Die Macht der Elfen - Völkerkriege 2 (Bernd Frenz)

FISCHER TOR

Leseprobe: Die Macht der Elfen (Bernd Frenz)


Lest hier die ersten Seiten aus "Die Macht der Elfen" von Bernd Frenz, dem zweiten Teil der großen Völkerkriege-Trilogie. Der Roman erscheint am 28. August 2019 bei FISCHER Tor.

Was bisher geschah: Nach dem Großen Krieg herrschte dreißig Jahre lang Frieden im Lande Garon – doch damit ist jetzt Schluss. In der Zwergen-Nekropole Felsheim haben es die Steinmetze geschafft, einen heiligen Fluss der Elfen zum Versiegen zu bringen, als sie neue Grabkammern in den Berg geschlagen haben. Kein Wunder also, dass der alte Zwist zwischen den Völkern wieder auflebt.

Dass just zu diesem Zeitpunkt außerdem der Ork Grimm aus dem Exil zurückkehren will, um mit alten Feinden abzurechnen, macht es nicht besser. Auch die Menschen beweisen jeden Tag aufs Neue ihre Arglist. Und so heißt es schon bald: Elfen gegen Zwerge; Trolle gegen Orks; und alle gegen die Menschen.

 

***Leseprobe***


Unterhalb von Gohliks Erdhöhle

Kopfüber fiel Binek in die Tiefe. Mit hinter dem Rücken festgebundenen Armen stürzte er senkrecht den Schacht ­hinab, vorbei an gebogenen Steigeisen, die links und rechts aus dem Fels ragten. Die unter ihm verlaufende Wasserader erwartete ihn mit kaltem Glitzern.

Von einem massiven Gesteinsbett umgeben, rauschte und strudelte der Wildlauf gefährlich schnell dahin. Er würde jämmerlich in ihm ertrinken, so viel stand fest. Gegen eine so starke Strömung vermochte sich selbst ein geübter Schwimmer nur schwer zu behaupten, und Binek, der schon Mühe hatte, sich in einem stillen Tümpel über Wasser zu halten, behinderten dazu feste Stricke, die ihm tief in die Handgelenke schnitten.

Vermutlich wäre es das Beste für ihn gewesen, sich seinem Schicksal zu ergeben. Einfach mit dem Gesicht voran auf die Oberfläche zu schlagen und sich beim Aufprall den Hals zu brechen. Das hätte den bevorstehenden Todeskampf zweifellos verkürzt, doch seine Überlebensinstinkte liefen diesem Gedanken zuwider.

Gleich einem Insekt, das den stachelbewehrten Unterleib krümmt, drehte er sich um die eigene Achse, bis er waagerecht fiel. Trotz der langjährigen Übung als Fassadenkletterer war es nur dem Elfenbein in seinem Körper zu verdanken, dass er dieses Manöver zustande brachte. Sich danach ruckartig auszustrecken und mit Schultern und Füßen gegen die runden Schachtwände zu stemmen war für ihn eins.

Seine Schuhsohlen radierten über den steil abfallenden Fels, ebenso die Schulterpartien des Lederharnisches. Der mausgraue Umhang, den er darüber trug, zerriss laut vernehmlich in Fetzen. Gleichzeitig erlitt er Abschürfungen am Hinterkopf, obwohl er sein Kinn fest auf die Brust presste, um sich vor scharfkantigen Vorsprüngen zu schützen.

Glühend heiße Stiche fuhren ihm durch den ganzen Körper, doch die Angst vor dem Ertrinken war stärker als der Schmerz. Keuchend stemmte sich Binek gegen den freien Fall, bis Fleisch und Wille über die an ihm zerrende Schwerkraft triumphierten.

Schweiß bedeckte sein vor Anstrengung verzerrtes Gesicht, während er in der unbequemen Haltung verharrte. Hastig zwinkerte er mit den Augenlidern, um den durch Steinstaub getrübten Blick zu klären. Einen kurzen Aufschub hatte der Halbelf herausgeschunden, mehr nicht. Obwohl ihm das schmerzlich bewusst war, setzte er alles daran, seine Überlebenschancen zu erhöhen.

Vergeblich drehte Binek die Hände gegeneinander, um mit seinen Fingern an die Fesseln zu gelangen. Doch der Mann, der ihn umzubringen versuchte, war ein erfahrener Waldläufer, der sich auf den Umgang mit Knoten verstand. Legte einer wie Velb Stricke an, dann konnte sich kein Gefangener von alleine befreien.

Eingesperrt in ein Verlies hätte Binek das Seil wohl an ­einer scharfen Kante durchscheuern können, doch ohne festen Halt in dem kreisrunden Schacht steckend, der Gohliks Erdhöhle mit einem unterirdischen Fluss verband, war das ein aussichtsloses Unterfangen. Bereits bei dem Versuch, nach den strammen Knoten zu tasten, geriet er mit den Schultern ins Rutschen. Sofort verharrte er völlig regungslos, um seine Lage nicht weiter zu verschlimmern. Was sollte er stattdessen tun, in der kurzen Zeit, die ihm bis zum Erlahmen seiner Kräfte verblieb?

Gelbstichiger Lichtschein sickerte durch den Einstieg her­ab. Selbst zehn Königsellen unterhalb der runden Öffnung war es hell genug, dass er die in den Fels getriebenen Steigeisen sah, die matt schimmernd aus der Dunkelheit hervortraten. Fieberhaft überlegte Binek, ob er es wagen sollte, seinen linken Fuß unter einen der Bögen zu klemmen. Brachte ihn das weiter? Und falls ja, war es wirklich das Risiko wert, dabei abzustürzen? Ein Schatten, der das über ihm einfallende Licht verdunkelte, entband ihn von einer Entscheidung.

»Warum machst du es uns beiden so furchtbar schwer?«, fragte Velb, der wohl vergeblich auf den klatschenden Einschlag eines ins Wasser stürzenden Körpers gewartet hatte. »Stirb endlich, damit die Quälerei ein Ende hat.«

»Hilf mir!«, bettelte Binek angesichts seiner verzweifelten Lage. »Noch ist Zeit für dich, auf den rechten Pfad zurückzukehren. Ich will auch vergessen, was du mir antun wolltest, wenn du nur …«

»Du dummer Junge!«, unterbrach ihn der Waldläufer mitleidig. »Weißt du eigentlich, wie du dich gerade anhörst? Selbst wenn du deinen eigenen Worten jetzt Glauben schenkst, wird sich deine Meinung ändern, sobald du dich in Sicherheit wähnst. Nein, hör mir zu. Wer so weit gegangen ist wie ich, für den gibt es kein Zurück mehr.«

Das waren harte, unbarmherzige Worte, die aber auch ­einen wahren Kern enthielten. Tief in seinem Inneren ahnte Binek sehr wohl, dass er in diesem Moment alles erzählt hätte, was Velb hören wollte, nur um wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Sogar, dass er sich mit dem ehemaligen Weggefährten auf die Seite der Orks schlagen würde – obwohl das für ihn genauso wenig in Frage kam, wie einen Mord im Auftrag der Dunklen Gilden zu begehen.

Velbs Gesicht verschwand. Anstatt den schweren Felsdeckel über den Einstieg zu schieben, rumorte der Waldläufer in Gohliks Höhle herum. Unterdrücktes Keuchen erklang, das Binek weitaus mehr Angst einflößte als eine einfache Drohung.

»Vertrau mir!«, rief Binek in die Höhe. »Du hast mich vor Drokk und Marzz gerettet, dafür bin ich dir etwas schuldig.«

Gleichzeitig streckte er seine Arme in die Tiefe und presste sie so fest wie möglich gegen die Schachtwölbung. Leider gelang es ihm nicht, genügend Druck auszuüben, um die Stricke durchzuscheuern. Außerdem fehlte es ihm an der nötigen Zeit. Velb kehrte bereits an den Rand des Einstiegs zurück, diesmal aufrecht stehend, einen Amboss fest an den Oberkörper gedrückt.

Für schwere Schmiedearbeiten war der Metallblock zu klein. Gohlik musste darauf Kochgeschirr gefertigt haben, vielleicht auch feine Ketten für die Anhänger, die er auf seine alten Tage geschnitzt hatte. Auf jeden Fall war der ellenlange Amboss schwer genug, um einem Mann sämtliche Knochen im Leib zu zerschmettern, wenn er aus größerer Höhe auf ihn herabfiel.

Binek spürte, wie ihm heißer Schweiß über den Nacken rann. Er wollte noch etwas rufen, doch jedes Wort kam schon zu spät.

In Velbs Augen blitzte es entschlossen auf. Der Amboss entglitt seinen Händen mehr, als dass er ihn gezielt warf, trotzdem raste das Gewicht geradewegs auf Binek zu. Plötzlich wusste das Halbblut, was noch schlimmer war, als gefesselt zu ertrinken: gefesselt und mit zertrümmerten Knochen zu ertrinken!

Instinktiv drehte er sich zur Seite, um dem massiven Geschoss zu entgehen. Dabei krümmte er seinen Leib so stark, dass er die Bahn freigab, allerdings verlor er dadurch auch den Halt an Schultern und Füßen. Binek spürte, wie der Amboss seinen ärmellosen Harnisch streifte, kurz bevor er vollends abrutschte und hintendrein stürzte.

Obwohl es der Halbelf war, der sich bewegte, sah es so aus, als flöge der Fels an ihm vorüber. Sein verzweifelter Versuch, neuen Halt zu finden, schlug fehl, da der Schacht immer breiter und breiter wurde, bis er übergangslos in ­einer Felsgrotte aufging.

Binek sah noch, wie der Amboss vor ihm ins Wasser stürzte, bevor er selbst folgte. Eine Wasserfontäne spritzte auf, wo er in den reißenden Fluten versank.

Ein in den Berg geschlagener Sims säumte das Ufer, an dem ein kleiner Kahn vertäut war, das war das Letzte, was Binek aus den Augenwinkeln erblickte, bevor die kalten Fluten über ihm zusammenschlugen. Der Aufprall war schmerzhaft. Ohne den Harnisch hätte er wohl das Bewusstsein verloren. Trotzdem glühte sein Rücken, als hätte er sich mit nacktem Oberkörper in ein Brennnesselfeld geworfen. Die reißende Strömung zerrte ihn mit sich.

Verzweifelt kämpfte das Halbblut gegen die wild auf ihn eindringenden Kräfte an. Der kleine Holzkahn! Falls er den erreichte, gab es noch eine Chance auf Rettung!

Das kalte Wasser stach Binek empfindlich in die Augen. Blindlings strampelte er mit den gefesselten Beinen, von der vagen Hoffnung beseelt, näher ans Ufer zu gelangen, während die Strömung ihn mit sich riss. Die instinktiv gewählte Richtung erwies sich als die richtige. Er kam besser voran als erwartet. Prompt stieß er mit seinem Hinterkopf gegen die Unterseite des Bootes.

Bineks Muskeln erschlafften. Zwischen seinen Lippen strömte kostbare Atemluft hervor. Einen Herzschlag später schrammte er unter dem Heck entlang, und ehe er recht wusste, wie ihm geschah, war der rettende Kahn wieder außerhalb seiner Reichweite.

Aus! Vorbei! Die letzte Möglichkeit, einen Halt zu finden, war endgültig dahin! Damit konnte er jede Hoffnung auf Rettung begraben.

Trotzdem bäumte sich Binek im Wasser auf. Er setzte alles daran, erneut nach Atem zu schöpfen. Gierig sog er frische Luft in seine Lungen, schluckte aber auch viel Wasser, als ihn die Strömung erneut in die Tiefe zog.

Der Halbelf versuchte, einen aufsteigenden Hustenreiz zu unterdrücken, doch es gelang ihm nicht. Von Krämpfen geschüttelt, verlor er erneut kostbare Atemluft. Stoßweise stiegen die Blasen von seinen Lippen auf, während er selbst immer tiefer sank – bis sich irgendetwas in seinen Haaren verkrallte und ihn mit aller Gewalt in die Höhe zerrte.

Prustend stieg Binek aus den schäumenden Fluten und landete mit dem Brustkorb voran auf der Steinkante, die entlang des trockenen Gewölbes verlief. Von der untersten Eisensprosse an, am vertäuten Ruderboot vorbei, führte sie tiefer in die Dunkelheit.

»Dich darf man aber auch keinen Tag alleine lassen«, tadelte eine leise Stimme, während er eine überraschend zarte, aber dennoch kräftige Hand spürte, die ihn noch weiter ins Trockene wuchtete.

Zunächst sah Binek kaum mehr als eine abgestellte Laterne, die seine Umgebung mit flackerndem Kerzenschein ausleuchtete. Während er mit den Lidern zwinkerte, um einen klaren Blick zu bekommen, spürte er scharfen Stahl zwischen den Unterarmen. Zwei schnell ausgeführte Schnitte befreiten ihn von seinen Handfesseln. Kurz darauf konnte er auch die Füße frei bewegen.

Mühsam kauerte er sich auf allen vieren zusammen und spuckte das restliche Wasser aus, das in seine Atemwege gedrungen war. Dabei fiel sein Blick auf zwei nackte Frauenbeine, die vor ihm in die Höhe wuchsen. Die Messerklinge, die ihn befreit hatte, glitt gerade in eine an der rechten Wade getragene Lederscheide zurück.

»Ihr Kerle seid doch alle gleich«, bekam er zu hören. »Gerade erst dem Tod entronnen, gafft ihr schon wieder unter den nächsten Weiberrock.«

»Imtje?«, stieß er hervor.

Schon einen Lidschlag später kniete die junge Zwergenfrau vor ihm und umfasste sein kaltes Gesicht mit beiden Händen. »Oh, du Lieber!«, flüsterte sie ergriffen, ehe sie seine Wangen mit flüchtigen Küssen bedeckte. »Schlägt dein Herz für mich so sehr, dass du mich bereits am Anblick meiner wohlgeformten Knöchel erkennst?«

Unversehens überschattete ein strenger Zug ihren Blick. »Allerdings ist das auch dein Glück, dass du es nur weißt!«, fuhr sie fort. »Hättest du mich gerade Avea, Neene oder wie eine dieser anderen storchenbeinigen Elfenweiber genannt, hätte ich dir glatt beide Augen ausgekratzt!«

Noch während sie sprach, kehrte der schelmische Ausdruck zurück, den sie so gern zur Schau trug. Ihre Eifersucht und die damit verbundenen Drohungen waren nur gespielt, so weit durchschaute er sie bereits. Zumindest hoffte Binek das inständig.

»Wie …?«, brach es aus ihm heraus, und zwar so laut, dass sich das Wort über das Rauschen des Wildlaufs hinweg als Echo von den Wänden fortpflanzte. Er hatte seine Stimme noch nicht richtig unter Kontrolle, trotzdem setzte er erneut an, um zu fragen: »Wie kommst du hierher?«

Schon während er sprach, presste ihm Imtje einen Zeigefinger auf die Lippen.

»Still, sonst hört Velb uns am Ende noch!«, forderte sie leise. »Und mir scheint, es wäre wohl besser, wenn er dich vorläufig für tot hielte. Komm, wir suchen uns einen Platz, an dem wir ungestört miteinander reden können.«

Ehe er zu widersprechen vermochte, nahm sie die Lampe mit den rußgeschwärzten Gläsern auf und zog seinen linken Arm über ihre Schultern. Als er sich mit Imtjes Hilfe aufrichtete, war Binek zunächst ein wenig wacklig auf den Beinen. Doch schon wenige Schritte später konnte er wieder alleine gehen.

Der Weg war eigentlich zu schmal für zwei nebeneinanderlaufende Personen, trotzdem nahm ihn Imtje bei der Hand und führte ihn bis zu einer Ecke, hinter der die Einmündung eines wesentlich ruhigeren Wasserarms verborgen war. Als sie dem sich dort fortsetzenden Sims folgten, ebbte das Getöse des rauschenden Wildlaufs allmählich ab.

2.

Binek begann, in seiner durchnässten Kleidung zu frieren, klagte aber mit keinem Wort. Die Zwergenfrau aus Felsheim hatte recht. Sie mussten Abstand gewinnen, bevor sie miteinander berieten, was als Nächstes zu tun war.

Der begehbare Vorsprung endete an einer natürlichen Grotte, in der ein kleiner Kahn vor Anker lag. Die dunkle Felsaushöhlung schützte das Gefährt vor zufälligen Blicken. Erst als sie unmittelbar davorstanden, zeichneten sich schemenhafte Umrisse im Laternenschein ab.

Vor ihnen lag eines der flach geschnittenen Boote mit niedrigem Tiefgang, wie sie die Zwerge gerne benutzten, um das Wasserlabyrinth zu befahren, das ganz Graugard unterirdisch durchzog. Bei seinem Besuch in Felsheim waren Binek zahlreiche Wasserknechte begegnet, die sich, je nach Tiefe und Strömungsgeschwindigkeit, mit Hilfe von Stakhölzern oder Rudern vorwärtsbewegt hatten. Außer Imtje war niemand zu sehen. Offensichtlich hatte sie den weiten Weg von der Nekropole bis zu Gohliks Erdhöhle alleine bewältigt.

Die Selbstverständlichkeit, mit der sie einige Felle von Bord holte, ließ nicht den geringsten Zweifel daran aufkommen, dass es sich um ihren Kahn handelte. Während das Heck durch ein ausgeworfenes Bleigewicht an Ort und Stelle gehalten wurde, war der Bug mit Hilfe einer kurzen Leine an einer aufragenden Felsspitze vertäut.

»Ohne dich wäre ich jämmerlich ertrunken.« Erst jetzt, da er nicht mehr in unmittelbarer Gefahr schwebte, dämmerte Binek allmählich, wie knapp er dem Tode entronnen war. »Gut, dass du zur rechten Zeit am richtigen Ort warst.«

Einen Moment lang stand Imtje wortlos vor ihm, dann umschlag sie seine Taille fest mit beiden Armen. Obwohl sie ihm nur bis zum Brustbein reichte, fühlte er sich plötzlich ganz klein neben ihr.

»Bloß gut, dass ich dich beim ersten Versuch zu fassen bekommen habe«, hauchte sie. »Ich hätte es mir nie verziehen, wenn du vor meinen Augen …« Mitten im Satz brach sie ab, um nicht näher ausführen zu müssen, was für ein schreck­liches Schicksal sie sich gerade ausmalte.

»Was hat dich überhaupt hierherverschlagen?«, fragte Binek, um sie auf andere Gedanken zu bringen.

Imtje ließ von ihm ab, damit sie sich besser in die Augen sehen konnten.

»Obwohl wieder Frieden war, hast du Felsheim so eilig verlassen – da habe ich mir Sorgen gemacht«, erklärte sie. »Ich war halt neugierig, ob du …« Verlegen sah sie auf ihre Schnürstiefel, die unter dem Rocksaum hervorlugten, während sie nach den richtigen Worten rang. »Na ja, das kennst du doch bestimmt, dass dir die Weiber nachsteigen, um sich zu vergewissern, ob du nicht lieber das Lager mit einer anderen teilst.«

Binek errötete, als er begriff, was sie damit andeuten wollte.

»Nein, das kenne ich nicht«, versicherte er. »Überhaupt nicht. Ich war den Menschen von Imor stets unheimlich, auch ihren Frauen. Ich hätte schon mit klingender Münze zahlen müssen, damit sich eine von ihnen mit mir abgibt.«

»Ach was, so ein Unsinn!« Erneut schloss ihn die Zwergin in ihre Arme und presste ihr Gesicht gegen die nassen Fetzen seines Umhanges. »Du bist doch so ein ansehnlicher Kerl!«

Binek wusste nicht recht, wie ihm geschah, mit so viel Zuneigung überschüttet zu werden. Vergleichbares war ihm in Imors dunklen Gassen niemals widerfahren. Erst jetzt, da ihn Imtje so unverhofft beschenkte, wurde ihm klar, wie stark er solche Empfindungen ein Leben lang entbehrt hatte.

»Du zitterst ja wie Espenlaub«, stellte sie erschrocken fest. »Oh, ich dumme Pute! Dabei habe ich extra eine warme Decke aus dem Boot geholt. Rasch, zieh deine nassen Sachen aus. Unter Tage ist es zu kalt, um sie am Körper trocknen zu lassen. Eine Lungenentzündung wäre das Letzte, was uns noch fehlt.«

Beflissen faltete Imtje die aus zahlreichen Farbschattierungen bestehende Kaninchenfelldecke auseinander und hielt sie ihm entgegen. Vergeblich. Binek rührte keinen Finger, sondern sah sie nur erstaunt an.

»Oje, du scheues Reh!«, neckte sie ihn. »Sieh her, ich mache auch beide Augen zu.«

Tatsächlich kniff sie ihre Lider so fest zusammen, dass sich ihr Gesicht von der Stirn bis zu den Wangen in Falten legte. Allerdings mogelte sie ein wenig. Schon nach wenigen Herzschlägen öffnete sie die rechten Wimpern so weit, dass sie heimlich durch einen schmalen Spalt hindurchspähen konnte.

Binek, der gerade an seinem Lederharnisch nestelte, erwischte sie beim Kiebitzen.

»Ich verfüge über die Nachtsicht eines Elfen, schon vergessen?« Zur Bekräftigung seiner Worte streckte er einen Zeigefinger in die Luft, mit dem er eine kreisende Bewegung vollführte. »Also gib dich keinen falschen Hoffnungen hin – und dreh dich gefälligst um.«

Unter leisem Murren kam sie der Aufforderung nach. »Mir scheint, du warst zu lange unter Menschen«, spottete sie über die Schulter hinweg. »Zum Glück bist du so jung, dass sich das noch auswachsen kann.«

Er achtete nicht auf die wiegenden Bewegungen ihrer Hüften, während er sich seiner Kleidung entledigte. Es war allerhöchste Zeit, dass er den klammen Stoff vom Leibe bekam. Binek bibberte bereits erbärmlich. Kaum dass er Hemd und Hose zum Trocknen ausgebreitet hatte, warf ihm Imtje die Decke über und begann, ihn mit kräftigen Bewegungen abzurubbeln. Sie ging dabei nicht gerade zimperlich vor, denn es war wichtig, für eine gute Durchblutung seiner Haut zu sorgen. Auf ihre Anweisung hin ließ sich Binek auf einen Stein nieder, damit sie auch seine Schultern erreichte.

Trotz aller scherzenden Worte nahm die Zwergin ihre Aufgabe sehr ernst. Als echte Küchenmagd verstand sie sich auf die praktischen Dinge des Lebens. Sicher hätte sie genauso gut einen Schlangenbiss behandeln oder einen heilenden Kräutertrunk zubereiten können. »So wird es wohl gehen«, sagte sie, nachdem seine Haare strohig vom Kopf abstanden. »Ich würde dir gerne noch ein wärmendes Feuer entfachen, aber das dürfen wir nicht wagen. Der Rauch könnte in Gohliks Höhle zu riechen sein.«

»Dir ist seine Behausung wohl bestens bekannt?«, fragte Binek.

»Er ist schließlich mein Oheim, schon vergessen?« Imtje ließ sich neben ihm auf dem Stein nieder. »Nachdem der Gevatter Felsheim verlassen hatte, habe ich ihn einige Male besucht. Bis er immer wunderlicher wurde und keinen Verwandten mehr empfangen wollte. Schade, dass du Gohlik nicht kennengelernt hast, als er noch bei vollem Verstand war. Ich habe schöne Zeiten mit ihm erlebt.«

Die Erinnerungen versetzten Imtje in eine melancholische Stimmung. Plötzlich starrte sie in die vor ihnen liegende Dunkelheit, als könne sie dort ein Abbild der gerade beschriebenen Vergangenheit erblicken.

»Wie geht es dem alten Zausel?«, wollte Binek wissen.

»Das stärkende Mittel der Elfenheilerin zeigt Wirkung«, gestand Imtje wiederwillig ein. »Er ist endgültig aus der Bewusstlosigkeit erwacht, schläft aber noch sehr viel. In ­einem seiner lichten Momente hat er mich beschworen, seine Höhle aufzusuchen. Zu deinem Glück, wie ich neidlos anerkennen muss. Er war sich ganz sicher, dass du fortgegangen bist, um mit Velb zu sprechen.«

»Vielleicht ahnte Gohlik insgeheim, dass es der Waldläufer war, der ihn während der Schlacht niedergestreckt hat«, überlegte Binek laut.

»Ist das wahr?« Die Zwergin sah ihn erschrocken an. »Hat dir das Velb gestanden?«

»Nein, das nicht – aber die Vermutung liegt zumindest nahe. Velb wusste dank der Freundschaft zu deinem Oheim, wie sich der Zufluss der Heiligen Quelle umleiten ließ. Und Gohlik stand kurz davor, allen sein Wissen um die Unsinnigkeit der Schlacht preiszugeben. Ich weiß nicht, ob du etwas von dem gehört hast, was Velb mit dem Fischer aus Norva besprochen hat?«

»Alles habe ich gehört, was diese Orkknechte mit ihren Schlangenzungen gezischelt haben!«, brauste Imtje erzürnt auf. »Über die unterirdischen Kanäle geht es wesentlich schneller voran, als mit deinem Bergpony, das Graugards Höhen über gewundene Pfade bezwingen musste. Obwohl ich noch lange an Gohliks Krankenlager gesessen habe, war ich vor dir am Ziel. So habe ich viel Zeit damit verbracht, lauschend unter dem Schachtdeckel auszuharren. Ich weiß selbst nicht, warum ich so misstrauisch war. Vielleicht war es wirklich die Eifersucht, die an mir nagte, denn obwohl mich mein Oheim gedrängt hat, hier nach dem Rechten zu sehen, hat er keinen direkten Verdacht gegen Velb geäußert. Erst als der Waldläufer Besuch von diesem Fischer erhalten hat und ich ihr Gespräch durch den offenen Schacht belauschen konnte, ging mir auf, wie gut ich daran getan habe, mich verborgen zu halten. Als ich dann plötzlich deine Stimme gehört habe, o weh, da wollte mir schier das Herz zerspringen! Zum Glück habe ich die Strömung des Wildlaufs gut eingeschätzt und an der richtigen Stelle auf dich gewartet, sonst wäre es um dich geschehen gewesen. Leider gab es keine andere Möglichkeit, dir zu helfen. Im offenen Kampf gegen Velb hätte ich niemals bestanden.«

»Du hast alles richtig gemacht«, versicherte Binek eilig. »Velb ist ausgesprochen gefährlich, das musste ich am eigenen Leib erfahren. Natürlich hat er mich auch überrascht, bei unserem nächsten Treffen werde ich besser vorbereitet sein. Leider macht es ihm nicht das Geringste aus, für seine Sache zu töten, das verschafft ihm einen Vorteil.«

Ein leises Klappern begleitete die Worte, ausgelöst durch seine Zähne, die rhythmisch aufeinanderschlugen.

»Dir ist immer noch kalt«, stellte Imtje erschrocken fest. »Wir müssen dich besser wärmen, bevor es zu spät dafür ist.«

Entschlossen sprang sie auf. Anstatt ein Feuer zu entfachen, begann sie jedoch, die Verschnürung ihres Mieders zu lösen. Ehe Binek begriff, was vor sich ging, faltete sie ihr Kleid schon sorgsam zusammen und verstaute es im Flachboot. Hemd und Unterrock folgten auf die gleiche Weise.

»Was soll das?«, fragte er überrascht. »Was hast du vor?«

»Eine alte Tradition meines Volkes«, erklärte Imtje. »Wenn es in unseren Höhlen zu kalt wird, rücken wir Zwerge dicht unter unseren Decken zusammen, um uns gegenseitig zu wärmen.«

»Im Ernst?« Binek blickte verschämt zur Seite, da sie nur noch die Messerscheide aus weichem Hirschleder am Leibe trug. Und auch die landete auf dem sich immer höher auftürmenden Kleiderstapel. »Bist du sicher, dass du diese … Tradition nicht nur erfindest?«

»Heißt das etwa, dass du mich eine Lügnerin schimpfst?« Empört stemmte sie ihre Hände in die nackten Hüften.

»Nein, natürlich nicht.« Er wagte kaum noch, sie anzusehen.

»Dann ist ja gut«, schnurrte Imtje sanft, bevor sie zu ihm unter die Decke schlüpfte und sich eng an ihn schmiegte. »Uhhh, du bist ja wirklich eiskalt.«

Der Halbelf wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte, vor allem, als sie auch noch seinen Brustkorb zu streicheln begann. In einem behielt Imtje jedoch recht. Ihre Körperwärme übertrug sich augenblicklich auf seine ausgekühlten Glieder. Als sie ihm auch noch den Hals und die Wangen küsste, wurde ihm sogar regelrecht heiß.

Unwillkürlich lachte Binek auf. Das war ein Fehler.

»Was soll das?«, fragte sie. »Machst du dich lustig über mich?«

»Nein, überhaupt nicht.« Rasch zog er die Decke enger, um sie fester an sich zu pressen. »Du bist nur ganz anders, als sich die Einwohner von Imor eine typische Zwergenfrau vorstellen.«

Imtjes Stirn legte sich in Falten. Erstmals entdeckte er ­einen Anflug von Unsicherheit in ihrem Gesicht. »Wenn du mich abstoßend findest, brauchst du es nur zu sagen«, forderte sie deutlich verletzt.

»So ein Unsinn.« Er versuchte, sie zu küssen, scheiterte aber an ihren Lippen, die sie trotzig aufeinanderpresste. »Bei den Menschen gibt es große wie kleine Frauen, nur die Weiber der Vurakier scheinen allesamt bis in den Himmel zu wachsen. Du siehst also nicht anders aus als viele Mägde, Händlerinnen oder Töchter aus gutem Hause.«

Rasch legte er Imtje einen Finger auf die Lippen, bevor sie laut aufbegehren konnte.

»Dieser Vergleich ist überhaupt nicht böse gemeint«, versicherte er, »auch wenn das für dich im ersten Moment so klingen mag. Der Grund, warum ich lachen musste, ist folgender: Die Zwerge, die Imor besuchen, um dort Handel oder anderes zu treiben, sind für gewöhnlich knarzige Kerle mit langen Bärten. Mögen sie dabei auch manchmal von ihren Weibern begleitet werden, so bekommen die Menschen doch nur selten bis niemals eine Zwergin zu Gesicht. Deshalb ist man in Imor und anderswo fest davon überzeugt, dass es entweder überhaupt keine Zwergenfrauen gibt oder, falls doch, dass sie nicht von ihren Männern zu unterscheiden sind.«

Imtje starrte ihn ungläubig an. »Bist du sicher, dass du nicht gerade etwas erfindest?«, fragte sie in strengem Ton.

»Ich schwöre, dass ich die Wahrheit sage«, versicherte Binek. »Vielleicht verstehst du jetzt, wie heilfroh ich bin, dass die Zwergin, die mich mit ihrem nackten Leib wärmt, keinen langen Bart trägt, der ihr bis zum Bauchnabel reicht.«

»Menschen!«, stieß Imtje verächtlich hervor. »Was für ein fürchterlich dummes Volk sie doch sind.« Ihr eben noch angespannter Körper war plötzlich wieder so weich und anschmiegsam wie zuvor.

»Sie sind nicht alle schlecht«, versuchte Binek ihren Zorn zu dämpfen. »Vergiss nicht, dass durch meine Adern zur Hälfte auch menschliches Blut fließt.«

Statt darauf einzugehen, strich sie mit ihren Fingerkuppen über seine Schultern. »Erzähl mir von diesen höheren Töchtern, die mir so ähnlich sind«, forderte sie dabei. »Sicherlich waren sie alle in Liebe zu dir entflammt, und du bist jede Nacht bei ihnen durchs Kammerfenster gestiegen.«

Er schwieg zu dieser Mutmaßung. Obwohl ihn Imtje nur aufzog, wollte er keine Eroberungen erfinden, die niemals stattgefunden hatten. Lieber strich er mit seinem Hand­rücken über ihre linke Wange. Sie erschauderte unter der sanften Liebkosung, so dass er sich traute, erneut zu einem Kuss anzusetzen.

Kurz bevor seine Lippen die ihren berührten, zuckte sie jedoch zusammen und fuhr wie von einem glühenden Eisen getroffen in die Höhe.

Nackt, wie sie war, eilte Imtje mit langen Sätzen zu der Laterne, die sie in einer Felsnische abgestellt hatte. Rasch öffnete sie die verglaste Tür, die die darin flackernde Flamme vor Zugluft bewahrte, und blies diese aus. Die zuckende Lichtinsel, die sie umgab, fiel auf einen Schlag in sich zusammen. Dunkelheit umfing die beiden wie eine zweite Haut.

Trotz seiner guten Nachtsicht hörte Binek lediglich, wie Imtje zurückkehrte.

Statt wieder zu ihm unter die Decke zu schlüpfen, schlich sie vorüber. Erst als sie die Ecke erreichte, von der aus die Einmündung in den Wildlauf zu sehen war, trat ihre schlanke Silhouette erneut aus der Finsternis hervor. Binek folgte ihr leise und umhüllte sie mit seiner weichen Decke, bevor sie gemeinsam in die Dunkelheit spähten. Als er einen Lichtschimmer entdeckte, der den Wildlauf immer stärker erhellte, wusste er, was Imtje alarmiert hatte. Die Zwergin hatte ein gutes Gehör, das musste er neidlos anerkennen. Vielleicht wusste sie aber auch nur besser, worauf sie in den Tiefen des Bergmassivs zu achten hatte.

Sicherlich war Velb beim Ablegen des Bootes irgendwo angeschlagen, oder die Halteringe hatten beim Lösen der Vertäuung geklirrt.

Das Licht wurde noch heller. Wie erwartet, ging es von einer Laterne aus, die sich im Bug des Kahns befand. An einer rostigen Eisenaufhängung befestigt, schaukelte sie vor und zurück, als sie langsam in Sicht kam. Der Mann, der den Kahn steuerte, war tatsächlich Velb. Wegen der starken Strömung brauchte der Waldläufer weder zu rudern noch zu staken. Er saß einfach an der Pinne und versuchte, sein schaukelndes Gefährt in der Mitte des Flusses zu halten. Für den Fall, dass er irgendwo aneckte, lag ein kräftiger Stecken bereit – das Stakholz.

Wie ein flüchtiges Trugbild tauchte Velb auf und verschwand gleich wieder aus dem begrenzten Sichtfeld. Doch schon sein kurzer Anblick versetzte Binek einen Stich ins Herz.

»Wir müssen ihm nach«, flüsterte er. »Er darf nicht ungestraft davonkommen.«

»Lass ihn ziehen«, verlangte Imtje. »Soll er doch zu seinen Orkfreunden gehen und dort elendig ums Leben kommen. Bestimmt ist ihm klargeworden, dass es in und um Graugard für ihn nicht mehr sicher ist. Bist du ihm auf die Schliche gekommen, mag das auch anderen gelingen. Er hat zu viele Spuren hinterlassen, um auf ewig unentdeckt zu bleiben, außerdem fürchtet er nichts so sehr wie Eyrons Peitsche.«

Binek wusste, dass es die brutale Strafe der Elfen gewesen war, die Velb in die Fänge des Geheimbundes getrieben hatte, doch wog ein erlittenes Unrecht ein selbst verübtes auf? Ganz sicherlich nicht.

»Halten wir ihn nicht auf, richtet er weiteres Unheil an«, gab er zu bedenken. »Das gilt es zu verhindern.«

»Velb wird in Imor den Tod finden«, beharrte Imtje auf ihrer Meinung. »So wie alle anderen, die sich auf einen Pakt mit den Orks einlassen. Es lag schon immer in der Natur der Menschen, nach schnellem Erfolg zu streben, ohne die Folgen ihres Handelns zu bedenken. Aus diesem Grunde haben die Götter ihnen nur ein kurzes Leben beschert, das sie dazu verdammt, sich wie die Karnickel zu vermehren, um nicht auszusterben. Der Weg der Orkknechte führt direkt ins Verderben, darauf kannst du dich verlassen. Außerdem musst du mich nach Felsheim begleiten. Das bist du mir schuldig, dafür, dass ich dir das Leben gerettet habe.«

War Velbs Schicksal tatsächlich vorgezeichnet? Oder behauptete Imtje das nur, um ihn zurückzuhalten? Binek wusste es nicht. Eines war hingegen sicher. In Imor konnte er sich immer noch nicht blicken lassen. Allein die Aussicht darauf, dass ihn die Verfolgung des Waldläufers in die alte Heimat verschlagen könnte, dämpfte seinen Eifer. Außerdem schien Imtje etwas Wichtiges auf dem Herzen zu haben.

»Die Felsheimer müssen umgehend erfahren, dass die Trolle keine Schuld an der aufgestauten Heiligen Quelle trifft. Orm und die Odemar-Sippe lechzen nach Rache für die erlittene Schmach und all die Gefallenen bei dem Kampf um Felsheim. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, das Schlimmste zu verhindern. Nachdem der Krieg mit den Elfen gerade noch abgewendet werden konnte, wäre es schrecklich, wenn es stattdessen zu einem tödlichen Zwist mit den Trollen käme. Sie mögen tumb sein, die groben Gesellen, und nicht mehr von großer Zahl, doch ihre Schamanen gebieten über furchtbare Mächte, wie die Schlacht von Scherbental bewiesen hat. Du musst unbedingt nach Felsheim kommen, um mir dabei zu helfen, Orm von der Wahrheit zu überzeugen. Verblendet, wie er ist, wird er dem Wort einer einfachen Küchenmagd vielleicht nicht glauben.«

Dem Halbblut lief es bei ihrer Ansprache kalt über den Rücken. Erneut wurde ihm bewusst, wie wenig er von der Welt jenseits der hohen Stadtmauern wusste, hinter denen er aufgewachsen war. Gerne wollte er mehr über Graugard, den Hochwald und all die anderen unbekannten Länder erfahren, die ihm so fremd und geheimnisvoll erschienen. Außerdem wollte er einen Platz finden, an dem es sich für ihn zu leben lohnte, wie konnte er also zulassen, dass diese Gebiete der Zerstörung anheimfielen, ehe er sie richtig kennenlernen durfte?

»Du hast recht«, gestand er ein. »Das Wohl deines Volkes ist wichtiger als mein Rachedurst. Lass uns besser keine Zeit verlieren.«

Imtje erbebte bei seinen Worten, hielt ihn jedoch mit sanftem Griff zurück, als er sich von ihr zu lösen versuchte. »Nicht so eilig«, verlangte sie, ihre weichen Rundungen fester gegen seinen nackten Leib pressend. »Vor dem Aufbruch müssen wir alle Kälte aus deinen Gliedern vertreiben, denn von Krankheit geplagt nützt du niemandem.« Diesmal war sie es, die nach seinen Lippen suchte. Und sie auch fand, obwohl sie sich dazu auf die Zehenspitzen stellen musste.

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Bernd Frenz – Die Macht der Elfen. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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