gehört?«

Sie sah ihn traurig an. »Wer groß träumt, schreitet am Rande des Abgrunds, sagt man in meinem Volk. Du allein genügst mir, General Xiang. Du hast die Leere meines Lebens mit Liebe gefüllt. Ich brauche kein Reich. Ich habe mein Glück schon gefunden. Vergiss das nicht, wenn du deine Schlachten planst.« Sie hob den Filzvorhang am Eingang und verließ die Jurte.

Xiang blickte in die Glut des Feuers. Wie hätte er ihr sagen können, dass in dieser Nacht ihre Zukunft enden würde?


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES EBERS, 11. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Bao Li war überrascht, den General nackt zu sehen, als er mitten in der Nacht in dessen Jurte trat. Es gab weder Frauen noch Wein in der Jurte. Xiang Yu gab sich keinen Vergnügungen hin, sondern saß im Lotussitz und wirkte tief in Gedanken versunken.

Einige Zeit wartete Bao schweigend ab. Nach einer Weile wagte er es, sich leise zu räuspern.

»Sprechen wir«, sagte der General in ruhigem Tonfall.

Bao schwitzte. Nicht weit von Xiang Yu lehnte ein blank gezogener Säbel an einem der Pfosten der Jurte. »Wie Ihr schon sagtet, seid Ihr ein Freund offener Worte, General Yu. Wenn Ihr kein Rebell sein wollt, dann werde ich Euch nun die Hoden entfernen müssen. Ich werde sie in einem Gefäß mit Alkohol konservieren und dem Khan vorzeigen, wenn ich an den Wandernden Hof zurückkehre.«

»Morgen werden sehr viele Hoden verfügbar sein, wenn wir die Wagenburg erobern …«

»Wollt Ihr mir nahelegen, den Khan zu hintergehen, General Yu?«, fragte Bao beklommen.

»Wisst Ihr, wie ich Schlachten gewinne, ehrenwerter Meister Li?«

»Ich weiß, wie man Leben bewahrt, General, nicht, wie man sie in großem Stil auslöscht.« Bao hielt es für klüger, ein wenig offensiv aufzutreten, vor allem in Anbetracht der tatsächlichen Befehle des Khans.

»Ich denke schon, dass es eine unmittelbare Verbindung zwischen meinen Hoden und der Bewahrung oder Auslöschung vieler Menschenleben gibt.« Der General blieb auf beängstigende Weise gelassen. Im Lotussitz, ganz nackt, mit geschlossenen Augen und seinem überaus eindrucksvollen, bis weit über die Brust reichenden schwarzen Bart, erinnerte er eher an einen entrückten Mönch denn an einen Krieger. Freilich verrieten die Narben an seinem Körper überdeutlich, dass sein Leben der Gewalt und nicht friedlicher Meditation gewidmet war.

»Doch kehren wir zurück zu meiner Frage, Meister Li. Ich siege, weil ich versuche, mich in meine Feinde hineinzuversetzen. Ich bedenke ihre Möglichkeiten und Ziele. Dann wäge ich meine Möglichkeiten und Ziele ab. Heute habe ich zwei Schlachten zu schlagen. Der Kampf gegen die Karrenritter sollte leicht zu gewinnen sein. Ihr seid es, Meister Li, der mir Sorge bereitet.«

Bao räusperte sich. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie unglaublich stickig es war. Die Kehle wurde ihm eng. »Ich fürchte, ich vermag Euch nicht zu folgen, General.«

»Ich unterstelle, dass Ihr es auf Eurem Gebiet mindestens ebenso gut versteht, mit der Klinge umzugehen, wie ich auf meinem. Was dies angeht, seid also beruhigt.«

Das war er nicht, dachte Bao. Immer noch hielt Xiang Yu die Augen geschlossen. »Was sollte mich also beunruhigen?« Seine Worte waren eine Winzigkeit zu scharf gesprochen. Er wünschte, er könnte sich ebenso gelassen geben wie der General.

»Ich denke, dass der Khan mich als Bedrohung sieht und Ihr, ehrenwerter Meister Li, das Werkzeug sein sollt, das diese Bedrohung beseitigt. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es unter meinen Anführern nur drei gibt, die vom Siegel des Khans so beeindruckt sein könnten, dass sie sich gegen mich stellen würden. Ich habe dafür gesorgt, dass sie morgen während der Kämpfe Gelegenheit haben werden, den Heldentod zu sterben.«

Bao rang mit der absurden Vorstellung, dass sich eine Schlinge um seinen Hals zuzog. Sein Atem ging keuchend, ein wahrer Sturzbach von Schweiß rann seinen Rücken hinab. »Es muss sehr beruhigend sein, sich seiner Gefolgsleute so sicher zu sein.«

»Ich hingegen befürchte, dies ist der Grund, warum ich sterben soll.«

»Das seht Ihr falsch, ehrenwerter General. Es ist die Prinzessin … Wenn es keinen Grund zu der Sorge mehr gibt, dass Ihr mit ihr Kinder zeugt …«

»Ich gestehe, das habe ich Euch bei unserem ersten Gespräch geglaubt, Meister Li.« Jetzt öffnete der General die Augen. Eine Klinge am Hals zu spüren konnte nicht schrecklicher sein, als diesen Augen ausgeliefert zu sein. Sie waren unerbittlich. Ihnen entging nichts. »Es ist in der Tat sehr warm in der Jurte«, bemerkte der General.

»Ja …« Boa hatte sich immer für einen redegewandten Mann gehalten, doch die Worte erstarben ihm in der Kehle, lange bevor sie ihm über die Lippen kommen konnten.

»Wie es scheint, hat der Khan sein Vertrauen in mich verloren«, fuhr der General fort. »Glaubt Ihr, dies sei ein Leiden, das Ihr heilen könnt, Meister Li?«

Bao setzte die kleine Kiste mit den Instrumenten und Tinkturen, die er unter dem Arm trug, neben der Feuerstelle ab und ließ sich dem General gegenüber nieder. Den Lotussitz nahm er nicht ein, das erlaubten seine müden Gelenke schon lange nicht mehr. »Wart nicht Ihr derjenige, der zuerst das Vertrauen gebrochen hat? Ihr solltet Prinzessin Marcia behüten und nicht auf Euer Lager zerren.«

»Bildet Ihr Euch häufig Eure Meinung aufgrund von Hörensagen, werter Meister Li?«

Bao überging diese Bemerkung. »Berichtigt mich, wenn ich mich irre, doch ich glaube, Ihr seid ein Mann, dem eine Frau angetraut ist. Seid Ihr Euch bewusst, dass Ihr durch diese Ehe die Prinzessin zu Eurer Konkubine macht?«

»Gestattet, dass ich die Basis, auf der Eure Meinung ruht, ein wenig erweitere, Meister Li. Ich war sieben Jahre alt, als meine Eltern entschieden, ein Eheversprechen zu geben, dessen einziges Ziel es war, ein Bündnis zwischen zwei einflussreichen Familien zu stärken, damit sie einander halfen, die Ränkespiele am Wandernden Hof zu überleben. Als ich fünfzehn war, wurde die Ehe vollzogen. Ich zeugte drei Kinder mit meiner Frau. Liebe war dabei nie im Spiel. Heute kann ich sagen, meine Gemahlin fühlt sich nur dann wirklich wohl, wenn ich mindestens tausend Meilen entfernt bin und an der Spitze eines Heeres reite, so dass die begründete Hoffnung besteht, dass ich vor der Zeit gewaltsam aus dem Leben gerissen werde.«

Das klang fast wie seine eigene Geschichte, dachte Bao. »So werden Ehen eben geschlossen«, bemerkte er trocken. »Glaubt Ihr, Euch habe ein besonders hartes Schicksal getroffen, General?«

»Wart Ihr jemals verliebt, Meister Li?«

Bao wedelte mit der Hand. Solche Gedanken musste man wie eine Pferdebremse verscheuchen. »Liebe ist nur ein Strohfeuer. Weise ist es, eine Ehe auf Vernunft zu gründen.«

Der General lächelte milde. »Das wären genau meine Worte gewesen, bevor mir die Liebe begegnete. Sie lässt das Leben auf eine Art golden werden, die man sich nicht vorstellen kann, wenn man sie nicht kennt. Sie ist ein Gewürz, das jeden Augenblick des Seins veredelt.«

Bao war erschüttert. Der bedeutendste General des Khanats redete wie ein verwirrter Jüngling, und er war zutiefst überzeugt von dem Unsinn, den er von sich gab. Ihm die Hoden zu nehmen würde vielleicht die Fesseln lösen, in die seine Wollust seinen Verstand geschlagen hatte. Es wäre von Interesse, das als Arzt zu beobachten. Aber dazu würde es nicht kommen.

»Soweit ich sehe«, sagte der General nun wieder deutlich nüchterner, »kann der Khan nur meinen Tod wollen. Lässt er mich hinrichten, könnte das eine Rebellion auslösen, denn meine Krieger dulden meinen Umgang mit Marcia, und auch ohne Hoden kann ich eine Armee gegen den Khan führen. Insofern bringt, was Ihr hier tun wollt, dem Khan keinen Nutzen. Es sei denn, Ihr verabreicht mir ein schleichendes Gift.« Xiang Yus Blick wurde stählern. »Sterbe ich auf eine Art, die man mit Euch in Verbindung bringt, dann werden meine Männer mich rächen. Was also gedenkt Ihr zu tun, Meister Li?«

»Ich werde tun, was einem treuen Diener des Khans zu tun gebührt. Ich werde die Befehle meines Herrschers ausführen.«

Der General erhob sich und griff nach dem Säbel, der an dem Stützpfosten lehnte.

»Ihr seid ein mutiger Mann, Meister Li.« Mit diesen Worten hob er die Lederscheide des Säbels auf und schob die Waffe hinein.

Bao beobachtete ihn misstrauisch. Er zweifelte nicht daran, dass der General ihn auch mit bloßen Händen töten konnte.

Xiang Yu legte die Waffe weg und blickte auf ihn hinab. Der Leib des Generals war mit Narben bedeckt. Manche waren nur noch feine weiße Linien, andere wulstige rote Wucherungen. Diese alten Wunden zu sehen und sich vorzustellen, wie sie geschlagen und danach behandelt worden waren, lenkte Bao vom Unvermeidlichen ab. Der General war mehrfach in die Hände entsetzlicher Stümper gefallen, so viel war sicher. Erstaunlich, dass er immer noch lebte.

»Wie werdet Ihr vorgehen, Meister Li?«

»Was meint Ihr …« Bao konnte Xiang Yu nicht ganz folgen.

»Wenn Ihr mich entmannt. Wie soll es vonstattengehen? Auf welche Art …« Der General stockte. »Wie werdet Ihr meine Hoden entfernen?«

»Ihr lasst mich meine Arbeit tun?«

»Ich habe die Freiheit zu entscheiden, was ich bin. Ein Rebell gegen den Khan war ich nie. Ich bin es nicht einmal jetzt, da er mir ein grausames Unrecht tut.«

Bao sah ihn verständnislos an. War das eine Falle?

Der General legte sich auf die Matten im Zelt. »Fangt an! Der Khan hat die Macht, mich töten zu lassen, aber ich schenke ihm nicht die Macht, mich zu jemandem zu machen, der ich nicht sein will. Nur eines muss ich wissen: Bleiben mir noch ein paar Stunden?«

»Ihr werdet ganz gewiss nicht daran sterben, dass ich Euch die Hoden entferne«, sagte Bao beruhigend und schämte sich für seine Worte, die keine Lüge waren, jedoch die Wahrheit verbargen. Er öffnete den kleinen Kasten, nahm das Messer mit dem Elfenbeingriff und ein Seidentuch. »Es ist nur ein Schnitt in den Hautbeutel, in dem sie liegen. Ich werde die Stränge durchtrennen, an denen sie hängen. Ihr seid oft schwerer in Eurem Leben verwundet worden, General. Wenn Ihr Euch jetzt eine der Nackenrollen dort vorn unter Eure Hüfte schieben könntet? Das würde mir meine Arbeit erleichtern.«

Xiang Yu befolgte seine Anweisung. »Ich muss noch einen Tag leben«, beharrte er.

»Ich bin Leibarzt und kein Scharfrichter«, log Bao. Er nahm ein kristallenes Fläschchen aus dem Kistchen und träufelte ein wenig Drachenwurzelsud auf die Klinge. Einen Sud, dem er noch eine Kleinigkeit hinzugefügt hatte.

Der General beobachtete ihn misstrauisch. So oft, wie sein Fleisch wieder zusammengenäht worden war, musste ihm eigentlich vertraut sein, dass ein guter Leibarzt seine Werkzeuge reinigte, bevor er sie nutzte.

»Es wird ein erlesener Schmerz sein, wie Ihr ihn noch nicht kennt, General. Ich könnte Euch eine Traumkugel …«

»Ich habe morgen eine Schlacht zu schlagen, Meister Li, sofern ich unsere Gegner nicht überzeugen kann, sich zu ergeben. Ich brauche einen scharfen Verstand, wenn ich Blutvergießen vermeiden will. Es kommt für mich nicht in Frage, meine Sinne zu vernebeln. Ich werde über den Schmerz triumphieren.«

Heroischer Unsinn, dachte Bao. Über Schmerz triumphierte man nicht. Bestenfalls schaffte man es, Schmerzenslaute zu unterdrücken.

Er würde den General vergiften. Und es war ihm zuwider! Dieser Xiang Yu hatte mehr von einem Khan an sich als der Mann, auf dessen Befehl er hier war. Der Khan hatte entschieden, seinem General alles zu nehmen. Am Ende würden es die Männer der Ehernen Horde sein, die ihren Feldherrn töteten.


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

FRÜHER MORGEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Das ist eine Falle!«, beharrte Jan von Tanow. Ihr Oheim hielt ihr Pferd am Zügel zurück.

»Ich komm da schon raus«, entgegnete Zaneta zuversichtlich. »Die beiden sind die einzigen Reiter. Was sollte mir schon geschehen?«

»Sie halten sich außer Reichweite unserer Armbrustschützen! Das allein sagt …«

»Das täte ich auch, wenn ich an ihrer Stelle wäre.« Sie legte die Hand auf die mit Flugrost bedeckte Brustplatte, die sie über dem schweren Kettenhemd trug. »Wir sehen aus, als wären wir Feiglinge, wenn wir darauf nicht eingehen. Der Kerl in der Seidenrobe hält die Standarte des Feldherrn. Und der andere, das könnte Xiang Yu höchstselbst sein.«

Ihr Oheim nickte sichtlich widerstrebend. »Ein Mann in der einfachen Lederrüstung eines Steppenreiters und mit üppigem Bart. Das könnte er sein. Aber es könnte auch irgendein Meuchler sein. Beim Herrn des Himmels, du führst die Karrenritter an. Willst du es dem Gegner so leichtmachen, dich umzubringen?«

»Ich habe auch dein Pferd satteln lassen, Oheim. Ich könnte mir keinen besseren Leibwächter vorstellen.«

»Sehe ich irgendwie verrückt aus?«

Zaneta machte eine vage Geste. Im hellen Sonnenlicht sah man deutlicher die feinen Fältchen, die sein Gesicht durchzogen, und der Nordwind zupfte an seinem schwarzen Haar und dem Seidenschal, der lose um seinen Hals geschlungen war.

»Verdammt! Also schön. Ich lasse dich nicht allein gehen!«

Sie hob den Arm, und aus dem inneren Wagenkreis wurde das gesattelte Schlachtross ihres Oheims herbeigeführt.

»Du warst dir sicher, dass ich mitkommen würde?«

Zaneta entschied, dass es klüger wäre, darauf nicht zu antworten, und lächelte nur.

Seite an Seite ritten sie den Hügel hinab. Die beiden fremden Reiter verharrten indes bewegungslos auf ihren Steppenponys. Als sie auf fünf Schritt heran waren, zügelte Zaneta ihr Pferd. Die beiden Männer, die sie erwarteten, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Der Standartenträger war glattrasiert. Er trug ein mohnrotes Seidengewand mit goldenen Stickereien. Sein Sattel und Zaumzeug waren mit Gold beschlagen. Kleine Glöckchen hingen an seinen Zügeln. Sein Haar war streng zurückgekämmt. Kein Stäubchen lag auf seinen Kleidern.

Ganz anders der Mann an seiner Seite. Der trug eine verschrammte lederne Brustplatte. Ein wilder schwarzer Bart reichte ihm bis weit über die Brust. Seine Kleider waren abgetragen. Dunkle Schweißränder waren unter den Achseln zu sehen. Er wirkte, als fühle er sich unwohl im Sattel. Dabei hieß es von den Steppenreitern des Khanats doch immer, sie würden reiten lernen, bevor sie laufen lernten.

»Ich …«, begann sie in der zungenbrechenden Sprache des fernen Westens und zeigte dabei mit der Rechten auf ihre Brust. »Ich Zaneta von der Birkenau. Ich …«

»Wir können uns gern in Eurer Sprache unterhalten. Ang Min und ich sprechen sie ganz gut, Ritterin«, unterbrach sie der Bärtige.

»Und Ihr seid?«

»General Yu«, antwortete der Glattrasierte anstelle des Bärtigen.

Zaneta maß den Befehlshaber mit Blicken. Ihr Pferd war wesentlich größer als seines. Wenn sie beide absteigen würden, sollte sie ihn fast um Haupteslänge überragen. Er musste zu ihr aufschauen. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er wirkte angespannt.

»Was gibt es zu besprechen, General?«

»Ich denke über meine Gegner lange nach …« Er deutete zu der Wagenburg auf der Hügelkuppe. »Ich gehe davon aus, dass Ihr einen zweiten inneren Wagenkreis aufgestellt habt, auf den Eure Männer zurückfallen können, wenn wir den Hügel stürmen.«

Zaneta verbarg ihren Ärger über die geplatzte Überraschung hinter einem Lächeln. »Das wäre wohl möglich, General.«

»Ich bezweifele nicht, dass Ihr tapfer kämpfen werdet. Die Karrenritter haben sich einen Namen gemacht …« Der General deutete auf die verschiedenen Feldlager seiner Armee im weiten Grasland. »Dennoch ist unsere Übermacht so erdrückend, dass es keinen Zweifel am Ausgang dieser Schlacht geben kann. Deshalb biete ich Euch an, Euch zu ergeben. Ich mag es nicht, wenn tapfere Männer und Frauen sinnlos ihr Leben fortwerfen.«

Mit einem solchen Angebot hatte Zaneta nicht gerechnet. Sie stutzte, schüttelte dann aber den Kopf. »Wir sind nicht in die Westermark gekommen, um uns dem Khan zu unterwerfen. Wir leben in Freiheit. Ohne Herren, vor denen wir das Knie beugen!«

»Und wenn die rechtmäßige Kaiserin Marcia aus dem Geschlecht derer von Greifenberg Euch darum bitten würde?«

Zaneta fühlte sich vollends überrumpelt. Sie blickte zu ihrem Oheim, der ärgerlich den Kopf schüttelte. »Ich weiß nicht, was für ein übles Spiel Ihr treibt, General Yu. Das Geschlecht derer von Greifenberg wurde ausgelöscht. Es gibt keine Überlebenden. Die Reichsfürsten waren überaus gründlich!«

»Ihr irrt, werter Ritter. Nach Eurer Gestalt zu urteilen müsst Ihr Jan von Tanow sein. Ihr habt das Reich bereist und einst als bester Schwertkämpfer in dem berühmten Kaiserturnier gesiegt. Ihr kennt gewiss viele Geschichten. Habt Ihr nie von der Magd gehört, die zwischen den Toten und Sterbenden am Fuß des Palastturms ein Mädchen hervorgezogen hat, das noch lebte? Die siebenjährige Prinzessin Marcia …«

Ihr Oheim hob abwehrend die Hände. »Das ist nur eine Mär!«

»Es ist im Interesse der Reichsfürsten, dass man das glaubt«, entgegnete der General ruhig. »Marcias lange Flucht endete am Wandernden Hof, als sie elf Jahre alt war. Sie ist ein Mündel des Khans.«

»Davon habe ich noch nie gehört! Ihr seid einer Hochstaplerin aufgesessen, General Yu!«

»Folgt uns in mein Lager. Ich biete Euch und Eurem Oheim freies Geleit, Ritterin«, erwiderte der General und wandte sich an ihren Oheim: »Ihr müsst den kaiserlichen Hof noch mit eigenen Augen gesehen haben, als Ihr ein junger Ritter wart, Jan von Tanow.«

»Nein!«, sagte Zaneta entschieden. »Wenn Euch daran gelegen ist, Frieden zu schließen und uns zu überzeugen, was hindert Euch dann daran, die Kaiserin hierher, zwischen unsere Lager, zu führen?«

»Unterstellt Ihr mir, ich würde mein Wort nicht halten?« Die Andeutung eines Unwohlseins war aus den Zügen des Feldherrn verschwunden. Seine dunklen Augen blickten kalt zu ihr empor. »Ich wollte Euch die Hand reichen, Ihr habt sie ausgeschlagen. Nun beginnt das Sterben! In einer Stunde greifen wir an. Sprecht Eure letzten Gebete an den Herrn des Himmels!« Er wendete sein Pferd und ritt mit seinem Begleiter davon.

»Glaubst du seine Geschichte, Oheim?«, fragte Zaneta beklommen. Hatte sie die Männer und Frauen, die ihr folgten, leichtfertig zum Untergang verdammt?

»Nein! Es ist nur eine Mär. Die Wahrheit ist, dass die Reichsfürsten bei ihrem Massaker an der Kaiserfamilie dafür gesorgt haben, dass es keine Überlebenden gab.«

Auch Zaneta wendete ihr schweres Schlachtross. Sie hatte das Gefühl, einen ganzen Berg auf ihren Schultern zu tragen, als sie zur Wagenburg auf dem Hügel hinaufblickte. »Manchmal wünschte ich mir, Mären könnten wahr werden.«


WESTERMARK, SÜDLICH DER WOLFSMARSCHEN,

FRÜHER MORGEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Das ist nicht zu schaffen!« Er hieb wütend mit der Faust auf den Tisch. »Sie hätte weiter nach Osten ausweichen sollen!«

Einige Herzschläge lang herrschte Schweigen in dem großen weißen Zelt. Niemand wagte es, ihm, Gamrath von Hatzfeld, dem Hochmeister des Ordens vom Schwarzen Adler, unmittelbar zu widersprechen.

»Man sollte Harnischweibern, die noch grün hinter den Ohren sind, keine Befehlsgewalt übertragen«, grollte er weiter.

»Sie wurde gewählt, Hochmeister«, bemerkte der junge Ritter, den Zaneta geschickt hatte.

»Jaroslaw von Naklow, richtig?«

Der junge Ritter nickte.

»Dein Vater war ein tapferer Mann … Hab mit ihm gekämpft.« Gamrath schüttelte ärgerlich den Kopf. »Aber dieser Unsinn, Frauen zum Kämpfen auszubilden und ihnen auch noch die Ritterwürde zu verleihen …« Er fuhr mit der Hand über die Karte. »Sie hätte ausweichen sollen.«

»Mit Verlaub, Hochmeister: Das konnte sie nicht. Nicht mit den dreihundert schweren Karren.« Jaroslaw deutete auf die Karte. »Hier im Osten liegen dichte Wälder. Da gibt es keine Straße. Die Eherne Horde ist schneller vorgedrungen, als wir alle erwartet hatten, und … Eure Ritterschaft hat lange gebraucht, um sich zu versammeln.«

»Natürlich ging das nicht über Nacht! Wir haben die besten Männer aus den Ordensfestungen im Umkreis von mehr als siebenhundert Meilen zusammengeführt. Dazu ein großes Aufgebot, das aus dem Reich zu uns gestoßen ist. Es ist die Blüte unserer Ritterschaft, die dort draußen Holz fällt und Flöße baut. Männer, wie wir keine mehr haben, wenn wir die verdammte Horde nicht an der Geiße besiegen.«

Jaroslaw deutete auf eine Stelle am Fluss. »Diese Karte ist nicht sehr gut. Ich vermute, Zaneta wird die Wagenburg hier errichten. Das ist der am besten geeignete Platz.«

Gamrath betrachtete den Jüngling. Ihm wuchs gerade der erste Flaum, aber er war kräftig. In seinen blauen Augen lag etwas … Er war ein Kämpfer. Einer, der nichts hinnahm. Der den Mut hatte, selbst ihm, dem Hochmeister, Widerworte zu geben. Aus ihm hätte man einen guten Ordenskomtur schmieden können. Diese freie Ritterschaft der Westermark war aus hartem Holz geschnitzt! Sie fügten sich keinen Regeln, kannten keine Disziplin. Abenteurer und Rebellen … Familien, die dem Kaiser auch über dessen Tod hinaus die Treue hielten, geradeso wie der Orden. Beinahe jedenfalls …

Noch immer dachte Gamrath voller Zorn an die Versammlung der Komture vor zweiundzwanzig Jahren. Kaiserritter nannte das Volk die Ordensritter oft. Doch sie hatten nichts getan, um den Mord an Kaiser Orelian und seiner Familie zu sühnen. Der damalige Hochmeister hatte so entschieden, um das Reich nicht in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Er, Gamrath, hatte das immer als einen feigen Verrat empfunden. Aber er war damals nur einer der Komture gewesen und hatte gehorchen müssen. Der Orden vom Schwarzen Adler hatte seither Abstand zu den Reichsfürsten gehalten. Doch das war nicht genug. Sie hätten diese dreckigen Mörder an den Zinnen ihrer Burgen aufknüpfen sollen!

An jenem Tag vor ein paar Monden, als er von der Niederlage der Reichsfürsten auf dem Krähenfeld gehört hatte, hatte er einen großen Krug kamarinischen Roten auf den einstigen Kaiser getrunken. Etliche der Mörder des Kaisers hatte auf jenem Schlachtfeld endlich Gerechtigkeit ereilt.

»Dieses Harnischweib, Zaneta … Wie lange wird sie den Hügel halten können?«

Gamrath folgte Jaroslaws Blick in die Runde der Komture. Sie waren allesamt erfahrene Krieger. Jeder von ihnen hatte schon gegen die Horden des Khanats gekämpft. »Das ist schwer zu sagen.«

»Ist es nicht«, mischte sich Mario Canali ein. Der Komtur von Mewen entstammte einer großen Kaufmannsfamilie aus Cilia, die, nachdem der Erzpriester der Insel die Stadt Arbora hatte niederbrennen lassen, ins Reich ausgewandert war. Mario war weniger ein Mann des Schwertes als vielmehr einer der Zahlen. Er hatte seinen Wert für den Orden bewiesen, indem er Nachschubwege aufgebaut, die Überschüsse der bewirtschafteten Ländereien mit gutem Gewinn verkauft und den Seehandel zu einer nie dagewesenen Blüte geführt hatte.

Mario deutete mit seinen schlanken sonnengebräunten Fingern auf die Karte. »Wir stehen hier. Eigentlich keine zehn Meilen von der Wagenburg entfernt, aber die Marschen trennen uns. Unsere schwer gepanzerten Reiter können sie nicht durchqueren. Außer auf den Flößen, an denen wir arbeiten.« Er fuhr in weitem Bogen um die Marschen. »Die Sümpfe erstrecken sich so weit nach Osten, dass wir einen Umweg von fast hundert Meilen in Kauf nähmen, wenn wir auf festem Grund ritten. Wollten wir nicht auf völlig erschöpften Pferden in die Schlacht ziehen, sollten wir für den Umweg drei Tage einplanen. Besser vier. Ganz sicher wird General Yu diesen Weg überwachen lassen. Wir würden ihn also auf keinen Fall überraschen, wenn wir von dort angreifen.« Mario streckte sich. Er war der Kleinste in der Runde der Ritter, aber er strotzte vor Selbstbewusstsein. Er war sich seiner Bedeutung für den Orden – für Gamraths Geschmack – etwas zu bewusst. »Ich würde empfehlen, die Karrenritter aufzugeben. Wir können sie nicht mehr rechtzeitig erreichen. Wenn es zu zwei getrennten Schlachten käme, besäße der Feind beide Male eine deutliche Übermacht. Wir würden ihm nur in die Hände spielen, wenn wir uns nicht zurückzögen.«

»Ich reite!«, verkündete der junge Jaroslaw trotzig. »Ich lasse Zaneta und die Karrenritter nicht im Stich!« Er sah sie alle herausfordernd an. »Zaneta hat auf Euch vertraut. Gegen den Rat ihres Oheims.«

»Wir können ihrer Fehler wegen nicht den Orden riskieren«, erwiderte der Komtur von Mewen knapp.

»Wie lange wird sie die Wagenburg halten können?«, fragte Gamrath den jungen Karrenritter noch einmal.

»Einen Tag vielleicht … Wenn General Yu wirklich dreißigtausend Mann ins Feld führt, greift er mit mehr als zehnfacher Übermacht an.«

Erneut fiel Mario Canali ihm ins Wort. »Sprechen die Zahlen nicht eine überdeutliche Sprache, Bruder Gamrath?«

»Dann gebt mir wenigstens die leichten Reiter des Ordens, Hochmeister«, bat Jaroslaw. »Die Waffenknechte und Sarjantbrüder. Mit ihnen könnte ich bis zur Wagenburg durchbrechen!«

»Um dann mit den Karrenrittern zu sterben?«, entgegnete Mario empört. »Eine großartige ritterliche Geste!«

»Zaneta wird nicht aufgeben. Sie wird bis zum letzten Mann kämpfen!« Jaroslaw sah die Versammelten der Reihe nach an. Wartete offenbar auf eine Antwort. Als niemand etwas sagte, nickte er. »Wisst Ihr, hohe Herren, ich hätte niemals geglaubt, dass es ausgerechnet wir wären, auf die Ihr mit Euren erlesenen Stammbäumen allesamt herabblickt, die der Westermark beweisen, was das Wort Ritterlichkeit bedeutet!«

»Setzt den Mann fest!«, rief Gamrath den Wachen vor dem Zelt zu.

»Das könnt Ihr nicht …«

Mehrere Ritterbrüder traten ein und packten Jaroslaw bei den Armen.

»Bei den schweren Entscheidungen, die es nun zu treffen gilt, können wir niemanden gebrauchen, der im Feldlager Unfrieden verbreitet.«

Der Karrenritter wurde fortgebracht.

»Es wird eine Entscheidung sein, die von den Zahlen diktiert wird«, bemerkte Mario sichtlich zufrieden. »Wir haben gar keine andere Wahl.«

»Bleibt Ihr nur bei Euren Zahlen!«, fuhr Gamrath die versammelten Komture an. »Ich kann in diesem Zelt nicht mehr atmen.«

»Aber wir müssen über den Weg beraten, auf dem wir uns nach Kapau zurückziehen«, wandte einer der anderen Komture ein.

»Ich bin sicher, der Herr der Zahlen weiß auch darauf schon eine Antwort!«, zischte Gamrath und trat hinaus.

Auch außerhalb des Zeltes herrschte trotz der frühen Stunde bereits drückende Hitze. Dunkle Wolken von Stechmücken tanzten über dem Heerlager, das sich über drei Meilen entlang der Marschen hinzog. Bei einem Winterfeldzug wäre der verfluchte Sumpf kein Hindernis gewesen. Spätestens im Eisnebelmond wäre der Sumpf so hart gefroren, dass selbst schwerste Karren das Eis hätten befahren können. Üblicherweise führte die Eherne Horde im Winter Krieg. Der Sommerfeldzug des Generals Yu hatte alle überrascht.

Traurig blickte Gamrath auf die Flöße, die schon bereitlagen. Sie waren mit Wänden aus Schilf versehen. Beim Vorwärtsstaken im Sumpf wären sie so gut wie unsichtbar. Einen einzigen Tag mehr hätten sie gebraucht! Einen Tag nur! Doch nun gab es nicht einmal genug Flöße für die Hälfte seiner schwer gepanzerten Reiter. Von den Waffenknechten ganz zu schweigen …

Immer noch schleppten Pferdegespanne aus den nahen Wäldern Holz zum Ufer. Ritter, Bauern und Zimmerleute arbeiteten Seite an Seite, als gäbe es keine Standesunterschiede.

War er zu alt geworden?, fragte sich Gamrath. Wann hatte Mathematik die Ideale des Rittertums abgelöst? Als er in den Orden vom Schwarzen Adler eingetreten war, war die Ehre das Maß der Dinge gewesen. Damals hätte er nicht gezögert, mit Jaroslaw selbst in eine von Anfang an verlorene Schlacht zu reiten. Aber wenn er jetzt einen Fehler beging, dann schlug er dem Orden eine Wunde, von der dieser sich nicht mehr erholen würde.

Doch welche Entscheidung wäre am Ende die verhängnisvollere: den Großteil der Ritterschaft in den Untergang zu führen oder sich als Hochmeister des Ordens dagegen zu entscheiden, ritterlich zu handeln?


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES DRACHEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Sie hatten es sich selbst zuzuschreiben, dachte Xiang wütend. Er hatte ihnen das Leben geboten! Er hatte ihnen die Wiederauferstehung des Kaiserhauses geboten, von dem sie träumten, und sie hatten es vorgezogen zu sterben.

Nun, zunächst einmal würden sie ihm helfen, die drei Befehlshaber aus seinem Heer zu entfernen, denen er nicht traute. Bao Li hatte mit all seinen Unterführern gesprochen, das wusste er inzwischen. Diese drei wären die Ersten, die sich gegen ihn wenden würden.

Er blickte aus dem Augenwinkel zu Ang Min. Wann der sich wohl von seiner höfischen Seidentracht und der albernen Frisur trennen würde? Auch er war dem Khan etwas zu sehr verbunden.

»Und nun, General?«

»Uru, Gabbar und Dschani werden die Ehre haben, den ersten Angriff gegen die Wagenburg zu führen. Bring sie in meine Jurte. Schnell!«

Ang Min trieb sein Pferd an und ritt ihm eilig voraus. Konnte er diesem Höfling trauen? Und war es möglich, dass Bao Li auch einen seiner Leibwächter bestochen hatte? Es brauchte nicht mehr als ein Messer … Warum bloß hatte er den zweiten Leibarzt des Khans letzte Nacht nicht einfach erschlagen? Nur wegen des Siegels? Für diese dumme, sentimentale Treue gegenüber dem Khan würde er bald teuer bezahlen.

Er stieg vor seiner Jurte aus dem Sattel. Ohne auf die Männer, die draußen auf ihn warteten, zu achten, betrat er sein Quartier. Er musste seinen Zorn beherrschen, und es galt, noch etwas zu vollenden.

Er setzte sich im Lotussitz vor den niedrigen Tisch. Die schwarzlackierte Platte war mit Intarsien aus Perlmutt und Rosenquarz geschmückt. Die kostbare Arbeit zeigte einen blühenden Kirschbaum, der die ersten Blüten verlor.

Er griff nach dem Schriftstück, an dem er bis zum ersten Morgengrauen gearbeitet hatte. Ihm war nur zu bewusst, wie wenig Talent er als Dichter besaß. Seine Gabe war es, Kriege zu führen. Sein Leben war voller Gewalt, beherrscht vom Grauen der Schlachtfelder. Wie sollte er da Worte der Liebe finden?

Er überflog die erste Zeile. War sie gelungen? Seine Schriftzeichen wirkten so ungelenk, wie die Worte in seinen Ohren klangen, als er sie leise vorlas:

Lebe wohl, meine Kaiserin …

Er versank in der Erinnerung an ihre erste Nacht und dachte daran, dass es ein Schlachtfeld gewesen war, auf dem ihre Liebe geboren wurde.

»General?« Ang Min stand im Eingang der Jurte. »Uru, Gabbar und Dschani erwarten deine Befehle.«

Xiang brauchte einen Augenblick, um in die Gegenwart zurückzufinden. War da ein Lächeln über Angs Antlitz gehuscht? Belustigte er seinen Stellvertreter? Wartete Ang darauf, die Befehlsgewalt an sich zu reißen?

»Bring die drei herein!« Eine Hitzewallung quälte Xiang. Lag es an dem, was Bao Li ihm angetan hatte? Daran, dass er kein Mann mehr war? Wusste Ang das etwa? Hatte er deshalb gelächelt?

Die drei Befehlshaber traten ein. Uru und Dschani trugen schwere Kettenhemden, die sie auf dem Krähenfeld erbeutet hatten, unter ihren ledernen Brustplatten. Sollten sie wirklich an Verrat denken, ließ sich davon nichts an ihren Gesichtern ablesen.

Gabbar war recht korpulent. Sein stattlicher Bauch wurde durch überlappende Eisenschuppen geschützt. Darunter trug er ein gelbes Gewand mit grüner Stickerei. Sogar seine Stiefel waren gelb. Er wirkte herausgeputzt, als sei er an den Wandernden Hof geladen.

»Sammelt eure Männer, meine treuen Weggefährten«, begrüßte Xiang die drei Krieger. »Euch gebührt die Ehre, die Wagenburg zu stürmen. Euren Truppen werden jeweils tausend Bogenschützen folgen, um eure Feinde zu schwächen. Da Reiter gegen die Wagen nicht helfen werden, erwarte ich, dass ihr zu Fuß angreift. Nehmt schwere Äxte mit, um euch euren Weg zu bahnen.«

»Gibt es etwas, was wir über die Verteidiger wissen sollten?«, fragte Gabbar, dem in der Hitze der Jurte bereits dicke Schweißtropfen auf der Stirn standen.

»Sie werden sich verbissen zur Wehr setzen. Es wird kein leichter Kampf werden.« Xiang sah die drei der Reihe nach an. »Ich mache euch nichts vor. Dieser Kampf wird kein Spaziergang. Zur Belohnung dürft ihr die Wagen plündern. Jeder eurer Männer darf so viele Schätze mitnehmen, wie er zu tragen vermag.«

Alle drei lächelten. Üblicherweise wurde Kriegsbeute gerecht unter allen Truppen der Horde aufgeteilt.

»Ich erwarte, dass ihr die Wagenburg bis zur Mittagsstunde gestürmt habt.«

»So lange werden wir nicht brauchen«, sagte Uru selbstbewusst.

»Macht mich stolz, meine Kriegsherren.« Xiang deutete mit einer Geste an, dass sie entlassen waren, und die drei zogen sich zurück.

Nur Ang Min blieb. »Hättest du ihnen nicht sagen sollen, was sie erwartet, General?«

»Sie kennen die Westermark. Sie sind schon gegen die Karrenritter gezogen. Wenn sie nicht erraten, welche Kriegslist der Feind anwenden wird, verdienen sie es nicht, Anführer der Ehernen Horde zu sein.« Der Widerspruch Ang Mins missfiel ihm. Früher hatte sein Stellvertreter sich nicht so viel herausgenommen. »Du wirst nach Westen reiten und den Kameltross heranführen!«


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

MORGEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Zaneta bückte sich, nahm ein wenig Erde und zerrieb sie zwischen den Händen. Es würde ein langer, heißer Tag werden. Eben erst hatte sie sich davon überzeugt, dass alle Wagen mit ausreichend Wasser versorgt waren.

»Nervös?« Ihr Oheim, Jan von Tanow, wirkte gelassen. Er hatte seine Rüstung angelegt. Er war einer der bestgerüsteten Männer in ihrem kleinen Heerhaufen, mit aus Eisenplatten getriebenen Beinlingen und Armstücken und einer maßgefertigten Brustplatte über dem Kettenhemd. Auf seinem Kopf saß eine Hundsgugel, ein eng anliegender Helm mit einem vor dem Mund spitz zulaufenden Visier, das ein wenig an eine Hundeschnauze erinnerte, wenn es herabgeklappt war. Jetzt aber trug er seinen Helm offen. Sein Gesicht war gerötet von der Hitze unter den vielen Rüstungsschichten.

Zaneta selbst trug eine Beckenhaube, einen Helm ganz ohne Visier. Sie mochte es nicht, wenn ihre Sicht auf zwei kleine Sehschlitze beschränkt war. Sie führte hier den Befehl. Sie musste mitbekommen, was um sie herum geschah.

»Mir wäre es lieber, wenn es endlich anfangen würde«, murrte sie übellaunig. »Fürs Warten bin ich nicht gemacht.« Sie spähte zwischen zwei Wagen hindurch zu den Lagern der Ehernen Horde. Alle Wagen standen Rad an Rad mit hochgeklappten Deichseln. Zwischen die Speichen der Räder waren schwere Eisenketten geschlungen, welche die Wagen miteinander verbanden, so dass keiner aus dem Bollwerk herausgezogen werden konnte.

Auf der zum Inneren der Wagenburg gewandten Seite waren breite Laufstege herabgeklappt, über die jeder einzelne Wagen betreten werden konnte.

Zaneta sah, wie sich vor den Lagern der Horde drei Heerhaufen versammelten. »Sie werden nicht zu Pferd angreifen«, murmelte sie verärgert.

»Xiang Yu ist kein Dummkopf«, sagte ihr Oheim hinter ihr. »Er wird wissen, dass Reiter dieses Bollwerk nicht überwinden können.«

»Sehe ich!« Sie blickte die Wagen entlang. »Spannt die Armbrüste!«, rief sie mit lauter Stimme. »Geschossen wird erst, wenn ich es befehle. Die Reiter im inneren Kreis sollen sich bereithalten.«

»Wann wirst du den Mummenschanz mit den Planen beenden?«

Sie sah ihren Oheim an.

»Zaneta, sie müssen wissen, was das für Wagen sind«, sagte er eindringlich.

Das war ihr auch klar. »Die Planen schützen unsere Männer vor der Sonne. Wir werden sie an den Vorderseiten der Wagen aufrollen.« Sie hatte die Bogenschützen gesehen, die hinter den Truppen aufmarschierten, welche für den Sturmangriff ausgewählt waren. »Geh zu den Reitern. Du führst den Ausfall, wenn ich es befehle.«

»Wir sollten vielleicht …«

»Dieses Mal brauche ich deinen Rat nicht, Oheim.« Ihre Unruhe war verschwunden. Das Warten war zu Ende. Sie winkte Waffenknechten, die sich zwischen den beiden Wagenreihen bereithielten. »Schafft Pavesen in die Wagen. Wir müssen unsere Kämpfer vor einem verfluchten Pfeilhagel schützen. Wer nicht in den Wagen kämpft und nicht zur Ausfalltruppe gehört, kriecht unter die Wagen in der zweiten Reihe.«

»Zaneta …«, begann ihr Oheim erneut.

»Jan von Tanow, du hast deine Befehle! Auf deinen Posten!«

Ihr Oheim fluchte und schloss das Visier seines Helms.

Es tat ihr leid, ihn barsch abzuweisen, aber vor den anderen Männern musste sie Härte zeigen.

Sie betrat die Holzrampe des Kriegswagens vor ihr.

Ein Mann in einem abgewetzten grünen Gambeson grinste sie breit an. Sein blondes Haar war schon schütter, und über seine linke Wange lief eine hässliche rote Narbe. »Hab noch nie erlebt, dass einer so mit dem Turniermeister spricht. Ist nicht der Größte, aber er hat ’ne flinke Klinge. Ich hätt mich das nicht getraut.«

»Ich bin eure Anführerin, weil ich mich Dinge traue, die andere nicht wagen«, entgegnete sie schmunzelnd und trat in den Karren.

Es stank nach Schweiß und Salzheringen. Der Wagen war eng. Keine zwei Schritt breit. Dafür mehr als acht Schritt lang. Mannshohe Holzwände fassten die Pritsche ein. Sie waren unter einer Plane aus gewachstem Tuch verborgen, so dass sie, von außen betrachtet, wie Wagen eines Kaufmannszugs aussahen. Die Holzwand, die den Feinden zugewandt war, wies vier dreieckige Schießscharten auf, jede fast so groß wie eine Hand.

Sechs Mann drängten sich im Inneren. Sechs weitere standen draußen bereit, um für die Schützen Armbrüste zu spannen. Kriegssensen und Dreschflegel lagen auf dem hölzernen Boden. Auch drei Saustecher, bestehend aus einer spitz zugefeilten dreikantigen Eisenstange, die fast einen halben Schritt lang war und auf einem doppelt so langen Holzschaft saß. Im Wagenboden verteilt, gab es knapp ein Dutzend Öffnungen, jede etwa so groß wie ein Silbergroschen. Auf den ersten Blick sahen sie in den dicken Eichenbohlen wie herausgebrochene Astlöcher aus. Sie waren für die Sauspieße. Für den Fall, dass Angreifer versuchten, unter den Wagen hindurchzukriechen.

»Hunger?« Einer der Männer bot ihr in einer flachen Holzschale salzverkrustete Heringe an.

»Bei mir kommt der Hunger immer erst, wenn die Schlacht vorüber ist«, sagte sie mit einem Achselzucken. »Vorher bekomm ich nichts runter. Danach könnte ich einen Bären fressen.«

Der mit der Narbe im Gesicht nickte heftig. »Ist bei mir genauso. Ich könnte …«

Kriegshörner erklangen. Geschrei aus Hunderten von Kehlen.

»Planen hoch!«, rief Zaneta mit Donnerstimme.

Zwei der Krieger im Wagen zerrten an Leinen. Vor der Wagenwand mit den Schießscharten glitt das Tuch hoch.

Zaneta sah drei Horden von Kriegern, die der Wagenburg entgegenstürmten.

»Wollt Ihr?« Der Waffenknecht mit der Narbe reichte ihr eine gespannte Armbrust.

Sie winkte ab. »Ich treff ein Scheunentor nicht, wenn ich davorstehe. Das werdet ihr besser machen.« Sie legte die Hand auf den Griff ihres Schwerts. »Ich halte sie euch vom Leib, wenn sie auf Armeslänge heran sind. Mein Oheim war mein Waffenmeister, und ich wette mit euch, dass keiner aus dieser Horde so fürchterlich ist wie er.«

Sie trat von den Schießscharten zurück, und der Narbengesichtige nahm ihren Platz ein. Er legte einen Bolzen auf, hob die Armbrust an die Schulter und zielte in aller Ruhe, während die Pfeile der Angreifer krachend in das dicke Holz der Wagenwände schlugen.

Zaneta nahm eine der Pavesen, jener mehr als einen Schritt hohen, breiten Schilde, und hob sie über den Kopf, um sich und die Umstehenden zu schützen.

»Schießt!«, befahl sie.

Armbrustsehnen sirrten, und die Schlachtrufe ihrer Feinde verwandelten sich in Todesschreie.


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

STUNDE DES DRACHEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Gabbar rang keuchend um Atem. Seine Krieger überholten ihn beim Angriff den Hügel hinauf. Er fluchte. Kargasen waren ein Reitervolk. Sie preschten ihren Feinden auf dem Pferderücken entgegen. Das hier war eine verdammte Schmach.

Armbrustbolzen schlugen in die vorderste Reihe seiner Männer ein. Gabbar war froh, nicht der Erste zu sein. Er war kein Feigling, aber er wusste das Leben doch zu schätzen …

»Soll ich ziehen?« Tanju streckte ihm eine Hand entgegen. Der junge Kerl war durch und durch ein Krieger! Muskelbepackt, für einen Kargasen ungewöhnlich groß gewachsen, und ein hübsches Gesicht hatte er auch.

»Soll ich dir in den Arsch treten, Lümmel? Ich bin dein Anführer, und ich brauche weder einen Krückstock noch ans Händchen genommen zu werden!« Blanker Schweiß stand Gabbar auf dem Gesicht. Verdammter Hügel! Er stieg über einen hechelnden Mann hinweg und vermied es, ihn genauer anzusehen – die Hände des Sterbenden waren um einen Bolzen geklammert, der bis zur Befiederung in seinem Bauch verschwunden war.

Pfeile sirrten über ihre Köpfe hinweg und hämmerten gegen das Holz der Kampfwagen, denn die verdammten Schusslöcher in den Wänden waren kaum so groß wie eine Männerhand. Nicht einmal jeder hundertste Pfeil würde so ein Ziel finden und Schaden im Wagen anrichten.

Es wäre klug zurückzufallen. Sie sollten sich etwas holen, womit sie die verdammten Wagen in Brand stecken konnten. Da oben gab es keine Beute! Die verdammten Wagen waren voller Armbrustschützen.

Gabbar blickte nach links, wo Dschani mit seinen Männern angriff. Die Kerle hatten fast die Wagen erreicht. Wenn er jetzt den Befehl gab, sich zurückzuziehen, dann würden diese Ziegenficker ihn bis ans Ende seiner Tage als Feigling verspotten!

»Vorwärts!«, stieß er keuchend hervor. »Wir brechen als Erste durch die Holzmauer.«

Tanju blickte verwundert zu ihm zurück. Er hatte sich eine der großen Äxte, die im Lager verteilt worden waren, auf den Rücken geschnallt.

»Glotz nicht wie ein Lämmchen! Gib mir deine Hand und zieh mich hinter dir her. Ein Kriegsherr führt seine Männer aus vorderster Linie.«

Ringsum ertönte das dumpfe Geräusch, mit dem Armbrustbolzen Lederpanzer durchschlugen. Wie schafften es diese verdammten Mistkerle, ihre Waffen so schnell nachzuladen?

Gabbar sah vor seinen Männern einen blau und rot bemalten Kriegswagen aufragen. Daneben stand ein gelber Wagen, auf den ein schwarzer Adler mit ausgebreiteten Schwingen gemalt war. Gelb war immer eine Farbe gewesen, die ihm Glück gebracht hatte.

»Dorthin!«, drängte er Tanju. »Bei dem sonnengelben Wagen brechen wir durch!«

»Warum bei dem?«, wollte der hochgewachsene Krieger wissen.

»Weil das Schicksal es bestimmt hat! Stell keine dummen Fragen. Du schwingst die Axt, und ich denke.« Gabbar zog seinen Säbel. Seine Hand war nass vor Schweiß. »Los, Männer! Der gelbe Wagen! Stürmt den gelben Wagen!«

Noch fünf Schritt.

Gabbar blickte wieder nach links. Dschanis Männer brandeten schon gegen die Wagen. Sie hatten den Feind als Erste angegriffen. Das ließ sich nicht mehr ändern. Aber er war derjenige, der als Erster durchbrechen würde!

»Los jetzt!« Sie hatten das Ziel erreicht. Der gelbe Wagen war fast drei Schritt hoch. Es war, wie vor einer Mauer zu stehen. Und sie hatten keine Leitern. Hunderte Pfeile steckten im Holz. Der Kriegswagen sah aus wie ein riesiges Stacheltier. Gabbar dachte an Igel, die in Lehmkruste in einem Erdloch gebacken wurden. Eine Köstlichkeit, die er schon lange nicht mehr hatte genießen dürfen …

Er führte einen Säbelhieb gegen den Kriegswagen. Die Klinge schlug nur eine dünne Furche in die gelbe Farbe. »Los, Tanju, die Axt! Schlag mit der Axt drein!«

Etwas flog über den Rand des Wagens. Gabbar duckte sich zur Seite. Ein kopfgroßer Feldstein traf einen seiner Männer vor die Brust, und dieser taumelte zurück.

Durch eine der Schießscharten wurde ein Spieß gerammt. Gabbar lenkte die Spitze der Waffe seitlich ab. »Schützt Tanju mit euren Schilden!«, befahl er. Ein Armbrustbolzen zischte so dicht an seinem Gesicht vorbei, dass er den Luftzug spürte. »Schützt Tanju!«

Auch andere Äxte krachten jetzt auf Wagenwände. Holzspäne wirbelten durch die Luft. »Weiter!«

»Achtung!«

Ein kleiner rußgeschwärzter Kessel, dessen Henkel vom Haken einer Hellebarde hing, wurde vor ihnen über die Holzwand des Wagens gehoben. Der Schaft einer Stangenwaffe von unten gegen den Kessel gestoßen, so dass der kippte. Eine klare, dampfende Flüssigkeit traf Tanju, der in dem Augenblick hinaufsah, als sich der Kessel neigte.

Gabbar warf sich zur Seite. Rauch wogte über ihn. Gellende Schreie hallten ihm in den Ohren. Tanju ließ die Axt fallen. Sein Gesicht war rot wie das Fleisch eines gehäuteten Kaninchens. Die Augen nur noch weiße Kugeln. Er brach in die Knie und schrie.

Etliche seiner Männer flohen den Hügel hinab.

»Bleibt hier! Verdammte Feiglinge! Kommt zurück. Wir brechen als Erste durch. Wir …«

Ein Stein traf Gabbar an der Schulter. Grelle Lichtpunkte tanzten ihm vor den Augen. Er griff in die Speichen des Wagenrads und wollte sich daran hochziehen. Sein Angriff begann zusammenzubrechen. Vor ihm stürzte ein Krieger. Er fiel auf sein Gesicht. Ein blutiger Armbrustbolzen ragte hinten aus seinem Helm.

Ihre eigenen Bogenschützen schossen nun über die Wagen hinweg ins Innere der Wagenburg. Gabbar spähte zwischen den Speichen hindurch. Der Boden des Kriegswagens lag mehr als einen halben Schritt über dem trockenen, niedergetrampelten Gras. Er konnte die Beine einiger Feinde sehen. Direkt hinter dem Wagen wurden Armbrüste gespannt. Daher die hohe Schussfolge, dachte er verärgert.

Gabbar ging auf alle viere. Wie dumm von ihnen, das Hindernis erstürmen zu wollen, wenn man doch einfach darunter hinwegkriechen konnte.

»Folgt mir!«, rief er den Letzten zu, die noch nicht aufgegeben hatten und mit ihren Waffen auf die dicken Holzwände einschlugen. »Wir kriechen hinein!«

Er würde der Erste in der Wagenburg sein, dachte er begeistert. Ganz, wie er es sich erträumt hatte. Und die Männer, welche die Armbrüste spannten, blickten nie unter die Wagen. Er lächelte. Sie hatten eben nicht mit ihm gerechnet. Er schob sich vorwärts.

Sein Schuppenpanzer schrammte leicht über die Bohlen des Wagenbodens. Plötzlich war da ein Druck in seinem Rücken. Er wurde niedergepresst.

Gabbar versuchte, schneller voranzukommen. Etwas kratzte hart über den Schuppenpanzer. Er verdoppelte seine Anstrengungen zu entkommen und jubilierte innerlich über seinen altmodischen Schuppenpanzer, für den er so oft verspottet worden war.

Der Druck ließ nach. Gabbar rollte sich zur Seite. Und jetzt sah er, was ihn da gequält hatte. Ein scharf geschliffener Dreikant stach ins Leere, wo er eben noch gewesen war. Der verdammte Eisendorn hätte ihn in seinen Hintern getroffen, wenn er nicht zur Seite ausgewichen wäre.

Empörte Rufe erklangen über ihm.

Er spannte sich an. Er sollte schnell unter dem Wagen hervorkommen. Dann würde sein Säbel unter den Bauernkriegern blutige Ernte halten.

Er kroch weiter voran und ließ den Dreikant nicht aus dem Blick, der wieder im Wagenboden verschwand.

Geschafft!, dachte er unendlich erleichtert.

Er wandte den Kopf. Sah den gewaltigen Kriegshammer, der genau auf sein Gesicht zielte, als er unter dem Wagen hervorkam.

Dann sah er nichts mehr …


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

MORGEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Zaneta lehnte den Sauspieß an die Wand des Wagens.

»Sie hauen ab«, jubelte der Narbengesichtige. »Wir haben gesiegt!«

Sie wusste es besser. Dieser Angriff war nur ein erstes Vorfühlen gewesen. Aber das würde sie ihren Männern nicht sagen.

»Gut gemacht!«, rief sie im Brustton tiefster Überzeugung und blickte auf den Toten in der Ecke des Wagens. Ihn hatte ein Pfeil durch eine Schießscharte getroffen. Was für ein verdammtes Pech!

Jetzt musste sie hinaus. Dringend! »Bleibt wachsam!«, ermahnte sie die Männer und stürmte die kurze Rampe auf der Rückseite des Wagens hinab.

Daneben lag ein toter Krieger, der in gelbe Seide gehüllt und mit einem altmodischen Schuppenpanzer gerüstet war. Sein Gesicht war unkenntlich, nur noch eine blutige Masse. Zaneta wandte den Blick ab.

»Sind die Ausfallwagen schon zur Seite geschoben?«, rief sie einem Unterführer zu. Der Mann lehnte mit einem Pfeil im Oberarm an einem Wagen.

»Ich glaube nicht.« Das Gesicht des jungen Kriegers war aschfahl. Der dick gepolsterte Arm seines Gambesons war mit Blut vollgesogen.

Überall in dem breiten Grasstreifen zwischen den beiden Wagenringen steckten Pfeile. Es mussten Tausende sein. Hier hatte der Tod reichere Ernte gehalten. Die Männer und die wenigen Frauen im Gefolge, die Armbrüste gespannt hatten, waren nicht durch dicke Eichenbohlen geschützt gewesen.

Zaneta bahnte sich ihren Weg zwischen Verwundeten und Kriegern, die einfach nur glücklich waren, noch zu leben. Fast alle hielten Wasserschläuche in den Händen. Während des Gefechts war keine Zeit geblieben zu trinken.

Erst jetzt wurde sie sich bewusst, wie durstig auch sie war. Aber zuerst musste sie ihren Oheim finden. Der Angriff auf die Flüchtenden durfte nicht stattfinden!

Endlich erreichte sie eine Lücke im inneren Kreis der Wagenburg. Genau genommen war es nur ein Halbkreis … Ein tödlicher Fehler, wie sich nun zeigte. Der Steilhang zur Geiße hin war ihr unüberwindlich erschienen. Tatsächlich war auch kein Gegner von dieser Seite her ins Lager gekommen, aber der seichte Fluss dort unten wimmelte nur so von Steppenreitern mit diesen vermaledeiten Kurzbögen, und hier oben auf dem Hügel lagen überall sterbende und tote Zugochsen und Pferde. Der größte Teil ihrer Leute hatte sich unter und in die Wagen geflüchtet. Doch nicht alle hatten es geschafft.

»Jan!«, rief sie aus Leibeskräften. »Jan von Tanow!«

Ein Pfeil schlug dicht neben ihr in einen Wagen. Sie schritt an toten Pferden vorbei und bückte sich nach einem Schild, auf dem ein rotes Schwert auf weißem Grund prangte.

Mehrere Pfeile schlugen um sie herum ein. »Treibt die überlebenden Tiere in den Zwischenraum zwischen beiden Wagenburgen!«, befahl sie wütend. »Kriecht aus euren Löchern, ihr …« Die Spitze eines Pfeils kratzte kreischend über ihre Brustplatte.

In kostbarer Plattenrüstung trat ihr Oheim aus einem der Wagen. Mit großen Schritten stieg er über die toten Tiere hinweg.

Zaneta hob den Schild, um ihren Kopf zu schützen.

»Ich hab dir zwei Boten geschickt!«, hallte es blechern aus der Hundsgugel ihres Oheims. »Sie konnten dich nicht finden. Komm in Deckung!«

Ihre Wut war plötzlich verraucht, und sie war froh, ihre Männer nicht Feiglinge genannt zu haben. »Wir müssen die überlebenden Pferde in Sicherheit bringen. Ohne Zugtiere kommen wir hier nie mehr weg!«

Ihr Oheim hatte sie inzwischen erreicht. »Hast du wirklich geglaubt, wir würden von hier noch einmal fortkommen?«

»Ich dachte …« Sie senkte den Kopf. »Wir haben uns gut geschlagen und …« Ein Pfeil traf sie ins linke Auge und riss sie zu Boden.


WESTERMARK, SÜDLICH DES SCHWARZFORSTES,

MORGEN, 12. TAG DES ERNTEMONDES,

18. JAHR VOR SASMIRAS ZWEITER THRONERHEBUNG


Da waren Stimmen wie aus weiter Ferne. Und ein Schmerz, wie sie ihn noch nie gespürt hatte. Alles war dunkel.

»Wir brauchen eine Zange! Und sauberes Tuch!«

War das die Stimme ihres Oheims? Sie klang fremd. Rau vor kaum beherrschter Sorge.

Zaneta wollte die Augen öffnen, aber es fühlte sich an, als sei die linke Augenhöhle mit flüssigem Blei ausgegossen.

»Sie hört nicht auf zu bluten«, sagte eine Stimme, die sie nicht zuordnen konnte.

»Ist sie bei Sinnen?«, fragte ihr Oheim bestürzt.

»Ich hoffe nicht«, entgegnete die fremde Stimme.

»Ihr rechtes Auge. Ist es noch zu retten? Sie … Sie weint blutige Tränen. Sie …«

»Der Pfeil hat ihren Schädel an der Schläfe durchschlagen. Ihr verdammter Helm war sein Geld nicht wert. Der … Ah. Da ist ja endlich die Zange!«

Ein trockenes Knacken erklang.

Keiner sprach mehr.

Ihr Helm drückte plötzlich gegen ihre rechte Wange. Dann wurde er vorsichtig von ihrem Kopf gelöst.

»Das sieht nicht gut aus …«

Irgendwo erklang lautes Würgen.

»Raus aus dem Wagen, verdammt!«, fluchte ihr Oheim.

»Was …«, murmelte Zaneta. Das Sprechen fiel ihr schwer. Es fühlte sich an, als sei ihre Zunge vollkommen schlaff.

Jemand ergriff ihre Hand. »Ein Pfeil hat dich getroffen. Aber wir bringen das in Ordnung. Du musst jetzt tapfer sein. Es wird wehtun …«

»Meine … Augen.«

»Dein linkes Auge …« Ihr Oheim stockte. »Es …«

»Hilf mir!«, befahl die fremde Stimme. »Zaneta. Ich schiebe dir jetzt etwas in den Mund. Du wirst darauf beißen, hörst du? Fest zubeißen. Und beweg dich nicht. Du musst ganz stillhalten.«

Ihr wurde der Mund aufgezwängt. Etwas, das nach Leder schmeckte, wurde ihr zwischen die Zähne geschoben.

»Macht das Eisen fertig!«, rief die fremde Stimme.

»Du musst ihre Blutung stillen«, flüsterte ihr Oheim.

»Erst die Pfeilspitze!«

Etwas ruckte in ihrer Augenhöhle. Es fühlte sich an, als nistete dort ein Igel, der seine Stacheln sträubte, um sich dann langsam zu drehen. Zaneta keuchte auf. Sie spürte, wie ihr heiße Tränen über die Wangen liefen. Oder war es Blut?

»Durchhalten!« Ihr Oheim drückte fest ihre Hand.

Wieder ein Rucken. Zaneta bäumte sich auf.

»Halt sie still!« Der Fremde fluchte. »Sie darf sich nicht bewegen!«

»Was machst du denn da?«, fuhr ihr Oheim ihn an. »Warum dauert das so lange?«

»Die Pfeilspitze sitzt irgendwo hinter ihrer Nase. Sie hat Widerhaken. Ich kann sie nur langsam bewegen. Ich werde sie nicht durch das Loch im Schläfenknochen ziehen können. Ich bewege sie ein Stück zurück. Dann hole ich sie durch das Auge heraus.«

Wieder ruckte es.

Zaneta wand sich. Sie war in Schweiß gebadet. Ihr Oheim hielt sie fest. Noch andere schienen da zu sein, die sie niederdrückten. Unablässig strömte warmes Blut aus der Wunde. Es rann ihr die Wange hinab, über den Hals und sickerte in den dick gepolsterten Gambeson unter ihrer Rüstung.

»Gleich ist es geschafft«, murmelte ihr Oheim.

Sie versuchte, an etwas anderes zu denken, um den Schmerz zurückzudrängen. Und die Angst. Was würde General Xiang Yu als Nächstes tun? Das hier war nur ein Vorgeplänkel gewesen. Wie konnte sie dem nächsten Angriff begegnen? Sie hatte keine Reiter mehr, die den fliehenden Truppen in die Flanke fallen konnten.

Sie versuchte, etwas zu sagen, doch mit dem zähen Stück Leder im Mund war es unmöglich.

Etwas glitt aus ihrem Auge. Sie spürte, wie das linke Lid von innen zerschnitten wurde, als sie die Pfeilspitze herauszogen. Keuchend sackte sie in sich zusammen. Es war geschafft!

»Das Eisen!«, befahl die fremde Stimme.

Zaneta spürte etwas Heißes vor ihrem Gesicht. Dann fuhr es zischend in das zerschundene Fleisch ihrer Augenhöhle, und der Schmerz blendete alle ihre Sinne.

[...]

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Bernhard Hennen - Die Chroniken von Azuhr: Die Weiße Königin. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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