Bernd Frenz: Der Groll der Zwerge

Der Groll der Zwerge - Bernd Frenz

FISCHER TOR

Leseprobe: Bernd Frenz - Der Groll der Zwerge


TOR Team
26.01.2017

Mit ›Der Groll der Zwerge‹ (FISCHER Tor) beginnt Autor Bernd Frenz eine neue Völkerroman-Trilogie der Superlative, in der kein Stein auf dem anderen bleibt – ein Muss für jeden Fantasy-Fan. Hier könnt ihr die ersten Seiten lesen.


Und darum geht es in ›Der Groll der Zwerge‹ Nach dem Großen Krieg herrschte dreißig Jahre lang Frieden im Lande Garon – doch damit ist jetzt Schluss. Als Steinmetze in der Zwergen-Nekropole Felsheim neue Grabkammern in den Berg schlagen und einen heiligen Fluss der Elfen zum Versiegen bringen, lebt der alte Zwist wieder auf. Dass just zu diesem Zeitpunkt der Ork Grimm aus dem Exil zurückkehren will, um mit alten Feinden abzurechnen, macht es nicht besser. Und auch die Menschen, die die entvölkerten Gebiete der Altvorderen besiedelt haben, beweisen jeden Tag aufs Neue, dass ihnen Arglist und Gewalt innewohnen. Und so heißt es schon bald: Elfen gegen Zwerge, Trolle gegen Orks und alle gegen die Menschen.



***

Felsheim

Selbst unter seinesgleichen galt Orm Eisenbeiß als knurriger Gesell, dem nur selten ein freundliches Wort über die Lippen schlüpfte. Dunkler Groll und immerwährende Gereiztheit pochten abwechselnd in seinem spärlich bewachsenen Schädel. Gute Laune bedeutete bei ihm kaum mehr als die Zeit zwischen zwei Wutausbrüchen. Manch wohlmeinende Gemüter behaupteten zwar, erst die Erfahrungen der Großen Schlachten hätte ihn hart und unnachgiebig gemacht, doch viele, die ihn schon von Kindesbeinen an kannten, versicherten mit heiligem Ernst, dass Orm von jeher ein Stinkstiefel gewesen sei. Die Entbehrungen und Gräuel der Kriege hätten nur prächtig gedeihen lassen, was ohnehin schon tief in seiner Brust geschlummert habe.

Vielleicht war das der Grund dafür, warum er selbst im Schlaf mit sich und der Welt zu hadern schien. Für gewöhnlich klang sein Schnarchen wie das Knurren eines angriffslustigen Tieres, und sein Gesicht verzerrte sich dabei, als litte er unter ständiger Atemnot. Doch manchmal – selten zwar, aber mit den Jahren immer öfter – stahl sich auch nackte Angst in seine Züge, immer dann, wenn er im Schlafe zu wimmern begann.

Orm hatte andere Steinmetze darüber hinter seinem Rücken tuscheln hören, deshalb vermied er es mittlerweile, in der Öffentlichkeit einzunicken, obwohl das einem Zwerg seines Alters ohne Gesichtsverlust zustand.

Aber an jenem verhängnisvollen Tage, als der Zwist zwischen den Alten Völkern wiederaufflammte, war er dennoch eingeschlafen. Zum Glück in einer leeren Grabkammer der dritten Tiefebene, in der er den Augen und Ohren der anderen entzogen war. So bemerkte niemand, wie seine Augäpfel heftig unter den geschlossenen Lidern umherwanderten, und keiner hörte die halberstickten Laute in seiner Kehle, als er von Scherbental träumte.

Von den großen Leichenbergen, zwischen denen er wieder und wieder umhertaumelte. Angeschlagen und aus zahlreichen Wunden blutend, das Triumphgeheul der siegtrunkenen Orks im Nacken – das schlagartig verstummte, als der Boden unter den Stiefeln der versammelten Heere zu beben begann. Kurz bevor die nackte Angst bei Freund und Feind gleichermaßen um sich griff, weil …

Von plötzlich aufbrandendem Geschrei geweckt, schreckte Orm aus dem Albtraum auf. »Verflixt und zerstückelt!« Anstatt sich die schlaftrunkenen Augen zu reiben, langte er instinktiv nach der Peitsche an seiner Hüfte. »Was geht da bloß vor?«

Inzwischen übertönte hämmernder Steinschlag die entsetzten Rufe aus Troll- und Zwergenkehlen. Das lang anhaltende Grollen, das von den Felswänden widerhallte, jagte Orm kalte Schauer über den Rücken. Da hagelte weit mehr durcheinander als nur der Abraum eines vollen Lastkorbes, das war deutlich zu hören.

Und zu spüren!

Nein, Orm täuschte sich nicht. Das leichte Zittern, mit dem der ausgehöhlte Berg seine Stiefelsohlen kitzelte, war eindeutig. Die gesamte Nekropole erbebte in ihren Grundfesten!

Auf einen Schlag hellwach, sprang der Oberste Steinmetz in die Höhe, richtete seine Lederschürze mit sicheren Griffen und strich sich den schlohweißen Bart glatt, bevor er die aufgerollte Trollpeitsche vom Gürtel löste. Zwar lag die Zeit der Sklaverei lange zurück, doch Orm gehörte zu jenen Zwergen, die weiterhin darauf schworen, dass sich aufrührerische Trolle durch nichts besser zur Räson bringen ließen als durch lautes Peitschenknallen.

Schlecht gelaunt, aber gut gerüstet, schlug er das Bärenfell am Eingang zur Seite, bevor er ins Freie stürmte. Direkt in die grauen Staubwolken hinein, die durch den Seitengang des Westschachtes wallten. Orm kniff die Augenlider zusammen, doch zu spät. Der mehlfeine Steinnebel hüllte ihn bereits vollständig ein, durchdrang seinen Bart, kroch ihm unter die Kleidung, legte sich auf seine Lungen und stach ihm in die Augen, bis sie tränten.

O Elend der Welt!, fluchte der Zwerg still in sich hinein. Elend, dass du uns dazu zwingst, Trolle als Träger einzusetzen, weil Felsheims Hüter auf die Münze schauen, anstatt die Traditionen zu achten!

Hustend kämpfte sich Orm nach links, in Richtung der neuen Talsohle, wo die hochstehende Sonne die im westlichen Lichtschacht aufsteigenden Schleier langsam zu lichten begann. Der Radau entsprang in der Tiefe, dort, wo seine fleißigen Zwerge neue Grabkammern aus dem Fels schlugen, daran bestand kein Zweifel. Den linken Arm auf das Gesicht gepresst, um Mund und Nase zu schützen, stürmte er die Stufen der nächstgelegenen Treppe hinab. Vorbei an pockennarbigen Wänden, die noch zu glätten und zu schleifen waren, obwohl dort bereits eine Grabkammer für die Bestattung eines Toten aus dem Geschlecht der Odemar vorbereitet wurde.

Auch ohne den umherwirbelnden Staub, der jeden Atemzug zur Qual machte, wäre die Sicht schummerig gewesen. Denn hier unten, auf der vierten Tiefebene, hatten sich die Zwerge so weit in den Berg gewühlt, dass es zwischen den Felswänden nur noch zur Mittagszeit richtig hell wurde, wenn die Sonne senkrecht am Himmel stand.

Mit brennenden Augen tastete sich Orm unter einem Steinbogen hindurch, hinter dem ein halbkreisförmiger Absatz lag. Obwohl er nur mit Mühe sehen konnte, hielt er kurz vor den ersten Stufen inne.

Orks, Menschen oder anderes Gezücht wären wohl haltlos ins Leere gestolpert, doch dem Volk der Zwerge war die Arbeit in Bergwerken und dunklen Stollen über unzählige Generationen in Fleisch und Blut übergegangen. Selbst in tiefster Finsternis spürten Orm und seinesgleichen, wo vorspringende Felsnasen und abgrundtiefe Spalten lauerten.

Umgeben von keifenden Stimmen, die sich gegenseitig die Pest, schwindende Manneskraft und noch Schlimmeres an den Hals wünschten, verschnaufte er einige Herzschläge lang. Zum Glück klarte die Sicht allmählich wieder auf. Nachdem er mehrmals mit den Augenlidern gezwinkert hatte, um den Tränenfluss anzuregen, schälten sich die ersten Kontrahenten des lautstarken Streits aus den absinkenden Staubnebeln hervor.

Obwohl sie gleichermaßen grau eingepudert waren, ließen sich beide Parteien gut voneinander unterscheiden. Auf der einen Seite die Zwerge, die mit ihren unterschiedlich großen Hämmern, den Meißeln und den Lederschürzen deutlich als Steinmetze zu erkennen waren. Ihnen gegenüber standen die doppelt so großen Trolle, die außer ihren Schulterpolstern, auf denen für gewöhnlich die Lastkörbe ruhten, nur einfache Lendenschurze um die Hüften trugen. Den anfallenden Abraum, für den sie zuständig waren, klaubten die lederhäutigen Riesen mit bloßen Händen auf, ansonsten verfügten sie über mannshohe Brechstangen, mit denen sie die Abbrucharbeiten gehörig beschleunigten.

Für anspruchsvollere Tätigkeiten waren Trolle nicht zu gebrauchen. Und wäre es nach Orm gegangen, hätten die plumpen Gesellen ohnehin keinen einzigen Fußbreit in die heiligste aller Grabstätten setzen dürfen. Schließlich war Felsheim nicht irgendeine Totenstadt, sondern die Nekropole schlechthin, in der schon seit grauer Vorzeit die reichsten und edelsten Zwerge ihre letzte Ruhestätte fanden.

Leider waren die beengten Verhältnisse der unteren Ebenen für schweres Gerät ungeeignet, und ein Troll schaffte bei jedem Gang ebenso viel Gewicht die Stufen hinauf wie drei kräftige Zwerge, brauchte dafür aber nur einmal bezahlt zu werden. Das genügte den Hütern, um großzügig über das alte Gebot hinwegzusehen, dass es nur Zwergen reinsten Blutes erlaubt war, Felsheim zu betreten.

Wie die meisten Angehörigen seines Volkes, so glaubte auch Orm nicht an helfende oder strafende Götter, sondern ausschließlich an die Macht der Ahnen sowie an Tugenden wie Tatkraft, Fleiß und Handwerkskunst, die jeden Zwerg im Leben weiterbrachten. Und mit größter Wahrscheinlichkeit auch in der jenseitigen Welt, die sie nach ihrem Tode erwartete. Trotzdem war er davon überzeugt, dass sich aus den alten Traditionen und Ritualen Kraft schöpfen ließ, die nicht für eine Handvoll Gold vergeudet werden durfte.

Aber in diesem Punkt vertraten die Herren von Felsheim eine andere Meinung. Allein die Hüter bestimmten über das Schicksal der Nekropole, mochte Orm auch seit Jahrzehnten die Aufsicht über die Steinmetze innehaben. Das hatten ihm Hezio und die anderen beiden des Dreigestirns deutlich vor Augen geführt. Ebenso wie die Möglichkeit, dass er jederzeit durch einen jüngeren und einsichtigeren Aufseher ersetzt werden konnte.

Also musste er parieren, so schwer es ihm auch fiel.

Und so sehr es ihm die Laune verhagelte.

»Tölpel! Tumbes Gesindel!« Borstels helle Stimme, die sich bei Aufregung besonders schrill in die Höhe schraubte, verdrängte die trüben Gedanken. »Dieses Missgeschick ist allein eure Schuld!«

Erst beim Anblick der klagenden Geste, mit der Borstel Flammenhaar auf eine Stelle neben den bereits in den Berg geschlagenen Kammern deutete, wurde sich Orm des vollen Ausmaßes der Katastrophe bewusst. Da, wo sich eigentlich eine massive Steinwand in der staubgeschwängerten Luft abzeichnen sollte, klaffte ein riesiges Loch im Fels. Groß und breit wie ein Troll war die Öffnung. Mit wild gezackten, beinahe ausgefranst wirkenden Rändern, von denen tiefe Risse ausgingen. Die blitzförmig verlaufenden Spalten bereiteten Orm gehöriges Magengrimmen. Angesichts der höher gelegenen Grabstätten vermochte jede Erschütterung der Talsohle weitere Abbrüche nach sich ziehen. Nicht auszudenken, wenn dabei eines der belegten Gräber Schaden erlitt.

»Was willst du denn, du Wicht?« Natürlich war es Archat, der aufseiten der Trolle das Wort ergriff. Ein grober Klotz, der noch die Zeit der Knute kannte, sich aber trotzdem nicht scheute, jetzt für klingende Münze in Felsheim zu schuften. »Ihr Steinmetze habt doch selbst die Löcher, die wir erweitern sollten, in den Stein getrieben!«

Schon als Kettensklave war Archat durch seine Widerspenstigkeit aufgefallen. Als Freier ließ er erst recht keine Gelegenheit aus, eigensinnig auf seine Meinung zu pochen. Seinem Vorbild folgend, pumpten auch die anderen Trolle ihre Brustkörbe auf.

Abgeschieden lebenden Zwergen hätte diese drohende Haltung sicherlich Angst eingeflößt, die Steinmetze von Felsheim wussten jedoch um die Kraft, die in ihren eigenen muskelbepackten Leibern steckte. Außerdem waren sie dem Gegner zahlenmäßig überlegen. Mehr als ein Dutzend Zwerge gegen drei Trolle, da brauchte man bloß einig sein, um den Kampf für sich zu entscheiden. Zumal ihnen die beengten Verhältnisse entgegenkamen. Denn während die Zwerge volle Bewegungsfreiheit genossen, mussten die Trolle schon unter normalen Bedingungen darauf achten, nicht überall anzustoßen.

Borstel zeigte entsprechend wenig Respekt, als er sich über Archats Anschuldigungen empörte.

»Erweitern, ja!«, rief er mit schriller Stimme. »Aber doch nicht so, dass halb Felsheim zusammenkracht! Könnt ihr denn keine Vorsicht walten lassen?«

»Wääähhhh!«, ahmte Archat das Weinen eines Säuglings nach. »Hört euch bloß diesen greinenden Winzling an! Will nicht begreifen, dass ein ausgehöhlter Stein zerbricht, sobald man auf ihn einhämmert!«

Selbst unter der dicken Staubschicht hindurch war zu erkennen, wie Borstel angesichts des Spotts knallrot im Gesicht anlief. Mit seinen vierzig Lenzen war er noch ein junger Spund, dem schnell das Blut in den Adern kochte. Schnaubend umfasste er seinen Vorschlaghammer mit beiden Händen und reckte ihn Archat entgegen.

»Vorsicht!«, drohte er mit überraschend ruhiger und gefasster Stimme. »Noch ein falsches Wort, und ich …«

Archat lachte dröhnend, obwohl ein richtig geschwungener Hammer nicht bloß Stein, sondern auch einen Trollschädel zu zertrümmern vermochte. Seine Kameraden forderten den alten Kämpen schon durch beschwichtigende Gesten und Laute zur Mäßigung auf, vergeblich. Anstatt seine Behauptung über den Hohlraum näher auszuführen, drehte sich der lederhäutige Koloss auf der Ferse um und hob seinen Lendenschurz an, um Borstel die blanke Kehrseite zu präsentieren. Das war die Art der Trolle, anderen zu bedeuten, dass sie ihnen den Buckel herunterrutschen konnten – nur dass sie dafür ein tiefer gelegenes Körperteil ausstellten.

Beim Anblick des faltigen und behaarten Hinterteils verlor Borstel endgültig die Beherrschung. Seinen Hammer wild über dem Kopf schwingend, setzte er dazu an, dem alten Troll in den Rücken zu fallen. Einige seiner engsten Vertrauten schlossen sofort zu ihm auf, denn eine solche Beleidigung musste eine handfeste Auseinandersetzung nach sich ziehen. Die meisten Zwerge verharrten jedoch zögernd auf ihrem Platz, scheinbar unschlüssig, ob der Einsturz wirklich einen solchen Kampf wert war.

Hasenherzen! Nach-Scherbental-Geborene! Orm hätte gerne dabei zugesehen, wie die Trolle eine kräftige Tracht Prügel bezogen, doch dazu hätten alle Steinmetze auf der Baustelle an einem Strang ziehen müssen. So war es hingegen an der Zeit, dem kindischen Treiben ein Ende zu bereiten.

In einer geübten Bewegung ließ Orm den dicken Peitschenstrang zu Boden gleiten. Kaum dass er sich über den staubigen Fels schlängelte, schleuderte ihn der Zwerg auch schon wieder in die Höhe. Pfeifend zischte das Leder durch die Luft und streckte sich in einem lauten Knall, als Orm seine Rechte ruckartig an den Körper zog.

Augenblickliche Stille folgte, nur gestört durch ein vielfaches Echo des Peitschenknalls. Ob Zwerge oder Trolle, alle waren bei dem gefürchteten Geräusch erstarrt. Auch Archat, der mehr als alle anderen Anwesenden böse Erinnerungen damit verknüpfte.

»Auseinander!«, forderte Orm, der die Peitsche betont langsam einholte, bevor er sie in seiner Rechten aufrollte. »Ihr habt schon genügend Unheil angerichtet! Einer wie der andere!«

Dass alle auf der Baustelle beschämt zu Boden sahen, tat dem Aufseher gut. Vom wohligen Gefühl der Macht durchströmt, schritt Orm die Treppe hinab. Selbst der Steinstaub, der ihm unter die Kleidung gedrungen war und bei jedem Schritt scheuerte und zwickte, schmälerte den Triumph nicht. Nur Archats Blick kreuzte den seinen, während er Stufe um Stufe nahm. Aber auch der Troll würde noch vor dem Abendrot begreifen, wer in Felsheim das Sagen hatte.

»Meister Eisenbeiß«, versuchte sich Borstel förmlich an ihn zu wenden, als er durch die Reihen schritt, doch Orm brachte den Jungspund mit einer herrischen Geste zum Verstummen.

Grimmig war er nun, aber nicht zornig.

Sich jeder Faser seines vor Stolz strotzenden Körpers bewusst, bestieg er den Geröllhaufen, der sich vor dem Einsturz auftürmte. Ach, wäre er, wären sie alle doch nur in Scherbental so selbstsicher gewesen!

Zum Glück verflüchtigte sich dieser Gedanke so schnell, wie er Orm durch den Kopf geschossen war, als er in die vor ihm liegende Höhle blickte. Nur vier Armlängen tief reichte sie in den Berg hinein, erstreckte sich dafür aber nach rechts auf einer Länge von drei Grabkammern. Typisch für einen Hohlraum, den eingedrungenes Regenwasser aus dem Fels gewaschen hatte. Angesichts des brüchigen Gesteins, welches, erst einmal in Bewegung geraten, fast von alleine zu staubigem Geröll zerfallen war, schied auch die bereits links davon fertiggestellte Gruft für eine Nutzung aus. Wenn sie die beiden Öffnungen mit unbeschrifteten Frontplatten verschlossen, würde hoffentlich nie ein Trauernder bemerken, was hier los war. Doch der Verlust der Grabkammern blieb ein Ärgernis.

Bockmist! Das Dreigestirn würde toben!

»Ausgeschwemmt.« Archats fauliger Atem schlug Orm in den Nacken, als sich der Koloss ungebeten zu Wort meldete. Dem Zwerg war gar nicht aufgefallen, dass sich der Troll zu ihm herabgebeugt hatte, aber das machte die Sache nicht besser. Im Gegenteil. »Hab so was schon häufiger gesehen in all den Jahren. Und jedes Mal schlossen sich dem ersten Hohlraum noch weitere an. Von irgendwoher muss das Wasser schließlich kommen, und irgendwohin fließt es wieder ab.«

Die Häme in Archats Stimme war unüberhörbar. Trolle waren von Natur aus nicht sonderlich helle, aber auch sie begriffen Zusammenhänge und gewannen an Erfahrung. Einige von ihnen verfügten sogar über eine gewisse Bauernschläue, leider gehörte Archat diesem erlauchten Kreise an. Darum wusste er ganz genau, dass die Zwerge nichts stärker schmerzte als die verlorenen Münzen, die mit einem unbrauchbaren Abschnitt wie diesem einhergingen.

Orm drehte den Kopf zur Seite, doch Archat hielt seinem drohenden Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Hier ist nichts weitergeflossen«, beschied er dem Hünen wider besseres Wissen. »Ist doch alles furztrocken, sonst hätte es beim Einsturz nicht so gestaubt. Und jetzt schleich dich zu den anderen Handlangern, während wir Zwerge uns der Sache annehmen.«

Um seine Aufforderung zu unterstreichen, tippte Orm mit der Peitschenrolle gegen Archats Oberkörper. Im Grunde handelte es sich um eine sanfte Berührung, die einem Troll nicht viel ausmachte. Selbst einem kräftigen Stoß mit der flachen Hand oder einem Fausthieb auf den Oberarm maßen die unempfindlichen Kolosse für gewöhnlich keine größere Bedeutung bei.

Doch die Berührung mit dem geschmeidigen Peitschenstrang löste etwas in Archat aus. Vermutlich eine Erinnerung an die Zeit, die ihm das Narbengeflecht auf seinem Rücken eingebracht hatte. Ruckartig richtete sich der Gigant auf, einen furchtsamen Glanz in den Augen, wie ihn noch keiner der Anwesenden je bei ihm gesehen hatte.

Irgendwo lachte ein Zwerg auf.

Eine äußerst dumme Reaktion, obwohl Orm sie gut verstand. Ausgerechnet Archat in Panik zurückstolpern zu sehen hob auch seine Laune.

»Was grinst du so blöde, Eisenbeiß?« Von einem Herzschlag auf den anderen schlug Archats kreatürliche Furcht in blinde Wut um. Wild mit seinen Armen rudernd, richtete er sich zu voller Größe auf, bevor er nachschob: »Hast wohl vergessen, wer in Scherbental zum letzten Gefecht geblasen hat? Unsere Schamanen waren es, während du und deinesgleichen mit vollen Hosen davongelaufen seid!«

Orm spürte, wie ihm bei dieser Lüge alles Blut aus dem Gesicht wich. Plötzlich war ihm heiß und kalt zugleich. Seine Wangen vereisten, während der Steinstaub unter seinem Wollhemd so stark scheuerte, dass er darüber ins Schwitzen geriet.

»Da wirst du blass, was?« Beifallheischend wandte sich der Troll zu seinen Kameraden um. »Weil’s nämlich wahr ist. Ich muss es wissen, ich war dabei!«

Orm spürte, wie in ihm der Grimm anschwoll. Archat hatte natürlich Ketten aus Zwergenstahl getragen, als die großen Schlachten tobten. Doch was war, wenn die jungen Steinmetze dieser Lüge trotzdem Glauben schenkten?

Alles konnte Orm ertragen, aber keine Schmähungen über Scherbental! Nicht über den verruchten Tag, an dem so viele der Ihren dem Stahl der Orks zum Opfer gefallen waren. An das namenlose Grauen, das dort getobt hatte, würde er sich bis zu seinem letzten Atemzug erinnern.

Glühend heißer Zorn pulsierte durch seine Adern, während er die Peitsche fallen ließ. So nahe, wie er vor dem Troll stand, war sie als Waffe nutzlos. Zudem besaß sie keine tödliche Wirkung. Und Archats Worte konnten nur noch mit dem Tode abgewaschen werden.

Einige Atemzüge lang stand Orm wie in Trance da, dann sprang er aus dem Stand heraus in die Höhe. Schon einen Wimpernschlag später hatte er den Troll am Hals gepackt. Einhundertvierzig Jahre alt! Ein Zwerg, nicht mehr im besten Mannesalter, doch so voller Groll, dass sich seine Kräfte dadurch vervielfachten.

Selbst Archat, der schon manches Scharmützel ausgefochten hatte, war von der Heftigkeit des Angriffs überrascht. Der harte Aufprall, bei dem ihm Orm beide Knie tief in den Brustkasten rammte, trieb dem Troll die Luft aus den Lungenflügeln. Schwankend kämpfte Archat um das Gleichgewicht.

Das war die winzige Zeitspanne, in der Orm es zu Ende bringen musste. Anders konnte er allein und waffenlos keinen Sieg davontragen.

Mit fliegenden Fingern tastete er nach der Luftröhre des Gegners, um sie mit aller Macht zu zerquetschen. Starke, von harter Arbeit gestählte Zwergenfinger besaßen durchaus die Kraft, einem Troll den Kehlkopf einzudrücken, ja, ihm sogar das Genick zu brechen.

Aber Orm, der alte Eisenbeiß, war viel zu ungestüm vorgegangen. Seine kurzen Beine fanden keinen Halt an dem unbekleideten Trollkörper. Mochte die Haut der dunklen Kolosse auch so zerfurcht wie ausgebrannter Erdboden unter der heißen Sonne sein. Um sich mit den Stiefelspitzen darin abzustützen, waren die Spalte nicht tief genug. So blieb Orm nur, sich mit beiden Händen an Archats Hals festzuklammern und ihn gleichzeitig zuzudrücken. Dadurch fehlte ihm das letzte Quäntchen Kraft, das eigentlich nötig gewesen wäre, um dem Troll die Luft abzuschnüren.

Knurrend überwand Archat seine Überraschung, packte den strampelnden Zwerg mit beiden Pranken und riss ihn mit solchem Schwung von sich fort, dass Orm wie von einem Katapult geschnellt davonflog.

Die Welt um ihn herum schien sich zu drehen, während ihn die Höhle verschluckte. Gleißender Schmerz durchzuckte Orms Rücken, als er gegen die rückwärtige Wand prallte. Der Aufschlag hätte ihm glatt die Wirbelsäule zerschmettert, wäre der Fels nicht unter seiner gedrungenen Gestalt auseinandergeplatzt. Scharfkantige Bruchstücke zerschnitten ihm Hände und Gesicht, während er inmitten eines Steinhagels in die Tiefe stürzte. Kalte Fluten milderten Orms Sturz ab und schlugen gleich darauf über ihm zusammen. Wasser drang ihm in Mund und Nase, stach wie Eisnadeln in seinen Schlund und drohte ihn zu ersticken.

Hustend und spuckend kämpfte sich der Zwerg zurück an die Oberfläche. Als seine großen Hände einen Felsgrat ertasteten, zog er sich empor und rang nach Luft. Erst danach fiel ihm auf, dass er längst festen Grund unter seinen Stiefeln spürte.

Strudelnd und gurgelnd floss das Wasser um seinen Leib, was auf eine schnelle Strömung schließen ließ, doch sonderlich tief war das Nass nicht. Ein unterirdischer Flusslauf, der die zur Totenstadt ausgebaute Bergkuppe durchzog, um irgendwo am Fuße des Gebirgsmassivs als Quelle zu entspringen.

Die Hüter von Felsheim würden toben vor Wut!

Die höher gelegenen Hohlräume mussten schon vor Äonen entstanden sein, vermutlich lange bevor das erste Grab in die Bergkuppe geschlagen worden war. Wahrscheinlich hatte die stete Strömung an dem Gestein genagt, bis das Flussbett im Laufe der Zeit allmählich tiefer gewandert war.

Genau genommen interessierten Orm die Details aber herzlich wenig. Das kalte Bad hatte ihn gehörig abgekühlt. Er fror und wollte nur noch ins Trockene.

Mühsam kämpfte er sich über den Durchbruch zurück in die Höhle. Vor dem Eingang drängten sich bereits die Neugierigen, die sehen wollten, was mit ihm geschehen war. Bei seinem triefenden Anblick brandete Gelächter auf. Die dumpfen Kehllaute der Trolle machten den Anfang, doch alsbald fielen auch viele Zwerge mit in das schadenfrohe Konzert ein.

Orm hätte darüber zürnen müssen, stattdessen erfüllte ihn lähmende Traurigkeit. In den alten Tagen hätte Archat schon blutend am Boden gelegen, niedergeworfen von aufrechten Zwergen, die darauf brannten, einen der Ihren zu rächen. Seine Steinmetze spotteten hingegen lieber mit dem Feinde, als seine Ehre zu verteidigen. Zählte er wirklich schon so sehr zum alten Eisen, dass er das Benehmen der Fünfzig- bis Hundertjährigen nicht mehr verstand?

Schweigend wrang Orm seinen Bart aus und schüttelte alle Glieder, um sich der ärgsten Feuchtigkeit zu entledigen. Drei Schritte später stand er vor seiner Peitsche, die noch immer auf dem Geröll lag. Der Spott um ihn herum verebbte, und trotzdem beging er nicht den Fehler, den verlorenen Kampf fortzusetzen. Ohne blanke Klinge war er Archat nicht gewachsen, und Blut zu vergießen hätten ihm die Hüter nie verziehen.

»Packt euch!«, forderte Orm, ohne die Trolle dabei anzusehen. »Eure Dienste sind in Felsheim nicht länger erwünscht.«

Archat wartete, bis die Peitsche wieder fest in der Gürtelschlaufe saß, bevor er fragte: »Und wer, glaubst du, soll zukünftig unsere Arbeit erledigen?«

Orm kreuzte den neugierigen Blick des Trolls mit entschlossener Miene. »Packt euch, habe ich gesagt. Oder ich verwende all meine Ersparnisse auf ein paar Elfensöldner, die euch bis zur Erschöpfung jagen, bevor sie euch die Füße auf kleiner Flamme rösten! Und danach alle anderen Körperteile, selbst die, die euer Lendenschurz verdeckt.«

Die Erwähnung der abtrünnigen Elfen flößte den Trollen zwar keine blinde Panik, aber doch zumindest einige Ehrfurcht ein.

»Gut, wir gehen«, verkündete Archat. »Und wir kommen erst wieder, wenn du auf Knien darum bettelst. Du oder der Winzling, der deine Nachfolge antreten wird!«

Sogar die Trolle wussten, wie schlecht es bei den Hütern um ihn stand. Kein Wunder, dass es auch den Steinmetzen an Respekt mangelte.

»Aber Meister Eisenbeiß«, wagte Borstel einzuwenden, als die Trolle davonschlurften. »Wer soll denn nun wirklich die Lastkörbe tragen?«

Orm ließ seinen Blick so lange über die versammelten Zwerge gleiten, bis auch dem letzten von ihnen die Antwort dämmerte.

»An die Arbeit, ihr Memmen!«, forderte er rau. »Schafft Kübel voller Mörtel herbei und verschließt den offenen Zufluss mit so vielen Steinen und Geröll, wie nötig ist, damit hier nicht zukünftig alles unter Wasser steht!«

Während die Steinmetze einander betreten ansahen, klapperten an der Felstreppe die Lastkörbe die Stufen herab. »Schlechte Zeiten für einen Besuch, Menschlein!«, rief Archat. »In Felsheim herrscht dicke Luft!«

Als Orm in die Höhe spähte, um herauszufinden, mit wem der gerade in einem Seitengang der dritten Ebene abtauchende Troll gesprochen hatte, entdeckte er Velb, einen Grenzläufer, der mit den Alten Völkern Handel trieb. Eigentlich hätte dieser Mensch nie so tief ins Herz der Nekropole vordringen dürfen, andererseits hatte Orm höchstpersönlich erwirkt, dass Velb überhaupt die heilige Stätte betreten durfte.

Warum auch nicht? Schließlich trampelten hier auch Trolle herum.

Außerdem hatten, als es Velb nur gestattet gewesen war, die kleine Siedlung am Fuße des Berges zu besuchen, jene Auswärtigen, die gerade das Bett hüten mussten, stets die besten Geschäfte mit ihm gemacht. Das hatte zeitweise zu überquellenden Krankenlagern geführt, und zwar immer dann, wenn die Zwerge glaubten, dass Velbs Ankunft kurz bevorstände. Da sparte es schon viele Münzen ein, dass sie ihn inzwischen bis zu den Baustellen vorließen.

»An die Arbeit«, forderte Orm seine Zwerge auf, während er dem Grenzläufer entgegenging. Staub wölkte bei jedem Schritt auf und blieb an seinen nassen Hosenbeinen haften.

Borstel und die anderen Steinmetze fragten sich wohl einen Moment, ob sie noch die Befehle eines Mannes annehmen sollten, der schon mit einem Bein in der Verbannung stand. Schließlich machten sie sich aber doch ans Werk.

Orm hörte sie hektisch umherlaufen, während er die in den Fels geschlagenen Stufen emporeilte. »Schnell, höher hinauf«, forderte er Velb auf. »Wenn die Hüter dich so tief unten entdecken, war das dein letzter Besuch.«

»Keine Sorge.« In dem hageren Gesicht des Grenzgängers blitzte ein schalkhaftes Lachen auf. »Hezio und die Seinen kommen uns garantiert nicht in die Quere. Als ich mich von ihnen verabschiedet habe, sind sie gerade zu einem wichtigen Ritual im Kontor verschwunden.«

Orm verstand sofort, was damit gemeint war.

»Du hast Schmauch dabei?«, fragte er weitaus begehrlicher, als es eigentlich klingen sollte.

»Genug für euch alle!«

Einer plötzlichen Eingebung folgend schüttelte Orm den Kopf. »Nein, nur für mich«, verlangte er entschlossen. »Es soll dein Schaden nicht sein.«

Der mit mehreren Lederbeuteln behängte Grenzläufer legte seine Stirn in Falten, stimmte aber nach einigem Zögern zu. Immerhin. Wenigstens dieser Mensch zollte Orms Stellung noch Respekt.

Sein Tag war also nicht völlig verloren …

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