Bernd Perplies: Der Weltenfinder

Bernd Perplies: Der Weltenfinder

FISCHER TOR

Leseprobe: Der Weltenfinder - Die zweite Reise ins Wolkenmeer (Bernd Perplies)


Lest hier die ersten Seiten von »Der Weltenfinder - Die zweite Reise ins Wolkenmeer«, Band 2 der bildreichen Fantasy-Saga.

Was bisher geschah: Jenseits des Landfalls, so heißt es gemeinhin, endet die Welt. Dahinter liegen nur noch das endlose Wolkenmeer und das Nichts. Vor Tausenden von Jahren aber gab es noch keine Wolken. Die Legenden besagen, dass eine gewaltige Zivilisation in den Tieflanden lebte, deren Reichtum nur von ihrem Wissensschatz übertroffen wurde. Die ArChaon erforschten die Magie und die Schöpfung auf eine Weise, die sich heute niemand mehr vorstellen kann – doch ihre Neugierde wurde ihr Untergang, und die Nebel verschlangen sie. Niemand hat jemals nach dieser verlorenen Welt gesucht, denn niemand wagte sich in die Tiefen des Wolkenmeers. Bis heute …


*** Leseprobe ***

Kapitel 1 - Im Dunkel der Nacht

11. Tag des 3. Mondlaufs im Jahr 850


Die Steilwand zu erklimmen wäre schon bei Tage nicht ungefährlich gewesen. Bei Nacht stellte die Kletterei eine noch viel größere Herausforderung dar. Niemand, dem keine Flügel aus dem Rücken wuchsen oder der nicht über die Alte Macht gebot, war so töricht, im Dunkeln den Aufstieg zu wagen. Zwar stand der silbrig schimmernde Mond beinahe in voller Pracht am Himmel über Endar, doch immer wieder wurde er von schweren Wolkenballungen verdeckt, die das Land in tiefe Schatten tauchten – und ebenso den einsamen Berg an den Gestaden des Terrhenianischen Meers.

Aus diesem Grund rechneten die Mönche von Tahza nicht mit einem Eindringling von dieser Seite des Klosters. Das Haupttor ihres abgelegenen Refugiums an der Südküste des Landes Carthaos wurde gut bewacht, ebenso die Vorderseite der auf der Bergkuppe thronenden Anlage, die über einen sanft ansteigenden Hangweg gut zu erreichen war. Bei den drei Seiten des festungsähnlichen Bauwerks, die zum Meer wiesen, überließen es die Mönche hingegen dem Stein und dem Wind, unliebsame Besucher fernzuhalten.

Corren von Dask schreckte weder das eine noch das andere. Er war bereits die titanischen Mauern von At Ethanon hinuntergeklettert – zugegeben, nicht ganz freiwillig – , und er hatte ein halbes Jahr bei den Settländern auf den Gipfeln der Grauen Berge gelebt. Höhen und eine frische Brise um die Nase war er daher gewohnt, und sein Talent im Klettern stand seinen Reit- und Fechtkünsten in nichts nach.

Vorsichtig bewegte er sich an der Steilwand aufwärts. Dabei musste er sich nicht allein auf sein Gefühl verlassen, um Spalten und Vorsprünge zu finden, die seinen Händen und Füßen Halt boten. Das Katzenaugen-Amulett, das er mit Hilfe eines geflochtenen Tuchs an seiner Stirn befestigt hatte, verstärkte das Mondlicht, das auf die Bergflanke fiel, so merklich, dass für Corren beinahe der Eindruck eines trüben Tages herrschte.

Obwohl er sich zu nächtlicher Stunde und über einen mehr als ungewöhnlichen Weg Zugang zu dem Kloster zu verschaffen suchte, war Corren im Grunde kein Dieb. Natürlich hatte er gelegentlich Dinge mitgehen lassen – nützliche Ausrüstungsgegenstände ebenso wie seltene Artefakte – , doch all das diente allein der Wissenschaft. Der sehnige, in dunkle Kleider gehüllte Mann mit dem schulterlangen braunen Haar und den klaren blauen Augen nannte sich selbst einen Forschungsreisenden oder einen abenteuerlustigen Gelehrten. Er stand auch wirklich als Magister im Sold der Akademie von Geolath, einer Stadt, die im Land Phoekia auf der anderen Seite des Ozeans lag. Allerdings hielt er sich dort eher selten auf. Corren sah seine Aufgabe vielmehr darin, den unzähligen Geheimnissen auf die Spur zu kommen, die in Jahrtausenden auf der Welt Endar und in den sie umgebenden Nebeln hinterlassen worden waren. Eines der größten beschäftigte ihn schon seit Jahren – und im Kloster von Tahza hoffte er, eine wichtige Spur zu finden.

Mit leisem Ächzen zog sich Corren über die Felskante auf die Bergkuppe. Seine Arm- und Beinmuskeln schmerzten, und seine Hände zitterten leicht. Viel länger hätte diese Kletterpartie nicht dauern dürfen. Er kroch in den Schatten eines der niedrigen Sträucher, die an dieser Stelle wuchsen, und legte den Kopf in den Nacken. Mit der Mauer des Klosters galt es, ein letztes Hindernis zu überwinden, aber sie war auf dieser Seite kaum drei Manneslängen hoch und bestand aus groben Felsquadern. Sobald er sich kurz ausgeruht hatte, war dieser Teil seines Aufstiegs kaum der Rede wert.

Dennoch wünschte sich Corren, er wäre nicht zu diesem ungebetenen Besuch gezwungen. Er schritt lieber hocherhobenen Hauptes durch die Vordertür, als sich geduckt durch den Hintereingang zu schleichen. Er hatte durchaus versucht, den ersten Weg zu gehen. Bedauerlicherweise erwiesen sich die Mönche als ausgesprochen feindselig. Sie schienen kein Interesse an Besuchern aus fremden Ländern zu haben und noch weniger an jenen, die ihre geheimen Schätze zu studieren suchten. Corren war froh, dass er diese erste Begegnung überstanden hatte, ohne mit einem Pfeil im Rücken zu enden. Man sagte den Mönchen, die einem recht unerfreulichen Geschwisterpaar aus dem Pantheon ihrer Heimat Carthaos huldigten, hohe Kunstfertigkeit im Umgang mit Waffen aller Art nach.

Rasch überprüfte Corren seine Ausrüstung. Der Rucksack saß noch immer fest auf seinem Rücken, Dolch und Kurzschwert steckten sicher in ihren Scheiden am breiten Gürtel, das Rufhorn hing an einem Riemen um seine Schulter. An ledernen Bändern baumelten ein halbes Dutzend Schutzamulette unterschiedlicher Herkunft, die er während der Kletterei sicherheitshalber in sein Hemd geschoben hatte. Und in einer Gürteltasche, die hinter der Dolchscheide saß, steckte etwa die gleiche Zahl an alchemistischen Tinkturen, die ihm bei diesem Ausflug nützlich sein mochten. Solcherlei Dinge – Amulette und Tinkturen – waren ausgesprochen kostbar, und Corren gedachte, sie nur im äußersten Notfall einzusetzen. Aber er war lieber zu gut vorbereitet als zu schlecht. Wie weise dies war, hatte er in den ersten Jahren seines Lebens als Forschungsreisender unter einigen Schmerzen und Verlusten lernen müssen.

Er holte tief Luft, dann kam er auf die Beine und glitt zur nahen Klostermauer. Aufmerksam lauschend und mit einem weiteren Blick nach oben vergewisserte sich Corren, dass keiner der Mönche zufällig auf dem Wehrgang herumspazierte, weil ihm der Schlaf verwehrt blieb. Er konnte niemanden hinter den Zinnen ausmachen. Das galt auch für die beiden nahen Türme, deren offene, säulengeschmückte Spitzen von kreisrunden Schindeldächern gekrönt waren, wie man sie häufig in diesem Teil von Carthaos sah.

Behände kletterte Corren die Mauer empor und zwängte sich zwischen zwei breiten Zinnen hindurch. In der Hocke landete er auf dem dunklen Wehrgang und sah sich um. Das Kloster bestand aus mehreren, miteinander verschmolzenen Gebäuden, die von der Außenmauer eingefasst wurden. An den Eingängen und Hausecken hingen Öllampen, deren Lichtkreise jedoch kaum ein paar Schritt weit reichten. Corren war dankbar für das Katzenaugen-Amulett, das ihn Bereiche des Hofs und der Wehranlagen erkennen ließ, die sonst in tiefem Schatten gelegen hätten.

Ein Mann ohne Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten wäre dennoch auf der Suche nach der Klosterbibliothek verloren gewesen. Zu Correns Glück vermochten sich die Mönche nicht vollständig selbst zu erhalten. Sie mussten Nahrungsmittel und andere Güter des täglichen Lebens in den umliegenden Dörfern erwerben und von den Bauern anliefern lassen. Auch der eine oder andere Handwerker des Umlandes hatte das Kloster in der Vergangenheit schon besucht. Corren hatte all seine Menschenkenntnis und einige Edelsteine aufwenden müssen, um die richtigen Männer zu bestechen – also jene, die zwar etwas wussten, ihn aber nicht gleich an die Mönche verrieten. Der Preis seiner Mühen war eine immerhin leidlich glaubwürdige Beschreibung des inneren Aufbaus der Klosteranlage – die, soweit er das von seinem gegenwärtigen Platz auf der Mauer aus beurteilen konnte, größtenteils der Wahrheit entsprach.

Corren zog sein Kurzschwert – und schob es nach einem Augenblick des Nachdenkens zurück in die Scheide. Er war hier, um eine Karte zu finden, nicht um Menschen zu töten. Wenn sein heimlicher Besuch wie geplant verlief, erreichte er sein Ziel und verschwand wieder, bevor irgendjemand von seiner Anwesenheit Wind bekam. Das war ihm in jedem Fall lieber, als die Tricks, die er auf Lager hatte, zur Schau stellen zu müssen.

Lautlos eilte er über den Wehrgang bis zur nächsten Treppe, die nach unten führte. Über diese gelangte er in den Hof. Von Schatten zu Schatten huschte Corren an der Mauer entlang, bis er das nächste Gebäude erreichte. Die meisten Fenster waren dunkel, nur aus einer kreisrunden Öffnung im Dachgeschoss drang ein fahles, grünliches Licht. Außerdem glaubte Corren, als er darunter vorbeischlich, monotonen, mehrstimmigen Sprechgesang zu vernehmen. Er wollte gar nicht wissen, was um diese Stunde dort oben geschah. Es hieß, dass sich die Mönche von Tahza bei der Verehrung ihrer freudlosen Götter allerlei eigentümlichen und mitunter verstörenden Praktiken hingaben.

Verstohlen warf er einen Blick um die Hausecke. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von der Bibliothek des Klosters, einem schmalen, hohen Bauwerk zwischen zwei größeren Gebäuden. Unglücklicherweise war die einzige frei zugängliche Tür in den Schein zweier Öllampen getaucht, die links und rechts neben dem Portal brannten. Die Tür war nicht unmittelbar vom bewachten Torbereich aus zu sehen, allerdings wiesen genug Fenster benachbarter Klosterteile in ihre Richtung. Der zufällige Blick eines ruhelosen Mönchs durch eins dieser Fenster konnte zu Correns Entdeckung führen. Doch ihm blieb kaum eine Wahl, als das Wagnis einzugehen. Der einzige andere Weg, von dem er wusste, führte aus dem Inneren des angrenzenden Haupthauses in die Bibliothek. Sich von dort aus Zugang zu verschaffen war ungleich gefährlicher.

In Momenten wie diesen wünschte er sich einen Mantel, der ihn unsichtbar machte. Geschichten erzählten gelegentlich von derartigen Artefakten, aber er hatte noch nie einen Alchemisten oder Magiegelehrten getroffen, der imstande gewesen wäre, so ein Kleidungsstück herzustellen. Corren überlegte, ob er seine Phiole mit künstlichem Nebel einsetzen sollte, um sein Vordringen zu verbergen, verwarf den Gedanken allerdings gleich wieder. Ein unvermittelt einsetzender Seenebel, der sich kaum über das Kloster hinaus erstreckte, würde das Misstrauen der Torwachen wecken.

Seine Gesichtszüge nahmen einen grimmigen Ausdruck an, als Corren alle Entschlossenheit sammelte. Er musste diese Karte haben, ganz gleich, was es kosten würde.

Ein letztes Mal ließ er den Blick über die dunklen Klostermauern und Gebäude schweifen. Bis auf das Gemurmel hoch über seinem Kopf, das gerade leicht anschwoll, herrschte die Stille, die in tiefer Nacht zu erwarten war. Corren gab sich einen Ruck und eilte los, wobei er die Scheide seines Kurzschwerts fest umklammert hielt und versuchte, leicht wie ein Sidhari aufzutreten, um möglichst wenig Geräusche zu verursachen.

Als er das Portal erreichte, drückte er behutsam die Klinke herunter. Er ging davon aus, dass die Tür verschlossen war und er sich mit dem Schlosserwerkzeug behelfen musste, das in seinem Rucksack steckte. Doch zu seiner Überraschung öffnete sich das Portal widerstandslos und unter bloß leisem Knarren. Ohne sein Glück zu hinterfragen, schlüpfte Corren durch einen Spalt ins Innere.

Erst als er das Portal behutsam wieder zugeschoben hatte, ging ihm auf, dass der Umstand, es unverriegelt vorzufinden, bedeuten mochte, einen nächtlichen Gast hier anzutreffen. Corren hielt inne und lauschte. Es war nichts zu hören, keine Schritte, kein Rascheln von Buchseiten. Dann fiel ihm auf, dass an jedem Haken im Eingangsbereich eine kleine Laterne baumelte. Keine einzige fehlte. Ohne Licht hielt sich gewiss niemand in der stockdunklen Bibliothek auf.

Da auch er trotz seines Katzenaugen-Amuletts kaum etwas ausmachen konnte – die schweren Vorhänge vor den Fenstern hielten nicht nur die feuchte Seeluft draußen, sondern auch jegliches Mondlicht – , nahm Corren eine der Lampen und entzündete sie.

Die Laterne mit der Linken vor sich in die Höhe haltend, drang Corren tiefer in die Bibliothek ein. Als er den Hauptraum betrat, verharrte er voller Staunen. Der Architekt des Gebäudes schien sich des späteren Zwecks bereits bewusst gewesen zu sein. Daher hatte er die hohe, geschwungene Decke nicht mit einer Handvoll größerer Säulen abgestützt, sondern stattdessen mehrere wabenartige Gitterwerke aus Steinziegeln bis nach oben gezogen, die sowohl das Dach stützten als auch als steinerne Regale dienten. Tausende von Schriftrollen, verschnürten Kladden und gebundenen Folianten fanden darin Platz, manche vergilbt, brüchig und offensichtlich jahrhundertealt, andere eindeutig aus jüngerer Zeit, manche offen herumliegend, andere mit dicken Metallschlössern gesichert. Die Menge an gesammeltem Wissen, die an diesem Ort aufbewahrt wurde, raubte Corren schier den Atem. Angesichts ihres fragwürdigen Rufs hätte er die Mönche von Tahza nicht für derart leidenschaftliche Sammler des geschriebenen Worts gehalten.

» Ich hoffe, es gibt hier irgendwo ein Register «, murmelte er, als er langsam in den Raum hineinschritt. Es roch nach Staub, Leder und altem Pergament. Ein Teil von ihm verzehrte sich danach, einfach die nächsten zwei Wochen hier zu verbringen und nach Geheimnissen zu forschen, denen er von diesem Ort aus in die Welt folgen konnte. Corren unterdrückte das Gefühl. Nur Unsterbliche hatten die Zeit, alle Rätsel zu lüften. Er würde sich auf das eine konzentrieren, dessen Erforschung seine Laufbahn als Gelehrter krönen sollte und seinen Namen ein für alle Mal in die Annalen der Geschichte von Endar einschreiben würde.

Corren entdeckte einen Regalbereich, in dem Dutzende gleichartiger Rollen fein säuberlich aufgereiht lagen. Ein in geschwungenen Lettern verfasster Sortierungsschlüssel nach dem carthaotischen Alphabet legte nahe, dass es sich dabei um ein Bestandsverzeichnis handelte. Nachdem er die Laterne an einen nahen Haken gehängt hatte, zog Corren wahllos eine Rolle hervor und sah seine Vermutung bestätigt. In zierlicher Schrift waren die unüberschaubaren Bestände der Bibliothek aufgelistet, wobei am Ende der Schriftrolle Erwerbungen der letzten Jahre zu finden waren, die erst in die richtige Reihenfolge gebracht werden konnten, wenn jemand die Rolle neu verfasste.

Gezielt begann er, nach Hinweisen auf die Karte zu suchen, deretwegen er sich in das Kloster geschlichen hatte. Er wusste, dass die Mönche die Karte im Kloster aufbewahrten. Mehr als eine Quelle hatte ihn hierherverwiesen. » Wo bist du? «, murmelte Corren, als er sich hastig durch die Listen arbeitete. Er fand eine Handvoll Einträge, die vielversprechend klangen, aber jeder von ihnen erwies sich als Reinfall. » Das kann nicht sein. « Nicht bereit, ein mögliches Scheitern seiner Suche auch nur in Betracht zu ziehen, zog Corren Schriftrolle um Schriftrolle aus dem Regal. Er öffnete sie, überflog sie und ließ sie zu Boden fallen. Für Ordnung mussten später andere sorgen. Ihm lief die Zeit davon.

Aber er konnte den Aufbewahrungsort der Karte nicht finden. » Wo bist du nur? Du musst hier sein! « Ein furchtbarer Gedanke überkam ihn. Was, wenn irgendein Mönch die Karte in seinem Privatgemach aufbewahrte? In dem Fall würde Corren sie niemals finden. Er konnte nicht das ganze Kloster durchsuchen, zumal die Mönche, sah man von der singenden Ritualgruppe ab, gegenwärtig alle in ihren Gemächern lagen und schliefen.

Unschlüssig griff er nach seiner Laterne, drehte sich zum Eingang um … und erstarrte. Seine Augen weiteten sich. Dort oben, eine Manneslänge über dem Eingang, hing sie – und sie war deutlich größer, als er gedacht hatte! Einem Wandteppich gleich hatte jemand die sicher zwei mal vier Schritt messende Karte dort angebracht, wo sie nun in all ihrer Pracht prangte, ein fremdartiges Schmuckstück. Die Mönche hatten offenbar keine Ahnung, was es zeigte.

Einerseits verblüffte das Corren angesichts der umfangreichen Sammlung. Andererseits ähnelte das Bildnis wirklich kaum der Art von Karten, die in den Kulturen von Endar sonst gebräuchlich waren. Die scheinbar willkürliche Ansammlung vieleckiger Blöcke, die Linien und die vollkommen fremdartigen Symbole gaben dem unwissenden Betrachter wenige Hinweise darauf, was er hier vor sich hatte. Auffällig war allein das pyramidenähnliche Symbol genau im Zentrum der Karte, von dem ein in langen Strichen ausgeführtes, beinahe überirdisch anmutendes Strahlen ausging. Wenn Corren auch nur den geringsten Zweifel gehabt hätte, ob er tatsächlich gefunden hatte, was er suchte, wäre dieser mit dem Abbild der strahlenden Pyramide ausgeräumt gewesen.

» ThaunasRa … «, flüsterte Corren andächtig. Die Stadt am Grund des Wolkenmeers. Er hatte sie gefunden.

Kapitel 2 - Die Hüter der Karte

11. Tag des 3. Mondlaufs im Jahr 850

 

Corren verlor keine weitere Zeit. Zu seinem Glück mangelte es nicht an Leitern in der Bibliothek, schließlich mussten die Mönche regelmäßig Schriftrollen und Bücher aus den oberen Fächern ihrer gemauerten Regale holen. Er lehnte eine von ihnen an die Wand neben dem Durchgang, über dem die Karte hing. Mit der Laterne in der Hand erklomm er die Stufen. Oben angekommen, hängte er die Lichtquelle an einen dafür vorgesehenen Haken an der Leiter, bevor er sein Messer zückte und den Arm ausstreckte. Der Gelehrte in ihm wand sich vor Unbehagen bei dem Gedanken, die uralte und in ihrem Wert kaum zu beziffernde Karte einfach so von der Wand zu schneiden und zu Boden fallen zu lassen. Aber er war nicht zu Hause in der Akademie von Geolath. Einen übertrieben vorsichtigen Umgang mit diesem Schatz konnte er sich gegenwärtig nicht leisten. Und eigentlich war dies hier ja auch nur ein Wegweiser, der Beginn einer Reise. Die eigentlichen Wunder warteten an ihrem Ende.

Rasch löste Corren die Karte von ihrem hölzernen Rahmen. Leise säuselnd glitt sie zu Boden. Mit der Lampe begab er sich nach unten und strich prüfend über das Material. Die Karte schien aus Stoff zu bestehen, allerdings einem sehr eigenartigen, der nichts ähnelte, was Corren kannte. Ungeachtet ihres Alters war sie erstaunlich weich und frei von Beschädigungen durch Insekten, und sie ließ sich leicht zusammenfalten, auch wenn Corren das Paket nicht so weit verkleinern konnte, dass es ganz in seinen Rucksack passte. Er schob die Karte tief hinein und sicherte den heraushängenden Rest mit den ledernen Riemen. Dann kehrte er in den Eingangsbereich zurück und löschte die Laterne. Ihn plagte kein schlechtes Gewissen, weil er ein wenig Unordnung in der Bibliothek hinterließ, doch ein Feuer wollte er gewiss nicht versehentlich auslösen.

Corren öffnete das Portal und trat ins Freie. Ein Hochgefühl erfasste ihn. Er musste bloß noch zurück auf die Mauer und mit dem Rufhorn das vereinbarte Zeichen geben, und kurz darauf wäre er mit der wundervollen Karte des legendenumwobenen ThaunasRa verschwunden. Mit einem Lächeln auf den Lippen eilte er um die Hausecke …

… und stieß beinahe mit der vierköpfigen Gruppe schwarzgekleideter Mönche zusammen, die ihm von dort entgegenkam. Die Mönche liefen barfuß und sprachen kein Wort, weswegen Corren sie nicht hatte kommen hören. Vielleicht war er auch durch seinen Fund etwas abgelenkt gewesen. Nun standen die Klosterbewohner unmittelbar vor ihm, hagere Gestalten mit braungebrannten Gesichtern und sorgsam gestutzten Bärten, die nicht nur heilige Symbole vor der Brust trugen, sondern auch gekrümmte Dolche im Gürtel.

Einen Herzschlag lang starrten sich alle wortlos und sehr überrascht an. Dann erkannten die Mönche, was aus Correns Rucksack ragte. » Dieb! «, brüllte der vorderste in der Sprache der Carthaoten. Alle rissen ihre Dolche hervor.

Fluchend wirbelte Corren herum und floh.

Seine Gedanken überschlugen sich, während er – alle Heimlichkeit über Bord werfend – quer über den Klosterhof rannte, ein Quartett Verwünschungen ausstoßender Mönche hinter sich. Er musste unbedingt irgendwo auf die Wehrmauer. Nur von dort konnte er abgeholt werden. Oder von einem Hausdach, fuhr es ihm durch den Kopf. Aber den Weg durch eines der Gebäude wollte er nur antreten, wenn alle anderen versperrt waren, denn er fürchtete, sich in den Korridoren zu verlaufen oder gar in eine Sackgasse zu geraten.

Und so hielt er auf eine zweite Steintreppe zu, die an der Mauer in die Höhe führte und die ihm bereits auf dem Hinweg ins Auge gefallen war. Fast hatte er sie erreicht, als sich in einem benachbarten Bauwerk die Tür öffnete und weitere Mönche auf den Hof strömten. Manche der Männer trugen knielange Nachtgewänder, andere weite Beinkleider und einer von ihnen hatte bloß einen um die knochigen Hüften gewickelten Lendenschurz am Leib. Bewaffnet waren sie jedoch alle, entweder mit den scheinbar zeremoniellen Dolchen oder mit verzierten Stäben und elegant geschwungenen, sehr scharf aussehenden Schwertern.

» Haltet den Frevler! «, rief einer seiner Verfolger den Männern zu, die Corren auch ohne diese Aufforderung bereits entgegeneilten.

Corren schlug einen Haken, rutschte auf dem glatten Untergrund aus, vermochte sich gerade noch zu fangen und hetzte dann in eine neue Richtung davon. Er musste aufpassen, dass dieser Hof, der sich zunehmend mit Feinden füllte, nicht zur Todesfalle für ihn wurde. Ein scharfes Zischen veranlasste ihn, schnell den Kopf einzuziehen. Im nächsten Moment prallte ein Pfeil klappernd vom Steinpflaster des Hofs ab.

» Zeit für etwas Zauberei «, murmelte Corren und öffnete im Rennen seine Gürteltasche. Mit fliegenden Fingern zählte er an den darin steckenden Phiolen entlang, zog eine Phiole heraus und betete, sich nicht vertan zu haben. Ansonsten würde es ein Blutbad geben. Er drückte mit dem Daumen das Alchemistensiegel am Korkstopfen ein und warf die Phiole unbesehen hinter sich. Rasch presste er die Augenlider zusammen und hielt sich beide Ohren zu.

Ein dröhnender Donnerschlag übertönte das Geschrei und Fußgetrappel der Klosterbewohner. Einen Moment lang fürchtete Corren, doch die falsche Phiole erwischt zu haben, aber da er weder sengende Hitze verspürte noch von einem unsichtbaren Hammerschlag zu Boden geschleudert wurde, steckte der Drachenodem wohl nach wie vor in seiner Gürteltasche. Er vernahm vielstimmiges Schreien und Wehklagen, und als Corren die Augen wieder öffnete, sah er die Mönche im Hof geblendet umhertorkeln. Der Götterblitz, wie ihn der alchemistische Meister in Geolath bezeichnet hatte, dem Corren vor jeder Reise einen Besuch abstattete, schien seine Verfolger vollkommen unvorbereitet getroffen zu haben.

Leider hatte der Krach wohl auch die letzte lebende Seele innerhalb der Klostermauern – und vermutlich mehr als nur ein paar im Umland – auf Correns Anwesenheit aufmerksam gemacht. Hölzerne Fensterläden wurden aufgestoßen, schwere Vorhänge beiseitegezogen und Laternen suchend ins Freie gehalten. Dabei erhellte jede zusätzliche Lichtquelle den Hof ein klein wenig mehr und erleichterte den Bogenschützen im Torbereich die Angriffe auf Corren. Ein zweiter Pfeil schoss knapp über seinen Kopf hinweg, ein dritter streifte ihn schmerzhaft am linken Arm. Hoffentlich verwenden die Kerle kein Gift, dachte Corren, während er im Zickzack rennend nach einem dritten Aufgang suchte.

Ein Mann stellte sich ihm in den Weg, den langen, schlanken Kampfstab zum Schlag erhoben. Corren stieß einen wilden Schrei aus und hielt, ohne zu verlangsamen, auf seinen Gegner zu. Als dieser den Stab nach unten sausen ließ, hob Corren den linken Arm und blockte den Hieb mit seiner metallenen Armschiene. Es schepperte, und Schmerz durchzuckte ihn, wenn auch nicht so stark, dass es ihn gestoppt hätte. Corren nutzte die Gunst des Augenblicks und sprang in seinen Gegner hinein, wobei er sich halb drehte und den gesenkten Kampfstab zwischen Körper und rechtem Arm einklemmte. Er drehte sich weiter und entwand dem Mönch so die Stangenwaffe. Gleich darauf versuchte er, den Schwung für einen eigenen Hieb zu nutzen, aber er hatte zu viel davon und wirbelte an seinem Gegner vorbei. Corren taumelte zwei Schritte und lief danach einfach weiter, wobei er den Stab von sich warf, ohne einen zweiten Gedanken an seinen misslungenen Gegenangriff zu verschwenden. Er wollte sich ohnehin nicht in Kämpfe verwickeln lassen.

Zur Linken tauchte der Klostergarten auf, in dem die Mönche allerdings kein Obst oder Gemüse anpflanzten, sondern lediglich dornige Büsche mit Blüten, die im Schein der Öllampen und Laternen eigentümlich blau schillerten. Auch einige niedrige, schmutzig braune Bäume mit verdrehten Stämmen und Ästen wuchsen dort, und von fremdartigen Blumen mit rotvioletten Kelchen ging ein schwerer, süßlicher Duft aus. Unwillkürlich fragte sich Corren, ob die Pflanzen einem eigenwilligen Sinn für düstere Schönheit geschuldet waren oder ob sie womöglich als Rauschmittel in Ritualen Anwendung fanden. Oder als Waffengift! Er schob diese Sorge von sich. Die Wunde brannte zwar leicht, mehr spürte er aber nicht. Der Pfeil war bestimmt nicht vergiftet gewesen.

In diesem Augenblick fiel ihm im hinteren Teil des Gartens die hölzerne Treppe auf, die zu einem weitläufigen Dachbalkon führte, der wiederum an die Wehrmauer angrenzte. Sofort änderte Corren seine Richtung und eilte in den Garten hinein. Eine Gruppe wütender Mönche folgte ihm. Die Dornenbüsche kamen ihm jetzt sehr gelegen, denn sie waren für die halbnackten Männer nur unter beträchtlichen Schmerzen zu durchqueren, und die Wege dazwischen waren so schmal, dass sich seine Verfolger gegenseitig behinderten.

Um es seinen Gegnern noch schwerer zu machen, fuhr Corren mit der Hand erneut in seine Gürteltasche und zog eine zweite Phiole hervor. Weißlicher Dunst waberte darin. Er schleuderte sie vor sich auf den Boden und noch während er an den Splittern vorbeirannte, sah er, wie sich in unfassbarer Schnelle dichter Dunst bildete, der sich in den Büschen und Baumkronen verfing und seinen Verfolgern alle Sicht nahm. Wie erwartet, stolperten die Mönche im hinteren Teil der Meute übereinander und verfingen sich im umliegenden Dorngestrüpp, was das Geschrei, das von allen Klostermauern widerhallte, nur noch verstärkte.

Dennoch blieben ihm mindestens drei oder vier der Kerle hartnäckig auf den Fersen, wie Corren mit einem raschen Blick über die Schulter feststellte. Er jagte auf die Treppenstufen zu und hatte die ersten beiden schon erklommen, als sich von hinten jemand gegen ihn warf. Dürre Arme umschlangen seinen Hals, und ein Dolch blitzte in Correns Gesichtsfeld auf. Er packte das Handgelenk des Mannes und zwang es zur Seite. Dann stieß er sich mit beiden Füßen von den Treppenstufen ab und warf sich mit seinem ganzen Körpergewicht nach hinten.

Der Mönch keuchte überrascht auf, als sie in seine Gefährten fielen und alle gemeinsam in einem Knäuel aus Gliedern zu Boden gingen. Corren kam als Erster wieder auf die Beine. Er fuhr herum und verpasste einem der Männer, der sich soeben aufrappelte, einen schwungvollen Stiefeltritt gegen den Kopf. Der Mönch ächzte, verdrehte die Augen und sackte in sich zusammen.

Corren wartete nicht, bis sich die anderen zwei von dem Sturz erholt hatten, sondern wandte sich erneut der Treppe zu. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte er sie empor. Gleichzeitig griff er nach dem Rufhorn und hob es an die Lippen. Oben auf dem von Zinnen eingefassten Dachbalkon angekommen, hielt er kurz inne und stieß hinein. Ein heller, klarer und weit in die Nacht hinaustragender Laut erschallte – das Signal für Zamashuras, ihn abzuholen. Corren nahm zwar an, dass sein Gefährte, der in einigem Abstand über dem Meer wartete, den Götterblitz und den Tumult im Kloster bereits bemerkt hatte, aber er hielt sich an das verabredete Zeichen.

Er hatte den ersten Hornstoß gerade beendet und wollte zum zweiten Ruf Luft holen, als ihn unvermittelt ein gewaltiger Schlag traf. Corren wurde mehrere Schritt weit über den Dachbalkon geworfen, überschlug sich dabei und krachte dann gegen die Wehrmauer auf der anderen Seite. Etwas zerbarst knackend, und ein stechender Schmerz fuhr durch seine linke Hand. Ein gepresstes Ächzen entrang sich seinen Lippen.

Blinzelnd rollte er sich herum. Das in mehrere scharfe Bruchstücke zersplitterte und nun vollkommen nutzlose Rufhorn lag am Boden. Nur beiläufig nahm Corren das Blut an seiner Linken wahr, das ihm aus mindestens zwei Schnitten übers Handgelenk in den Ärmel seines Hemds lief. Unwillkürlich zog er die Hand an den Körper und presste die Finger auf die Handfläche, um die Blutung zu verlangsamen. Dann hob er den Kopf, um zu schauen, was ihn getroffen hatte.

Der Anblick gefiel ihm überhaupt nicht.

Der Mann, der aus der Tür eines benachbarten Gebäudes getreten war, trug eine schwarze Pluderhose und ebenfalls schwarze Stiefel. Ein breiter Gürtel schlang sich um die Hüften, und ein geflochtener Riemen wand sich um die Stirn. Er trug kein Hemd, so dass Corren die breite, braungebrannte Brust sehen konnte, die mit arkanen Tätowierungen übersät war. Mit den meisten der Symbole konnte Corren nichts anfangen, obwohl er zumindest grundlegende Kenntnisse der carthaotischen Mystik besaß. Aber er musste ihre genaue Bedeutung auch nicht kennen. Der Umstand, dass die zeremoniellen Hautzeichnungen von einem giftgrünen Glühen erfüllt waren, genügte, um ihn davon zu überzeugen, dass er sich mit diesem Gegner nicht anlegen wollte.

Zeit gewinnen, schoss es ihm durch den Kopf, als der Mann, den Corren für einen Priester hielt, mit leichtvorgestreckten, ebenfalls tätowierten Händen und einem unheilvollen Lächeln auf den bärtigen Zügen, langsam näher schritt. Der Fremde schien sich seiner Überlegenheit so gewiss zu sein, dass er Corren nicht einmal daran hinderte, aufzustehen und mit der Rechten sein Kurzschwert zu ziehen. Corren hätte lieber nach dem Drachenodem gegriffen, aber der hätte auch ihn selbst vom Dach geblasen, wenn er ihn auf seinen Gegner geworfen hätte.

Mit lautstarkem Getrappel tauchten etliche Mönche am oberen Treppenrand auf. Jetzt saß Corren endgültig fest. Das einzig Gute war, dass seine Verfolger beim Anblick des Tätowierten erschrocken innehielten und am Rand des Dachbalkons stehen blieben. Offensichtlich wollten auch sie diesem Mann nicht in die Quere kommen.

» Du «, rief der Mann und deutete mit beiden Zeigefingern auf Corren, » bist des Todes, Frevler. « Seine kraftvolle Stimme war über den ganzen Balkon und sicher auch bis in den Garten hinunter zu hören. Der Auftritt des Priesters richtete sich nicht nur an Corren, sondern auch an sein Publikum.

Corren versuchte, seine Aussichten einzuschätzen, den Gegner irgendwie zu überrumpeln. Er hielt sie für nicht besonders gut. » Können wir möglicherweise darüber verhandeln? «, fragte er, um den unvermeidlichen Angriff hinauszuzögern. » Vielleicht vermögen wir, uns gütlich zu einigen. Ich bin nicht darauf aus, Euch zu schaden. «

» Uns zu schaden? « Der Priester lachte dröhnend. » Dein Schwert vermag meine Haut nicht einmal anzuritzen. Außerdem … « Seine Miene verfinsterte sich, und seine Stimme nahm einen zornigen Klang an. » … verhandeln wir nicht mit Gottlosen! Du bist in unser Kloster eingedrungen, um uns zu berauben. Von dieser Missetat kannst du dich nicht freikaufen. Nun erfahre, was wir mit Dieben wie dir – «

Ohne Vorwarnung sprang Corren dem nur drei Schritt entfernten Mann entgegen. Dabei reckte er dem Priester – ungeachtet dessen Prahlereien – die Spitze seines Kurzschwertes entgegen, in dem Versuch, ihn aufzuspießen. Er scheiterte.

Mit einer knappen Schlagbewegung wehrte sein Gegner ihn ab. Die Symbole auf seiner Brust glühten auf, als Corren von einem weiteren, unsichtbaren Titanenhieb getroffen wurde, der ihm das Schwert aus der Hand riss und ihn nach hinten fliegen ließ, bis er erneut gegen die Zinnen bewehrte Außenmauer des Klosters prallte. Sein Kopf schlug gegen den Stein, und ein heller Blitz des Schmerzes zuckte durch seinen Schädel. In seinem Mund machte sich der metallische Geschmack von Blut breit, und vor seinen Augen tanzten bunte Flecken. Diese Geschichte nahm einen Verlauf, der ihm überhaupt nicht gefiel.

Stöhnend drehte er sich zu seinem Feind um und wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. » Ihr seid ein Feigling «, spie er dem Priester entgegen. » Ihr versteckt Euch hinter Eurer Magie, statt Euch in einem ehrenhaften Kampf Mann gegen Mann zu messen. «

Sein Gegenüber brach in schallendes Gelächter aus. Er schien dieses Schauspiel, das sie den Mönchen boten, außerordentlich zu genießen. » Du bist kein Mann, dem ich irgendeine Ehre erweisen müsste «, erwiderte er. » Du bist eine Made, nein, geringer als eine Made, und ich werde dich zerquetschen! « Wieder vollführte der Priester eine schlagende Handbewegung, und Corren krümmte sich unter einem heftigen Treffer. Beim nächsten Hieb fiel er keuchend und vornübergebeugt auf die Knie. Er spürte, wie sein Bewusstsein zu schwinden drohte.

Seine Rechte tastete zur Gürteltasche und dort nach dem Drachenodem. Wenn er schon sterben musste, wollte er seinen Widersacher mit in die Dunkelreiche reißen. Vazar würde dann entscheiden, wer von ihnen Ehre besaß und wer nicht.

Seine Finger schlossen sich gerade um die Phiole, als ein gellender Schrei die Nacht zerriss, wie der Jagdruf eines sehr großen Raubvogels. Ein zweiter Ruf schloss sich dem ersten an, voller Wildheit und Kampfesdurst.

» Was? « Verwirrt fuhr der Priester herum.

Zwei große Schatten fielen mit weitausgebreiteten Flügeln aus dem schwarzen Himmel. Dichte weiße Wolkenbänder bildeten sich mitten im Sturz unter ihren breiten Hufen, auf denen sie wie auf festem Grund binnen zweier Herzschläge herangaloppierten. Flügelschlagend und sich aufbäumend kamen die beiden Greifen mitten auf dem Dachbalkon zum Stehen. Wieder stießen sie wütende Jagdschreie aus, und ihr ungezügeltes Toben warf nicht nur den Priester zu Boden, sondern schleuderte auch zwei der Mönche rückwärts die Treppe hinunter.

» Magister! «, rief der grauhäutige Mann mit dem kahlen, kantigen Schädel und den großen, schwarzen Augen, der auf dem ersten der beiden Vogelpferde saß. » Kommt, schnell. «

Corren zögerte keinen Moment lang. Von neuer Kraft erfüllt, sprang er auf und rannte auf den reiterlosen Greif zu. Das kräftige Tier hielt still, während er sich auf seinen Rücken schwang und über den weißbraun gefiederten Hals beugte. » Los, Ishaljir «, befahl er dem Greif. Das Tier hob den schnabelbewehrten Kopf und stieß ein weiteres Kreischen aus, während es die Flügel ausbreitete und sich mit einem mächtigen Satz in die Luft erhob. Correns Begleiter folgte ihnen, bevor auch nur einer der Klosterbewohner etwas dagegen unternehmen konnte.

» Was hat Euch so lange aufgehalten, Shur? «, fragte Corren seinen Gefährten, einen Angehörigen des heutzutage selten gewordenen Volks der Quano.

» Ich kam, so schnell ich konnte «, rief Zamashuras zurück. » Aber unser Plan sah nicht vor, dass überall Wachen mit Bögen auf den Mauern stehen. «

» Schießt sie vom Himmel! «, brüllte der Priester unter ihnen, wie um die Worte des Quano zu unterstreichen. Corren warf einen Blick über die Schulter und sah, dass der Tätowierte die Arme gehoben hatte. Die Symbole auf seiner Brust glühten hell auf.

» Heute nicht, mein Freund «, knurrte Corren und drückte das Siegel der Phiole ein, die er nun doch aus der Gürteltasche gezogen hatte. Dann warf er sie hinter sich.

Eine donnernde Explosion erschütterte die Nacht, während Corren und Zamashuras auf ihren Greifen hinaus aufs Meer flohen.

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Bernd Perplies - Der Weltenfinder. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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