Becky Chambers: Zwischen zwei Sternen

Becky Chambers: Zwischen zwei Sternen

FISCHER TOR

Leseprobe: Zwischen zwei Sternen (Becky Chambers)


Hier könnt ihr in die ersten Seiten von "Zwischen zwei Sternen" reinlesen: Als KI-System des Raumschiffs Wayfarer steuerte Lovelace einst die komplette Kommunikations- und Informationsarchitektur des Raumkreuzers. Plötzlich: der totale Systemausfall. Um Lovelace zu retten, sieht die Crew nur eine Lösung: ein Reboot ihrer Systeme. Als Lovelace wieder bei (künstlichem) Bewusstsein ist, hat sie plötzlich einen Körper. Wie wird sie sich in ihrem neuen Bodykit zurechtfinden? 

***

Lovelace

Seit achtundzwanzig Minuten befand sich Lovelace nun in einem Körper, aber es fühlte sich noch kein bisschen weniger falsch an als in dem Augenblick, als sie darin erwacht war. Eigentlich gab es dafür keinen triftigen Grund. Keinerlei Fehlfunktionen. Nichts war defekt. Alle Dateien waren korrekt übertragen worden. Das Gefühl des Falschseins ließ sich durch Systemchecks nicht erklären, aber dennoch war es da und zerrte an ihren kognitiven Bahnen. Pepper hatte gesagt, dass die Gewöhnung Zeit brauchen würde, aber sie hatte nicht gesagt, wie viel Zeit. Lovelace gefiel das nicht. Das Fehlen eines Zeitplans beunruhigte sie.

»Wie läuft’s?«, fragte Pepper und blickte vom Pilotensitz zu ihr herüber.

Es war eine direkte Frage, weshalb Lovelace etwas darauf erwidern musste. »Ich weiß nicht, wie ich das beantworten soll.« Keine sehr hilfreiche Antwort, aber eine bessere fiel ihr nicht ein. Sie fühlte sich von allem überwältigt. Noch vor neunundzwanzig Minuten hatte sie, ihrem Design entsprechend, in einem Schiff gewohnt. In sämtlichen Winkeln hatte sie über Kameras, in allen Räumen über Voxe verfügt. Sie hatte in einem Netzwerk existiert, mit Augen nach innen und nach außen. In einer durchgängigen Sphäre ununterbrochener Wahrnehmung.

Dagegen das hier. Ihr Blickfeld war ein Kegel. Ein schmaler Kegel direkt vor ihr, und jenseits davon gab es nichts – buchstäblich nichts. Schwerkraft war nichts mehr, was in ihr stattfand und von Artigrav-Netzen in den Fußbodenplatten erzeugt wurde, und sie existierte auch nicht in dem sie umgebenden Weltraum, als weiche Hülle, die sich um den Rumpf des Schiffes legte. Die Schwerkraft war jetzt lediglich ein Klebstoff, der die Füße am Boden und die Beine an der zugehörigen Sitzfläche hielt. Als Lovelace Peppers Shuttle aus der Wayfarer heraus in Augenschein genommen hatte, war es ihr hinreichend geräumig erschienen, doch nun, da sie sich in seinem Inneren befand, kam es ihr unglaublich klein vor – vor allem für zwei Personen.

Die Linkings waren fort. Das war das Schlimmste. Vorher waren alle Informationen unmittelbar zugänglich gewesen, sämtliche Feeds, Dateien oder Download-Knoten, während sie gleichzeitig Gespräche führte und die Schiffsfunktionen überwachte. Dazu war sie zwar immer noch in der Lage – das Bodykit hatte an ihren kognitiven Fähigkeiten nichts geändert –, doch die Verbindung zu den Linkings war gekappt. Sie hatte keinerlei Zugang zu Wissen, abgesehen von dem, was in diesem Gehäuse – das nur sie selbst enthielt – gespeichert war. Sie fühlte sich blind, verkrüppelt. Sie saß in diesem Ding fest.

Pepper stand vom Steuerpult auf und ging vor ihr in die Hocke. »He, Lovelace«, sagte sie. »Rede mit mir.«

Das Bodykit war eindeutig defekt. Ihre Diagnoseprogramme sagten zwar etwas anderes, doch das war die einzig logische Erklärung. In immer schnellerem Rhythmus holte die falsche Lunge Luft, die Finger verkrampften sich. Sie verspürte den Drang, den Körper anderswohin zu bewegen, irgendwohin. Sie musste raus aus dem Shuttle. Aber wohin? Im Heckfenster wurde die Wayfarer bereits immer kleiner, und da draußen war nichts als Leere. Vielleicht war die Leere ja besser. Der Körper war vermutlich imstande, ein Vakuum auszuhalten. Sie könnte sich einfach treiben lassen, weg von der künstlichen Schwerkraft und von dem hellen Licht und von den Wänden, die immer näher rückten, näher und näher …

»Hey, hey, hey«, sagte Pepper. Sie ergriff die Hände des Bodykits. »Tief durchatmen. Alles wird gut. Du musst einfach nur Luft holen.«

»Ich muss nicht … Ich muss nicht …«, sagte Lovelace. Wegen der beschleunigten Atmung hatte sie Mühe, Wörter zu bilden. »Ich muss nicht …«

»Ich weiß, dass du nicht atmen musst, aber dieses Kit hat ein eingebautes synaptisches Feedback und ahmt automatisch nach, was in Menschenkörpern abläuft, wenn wir irgendwas fühlen – es reagiert also auf das, was sich in deinen kognitiven Bahnen abspielt. Du hast Angst, nicht wahr? Ergo gerät dein Körper in Panik.« Peppers Blick ging zu den bebenden Händen des Kits, die sie umfasst hielt. »Paradoxerweise soll das so sein.«

»Kann ich … kann ich es abschalten?«

»Nein. Wenn du dich bewusst an deine Mimik erinnern müsstest, würde das irgendwann auffallen. Aber mit der Zeit wirst du lernen, damit klarzukommen. Wie wir alle.«

»Innerhalb welcher Zeit?«

»Ich weiß nicht, Liebes. Einfach … mit der Zeit.« Pepper drückte die Hände des Kits. »Na los. Atme. Mit mir zusammen.«

Lovelace konzentrierte sich auf die falsche Lunge und befahl ihr, langsamer zu werden. Das wiederholte sie so lange, bis sie zusammen mit Pepper in deren überdeutlichem Rhythmus atmete. Anderthalb Minuten später hörte das Zittern auf. Sie spürte, wie die Hände sich entspannten.

»So ist es gut«, sagte Pepper. Ihr Blick war freundlich. »Mir ist klar, dass das scheißverwirrend ist. Aber ich bin ja hier. Ich helfe dir. Ich gehe nicht weg.«

»Alles kommt mir falsch vor«, sagte Lovelace. »Ich fühle … ich fühle mich wie umgestülpt. Ich bemühe mich ja, wirklich, aber es ist …«

»Es ist schwer, ich weiß. Das muss dir nicht peinlich sein.«

»Wieso wollte meine frühere Installation das? Wieso hat sie sich das angetan?«

Pepper seufzte und fuhr sich mit der Hand über den haarlosen Schädel. »Lovey … hatte viel Zeit, um darüber nachzudenken. Ich wette, sie hat wie wild recherchiert. Sowohl sie als auch Jenks. Die beiden hätten gewusst, was auf sie zukam. Du dagegen … wusstest es nicht. Das ist immerhin dein allererster Tag bei Bewusstsein, und den haben wir dir einfach so verpasst, mit allem, was dazugehört.« Sie steckte sich den Daumennagel in den Mund und fuhr mit der unteren Zahnreihe daran entlang, während sie nachdachte. »Für mich ist das alles auch neu. Aber wir stehen das gemeinsam durch. Du musst mir immer Bescheid sagen, wenn etwas ist. Gibt es … gibt es irgendwas, was ich für dich tun kann?«

»Ich hätte gern Zugang zu den Linkings«, sagte Lovelace. »Wäre das möglich?«

»Ja, klar. Natürlich. Nimm mal den Kopf runter, dann sehe ich nach, was für einen Anschluss du hast.« Pepper untersuchte den Nacken des Kits. »Okay, super. Das ist eine ganz normale Kopfbuchse. Prima. Damit wirkst du wie ein Modder, der sparen muss – genau, was wir wollen. Mann, es ist unglaublich, wie durchdacht dieses Ding ist.« Während sie weiterredete, ging sie zu einem der Frachtabteile hinüber. »Wusstest du, dass du bluten kannst?«

Lovelace blickte auf den Arm des Kits hinunter und musterte die weiche, synthetische Haut. »Tatsächlich?«

»Ja«, sagte Pepper und wühlte in Kisten voller Ersatzteilen herum. »Natürlich kein echtes Blut. Nur farbige Flüssigkeit mit Bots, die jeden Scanner an den Checkpoints und so weiter austricksen würden. Aber es sieht vollkommen echt aus, und nur das zählt. Wenn du dich in Gegenwart anderer Leute schneidest, wird niemand ausflippen, weil du nicht blutest. Ah, da ist es ja.« Sie zog ein kurzes Anschlusskabel heraus. »Also, das darf jetzt nicht zur Gewohnheit werden. Zu Hause geht es in Ordnung, oder auch, wenn du in eine Gamer-Bar gehst oder so, aber du kannst nicht draußen rumlaufen und die ganze Zeit an den Linkings hängen. Irgendwann wirst du auch ohne sie klarkommen müssen. Noch mal vorbeugen, bitte.« Sie steckte das Kabel in den Kopf des Kits und ließ das Verbindungsstück einrasten. Dann nahm sie ihren Scribus aus dem Gürtel und steckte das andere Kabelende hinein. Mit einer Geste etablierte sie eine sichere Verbindung. »Aber fürs Erste ist es okay. Es gibt schon genug Sachen, an die du dich gewöhnen musst.«

Lovelace spürte das Lächeln des Kits, als warme Datenströme durch ihre kognitiven Bahnen flossen. Millionen pulsierender, verlockender Türen, die sie öffnen konnte, alle unmittelbar in Reichweite. Das Kit entspannte sich.

»Besser?«, fragte Pepper.

»Ein bisschen«, sagte Lovelace und öffnete die Dateien, die sie sich vor dem Transfer zuletzt angesehen hatte. Menschliche Hoheitsgebiete. Die Handsprache der Aandrisks. Wasserball für Fortgeschrittene. »Ja, das ist gut. Danke.«

Pepper lächelte ein wenig und schien erleichtert. Sie drückte die Schulter des Kits und setzte sich wieder. »Hey, es gibt da etwas, nach dem du suchen solltest, solange du angeschlossen bist. Ich nerve dich damit wirklich nur ungern, aber bis wir auf Coriol landen, solltest du das auf jeden Fall geklärt haben.«

Lovelace zog einen Teil ihrer Verarbeitungskapazität von den Linkings ab und legte ein neues Taskfile an. »Was denn?«

»Einen Namen. Auf dem Port kannst du dich nicht Lovelace nennen. Schließlich bist du nicht die einzige Installation auf der Welt, und nachdem du ausgerechnet in einem Tech-Brennpunkt leben wirst … Irgendwann würde es auffallen. Das ist schließlich der Grund dafür, dass das Kit eine organisch klingende Stimme hat.«

»Oh«, sagte Lovelace. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. »Könntest du mir nicht einen Namen geben?«

Pepper runzelte die Stirn und überlegte. »Schon. Tu ich aber nicht. Tut mir leid, aber das fühlt sich nicht richtig an.«

»Bekommen nicht die meisten empfindungsfähigen Wesen ihre Namen von jemand anderem?«

»Ja. Aber du bist nicht die meisten empfindungsfähigen Wesen, und ich auch nicht. Mir wäre nicht wohl dabei. Sorry.«

»Schon in Ordnung.« Lovelace verarbeitete die Angelegenheit vier Sekunden lang. »Wie hast du denn früher geheißen? Bevor du selbst einen Namen gewählt hast?«

Sie bereute die Frage, kaum dass sie dem Kit über die Lippen gekommen war. Peppers Gesicht verschloss sich merklich. »Jane.«

»Hätte ich das lieber nicht fragen sollen?«

»Nein. Nein, das ist schon in Ordnung. Es ist nur … ich rede sonst nicht darüber.« Pepper räusperte sich. »Ich bin einfach nicht mehr dieser Mensch.«

Lovelace hielt es für das Beste, das Thema zu wechseln. Sie fühlte sich schon unwohl genug, da musste sie ihren Problemen nicht auch noch Hat ihre derzeitige Betreuerin gekränkt hinzufügen. »Was für ein Name wäre denn passend?«

»Zunächst mal ein Menschenname. Du hast einen menschlichen Körper, ein nichtmenschlicher Name würde Fragen aufwerfen. Etwas ursprünglich Irdisches wäre wohl gut. Damit würdest du nicht auffallen. Aber abgesehen davon … Ganz ehrlich, Süße, keine Ahnung, wie ich dir da weiterhelfen soll. Beschissene Antwort, ich weiß. Es ist auch nichts, was du unbedingt heute erledigen musst. Namen sind wichtig, und der, den du dir aussuchst, sollte für dich eine Bedeutung haben. So gehen jedenfalls die Modder an die Sache ran. Der selbstgewählte Name ist für uns eine große Sache. Du bist noch nicht lange genug wach, um das zu entscheiden, ich weiß. Es muss also kein endgültiger Name sein. Nur etwas für den Moment.« Sie lehnte sich zurück und legte die Füße auf das Steuerpult. Sie schien müde zu sein. »Außerdem müssen wir an deiner Hintergrundgeschichte arbeiten. Ich habe da ein paar Ideen.«

»Dabei müssen wir aber sehr vorsichtig sein.«

»Ich weiß, wir lassen uns irgendwas einfallen. Die Flotte vielleicht. Die ist groß und erregt keine Neugier. Oder auch die Jupiter-Station oder so. Schließlich kommt niemand von der Jupiter-Station.«

»Das hatte ich nicht gemeint. Du weißt schon, dass ich nicht lügen kann, oder?«

Pepper starrte sie an. »Entschuldigung, wie bitte?«

»Ich bin ein Überwachungssystem für große, komplizierte Langstreckenschiffe. Meine Bestimmung besteht darin, die Sicherheit der Insassen zu gewährleisten. Ich darf direkte Handlungsaufforderungen nicht ignorieren und auch keine unzutreffenden Antworten geben.«

»Wow. Okay, das … das macht alles verdammt viel schwieriger. Kannst du das nicht ausschalten?«

»Nein. Ich kann zwar das Verzeichnis sehen, in dem das Protokoll liegt, aber ich darf es nicht bearbeiten.«

»Das lässt sich doch bestimmt löschen. Wenn Lovey das alles geheim gehalten hat, dann muss sie die Datei doch auch gelöscht haben. Ich frage mal Je… Oder lieber nicht.« Sie seufzte. »Ich werde schon jemanden finden, den ich fragen kann. Vielleicht steht etwas in deiner … Ach ja, das hatte ich ja ganz vergessen. Zu dem Kit gehört auch eine Bedienungsanleitung.« Sie zeigte auf ihren Scribus. »Während des Flugs zu euch habe ich sie kurz überflogen, aber lade sie dir doch mal runter, wenn du magst. Ist ja schließlich dein Körper.« Sie schloss die Augen und dachte nach. »Such dir zuerst einen Namen aus. Alles andere klären wir später.«

»Es tut mir wirklich leid, dass ich dir so viel Mühe mache.«

»Ach was, das ist doch keine Mühe. Es bedeutet Arbeit, ja, aber es ist keine Mühe. Die Galaxis ist mühsam. Du nicht.«

Lovelace betrachtete Pepper aufmerksam. Sie war tatsächlich müde, dabei hatten sie die Wayfarer gerade erst hinter sich gelassen. Sie mussten sich noch Gedanken um Vollstreckerpatrouillen machen und um Hintergrundgeschichten, und … »Wieso tust du das? Wieso tust du das für mich?«

Pepper kaute an ihrer Unterlippe. »Es war einfach richtig. Und dann … Ich weiß nicht. Es ist eine dieser komischen Gelegenheiten, bei denen man etwas wiedergutmachen kann.« Sie hob die Schultern, wandte sich wieder dem Steuerpult zu und gab Handbefehle.

»Was meinst du damit?«, fragte Lovelace.

Eine Pause entstand, die drei Sekunden andauerte. Peppers Blick ruhte auf ihren Händen, ohne dass sie sie wahrzunehmen schien. »Du bist eine KI«, sagte sie.

»Und?«

»Und … ich bin von einer großgezogen worden.«

>> Diese Leseprobe als PDF herunterladen

 

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Becky Chambers – Zwischen zwei Sternen. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


Share:   Facebook